Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Wie man ein ethisches Leben führt

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Nottingham, England, 25. Mai 2008

Transkribiert, teilweise übersetzt und leicht redigiert
von Alexander Berzin
Klarstellungen sind violett gekennzeichnet
und in eckigen Klammern eingeschlossen
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Eigeninteresse versus Interesse an anderen Lebewesen als Grundlagen für ein ethisches Leben

Die Essenz des Buddhismus ist: Wenn wir anderen helfen können, dann müssen wir das tun; wenn wir anderen nicht helfen können, dann müssen wir es zumindest unterlassen, anderen Lebewesen Schaden zuzufügen. Das ist die Essenz dessen, wie man ein ethisches Leben führt.

Jede Handlung entsteht aus einer Motivation heraus. Wenn wir anderen Lebewesen Leid zufügen, geschieht das aus einer Motivation heraus; und wenn wir anderen Lebewesen helfen, dann geschieht dies auch aus einer Motivation heraus. Um also anderen zu helfen, anderen zu dienen, benötigen wir eine bestimmte Motivation. Dafür benötigen wir wiederum bestimmte Konzepte. Warum helfen wir anderen und warum fügen wir ihnen kein Leid zu?

Wenn wir beispielsweise kurz davor wären, jemand etwas zu Leide zu tun, dann hätten wir eine bestimmte Art von Gewahrsein, die uns davon abhalten würde. Das heißt, dass wir eine bestimmte Art von Entschlossenheit brauchen [anderen kein Leid zuzufügen]. Ein Teil unseres Geistes möchte jemanden Leid zufügen, aber weil wir uns in einem bestimmten Geisteszustand befinden, sagte uns ein anderer Teil unseres Geistes, dass dieses Verhalten falsch wäre. Weil wir erkennen, dass das Verhalten falsch wäre, entwickeln wir Willenskraft und halten uns zurück. In Bezug auf die beiden Wahlmöglichkeiten, [jemanden zu verletzen oder sich zu beherrschen,] benötigen wir ein Gewahrsein dafür, dass bestimmte Handlungen Langzeitfolgen zu sehen. Wenn wir dies erkennen, können wir unser Verhalten umgehend zügeln.

Es gibt zwei verschiedene Ansätze, die wir hier wählen können. Beim ersten Ansatz können wir unsere eigenen Interessen im Auge haben und dann, wenn wir helfen können, dann helfen wir; wenn wir nicht helfen können, dann halten wir uns davon ab [Leid zu verursachen]. Der andere Ansatz bezieht sich darauf, dass man sich die Bedürfnisses anderer Wesen vergegenwärtigt und dann gilt gleichfalls: Wenn wir helfen können, dann helfen wir; und wenn nicht, dann halten wir uns davon ab [Leid zu verursachen]. Wenn wir im Hinblick darauf, sich davon abzuhalten anderen Leid zuzufügen, denken: „Wenn ich das tue, muss ich mich mit den negativen Folgen meines Handelns auseinandersetzen, was auch rechtliche Konsequenzen mit einschließt“ und uns dann aufgrund dieser Schlussfolgerung beherrschen, so handelt es sich um eine Zügelung des Verhaltens aufgrund von Eigeninteresse. Wenn wir nun als Grund für unser Handeln an andere denken, würden wir denken: „ Andere sind genauso wie ich. Sie wollen kein Leiden und keine Schmerzen erleben; deshalb will ich mich davon abhalten, ihnen Leid zuzufügen.“

Wenn wir [unseren Geist] trainieren, denken wir zunächst an unser eigenes Interesse und dann denken wir entschieden an anderen Lebewesen. Was die Effektivität betrifft, so ist es wirkungsvoller, wenn wir engagiert an andere denken. In Bezug auf pratimoksha – die Gelübde der individuellen Befreiung, d. h. die Vinaya-Tradition des klösterlichen Trainings – ist die tragende Grundlage [für unser Geistestraining] dass wir an unser Eigeninteresse denken. Und weil dem so ist, nehmen wir Abstand davon, anderen etwas zu Leide zu tun. Das kommt daher, weil wir die Befreiung anstreben. In Bezug auf die Übungen eines Bodhisattvas ist der wesentliche Grund dafür, dass man Abstand davon nimmt, anderen Wesen Leid zuzufügen, das Erwägen der Belange anderer. Dieser zweite Punkt, d. h. auf der Grundlage einer altruistischen Geisteshaltung Abstand davon zu nehmen, anderen Lebewesen Leid zuzufügen und anderen zu helfen, hat eine Verbindung zu der universellen Verantwortlichkeit, über die ich so oft gesprochen habe.

Unsere grundlegende Natur als menschliche Wesen

Allgemein gesprochen, sind wir Menschen soziale Tiere. Ganz gleich, um wen es sich handelt, sein oder ihre Überleben hängt vom Rest der Menschheit ab. Da das individuelle Überleben und Wohlbefinden eines Einzelnen von der ganzen Gesellschaft abhängt, leitet sich die Notwendigkeit, über das Wohlbefinden anderer nachzudenken und die Notwendigkeit, um das Wohlbefinden anderer besorgt zu sein, aus unserer eigenen grundlegenden Natur ab. Wenn wir uns beispielsweise Paviane anschauen, so übernimmt der älteste Pavian die volle Verantwortung für die ganze Herde. Während die anderen Paviane mit Füttern beschäftigt sind, sitzt ein älteres Pavian-Männchen immer daneben und passt auf. Die stärkeren Paviane helfen dabei, sich zum Wohle der Gemeinschaft um den Rest der Gruppe zu kümmern.

In prähistorischen Zeiten hatten wir Menschen weder Bildung noch Technologie. Die grundlegende menschliche Gesellschaft war einfach organisiert: alle arbeiteten zusammen und teilten zusammen. Die Kommunisten sagen, dass dies der ursprüngliche Kommunismus gewesen sei: Alle arbeiteten zusammen und hatten gemeinsam Spaß. Dann entwickelte sich schließlich Bildung und Erziehung und wir erhielten eine Zivilisation. Der menschliche Geist wurde immer differenzierter und so nahm die Gier zu. Das führte zu Eifersucht und Hass und im Laufe der Zeit wurden diese immer stärker.

Heute im einundzwanzigstem Jahrhundert, gab es zahlreiche Veränderungen [in der menschlichen Gesellschaft. Es haben sich Unterschiede zwischen uns entwickelt – Unterschiede in] Ausbildung, Beruf und sozialem Hintergrund. Aber selbst Unterschiede in Bezug auf Alter und Rasse – sie alle sind sekundär. Auf einer grundlegenden Ebene sind wir alle immer noch Menschen und grundsätzlich sind wir als Menschen alle gleich. Das beschreibt die menschliche Entwicklungsstufe vor einigen hunderttausend Jahren.

Genau die gleiche Einstellung haben auch kleine Kinder. Sie kümmern sich nicht um die soziale Herkunft, die Religionszugehörigkeit, die Rasse, die Hautfarbe oder den Reichtum der anderen Kinder. Alle Kinder spielen miteinander; solange sie freundlich miteinander umgehen, sind sie echte Spielkameraden. Wir Erwachsenen sind angeblich intelligenter und höher entwickelt, aber wir bewerten den sozialen Hintergrund anderer Menschen. Wir sind sehr berechnend: „Wenn ich lächle, bekomme ich dann was ich will? Wenn ich finster dreinblicke, werde ich dann etwas verlieren?“

Universale Verantwortung

Das Gespür für eine universale oder globale Verantwortlichkeit wirkt auf der Ebene des [gemeinsamen] Menschseins. Wir interessieren uns deshalb für andere Menschen, weil: „Ich bin einer von ihnen; mein Wohlstand hängt von den anderen Menschen ab, ganz gleich welche Unterschiede auch zwischen uns bestehen mögen.“ Es gibt immer Unterschiede; aber das kann hilfreich sein.

Mehrere Jahrhunderte lang war die Bevölkerung dieses Planeten lediglich eine Milliarden Menschen; mittlerweile ist die Bevölkerung auf über sechs Milliarden Menschen angewachsen. Aufgrund der Überbevölkerung können einige Länder bereits jetzt nicht mehr alle die Nahrungsmittel und Ressourcen zur Verfügung stellen, die die Bevölkerung dieser Länder benötigt. Wir haben also eine globale Ökonomie. Entsprechend der heutigen Realität, ist die Welt heutzutage viel kleiner geworden und in erheblichem Maße wechselseitig voneinander abhängig. Das ist die Wirklichkeit. Obendrein gibt es dann noch die ökologische Frage: Die globale Erwärmung. Dieses Thema betrifft alle sechs Milliarden Bewohner dieses Planeten und nicht nur ein oder zwei Nationen. Die neue Wirklichkeit bedarf eines globalen Verantwortungsgefühls.

In früheren Zeiten dachten beispielsweise die Britten hier nur an sich selbst und beuteten manchmal andere Gebiete des Erdballs aus. Sie haben sich nicht um die Belange oder Gefühle anderer Menschen gekümmert. OK, das ist Vergangenheit. Aber jetzt sind die Dinge anders; die Dinge haben sich verändert. Jetzt müssen wir auf anderer Länder Rücksicht nehmen.

Die britischen Imperialisten haben eigentlich sogar einige Dinge ganz gut gemacht. Sie haben in Indien einen guten Unterricht in englischer Sprache eingeführt. Indien hat dieser Tatsache viel zu verdanken. Die Briten haben auch Technologie eingeführt, beispielsweise das Eisenbahnnetz. Das Eisenbahnnetz ist einer ihrer brauchbaren Eigenschaften. Als ich nach Indien kam, waren einige Anhänger Gandhis noch am Leben und sie unterrichtet mich in den gewaltfreien Methoden Gandhis. Zu jener Zeit empfand ich, dass die britischen Imperialisten sich sehr schlecht benommen hätten. Aber dann sah ich, dass es eine unabhängige indische Rechtsprechung gab, dass es Pressefreiheit, Redefreiheit und dergleichen gab. Als ich darüber intensiver nachgedacht hatte, erkannte ich, dass alle diese Dinge, die sie eingeführt haben, sehr gut sind.

Heutzutage gibt es zwischen einer Nation und einer anderen Nation, zwischen einem Kontinent und einem anderen Kontinent, erhebliche wechselseitige Abhängigkeiten. Gemäß dieser Realität bedarf es in der Tat einer globalen Verantwortlichkeit. Ihr eigenes Anliegen hängt von der Entwicklung und den Bedürfnissen anderer Menschen ab. Im Interesse Ihrer eigenen Anliegen, müssen sie sich also um andere Menschen kümmern. Im Bereich der Ökonomie sind wir bereits dort angelangt. Selbst wenn es im Bereich der Ökonomie unterschiedliche Ideologien gibt und selbst wenn wir einander nicht trauen, müssen wir doch in unserer globalen, wechselseitig abhängigen wirtschaftlichen Struktur interagieren. Daher ist es äußerst wichtig, ein globales Verantwortungsgefühl zu entwickeln, das darauf basiert, dass man die Bedürfnisse anderer Menschen respektiert.

Wir müssen andere Menschen als Brüder und Schwestern betrachten und uns bemühen, ein Gefühl der Nähe zu empfinden. Das hat nichts mit Religion zu tun. Eine solche Sichtweise ist wirklich vonnöten. Das ganze Konzept von „wir und die anderen“ – das kann man in gewisser Hinsicht natürlich verwenden – aber die ganzen Welt muss sich als ein Teil des „Wir“ begreifen. Die Angelegenheiten unserer Nachbarn sind unsere eigenen Angelegenheiten.

Zufriedenheit

Wenn sich als ein Individuum dazu entschließt, ein ethisches Leben zu führen, so bedeutet das, dass man anderen Wesen kein Leid zufügt und, soweit einem das möglich ist, sich darum bemüht, ihnen zu helfen. Wenn man das Wohl der Anderen zur Grundlage der eigenen Ethik machen – dann erweitert sich der Wirkungsbereich der eigenen Ethik. In der Wahl unseres eigenen Lebensstils müssen wir diese Faktoren in Erwägung ziehen.

Es gibt eine große Kluft zwischen Reich und Arm, selbst in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn wir nach Amerika schauen, dem reichsten Land der Erde, sehen wir, dass es dort immer noch viel Armut gibt. Als ich einmal in Washington D.C. war, der Hauptstadt des reichsten Landes der Welt, sah ich, dass es dort viele arme Gegenden gab. Die grundlegenden Bedürfnisse dieser Menschen wurden nicht angemessen befriedigt. Auf globaler Ebene betrachtet, ist der industrialisierte Norden wesentlich weiter entwickelt [als der Rest des Planeten]; wohingegen viele Menschen in den Länder der südlichen Hemisphäre des Erdballs vom Hungertod bedroht sind. Das ist nicht nur moralisch betrachtet falsch; sondern diese Ungleichheit ist Ursache für gewaltige Probleme. Daher ist es notwendig, dass die Bewohner von bestimmten reichen Länder ihren Lebensstil genau betrachten und untersuchen; sie müssen sich in Zufriedenheit üben.

Vor fünfzehn Jahren habe ich in Japan einmal gegenüber den Menschen dort zum Ausdruck gebracht, dass ihre Annahme, dass die Wirtschaft jedes Jahr weiter wachsen müsse und der materielle Fortschritt sich jedes Jahr weiter fortsetzen sollte, ein riesiger Fehler ist. Eines Tages, werden sie vielleicht miterleben müssen, dass die wirtschaftliche Entwicklung an ihre Grenzen kommt. Ich sagte ihnen, dass sie darauf vorbereitet sein müssten, so dass sich diese Entwicklung dann nicht in ihrem Geist zu einer Katastrophe ausweiten würde. Ein paar Jahre später wurde dieses Szenario in Japan Wirklichkeit.

Der Lebensstil einiger Menschen beinhaltet zu viel Luxus. Einigen Menschen steht viel Geld zur Verfügung, ohne, dass sie dafür stehlen, andere auszubeuten oder betrügen müssten. Vom Standpunkt ihrer eigenen Interesses aus betrachtet, ist an ihrem Reichtum nichts verkehrt, solange die Mittel, mit denen sie das Geld erworben haben, nicht unethisch sind. Aber vom Blickwinkel der Belange anderer Menschen aus betrachtet – obwohl in Bezug auf sie selbst daran nichts Falsches zu sehen ist – ist es doch von einem ethischen Standpunkt aus betrachtet nicht gut, wenn andere Menschen vom Hungertod bedroht sind. Wenn alle Menschen den gleich hohen luxuriösen Lebensstandard hätten, dann wäre das ja OK; aber bis das erreicht sein wird, würde es sich um eine bessere Form der Lebensführung handeln, wenn man sich mehr in Zufriedenheit üben würde. So wie ich das in Japan, in den Vereinigten Staaten von Amerika und anderen Wohlstandsgesellschaften erfahren habe, ist eine gewisse Modifikation des Lebensstils notwendig.

In vielen Ländern besitzt eine Familie nicht nur ein Auto, sondern zwei, manchmal sogar drei Autos. Stellen Sie sich Indien und China vor, diese beiden Nationen mit einer Bevölkerung, die zusammen wohl über zwei Milliarden Menschen ausmacht. Wenn zwei Milliarden Menschen sich zwei Milliarden Autos anschaffen würden oder mehr, dann würde das große Schwierigkeiten mit sich bringen. Es gäbe ein großes Problem und große Komplikationen im Bezug auf den Treibstoff, die materiellen Produktionsmittel, die natürlichen Rohstoffe und so weiter.

Rücksichtnahme auf die Umwelt

Ein weiterer Aspekt für das Führen eines ethischen Lebens ist daher die Rücksichtnahme auf die Umwelt, beispielsweise was den Umgang mit Wasser angeht. Mein eigener Beitrag dazu mag albern sein, aber seit vielen Jahren habe ich kein Bad in einer Badewanne genommen; ich dusche lediglich. Für ein Bad in einer Badewanne verbraucht man zuviel Wasser. Vielleicht bin ich albern, da ich jeden Tag zweimal dusche, weil die Wassermengen, die ich dabei verbrauche, dieselbe sein wird. Nichtsdestotrotz, in Bezug auf elektrisches Licht beispielsweise, mache ich stets das Licht aus, wenn ich den Raum verlassen. Auf diese Weise mache ich einen kleinen Beitrag zur Ökologie. Ein bis zu einem bestimmten Grade ethischer Lebensstil kommt dann dadurch zu Stande, dass man ein weltumspannendes Verantwortungsgefühl entwickelt.

Wie man anderen Menschen hilft

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man anderen Menschen helfen kann; dabei hängt viel von den Umständen ab. Als ich jung war, sieben oder acht Jahre alt, und lernte, hat mein Tutor Ling Rinpoche stets eine Peitsche aufbewahrt. Zu jener Zeit haben mein unmittelbar älterer Bruder und ich zusammen gelernt. Tatsächlich gab es sogar zwei Peitschen. Eine Peitsche war gelb – eine heilige Peitsche, eine Peitsche für den heiligen Dalai Lama. Allerdings, wenn man die heilige Peitsche gebraucht, so denke ich, dass es keinen heiligen Schmerz gab! Das sieht nach einer sehr herben Erziehungsmethode aus, aber sie war in der Tat sehr hilfreich.

Ob eine Handlung hilfreich oder schädlich ist, hängt letztendlich von der Motivation ab. Aus ernsthafter Fürsorge für das langfristige Wohlergehen anderer Menschen, mögen die Methoden manchmal herber Natur sein und manchmal behutsam. Manchmal kann sogar eine kleine Lüge helfen. So kann es beispielsweise sein, dass ein lieber Freund oder ein Elternteil eines Menschen in einem weit entfernten Land ernsthaft erkrankt ist oder beinah stirbt. Und Sie wissen das. Aber Sie wissen auch, wenn Sie einem anderen Menschen erzählen, dass ein Elternteil von ihm im Sterben liegt, wird sich diese Personen vielleicht nicht nur stark aufregen und sich Sorgen machen, sondern vielleicht sogar ohnmächtig werden. Also sagen Sie dann: „Ihnen geht es gut.“ Wenn Sie einhundertprozentig daran interessiert sind, dass sich die andere Person nicht aufregt, so ist in solch einem Fall eine Lüge, obwohl sie vom Standpunkt des Eigeninteresses aus betrachtet unethisch sein mag, doch vom Blickwinkel des anderen Menschen aus betrachtet vielleicht angebracht.

Gewalttätige Methoden im Vergleich mit gewaltfreien Methoden

Wie kann man anderen Menschen also am besten helfen? Das ist schwierig zu beantworten. Dafür benötigen wir Weisheit; wir brauchen auch eine klare Wahrnehmung der Umstände; und wir benötigen Flexibilität, um in unterschiedlichen Lebenslagen entsprechend verschiedene Methoden anwenden zu können. Und am wichtigsten ist unsere Motivation: Wir benötigen eine aufrichtigeres Gefühl des Interesses und der Fürsorge für anderer Menschen.

Ob eine Methode gewalttätig ist oder gewaltfrei, hängt sehr von der Motivation ab. Obwohl eine „ Notlüge“ in sich selbst gewalttätig ist, kann diese Methode entsprechend der Motivation ein Mittel dazu sein, anderen zu helfen. Diese Methode gehört von diesem Standpunkt aus betrachtet daher zu den gewaltfreien Methoden. Wenn man anderseits jemanden ausbeuten möchte und der Person ein Geschenk macht, ist die Erscheinung dieser Handlung gewaltfrei; aber letztendlich handelt es sich dabei um eine gewalttätige Handlung, weil man die Motivation hat, die andere Person zu hintergehen und auszubeuten. Ob eine Handlung gewalttätig oder gewaltfrei ist, hängt also mit der Motivation zusammen. Alle menschlichen Handlungen hängen von der Motivation ab. Die Motivation hängt auch irgendwie mit dem Ziel zusammen; aber wenn es einfach unsere Absicht ist, das Ziel zu erreichen und unsere Motivation dabei Ärger ist, dann ist dies schwierig. Letzten Endes ist also die Motivation am wichtigsten.

Harmonie zwischen den Religionen

Der wesentliche Punkt, den Sie aus unserer Erörterung hier heute mit nach Hause nehmen können, ist zu versuchen, inneren Frieden zu entwickeln. Über diesen Punkt müssen wir selbst nachdenken und den inneren Frieden in uns selbst hervorbringen. Und wenn es des weiteren Zuhörer im Publikum gibt, die einer Religion angehören oder Gläubige sind, so betone ich für diese Menschen immer besonders, wie wichtig es, sich um die Harmonie zwischen den Religionen zu bemühen. Ich denke, alle großen Religionen, vielleicht nicht so sehr die unbedeutenden Religionen, bei denen Sonne und Mond verehrt werden – bei denen gibt es nicht so viel Philosophie – aber die meisten großen Religionen haben irgendeine Form von Philosophie oder Theologie entwickelt. Und weil sich die großen Religionen auf einer bestimmten Philosophie gründen, wurden diese Religionen für Tausende von Jahren bewahrt. Aber trotz ihrer unterschiedlichen Philosophien, wird die Übung der Liebe und des Mitgefühls in allen Religionen für die höchste Praxis gehalten.

Wenn wir Mitgefühl entwickeln, entsteht automatisch ein Gefühl von Vergebung, dann ein Gefühl von Toleranz und Zufriedenheit. Durch diese drei Faktoren kommt ein Gefühl der Befriedigung zu Stande. Dies haben alle Religionen gemein. Diese drei Faktoren sind auch wichtig, um die grundlegenden menschlichen Werte, über die wir gesprochen haben, weiter zu entwickeln. Im Bezug darauf sind alle Religionen hilfreich, und zwar in dem Sinne, dass sie das fördern, was die Grundlage für unser Glück bildet, nämlich ein ethisches Leben zu führen. Daher, da alle Religionen dieselbe Botschaft haben, haben auch alle Religionen das gleiche Potenzial, der Menschheit zu helfen.

Zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten haben sich unterschiedliche Lehren entwickelt. Das ist ein notwendiger Prozess. Diese verschiedenen Zeiten und Orte und unterschiedlichen Lebensweisen haben sich aufgrund von unterschiedlichen Umweltbedingungen entwickelt; und weil das so war, haben sich unterschiedliche Religionen entwickelt. Für jede dieser Zeiten waren bestimmte religiöse Ideen geeignet [und wurden daher angenommen]. Weil das so ist, haben die tausend Jahre alten Religionen alle ihre eigenen Traditionen. Wir brauchen diese Bandbreite reichhaltiger Traditionen: Jede Tradition dient unterschiedlichen Menschen. Eine Religion allein kann sich nicht für alle Menschen gleichermaßen eignen und allen Menschen nützlich sein.

Zur Zeit des Buddhas, gab es in Indien bereits viele nicht-buddhistischen Traditionen. Der Buddha hat nicht versucht, alle Inder zum Buddhismus zu konvertieren. Andere Religionen waren in Ordnung. Gelegentlich gab es einige Debatten zwischen den verschiedenen Religionen. Insbesondere nach dem Tod des Buddhas, debattierten einige Meister noch für Jahrhunderte miteinander. Diese Diskussionen sind sehr hilfreich, insbesondere für den Bereich der Erkenntnistheorie. Ein Gelehrter einer Tradition untersucht kritisch die Philosophie und Ansichten einer anderen Religion und das führt dazu, dass jeder über seine eigene Religion und Tradition nachdenkt und diskutiert. Dies bringt dann normalerweise Fortschritt mit sich. In einigen Fällen gab es bei diesen Debatten möglicherweise gewalttätige Auseinandersetzungen und das ist sehr bedauernswert; aber im Allgemeinen fand dadurch eine gesunde Entwicklung statt.

Indien stellt daher ein sehr gutes Beispiel für wirkliche religiöse Toleranz dar, welche sich über Jahrhunderte als eine eigenständige Tradition fortgesetzt hat und die auch heute noch in Indien lebendig ist. Das ist ein gutes Vorbild für den Rest der Welt.

In früheren Zeiten waren die Menschen isoliert voneinander, OK. Aber heute sind die Umstände anders. In London finden wir beispielsweise fast eine multi-religiöse Gesellschaft vor. An solchen Orten ist religiöse Toleranz sehr wichtig. Ich wende mich an diejenigen von Ihnen, die an eine Religion glauben und sage: Harmonie und Toleranz sind sehr wichtig. Wenn Sie die Gelegenheit dazu haben sollten, tragen Sie bitte zur religiösen Toleranz bei.