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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Begriffserklärung verschiedener Ausdrücke
im tibetischen Buddhismus

Alexander Berzin
Viganella, Italien, 1991

Ursprünglich veröffentlicht unter
"Begriffserklärung verschiedener Ausdrücke im tibetischen Buddhismus."
Übers. Susanne Schatz. Teile 1-3. Bodhicitta (Viganella, Italy),
no. 6 (1995); no. 7 (1996); no. 9 (1998).

Das Problem mit den Worten

Wenn wir beginnen, uns mit dem Buddhismus zu beschäftigen, begegnen uns jede Menge Fachausdrücke, entweder in Sanskrit oder in europäischen Sprachen, die manchmal bedeutungslos für uns sind. Und auch wenn sie eine Bedeutung haben, ist diese nicht immer wirklich korrekt. So sind uns Dinge oft nicht klar und wir bekommen seltsame Vorstellungen davon, was der Buddhismus aussagt. Wir werden also über einige dieser Begriffe sprechen.

Das große Problem, denke ich, kommt von der Tatsache, dass die frühen Übersetzer, diejenigen, die zuerst mit dem Buddhismus in Kontakt kamen, oft von einem missionarischen Hintergrund kamen, oder sie kamen aus der viktorianischen Zeit. So haben viele der Wörter, die sie zum Übersetzen benutzen, einen sehr starken christlichen Beigeschmack oder sind äußerst moralisch. Und natürlich ist das in jeder unserer Sprachen unterschiedlich. Einige englische Wörter bereiten jede Menge Probleme und ihr deutsches Gegenstück nicht und umgekehrt. Ich werde also vom Englischen sprechen, aber ich bin mir bewusst, dass es im Deutschen anders sein kann.

Zuflucht und die drei Juwelen

So wollen wir also beginnen und ich schlage vor, wir beginnen gleich mal mit dem Wort Buddhist. Was ist ein Buddhist? Ein Buddhist ist jemand der innerhalb lebt. Innerhalb bedeutet hier, innerhalb der Eingrenzung, Zuflucht zu haben. So ist also die Unterscheidung zwischen einem Buddhisten und einem Nichtbuddhisten die Zuflucht, englisch „refuge“. Zuflucht ist also etwas sehr Wichtiges. Unglücklicherweise hat das Wort Zuflucht im Englischen so gut wie keine Bedeutung. Wenn ich zu meiner Mutter sage: “ Mutter, warum nimmst du nicht Zuflucht?” vermittelt das überhaupt nichts. Wenn das Wort überhaupt eine Bedeutung hat, dann eine sehr passive. Wir brauchen es für „wildlife refuge“ (Wildreservat), ein Ort wohin die Tiere gehen können, und sie sind sicher. Man muss nichts tun. Aber im Buddhismus ist mit „refuge/Zuflucht“ etwas sehr Aktives gemeint, es hat nicht diese Art von passiver Bedeutung.

Es bedeutet, eine zuverlässige Ausrichtung im Leben zu haben. Wir geben unserem Leben eine bestimmte Richtung und dadurch, dass wir in diese Richtung gehen, werden wir fähig, uns vor Schwierigkeiten zu schützen. Wenn wir also zum Buddha Zuflucht nehmen, heißt das nicht, dass wir sagen: “O Buddha, Buddha rette mich!” und Buddha legt uns seine Hand auf den Kopf und wir sind gerettet, sondern die Buddhas zeigen uns die Richtung, in die wir gehen, aber gehen müssen wir selbst. So nehmen wir also Zuflucht, und jetzt ist die Frage, wozu nehmen wir Zuflucht, woher nehmen wir unsere Richtung?

Unsere Richtung ist das, was die drei Juwelen genannt wird. Dies bedeutet wörtlich seltene und kostbare Dinge. Was selten und kostbar ist, ist Buddha, Dharma und Sangha. Buddhas sind keine Götter. In Sanskrit meint das Wort Buddha jemanden, der völlig erwacht ist und im Tibetischen jemanden, der sich gereinigt hat von allen Begrenzungen und Problemen. Es ist jemand, der sich entwickelt hat, so dass er sein ganzes Potential ausgeschöpft hat, und alle Energien sind darauf ausgerichtet, anderen zu helfen. Das ist so wie vom Schlaf erwacht zu sein: alle Energien sind nach außen, auf die Anderen gerichtet. Soviel zu den Buddhas. Jeder kann ein Buddha werden, es gibt nicht nur einen.

Dann kommt das Dharma, was soviel bedeutet wie eine vorbeugende Maßnahme, etwas, das wir anwenden, um Schwierigkeiten vorzubeugen oder zu verhindern. So entwickeln wir zum Beispiel Liebe oder ein Verständnis der Realität. Das alles hält uns davon ab, für uns und andere Probleme zu verursachen. Das letztendliche Dharma ist das, was die Buddhas erreicht haben. Was sie verwirklicht haben, ist die höchste Vorbeugungsmaßnahme. Die höchste Vorbeugungsmaßnahme ist, dass sie erleuchtet wurden. Erleuchtung heißt nicht, dass ein Licht anging, dass es hell wurde. Es heißt, dass sie Buddhas wurden, dass sie all ihre Begrenzungen überwunden haben und ihr ganzes Potential entfaltet haben, um allen am besten helfen zu können. Sie haben all ihre Probleme völlig beseitigt und alle Pfade verwirklicht. Das ist also das eigentliche Dharma, auf das wir uns ausrichten, es ist diese Art von Vollendung. Wir möchten dasselbe schaffen: unsere Begrenzungen überwinden, unser Potential verwirklichen. Je mehr wir in diese Richtung gehen, je mehr wir an uns selbst arbeiten, umso mehr schützen wir uns selbst davor, in Probleme zu geraten. Das Dharma wird durch die Texte, durch Bücher dargestellt, denn Buddha lehrte, wie diese Vorbeugungsmaßnahmen anzuwenden sind, und seine Lehren wurden in Büchern niedergeschrieben. Wir richten uns also auf das aus, was die Buddhas erreicht haben und auch auf ihre Anweisungen, wie es zu erreichen ist.

Dann haben wir den Sangha. Sangha bedeutet nicht die Versammlung der Leute, die zur Kirche gehen. Wir Westler neigen dazu, das Wort in diesem Sinn zu gebrauchen. Wir können sicher unter den Leuten, die in die Dharmazentren kommen, viele gestörte und verrückte Leute finden, und wenn wir denken, dass das der Sangha ist und wir sollen dazu Zuflucht nehmen, wird das sehr seltsam. Hier bedeutet Sangha eine Gemeinschaft von hochrealisierten Praktizierenden. Im Sanskrit ist es Gemeinschaft, wörtlich eine Ansammlung und zwar nicht so sehr von Menschen, sondern es meint diejenigen, die alle Verwirklichungen in sich selbst zusammengebracht haben. Im Tibetischen ist die Bedeutung: Diejenigen, die danach streben ein positives Ziel zu erreichen, entweder Befreiung oder Erleuchtung. Wir sprechen also von denjenigen, die eine direkte Einsicht in die Leerheit haben, jenseits der Begriffsebene. Diese werden Aryas genannt. Arya wird gewöhnlich mit Edler/Edle übersetzt. Das hat aber nichts mit Aristokratie zu tun. Es bezeichnet hochrealisierte Wesen, Aryas, die diese direkte Einsicht in die Leerheit haben. Das ist also der wirkliche Sangha. Es müssen nicht unbedingt Mönche oder Nonnen sein, sie können auch Laien sein, aber der Sangha wird durch Mönche und Nonnen dargestellt. Wir bekommen unsere Richtung also besonders von denen gezeigt, die Aryas sind, von denen, die offensichtlich auf das Ziel hinarbeiten. Dies ist also unsere Richtung im Leben.

Segen, Karma und der Lama

Das, was wir von den Buddhas bekommen können, was uns hilft in diese Richtung zu gehen, wird oft als Segen übersetzt. Das ist auch wieder eine unzureichende Übersetzung. Es bedeutet vielmehr „ Inspiration“. Die Buddhas können uns durch das, was sie verwirklicht haben, und durch ihre Lehren dazu inspirieren, dasselbe auch zu erreichen. Aber manchmal glauben wir, wenn wir zu den Buddhas oder zu Tara beten, dann beantworten sie unsere Gebete. So ist es nicht, das kommt von einer anderen Religion.

Es gab einmal einen Mann, der betete immer zu Gott: „Gott hilf mir, Gott hilf mir.“ Schließlich antwortete ihm Gott und fragte: „Was willst du?“ Und der Mann sagte: „Ich will im Lotto gewinnen.“ Gott sagte: “Okay” Der Mann also wartete und wartete und nichts geschah. Er wurde sehr niedergeschlagen und betete: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Schließlich antwortete Gott ihm wieder und sagte: „Idiot, kaufe ein Lotterielos!“ So können wir nicht erwarten, dass die Buddhas alles für uns tun können. Wir müssen ein Lotterielos kaufen, müssen von uns aus etwas tun. Wir sollten im Buddhismus keine Wunder erwarten. Er ist ein sehr aktiver Weg, dem wir selbst folgen müssen. Die Buddhas können uns nur die Beschaffenheit der Realität lehren, aber sie können sie nicht für uns verstehen, das müssen wir selbst tun. Von den Buddhas können wir Inspiration bekommen, die uns aufklären und weiterbringen kann.

Manchmal begegnen wir verschiedenen Heilungspraktiken und wir können uns fragen, wie so etwas wirkt. Hier haben wir mit Karma zu tun. Karma heißt nicht Schicksal oder Bestimmung. Es dreht sich nicht um den Willen Gottes, das ist der Islam, nicht der Buddhismus. Es geht hier vielmehr um einen Impuls und zwar den Energieimpuls, mit dem wir Dinge tun oder denken. Wenn wir damit etwas tun, hinterlässt das eine bestimmte, sehr subtile Energie, die in die Zukunft weitergeht. Wenn jetzt bestimmte Umstände zusammenkommen, entsteht aus dem Potential und dieser subtilen Energie ein neuer Impuls. Es ist der Impuls, etwas Ähnliches wie zuvor zu tun oder zu sagen oder in eine Situation zu geraten, in der etwas, was wir mit anderen gemacht haben, auf ähnliche Weise uns selbst passiert.

Wenn wir zum Beispiel Zigaretten rauchen wird dadurch ein neuer Impuls entstehen, wieder eine Zigarette zu rauchen, und auch der Impuls für unseren Körper, Krebs zu entwickeln. Wenn wir sehr grausam zu anderen sind, entstehen Impulse, weiterhin sadistisch zu sein, andere zu verletzen, und auch Impulse, in Situationen zu geraten, in denen jemand uns verletzt. Wir haben jetzt also einen Impuls, nehmen wir mal an, wir verletzen die Lebenskraft anderer, indem wir sie schlagen, grausam sind oder töten. Dann entsteht in uns der Impuls, krank zu werden, unsere eigene Lebenskraft ist geschwächt. Es können jetzt aus verschieden tief liegenden Ebenen verschiedene Impulse in uns vorhanden sein. Etwas, das sehr an der Oberfläche war, wie krank zu werden, wurde reif. Wir können auch einen anderen, sehr tief liegenden Impuls in uns haben, geheilt zu werden. Der wäre das Ergebnis davon, dass wir anderen geholfen haben, kranke Menschen gepflegt haben. Aber dieser Impuls ist nicht stark genug, um an die Oberfläche zu kommen und von selbst zu reifen.

Wenn wir zu einem Lama, einem Lehrer gehen, einem großen spirituellen Meister, einem Heiler, kann er die Umstände schaffen, damit dieses tiefere Karma jetzt an die Oberfläche kommen und reifen kann. So können wir geheilt werden. Es ist nicht so, dass der Lama Magie anwendet, sondern er sorgt nur für die Umstände, damit unser eigenes tieferes Karma reifen kann. Und wenn wir dieses Karma nicht haben, würde es auch nichts nützen, wenn Buddha Shakyamuni selbst für uns beten würde. Oft geht es um so etwas, wenn wir das Wort Segen hören. Es geht nicht um Segen in einem mystischen oder magischen Sinn.

Dies alles führt uns jetzt zu der Frage: “Was ist ein Lama?” Lama hat furchtbar viele Bedeutungen, die wir nicht miteinander verwechseln sollten. Die Hauptbedeutung des Wortes Lama entspricht dem Sanskritwort Guru, das ist ein hochrealisierter Lehrer. Meistens wird es für einen wirklich wiedergeborenen Lama verwendet, im tibetischen: Tulku. Das ist jemand, der den Punkt erreicht hat, an dem er seine Wiedergeburten steuern kann. Doch das heißt nicht, dass so jemand ein Buddha ist. Man muss kein Buddha sein, um mit einer Tulku-Linie anzufangen. Man muss nicht einmal ein Arya sein, das heißt eine direkte, begriffsfreie Wahrnehmung der Leerheit haben. Was man sein muss, ist ein Bodhisattva, völlig von dem Wunsch durchdrungen, Buddha zu werden, um allen helfen zu können. Und man braucht eine gute Beherrschung der Ebene von Tantra-Praxis, die diese Art von Visualisationen beinhaltet, wie wir sie machen, allerdings auf einer komplizierteren Ebene, als die meisten von uns sie ausführen. Von dem Punkt an, wo wir diese Ebene erreicht haben, bis zur Buddhaschaft, haben wir eine Tulku-Linie. Nicht alle Tulkus sind auf der Ebene Seiner Heiligkeit des Karmapa. Es gibt auch weniger entwickelte Tulkus. Tulkus werden mit dem Titel Rinpoche bezeichnet. „Rinpoche“ bedeutet „der Kostbare“. Dieser Titel wird nicht nur Tulkus gegeben, sondern auch Äbten von Klöstern oder zur Ruhe gesetzten Äbten und manchmal nennt jemand seinen eigenen Lehrer Rinpoche als ein Zeichen von Respekt. Jemand anders würde ihn vielleicht nicht als Rinpoche bezeichnen, nur seine eigenen Schüler.

Meistens, wenn Tibeter das Wort Lama benutzen, meinen sie damit die Rinpoches, diese hochrealisierten Lehrer. In manchen abgelegenen Gegenden, zum Beispiel Ladakh und anderen Regionen, gebrauchen manche Leute das Wort Lama für irgendwelche Mönche. Das heißt natürlich nicht, dass jeder, der Roben trägt, ein großer Lehrer ist. Das ist sicherlich nicht so. In manchen Traditionen, wie in der Nyingma- und der Kagyü-Tradition, bekommt jemand auch den Titel Lama, wenn er ein Dreijahresretreat gemacht hat. Sie müssen nicht Mönch oder Nonne sein. Hier hat das Wort Lama eine andere Bedeutung. Es bezeichnet mehr einen Ritualmeister. Es sind Leute, die ein Dreijahresretreat gemacht haben, das heißt, sie haben die grundlegenden Rituale der Linie gelernt und können Dörfer und Plätze auf dem Land besuchen und dort Rituale und Pujas und so weiter für die Leute durchführen. Sie sind vielleicht in der Lage, zu lehren und grundlegende Instruktionen zu geben. Doch diese Lamas sind natürlich auf einer ganz anderen Ebene als die großen Lehrer, zum Beispiel Kalu Rinpoche oder Gendün Rinpoche.

Hingabe an den Guru und den Guru als Buddha sehen

Wenn wir jetzt darüber sprechen, woher wir unsere Richtung bekommen, heißt es oft, wir bekommen unsere Richtung vom Lama oder Guru, Buddha, Dharma und Sangha. Hier meint Lama oder Guru die zuerst genannten, die sehr hochrealisierten Lehrer, nicht einfach irgendeinen Mönch, oder irgendjemanden, der ein Dreijahresretreat gemacht hat.

Jetzt hören wir ja oft das Wort Hingabe zum Guru. Das ist eine sehr unglückliche Übersetzung. Ich kenne das deutsche Wort nicht, aber im Englischen bedeutet „devotion“ (Ergebenheit, Hingabe, völlig dumm zu werden. „O Lama, Lama, sag mir was ich tun soll!“) So wie ein kleines Hündchen ist man dem Meister treu ergeben und wartet darauf, dass der Meister einem den Kopf tätschelt und dann wedelt man mit dem Schwanz. „Hingabe“ bedeutet nicht, dass man zum Sklaven wird oder alle Verantwortung für sein Leben und seine Entscheidungen im Leben abgibt.

Das Wort, dass ich im Englischen lieber verwende, ist „wholehearted commitment“ – eine Bindung mit ganzem Herzen eingehen. Man gibt dem Lama aufrichtig sein ganzes Herz. Es ist aber nicht so, dass wir uns in den Lehrer verlieben. Es ist so, dass wir mit ganzem Herzen eine Beziehung, eine Verbindung eingehen, wie zum Beispiel bei einer Heirat. Es ist eine starke Entscheidung, die wir mit ganzem Herzen fällen: Dass wir uns auf diese Person verlassen, um Erleuchtung zu erreichen. Der Lehrer hilft uns dann, auf uns selbst zu vertrauen. Das Ziel ist, selbständig, nicht Sklave zu werden. Das klassische Beispiel handelt von Buddha in einem seiner früheren Leben. Er lernte bei einem Lehrer, der eines Tages allen seinen Schülern sagte, sie sollten gehen und für ihn etwas stehlen. Alle Schüler gingen aus und stahlen etwas, nur Buddha blieb in seinem Zimmer. Der Lehrer kam zu ihm und sagte: „Warum gehst Du nicht und stiehlst etwas für mich? Willst Du mich nicht glücklich machen?“ Buddha antwortete: „Wie kann Stehlen jemanden glücklich machen?“ Da antwortete der Lehrer: „Aha, du bist der Einzige, der die Lektion verstanden hat!“

Es geht also nicht darum, dass wir nur blind alles machen, was der Lehrer sagt. Wir sollen lernen, unseren eigenen Verstand zu gebrauchen. Mein eigener Hauptlehrer war Serkong Rinpoche. Als er einmal in Frankreich lehrte, übersetzte ich für ihn. Er erklärte etwas völlig falsch, es war haarsträubend. Alle saßen bloß da und schrieben hingebungsvoll in ihre Notizbücher. Dann, in der nächsten Sitzung sagte Rinpoche: „Was ich das letzte Mal gesagt habe, war völliger Blödsinn, lächerlich. Denkt ihr eigentlich gar nicht nach? Fragt Ihr nicht? Lehrer versprechen sich manchmal, Übersetzer machen Fehler, wir selbst können beim Mitschreiben Fehler machen. Wir sollten das immer wieder überprüfen und wenn etwas sich nicht richtig anhört, fragen.“

Wie sieht nun diese Verpflichtung aus, die wir unserem Lehrer gegenüber eingehen? Es ist die Verpflichtung, ihn wie einen Buddha zu sehen. Das heißt jetzt nicht, dass wir ihn vergöttern. Es geht hier nicht um diesen Trip. Es geht nicht darum, ihm die Füße zu küssen, das interessiert uns nicht. Wenn ich diese Entscheidung treffe, heißt das eher, dass ich, was immer der Lehrer tut, als Mittel betrachte, durch das er mich lehrt, als Gelegenheit, etwas zu lernen. Es kommt nicht darauf an, was der Lehrer von seiner Seite aus denkt. Aber wenn er etwas tut, frage ich: „Was kann ich daraus lernen?“ Wir denken nicht darüber nach, ob er negativ handelt, wir fragen uns, was wir daraus lernen können. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir niemals auf den Lehrer ärgerlich werden, wir lassen immer diese Lernerfahrung in der Beziehung zu. Das ist natürlich manchmal sehr schwierig. Serkong Rinpoche bildete mich als Übersetzer aus. Während ich mit ihm zusammen war, konnte es jederzeit sein, tags oder nachts, , dass er mich fragte: „Was habe ich gerade gesagt?“ und ich musste es wiederholen. Wenn ich nicht diese Art von Verpflichtung in der Beziehung eingegangen wäre, hätte ich sehr ärgerlich werden können.

Die Vereinbarung ist, dass ich mich nicht ärgere, weil ich mich dafür geöffnet habe, 24 Stunden am Tag trainiert zu werden, egal in welcher Situation. So war es mit Marpa und Milarepa. Milarepa wurde nicht ärgerlich auf Marpa, weil der ihm sagte, er solle den Turm wieder einreißen, den er gerade erst gebaut hatte. Offensichtlich musste es einen Grund geben, warum Marpa das sagte. Das bedeutet die Entscheidung, den Lehrer als Buddha zu sehen: Es muss einen Grund geben, er versucht, mir etwas beizubringen. Er ist nicht einfach verrückt.

Dies ist etwas, das wir nicht mit irgendjemandem, irgendeinem Lehrer machen können. Es erfordert eine gründliche Untersuchung und eine ganz besondere Beziehung, bevor wir entscheiden können, dass dies jemand ist, mit dem wir das tun können. Dies ist also etwas sehr Wichtiges. Dadurch findet man seinen Wurzellehrer. Der Wurzellehrer ist nicht unbedingt derjenige, von dem wir die meisten Unterweisungen bekommen haben, und auch nicht unbedingt der erste Lehrer, den wir haben. Es ist vielmehr so, dass der Kontakt mit ihm uns völlig dem Dharma, den Lehren zuwendet, so dass er die Wurzel zur Wachstumsentwicklung wird.

Es könnte auch jemand sein, mit dem wir wenig Kontakt hatten. Viele Leute haben S.H. den Dalai Lama oder S.H. Karmapa als Wurzellama, obwohl sie vielleicht nicht viel persönlichen Kontakt zu ihnen hatten. Aber welcher Art der Kontakt auch immer war, er war so inspirierend, dass er sie völlig den Lehren zugewendet hat. So jemanden können wir als Buddha sehen.

Das heißt nicht, ihn als Gott zu sehen, so dass wir zum Beispiel denken, dass er alles weiß, dass er alle Kräfte des Universums besitzt und ihn dann einfach nur zu verehren. Manche Leute denken so. Und wenn ein großer Lama in ein Zentrum oder eine Gemeinschaft kommt, glauben sie, dass sie die Probleme der Gemeinschaft gar nicht erwähnen müssen. Der Lama weiß ja sowieso alles und er wird uns die Antwort schon geben. So helfen wir den Lehrern nicht, uns zu helfen.

So heißt also, den Lama als Buddha zu sehen, ihn als jemanden zu betrachten, der uns lehrt, was immer er auch tut. Wenn er krank ist, lehrt er uns, wie man jemanden pflegt, der krank ist. Natürlich pflegen wir ihn. Es ist ja nicht so, dass er nur vorgibt, krank zu sein und wir ihm nicht helfen müssen.

Es ist auch wichtig zu sehen, warum wir einen Guru brauchen. Wir brauchen nicht unbedingt einen Guru, der mit uns lebt und uns die Hand hält, während wir meditieren. Aber was sehr wichtig ist, ist jemanden zu haben, der uns ein lebendiges Beispiel gibt, von dem, was wir erreichen wollen. Das sollte nicht nur theoretisch sein, etwas, das wir in Büchern gelesen haben. Wir könnten sonst sehr seltsame Vorstellungen davon entwickeln, was es heißt, ein erleuchtetes Wesen zu sein, wie es sein könnte, spirituell hoch entwickelt zu sein. Unsere Ideen könnten überhaupt nicht mit der Realität übereinstimmen.

Aber wenn wir einem hohen Lama begegnen, können wir sehen, was es wirklich heißt, mitfühlend zu sein, selbstlos zu sein, was es heißt, fähig zu sein, auf einer sehr tiefen, bedeutungsvollen Ebene zu kommunizieren. Wir können sehen, wie jemand völlig warm und liebevoll sein kann, sich um uns kümmern kann, ohne unsere altbekannten, sentimentalen Emotionen, mit denen wir meistens sehr schlampig umgehen. Wir haben immer mit Anhaftung und so weiter zu tun.

Ich denke, die meisten von uns haben Schwierigkeiten mit ihren Emotionen. Im Buddhismus ist das Ziel überhaupt nicht, frei von den Emotionen zu werden, sondern es geht darum, sauber mit unseren Emotionen umzugehen. Das können wir durch das lebendige Beispiel eines großen Lamas lernen. Deswegen brauchen wir dieses Beispiel. Es ist sehr inspirierend und verankert uns in der Realität, in der Menschlichkeit der Lehren.

[Siehe: „ Sich mit einem spirituellen Lehrer verbinden: Eine gesunde Beziehung aufbauen“ .]

Buddhanatur

Das, was uns befähigt, dem Weg zu folgen und uns zu entwickeln, ist nicht nur dieser hilfreiche Lehrer, den wir sehr dringend brauchen, es ist auch die Buddhanatur. Buddhanatur bedeutet nicht die Natur des Buddhas. Es sind vielmehr die Faktoren, die es uns erlauben, ein Buddha zu werden. Wir haben einen Geist, der uns erlaubt einmal den unbegrenzten Geist eines Buddhas zu haben. Wir haben irgendwelche Gefühle, die es uns ermöglichen, unsere Herzen zu entwickeln, so dass wir ein reines Herz und Interesse an anderen haben. Auch Tiere, sogar Insekten, haben eine Art Mutterinstinkt und sorgen für ihre Eier, für ihre Jungen. Wir haben eine gewisse Fähigkeit zu kommunizieren, die entwickelt werden kann und Energien, die einwickelt werden können.

Alles das sind Faktoren, die es uns erlauben, ein Buddha zu werden. Das ist es, was Buddhanatur bedeutet. Wenn wir also mit einem Lehrer arbeiten und die sichere Ausrichtung im Leben haben, können wir auf Grund der Buddhanatur Buddhas werden. Deshalb sollten wir die Buddhas nicht als hoch oben im Himmel betrachten und wir sind hier unten, so dass wir nicht zu ihnen in Beziehung treten können. Durch den Lehrer, den Guru, haben wir eine nahe Beziehung zu ihnen, zu dem was wir zu erreichen versuchen. Wie ich schon gesagt habe, sollten wir nicht den Guru als unfehlbar ansehen, aber selbst wenn er einen Fehler macht, sagen wir nicht, „Er ist blöd“, sondern denken: „Gut, er hat das gemacht damit ich mich entwickle.’ Auch wenn er uns sagt, wir sollen stehlen, ist das kein Fehler. Wir können nicht sagen, dass er ein schlechter Lehrer ist. Er sagt es um uns zu testen, damit wir unsere eigene Urteilsfähigkeit entwickeln können.

Tugendhafte und untugendhafte Handlungen

Wir haben ja auch über Karma gesprochen. In diesem Zusammenhang gibt es die Begriffe tugendhafte und untugendhafte Handlungen. Das sind schreckliche Worte, weil sie ein moralisches Urteil beinhalten. Wir reden dabei nicht von einer Beurteilung, davon, belohnt oder bestraft zu werden. Vielmehr geht es einfach darum, warum manche Dinge destruktiv und andere konstruktiv sind. Wir verhalten uns konstruktiv und alles klappt. Wir bauen positives Potential oder positive Kraft auf, nicht „Verdienst“. Verdienst hört sich so an, als wollten wir Punkte sammeln. Wenn wir uns destruktiv verhalten, dann ist das keine Sünde, wie es manchmal übersetzt wird. Wir können es eher Ansammlung von negativem Potential oder negativer Kraft nennen.

Verschiedene Arten der Wiedergeburt

Es gibt viele verschiedene Arten von Wiedergeburten, Lebensformen. Die Bezeichnungen, die manchmal dafür verwendet werden, können uns einige Probleme bereiten. Es wird von Himmeln und Höllen geredet und wir denken: „Hm, das habe ich doch schon mal irgendwo gehört.“ Und wir wollen lieber nichts davon hören, besonders über die Höllen.

Lieber als höhere und niedrige Bereiche verwende ich „schlimmere und bessere“ Bereiche. Und was einige der schlimmsten Bereiche betrifft, bezeichnet der Begriff als einen „freudlosen Bereich“, einen Platz wo es keinerlei Freude gibt. Das ziehe ich dem Begriff Hölle vor. Die tibetische Bezeichnung beinhaltet auch, dass es sehr, sehr schwierig ist, da herauszukommen, deshalb spreche ich statt von Höllenwesen von „den in den freudlosen Bereichen gefangenen Wesen“.

Das hilft uns, damit etwas leichter umzugehen, weil wir uns eine sehr freudlose Situation vorstellen können, in der wir gefangen sind und der wir nicht entfliehen können, wie zum Beispiel ein Konzentrationslager oder eine schlechte Ehe. Wir reden allerdings nicht über eine menschliche Situation. Es geht um einen Geisteszustand, der erfahren werden kann. Dieser Geisteszustand wird in einer anderen Art von Körper erfahren, auch wenn wir als Menschen etwas Ähnliches erleben können. Das ist so etwas wie ein übrig gebliebener Geschmack aus einem früheren Leben.

Wie ich schon gesagt habe, können wir auf diese Art damit umgehen. Aber wir sollten nicht die verschiedenen Bereiche nur auf die menschliche Erfahrung reduzieren. Das ist damit nicht gemeint. Aber das Beispiel von jemandem, der ständig geistig und körperlich gequält wird, gibt uns einen Geschmack davon, was die freudlosen Bereiche sind.

Der nächste Bereich wird normalerweise als der Bereich der hungrigen Geister übersetzt, in Sanskrit „Preta“. Der Begriff hungrige Geister ist tatsächlich aus dem Chinesischen, und hat nichts mit dem Sanskrit oder dem Tibetischen zu tun. Im Chinesischen reden wir von den Geistern der Ahnen. Wenn diese Geister nicht in einer Zeremonie oder in einem Ritual Nahrung bekommen, werden sie hungrig, und das wird in China als das Schlimmste angesehen, was jemandem passieren kann: ein hungriger Geist zu werden. Im Tibetischen ist die Bedeutung des Wortes „ein Wesen, dessen Geist völlig verkrampft ist“ . Deshalb übersetze ich es mit „verzweifelt klammernde Geister“. Sie umklammern etwas, oder versuchen etwas zu packen. Sie versuchen krampfhaft, etwas festzuhalten, verzweifelt, ihre Körper sind so angespannt, dass sie niemals etwas genießen können. Ihr Geist ist so angespannt und klammert sich an etwas, das er nicht loslassen will.

Das kommt vom Geizigsein, davon, nicht mit anderen teilen zu können. Wenn wir zum Beispiel sehr an unserem Haus hängen und es mit niemandem teilen wollen, könnten wir zum Geist werden, der in diesem Haus spukt, so dass niemand darin wohnen kann. Oder wenn wir sehr an jemandem hängen und nicht wollen, dass der-/diejenige Kontakt zu irgendjemand anderem hat, dann können wir ein Geist werden, der von der Person Besitz ergreift.

Die dritte Art der schlimmeren Wiedergeburten wird normalerweise als Tiere übersetzt. Aber manche Leute denken bei dem Begriff Tier an ihre Miezekatze oder ein süßes Häschen oder Bambi und denken: „Ach, das ist doch gar nicht so schlecht.“ Das ist die Tierwelt von Walt Disney. Der Begriff bezeichnet eher „eine Kreatur, die gebückt herumkriecht“. Wir sollten dabei also vielmehr an eine Kakerlake denken als an Bambi, an etwas, das am Boden herumkriecht und jeder, der es sieht, möchte am liebsten darauf treten. Dies ist die Bedeutung, die gemeint ist. Das ist sicher nicht die Art von Wiedergeburt, die wir haben möchten, oder?

Es ist eine Art von Existenz, die völlig ihren Instinkten folgt und keinerlei Unterscheidungsfähigkeit anwendet. Alles, was einen wütend macht, wird angebellt und gebissen, und auf alles, was einem anziehend erscheint, springt man drauf und versucht damit sexuell zu verkehren, egal was drumherum gerade vorgeht.

Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist die Fähigkeit, das Angemessene vom Unangemessenen, das Schädliche vom Hilfreichen zu unterscheiden. Wir folgen nicht blind unseren Instinkten. Und wenn jemand etwas tut, was wir nicht mögen, zeigen wir nicht unsere Zähne und knurren ihn nicht an.

Wenn es um die besseren Arten von Wiedergeburten geht, hören wir von Göttern und Himmeln. Diese Begriffe sind auch nicht sehr angemessen. Ich denke, das Wort wird besser mit „göttliche Wesen“ übersetzt. Im Englischen haben wir das Wort divine (göttlich). Es wird in der Modewelt benutzt. Man sagt: „O, Darling, was für ein göttliches Kleid du anhast, was für göttliche Leute hier sind, was für ein göttliches Essen.“ Diese Wesen sind völlig geistlos. Alles ist nur einfach sooo göttlich. Alles ist nett und schön und bequem, aber nichts passiert. Man kommt nirgendwohin.

Dann gibt es die Asuras, das ist das Sanskritwort, die „Gegengötter“. Ich nenne sie die „ Möchtegerngöttlichen“. Das sind die, welche die Vogue lesen und so sein wollen wie all die schönen Leute darin. Sie sind sehr eifersüchtig. Sie möchten gerne so sein, sind es aber nicht.

Samsara, Nirvana und Entsagung

Ein wichtiges Thema sind die Begriffe Samsara und Nirvana. Samsara ist kein Ort. Wir nennen es Existenzkreislauf, aber der Begriff sagt nicht viel aus. Es geht hier um „unkontrollierbar wiederkehrende Situationen“ oder Probleme. Wenn wir zum Beispiel sehr an jemandem hängen und uns an ihn klammem, sagen wir ständig: „Wo warst Du? Warum hast Du nicht angerufen? Warum bist Du nicht früher nach Hause gekommen?“ das regt die andere Person dann auf und sie sagt: „Gib mir mehr Raum!“ Dann werden wir noch ängstlicher und fragen noch öfter: „Wo warst Du? Warum hast Du nicht angerufen?“, bis die Beziehung schließlich zerbricht.

Dann gehen wir eine andere Beziehung ein und sind wieder unsicher und es geht wieder los mit: „ Wo warst Du? Warum hast Du nicht angerufen?“, und wieder bricht die Beziehung auseinander, wieder das Gleiche. Das ist eine unkontrollierbar wiederkehrende Situation. Es passiert immer wieder und wir haben keine Kontrolle darüber.

Es ist wie Hunger zu haben. Das ist etwas unkontrollierbar Wiederkehrendes. Egal wie viel wir gegessen haben, wir werden niemals für immer satt sein. Soviel Sex wir auch haben mögen, wir werden niemals wirklich genug haben und das bringt uns Probleme. Dies ist also die samsarische Situation.

Nirvana ist die Befreiung davon. Nirvana hat viele verschiedene Bedeutungen, aber es ist etwas ganz anderes als Erleuchtung. Es bedeutet einfach, frei zu sein von diesen unkontrollierbar wiederkehrenden Problemen.

Wenn jemand Nirvana erreicht, wird er ein Arhat, das ist etwas anderes als ein Buddha. Ein Buddha ist nicht nur frei von dieser Art von Problemen, sondern er ist frei von allen Begrenzungen und hat sein volles Potential verwirklicht, um allen am Besten helfen zu können.

Um Samsara, diese unkontrollierbar wiederkehrenden Probleme, loszuwerden, müssen wir die so genannte Entsagung entwickeln. Das ist wahrscheinlich die schlechteste Übersetzung überhaupt. Wir reden hier nicht davon, alles aufzugeben, um in einer Höhle zu leben. Der Ausdruck bezieht sich auf eine „Entschlossenheit, frei zu werden.“ Wir sind so angeekelt von diesen Problemen und dieser Kämpfe so überdrüssig, dass wir unbedingt davon loskommen wollen. Es ist der Entschluss, frei zu werden. Das bedeutet Entsagung und es ist besser, das Wort überhaupt nicht zu benutzen.

Die vier edlen Wahrheiten

Die vier edlen Wahrheiten sind die vier Tatsachen, die von einem Arya, einem hochrealisierten Wesen, als wahr angesehen werden.

Wir sprechen von der Wahrheit des Leidens und Leiden ist auch nicht das beste Wort, denn es lässt den Buddhismus als sehr pessimistisch erscheinen, so als wäre alles Leiden und schrecklich. Wenn wir zum Beispiel mit einem sehr wohlhabenden Menschen sprechen und wir sagen zu ihm, sein Leben sei voller Leiden, dann wird er wohl sehr ablehnend reagieren. Wenn wir den Begriff aber als „Probleme“ übersetzen, kann jeder zustimmen, denn wir alle haben Probleme.

Dann gibt es die wahren Ursachen für diese Probleme. Davon wird oft als Ignoranz gesprochen, auch wieder keine gute Übersetzung. Im Englischen hat das Wort ignorance den Beigeschmack von dumm und ignorant. Das deutsche Wort „Unwissenheit“ ist viel besser. Man weiß es einfach nicht. Das ist die richtige Bedeutung.

Auf Grund dieser Unwissenheit fühlen wir uns unsicher und greifen nach irgendeiner Identität. Zum Beispiel können wir uns mit einem Aspekt von uns selbst identifizieren, der tatsächlich vorhanden oder auch eingebildet ist. Jemand könnte sich damit identifizieren, die Mutter von Johannes zu sein. Das kann wahr sein, doch wenn wir eine dicke Linie darum herum malen und unsere volle Identität darauf gründen, dann müssen wir es beweisen. Manchmal haben wir Angst um unsere Identität und deshalb müssen wir immer wieder versichern, dass wir Johannes’ Mutter sind und ihm sagen, was er anziehen oder essen soll, auch wenn er vielleicht schon dreißig Jahre alt ist.

In diesem Zusammenhang entstehen viele störende Haltungen. Das Sanskritwort ist Klesha. Klesha wird manchmal als Verblendung, Befleckung übersetzt oder als „Leiden verursachende Gefühle“, „störende Gefühle“. Es geht hier nicht nur um Gefühle, es geht auch um Haltungen und „störend“ bedeutet, dass wir selbst und andere uns unwohl fühlen, wenn wir sie haben. Zum Beispiel Anhänglichkeit und Festhalten: Wir bestehen darauf, dass Johannes tut, was wir sagen, um zu beweisen, dass wir seine Mutter sind. Dann werden wir wütend, wenn er nicht tut, was wir wollen oder wir sind so engstirnig, dass wir nichts anderes sehen und hören wollen. Es interessiert uns nicht, wenn Johannes sagt, er sei jetzt dreißig Jahre alt und er wolle selbst entscheiden, was er isst. Wir wollen gar nicht zuhören, wir sind völlig blockiert.

Wir haben also diese störenden Haltungen wie Anhänglichkeit, Wut und Engstirnigkeit oder Naivität, die uns dazu bringen, impulsiv zu handeln. So entsteht Karma. Wir sagen Johannes ständig, was er tun soll. Der Impuls entsteht, und wir führen ihn aus. Das erzeugt Samsara, die unkontrollierbar wiederkehrenden Situationen einer schlechten Beziehung zum Beispiel. Das sind also die wahren Ursachen der Probleme.

Die dritte wahre Tatsache wird im Englischen oft “cessation” (Anhalten, Stillstand) genannt. Das ist ein großes Wort, das niemand benutzt. Es ist besser, hier ein einfaches Wort zu benutzen wie “stopping” – „Beendigung“. Es ist die wahre Beendigung der Probleme.

Die Art, zu dieser Beendigung zu kommen ist, einem wahren Weg zu folgen. Das ist die vierte Tatsache. Wahrer Weg bezieht sich auf den Weg des Handelns, Redens und Denkens, es ist keine Straße gemeint. Es geht um die Einsicht in Shunyata, das Sanskritwort für Leerheit. Leerheit bedeutet nicht “Nichts”, das ist das Problem mit diesem Wort, sondern “ die Abwesenheit von etwas”. Etwas fehlt, ist nicht vorhanden. Unseren Phantasien über die Art, wie wir selbst, die Welt und die anderen existieren, fehlt der Bezug zur Realität. Dass jemand ausschließlich Johannes’ Mutter ist, gibt es nicht. Jemand kann Johannes’ Mutter sein, ist es aber nicht nur.

Das ist eine Phantasie. Denn offensichtlich war diese Person nicht Johannes’ Mutter, als sie ein Baby war und wenn sie ausschließlich Johannes’ Mutter wäre, wäre sie es auch schon als Baby gewesen. Aber diese Person kann auch Ehefrau, Freundin oder Geschäftsfrau sein oder Frühstück für eine Mücke.

Es gibt viele Möglichkeiten, was wir sein können, nicht nur eine. Das ist ein Hirngespinst. Es bezieht sich nicht auf etwas Wirkliches. Wir verneinen also nicht alles, denn die Person existiert und ist wirklich Johannes’ Mutter, aber was wir verneinen ist das Verrückte, Seltsame und Eingebildete daran.

Wenn wir das verstehen können, fühlen wir uns nicht mehr unsicher. Wir gründen unsere Identität nicht darauf, zum Beispiel Mutter zu sein. Dann entstehen nicht alle diese störenden Einstellungen und verursachen Probleme. Es gibt viele Beispiele dafür, wie wir auf diese Art nach einer Identität greifen und eine dicke Linie darum herum machen und sagen: „Das bin ich!“

In Mexiko habe ich Männer erlebt, die sehr stark damit identifiziert waren, männlich zu sein. Um das zu beweisen hatten sie in den Bars und in den Läden Elektroschockmaschinen. Das war eine Maschine mit zwei Metallstücken, einer Kurbel zur Stromerzeugung und einer Skala um die Stärke der Elektrizität, zu messen. Der Mann betrinkt sich, fasst dann die beiden Metallgriffe an und bekommt einen starken, elektrischen Schlag, um zu beweisen, was für ein toller Mann er ist und wie viel Elektrizität, er vertragen kann.

Oder in Rumänien verheiraten bestimmte Männer ihre Töchter nur an jemanden, der im Gefängnis war, im Kampf mit einem Messer verwundet worden ist oder der jemanden getötet hat. Nur dann gilt er als richtiger Mann und darf die Tochter heiraten.

Daran kann man sehen, wie seltsam das alles ist. Es beweist ja sicher nicht, dass man ein Mann ist, wenn man eine Messerwunde hat oder jemanden verletzt hat, oder? Niemand existiert ausschließlich als Mann, es gibt noch viele andere Aspekte. Wenn wir von Leerheit sprechen, sprechen wir also von der Abwesenheit einer phantasierten Art zu existieren.

Sutra und Tantra

Wir werden heute noch weiter auf der Sutra-Ebene von Buddhas Lehren bleiben. Buddha hat Hinayana und Mahayana gelehrt, das bescheidene und das weite Fahrzeug. Übrigens ist Hinayana ein sehr allgemeiner Begriff, der achtzehn verschiedene Schulen beinhaltet. Eine, die heute noch existiert, ist die Theravada-Schule. Theravada wurde in Südostasien gegründet. Die Begriffe Theravada und Hinayana sind nicht gleichbedeutend. Theravada ist nur eine der Hinayana-Schulen.

Wenn wir jetzt die beiden grundlegenden Sammlungen von Lehren anschauen, sollten wir nicht denken, Hinayana wäre minderwertig. Es ist wie in dem Beispiel eines Gebäudes: Hinayana ist das Erdgeschoss und Mahayana der erste Stock. Nur weil die Lage so ist, heißt das ja nicht, dass das Erdgeschoss weniger wert ist als der erste Stock. Das Erdgeschoss ist die Basis für den ersten Stock.

Es ist fruchtbarer, die beiden Schulen, die Buddha lehrte, auf diese Weise zu betrachten. Hinayana ist die Basis und das Fundament und es ist nötig, hindurchzugehen, um das Stockwerk des Mahayana zu erreichen. Alle Lehren über Tod und Vergänglichkeit, Karma, über die verschiedenen Gelübde und ethische Selbstdisziplin, die Techniken um Konzentration zu entwickeln und die grundlegenden Lehren über Leerheit und Realität sind alle im Hinayana enthalten. Mahayana teilt das mit dem Hinayana und geht, was bestimmte Aspekte der Lehre betrifft, ein bisschen weiter.

Im Hinayana gibt es auch Meditationen über Liebe und Mitgefühl, deshalb sollten wir nicht denken, es sei selbstsüchtig und es ginge nur um einen selbst.

Mahayana geht einen Schritt weiter, indem man selbst Verantwortung dafür übernimmt, anderen zu helfen. Wenn wir also von Sutra-Lehren sprechen, meinen wir alle Hinayana-Lehren und die allgemeinen Mahayana-Lehren.

Tantra ist eine Besonderheit des Mahayana, es sind die weiter fortgeschrittenen Mahayana-Praktiken. Wir werden später über Tantra sprechen und in viele Details der Tantra-Terminologie gehen, aber lasst uns erst den Sutra-Teil beenden.

Manchmal werden die Lehren Buddhas in etwas unterteilt, das heißt Tripitaka – die drei Körbe. Sie heißen Vinaya, Sutra und Abhidharma. Vinaya enthält die grundlegenden Regeln zur Disziplin, alle Unterweisungen über die Mönchs- und Nonnengelübde, die Laiengelübde und die allgemeinen Lehren über Ethik. Sutra enthält in dieser Unterteilung die Unterweisungen über Konzentration und Meditation. Abhidharma bedeutet besondere Wissensgebiete und es beinhaltet die Belehrungen über die verschiedenen Existenzbereiche und über das Universum.

Ethik

Wenn ich hier von Ethik spreche, beinhaltet das kein moralisches Urteil, das ist sehr wichtig. Niemand sagt, dass etwas gut oder schlecht ist im Sinne von tugendhaft oder untugendhaft. Es geht nicht darum, Gott zu erfreuen oder zu enttäuschen, oder darum belohnt oder bestraft zu werden.

Ganz grundsätzlich ist etwas destruktiv, das uns und anderen schadet. Ihr kennt ja die zehn destruktiven Handlungen, und einige davon erscheinen manchmal etwas verwirrend.

Da haben wir das Töten, anderen das Leben zu nehmen. Das ist ziemlich eindeutig, leicht zu verstehen. Hier ist auch das körperliche Verletzen anderer gemeint, Tiere, also auch Insekten, eingeschlossen.

Das nächste ist Stehlen, zu nehmen was einem nicht gegeben wurde. Es verletzt andere auch, wenn wir ihnen wegnehmen, was ihnen gehört.

Das dritte ist etwas, das den meisten von uns Westlern Probleme bereitet. Es betrifft das sexuelle Verhalten. Ich nenne es lieber “unkluges sexuelles Verhalten” als zum Beispiel “ sexuelles Fehlverhalten” oder solche Übersetzungen, die ein moralisches Urteil enthalten. Grundsätzlich geht es darum, andere oder auch uns selbst nicht durch unser sexuelles Verhalten zu verletzen.

Es geht zum Beispiel um Vergewaltigung, jemanden zum Sex zu zwingen, der nicht will, das verletzt, ist unklug. Oder wenn wir mit jemandem Sex haben, der schon einen Partner hat oder wir selbst haben einen Partner, das verursacht Schmerz. Egal wie losgelöst unser Partner oder der des anderen vielleicht auch sein mag, normalerweise verletzt es die Menschen sehr. Darüber sollten wir sehr sorgfältig nachdenken, denn hier im Westen gehen wir oft sehr locker mit diesen Dingen um.

Wenn wir es wirklich untersuchen, sehen wir, dass es viel Schmerz verursacht. Es verursacht Schwierigkeiten in unserer Ehe und für unsere Kinder. Jemand könnte uns zum Beispiel mit dem Messer bedrohen, weil wir mit seinem Partner im Bett waren. Jede Menge Probleme können daraus entstehen. Es geht nicht darum, zu sagen, das ist unmoralisch und wenn wir so was tun, sind wir schlecht. Wir sehen einfach, dass diese Art von Verhalten Probleme erzeugt.

Das ist die grundlegende Lehre von Karma: Wenn wir destruktiv handeln, bringt das Probleme, das ist alles. Und wir müssen die Konsequenzen unseres Handelns akzeptieren. Unzweifelhaft wird es durch diese Art von unklugem Verhalten Probleme geben. Das gilt zum Beispiel auch für eine Situation, in der wir eine Krankheit übertragen oder uns anstecken könnten.

Diese Dinge sollten wir in Betracht ziehen, wenn es um unser sexuelles Verhalten geht. Wir sollen uns nicht schuldig fühlen auf Grund unseres sexuellen Verhaltens; wir achten nur darauf, niemanden zu verletzen. Und es geht auch darum, ob wir uns selbst verletzen.

Das waren die Handlungen in Bezug auf den Körper.

Was die Rede betrifft, sprechen wir vom Lügen, davon, andere mit Absicht irrezuführen. Trennende Rede bedeutet, Dinge zu sagen, die verursachen, dass zwischen Freunden Unfrieden entsteht. Es ist also grundsätzlich davon die Rede, dass wir durch unser Reden Schwierigkeiten verursachen. Das Nächste ist verletzende und beleidigende Rede, ganz allgemein: jemanden durch das, was wir sagen, zu verletzen. Das alles müssen wir gründlich untersuchen, denn lügen kann auch bedeuten zu übertreiben. Viele Leute übertreiben und stellen Dinge verzerrt dar. Oder, was die verletzende Rede angeht, so sind wir manchmal sarkastisch und machen uns über Leute lustig, das kann sehr wehtun.

Dann haben wir das sinnlose Geschwätz, das bedeutet: Wir reden und reden über bedeutungsloses Zeug. Das ist sehr destruktiv, weil es Zeitverschwendung ist, besonders dann, wenn wir jemanden von etwas Wichtigem abhalten, indem wir ununterbrochen über Unwichtiges reden. Es ist ein Unterschied, ob man über bedeutungslose Dinge redet, um sich zu entspannen, oder ob man jemanden bei etwas Wichtigem unterbricht, nur um über Nichtigkeiten zu reden.

Auch auf der Ebene des Geistes gibt es bestimmte Verhaltensweisen, die ziemlich zerstörerisch sind. Das erste ist gieriges, habsüchtiges Denken. Das bedeutet, du denkst an etwas, das jemand anderer hat und du bist sehr neidisch und denkst dir aus, wie du es kriegen könntest. Es ist ein sehr, sehr unzufriedener und eifersüchtiger Zustand, sehr destruktiv und störend.

Dann haben wir böswilliges Denken, das heißt, nicht nur Anderen Böses zu wünschen, sondern auch zu planen, wie wir es tun können und wie es den Anderen verletzt.

Die dritte Art ist verdrehtes und feindseliges Denken. Manchmal wird es mit „falsche Ansichten“ übersetzt, aber das ist keine gute Übersetzung. Grundsätzlich bedeutet es, zu verleugnen, was wahr ist, und dann sehr feindlich über jemanden zu denken, der sagt, was wahr ist. Wenn jemand zum Beispiel zu seinem Kind sagt, dass es etwas falsch gemacht hat und es antwortet: „Das stimmt nicht! Du hast (oder jemand anders hat) es gemacht.“ Das ist sehr widerspenstig. Oder wenn man sagt, es sei nichts Gutes daran, sich positiv zu verhalten und anderen zu helfen und man ist jedem gegenüber, der das tut, sehr feindlich eingestellt und sagt: „Ist das doof! Es ist doch völlig blödsinnig, anderen zu helfen!“

Das Extrem ist, am liebsten jeden auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu wollen, der anderer Meinung ist als man selbst. So sind wir oft. Jemand sagt uns etwas, und wir wollen es nicht nur nicht hören und streiten es ab, sondern wir neigen dazu, demjenigen gegenüber sehr feindselig zu sein, weil er es gewagt hat, etwas anderes zu sagen als das, was wir denken.

Wir tun etwas oder wir schreiben etwas und machen einen Fehler. Dann kommt jemand und weist uns zurecht, doch wir nehmen es nicht freundlich an, sondern wir leugnen, dass wir etwas falsch gemacht haben, und wir sind feindselig und widerspenstig gegenüber der Person, die unseren Fehler berichtigt hat. Diese Dinge kommen in Beziehungen zu anderen Menschen vor.

Es geht hier nicht um abstrakte, philosophische Ideen. Es bezieht sich auf Situationen, in denen wir mit anderen zu tun haben und Unrecht haben. Wie oft sind wir den anderen gegenüber feindselig, wenn sie versuchen auf etwas hinzuweisen, was wir falsch gemacht haben. Das wird als die schwerwiegendste der destruktiven Handlungen betrachtet, denn es verhindert jede Verbesserung, jedes Lernen. Man ist dem Positiven und Richtigen gegenüber völlig verschlossen und nicht nur verschlossen, sondern feindselig.

Offenheit ist etwas sehr Wichtiges im Buddhismus. Wenn wir zum Beispiel von den schlechteren Existenz-Zuständen hören, diesen freudlosen Bereichen, sind wir oft sehr verschlossen und wollen nichts davon wissen. Darin zeigt sich ein Geisteszustand, der einfach nicht über Situationen nachdenken will, in denen Wesen sehr stark leiden.

Zum Beispiel: „Ich will nichts über die Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg und diese ganzen Geschichten hören.“ Warum? Weil es zu schmerzhaft ist. Dabei denken wir mehr an uns selbst, als an die armen Menschen, die wirklich in der Situation sind. Versuchen wir lieber, unsere Herzen für andere zu öffnen.

Das ist einer der Gründe, warum wir über diese schlimmen Situationen, zum Beispiel die niederen Existenzbereiche, nachdenken. Wenn wir sehen, dass jemand von einem Auto überfahren wird, wenden wir uns auch nicht ab und denken, das ist zu schrecklich, das will ich nicht sehen, sondern wir wollen wirklich helfen. Darum ist es wichtig zu verstehen, dass bestimmte Dinge im buddhistischen Training, die uns vielleicht nicht so interessant vorkommen, aus ganz bestimmten Gründen und mit bestimmten Zielen gemacht werden.