Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Dharma im Alltag

Alexander Berzin
Morelia, Mexico, 6. Juni 2000
Übersetzung ins Deutsche: Anke Klinkenberg

Dharma als Vorbeugende Maßnahme

Ich wurde gebeten, über die Praxis von Dharma im Alltag zu sprechen. Zuerst muss man wissen, was „Dharma“ bedeutet. Dharma ist ein Sanskritwort, das wörtlich „vorbeugende Maßnahme“ bedeutet. Es ist etwas, was wir tun, um Probleme zu vermeiden. Um Interesse zu haben, Dharma zu praktizieren, müssen wir erkennen, dass es in unserem Leben Probleme gibt. Das erfordert viel Mut. Viele Leute nehmen weder sich selbst noch ihre Probleme ernst. Sie arbeiten den ganzen Tag hart, dann lenken sie sich abends mit Unterhaltung und ähnlichem ab, weil sie müde sind. Sie sehen nicht wirklich in sich hinein, suchen nicht nach den Problemen in ihrem Leben. Selbst wenn sie ihre Probleme betrachten, wollen sie nicht wirklich anerkennen, dass ihr Leben nicht zufrieden stellend ist, weil dies zu deprimierend wäre. Wir brauchen Mut, um ernsthaft die Qualität unseres Lebens zu untersuchen und um ehrlich zuzugeben, wenn wir es unbefriedigend finden.

Unbefriedigende Situationen und ihre Ursachen

Natürlich gibt es verschiedene Ebenen von Unzufriedenheit. Wir könnten sagen: „Manchmal bin ich in schlechter Stimmung und manchmal läuft es ganz gut, aber das ist in Ordnung. So ist das Leben.“ Wenn wir damit zufrieden sind, ist das in Ordnung. Wenn wir die Hoffnung haben, dass wir die Dinge ein bisschen verbessern können, führt es dazu, dass wir nach einem Weg suchen, dies zu tun. Um Methoden zu finden, die Qualität unseres Lebens zu verbessern, müssen wir die Ursache unserer Probleme finden. Die meisten Menschen suchen im Äußeren nach der Ursache ihrer Probleme. „Ich habe Probleme in meiner Beziehung zu Dir wegen Dir! Du verhältst Dich nicht so, wie ich möchte, dass Du Dich verhältst.“ Wir machen auch die politische und wirtschaftliche Situation für unsere Probleme verantwortlich. Nach einigen psychologischen Schulen können wir traumatische Erlebnisse in unserer Kindheit als Grund für die Probleme, die wir haben, betrachten. Es ist ziemlich einfach, andere für unser Unglücklichsein verantwortlich zu machen. Andere Menschen bzw. soziale oder wirtschaftliche Umstände verantwortlich zu machen, führt jedoch nicht zu einer Lösung. Wenn wir diesen konzeptuellen Rahmen haben, können wir großmütig sein und es mag einigen Nutzen haben, aber die meisten Menschen stellen fest, dass sie dies nicht von ihren psychologischen Problemen und ihrem Unglücklichsein befreit hat.

Der Buddhismus sagt, dass obwohl andere Menschen, die Gesellschaft usw. zu unseren Problemen beitragen, sie jedoch nicht deren wirklicher Ursprung sind. Um die wirkliche Ursache unserer Probleme zu finden, müssen wir in uns hinein sehen. Wenn wir unglücklich sind, ist dies letzten Endes eine Reaktion auf unsere Situation. Verschiedene Menschen reagieren in der gleichen Situation unterschiedlich. Selbst wenn wir nur uns selbst betrachten, stellen wir fest, dass wir auf Probleme von einem Tag zum anderen unterschiedlich reagieren. Wenn die Ursache unseres Problems lediglich die äußere Situation wäre, müssten wir immer auf die gleiche Weise reagieren; dies tun wir jedoch nicht. Es gibt Umstände, die einen Einfluss darauf haben, wie wir reagieren; wie etwa, ob wir einen guten Tag bei der Arbeit hatten. Dies sind jedoch oberflächlich beitragende Faktoren. Sie gehen nicht tief genug.

Wenn wir genau hinsehen, stellen wir fest, dass unsere Einstellung zum Leben, zu uns selbst und zu unserer Situation dazu beitragen, wie wir uns fühlen. Zum Beispiel tun wir uns nicht ständig leid, wenn wir einen guten Tag haben; wenn wir aber keinen guten Tag haben, kommt das Gefühl von Selbstmitleid wieder. Die grundsätzliche Einstellung, die wir zum Leben haben, ist dafür verantwortlich, wie wir es erleben. Wenn wir dies gründlicher untersuchen, stellen wir fest, dass unsere Einstellung auf Verwirrung basiert.

Verwirrung als Ursache von Problemen

Wenn wir „Verwirrung“ untersuchen, stellen wir fest, dass ein Aspekt davon Verwirrung über Grund und Folgen des Verhaltens ist. Wir sind verwirrt bezüglich dessen, was wir tun oder sagen sollten und was als Folge passieren wird. Wir können sehr verwirrt in Bezug darauf sein, was für einen Beruf wir ergreifen sollen, ob wir heiraten sollen, ob wir Kinder haben sollen usw. Wenn wir eine Beziehung zu einer Person eingehen, was wird das Resultat sein? Wir wissen es nicht. Unsere Vorstellungen, was aus dem, was wir tun, folgt, ist lediglich Phantasie. Wir könnten meinen, dass wir, wenn wir eine tiefe Beziehung mit einer bestimmten Person beginnen, immer glücklich sein werden, wie in einem Märchen. Wenn wir in einer Situation aufgebracht sind, meinen wir, dass Geschrei es besser macht. Wir haben eine völlig verworrene Vorstellung davon, wie die andere Person auf das, was wir tun, reagieren wird. Wir denken, alles wird gut werden, wenn wir schreien und unsere Meinung sagen; aber das ist nicht der Fall. Wir möchten wissen, was passieren wird. Verzweifelt wenden wir uns an die Astrologie oder werfen Münzen nach dem „Buch der Wandlungen“, dem „ I Ging“. Warum tun wir so etwas? Wir möchten kontrollieren können, was passiert.

Der Buddhismus sagt; Auf einer tieferen Ebene herrscht Verwirrung, darüber, wie wir und andere existieren und wie die Welt existiert. Wir sind bezüglich der gesamten Problematik von Kontrolle verwirrt. Wir meinen, dass es möglich ist, alles, was uns passiert, völlig zu kontrollieren. Deshalb sind wir unzufrieden. Es ist aber nicht möglich, immer zu kontrollieren, das geht in der Realität nicht. Die Realität ist sehr vielschichtig. Viele Dinge beeinflussen, was geschieht; nicht nur das, was wir tun. Es ist nicht so, dass wir überhaupt keinen Einfluss haben und dass wir von äußeren Faktoren manipuliert werden. Wir tragen zu dem, was geschieht bei, aber wir sind nicht der einzige Faktor, der entscheidet, was passiert.

Aufgrund unserer eigenen Verwirrung und Unsicherheit handeln wir häufig zerstörerisch, ohne überhaupt zu wissen, dass dies zerstörerisches Verhalten ist. Dies geschieht, da wir uns unter dem Einfluss von störenden Emotionen, störenden Ansichten und zwanghaften Antrieben befinden, die durch unsere Gewohnheiten hervorgerufen werden. Wir handeln nicht nur anderen gegenüber destruktiv, wir handeln in erster Linie in selbstzerstörerischer Weise. Mit anderen Worten, wir schaffen uns selbst mehr Probleme. Wenn wir weniger Probleme oder die Freiheit von unseren Problemen haben möchten, oder sogar noch mehr, die Fähigkeit, anderen zu helfen, sich von ihren Problemen zu befreien, müssen wir die Ursache unserer Beschränkungen erkennen.

Befreiung von unserer Verwirrung

Nehmen wir an, wir können erkennen, dass die Ursache unserer Probleme Verwirrung ist. Das ist nicht zu schwierig. Viele erreichen den Punkt zu sagen; „Ich bin wirklich verwirrt, ich bin total fertig.“ Was dann? Bevor wir losgehen um Geld für diesen Kurs oder jenes Retreat auszugeben, müssen wir genau überlegen, ob wir wirklich überzeugt sind, dass es möglich ist, unsere Verwirrung zu beseitigen. Wenn wir nicht davon überzeugt sind, dass es möglich ist, unsere Verwirrung zu beseitigen, was versuchen wir dann? Es ist nicht sehr konsequent, wenn wir nur die Hoffnung haben, dass es möglich ist, unsere Verwirrung zu beseitigen. Es ist Wunschdenken.

Wir könnten der Ansicht sein, dass Freiheit auf verschiedene Arten kommen kann. Wir könnten denken, dass jemand uns retten wird. Es könnte ein höheres, göttliches Wesen, wie etwa Gott, sein; und wir werden fanatische Gläubige. Alternativ könnten wir nach einem geistigen Lehrer, einem Partner oder jemand anderem suchen, der uns aus der Verwirrung rettet. In einer solchen Situation wird man leicht von der anderen Person abhängig und benimmt sich unreif. Wir sind oft so verzweifelt auf der Suche nach jemand, der uns rettet, dass wir kritiklos sind, wenn wir uns jemandem zuwenden. Es könnte sein, dass wir jemanden wählen, der selbst nicht frei von Verwirrung ist und der uns aufgrund seiner eigenen verworrenen Emotionen und Ansichten wegen unserer naiven Abhängigkeit übervorteilt. Das ist keine sinnvolle Vorgehensweise. Wir können nicht von einem spirituellen Lehrer oder einer Beziehung erwarten, unsere Verwirrung zu beseitigen. Wir müssen unsere Verwirrung selber beseitigen.

Eine Beziehung zu einem geistigen Lehrer oder zu einem Partner kann für hilfreiche Umstände sorgen, aber nur, wenn es sich um eine gesunde Beziehung handelt. Wenn diese ungesund ist, verschlimmert es sich nur. Es führt zu mehr Verwirrung. Am Beginn können wir in einem tiefen Zustand der Verdrängung sein, wir denken, der Lehrer sei perfekt, der Partner sei perfekt; aber am Ende wird unsere Naivität vergehen. Wenn wir beginnen die Schwächen der anderen Person zu sehen und dass die andere Person uns nicht von unserer Verwirrung retten wird, zerbrechen wir. Wir fühlen uns verraten. Unser Glaube und unser Vertrauen sind betrogen worden. Das ist ein schreckliches Gefühl! Es ist sehr wichtig, dies von Anfang an zu vermeiden. Wir müssen Dharma – vorbeugende Maßnahmen - anwenden. Wir müssen verstehen, was möglich ist und was nicht. Was kann ein spiritueller Lehrer tun und was kann ein spiritueller Lehrer nicht tun. Wir müssen vorbeugende Maßnahmen ergreifen um nicht zu zerbrechen.

Wir müssen einen geistigen Zustand entwickeln, der frei von Verwirrung ist. Das Gegenteil von Verwirrung, Verstehen, verhindert, dass Verwirrung auftritt. Unsere Aufgabe im Dharma ist es, in uns hineinzusehen und aufmerksam gegenüber unseren Absichten, unseren verwirrenden Emotionen und unserem impulsiven, zwanghaften und neurotischen Verhalten zu sein. Dies bedeutet, dass wir bereit sein müssen, Dinge in uns selbst zu sehen, die nicht so schön sind, Dinge, die wir eher bestreiten würden. Wenn wir Dinge bemerken, die unsere Probleme verursachen oder Symptome unserer Probleme sind, müssen wir das Gegenteil anwenden, um sie zu überwinden. All dieses setzt Studium und Meditation voraus. Wir müssen lernen, verwirrende Emotionen und Absichten zu erkennen, und woher sie kommen.

Meditation

Meditation bedeutet, dass wir die verschiedenen Gegenmittel in einer kontrollierten Situation anwenden, so dass wir damit vertraut werden, wie man sie anwendet und dies im wirklichen Leben tun können. Zum Beispiel werden wir wütend auf andere, wenn sie sich nicht so verhalten, wie wir es gerne hätten. In der Meditation denken wir an derartige Situationen und versuchen, sie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die andere Person handelt aus vielen verschiedenen Gründen in inakzeptabler Weise. Er oder sie handelt nicht notwendigerweise aus Bosheit, weil er oder sie uns nicht liebt. In der Meditation versuchen wir Ansichten aufzugeben wie: „Mein Freund/meine Freundin liebt mich nicht mehr, weil er oder sie mich nicht angerufen hat.“

Wenn wir es schaffen, in einer derartigen Situation entspannter, verständnisvoller und geduldiger zu sein, werden wir, wenn diese Person uns nicht anruft, nicht so ärgerlich. Wenn wir ärgerlich zu werden beginnen, erinnern wir uns, dass diese Person vielleicht sehr beschäftigt ist und es egozentrisch ist, zu denken, dass wir die wichtigste Person in seinem oder ihrem Leben seien. Dies hilft uns, unseren gefühlsmäßigen Ärger zu beruhigen.

Dharma ist eine Vollzeitbeschäftigung

Dharmapraxis ist kein Hobby. Es ist nicht etwas, das wir als Sport oder zur Entspannung machen. Wir gehen nicht nur in ein Dharma-Zentrum, um Teil einer Gruppe oder in einer freundschaftlichen Atmosphäre zu sein. Es mag nett sein, hinzugehen, aber das ist nicht der Zweck. Wir gehen auch nicht in ein Dharma Zentrum wie ein Süchtiger, um unsere Dosis zu bekommen – eine Inspirations-Dosis von einem charismatischen, unterhaltenden Lehrer, der dafür sorgt, dass wir uns gut fühlen. Wenn wir dies tun, gehen wir nach Hause, fühlen uns schlecht und brauchen eine neue Dosis. Dharma ist keine Droge. Lehrer sind keine Drogen. Dharmapraxis ist eine Vollzeitbeschäftigung. Wir sprechen davon, an unseren Einstellungen gegenüber allem in unserem Leben zu arbeiten. Wenn wir beispielsweise daran arbeiten, unsere Liebe allen fühlenden Wesen gegenüber zu entwickeln, müssen wir dies in unserer Familie anwenden. Viele Leute sitzen in ihren Zimmern und meditieren über Liebe, aber sie können sich mit ihren Eltern oder Partnern nicht vertragen. Das ist traurig.

Extreme vermeiden

Wenn wir versuchen, Dharma in realen Lebensumständen zu Hause und bei der Arbeit anzuwenden, müssen wir Extreme vermeiden. Eines dieser Extreme ist, den anderen jede Schuld zuzuschieben. Das andere Extrem ist, uns selbst alle Schuld zu geben. Was im Leben passiert, ist ziemlich vielschichtig. Beide Seiten sind beteiligt, andere sind beteiligt, wir sind beteiligt. Wir können versuchen, andere zu veranlassen, ihr Verhalten und ihre Absichten zu ändern. Ich bin jedoch sicher, dass wir aus eigener Erfahrung wissen, dass dies nicht sehr einfach ist – insbesondere, wenn wir andere in selbstgerechter, „heiliger“ Art und Weise beschuldigen Sünder zu sein. Es ist sehr viel einfacher, sich selbst zu ändern. Wir können zwar anderen Vorschläge machen, wenn sie dafür aufgeschlossen sind und wenn sie aufgrund unserer Vorschläge nicht noch aggressiver werden. Die Hauptarbeit wird jedoch uns selbst betreffen.

Wenn wir an uns selber arbeiten, müssen wir ein weiteres Paar Extreme beachten: Völlig von unseren eigenen Gefühlen gelenkt zu werden oder sie in keiner Weise zu beachten. Das erste ist narzisstische Voreingenommenheit. Wir sind völlig damit beschäftigt, was wir selbst fühlen. Wir neigen dazu zu ignorieren, was andere empfinden. Wir gehen davon aus, dass das, was wir selbst fühlen sehr viel wichtiger ist als das, was andere Leute fühlen. Das andere Extrem ist: Wir können wir nicht feststellen, was wir fühlen oder wir fühlen überhaupt nichts, so als wären alle unsere Gefühle betäubt. Diese Extreme zu vermeiden erfordert eine präzise Balance. Das ist nicht einfach.

Wenn wir uns ständig selbst beobachten, schafft dies eine künstliche Dualität – wir selbst und was wir fühlen oder tun – und so können wir nicht wirklich auf jemanden eingehen oder mit jemandem zusammen sein. Die wirkliche Kunst ist es, natürlich und ehrlich zu reagieren und zu handeln, während ein Teil von unserer Aufmerksamkeit konzentriert auf unsere Motivation und so weiter. Auf jeden Fall müssen wir dies versuchen, ohne so zusammenhanglos zu handeln, dass wir für diese andere Person praktisch nicht präsent sind. Ich sollte gleichermaßen betonen, dass es manchmal hilfreich ist, der anderen Person mitzuteilen, dass wir gerade unsere Motivation und unsere Gefühle überprüfen, während wir mit ihr zusammen sind. Allerdings ist es ziemlich narzisstisch zu behaupten, dass man dies sagen muss. Häufig interessiert es andere nicht was wir empfinden. Es ist sehr anmaßend zu meinen, dass sie dies wissen wollen. Wenn wir feststellen, dass wir anfangen selbstsüchtig zu handeln, können wir einfach damit aufhören. Wie müssen es nicht verkünden.

Ein weiteres Paar Extreme ist, dass wir komplett schlecht oder komplett gut sind. Wenn wir eine zu starke Betonung auf unsere Schwierigkeiten, unsere Probleme, unsere verwirrten Emotionen legen, könnten wir anfangen zu meinen, dass wir schlechte Menschen sind. Daraus entwickeln sich leicht Schuldgefühle. „Ich sollte praktizieren. Wenn ich es nicht tue, bin ich ein schlechter Mensch.“ Dies ist eine sehr neurotische Grundlage für die Praxis.

Wir sollten auch das andere Extrem vermeiden, eine zu starke Betonung auf unsere positiven Seiten zu legen. „Wir sind völlig perfekt. Betrachte nur deine Buddha-Natur. Alles ist wunderbar.“ Das ist sehr gefährlich, denn es könnte bedeuten, dass wir gar nichts aufgeben müssen, dass wir unsere negativen Eigenschaften nicht beenden müssen; dass es reicht, unsere Buddha-Natur zu erkennen. „Ich bin wunderbar. Ich bin perfekt. Ich muss mein negatives Verhalten nicht ändern.“ Wir brauchen Ausgewogenheit. Wenn wir zu sehr auf uns selbst herabsehen, müssen wir uns an unsere Buddha-Natur erinnern, wenn wir selbstherrlich werden, müssen wir unsere negativen Seiten stärker hervorheben.

Verantwortung übernehmen

Grundsätzlich müssen wir Verantwortung für uns selbst und unsere Entwicklung übernehmen, wir müssen uns von unseren Problemen befreien. Natürlich brauchen wir Hilfe. Es ist nicht einfach, es selbst zu tun. Hilfe können wir von unseren geistigen Lehrern und von unserer spirituellen Gemeinschaft erhalten, von Menschen, die ähnlich denken wie wir und die an sich selbst arbeiten und nicht andere für ihre Probleme verantwortlich machen. Dies ist der Grund, warum es in einer Partnerschaft wichtig ist, die gleichen Ansichten zu haben und nicht den jeweils anderen für alle auftretenden Probleme verantwortlich zu machen. Wenn beide Partner sich gegenseitig beschuldigen, funktioniert es nicht. Wenn nur ein Partner an sich selbst arbeitet und der andere bloß kritisiert, funktioniert es ebenfalls nicht. Wenn wir uns bereits in einer Beziehung befinden, in der die andere Person uns beschuldigt, wir selbst jedoch herauszufinden versuchen, was wir beitragen könnten, bedeutet dies nicht, dass wir die Beziehung abbrechen müssen; aber es ist schwieriger. Wir müssen versuchen zu vermeiden, der Märtyrer in dieser Beziehung zu sein. „Ich muss all dies ertragen! Es ist schwierig!“ Das kann ziemlich neurotisch sein.

Inspiration erhalten

Die Art der Unterstützung, die wir von einem geistigen Lehrer, einer gleichgesinnten spirituellen Gemeinschaft oder Freunden erhalten, wird manchmal „Inspiration“ genannt. Buddhistische Unterweisungen betonen sehr die Wichtigkeit, Inspiration von den Drei Juwelen, von Lehrern usw. zu erhalten. Das tibetische Wort ist „ jinlab“ (tib. byin-rlabs), was normalerweise mit „Segen“ übersetzt wird, was eine unpassende Übersetzung ist. Wir benötigen Inspiration. Wir brauchen eine Art Stärke um weiterzumachen.

Der Weg des Dharma ist kein leichter Weg. Es bedeutet, sich mit der Hässlichkeit des Lebens auseinanderzusetzen. Wir benötigen zuverlässige Quellen der Inspiration. Wenn die Basis unserer Inspiration Lehrer sind, die phantastische Geschichten von Wundern und ähnlichem über sich selbst und andere in der buddhistischen Geschichte erzählen, wird das keine sehr zuverlässige Basis sein. Das kann sicherlich sehr spannend sein, aber wir müssen untersuchen, welchen Einfluss es auf uns hat. Bei vielen Leuten verstärkt es eine Phantasiewelt, in der wir wünschen, durch Wunder errettet zu werden. Wir stellen uns vor, dass ein großartiger Magier uns mit Hilfe seiner oder ihrer Wunderkräfte erretten wird und dass wir plötzlich selber in der Lage sein werden, derartige Wunderdinge zu vollbringen. Wir müssen sehr vorsichtig in Bezug auf derartige Phantasiegeschichten sein. Sie können unseren Glauben etc. inspirieren und das kann hilfreich sein, aber es ist keine stabile Grundlage für Inspiration. Wir benötigen eine zuverlässige Grundlage.

Ein perfektes Beispiel ist der Buddha. Buddha hat nicht versucht, Menschen dadurch zu inspirieren oder zu beeindrucken, dass er phantastische Geschichten erzählte. Er machte sich nicht wichtig, indem er umherging und Leute segnete oder ähnliches. Buddha verwandte den Vergleich, der in allen buddhistischen Unterweisungen wiederholt wird, dass ein Buddha wie die Sonne ist. Die Sonne versucht nicht, die Menschen zu wärmen. Natürlich wärmt die Sonne jeden dadurch, dass sie ist, wie sie ist. Obwohl uns das Hören von phantastischen Geschichten, das Berühren unseres Kopfes mit einer Statue oder das Erhalten einer roten Schnur begeistern kann, ist dies nicht stabil. Eine stabile Basis der Inspiration ist die Art, wie ein Lehrer sich spontan und natürlich verhält – sein oder ihr Charakter, die Art, wie er oder sie sich als Resultat der Dharmapraxis verhält. Das ist inspirierend, nicht etwas, was eine Person tut um uns zu unterhalten. Obwohl es nicht so aufregend ist wie eine phantastische Geschichte, gibt es uns ein zuverlässiges Gefühl von Inspiration.

Während wir uns weiterentwickeln, können wir von unserer eigenen Weiterentwicklung inspiriert werden, nicht davon, dass wir wunderbare Kräfte bekommen, sondern davon, wie sich unser Charakter langsam verändert. Die Unterweisungen betonen immer das Erfreuen an unseren eigenen positiven Handlungen. Es ist sehr wichtig, sich daran zu erinnern, dass dieser Prozess nie linear verläuft. Es wird nicht einfach an jedem Tag besser. Ein Merkmal von Samsara ist, dass unsere Stimmungen rauf und runter gehen, bis wir vollständig von Samsara befreit sind, was ein unglaublich fortgeschrittener Zustand ist. Wir müssen davon ausgehen, dass wir manchmal glücklich und manchmal unglücklich sind. Manchmal werden wir in der Lage sein, positiv zu handeln und zu anderen Zeiten sind unsere neurotischen Verhaltensweisen übermächtig. Es geht rauf und runter. Wunder passieren normalerweise nicht.

Die Unterweisungen über das Vermeiden der acht weltlichen Dharmas betonen, nicht überheblich zu werden, wenn alles gut läuft und nicht depressiv zu werden, wenn es nicht gut läuft. Das ist das Leben. Wir müssen die langfristigen Wirkungen betrachten, nicht die kurzfristigen. Haben wir z. B. fünf Jahre praktiziert, gibt es im Vergleich zu vor fünf Jahren große Fortschritte. Selbst wenn wir manchmal enttäuscht sind, zeigt es, dass wir Fortschritte gemacht haben, wenn wir feststellen, dass wir in der Lage sind, in bestimmten Situationen ruhiger, vernünftiger und mit Herz zu reagieren. Das ist inspirierend. Das ist nicht dramatisch, obwohl wir gerne dramatisch sein möchten und uns an einem dramatischen Auftritt berauschen möchten. Es ist aber eine solide Inspiration.

Pragmatisch sein

Wir müssen pragmatisch und bodenständig sein. Wenn wir Bereinigungsübungen, wie Vajrasattva-Praxis machen, ist es wichtig, nicht zu denken, dass der Heilige Vajrasattva uns reinigt. Es gibt keine äußere Erscheinung, keinen großen Heiligen, der uns retten und mit Bereinigung segnen wird. Das ist es auf keinen Fall. Vajrasattva steht für die natürliche Reinheit des Bewusstseins des klaren Lichts, das nicht inhärent von Verwirrung befleckt ist. Verwirrung kann entfernt werden. Es geschieht durch das Erkennen der natürlichen Reinheit des Bewusstseins, durch unsere eigenen Bemühungen, dass wir Schuld, negative Potentiale usw. loslassen können. Dies ermöglicht es dem Bereinigungsprozess, zu wirken.

Weiter müssen wir, indem wir all dies praktizieren und dadurch, dass wir versuchen, Dharma in unser tägliches Leben zu integrieren, unser Niveau erkennen und akzeptieren. Es ist entscheidend, nicht überheblich zu sein und zu meinen, auf einer höheren Ebene zu sein, als wir es jetzt sind.

Sich dem Dharma vor christlichem Hintergrund nähern

Die meisten von uns kommen aus einem christlichen Umfeld. Wenn wir uns mit dem Dharma beschäftigen und anfangen zu studieren, müssen wir nicht annehmen, dass wir das Christentum aufgeben und zum Buddhismus konvertieren müssen. Dennoch ist es wichtig, beides nicht miteinander zu vermischen. Wir machen keine drei Niederwerfungen vor dem Altar bevor wir uns in der Kirche hinsetzen. Genauso visualisieren wir, wenn wir den Buddhismus praktizieren, nicht die Jungfrau Maria, wir visualisieren Buddhas. Wir praktizieren jedes für sich. Wenn wir in die Kirche gehen, gehen wir einfach in die Kirche; wenn wir eine buddhistische Meditation machen, machen wir eine buddhistische Meditation. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, wie die Betonung von Liebe, anderen zu helfen usw. Es gibt keinen Konflikt auf dem anfänglichen Niveau. Wenn wir Liebe, Wohltätigkeit und Hilfsbereitschaft praktizieren, sind wir beides, gute Christen und gute Buddhisten. Letztendlich werden wir jedoch eine Wahl treffen müssen, allerdings nur, wenn wir bereit sind, unsere gesamte Energie dafür einzusetzen, entscheidenden spirituellen Fortschritt zu erzielen. Wenn wir die oberste Etage eines Gebäudes erreichen wollen, können wir nicht zwei Treppenhäuser gleichzeitig hochgehen. Ich glaube, das ist ein sehr hilfreiches Bild. Wenn wir nur im Parterre, in der Lobby bleiben wollen, in Ordnung. Wir müssen uns darüber keine Sorgen machen. Wir können von beidem profitieren.

Unangebrachte Loyalität vermeiden

Wenn wir Dharma in unserem Leben nutzen möchten, müssen wir darauf achten, unseren ursprünglichen Glauben nicht als schlecht oder minderwertig zurückzuweisen. Dies wäre ein großer Fehler. So könnten wir beispielsweise ein fanatischer Buddhist oder ein fanatischer Anti-Christ werden. Menschen tun dies auch mit Kommunismus und Demokratie. Ein psychologischer Mechanismus, genannt unangebrachte Loyalität, kommt dann zum Tragen. Wir möchten unseren Familien, unserer Herkunft usw. gegenüber loyal sein; genauso wollen wir dem Christentum gegenüber loyal sein, obwohl wir uns davon distanziert haben. Wir meinen, dass wir selbst völlig schlecht seien, wenn wir unserer Herkunft gegenüber nicht loyal sind und uns von ihr als vollständig schlecht distanzieren. Da dies ausgesprochen unangenehm ist, haben wir unbewusst das Gefühl, dass wir etwas bei unserer Herkunft finden müssen, dem gegenüber wir loyal sein können.

Die Neigung, bestimmten weniger vorteilhaften Aspekten unserer Herkunft gegenüber loyal zu sein, ist unbewusst. Beispielsweise mögen wir uns vom Christentum distanzieren, aber wir bringen eine große Furcht vor den Höllen mit in den Buddhismus. Einer meiner Freunde war ein strenggläubiger Christ, sie wandte sich sehr entschlossen dem Buddhismus zu; aber dann hatte sie eine schwerwiegende Krise. „Ich habe das Christentum aufgegeben, also komme ich in die christliche Hölle; aber wenn ich den Buddhismus aufgebe und zum Christentum zurückkehre, komme ich in die buddhistische Hölle.“ Obwohl das lustig klingen mag, war es für sie ein wirklich schwerwiegendes Problem.

Häufig übertragen wir unbewusst einige christliche Ansichten auf unsere buddhistische Praxis. Die gebräuchlichsten sind Schuld und die Suche nach Wundern und anderen Personen, die uns retten sollen. Wenn wir nicht praktizieren, haben wir das Gefühl, wir sollten praktizieren; wenn wir dies nicht tun, sind wir schuldig. Diese Ideen sind überhaupt nicht hilfreich. Wir müssen merken, wenn wir uns so verhalten. Wir müssen unsere Herkunft untersuchen und ihre positiven Aspekte erkennen, so dass wir diesen gegenüber loyal sein können, anstatt den negativen Dingen gegenüber. Statt: „Ich habe das Schuldgefühl und die Suche nach Wundern geerbt“, können wir denken: „Ich habe die christliche Tradition von Liebe, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gegenüber Unglücklichen geerbt.“

Wir können das gleiche bei unseren Familien tun. Es ist möglich, sie abzulehnen und dann unbewusst ihren negativen Traditionen gegenüber loyal zu sein, statt bewusst ihren positiven Traditionen gegenüber loyal zu sein. Wenn wir beispielsweise akzeptieren, dass wir ihnen für die christliche Herkunft, die wir von ihr erhalten haben, dankbar sind, können wir unseren Weg weitergehen, ohne Konflikte mit unserer Vergangenheit und ohne negative Gefühle, die unseren Fortschritt ständig behindern.

Es ist wichtig, zu versuchen, diese psychologische Gesetzmäßigkeit zu verstehen. Wenn wir unsere Vergangenheit – unsere Familien, unsere Herkunftsreligion oder was immer – als negativ ansehen, haben wir uns selbst gegenüber eine negative Haltung. Wenn wir auf der anderen Seite die positiven Dinge unserer Herkunft und unserer Vergangenheit anerkennen können, tendieren wir gegenüber uns selbst zu einer eher positiven Haltung. Dies hilft uns auf unserem spirituellen Weg stabiler zu sein.

Abschließende Anmerkungen

Wir müssen langsam weiter gehen, Schritt für Schritt. Wenn wir sehr fortgeschrittene Unterweisungen hören, zu tantrischen Einweihungen gehen usw., müssen wir entscheiden, ob etwas für uns zu weit fortgeschritten ist oder ob es etwas ist, das wir in die Praxis umsetzen können; obwohl große Meister der Vergangenheit gesagt haben: „Sobald ihr Unterweisungen gehört habt, wendet sie sofort an.“ Ist etwas zu fortgeschritten, müssen wir die einzelnen Schritte ergründen, die wir vornehmen müssen um uns darauf vorzubereiten, diese in die Praxis umzusetzen; dann müssen wir diesen Schritten folgen. Einer meiner Lehrer, Geshe Ngawang Dhargyey, sagte: „Wenn wir Phantasiemethoden praktizieren, erhalten wir eingebildete Resultate, wenn wir vernünftige Methoden anwenden, werden wir vernünftige Resultate erzielen.“