Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Annäherung an den Buddhismus > Einführung in den Buddhismus > Inneren Frieden und Erfüllung finden

Inneren Frieden und Erfüllung finden

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Nottingham, England, 24. Mai 2008

Transkribiert, teilweise übersetzt und leicht redigiert
von Alexander Berzin
Klarstellungen sind violett gekennzeichnet
und in eckigen Klammern eingeschlossen
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Warum es wichtig ist, die Realität einer Situation zu untersuchen

Innerer Frieden ist mit geistiger Ruhe verbunden. Die körperlichen Erfahrungen, die wir machen, bestimmen nicht notwendigerweise unseren geistigen Frieden. Wenn wir geistigen Frieden erlangt haben, dann ist die körperliche Ebene nicht so wichtig.

Nun, erreichen wir inneren Frieden durch Gebete? Nein, nicht wirklich. Durch körperliche Übungen? Nein. Einfach durch das Ansammeln von Wissen? Nein. Indem wir unsere Gefühle abtöten? Nein. Aber wenn wir mit irgendeiner schwierigen Situation konfrontiert sind, und wir dann im vollen Gewahrsein der Vorzüge und Nachteile jeder möglichen Handlung und ihrer Konsequenzen der Situation begegnen, dann wird unser Geist nicht aufgewühlt sein und wir werden dann wirklichen inneren Frieden erleben.

In solchen Situationen ist es äußerst wichtig, sein Mitgefühl zu wahren und eine realistische Herangehensweise zu haben. Wenn sich für uns unerwartete Konsequenzen ergeben und diese uns viele Angst einjagen, dann geschieht dies, weil wir vorher unrealistisch waren. Wir haben nicht wirklich alle Konsequenzen in Betracht gezogen und daher gab es einen Mangel an Gewahrsein und Verständnis. Unsere Angst ist dadurch entstanden, dass wir die Situation nicht richtig untersucht haben; wir müssen die Situation also aus allen vier Himmelsrichtungen betrachten und von oben und von unten, um uns so ein umfassendes Bild zu machen. Es gibt immer eine Kluft zwischen der Wirklichkeit und der Erscheinung, daher müssen wir die Situation von allen Seiten her untersuchen.

Wenn wir uns einfach etwas angucken, ist es nicht möglich zu erkennen, ob etwas positiv ist oder negativ. Aber wir werden nur dann bewerten können, ob etwas positiv oder negativ ist, wenn wir [etwas gründlich erforschen und] die Wahrheit über etwas erkennen. Wir benötigen also eine vernünftige Bewertung unserer Situation. Wenn wir anfangen, etwas mit dem Wunsch zu untersuchen: „ Ich möchte dieses Ergebnis erzielen oder zu jenem Resultat gelangen“, dann wird unsere Untersuchung voreingenommen seien. In der aus Indien stammenden Nalanda-Tradition wird gesagt, dass wir stets skeptisch bleiben müssen und dass wir alle Wissenszweige, einschließlich der Religion, objektiv untersuchen müssen.

Warum es wichtig ist, unser Herz anderen Lebewesen zu öffnen

Nun, was den Mangel an geistigem Frieden und was die Unzufriedenheit angeht, so entstehen sie dadurch, dass wir eine äußerst selbstbezogene Motivation haben. Ein Individuum hat das Recht darauf, sein eigenes Leiden zu überwinden und Glück zu erlangen. Aber wenn wir nur an uns selbst denken, dann wird der Geist sehr negativ. Wenn dann ein kleines Problem auftritt, erscheint uns dieses riesig groß und wir verlieren unsere innere Balance. Wenn wir jedoch an anderen Lebewesen in der Weise denken, dass wir sie so gerne mögen, wie uns selbst, dann wird der Geist offen und weiter. Als eine Folge davon, wird uns dann selbst ein ernstzunehmendes Problem nicht mehr so bedeutsam erscheinen. Es gibt also einen großen Unterschied in der Qualität einer Emotion, abhängig davon, aus welchem Blickfeld heraus wir die Dinge betrachten: Betrachten wir eine Situation nur aus unserer eigenen Perspektive oder aus der Perspektive aller Wesen?

Es gibt daher zwei Bausteine, die für den geistigen Frieden sehr wichtig sind. Der erste Baustein ist das Gewahrsein der Realität. Wenn wir mit einer realistischen Haltung an die Dinge herangehen, dann werden sich daraus keine unerwarteten Folgen ergeben. Der zweite Baustein ist das Mitgefühl, das unsere so genannte „innere Tür“ öffnet. Furcht und Misstrauen trennen uns von anderen Menschen.

Bezüglich unsere äußeren Erscheinung unbesorgt sein

[Etwas anderes, durch das wir unserem geistigen Frieden verlieren können ist, dass wir uns über unsere äußere Erscheinung Sorgen machen.] Als ich beispielsweise das erste Mal in Peking zu Besuch war, hatte ich keinerlei Erfahrung. Ich war ein bisschen nervös und hatte etwas Angst. Aber dann erkannte ich, dass einige Menschen, wenn etwas in einer Situation falsch läuft, plötzlich sehr besorgt über ihr Erscheinungsbild sind und rot anlaufen. Wenn sie hingegen sehr offen sind und sich nicht weiter darum kümmern, wenn etwas schief läuft, dann gibt es keinerlei Probleme.

Als ich mich beispielsweise 1954 in Peking aufhielt, kam der indische Botschafter in mein Zimmer, um mich zu besuchen. Die Chinesen bereiteten uns einen riesigen Empfang mit Blumen, Früchten und so weiter und sie bestandener darauf, dass wir einen chinesischen Dolmetscher haben sollten. Es wurde daraufhin aus dem Chinesischen ins Tibetische und dann weiter ins Englische übersetzt, obwohl einige meiner Beamten Englisch sprechen konnten. aber irgendwann kippte der riesige Berg von Früchten um und die chinesischen Funktionäre, die vorher sehr sauertöpfisch und formal gewesen waren, ließen sich auf Knie und Hände nieder und krabbelten über den Fußboden. Wenn sie sich keine Gedanken über ihr äußeres Erscheinungsbild gemacht hätten, wäre das kein Problem gewesen. Aber die Situation brachte sie sehr in Verlegenheit.

Als ich in Mexiko Stadt einmal einen interreligiösen Dialog besuchte, war dort auch ein japanischer Priester zugegen. Er hielt ein Rosenkranz aus Perlen in der Hand und die Schnur barst. Er schob mit seinem Daumen weiterhin Perlen auf seinem Rosenkranz hin und her, obwohl Perlen über den ganzen Boden verteilt lagen. Er war zu verlegen, um die Perlen aufzulesen. Er fühlte sich sehr unwohl, weil er so besorgt über sein äußeres Erscheinungsbild war.

Wie dem auch sei, Mitgefühl, Altruismus, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit – diese Faktoren sind sehr wichtig, um innere Ruhe hervorzubringen; Besorgnis in Bezug auf unsere äußere Erscheinung ist hingegen nicht wichtig. Ich behaupte niemals, dass ich etwas Besonderes sei, aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus kann ich sagen, dass ich mir keine Sorgen in Bezug darauf mache, wie ich mich im Angesicht von tausenden Menschen verhalte. Bei Vorträgen wie diesem spreche ich beispielsweise zu Tausenden von Menschen und für mich ist das genauso, als spräche ich lediglich zu ein paar Menschen. Wenn mir irgendein Fehler unterläuft, dann vergesse ich das einfach schnell, kein Problem. Wenn andere auch mal einen Fehler machen, dann lache ich einfach darüber.

Innere Transformation

Nun, was die innere Transformation betrifft: Wenn man über innere Transformation spricht, spricht man über eine emotionale Ebene. Es gibt eine Kategorie der inneren Transformation, die ganz natürlicherweise durch das Alter entsteht und eine andere Kategorie, die durch äußere Umstände zu Stande kommt. Diese Arten von Transformation geschehen automatische. Andere Transformationen kommen durch Bemühung zustande und das ist die wesentliche Kategorie, die wir hervorbringen möchten: Innerer Transformation gemäß unserer Wünsche. Das ist die wesentliche Bedeutung innerer Transformation.

Wir sprechen hier jetzt nicht über unser nächstes Leben, die Erlösung oder den Himmel, sondern darüber, wie man in diesem Leben glücklich bleiben und seine innere Ruhe bewahren kann, auch wenn es Schwierigkeiten und Probleme gibt. Die wesentlichen Geistesfaktoren, mit denen wir uns dazu auseinandersetzen müssen, umfassen Faktoren wie Ärger, Hass, Angst, Eifersucht, Misstrauen, Einsamkeit, Stress und so weiter. All diese Geistesfaktoren stehen in Bezug zu unserer grundlegenden Geisteshaltung. Sie kommen dadurch zu Stande, dass wir zu selbstbezogen sind. Wenn wir diese negativen Geistesfaktoren erleben, ist es so bei uns, dass wir unser eignes Selbst für die wichtigste Sache der Welt halten. Wenn wir [nur] uns selber wertschätzen, kann schon eine geringfügige Irritation dazu führen, dass wir uns ärgern. Und der Ärger wiederum ruft Angst hervor. Wir interessieren uns nicht für andere; wir kümmern uns nur um uns selbst. Und wir denken, dass andere sich ebenfalls nur um sich selbst kümmern und dass sie sich sicherlich auch nicht für uns interessieren. Deshalb fühlen wir uns einsam. Wir denken: „Ich kann mich nicht auf andere verlassen.“ Und so werden wir gegenüber jenen Menschen misstrauisch, die sich vor uns befinden, die sich an unserer Seite befinden und noch mehr gegenüber jenen, die sich hinter uns befinden.

Wenn wir jedoch drüber nachdenken, kommen wir zu dem Schluss, dass die grundlegende Natur des Menschen dergestalt ist, dass jeder Mensch es schätzt, freundlich behandelt zu werden. Wenn wir anderen Menschen unsere Freundschaft anbieten, dann reagieren die meisten Menschen darauf sehr positiv. Was diese negativen Emotionen anbelangt, die Angst und so weiter hervorrufen, müssen wir Gegenmaßnahmen treffen, um ihnen etwas entgegenzusetzen. Wenn uns zum Beispiel zu heiß ist, dann müssen wir die Temperaturen senken, oder wenn wir die Dunkelheit beseitigen wollen, dann gibt es keine andere Möglichkeit, als Licht ins Dunkel zu bringen. Das gilt für die physikalische Ebene. Veränderungen kommen dadurch zu Stande, dass man entgegenwirkende Kräfte anwendet – das ist die Natur der Dinge. Aber das gleiche Prinzip gilt nicht nur für die physikalische und die körperliche Ebene, sondern auch für die geistige Ebene. So müssen wir auch der Sichtweise oder unserer Perspektive, die wir einnehmen, mit einem gegensätzlichen Blickwinkel entgegenwirken, [indem wir beispielsweise unserer Selbstbezogenheit und unserem Misstrauen dadurch entgegenwirken, dass wir an anderen Menschen Interesse zeigen und freundlich zu ihnen sind].

Nehmen wir das Beispiel einer gelben Blume. Wenn ich aus verschiedenen Gründen behaupte: „Die Blume ist weiß“ und die Blume dann später für gelb halte, dann handelt es sich dabei um zwei sich widersprechenden Perspektiven. Diese beiden sich widersprechenden Perspektiven können nicht gleichzeitig aufrechterhalten werden. Sobald es eine Wahrnehmung von Gelb gibt, verschwindet die Wahrnehmung von Weiß automatisch. Sie stehen in direktem Gegensatz zueinander. Einer Methode um eine innere Wandlung hervorzubringen, ist demnach das Hervorbringen eines entgegengesetzten Geisteszustandes.

Eine andere Ursache für Schwierigkeiten, kann schlicht Ignoranz (engl. ignorance, Unwissenheit) sein. Die Gegenkraft hierfür ist Studium, Analyse und Erforschen. Das ist deshalb so, weil Ignoranz darauf basiert, dass man die Realität nicht sieht. Daher ist die der Ignoranz entgegenwirkende Kraft die Analyse. In gleicher Weise ist das Interesse an anderen Menschen die der Selbstbezogenheit entgegenwirkende Kraft und dieses begründet das Geistestraining [oder das Reinigen unserer Geisteshaltungen].

Weltliche Ethik

In Bezug darauf, wie wir unseren Geist üben [oder unsere Geisteshaltungen reinigen], gibt es die Frage, ob dies im Kontext von Religion oder Spiritualität geschehen muss; und ich denke es hat grundlegend nichts mit Religion zu tun.

Was die Spiritualität betrifft, nun gut, davon gibt es zwei Arten: Eine Spiritualität in Verbindung mit Religion und Glauben und eine Spiritualität ohne diese beiden. Die Spiritualität ohne diese beiden, ist das, was wir als „weltliche Ethik“ bezeichnen. „Weltlich“ bedeutet hier nicht eine Ablehnung der Religion, sondern vielmehr eine ausgeglichenen Geisteshaltung und Respekt gegenüber allen Religionen. So ist zum Beispiel in der indischen Verfassung der Respekt für alle Religionen festgeschrieben; es handelt sich dabei um eine weltliche Verfassung. Und obwohl die Gemeinschaft der Parsen und Zoroastrier in Indien sehr klein ist – sie haben, verglichen mit den über eine Milliarde Menschen in Indien, nur einhunderdtausend Mitglieder – haben sie dennoch im Militär und in der Sphäre der Politik eine gleichberechtigte Position inne.

Wenn wir über weltliche Ethik sprechen, impliziert das zudem Ethik für Nicht-Gläubige. Wir können unsere Ethik weiter ausdehnen und selbst Tiere auf der Grundlage von weltlicher Ethik respektieren. Ein weiterer Aspekt der weltlichen Ethik ist zudem, dass wir uns um unsere Umwelt kümmern müssen. Wir müssen also, auch weltlich betrachtet, unseren Geist veredeln; wir müssen die säkulare Ethik kultivieren. Sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten müssen das tun. Die religiösen Systeme können dabei helfen, dass diese universelle Förderung einer weltlichen Ethik weiter zunimmt – die Religionen stellen dabei ein zusätzliches Hilfsmittel dafür dar, dass sich die weltliche Ethik weiter ausbreiten kann. Die Vertreter der Religionen haben sicherlich nicht die Absicht, die weltliche Ethik zu schmälern.

Wenn wir also über weltliche Ethik sprechen, dann nehmen wir eine nichtsektiererische Haltung ein. Wenn irgendeine religiöse Person, die irgendeiner Art von Religion folgt, daran mitwirkt, die weltliche Ethik weiter zu verbreiten, dann handelt es sich bei diesem Menschen wirklich um einen religiösen Praktizierenden. Wenn diese Menschen nicht dazu beitragen, die weltliche Ethik weiter zu verbreiten, dann bezweifle ich sehr – selbst wenn sie in eine Kirche, eine Moschee oder eine Synagoge gehen sollten – dass sie wirklich ernsthafte Praktizierende ihrer Religion sind.