Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Annäherung an den Buddhismus > Einführung in den Buddhismus > „Dharma light“ versus „Der echte Dharma“

„Dharma light“ versus „Der echte Dharma“

Alexander Berzin, März 2002
Übersetzung ins Deutsche: Anke Klinkenberg

Die Wichtigkeit von Wiedergeburt

Der tibetische Buddhismus folgt der indischen Tradition und alle indischen Traditionen setzen den Glauben an eine Wiedergeburt voraus. Selbst wenn Menschen, die in einer Kultur mit buddhistischer Tradition leben, kein tiefes Verständnis davon haben, was Wiedergeburt ist oder wie diese funktioniert, sind sie mit der Idee der Wiedergeburt als einer kulturellen Gegebenheit aufgewachsen. Sie brauchen nur ihr Verständnis zu verbessern, sie müssen nicht von dem Vorhandensein der Wiedergeburt überzeugt werden. Aus diesem Grunde erwähnen Texte des Stufenwegs (tib. lam-rim) nicht einmal den Punkt, wie die Überzeugung des Vorhandenseins der Wiedergeburt zu erreichen ist.

Ohne Wiedergeburt wird die Aussage dass der Geist weder einen Anfang noch ein Ende hat, sinnlos. Ohne anfangs- und end-losen Geist macht die gesamte Darstellung von Karma keinen Sinn, da die karmischen Resultate unserer Handlungen meist nicht in dem Leben heranreifen, in

dem wir diese Handlungen begehen. Wenn man karmische Ursache und Wirkung nicht über die Spanne von mehreren Leben darstellt, kann man auch nicht über die Leerheit von Ursache und Wirkung und das abhängige Entstehen reden.

Mehr noch: Wenn man die drei Arten der Lam-rim-Motivation betrachtet, wie können wir ernsthaft versuchen, etwas für ein besseres zukünftiges Leben zu tun, wenn wir nicht an zukünftige Leben glauben? Wie können wir ernsthaft versuchen, Befreiung von unkontrollierbar auftretender Wiedergeburt (samsara) zu erreichen ohne Glauben an Wiedergeburt? Wie können wir ernsthaft versuchen, Erleuchtung zu erreichen und die Fähigkeit anderen zu helfen, ihrerseits Befreiung von Wiedergeburt zu erlangen,, ohne den Glauben, dass Wiedergeburt eine Tatsache ist?

Betrachtet man die Bodhichitta-Meditation, wie kann man ernsthaft alle Wesen als Müttern früheren Leben betrachten, ohne an frühere Leben zu glauben? Betrachtet man das Anuttarayoga Tantra, wie können wir ernsthaft über die Analogie von Tod, Bardo und Wiedergeburt meditieren um uns vor deren unkontrolliertem Erleben zu schützen, wenn wir nicht glauben, dass es Bardo und Wiedergeburt gibt?

Dies zeigt deutlich, dass Wiedergeburt die Grundlage für einen großen und wichtigen Teil der Dharma-Unterweisungen ist.

„Dharma light“ und „Der echte Dharma“

Die meisten Westler kommen mit dem Dharma ohne bereits vorhandenen Glauben an Wiedergeburt in Berührung. Viele nutzen das Studium und die Praxis des Dharma als eine Methode, um die Lebensqualität dieses Lebens zu verbessern, insbesondere um psychologische und emotionale Probleme zu lösen. Diese Herangehensweise reduziert Dharma auf eine asiatische Form der Psychotherapie.

Ich habe den Begriff „Dharma light“ für diese Herangehensweise an buddhistischen Dharma, analog zu „Coca-Cola Light“ verwendet. Es ist eine schwächere Version, nicht die starke „echte Sache“. Die traditionelle Herangehensweise an Dharma, die nicht nur die Diskussion über Wiedergeburt, sondern auch über die Darstellung der Höllen und die anderen der sechs Daseinsbereiche beinhaltet – habe ich als „Der echte Dharma“ bezeichnet, die nicht-sanfte Version.

Zwei Wege „Dharma light“ zu praktizieren

Es gibt zwei Wege „Dharma light“ zu praktizieren:

  1. Wir können es mit Anerkennung der Wichtigkeit von Wiedergeburt im Buddhismus und der ernsthaften Absicht praktizieren, die korrekten Unterweisungen zu studieren. So haben wir das Ziel, dieses Leben mit Dharma-Methoden zu verbessern. Dies lediglich als Mittel, zukünftige Wiedergeburten zu verbessern und Befreiung und Erleuchtung zu erlangen. So wird „Dharma light“ ein vorläufiger Schritt auf dem Stufenweg zur Erleuchtung, ein Schritt vor der anfänglichen Stufe. Diese Herangehensweise ist in völliger Übereinstimmung mit der buddhistischen Tradition. Sie bezeichnet „Dharma light“ nicht als „die echte Sache“.
  2. Wir praktizieren es in der Annahme, dass „Dharma light“ nicht nur der wirkliche Dharma, sondern auch die für westliche Buddhisten am geeignetste und beste Form sei. So eine Herangehensweise vereinfacht und ist in grober Weise der buddhistischen echte Tradition gegenüber unfair. Sie führt leicht zu einer Haltung kultureller Überheblichkeit.

Aus diesem Grunde müssen wir mit großer Vorsicht vorgehen, wenn wir herausfinden, dass auf unserer momentanen Stufe spiritueller Entwicklung und spirituellen Verstehens „Dharma light“ das Richtige für uns ist.

Schematische Übersicht über „Dharma light“

Buddhismus wird zu „Dharma light“, wenn

  • das Ziel ist, nur dieses Leben zu verbessern;
  • der Lernende wenig oder kein Verständnis buddhistischer Unterweisungen über Wiedergeburt hat;
  • dementsprechend der Lernende weder an zukünftige Leben glaubt noch Interesse daran hat;
  • wenn der Lernende zwar an Wiedergeburt glaubt, aber nicht die sechs Daseinsbereiche für Wiedergeburten akzeptiert;
  • der Dharmalehrer Diskussionen über Wiedergeburt vermeidet oder, falls er (bzw. sie) Wiedergeburt dennoch diskutiert, Diskussionen über die Höllen vermeidet bzw. die sechs Daseinsbereiche auf menschlich psychologische Erfahrungen reduziert.

Schematische Übersicht über „Der echte Dharma“

„Der echte Dharma“ ist die authentische traditionelle Praxis des Buddhismus, wenn

  • der Lernende zumindest von der Wichtigkeit der Wiedergeburt auf dem spirituellen Pfad weiß und den ernsthaften Wunsch hat, ein korrektes Verständnis hiervon zu erreichen;
  • der Lernende entweder das Ziel hat, die Befreiung von unkontrollierbar auftretenden Wiedergeburten zu erreichen oder die Erleuchtung und die Fähigkeit, allen anderen zu helfen, damit sie ihrerseits die Befreiung erreichen;
  • der Lernende das Ziel hat zukünftige Leben zu verbessern und dies nur ein vorläufiger Schritt ist auf dem Weg, Befreiung und Erleuchtung zu erlangen;
  • der Lernende das Ziel hat, dieses Leben zu verbessern, dies nur ein vorläufiger Schritt ist auf dem Weg, zukünftige Leben zu verbessern und Befreiung und Erleuchtung zu erlangen.