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Konferenz der Tulkus zum Nicht-Sektierertum
Alexander Berzin
Inoffiziell zusammengefasster Bericht der vierten nicht-sektiererischen Konferenz inkarnierter Lamas und Äbte aller tibetischen spirituellen Traditionen
Sarnath, Indien, 5. - 8.Dezember 1988
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger
Die Konferenz wurde auf Wunsch Seiner Unübertroffenen Präsenz, Seiner Heiligkeit
des Dalai Lamas, einberufen und vom
Rat für religiöse und kulturelle Angelegenheiten in Dharamsala, wie auch vom
Zentralinstitut für höhere tibetische Studien in Sarnath organisiert. Schätzungsweise 350
inkarnierte Lamas (Tulkus) und Äbte der fünf tibetischen spirituellen Traditionen – der Nyingma,
Sakya-, Kagyü-, Gelug-Schule und der Bön-Tradition – haben an der Konferenz teilgenommen. Einige
auswärtige Beobachter waren ebenfalls eingeladen. Auf dem Programm stand die Diskussion über die
Zukunft der tibetischen spirituellen Traditionen auf dem indischen Subkontinent, in Tibet und im
Ausland, wie auch die Diskussion über die Beziehung zur Wissenschaften und zu fremden
Religionen.
Das Hauptthema der Konferenz war der Erhalt aller tibetischen spirituellen
Traditionen, Linien und kulturellen Aspekte, ohne dabei sektiererische Unterscheidungen zu treffen,
und zwar insbesondere in Hinblick auf die Zukunft Tibets. Die Versammlung bestärkte einstimmig die
Führungsrolle Seiner Unübertroffenen Präsenz, Seiner Heiligkeit des Dalai Lamas, und bat ihn,
weiterhin als Oberhaupt zu fungieren und auch weiterhin die Verantwortung für das Wohl aller
Tibeter zu tragen, insbesondere in Bezug auf die politischen Verhandlungen mit der Volksrepublik
China.
Von etlichen Delegierten wurden zahlreiche Vorschläge eingebracht, die dann auf
drei großen Treffen und in zwei Arbeitssitzungen von sechs kleineren Gruppen vorgestellt wurden. Es
wurden unter anderem folgende Vorschläge gemacht:
- Die Bemühungen und Ressourcen aller Beteiligten müssen vereint werden, um diejenigen Linien
oder kulturellen Aspekte zu erhalten, die am meisten der Gefahr unterliegen, verloren zu
gehen.
- Es bedarf eines gemeinsamen Fundus an Gebeten, die aus solchen Texten ausgewählt werden
sollten, die aus indischen Quell-Texten übersetzt worden sind. Alle buddhistischen Klöster aller
Traditionen, wie auch alle ausländischen Dharma-Zentren benötigen diese Auswahl an Gebeten, so dass
bei ihnen untereinander ein Gefühl der Einheit dafür entsteht, dass sie alle Buddhisten sind.
Zusätzlich hierzu würden alle ihre eigenen besonderen Rituale haben.
- Es ist weniger wichtig, äußere Entwicklung kunstvoll verzierter Tempel und Gebäude zu betonten
, sondern mehr die innere Entwicklung der Praktizierenden
- Die klösterlichen Regeln müssen besser eingehalten werden. Zudem ist es notwendig, dass es
unterschiedliche Arten von Roben für diejenigen gibt, die unterschiedlicher Grade von Gelübden
einhalten, so dass zum Beispiel verheiratete Lamas, die die Laien-Gelübden einhalten, nicht die
Roben zölibatär lebender Mönche tragen.
- Die Ausbildung in Buddhismus, Bön und Aspekten der tibetischen Kultur bedarf nicht nur bei den
klösterlich lebenden Mönche und Nonnen einer stärkeren Betonung, sondern auch bei den
Laien-Praktizierenden der tibetischen Gemeinschaft.
- Es ist notwendig ebenso viel Energie in die Dharma-Ausbildung und die Dharma-Unterweisungen in
Tibet selbst aufzuwenden, wie dies im Ausland getan worden ist. Die besten Lehrer sollten nicht ins
Ausland gesendet werden; vielmehr ist es notwendig, dass sie ihr Hauptaugenmerk darauf richten, in
den Klöstern in Indien, Nepal und Bhutan zu unterrichten, um so die Zukunft des Buddhismus und der
Bön-Religion sicherzustellen.
- Die Entsendungen und die Reiseaktivitäten von Lamas ins Ausland bedürfen einer besseren
Steuerung. Das kann vielleicht unter Aufsicht des Rats für religiöse und kulturelle Angelegenheiten
erfolgen. Im Ausland müssen die wesentlichen grundlegenden Belehrungen stärker betont werden. Zudem
bedarf einer bessern Kontrolle und einer größere Zurückhaltung darin, Menschen fortgeschrittene
tantrische Initiation und Unterweisungen zu geben, auf die sie noch nicht vorbereitet sind.
- Bildung ist die effektivste Maßnahme, um Uneinigkeit stiftendes Sektierertum zu verhindern.
Ebenso wie es Austauschprogramme zwischen buddhistischen und christlichen Klöstern gegeben hat, ist
es daher notwendig, einen ähnlich gearteten Austausch zwischen den Mönchen und Nonnen der fünf
tibetischen Traditionen zu schaffen.
- Die Bön-Tradition bedarf einer verstärkten Forschung und erhöhter Aufmerksamkeit, um die
Altertümlichkeit und Einzigartigkeit der tibetischen Zivilisation zu ermitteln. Das wird auch dazu
beitragen, den Versuchen der Chinesen etwas entgegenzusetzen, die die tibetische Zivilisation so
darstellen, als sei sie lediglich ein Ableger der chinesischen Kultur, der sich lediglich einige
Aspekte der indischen Kultur ausgeborgt hat.
- Bemühungen sind notwendig, die Tradition der tibetischen Literatur zu erhalten und den Standard
des Gebrauchs der tibetischen Sprache zu verbessern.
- Einfache Bücher über die Wissenschaften, über andere Religionen und fremde philosophische
Systeme müssen ins Tibetische übersetzt werden und in den Klöstern und Laien-Schulen gelehrt
werden, um so eine Grundlage für einen Dialog mit modernen, für Tibeter fremdartigen Ideen zu
schaffen.
- Es ist notwendig der Schulung der Mönche und Nonnen in den Klöstern eine moderne Ausbildung
hinzuzufügen.
- Die vier Edlen Wahrheiten und die zwei Wahrheiten bilden die Essenz der Lehre des Buddha,
wohingegen die Schriften - unter Verwendung von geschickten Mitteln - eine physikalische
Beschreibung des Universums lehren, die sich im Einklang mit den im alten Indien vorherrschenden
Ansichten befindet. Daher müssen Schritte eingeleitet werden, um zu untersuchen, wie die Lehre des
Buddha im Einklang mit den neuzeitlichen Wissenschaftstheorien und den zeitgemäßen Theorien der
Geographie dargestellt werden kann, wobei man allerdings bedenken muss, dass sich die gegenwärtig
aufrecht gehaltenen Theorien, in Zukunft möglicherweise verändern werden.
Die Teilnehmer haben zahlreiche weitere Vorschläge vorgebracht, die man
zusammenstellen wird. Obwohl es keine offizielle Erklärung von Seiten der Konferenz gab, werden
nach und nach Schritte eingeleitet werden, um einige dieser Vorschläge zu implementieren.
Alle Teilnehmer stimmten darin überein, dass diese Konferenz ein historisches
Ereignis war. Obwohl es die vierte nicht-sektiererische Konferenz aller tibetischen spirituellen
Traditionen war, ist diese Konferenz mit Sicherheit die größte gewesen. Es bleibt zu hoffen, dass
es solche Konferenzen zukünftig regelmäßig geben wird, wobei möglicherweise das nächste Mal auch
Tulkus aus Tibet eingeladen werden. In der Zwischenzeit werden Komitees mit Repräsentanten aus
jeder der tibetischen spirituellen Traditionen gebildet, die - ganz im Geist der
nicht-sektiererischen Zusammenarbeit – weiter an den Anregungen arbeiten werden.
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