Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Warum ich das Berzin-Archiv begonnen habe

Alexander Berzin
Morelia, Mexiko, April 2004
Übersetzung ins Deutsche: Julian Piras
Redigiert von Cornelia Krause

Es ist nun schon etwa zweieinhalb Jahren her, denke ich, seit ich mit der Website namens www.berzinarchives.com begonnen habe. Die Idee, die dahinter lag, war, dass ich mein ganzes Leben – mittlerweile 42 Jahre – dem Studieren und Praktizieren von Dharmas gewidmet habe, ich habe nichts anderes gemacht. Und Bücher habe ich geschrieben – man braucht viel, viel Zeit um ein Buch vorzubereiten – die Arbeit mit den Verlegern und all das. Und die Verteilung ist dürftig, der Verkauf ist dürftig, daher erreichten die Bücher keine große Leserschaft. Mir schien, die beste Art, eine größeres Publikum zu erreichen, wäre eine Website und damit die neuen Medien zu nutzen, die wir heutzutage als Mittel zum Lernen haben.

Ich meine, es ist wie beim Übergang von handgeschriebenem Material zu gedruckten Büchern – und nun haben wir noch eine andere Möglichkeit: zum Internet. Und damit – ich habe die interaktiven Aspekte nicht voll ausgenutzt, aber was man machen kann, ist, statt langer Bücher kleine Texte zu schreiben, die sich mit speziellen Themen befassen. Dann können die Leser mit einer Suchmaschine oder über einen Link die Inhalte weiterverfolgen, Verbindungen herstellen und sehen, wie die Dinge zusammenpassen. Das ist die neue Art zu lernen.

Das stimmt vollkommen mit dem überein, was wir brauchen, um den Dharma zu verstehen, da es so viele Teile des Dharma-Puzzles gibt, die sich auf so viele verschiedene Weisen ineinanderfügen – daher ist das Internet das perfekte Medium, denn man kann jeden beliebigen anderen Teil aufsuchen und finden und versuchen, all das miteinander zu verbinden. Es ist also sehr wichtig, sich mit der Realität dessen zu befassen, was in Zukunft mit Sicherheit zunehmen wird – die Entwicklung tendiert immer mehr in diese Richtung. Wenn wir den Dharma für zukünftige Generationen am Leben erhalten wollen, bietet diese Art von Medien viel mehr Möglichkeiten für die Darstellung – indem man das Internet nicht bloß wie eine Bibliothek benutzt – wie wenn man Bücher in ein Regal stellt – man kann viel mehr damit machen.

Als ich zurück in den Westen kam, geschah es mit dem Ziel, bessere Möglichkeiten zu finden, um so etwas zu tun – in Indien war das sehr schwierig. Ich kam zurück mit einer Fülle an Materialien aus meinem Lebenswerk: dem Berzin-Archiv, um dem Ganzen einen Namen zu geben.

Ich hatte von jeder Belehrung, die ich erhielt, ausführliche Notizen gemacht, von allen Texten, die ich studiert hatte, Rohübersetzungen erstellt und Mitschriften der verschiedenen Unterweisungen, die ich für Serkong Rinpoche, für Seine Heiligkeit den Dalai Lama übersetzt hatte, angefertigt, – alle wurden transkribiert. Dazu kommen die Kassettenaufnahmen und all die anderen Dinge, die ich übersetzt habe, sowie Kassetten meiner Unterweisungen usw. Das summiert sich auf etwa 30.000 Seiten – das ist recht viel, und es schließt noch nicht die Kassetten mit ein; die Kassetten nehmen stetig weiter zu.

Vieles ist handgeschrieben, was die Transkription nicht vereinfacht. Und die Glossare, riesige Vokabellisten, dann Computerprogramme um tibetische und westliche Daten zu konvertieren – jede Menge Material – die westlichen und tibetischen Daten, eine tibetische astrologische Tabelle zu erstellen, all sowas … Die vier Traditionen des tibetischen Buddhismus und verschiedene Aspekte der tibetischen Kultur: nicht nur des Buddhismus, sondern auch der Geschichte, Astrologie, Meditation, Medizin. Ich habe 1.200 Bücher und Artikel gelesen und äußerst detaillierte Notizen darüber angefertigt: über zentralasiatische Geschichte und buddhistische Geschichte in Tibet, in Zentralasien und der Mongolei, auf Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch – das Russische hat jemand anderes für mich gemacht, ich kann kein Russisch lesen. Es hat mich viel Mühe gekostet, die Texte auf der ganzen Welt zu finden. Oder die Interviews, die ich mit Gelehrten in der Türkei, Jordanien oder Ägypten geführt habe, all das, in Zentralasien, Usbekistan usw. Wenn nichts mit diesem Material gemacht wird, dann wird es sich, wenn ich sterbe, alsbald in Müll verwandeln und weggeworfen werden. Ich wollte nicht, dass das geschieht.

Ich hatte das unglaubliche Glück und Privileg, von den allerbesten Meistern zu lernen – ich meine nicht nur ganz gewöhnlichen Geshes oder so – sondern von den Besten der Besten: Seine Heiligkeit und die Lehrer Seiner Heiligkeit. Das Material, das ich gesammelt habe, ist daher sehr kostbar, wissen Sie, persönliche Frage-und-Antwort-Sitzungen mit Seiner Heiligkeit und dergleichen mehr.

Dieses Material möchte ich bewahren und verfügbar machen. Natürlich kann ich das in diesem einen Leben nicht vollenden, aber zumindest so weit wie möglich, und ich kann die Mechanismen in Gang setzten, damit es fortgesetzt wird. Und was das betrifft, möchte ich ganz sicher nicht anglozentrisch sein, daher möchte ich die Informationen so weit wie möglich in anderen Sprachen zugänglich machen, auf Russisch, Polnisch, Mongolisch, Chinesisch – es handelt sich also um ein riesiges Projekt.

Leider habe ich die missliche Tendenz, mich nicht gerne zurückzuwenden und mit dem alten Material zu arbeiten, da mein Verständnis sich ständig weiterbildet, verändert, wächst. Ich denke nämlich, dass einer der wichtigsten Beiträge, die das westliche Denken, der westliche Geist, leisten kann, im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Kommentarliteratur besteht – ich meine, wenn wir die gesamte historische Entwicklung des Buddhismus betrachten und wie das westliche Denken dazu beitragen kann, diese Entwicklung fortzusetzen.

Die Sutras sind überaus ungeordnet. Es handelt sich grundsätzlich um Reden, die Buddha vor verschiedenen Menschen in ihren Häusern hielt – wo er zum Mittagessen eingeladen worden war – , oder um einige öffentliche Reden auf völlig unterschiedlichem Niveaus sowie Erklärungen aus ganz verschiedenen Blickwinkeln für die Menschen, die beim Mittagessen zugegen waren.

In den indischen Kommentaren wurde dies zusammengefügt und es wurden jeweils spezielle Themen besprochen, etwa die Leerheit, die Stadien im Verlauf der Entwicklung auf dem Pfad usw. Dann fügten die Tibeter diesen Kommentaren detaillierte Gliederungen hinzu, um den Umgang mit den indischen Texten zu erleichtern und das Lernen zu vereinfachen. Und jede Generation versuchte die ursprünglichen Worte zu erklären. Insbesondere die indischen Kommentare sind voller verborgener Bedeutungen und können aus vielen verschiedenen Blickwinkeln ergänzt werden.

Und nun gelangt der Buddhismus in den Westen. Was können wir beitragen? Einfach nur andere Opfersubstanzen und andere Musikinstrumente für die Pujas oder so etwas einbringen ist, wie soll ich sagen, eine oberflächliche Entwicklung. Oder all den tibetischen Geistern und Bergen und Bäumen noch eine andere Gruppe weltlicher Beschützer hinzuzufügen – ich meine, Sie können Orte wie hier in Mexiko oder Brasilien nehmen: o.k., man nimmt die lokalen Gottheiten aus den hier heimischen Religionen auch noch hinzu … – das ist ebenfalls etwas Oberflächliches, das hinzugefügt werden kann – der schamanistische Zusatz, oberflächlich.

Doch ein wahrer Beitrag, einer der echten Beiträge, die wir leisten können besteht in der westlichen Eigenart, dass wir ausgebildet sind, die Struktur zu finden, Theorie zu verstehen und eine Theorie abzuleiten, sodass wir verschiedene Systeme miteinander in Verbindung bringen können, um etwa zu sehen: Wie entwickelt sich ein bestimmtes Thema, z.B. geistiges Bezeichnen, in den Schulen der indischen Lehrsysteme? Ein westlicher Geist ist besonders geschult dafür, so etwas festzustellen. Die Tibeter hingegen nicht: Ihr Geist wird nicht auf diese Weise ausgebildet, so denken sie nicht. Die Tibeter werden darin ausgebildet, über äußerst spezielle Punkte sehr im Einzelnen zu debattieren.

Der einzige, den ich persönlich kenne und der sich dieser (westlichen) Denkweise nähert, ist Seine Heiligkeit der Dalai Lama, in seinem Versuch, eine große vereinende Theorie zu entwickeln, um zu sehen, wie die vier tibetischen Traditionen zusammenpassen, statt bloß jedes System einzeln zu beschreiben – er ist in vielerlei Hinsicht absolut einzigartig. Die Funktionsweise des Geistes Seiner Heiligkeit entspricht ebenfalls nicht einem westlichen Geist; die Art, wie Seine Heiligkeit an dieses Problem herangeht, ist also anders.

Im Westen sind wir nun im Informationszeitalter mit allen Varianten des Buddhismus aus allen asiatischen Ländern konfrontiert, in denen er sich entwickelt hat. Das alles ist verfügbar. Wie um alles in der Welt sollen wir damit klarkommen? Der westliche Geist ist auf ganz besondere Art dazu ausgebildet, dies zu bewerkstelligen, ein allgemeines Muster zu erkennen.

Und das ist unbedingt notwendig für die Zukunft, weil mehr Informationen verfügbar werden. Und wie kann jemand sich wirklich dem Buddhismus annähern und ihn praktizieren, wenn all diese im Widerstreit befindlichen Informationen verfügbar sind? Wie fügt man das alles zusammen? Dies ist also ein sehr wichtiger Beitrag, den das westliche Denken leisten muss. Oder die historische Entwicklung zu überblicken – die jahrhundertelange historische Entwicklung des Buddhismus. Dies ist ein Bereich, in dem ich gerne einen gewissen Beitrag leisten möchte. Dafür ist eine Website ein gutes Medium.

Ich bin sicher, dass Sie das Problem nachvollziehen können, wenn Sie davon ausgehen, was sich hier in Mexiko entwickelt. Es findet in viel stärkerem Maße in anderen Ländern statt, aber nun beginnt es – nun gibt es viele Dharma-Zentren zahlreicher verschiedener Traditionen sowie viele verschiedene Lehrer, die man in einigen Ihrer großen Städte aufsuchen kann. In Berlin gibt es 40 davon. Das ist für Neulinge im Buddhismus sehr verwirrend: Wo soll man hingehen? Besonders, wenn sie mehrere Zentren besuchen, verlieren sie leicht komplett den Überblick über das, was vorgeht.

Wenn Sie also bei diesem Prozess mithelfen wollen, sich im spanischen Bereich engagieren wollen, bei der Übersetzung helfen möchten usw., dann ist das nicht nur für die Menschen jetzt nützlich. Es ist vielmehr etwas... ich denke an den langfristigen Nutzen, an Ihren eigenen Aufbau positiver Kraft. Sogar nach unserem Tod wird es weiterhin Menschen nutzen. Es wird weiterhin positive Kraft für unser geistiges Kontinuum aufbauen; es lohnt sich also wirklich sehr, so etwas zu tun.

Und wie Shantideva sagte: Bevor wir uns bereit erklären, bei etwas zu helfen, ist es sehr wichtig, gut zu überprüfen: Bin ich tatsächlich dazu in der Lage, dies zu tun und werde ich imstande sein, damit fortzufahren und durchzuhalten? Nicht bloß zu sagen „Ja, ja, prima“ – begeistert zu sein und dann überhaupt (nichts) zu tun. Oder nur einige Stunden daran zu arbeiten und das war’s dann. Wenn Sie sich also als ehrenamtlicher Mitarbeiter bei Gabi melden wollen, um mitzuhelfen, denken Sie darüber nach, seien Sie wirkliche Ehrenamtliche, nicht bloß Leute, die rufen „Oh toll, ja Mensch, hey, fantastisch“.

Schon jetzt, gemäß den letzten statistischen Erhebungen im November, sahen sich täglich 350 Menschen die Website an. Es scheint also, dass sie beginnt, eine ziemlich große Anzahl an Lesern zu erreichen – jedenfalls erheblich viel mehr als irgendeines meiner Bücher.

Wenn also jemand möchte – mein Übersetzer in Berlin bereitet gerade ein neues Datenorganisationssystem für die gesamte Website vor. Gegenwärtig umfasst sie ca. 400 Artikel. Das sind etwa 10% meiner englischen Materialien. Wenn das neue Datenorganisationssystem fertig ist – was noch einige Monate dauern wird -, dann können wir die spanische Rubrik hochladen und werden hoffentlich auch eine beträchtliche Leserschaft in den Spanisch sprechenden Ländern erreichen.

Ich habe jetzt eine Weile gebraucht, dies zu erklären, aber mir scheint, dass es von Nutzen sein kann..

Für uns als buddhistische Praktizierende ist es im Zusammenhang mit dem Studium des Mahayana und dem Reinigen des Geistes sehr hilfreich, denke ich, wenn wir in unserer Herangehensweise an Studium und Praxis des Buddhismus eine gewisse Mahayana-Motivation und -Zielorientierung haben: die Dinge nicht nur für unsere persönliche Entwicklung tun, weil wir so verkorkst sind und so viele Probleme im Daseinskreislauf haben. Und es nicht auch nicht einfach dabei belassen zu sagen „gut, ich tue das für alle Lebewesen“ – was für die meisten von uns ohne Bedeutung bleibt. Die Art, wie ich es betrachte, ist, dass hier eine Möglichkeit besteht, tatsächlich viele Menschen zu erreichen und ihnen Nutzen zu bringen, und zwar nicht nur jetzt, sondern auch im Hinblick auf zukünftige Generationen gedacht. Dann können wir in diesem Zusammenhang die anfängliche Motivation des Lam-rim mit einbringen. Wenn wir in dieses Vorhaben genügend Energie stecken für unser nächstes Leben, dann entsteht eine karmische Verbindung, die so etwas wie diese Website als unsere Tür zurück zum Dharma bestimmt. Sie sagen, das ist doch etwas …, aber es ist eine Ebene der Motivation. Das ist jedenfalls die Art, wie ich darüber denke.

Wissen Sie, wie ernsthaft bereiten wir uns eigentlich auf unsere nächste Wiedergeburt vor? Und wenn uns der Dharma wirklich zusagt, welche ernsthaften Maßnahmen ergreifen wir denn, um wieder damit in Verbindung zu kommen? Das ist etwas, worüber ich nachdenke. Wir nehmen die anfängliche Reichweite der Motivation ernst – wir sollten also nicht sagen, dass das belanglos oder wertlos wäre. Wie ernst nehmen wir die anfängliche Motivation wirklich, und wie ernsthaft verspüren wir sie, so dass wir tatsächlich auf dieser Grundlage handeln?

Natürlich gibt es außer dieser Website viele anderen Arten, uns auf zukünftige Leben vorzubereiten – das ist ganz klar. Doch es ist wichtig, etwas zu tun. Wissen Sie, ich meine, man kann viel Arbeit in ein Dharma-Zentrum stecken und Situationen schaffen, in denen andere etwas lernen können – besonders, wenn man denkt: „zum Wohl aller fühlenden Wesen“, aber schließen Sie diese Motivation der anfänglichen Zielorientierung als Teil des Gebetes mit ein: „Und möge ich dazu in der Lage sein, in allen zukünftigen Leben mit dem Dharma in Verbindung zu kommen – möge ich weiterhin bei wirklich qualifizierten Meistern lernen können.“

Wie Atisha, der zu seiner Zeit jene erstaunliche Reise nach Sumatra unternahm, um wirklich qualifizierte Meister zu finden. Wenn man also Gelegenheiten schafft, wie ein Zentrum usw., sodass Andere Zugang zu authentischen Lehren gewinnen – all die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, sind nichts im Vergleich zu dem, was Atisha unternahm. Stellen Sie sich vor, wie er nach dieser unglaublichen Reise als keineswegs mehr junger Mann in jenen Tagen nach Tibet reiste und versuchte, authentische Lehren dort verfügbar zu machen, wo die Situation wirklich viel schwieriger war als hier. Und schauen Sie sich das Ergebnis seiner Bemühung an. Er ging nicht als Missionar dorthin. Und schauen Sie sich das Ergebnis an: Was er tat, bringt den Menschen immer noch Nutzen.