Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Annäherung an den Buddhismus > Moderne Adaptionen des Buddhismus > Bericht über ein Arbeitstreffen für Tibeter, die den Dharma übersetzen

Bericht über ein Arbeitstreffen für Tibeter, die den Dharma übersetzen

Alexander Berzin
Neu Delhi, Indien, 13. – 22. März 1995

Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Vom 13. bis 22. März 1995 fand im Sri Aurobindu Ashram in Neu Delhi ein Arbeitstreffen für Tibetisch-Übersetzer, die aus dem Tibetischen ins Englische übersetzen, unter der Überschrift „ Lehrwerkstatt der Methodik buddhistischer Übersetzung“ statt, damit diese ihre Fähigkeiten der schriftlichen Übersetzungen verbessern können. Das Seminar fand auf Anraten von Herrn Lhalung Lobsang Phuntshog statt und folgte seinen Richtlinien. Das Seminar wurde vom Tibet-Haus Neu Delhi unter Führung seines Direktors, des ehrenwerten L. T. Doboom Tulku, organisiert und durch einen Zuschuss der Ford-Stiftung gefördert.

Die Lehrwerkstatt wurde von sieben Teilnehmern besucht. Jeweils ein Teilnehmer kam von der „ Bibliothek Tibetischer Arbeiten und Archive“, vom der Sakya-College und aus dem „Büro für Informationen und Internationale Beziehungen“ und jeweils zwei Teilnehmer kamen vom Institut Buddhistischer Dialektik und vom Tibet-Haus. Teilnehmer vom Zentralinstitut Höherer Tibetischer Studien aus Sarnath mussten aufgrund unvorhergesehener Umstände im letzten Moment absagen. Die Tagung wurde von Thupten K. Rikey and Dr. Alexander Berzin geleitet – zwei Fachkräfte des Übersetzungsbüros der Bibliothek für Tibetische Arbeiten und Archive

Das Seminar befasste sich mit Grammatik, Stil und Terminologie der tibetischen und englischen Sprache. Die Teilnehmer übersetzten ausgewählte Passagen von Gedichten und Prosawerken und erhielten Kritik und Verbesserungsvorschläge. Die Auswahl der Verse umfasste sowohl original tibetisch Dichtung als auch Übersetzungen aus dem Sanskrit. Die Auswahl an Prosa wurde modernen politischen Biografien, klassischen Abhandlungen der buddhistischen Philosophie, Texten für die Meditationspraxis, Gebeten und historischen Erlassen entnommen. Durch tiefgehende und detaillierte Analyse der einzelnen Worte und Satzkonstruktionen der Textbeispiele, waren die Teilnehmer in der Lage, die wesentlichen problematischen Bereiche abzudecken. Sie konnten mit Techniken experimentierten, um guten Übersetzung hervorzubringen, die das tibetische Original sowohl originalgetreu wiedergegeben, als sich auch in der englischen Sprache natürlich und mit Freude lesen lassen. Die Teilnehmer bewerteten zudem auch ausgewählte Abschnitte aus Werken renommierter Tibetisch-Übersetzer, um sowohl von ihren Stärken als auch von ihren Schwächen zu lernen.

Einige der wesentlichen Punkte, die unterrichtet worden sind, waren:

  • Wie man die beiden Extreme vermeidet, entweder übermäßig wörtlich oder zu frei zu übersetzen,
  • Wann man sich an die Abfolge von Worten und die Satzstruktur des Tibetischen hält, und wann man davon abweicht, um der logischen Ordnung der englischen Sprache zu folgen,
  • Wie wichtig es ist, den Schwerpunkt des ursprünglichen Satzes beizubehalten und wie die Wortfolge der Übersetzung den Schwerpunkt beeinflusst,
  • Wie man lange, komplexe tibetische Sätze in kleinere englische Sätze unterteilt,
  • Wie man Absätze und Sätze im Englischen miteinander verbindet, um den Gedankenfluss zu erhalten,
  • Wie man Wurzel-Texte so übersetzt, dass ihre Gültigkeit für ein Vielzahl von  Kommentaren erhalten bleibt,
  • Wie man die Unbestimmtheit eines tibetischen Textes, der mehrere Deutungen zulässt, ins Englische übersetzt, ohne dass der Text dadurch seine Bedeutung verliert,
  • Richtlinien darüber, wann man der Bedeutung eines Textes zusätzliche Worte in englischer Sprache hinzufügt, um den Text besser verständlich zu machen, wie auch die Vor- und Nachteile davon, hierzu Klammern zu verwenden,
  • Wie man in tibetischen Texten, die aus dem Sanskrit übersetzt worden sind, bestimmte Sanskrit-Satzkonstruktionen übersetzt, wie zum Beispiel Relativsätze,
  • Die Bedeutung des Versmaßes beim Übersetzen poetischer Verse,
  • Die grundlegenden Prinzipien des englischen Versmaßes,
  • Die Berücksichtigung des Versmaßes, wenn man beim Übersetzen von Worten in einem Gedicht zwischen mehreren Synonymen auswählen kann,
  • Zu erwägen, was englische Worte in der saloppen Umgangssprache bedeuten, da durch die Verwendung dieser Begriffe möglicherweise das Verständnis des Lesers beeinflusst wird,
  • Die Unterschiede des Vokabulars, des Stils und der Zeichensetzung der englischen Sprache bei Briten, Amerikanern und Indern,
  • Die Notwendigkeit, mit geschlechtsspezifischen Fragen feinfühlig umzugehen und ein Pronomen der dritte Personen Singular mit „er oder sie“ zu übersetzen, und nicht nur das Pronomen „er“ zu verwenden, wenn sich das Pronomen auf beide Geschlechter beziehen kann,
  • Die Vorteile und Nachteile die sich daraus ergeben, entweder alle buddhistischen Fachbegriffe in englischer Sprache wiederzugeben, oder nur einige Begriffe im Sanskrit zu belassen oder aber einige Begriffe als eine Kombination aus englischer Sprache und Sanskrit zu übersetzen, wie zum Beispiel den Fachbegriff byang-chub-sems als „hingebungsvolles Herz“ (engl. „dedicated heart“), als Bodhicitta, oder als „hingebungsvolles Herz des Bodhicitta“ (engl. „dedicated heart of bodhichitta“) zu übersetzen,
  • Die Notwendigkeit, die Definitionen technischer Fachbegriffe zurate ziehen, wie sie von verschiedenen Autoren der verschiedenen tibetisch-buddhistischen Traditionen gegeben werden, um bei der Wahl des zu übersetzenden Fachbegriffs, so viele Definitionen wie möglich im Begriff aufzunehmen,
  • Die Notwendigkeit, bei der Übersetzung technischer Fachbegriffe flexibel zu bleiben, wie beispielsweise bei dem Begriff chos, der mehrere Bedeutung besitzt, die nicht alle durch einen einzigen englischen Begriff ausgedrückt werden können,
  • Zu vermeiden, dass mehrere buddhistische Fachbegriffe, wie zum Beispiel shes-rab und ye-shes mit nur einem englischen Begriff, wie zum Beispiel „Weisheit“ (engl. „wisdom“) übersetzt werden, so dass dann die Unterscheidung des tibetischen Originalbegriffs verloren gehen würde,
  • Die Begrenzungen von Wörterbüchern,
  • Die Notwendigkeit, feinfühlig mit den unterschiedlichen Konnotationen scheinbar äquivalenter tibetischer und englischer Wörter umzugehen, wie beispielsweise bei sems und „Geist“ (engl. „mind”), und die Erfordernis, Worte wie zum Beispiel sems, abhängig vom Kontext, entweder als „Geist“ (engl. „mind”) oder als „Herz“ (engl. „ heart”) zu übersetzen,
  • Die Notwendigkeit, einige (zusammenhängende) tibetische Worte als englische Phrasen zu übersetzen und die Erfordernis, für beide eine vollständige und eine abgekürzte Version dieser Phrasen parat zu haben, wie beispielsweise für byang-chub-sems, entweder „ein Herz, dass der vollkommene Erleuchtung gewidmet ist“ (engl. „heart dedicated to full enlightenment”) oder „ hingebungsvolles Herz“ (engl. „dedicated heart”) ,
  • Die Übersetzung eines tibetischen Begriffes so anzupassen, dass er je nach Kontext entweder in die Dichtung der Verse oder der Prosa passt, und zwar insbesondere dann, wenn die Übersetzung für die Rezitation und Meditationspraxis vorgesehen ist,
  • die Vor- und Nachteile alle Silben tibetischer Fachbegriffe zu übersetzen, wie beispielsweise bcom-ldan-’das als „Der eine, der alles überwunden und erlangt hat“ (engl. „the one who overcame and gained all”) oder den Bedeutungsumfang des ursprünglichen Sanskrit-Begriffes bhagavan als „Der Vollendete“ (engl. „the consummate one”),
  • Die Vor- und Nachteile, die es mit sich bringt, Fachbegriffe wie beispielsweise dgra-bcom-pa mit dem Ausdruck „Befreites Wesen“ (engl. „liberated being”) zu übersetzen, der eher die Bedeutung des Wortes vermittelt, als seine Etymologie,
  • Geographische Bezeichnungen in Übereinstimmung damit zu übersetzen, wie sie innerhalb der historischen Zeitspanne gebraucht worden sind, in welcher der Text verfasst worden ist, in dem dieser Begriff erscheint, z.B. beispielsweise in einem Text aus dem siebenten Jahrhundert den Begriff Ra-sa beizubehalten, anstatt ihn mit Lha-sa zu übersetzen,
  • Systeme zur Transliteration und lautlichen Umschrift von tibetischen Eigennamen,
  • die Übersetzung abgekürzter oder preisender Namen und Titel wie beispielsweise rJe Rin-po-che oder bLa-ma rDo-rje -’chang,
  • die Übersetzung poetischer Metaphern, wie zum Beispiel „Wasser-geboren“ (engl. „water-born) für „Lotus“,
  • die Bedeutung, unbeholfene Übersetzung im Computer-Stil zu vermeiden,
  • Feinheiten in Bezug auf die englische Grammatik, den englischen Stil und das englische Vokabular.

Einige Gastredner sprachen zu den Teilnehmern des Arbeitstreffens. Dr. Lokesh Chandra von der Internationalen Akademie für Indische Kultur in Neu Delhi hielt zwei Vorträge. In seinem ersten Vortrag sprach Dr. Lokesh Chandra über die Geschichte der Übersetzung, sowohl aus einem weltweiten Blickwinkel, als auch insbesondere innerhalb des tibetisch-buddhistischen Kontexts. Er erörterte einige der traditionellen Techniken, die von den alten indo-tibetischen Übersetzungsteams verwendet wurden und betonte die Notwendigkeit eines kreativen und flüssigen Ausdrucks. Er machte darauf aufmerksam, dass die tibetische Sprache, neben Sanskrit, Latein, Griechisch, Chinesisch und Arabisch, eine der sechs großen klassischen Sprachen der Welt war. Ferner wies er daraufhin, dass das Tibetische nach dem Sanskrit eine subtilere Sprache ist, als die anderen vier, wenn es darum geht man, komplexe philosophische Konzepte und Logik auszudrücken. Dieser Leitgedanke führte zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Diskussion darüber , inwieweit moderne Sprachen in der Lage sind, die Komplexität und Feinheiten des tibetischen Originals auszudrücken.

In seinem zweiten Vortrag führte Dr. Lokesh Chandra näher aus, welche Auswirkungen Übersetzungen auf den Fortschritt der Zivilisation ausüben und welche Verantwortung Übersetzern bei der Überlieferung einer Kultur obliegt. Er veranschaulichte mit Hilfe von Übersetzungsbeispielen vom Sanskrit ins Chinesische einige Techniken, mit denen kulturell spezifische Konzepte kreativ in die Ausdrucksweisen andere Gesellschaften übersetzt worden sind. Er erörterte auch die Gründe, warum die frühen Tibetisch-Übersetzer die Etymologie mit der Bedeutung in Beziehung setzten, wenn sie Übersetzungsfachbegriffe für das Mahavyutpatti-Kompendium für Sanskrit-Tibetisch-Entsprechungen prägten. Da sich die Bedeutung einiger Fachbegriffe der frühen tibetischen Stammesgesellschaft entzogen hat, konnten sie sich lediglich der Etymologie von ausgedachten Begriffen zuwenden. Da dies in den modernen Sprachen nicht der Fall ist, legt Dr. Chandra nahe, dass es zurzeit nicht notwendig ist, Begriffe etymologisch zu übersetzen.

Dr. Elliot Sperling, außerordentlicher Professor für das Studium der Tibetischen Sprache am Departement für Zentralasiatische Studien der Universität von Indiana in den Vereinigten Staaten von Amerika und derzeit Fulbright-Professor des Tibetisch-Studium an der Jawaharlal Nehru Universität in Neu Delhi hielt einen Vortrag über methodologische Probleme, die beim Übersetzen von historischen Texten in tibetischer Sprache auftreten, wie beispielsweise die Identifikation von Namen von Personen und Orten. Er sprach auch das Thema der Übersetzung von Titeln und Daten an, und betonte, dass es wichtig sei, mehrere Ausgaben jedes Textes zurate zu ziehen, um eine kritische Ausgabe zu erarbeiteten, bevor man versucht, eine Übersetzungen anzufertigen. Ferner sprach er über die Vorteile die es hat, tibetische Namen in wissenschaftlicher Transliteration (Umschreibung) ihrer Schreibweise und nicht in der phonetischen Transkription ihrer Aussprache wiederzugeben. Danach stellte Professor Sperling jedem Teilnehmer des Seminars eine von ihm vorbereitete bibliografische Liste ausgewählter Hilfsmittel für die Forschung und Übersetzung im Tibetisch-Studium zur Verfügung. Die Liste umfasste bedeutende Bibliografien, ausgewählte Wörterbücher, Chronologien, Quellen für geographische Informationen und Sammlungen von Biografien.

Dr. Satya Bhushan Verma, Professor für Japanisch am Zentrum für ostasiatische Sprachen der Jawaharlal Nehru Universität in Neu Delhi gab auf diesem Seminar ebenfalls zwei Vorträge. Der erste Vortrag behandelte die Kunst der Übersetzung. Professor Verma behandelte in dem Vortrag Themen, wie die Anpassung des Stils der Übersetzung an die Eigenart und den Stil des Originaltextes, die Absicht des Übersetzers und das Publikum, für das die Übersetzung angefertigt wird. Er behandelte auch die Frage, wie man mit ehrender Sprache und Sprichwörtern umgeht und betonte, dass es notwendig sei, in der Zielsprache natürlich zu klingen. Er erörterte wie man Doppeldeutlichkeiten und andere stilistische Schwierigkeiten in Texten übersetzt. Er betonte auch die Notwendigkeit, den gesamten Text durchzulesen, bevor man mit einer Übersetzung beginnt, um sich mit dem Stil, der Argumentationsabfolge des Textes und dem Gebrauch von technischen Fachbegriffen vertraut zu machen. Darüber hinaus hob er hervor, dass die kleinste Arbeitseinheit, an der man arbeiten sollte, der Satz ist, und nicht das einzelne Wort oder das einzelne Satzglied.

Der zweite Vortrag von Prof. Verma befasste sich mit der Übersetzung von Elementen, die für eine Kultur spezifisch sind. Er empfahl, nicht das Wort zu übersetzen, sondern die Idee hinter dem Wort. Er erläutert, dass es sich bei Wörtern nicht einfach um Wörter handelt, die man in einem Wörterbuch nachschlägt. Jedes Wort bringt eine Geschichte mit sich, die von den Erfahrungswerten einer Gesellschaft gemeinsam geteilt wird, in der sich das Wort entwickelt hat. Wenn es in eben der Gesellschaft, für die die Übersetzung dieses Wortes beabsichtigt ist, diese Erfahrungen nicht gibt, ist es um so wichtiger, dass der Übersetzer die beiden Kulturen und ihre jeweiliges Erleben gut kennt, und nicht nur die beiden Sprachen. Nur wenn der Übersetzer selbst dazu in der Lage ist, das Konzept und die Idee eines Wort zu erfahren, kann er damit beginnen, Lesern einer anderen Kultur, die Erfahrung der Bedeutung des Wortes zu vermitteln.

Herr Pema Bhum, mitverantwortlicher Leiter des Tibetischen Zentrums für Fortgeschrittene Studien am Amnye Machen Institut, erörterte Fragestellung insbesondere in Bezug auf Übersetzungen von Werken der Belletristik. Er empfahl, Situationen und Szenen die in Romanen und Geschichten beschrieben werden, zu visualisieren. Wenn sie in der Vorstellung des Übersetzers lebendig werden, kann der Übersetzer die Texte auf lebendigere Art und Weise übersetzen.

Frau Dr. Kapila Vatsyayan, der akademische Direktor des Indira Gandhi National-Zentrums für die Künste in Neu Delhi und Gründer des Zentralinstituts für Höhere Tibetische Studien in Sarnath erörterte die Wichtigkeit von Versmaß und Bedeutung, sowohl bei der Übersetzung von Dichtkunst als auch bei der Übersetzung von Prosa. Da sowohl ein großer Teil der Sanskrit-Literatur wie auch der Tibetisch-Literatur dazu gedacht war, diese auswendig zu lernen und laut zu rezitieren, muss man bei der Übersetzung der Texte in moderne Sprachen versuchen, zumindest einen Geschmack dieser Verknüpfung von Klang und Bedeutung wiederzugeben. Dr. Vatsyayan erläuterte, wie Fachbegriffe durch eine Hierarchie primärer und sekundärer Bedeutungen und abgeleiteter Begriffe konzeptuell komplex werden. Sie stellte die Frage, ob man bei einer Übersetzung die Verbindung von Worten wie Brahma, Brahmin und Brahmacharya beibehalten sollte, beziehungsweise überhaupt beibehalten kann. Sie erläuterte auch die Bedeutung des der indischen Philosophie entstammenden Konzeptes von apavada, die Akzeptanz des Prinzips der Ausnahme von Regeln. Ein Übersetzer muss wissen, was das Regelsystem ausmacht und was Ausnahmen begründet. Auf Grundlage der eigenen Erfahrungen muss der Übersetzer die Fähigkeit zur Entscheidungsfreiheit stets beibehalten, um Ausnahmen zu machen, wie zum Beispiel in der Grammatik und beim Gebrauch von Zusammenziehungen in dichterischen Texten. Ein Übersetzer sollte nicht rigide wie ein Computers sein, sondern kreativ bleiben. Dr. Vatsyayan warnte auch vor einer voreiligen Standardisierung von Übersetzungs-Fachbegriffen und Systemen phonetischer Transkription, da diese immer noch keine befriedigende Lösung bieten würden.

Dr. Geza Bethlenfalvy, Direktor des Ungarischen Zentrums für Kultur und Information in Neu Delhi und wissenschaftlicher Mitarbeiter am zentralasiatischen Departement der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest, ließ uns an den Erfahrungen der Übersetzer vom Tibetischen ins Mongolische und aus klassischen asiatischen Sprachen ins Ungarische teilhaben. Er betonte, wie notwendig es sei, dass Dichter zu Übersetzern würden und dass sie dann versuchen sollten, aus ihren Übersetzungen Gedichte zu machen. Er machte auch darauf aufmerksam, dass es von essenzielle Bedeutung sei, Texte in einer klaren Sprache mit einem Minimum an fremdartigen Fachbegriffen zu übersetzen, so dass Anfänger die Bedeutung der Texte verstehen können, es sei denn das Publikum, an das sich die Übersetzung wendet, ist bereits mit einem Großteil der Materie vertraut, wie beispielsweise im Falle der Mongolen in Bezug auf den Buddhismus, der sich dort bereits seit einigen Jahrhunderten im Land befand.

Zwei Fachkräfte des Arbeitstreffens hielten ebenfalls Vorträge vor den Teilnehmern. Dr. Alexander Berzin sprach über die Probleme von Stil und Vokabular. Er betonte die Notwendigkeit, einen Mittelweg zwischen einer zu wörtlicher Übersetzung und einer zu freien Übersetzung eines Textes zu finden. Das gilt insbesondere für die Übersetzung von Wurzel-Texten, die als ein Gerüst für die Anwendung mehrerer Kommentare dienen sollen. Er wies darauf hin, wie der Buddhismus von westlichen Praktizierenden aufgrund des Gebrauchs von Fachbegriffen in englischer Sprache missverstanden worden ist, weil die Fachbegriffe entweder irrelevante christliche Konnotationen hatten, oder eine unrichtige philosophische Bedeutung, oder unangemessene emotionale Implikationen, oder weil die Begriffe unpräzise und merkwürdig sind oder lediglich bedeutungsloser Jargon. Er ging auch auf das Thema ein, inwieweit man Sanskrit-Übersetzungen buddhistischer Texte verwenden sollte und berührte die Schwierigkeiten bei der Wahl des englischen Stils.

Thupten K. Rikey hielt einen Vortrag über die Geschichte verschiedener Stile in der religiösen und weltlichen tibetischen Literatur, wie auch über die Übersetzungsprobleme, die aufgrund der jeweiligen Literaturgattung entstehen. Er betonte die Notwendigkeit, jede Art von Stil, und sogar jeden Autor durch einen unterschiedlichen englischen Stil wiederzugeben. Wenn jeder Text, den ein Übersetzer anfertigt, im selben englischen Stil geschrieben wird, geht der Reichtum des Umfangs der Ursprungssprache verloren.

Einen Tag vor Abschluss der Konferenz wurde eine Podiumsdiskussion durchgeführt. Dr. Alexander Berzin gab einen zusammengefassten Tätigkeitsbericht über die Fortschritte, die auf dem Seminar erzielt worden sind. Daraufhin gaben Thupten Rikey, Dr. Lokesh Chandra, Dr. Satya Bhushan Verma, Dr. Kapila Vatsyayan und Dr. Geza Bethlenfalvy Stellungnahmen ab und boten Ratschläge an.

Die Fachkräfte und einige Teilnehmer machten am letzten Tag der Konferenz einige Vorschläge. Fast jeder Sprecher betonte, das es für einen Übersetzer einfacher ist, wenn er in seine Muttersprache übersetzt. Für einen Nicht-Muttersprachler ist es beinahe unmöglich, sich in einer fremden Sprache ebenso natürlich auszudrücken, wie in der eigenen. Daher wurde empfohlen, das Tibeter die des Englischen mächtig sind und etwas in diese Sprache übersetzen wollen, nicht alle Ihre Bemühungen dahingehend verwenden, dass sie eine komplett abgeschlossene englische Übersetzung selber fertig stellen. Stattdessen ist es möglicherweise besser, wenn sie sich entweder darauf konzentrieren (1) eine grobe Übersetzung ins Englische vorzubereiten und dann einem englisch-muttersprachlichen Übersetzerkollegen dabei zu helfen, die Bedeutung und Struktur zu verstehen, so dass dieser westliche Kollege die ausgefeilte Version anfertigen kann, oder (2) Texte vom Englischen ins Tibetische zu übersetzen und dabei mit einem Team englischer Muttersprachler zusammenzuarbeiten, die die Fragen zur Bedeutung und Struktur der englischen Sprache beantworten können. In Bezug auf beide Fälle wurde die Empfehlung ausgesprochen, dass Übersetzungen in gemeinsamer Bemühung von in einem Team eng zusammenarbeitender Tibeter und Westler angefertigt werden.

Es wurde daher empfohlen, dass zukünftig ein ähnliches Seminare für Tibetisch-Übersetzer abgehalten werden, die englische Texte in die tibetische Sprache übertragen. Dieser Workshop könnte sich auf die Fähigkeiten konzentrieren, die man benötigt, um folgende Textarten in die tibetische Umgangssprache zu übersetzen: (1) buddhistische Schriften, (2) Kinderbücher, (3) Nachrichten, (4) Literatur über andere Religionen, Philosophie, Psychologie und Wissenschaften und (5) Texte über Technologie.

Wenn Bücher über den Buddhismus nicht in der tibetischen Umgangssprache erhältlich sind, sondern nur in der klassischen religiösen Sprache, werden die sowohl im Exil als auch in Tibet lebenden tibetische Laienanhänger, ihrer eigene Kultur und Religion zum großen Teil unkundig bleiben. Aus diesem Umstand wird sich dann, wenn Tibet seine Unabhängigkeit erlangt, viel kulturelle Verwirrung und Entfremdung ergeben, so wie man es in der Mongolei beobachten kann. Die Lage wird sich deshalb so entwickeln, weil es unmöglich sein wird, mit den christlichen Missionaren zu konkurrieren, die mit Sicherheit Literatur über ihre Religion und Kultur in der tibetischen Umgangssprache mitbringen werden. Neben der Übersetzung buddhistischer Texte aus dem klassischen Tibetisch in die tibetische Umgangssprache, wird es sehr hilfreich sein, wichtige einführende Dharma-Bücher aus dem Englischen ins Tibetische zu übersetzen, da diese Bücher häufig einfacher zu verstehen sind. Der Aufgabe, umgangssprachliche Äquivalente für Fachbegriffe der klassischen Religionssprache zu finden, muss viel Aufmerksamkeit gewidmet werden. Wenn die Fachbegriffe der klassischen tibetischen Sprache lediglich für die umgangssprachlichen Texte ausgeborgt werden, ohne dabei zu versuchen, sie in moderne Begriffe zu übersetzen, werden viele Menschen diese Fachbegriffe nicht verstehen.

Wenn es zudem keine Fachbücher in der tibetischen Umgangssprache gibt, die über die fünfte Klasse hinausgehen, besteht im Falle der Unabhängigkeit Tibets die Gefahr, dass die Tibeter ganz natürlicherweise ihre Schulbücher in chinesischer Sprache vom Lehrplan der Schule aussondern wollen, die Schüler dann jedoch, da sie weder Englisch noch irgendeine andere Sprache sprechen, keine Bücher mehr zum Studieren haben werden. Das würde dann verheerende Folgen für das Ausbildungsniveau der Tibeter haben, wie auch für die Zukunft Tibets.

Darüber hinaus wurde die Empfehlung ausgesprochen, Methoden auszuprobieren, wie man den Mongolen helfen kann, ähnliche Übersetzungsprogramme und Übersetzungsseminare einzuführen, um die Probleme angehen zu können, denen sie gegenüberstehen und die den Herausforderungen sehr ähnlich sind, mit denen sich die Tibeter konfrontiert sehen. Auch den Mongolen fehlt es an buddhistischen Texten in der mongolischen Umgangssprache, die der Herausforderung durch die christlichen Missionare etwas entgegensetzen könnten. Zudem wollen auch sie die in ihren Schulen verwendeten Lehrbücher in russischer Sprache ausmustern.

Zum Schluss wurde empfohlen, dass Tibetisch-Chinesisch-Übersetzer aus den zweisprachig aufgewachsenen Neuankömmlingen aus Tibet rekrutiert werden, und dass ein ähnliches Seminar stattfinden könnte, um sie darin auszubilden, tibetisch-buddhistische Texte in die chinesische Umgangssprache zu übersetzen. Wenn es unter den Neuankömmlingen auch Tibeter gibt, die gleichfalls des Englischen mächtig sind, könnten sie einführende Bücher auch aus dem Englischen ins Chinesische übersetzen. Bei vielen Chinesen gibt es ein großes Interesse am tibetischen Buddhismus, da sie den tibetischen Buddhismus für eine Form des chinesischen Buddhismus halten. Je mehr authentische Bücher die Chinesen über den Buddhismus lesen können, desto mehr wird dies auch ihren eignen Geist transformieren und zur Harmonie zwischen Chinesen und Tibeter beitragen.

Die Teilnehmer, Fachkräfte und Organisatoren hatten alle das Gefühl, dass diese Übersetzungs-Lehrwerkstatt eine fruchtbare Erfahrung für alle Beteiligten war. Sie gab den Übersetzern nicht nur die Möglichkeit ihr Fachkönnen zu schärfen und zu verbessern, sondern bot den Teilnehmern auch ein Forum, um Erfahrungen und Einsichten in punkto Übersetzungen auszutauschen. Zum Abschluss schenkten die Fachkräfte und Teilnehmer dem Tibet-Haus die Übersetzung des Textes „ Acht Verse zum Geistestraining“ (tib. Blo-sbyong tshig-brgyad-ma, engl. Eight Verses for Mind-Training), den sie in gemeinschaftlicher Bemühung erarbeitet hatten.