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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Das Tägliche Leben und die Praxis von Buddhisten im Westen

Alexander Berzin
Riga, Lettland, Juli 2008
Übersetzung ins Deutsche: Annette Panić
Lektorat: Monika Dräger

Gibt es für praktizierende Buddhisten im modernen Westen besondere Schwierigkeiten?

Ich wurde gebeten, über dieses Thema zu sprechen: Das tägliche Leben und die Praxis des Buddhismus im Westen. Ich denke, die erste Frage, die sich stellt ist die: Ist an der Praxis des Buddhismus im Westen etwas besonderes, was sich von der Praxis des Buddhismus an anderen Orten und zu anderen Zeiten in der Geschichte unterscheidet? Ist an uns irgendetwas Besonderes? Und warum sollte es uns interessieren, wenn heutzutage im Westen bei uns etwas Besonderes wäre? Ein guter Grund könnte der sein, dass wir verschiedene Schwierigkeiten haben und gern wissen würden, ob es zusätzliche Schwierigkeiten gibt, die wir haben, an denen wir arbeiten und die wir überwinden müssen. Oder es könnte ein viel weniger edler Grund vorliegen und wir könnten nach einer Ausrede suchen, nicht so sehr und intensiv praktizieren zu müssen, wie andere Menschen in anderen Teilen der Welt und in anderen Zeiten. Wir suchen mit anderen Worten nach einem günstigen Angebot, Erleuchtung auf billige Weise zu bekommen. Lassen Sie uns also von dieser Art der Motivation absehen und einen ernsthafteren Blick darauf werfen, ob wir irgendwelche besonderen Schwierigkeiten haben.

Wenn wir uns nun die grundlegendsten Dinge ansehen, die für den buddhistischen Pfad notwendig sind und an denen wir arbeiten müssen, meine ich, dass wir sagen müssten, dass wir ganz und gar nichts Besonderes sind. Ich glaube nicht, dass wir sagen könnten, heutzutage im Westen, in der heutigen Zeit, mehr Ärger, mehr Gier, oder mehr Selbstsucht zu haben, als die Menschen in anderen Teilen der Welt oder in der Vergangenheit. Menschen haben überall in diesem Universum und zu allen Zeiten mit den gleichen störenden Emotionen gearbeitet. Heutzutage ist es also nichts Besonderes, oder? Und die Anzahl der fühlenden Wesen ist nicht größer geworden. Zu jeder Zeit und überall standen wir, stand jeder, der unfassbaren Herausforderung gegenüber, Erleuchtung erreichen zu wollen, um so vielen Menschen nutzen zu können. Ich sollte sagen: so vielen Wesen. Das ist also das Gleiche.

Wir haben also – wenn wir es im Sinne des Stufenweges betrachten – über Lam-rim, die mittlere Ebene gesprochen, auf der wir die Befreiung von störenden Emotionen anstreben. Es ist das Gleiche, ob jetzt, in der Vergangenheit oder anderswo. Wir arbeiten zum Nutzen aller auf die Erleuchtung hin. Es ist das Gleiche. Die Anzahl der Wesen ist so, wie sie immer war. Und wenn wir über die anfängliche Ebene reden – verzeihen Sie mir, dass ich nicht in der richtigen Reihenfolge rede, aber die anfängliche Ebene zielt darauf ab, zukünftige Leben zu verbessern, um zu garantieren, dass wir weiterhin eine kostbare menschliche Wiedergeburt haben werden. Nun, das hat sich überhaupt nicht geändert, oder? Wir alle haben anfangslose geistige Kontinua. Das bedeutet, dass wir in anderen Teilen der Welt, in anderen Teilen des Universums und in allen vergangenen Zeiten geboren wurden und uns standen immer künftige Wiedergeburten bevor und wir mussten versuchen, sicherzustellen, dass wir eine kostbare menschliche Wiedergeburt erlangen würden. Das ist das Gleiche. Was ist also anders daran? Ist daran irgendetwas anders?

Nun, manche Menschen mögen sagen, dass unsere Umstände anders sind. Zum Beispiel ist unser Leben voller Stress, wir sind sehr beschäftigt. Aber war ein Farmer, der sich zur Zeit des Mittelalters abmühte und in den Feldern sechzehn Stunden oder mehr arbeiten musste, weniger beschäftigt, als wir mit unserer Arbeit im Büro? Deren Aktivität war vielleicht anders, aber sie waren mit Sicherheit genauso beschäftigt. Und wie war es bei den Höhlenmenschen? Hatten sie nicht eine Menge Stress und viele Ängste wegen der wilden Tiere und ähnlichen Dingen? Sie hatten sehr viele Ängste. Es gab die Angst vor Blitz und Donner, vor Dingen, die sie nicht kannten. Menschen haben immer mit Ängsten und Stress gelebt, nicht wahr?

Und wie war es, zur Zeit der Beulenpest zu leben? Wir meinen, wir hätten heutzutage Stress und Ängste. Aber wie wäre es, wenn wir in diesen Zeiten leben würden? Deshalb meine ich nicht, dass wir sagen könnten, es wäre etwas besonderes, dass unser Leben so ausgelastet und stressig ist. Es mag eine andere Form von Geschäftigkeit, eine andere Form von Stress sein, was die Aktivitäten betrifft, denen wir nachgehen. Aber Stress, Sorgen und keine Zeit? Das gab es schon immer und überall.

Nun, wir könnten auch sagen, dass unsere Gesellschaft, unsere Kultur, viele oder keine der grundlegenden Annahmen teilt, die es im Buddhismus gibt. Und auf diese Weise ist es uns wirklich fremd. Aber betrachten wir das Beispiel, wie der Buddhismus nach China gekommen ist: die Chinesen glaubten nicht an Wiedergeburt. Der Glaube der Chinesen richtete sich immer an die Vorfahren. Und wenn man stirbt, gibt es eine Art geistige Kraft, oder eine Seele, der Vorfahren, die weiter bestehen bleibt. Und man muss den Vorfahren Opfergaben darbringen. Das ist etwas ganz anderes als die Wiedergeburt, nicht wahr? Betrachten wir einmal die Wiedergeburt, so sehen wir, dass die Vorfahren – die Seelen der Vorfahren – nicht mehr da sind. Und so dauerte es eine ganze Weile bis die Chinesen einen Großteil dieser sehr fundamentalen, grundlegenden buddhistischen Konzepte verstanden. Wenn wir also mit einer ähnlichen Herausforderung konfrontiert werden, ist es nichts Neues. Es ist nichts Besonderes.

Ich glaube also, zu erkennen, dass wir nichts „Besonderes“ sind, kann sehr hilfreich sein. Stellen Sie sich Teenager vor und nicht unbedingt nur Teenager, sondern Menschen, die ein bestimmtes Problem haben. Zum Beispiel Menschen, deren Eltern Alkoholiker waren, oder ähnliches. Sie denken oft: „Ich bin der Einzige, der dieses Problem hat.“ Und dann wird es in ihren Augen wirklich zu einem riesengroßen Problem. Wenn sie aber merken, dass es viele andere gibt, die ein ähnliches Problem haben, dann sind sie nicht allein; sie fühlen sich nicht allein. Ihr Problem passt in einen größeren Kontext. Sie bekommen dazu eine ganz andere Perspektive. Und im Idealfall entwickeln sie Mitgefühl für alle anderen mit einem ähnlichen Problem. Anstatt es einfach nur als „mein“ Problem zu sehen, beginnen sie es als „unser Problem“ zu betrachten. Wenn etwas „unser“ Problem ist, anstatt „mein“ Problem, dann ist es emotional und psychologisch etwas ganz anderes. Und ich denke, es ist das Gleiche in Bezug auf die tägliche Praxis des Buddhismus. Es ist wirklich jedermanns Problem. Wie können wir den Buddhismus im Leben anwenden? Es ist nicht „mein“ spezielles Problem, es geht nicht um „mich“ persönlich, oder um „mich“, der ich kulturell und individuell im Westen lebe, jetzt, in unserer heutigen Zeit. Lediglich die Umstände sind anders – in gewisser Hinsicht. Ich sollte eher sagen: Die Details sind anders.

Buddhismus als Modeerscheinung

Nun, es gibt viele verschiedene Ebenen der Praxis des Buddhismus und wie wir ihn in unserem täglichen Leben anwenden können. Es gibt eine sehr oberflächliche Ebene, die nicht wirklich dazu beiträgt, uns innerlich zu verändern. Und dann gibt es eine tiefere Ebene, auf der wir tatsächlich an uns selbst, an unserem Charakter, arbeiten und auf die Ziele der Befreiung und Erleuchtung hinarbeiten. Am Anfang sind viele Menschen von dieser oberflächlichen Ebene angezogen und befassen sich mit äußerlichen Dingen. Mit äußerlichen Dingen meine ich, dass man denkt, eine rote Segensschnur um den Hals, am Handgelenk oder an beiden tragen zu müssen und eine Mala – eine Gebetskette – am anderen Handgelenk und dann, während man läuft oder sitzt, nimmt man die Gebetskette und murmelt etwas vor sich hin. Und wir meinen, einen guten Vorrat an Räucherstäbchen und Kerzen und all die passenden Meditationskissen, tibetischen Gemälde und Bilder haben zu müssen und wenn wir wirklich diese Richtung einschlagen, dann beginnen wir vielleicht sogar eine Art tibetische Kleidung zu tragen.

Ich errinnere mich, als ich 1969 das erste Mal nach Indien kam und begann, dort zu leben. Die Hippie-Ära war auf ihrem Höhepunkt und zu der Zeit gab es dort nur sehr wenige Menschen aus dem Westen. Aber viele von ihnen kleideten sich vollständig in exotischen tibetischen Gewändern, Trachten und solchen Dingen. Und ich habe diese ganze Sache eher verurteilt und dachte, es sei beleidigend gegenüber den Tibetern, dass diese Westler sie einfach nachahmten und kopierten. Zu dieser Zeit lebte ich bei einem tibetischen Mönch. Ich fragte ihn also: „Was denken die Tibeter über diese Westler, die in tibetischer Kleidung herumlaufen?“ Und er sagte: „Wir haben das Gefühl, dass sie tibetische Kleidung mögen.“ Es wurde also nicht im Geringsten verurteilt. Das war wirklich sehr hilfreich.

Aber ob wir das nun verurteilen oder nicht: das Ändern unserer Kleidung oder das Tragen einer Gebetskette am Handgelenk oder vieler Segensschnüre oder roter Bänder um den Hals, wird uns nicht wirklich sehr verändern, insbesondere nicht innerlich. Meiner Meinung nach ist es besonders im Westen nicht so ein gute Idee, mit all diesen Dingen herumzulaufen, denn es führt dazu, dass sich die anderen Menschen über uns lustig machen. Wenn eine Frau ein sehr schönes, elegantes Kleid für eine Abendveranstaltung und dazu schmutzige rote Bänder um den Hals trägt, sieht das nicht sehr passend aus, oder? Ich gebe den Menschen also immer den Rat, wenn sie diese roten Segensbänder behalten möchten, sie in ihrer Brieftasche, in ihrer Handtasche oder ähnlichem aufzubewahren. Man muss sie nicht zur Schau stellen. Wenn man sie zur Schau stellt, bringen sie keine größeren „Segnungen“, oder? Und wenn man Mantren rezitieren möchte, ist es ähnlich: man muss die Gebetskette nicht herausholen und eine große Show daraus machen. Man kann auch still im Geist rezitieren, wenn man sich in einer Menschenmenge, im Bus oder ähnlichem befindet. Das ist es, was ich meine, wenn ich von etwas anderen Umständen bei uns rede. Wenn wir uns in einer Gesellschaft befinden, in der diese Form des Verhaltens, oder diese Art der Bänder sehr merkwürdig aussehen, dann ist es nicht notwendig sie zu tragen – zumindest nicht äußerlich sichtbar. Und wenn unsere Praxis des Buddhismus einfach nur darin besteht, diese Bänder zu tragen, dann handelt es sich offensichtlich um keine sehr tiefe buddhistische Praxis und wird nicht sehr hilfreich sein.

Und wenn man einmal betrachtet, wie Tibeter mit diesen Bändern umgehen, sieht man, dass sie nur für kurze Zeit getragen werden. Sie werden nicht getragen, bis sie wirklich schmutzig und hässlich sind. Sie tragen sie für kurze Zeit und legen sie dann ab; legen sie auf ihren Altar oder ähnliches. Meiner Meinung nach ist hier der Rat, der in der Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten, oder des Geistestrainings, Lojong, gegeben wird, sehr hilfreich. Er lautet: „Ändere dich innerlich, aber bleibe mit deiner äußeren Erscheinung in Einklang mit dem, was dich normalerweise umgibt.“ Es ist also am besten, wenn wir unsere Praxis für uns behalten. Das trifft besonders dann zu, wenn wir Laienpraktizierende sind, die in einer nicht-buddhistischen Gesellschaft leben.

Ein monastisches Leben in einer säkularen Welt führen

Wenn wir nun aber Mönche oder Nonnen sind, ist es etwas anderes. Dann wird es zu einem wichtigen Thema. Wie üben wir als Westler, die wir in einer westlichen Gesellschaft leben, als Mönche oder Nonnen unsere Praxis aus? Tragen wir unsere Gewänder bei der Arbeit? Nun, das ist kein einfaches Thema. Besonders, weil es niemals vorgesehen war, dass buddhistische Mönche und Nonnen als gewöhnliche Arbeitskräfte arbeiten. Die ganze Idee, ein Mönch oder eine Nonne zu werden, bestand darin, zusammen mit anderen Mönchen und Nonnen in einem Kloster zu leben. Und wenn man ein Retreat machen wollte, ging man vom Kloster zu einer Höhle oder ähnlichem und kam dann wieder zurück zum Kloster. Es gab immer die Verbindung mit einer ganzen Gemeinschaft anderer, die ähnlich gekleidet waren und sich mit den gleichen Dingen beschäftigten. Das ist also ein ernstes Problem. Wie können wir als Westler Mönche oder Nonnen werden? Und wie praktizieren wir, wenn wir keine westlichen Klöster – oder nur sehr wenige westliche Klöster haben?

Nun, werfen wir einen Blick auf Beispiele aus der Geschichte: Die Mongolen haben den tibetischen Buddhismus angenommen und bevor es gut etablierte und unterstützte Klöster in der Mongolei gab, musste man nach Tibet gehen und dort in einem Kloster lernen, wenn man ein Mönch oder eine Nonne werden und ernsthaft praktizieren wollte. Als Westler sind wir nicht anders; es ist nichts Besonderes. Die Mongolen konnten kein Tibetisch. Es war eine völlig fremde Sprache. Sie mussten sie erlernen. Und wir müssen es auch. Es war nicht einfach für sie nach Tibet zu gehen – und sie mussten laufen! Wir müssen zumindest nicht nach Indien oder Nepal laufen. Und sie hatten Schwierigkeiten; auch uns begegnen Schwierigkeiten. Wir werden es nicht auf billige Weise bekommen. Und es ist wichtig zu versuchen, Mönchs- und Nonnenklöster im Westen zu etablieren.

Dann könnten wir zum Beispiel sagen: „Aber bei uns gibt es den Brauch des Bettelns nicht.“ Wenn wir barfuss mit einer Bettelschale durch unsere Stadt laufen würden – wenn man als Mönch oder Nonne bettelt, ist es nicht einmal erlaubt um etwas zu bitten; man geht einfach an den Menschen vorbei und sie sollten von sich aus etwas zu Essen geben usw. – dann würden wir wahrscheinlich ziemlichen Hunger leiden. Die Tibeter gingen nicht mit Bettelschalen herum. Die Entfernungen um in eine Stadt zu gelangen waren in Tibet sehr groß. Aber die Gesellschaft entwickelte sich auf solche Weise, dass die Menschen das Essen in die Klöster brachten. Das ist wirklich sehr schön. Und die Regierung unterstützte die Klöster. Sie bekamen Land und es gab verschiedene Menschen, die auf dem Land arbeiteten und einen bestimmten Prozentsatz an die Klöster abgaben. Das System funktionierte also. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis es sich entwickelte. Aber bei den Chinesen gab es keine Tradition des Bettelns und die Mönche und Nonnen in China bettelten nicht. Sie wandelten das System geringfügig ab, so dass die Mönche und Nonnen sogar im Kloster arbeiteten. Und sie hatten Felder und ihre eigene Landwirtschaft. Im Westen werden wir wahrscheinlich in den Mönchs- und Nonnenklöstern etwas Ähnliches machen müssen. Um Buddhismus praktizieren und sich selbst versorgen zu können, werden die Mönche und Nonnen sich wahrscheinlich auf eine Form der Arbeit einlassen müssen.

Wenn wir uns die Situation in Indien ansehen, dann haben sich die Dinge dort ein wenig in diese Richtung bewegt. Den Klöstern in Südindien wurde von der Regierung Land zur Verfügung gestellt. Am Anfang haben die Mönche das Land bewirtschaftet. Jeder musste mithelfen, das Land zu bewirtschaften. Und wenn sie Unterstützung bekamen – entweder von ihrer Familie, von fremden Gönnern oder anderen – dann stellten sie lokale Inder ein, um die Feldarbeit für sie zu erledigen. Die Sache ist die: wenn wir ein Mönch oder eine Nonne sein wollen, dann denke ich, dass es wichtig ist zu versuchen, innerhalb des Rahmens des ein Mönch- oder eine Nonne-Seins zu arbeiten. Irgendwie müssen wir es schaffen, finanziell unabhängig zu sein und dann weiterhin die Gewänder zu tragen. Die Gewänder sind sehr wichtig.

Ich erinnere mich an Geshe Wangyal. Er war ein kalmückischer Mongole und der erste Lehrer, den ich traf. Er lebte in Amerika und war nicht sehr begeistert davon, dass seine westlichen Studenten Mönche oder Nonnen werden wollten. Wenn jemand aber ein Mönch oder eine Nonne wurde, dann bestand seine Anweisung darin, dass man in Roben mit der Bettelschale direkt neben der Kasse im Supermarkt sitzen musste. „Wenn ihr Mönche oder Nonnen werden wollt, dann müsst ihr das tun. So billig kommt ihr nicht davon...“ (in Bezug darauf, einfach den Großteil der Traditionen zu ignorieren).

Persönliche Transformation

Aber ich denke, diese Diskussion führt zu der Tatsache, dass es für die Praxis des Buddhismus im Westen wichtig ist, Belehrungen zu erhalten. Und um im Westen Belehrungen erhalten zu können, braucht man Geld. Das ist meiner Meinung nach einer der Punkte, die sehr schwierig und in der buddhistischen Geschichte nahezu einzigartig sind. Normalerweise musste man nicht dafür bezahlen, um Belehrungen zu erhalten. Man hat Spenden oder Opfergaben gegeben, aber es war nicht notwendig schon an der Tür zu bezahlen, um eingelassen zu werden.

Was erfordert nun also die buddhistische Praxis? Sie erfordert – wir reden nicht über Geld oder dass sie Geld erfordert – wenn wir über wahre buddhistische Praxis reden, erfordert sie, dass wir an uns selbst arbeiten, dass wir uns selbst transformieren. Die Praxis unserer Transformation ist nicht etwas, was durch Rituale vollzogen wird. Wir könnten lernen, wie man ein Ritual vollzieht und mumbo-jumbo in einer fremden Sprache rezitiert, die wir überhaupt nicht verstehen. Und wir lernen, während wir diese Silbe aussprechen, eine Glocke zu läuten und wenn wir jene Silbe aussprechen, auf eine Trommel zu schlagen, aber was wird damit erreicht? Es verändert uns nicht im Geringsten. Wir werden immer noch wütend. Wir können immer noch nicht mit unseren Eltern zurechtkommen usw. Seine Heiligkeit der Dalai Lama sagt immer, dass uns diese Rituale nicht sehr weit bringen werden, wenn wir nicht wirklich verstehen, was wir da tun. Das wird uns wirklich nicht viel weiterhelfen.

Bei der Praxis des Buddhismus – und das wird sowohl von Nagarjuna, als auch von Aryadeva und all den großen indischen Meistern gesagt – läuft letztendlich alles darauf hinaus, den Geist zu zähmen. Und den Geist zu zähmen bedeutet zuerst einmal, die Lehren zu studieren. Es kommt darauf an, die Methoden zu erlernen, wie wir mit störenden Emotionen und problematischen Situationen umgehen können. Und es geht darum, die verschiedenen Situationen zu analysieren, in denen wir uns befinden. Wir versuchen achtsam zu sein und das bedeutet, sich an die Lehren zu erinnern und sie in den verschiedenen Situationen anzuwenden, damit sie uns dabei helfen können, zumindest die gewöhnlichen Probleme des Lebens zu überwinden, wie zum Beispiel Ärger, Sorgen, Nervosität, oder wenn wir mit den Eltern nicht zurechtkommen usw. Es geht um diese Dinge wie der Umgang mit Frustration, der Umgang mit Krankheit, der Umgang mit dem Älterwerden, Probleme in Beziehungen und Probleme mit den Kindern, um all diese Dinge. Das ist das Feld, in dem wir mit dem Buddhismus arbeiten.

Wir müssen uns also verändern. Wir müssen an uns arbeiten, unseren Charakter verbessern. Dies zu tun erfordert eine unglaubliche Menge Arbeit. Es ist nicht so einfach, das umzusetzen. Wir müssen Geduld entwickeln. Wir müssen Ausdauer, Konzentration und all diese Dinge entwickeln. Aber unsere Tendenz im Westen besteht darin, dass wir Dinge auf einfache Weise, schnell und billig haben wollen. Wir wollen alle Belehrungen sofort haben. Wir möchten all die wunderbaren Dinge, über die wir gelesen haben, die ein Buddha erreicht hat usw., mit möglichst wenig Arbeitsaufwand.

Dana und Verpflichtung

Die Tatsache, dass Belehrungen etwas kosten, bringt uns jedenfalls dazu, uns auf vielen Ebenen zu fragen, warum es etwas kostet. Nun, Dharma-Zentren müssen auch für die Miete aufkommen. Die Lehrer müssen Nahrungsmittel kaufen und ihre Krankenversicherung, ihre Miete usw. bezahlen. Etwas Geld ist also erforderlich, wenn niemanden da ist, der bereitwillig Spenden oder Opfergaben gibt, wie es in Tibet, in traditionellen buddhistischen Gesellschaften Brauch war. Wenn wir also Lehrer und wenn wir Einrichtungen haben wollen, müssen sie irgendwie unterstützt und finanziert werden. Entweder man tut es freiwillig oder man zahlt Eintritt. Aber das ist nur eine Ebene der Überlegung. Das ist die praktische Ebene. Ich denke, dass es hier eine tiefere Ebene gibt. Und die tiefere Ebene besteht darin: wenn man etwas Wertvolles wie die Belehrungen haben möchte, wird man große Anstrengungen und Bemühungen unternehmen müssen, um es zu bekommen; andernfalls wird man es nicht wirklich zu schätzen wissen.

Wenn wir einen Blick auf die Geschichte werfen, sehen wir, dass die Tibeter, wenn sie verschiedene Lehrer nach Tibet einladen wollten, nicht nur nach Indien laufen mussten, um sie einladen zu können, sondern auch alle möglichen Mittel beschaffen mussten, um die Reisekosten, aber auch die Opfergaben usw. zu decken. Sie haben also sehr große Anstrengungen unternommen, um Belehrungen zu erhalten. Und viel Menschen mussten große Opfer bringen, um Belehrungen zu bekommen. Denken Sie daran, was Marpa Milarepa durchmachen ließ, um Belehrungen zu bekommen. In gewissem Sinne ist es so: wenn wir wirklich Belehrungen haben möchten, müssen wir einige Anstrengungen unternehmen – um zum Beispiel das Geld aufzubringen. Oder nach Indien zu reisen, oder um an einen Ort reisen zu können, an dem Belehrungen gegeben werden, wenn sie dort, wo wir leben, nicht erhältlich sind.

Heutzutage ist es möglich. Ich meine, Sie alle hier in Lettland haben früher unter dem Herrschaftsbereich der Sowjetunion gelebt. Sie konnten nicht sehr weit reisen oder nirgendwo hingehen und Sie konnten nicht an einem anderen Ort leben, an dem es Belehrungen gab. Heutzutage stehen Belehrungen zur Verfügung. Sie können sich viel einfacher bewegen. Besonders jetzt als Mitglied der EU. Sie müssen also die Gelegenheit nutzen und nicht nur sagen: „Dort wo ich lebe, steht mir nichts oder nur sehr wenig zur Verfügung.“ Das soll nicht hart klingen, aber wenn es uns wirklich ernst damit ist, uns selbst zu transformieren, mithilfe des Dharmas an uns selbst zu arbeiten usw., dann erfordert das großen Einsatz. Es muss in unserem Leben die höchste Priorität haben. Und wir müssen den Mut, die Courage und die Energie aufbringen, um die nötigen Schritte, oder was immer notwendig ist, zu unternehmen, damit wir die optimalen Bedingungen für das Studium und die Praxis erhalten.

In Bezug auf unseren Einsatz bei der Dharma-Praxis uns selbst gegenüber aufrichtig und realistisch sein

Und wenn wir nicht so ernsthaft sind, dann ist das in Ordnung. Aber wir sollten es eingestehen. „Ich möchte ein wenig über den Buddhismus lernen, vielleicht kann es mir ein wenig in meinem Leben weiterhelfen, aber ich bin nicht bereit umzuziehen, wenn die Umstände nicht gut genug sind, wo ich lebe. Und es ist nicht oberste Priorität in meinem Leben: Es gibt andere Dinge, die wichtiger sind.“ Wenn das unsere Situation ist, dann ist das in Ordnung. Kein Problem. Aber man sollte ehrlich sein. Das ist völlig in Ordnung. Aber wir sollten nicht erwarten, die gleichen Ergebnisse zu erzielen, die wir bekommen würden, wenn wir unsere ganze Zeit und Bemühung hineinsteckten. Man muss realistisch sein. Wenn man ein wenig Zeit opfert, erhält man ein kleines Resultat. Wenn man viel Zeit opfert, erhält man – vielleicht – ein größeres Resultat. Natürlich haben wir alle verschiedene Hindernisse, aber das ist eine Verallgemeinerung.

Ich denke, heutzutage im Westen ist es etwas anders, in dem Sinne, dass die meisten Menschen lieber als Laien zu praktizieren scheinen, und nicht als Mönche oder Nonnen. Das ist ganz anders als im traditionellen Buddhismus. Deswegen gibt es bei uns, anstelle von so vielen Klöstern für Mönche und Nonnen, eher Dharma-Zentren. Bevor der Buddhismus sich im Westen zu entwickeln begann, gab es so etwas wie Dharma-Zentren nicht.

Dann stellt sich also die Frage: Welche Erwartungen haben wir und was wollen wir erreichen, wenn wir in ein Dharma-Zentrum gehen? „Ich gehe einmal in der Woche nach der Arbeit dort hin. Ich bin wirklich müde und wenn es einen Vortrag gibt, verschlafe ich die Hälfte der Zeit. Vielleicht gehe ich einfach hin und singe ein Lied in tibetischer Sprache. Ich weiß nicht so recht, was vor sich geht, aber es ist entspannend, ich läute ein Glöckchen und dann gehe ich wieder nach Hause.“ Welches Resultat können wir davon erwarten? Kein sehr großes Resultat und was ich wirklich traurig finde ist, dass die Dharma-Zentren in gewisser Weise nicht einmal Gemeinschaftszentren sind. Wenn man zum Beispiel in die Kirche geht – ob wir nun über Christentum, Judentum oder Islam reden – dann hat man dort das Gefühl einer Gemeinde; dort sind die Mitglieder ihre Kirche, Synagoge, Moschee oder was auch immer, und unter ihnen herrscht ein Gemeinschaftsgefühl. Wir reden hier nicht über eine Sekte, sondern im tieferen Sinn über sozialen Austausch. In diesen anderen nicht-buddhistischen Religionsgemeinschaften können wir auch sehen, dass die Mitglieder der Gemeinschaft helfen, wenn jemand aus der Gemeinschaft krank ist. Vielleicht bringen sie etwas zu essen vorbei; oder fragen, wenn jemand seit einer oder zwei Wochen nicht gekommen ist; sie rufen an; sie fragen was los ist usw. Dies scheint in den meisten unserer Dharma-Zentren zu fehlen. Die Menschen kommen, nehmen am Unterricht teil, machen eine Meditation oder sie machen eine gemeinsame Puja und das ist alles. Vielleicht gehen sie danach zusammen ein Bier trinken, was etwas merkwürdig ist, wenn man gerade aus einem Dharmazentrum kommt. Auf jeden Fall höre ich viele Beschwerden von Menschen, die sagen, „Worum geht es überhaupt beim Buddhismus? Ich war krank und niemand hat angerufen. Ich war im Krankenhaus und niemand kam, um mich zu besuchen und sich um mich zu kümmern.“

Wenn unsere tägliche Praxis als Buddhisten im Westen nur darin besteht, allein zu einem Dharma-Zentrum zu gehen, unsere kleine Puja zu machen oder einen Vortrag anzuhören oder was auch immer es ist, was wir da tun, und wir dann nach Hause gehen und vielleicht jeden Tag ein wenig meditieren, wir uns aber nicht auch für die anderen Menschen interessieren, die zu unserem Dharma-Zentrum gehören – was ist das dann? Wir setzen uns hin und sagen: „Ich mache das für alle fühlenden Wesen; mögen alle fühlenden Wesen glücklich sein – aber jemand aus unserem Dharma-Zentrum liegt im Krankenhaus und ich habe keine Zeit, ihn besuchen zu gehen – was geht mich das an?“ Dies ist nicht die richtige Einstellung. Ich meine, wenn unsere tägliche Praxis des Buddhismus im Westen so aussieht, dann stimmt etwas nicht. Meiner Meinung nach richtet sich unser Fokus oft zu sehr, zu engstirnig, auf das Ausführen der Pujas, der Meditation für sich selbst oder in einer Gruppe, aber nicht wirklich darauf, gesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen und, wie gesagt, nicht einmal anderen in unserer Gruppe zu helfen, geschweige denn in unserer Familie, geschweige denn in unserer Gemeinde. Und auch wenn wir uns gesellschaftlich engagieren, indem wir mit dem sogenannten „engagierten Buddhismus“ im Westen beginnen... Tatsächlich begann es in Thailand, aber auch hier haben wir damit begonnen. So gibt es zum Beispiel in einigen buddhistischen Zentren Gefängnis-Programme und einige Freiwillige gehen in die Gefängnisse, um dort Dharma-Lehren für die Gefangenen anzubieten. Das ist sehr schön. Aber trotzdem haben sie Schwierigkeiten mit ihren Eltern zurechtzukommen. Trotzdem besuchen sie jemanden, der krank ist, nicht, oder bringen jemandem aus ihrem Zentrum, der krank ist, nichts zu Essen. Aber weil sie in die Gefängnisse gehen, denken sie: „Ah, ich habe meine sozialen Verpflichtungen erfüllt.“ Das ist nicht genug.

Buddhismus zu einer Lebensweise machen

Gut. Lassen Sie uns nun darüber reden, was wir eigentlich jeden Tag als praktizierende Buddhisten machen. Es gibt bestimmte Praxis-Formen, von denen empfohlen wird, sie täglich durchzuführen; und sie sind hilfreich. Es bedeutet, den Buddhismus als Teil unseres täglichen Lebens zu integrieren und ihn nicht nur als Hobby zu sehen – als etwas, dem wir ein wenig Zeit während des Tages oder während der Woche widmen, den wir aber die restliche Zeit vergessen. Ein Punkt ist hier wichtig und er besteht darin, ein freundlicher und guter Mensch zu sein. Ein Buddhist zu sein, bedeutet nicht einfach nur ein guter Mensch zu sein. Es bedeutet etwas zusätzlich dazu, ein guter Mensch zu sein. Natürlich sollten wir ein guter Mensch sein. Das ist die Grundlage. Aber das bezieht sich nicht ausschließlich auf die Lehren Buddhas. Alle Religionen lehren uns, ein guter Mensch zu sein. Man muss nicht einmal einer Religion folgen, um beigebracht zu bekommen, dass es wichtig ist, ein guter Mensch zu sein. Natürlich versuchen wir, in unserem täglichen Leben anderen nützlich zu sein. Und wenn wir nicht nützlich sein können, sollten wir zumindest niemandem schaden. Das ist das grundsätzliche Minimum. Wenn wir meinen: „Das ist meine buddhistische Praxis“, in Ordnung. Aber denken Sie nicht, dass es sich dabei um den „Echten“ Buddhismus handelt. Das ist eine sehr vereinfachte Version. Aber es ist eine absolut notwendige Sache. Nicht etwas, was ignoriert werden sollte. Also gut: Wir versuchen zu lernen, was es bedeutet ein guter Mensch zu sein und uns bewusst darüber zu sein, wann wir nicht auf diese Weise handeln und das zu korrigieren.

Dabei geht es auch darum, auf andere nicht wütend zu werden. Wenn wir wütend werden, sollten wir uns so schnell wie möglich entschuldigen. Wir sollten versuchen, weniger egoistisch zu sein. Wir sollten versuchen, sensibel auf die Bedürfnisse anderer zu reagieren, und uns anderen gegenüber dementsprechend verhalten. Es geht um all diese sehr grundlegenden Dinge. Wenn wir in irgendeiner Form geschäftlich zu tun haben, versuchen wir ehrlich in diesem Geschäft zu sein. Wenn wir mit Kunden umgehen – wenn wir mit Dienstleistungen zu tun haben – erinnern wir uns daran, dass es um Menschen geht, die genauso sind wie ich und dass sie es mögen, gut behandelt zu werden und dass sie nicht ignoriert oder auf sehr unangenehme Weise abgewiesen werden wollen. Der letzte Kunde des Tages verdient genau so viel Aufmerksamkeit, Fürsorge und Freundlichkeit wie der erste Kunde des Tages. All dies bezeichnet seine Heiligkeit der Dalai Lama als „grundlegende menschliche Werte“, die nicht unbedingt auf irgendeiner Philosophie oder Religion basieren müssen. Und es geht nicht nur um Fremde, bei denen es etwas leichter ist, denn man sieht sie nur für ein paar Minuten und danach hat man nichts mehr mit ihnen zu tun, sondern es geht auch um unsere Familie, um die Menschen, mit denen wir leben, um die Menschen mit denen wir zusammenarbeiten, usw. Wir sollten nicht jene ignorieren, die uns am nächsten sind.

Im Westen besteht ein klassisches Beispiel darin: Wir besuchen unsere Eltern oder wir sind bei unseren Eltern und sie möchten, dass wir mit ihnen zusammen sitzen und fernsehen. Ich erinnere mich, als meine Mutter noch lebte und ich sie besuchte. Sie wollte zusammen mit mir vor dem Fernseher sitzen und eine Quizsendung ansehen – sie liebte Quizsendungen – und dann wollte sie mich immer dazu animieren, zu versuchen, die Fragen in der Quizsendung zu beantworten. Zum Beispiel: „Wie viel kostet dieser Kühlschrank?“ In diesen Situationen ist es sehr wichtig, großzügig zu sein – großzügig mit unserer Zeit zu sein. Wir sollten nicht dasitzen und fürchterlich gelangweilt aussehen. Wir sollten nicht dasitzen und unsere Gebetskette herausholen und Mantren rezitieren, während wir vor dem Fernseher sitzen, sondern wir sollten tatsächlich großzügig gegenüber unseren Eltern sein und ihnen diese Zeit geben. Wir sollten versuchen, die Fragen zu beantworten, egal wie dumm sie uns erscheinen mögen.

Wir müssen ja nicht die ganze Nacht dort sitzen! Wir könnten sagen: „Ich habe andere Dinge zu tun, aber ich werde eine halbe Stunde oder eine Stunde bei Dir bleiben“ oder was auch immer. Aber wir sollten freundlich sein. Wir sollten keine gemeinen Worte benutzen: „Oh, das ist so sinnlos; es ist solch eine Zeitverschwendung; ich habe Besseres zu tun als das.“ Eines der Bodhisattva-Gelübde – eines der Nebengelübde – lautet: „Nimm daran teil, was die andere Person macht, so lange es nicht schädlich ist.“

Wie man den Buddhismus zu einer Lebensweise machen kann

Wenn wir nun also buddhistische Praktizierende sind, wenn wir morgens aufstehen, dann ist es sehr wichtig – und das wird in sehr vielen Texten ausgedrückt – eine Absicht für den Tag festzulegen. Was ist unsere Motivation? Wir erinnern uns, unsere Motivation bestand darin: „Was ist das Ziel, das wir erreichen wollen? Was mache ich aus meinem Leben? Welche Emotion steckt dahinter?“ Und dann geht es um die Absicht, diesem Ziel tatsächlich nachzugehen. Wenn wir aufwachen, sollten wir am besten denken: „Ein Glück, dass ich während des Schlafens nicht gestorben bin und wie wunderbar, dass ich jetzt einen ganzen Tag vor mir habe, an dem ich weiter auf dem buddhistischen Weg arbeiten kann“, anstatt zu denken: „Oh, nicht noch ein Tag.“

Das gleiche trifft zu, wenn wir schlafen gehen. Anstatt zu denken: „Oh, Gott sei Dank, dass der Tag vorbei ist, ich kann es kaum abwarten, mich einfach in einen Zustand der Bewusstlosigkeit fallenzulassen“ lieber: „Ich kann es kaum abwarten, morgen früh wieder aufzuwachen und weiterzumachen.“ Worauf läuft all das hinaus? Es läuft auf die Zuflucht hinaus. Ich verwende das Wort „Zuflucht“ nicht sehr oft, weil ich denke, dass es eigentlich darum geht, eine Richtung in unserem Leben zu haben, eine Richtung in unserem Leben, die sicher ist und die uns vor Leiden beschützt. Darum geht es bei der Zuflucht: Sie beschützt uns vor Leid. Wir gehen also in unserem Leben in eine sichere Richtung. Und wir bekräftigen: „Dies ist die Richtung, die ich in meinem Leben einschlagen werde. Es hat eine Bedeutung, es hat einen Sinn. Ich arbeite auf die Richtung hin, (die der) Dharma (aufzeigt) – die wahre Beendigung all meiner störenden Emotionen, all meiner Unwissenheit, all meiner Ignoranz. Ich arbeite auf diese Richtung hin, um all diesen Müll in meinem geistigen Kontinuum loszuwerden, der mir so viel Ärger bereitet. Und es geht darum, all die Qualitäten, all das Verständnis, all die guten Eigenschaften des Herzens usw. zu erkennen und zu verwirklichen, die zu dieser Beendigung, dieser wahren Beendigung führen werden.“

Ob wir das nun für uns selbst oder ob wir das für alle anderen tun – letztendlich gibt es die sichere Ausrichtung sowohl im Hinayana als auch im Mahayana. Beide sind ok. Aber das ist die Richtung, in die ich gehe. Das ist das Dharma-Juwel. So haben es die Buddhas auf vollkommene Weise und die Arya-Sangha – die hoch verwirklichte Sangha, das ist es, worum es bei der Sangha geht – teilweise vollbracht. Das ist also das Ziel, das ich anstrebe. Und warum? Nun, ich bin angewidert und möchte wirklich nicht immer weiter leiden. Oder ich empfinde darüber hinaus noch Mitgefühl für alle anderen, die leiden, und dann sind Emotionen dahinter.

Diese Richtung in unserem Leben, diese sichere Ausrichtung, muss etwas sein, was wir wirklich sehr, sehr tief verinnerlicht haben. Das ist es, was uns zu einem Buddhisten macht. Ich bin nicht nur ein freundlicher, guter Mensch. Es ist etwas zusätzlich dazu, ein guter Mensch zu sein. Es ist nicht so einfach, diese Ausrichtung wirklich tief und wirklich aufrichtig sein zu lassen. Denn sie erfordert vollkommene Überzeugung, dass es möglich ist, dies zu erreichen. Wenn Sie nicht glauben, dass es möglich ist, dann handelt es sich nur um Wunschdenken – nun, wahrscheinlich handelt es sich dann nur um Fantasie, nicht wahr? „Ich kann ein Buddha werden? Das glaube ich nicht! Wie kann ich ein Buddha werden?“

Als Buddhisten werden wir es am Anfang natürlich nicht glauben, dass es möglich ist. Wir mögen Vertrauen haben, auf was auch immer begründet. Vielleicht ist es die Ausstrahlung eines Lehrers oder irgendein Wunschdenken. Aber wir müssen daran arbeiten. Wir müssen an unserer Überzeugung arbeiten, dass es wirklich möglich ist, diese Ziele zu erreichen. Wenn wir tatsächlich davon überzeugt sind, dass es möglich ist, dann können wir wirklich unser ganzes Herz und unsere ganze Energie hineinstecken. Ansonsten ist es halbherzig. Und es wird ein hohes Maß an Verständnis über den Geist, über das geistige Kontinuum und wie das Selbst existiert erfordern – es darf kein Ego-Trip sein – und ein rechtes Verständnis der so genannten Buddha-Natur, der Faktoren, die es uns ermöglichen, ein Buddha zu werden. Was bedeutet das wirklich?

Dies ist also Teil unserer Arbeit als Buddhisten. Wir versuchen, alle diese Dinge tatsächlich zu verstehen. Sie sind wirklich sehr wichtig, damit diese Ausrichtung, die wir einschlagen, etwas ist, in uns sehr stabil wird. Wir sind nicht nur davon vollkommen überzeugt, dass wir diese Richtung einschlagen wollen, sondern dass es möglich ist, das Ziel zu erreichen.

Wir beginnen also den Tag, indem wir diese Absicht bekräftigen. Und wir beenden den Tag mit einer Widmung: wir überprüfen, was wir im Laufe des Tages getan haben. „Habe ich das wirklich befolgt? Wie habe ich gehandelt?“ Wenn wir anders gehandelt haben, wenn wir wütend geworden sind usw., geben wir es zu, bedauern es, reinigen uns und folgen all diesen Dingen, die (in diesem Fall) helfen. Und all die positive Kraft, all das Verständnis, das wir gewonnen haben, widmen wir der Erlangung dieser Ziele. Wir bestätigen also das Ziel und dass wir auch morgen weiter machen wollen. Aber es ist wichtig, dass diese Absicht zu Beginn des Tages und die Widmung am Ende des Tages nicht (nur) wie die zwei Seiten eines Bücherregals sind: dass man einfach eine Stütze auf dieser Seite und eine auf der anderen Seite anbringt und denkt, es wäre damit getan. So sollte es nicht sein. Tsongkhapa sagt: „Diese Absicht, diese Motivation sollte während des ganzen Tages aufrechterhalten werden – nicht nur zu Beginn und nicht nur am Ende“ und das bedeutet, dass wir uns im Laufe des Tages daran erinnern sollten. Wir sollten uns daran erinnern.

Thich Nhat Hanh hat eine sehr schöne Methode dafür. Bei ihm gibt es die „Achtsamkeitsglocke“, die während des Tages in zufälligen Abständen geläutet wird und bei der jeder für ein paar Augenblicke innehält und sich die Absicht, die Motivation usw. wieder vergegenwärtigt. Einer meiner Schüler hat sein Handy so programmiert, dass zu verschiedenen Zeiten während des Tages ein Signalton ertönt. Er nutzt dies als Achtsamkeitsglocke. Es gibt also verschiedene Methoden, die wir nutzen können, um uns an diese Motivation zu erinnern, wenn es bei uns nicht automatisch passiert. Es gibt auch den Brauch, die Zuflucht, unsere sichere Ausrichtung, zu bekräftigen, indem wir Niederwerfungen machen: drei am Morgen, wenn wir aufstehen und drei am Abend, bevor wir schlafen gehen. Das ist sehr gut und sehr hilfreich. Wenn wir natürlich nachts in einem Flugzeug unterwegs sind, treten wir nicht in die Mitte des Ganges und machen Niederwerfungen. Wenn wir das nicht tun können, oder wenn wir in der Armee sind, uns in einer Armee-Baracke oder etwas ähnlichem befinden, dann hält man einfach seine Hände in einer respektvollen Haltung und stellt sich vor, dass man Niederwerfungen macht. Das ist in Ordnung. Es ist der Zustand des Geistes, der wichtig ist.

Und dann, wenn wir die Möglichkeiten dazu haben, stellen wir Wasserschalen, Opfergaben usw. auf und richten etwas wie ein Regal oder einen Altar für Opfergaben ein. Aber vorher fegen wir das Zimmer durch. Es gibt eine ganze Reihe von vorbereitenden Tätigkeiten, die man macht: das Zimmer fegen und aufräumen. Das ist sehr wichtig. Und es wird so erklärt, dass wir gegenüber den Ehrengästen, den Buddhas, Bodhisattvas, usw., die wir zu unserer Meditationssitzung einladen, Respekt zeigen. Wenn Buddha tatsächlich persönlich zu uns nach Hause kommen würde, dann würden wir bestimmt den Boden fegen und wir würden unsere Kleider aufsammeln und das Bett machen. In ähnlicher Weise tun wir das vor unserer Morgenmeditation.

Das ist also eine Praxis, die wir ausführen und sie hilft auch auf einer anderen Ebene. Denn wenn unsere Umgebung sauber und ordentlich ist, wird der Geist dadurch beeinflusst und auch der Geist wird ordentlich und sauber. Wenn die Umgebung um uns herum chaotisch und unsauber ist, hat das einen Einfluss auf unseren Geist – auf unsere Denkweise. Eine ordentliche Umgebung ist also hilfreich.

Dann bringen wir einige Opfergaben dar. In der Regel sind es Wasserschalen. Sie müssen nicht aus Gold sein und sie müssen auch nicht aus Silber sein. Milarepa benutzte einfach seinen Trinkbecher. Man kann einfach irgendetwas benutzen. Und wenn wir eine Opfergabe von Nahrungsmitteln darbringen, lassen wir sie nicht auf dem Altar stehen, bis sie verfault ist und werfen sie dann weg. Man lässt sie für einen Tag oder vielleicht zwei Tage stehen und dann kann man sie essen. Das Wasser, welches in den Schalen geopfert wird, können wir am Ende des Tages entweder dazu benutzen, um die Pflanzen zu gießen – aber natürlich wollen wir die Pflanzen nicht überschwemmen, indem wir ihnen zu viel Wasser geben – oder wir können es in den Ausguss, aber nicht in die Toilette gießen. Mit anderen Worten versuchen wir, respektvoll mit dem umzugehen, was wir tun. Das ist sehr wichtig. Es geht nicht nur um Respekt gegenüber den Buddhas und Bodhisattvas. Es geht um Respekt gegenüber uns selbst und gegenüber unserem spirituellen Weg.

Dann ist es wirklich sehr wichtig, eine tägliche Praxis zu haben. Mit der täglichen Praxis meine ich nicht nur, dass wir, wie schon erwähnt, den ganzen Tag praktizieren, indem wir versuchen, die Lehren in unserem Leben, im wirklichen Leben anzuwenden. Sondern es geht auch darum, eine formale Meditationssitzung zu haben.

Die Meditationssitzung

Was machen wir nun während unserer formellen Meditationssitzung? Zuerst einmal geht es um die Umgebung. Es ist nicht notwendig, Räucherstäbchen und Musik zu haben und alles sehr umfangreich zu gestalten. Es ist in Ordnung, wenn wir es haben. Aber wir sollten keinen überheblichen Ego-Trip daraus machen. Es ist nicht notwendig. Etwas einfach zu gestalten ist immer besser. Zunächst ist es in unserer Praxis wichtig, zur Ruhe zu kommen und einen festen Entschluss zu fassen. Wir haben bereits unsere Motivation bestimmt. Aber dann fassen wir die Absicht: „Ich werde versuchen, während dieser Sitzung nicht einzuschlafen, nicht schwach zu werden und nicht einfach nur dazusitzen und den Geist abschweifen zu lassen.“ Es ist sehr leicht, das einfach zu überspringen. Wir setzen uns hin und vergessen, den rechten geistigen Rahmen für uns zu setzen. Unsere Einstellung ist folgende: „Ich werde zu spät zur Arbeit kommen und deshalb will ich es einfach nur so schnell wie möglich durchgehen“ und dann macht man es ganz schnell und sagt: „Gott sei Dank, endlich bin ich fertig. Vielleicht habe ich in meiner Praxis einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt, sehr gut.“ Und dann gehen wir los und beginnen unseren Tag. Unsere tägliche Praxis gibt uns also Stabilität. Sie gibt uns Kontinuität in unserem Leben. Egal, was in unserem Leben geschieht, es gibt immer einen Teil des Tages, der stabil bleibt. Eine tägliche Praxis ist also sehr hilfreich dafür.

Die tägliche Praxis muss nicht lang sein. Sie kann fünf Minuten dauern. Es ist egal. Wir sollten einfach etwas praktizieren. Die siebengliedrige Praxis wird immer empfohlen. Shantideva, der große indische Meister, stellt sie sehr schön dar. Wir haben sie bereits mit den Niederwerfungen und Opfergaben begonnen. Dann gestehen wir offen die Fehler ein, die wir begangen haben und wir gestehen unsere Mängel ein. Wir bedauern es: „Ich werde versuchen, es nicht wieder zu tun.“ Wir bekräftigen die Ausrichtung in unserem Leben: „Ich werde etwas Positives tun, um dem entgegenzuwirken.“ Und dann erfreuen wir uns an den positiven Dingen, die andere getan haben und die wir getan haben. Wir bitten die Lehrer, uns zu unterrichten und nicht wegzugehen – wir sagen, dass wir ernsthaft sind und wirklich den ganzen Weg zur Befreiung, zur Erleuchtung gehen möchten. Und am Ende kommt dann die Widmung: „Möge die positive Kraft, die daraus und durch alles was ich und andere getan haben entstanden ist, möge sie nicht nur zu meiner eigenen Erleuchtung, sondern zur Erleuchtung aller beitragen.“ Wir lesen immer wieder in allen möglichen Lehren – in indischen, tibetischen usw. – dass diese siebengliedrige Praxis die grundlegendste buddhistische Praxis ist.

Wenn man dann zusätzlich Mantras rezitieren möchte oder wenn man noch eine andere Art der Meditation machen möchte, ist das in Ordnung. Aber das ist die Grundlage von allem. Wie seine Heiligkeit der Dalai Lama immer betont, ist für uns die so genannte „analytische Meditation“ wirklich am wichtigsten, die im Grunde – auf unserer Ebene – darin besteht, dass wir über die Lehren nachdenken, dass wir uns ein Thema heraussuchen und darüber in Bezug auf unser individuelles persönliches Leben nachdenken. Zum Beispiel: „Ich habe bei der Arbeit mit dieser Person Schwierigkeiten“ und dann analysieren wir das. „Was finde ich schwierig? Was ist das Problem? Wie gehe ich damit um? Ich muss Geduld zu entwickeln. Welche Lehren gibt es zum Thema Geduld? Welche Methode wird benutzt?“ Wir setzen uns hin und üben uns in Geduld, während wir an diese Person denken. Darin besteht die buddhistische Praxis. Das ist genau das Wort: „Praxis“ oder „Übung“. Wir üben, um später im wirklichen Leben damit umgehen zu können. Und dann, im Laufe des Tages, versuchen wir uns an diese Lehren zu erinnern. Wir versuchen sie tatsächlich anzuwenden. Darin besteht wahre buddhistische Praxis – nicht darin, einfach nur einen „Om Mani Padme Hum“ Bildschirmschoner auf unserem Computer zu haben, oder den Computer so einzustellen, dass der Text „Om Mani Padme Hum“ jede Sekunde über den Bildschirm läuft, oder ähnliches. Meine Güte!

Und wie ich gesagt habe, überprüfen wir dann am Ende des Tages, was wir gemacht haben. Natürlich sollten wir keine Schuldgefühle haben, sondern denken: „Ich werde versuchen, es besser zu machen, wenn ich es nicht so gut gemacht habe.“ Und wir sollten uns immer an die grundlegenden Merkmale von Samsara erinnern, dass es auf und ab geht. Der Fortschritt ist niemals geradlinig. Es wird niemals so sein, dass es jeden Tag immer besser wird. Wie sehr wir uns auch bemühen, an manchen Tagen wird es besser und an manchen Tagen nicht so gut gelingen. An manchen Tagen werden wir gerne praktizieren, an anderen Tagen nicht. Das ist völlig normal und es wird weiterhin passieren, bis wir ein Arhat – ein befreites Wesen geworden sind. Das wird eine Weile dauern.

Das bedeutet, dass wir Ärger oder Gier nicht überwinden werden, bis wir ein Arhat geworden sind. Das ist sehr ernüchternd. Vielleicht wird es weniger werden, aber wir werden uns bis dahin nicht vollständig davon lösen können. Bis zur Arhatschaft wird es also auf und ab gehen. Und welche Haltung wird für uns in dieser Situation am hilfreichsten sein? Der so genannte „Gleichmut.“ Und unsere geistige Einstellung ist dann: „Na und? Ich habe keine Lust zu praktizieren, ich bin schlecht drauf, na und?“ Wir machen trotzdem einfach weiter. Was erwarte ich von Samsara? Natürlich werde an manchen Tagen keine Lust zum Praktizieren haben. Natürlich werde ich schlechte Laune bekommen. Na und? Es ist nicht so schlimm. Und wenn ich für ein Weilchen eine Pause brauche, ist das in Ordnung. Es ist nicht so schlimm. Wir müssen diese beiden Extreme vermeiden: entweder zu streng mit uns selbst zu sein, oder uns selbst wie ein Baby zu behandeln. Wir machen einfach weiter, egal was passiert. Das nennt man die „die rüstungsgleiche Ausdauer“, durch die man in allen Umständen beschützt wird. Man macht einfach weiter. Und man nutzt geschickte Mittel. Im Dharma lernen wir, welches die geschickten Mittel für den Umgang mit schwierigen Situationen sind und wir lernen, sie im praktischen Leben anzuwenden. Ich werde Ihnen ein Beispiel geben.

Den Sieg den anderen überlassen

Ich wohne in Berlin an einer belebten Ecke und vor ein paar Jahren wurde im Erdgeschoss unter mir ein sehr beliebtes Café eröffnet. Es hat von 7 Uhr morgens bis 3 Uhr morgens, sieben Tage die Woche, geöffnet. Das Haus befindet sich an einer Ecke, es ist also ein Eckhaus und im Sommer stehen draußen, zu beiden Eckseiten meines Hauses, Tische. Die Menschen sitzen draußen und trinken Bier, reden laut und lachen jede Nacht bis 3 Uhr morgens. Wenn ich also nachts für kurze Zeit im Bett liege und versuche, bei all diesem Lärm zu schlafen – und mittelalterliche Visionen habe, in denen ich große Töpfe mit heißem Teer halte, die ich auf die Menschen unter mir gießen kann – entscheide ich mich für eine andere Lösung und erinnere mich an die Unterweisung: „Überlasse den Sieg den anderen und akzeptiere die Niederlage für dich selbst.“

Meine Küche ist der einzige Raum im Haus, der nicht der Straße zugewandt ist. Also habe ich meine Matratze in die Küche gebracht und dort auf den Boden gelegt und nun schlafe ich den ganzen Sommer in der Küche. So sind alle Türen geschlossen, es ist ruhig und ich bin wirklich sehr glücklich. Es ist bequem. Und ich überlasse den Sieg den anderen. Das ist eine sehr praktische Anwendung dieser Unterweisung. Und es ist gar nicht schlimm, in der Küche zu schlafen. Na und? Man stellt die Matratze tagsüber gegen die Wand und legt sie nachts wieder hin. Es ist keine große Sache.

Auf diese Weise sollten wir einfallsreich und kreativ mit den Lehren umgehen und sie anwenden. Und um das tun zu können, sollten wir die Lehren kennen. Als Teil der täglichen Praxis ist es wirklich sehr hilfreich, wenn wir können, jeden Tag die Liste der Bodhisattva-Gelübde zu lesen, welche die Leitlinien im Umgang mit schwierigen Situationen bilden, außerdem: Die Siebenunddreißig Übungen der Bodhisattvas, Die Schulung der Geisteshaltung in sieben Punkten und Die Schulung der Geisteshaltung in Acht Versen. Diese Lojong-Texte beinhalten wirklich sehr praktische Ratschläge. Es sind die praktischsten Lehren. Und wenn man diese Lehren jeden Tag durchgeht, kann man sie sich nicht nur leichter ins Bewusstsein rufen oder, mit anderen Worten, sich leichter an sie erinnern, sondern man kann auch, wenn man ein bestimmtes Problem hat und sich diese Lehren durchliest, die beste Lösung dafür finden. Und dann hält man inne und denkt darüber nach und entscheidet sich, wie man es tatsächlich anwenden kann. Das ist wirklich sehr nützlich und sehr praktisch.

Das sind also die täglichen Übungen, mit denen wir Buddhismus im Westen praktizieren. Ich denke, sie eignen sich für jeden, in jeder Situation – ob im Westen oder im Osten, ob in der heutigen Zeit, in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Und, wie gesagt, müssen wir eine Menge harter Arbeit investieren, wenn wir Resultate haben wollen. Und die Resultate werden nicht so einfach kommen.

Wird durch den leichten Zugang zu buddhistischen Lehren der Zweck verfehlt?

Heutzutage sind Lehren ziemlich leicht zugänglich. Wie zuvor schon erwähnt, muss man bei einer Vielzahl von Dharma-Zentren oder Großveranstaltungen Eintritt zahlen. Aber – wie zum Beispiel auf meiner Web-Seite – stehen auch viele Dharma-Lehren kostenlos zur Verfügung. Wenn man also einen Computer und Zugang zum Internet hat – was weltweit immer einfacher wird – dann muss man nirgendwohin reisen. Und man muss nichts bezahlen. Man kann einfach alle Lehren, oder zumindest viele Lehren bekommen und in der Zukunft werden es immer mehr werden.

Wird hier also der Zweck der buddhistischen Ausbildung zur Schulung unseres Charakters verfehlt, bei der man sich wirklich für eine Transformation bemühen muss? Wäre es besser, die Lehren nicht so leicht zugänglich zu machen und alles ausschließlich gegen Bezahlung anzubieten? Wäre es besser, sie in Bibliotheken, zu denen man keinen leichten Zugang bekommt, versteckt und geheim zu halten? Nun, man könnte sicherlich in dieser Richtung argumentieren. Aber andererseits muss man, auch wenn die Lehren kostenlos verfügbar und überall leichter zugänglich sind, trotzdem harte Arbeit investieren und sich tatsächlich die Zeit nehmen, die Lehren zu lesen, sie zu studieren, sie durchzugehen usw. Und wenn es Dharma-Zentren, aber keinen Lehrer im Dharma-Zentrum gibt – wie es in vielen Orten der Welt immer noch der Fall ist – dann ist es vielleicht hilfreich, nicht nur die ganze Zeit zusammen zu chanten, Glocken zu spielen und auf Trommeln zu schlagen – man kann einen Teil der Zeit damit verbringen, wenn man möchte, das ist kein Problem – aber es wäre schön, wenn jeder etwas vorher lesen würde und wenn man dann zusammenkommt, kann man darüber diskutieren und versuchen es zu verstehen. Man kann miteinander hin und her debattieren: „Wie hast du das verstanden?“

Also unabhängig davon, wie viele Vorteile wir heutzutage in der modernen Zeit in Bezug auf einen leichteren Zugang zu den Lehren haben, wir werden trotzdem harte Arbeit investieren müssen, um sie verstehen und verinnerlichen zu können. Und es gibt keinen einfachen Weg dies zu umgehen. In dieser Hinsicht ist es also bei uns, die wir im Westen praktizieren, nichts Besonderes. Wir müssen einfach nur die Chancen nutzen, die wir haben. Und es ist, wie gesagt, wichtig ein guter Mensch zu sein. Aber das ist erst der Anfang. Das ist lediglich die Grundlage. Wenn wir wirklich den buddhistischen Pfad praktizieren wollen, bedeutet das, auf Befreiung und Erleuchtung hinzuarbeiten. Es ist wichtig zu verstehen, was das bedeutet und die richtige Motivation zu entwickeln, um das erreichen zu können und außerdem davon überzeugt zu sein, dass es tatsächlich möglich ist.

Welche Fragen haben Sie dazu?

Verstehen der Natur des Geistes, der Befreiung und Erleuchtung

Frage: Die Frage ist folgende: Wie gelangen wir zu der Überzeugung, dass es möglich ist, tatsächlich Befreiung und Erleuchtung erreichen zu können?

Alex: Es hat etwas damit zu tun, was wir unter „Geist“, unter dem geistigen Kontinuum, das eine Kontinuität der geistigen Aktivität darstellt, verstehen. Ich werde hier keine ausführlichen Unterweisungen geben, aber worin bestehen die grundlegenden Merkmale dieser geistigen Aktivität? Sie geht immer weiter, von einem Moment zum nächsten, in jedem Moment mit einem anderen Objekt; aber dennoch sind die eigentlichen definierenden Charakteristika die gleichen. Und sind Verwirrung, Unwissenheit, Ärger usw., Teil der essentiellen Natur dieser geistigen Aktivität, oder ist es etwas, das als „flüchtig“ – oder mit anderen Worten „wolkenähnlich“ – bezeichnet wird und entfernt werden kann? Es bedarf also wirklich eines Verständnisses der Natur der geistigen Aktivität – oder des Geistes.

Und das erfordert nicht nur ein tiefes Studium der Natur des Geistes: was sind Erscheinungen, wie entstehen sie und all diese Dinge; es ist auch wichtig zu versuchen, tatsächlich zu beobachten, was vor sich geht und zu erkennen, was uns in unserem täglichen Erleben von einem Moment zum nächsten wiederfährt. Ich denke, dass auch der Kontext dieser Art des Studiums und der Praxis wichtig ist, der darin besteht zu verstehen, was es eigentlich bedeutet, befreit zu sein und was Erleuchtung tatsächlich bedeutet. Was sind das für Eigenschaften? Wenn es nur ein Wort ist, dann ist das zu vage.

Wir sollten wirklich erforschen: was verstehen wir unter Befreiung? Was verstehen wir unter Erleuchtung? Und denken Sie nicht, dass es einfach ist. Es sind wirklich sehr subtile Punkte. Am Anfang haben wir natürlich den sogenannten „benefit of the doubt.“ (Vertrauensvorschuss, wörtlich: „Im Zweifel für den Angeklagten“) „Ich bin mir wirklich nicht sicher, aber ich nehme an, dass es möglich ist.“ und wir studieren weiter und meditieren weiter, denn: „Ich würde wirklich gern davon überzeugt sein. Ich nehme es ernst und – für den Moment – werde ich es akzeptieren. Aber ich möchte noch tiefer gehen. Denn auch wenn es nicht möglich ist und ich es nicht wirklich verstehen kann, scheint es eine ziemlich gute Idee zu sein, in diese Richtung zu gehen. Aus der wenigen Erfahrung, die ich gesammelt habe und von den Menschen, die ich gesehen habe, die in diese Richtung gegangen sind, kann ich mit Sicherheit sagen, dass sie weniger Probleme haben und mit dem Leben viel besser umgehen können. Darauf basierend ist es wirklich gut, diese Richtung anzustreben und so weit wie möglich zu gehen, auch wenn nicht alles möglich ist.“

Das ist eine gute Grundlage, auf der man mit der Arbeit beginnen kann. Und, wie einer meiner Freunde sehr schön formuliert hat: „Ich weiß nicht, ob es möglich ist, Befreiung oder Erleuchtung zu erlangen. Und ich weiß nicht, ob seine Heiligkeit der Dalai Lama tatsächlich ein befreites oder erleuchtetes Wesen ist. Aber wenn ich so werden könnte wie er – wie der Dalai Lama – und mit so vielen Schwierigkeiten umgehen könnte wie er, der eine ganze chinesische Nation gegen sich hat und der mit unglaublichen Problemen und Dingen konfrontiert wird, wenn ich so werden könnte und mit solchen Dingen umgehen könnte, wie Seine Heiligkeit, dann wäre das genug.“

Einen spirituellen Lehrer auswählen

Deshalb wird gesagt, dass es für uns sehr schwierig ist, zu den Buddhas eine direkte Beziehung zu haben. Ich meine, ihre Eigenschaften sind einfach jenseits aller Vorstellungskraft. Aber wir können durch den spirituellen Lehrer einen Zugang finden. Damit ist nicht einfach irgendein spiritueller Lehrer gemeint – nicht einfach irgendein Lama, der ein Drei-Jahres-Retreat absolviert hat und in ein Zentrum kommt, um zu unterrichten. Wir reden über die Größten der Großen. An ihrem Beispiel sollten wir uns in Bezug darauf orientieren, wie man einen Bezug zu Erleuchtung und Befreiung bekommen kann. Ob sie nun befreit sind oder nicht, wer bin ich eigentlich, dass ich etwas darüber sagen kann? Aber hier ist jemand, der wirklich herausragende Eigenschaften hat. Dadurch bekommen wir ein sehr realistisches Beispiel.

Damit möchte ich nicht sagen, dass alle Lamas, die lediglich ein Drei-Jahres-Retreat absolviert haben und in den Westen kommen, nicht qualifiziert und inspirierend sind – das wollte ich damit nicht sagen. Aber oft kann es passieren, dass wir von ihrem Verhalten und der Art und Weise, mit der sie Situationen bewältigen, ziemlich enttäuscht sind. Deshalb ist es am besten, sich an ein wirklich herausragendes Beispiel zu halten: also an die größten der großen Lamas und da wir einen Zugang zu ihnen haben, können wir zu ihren Belehrungen gehen. Ihre Lehren stehen im Internet zur Verfügung. Das gleiche wie eben schon gesagt gilt auch für jemanden, der den Titel eines Geshe bekommen hat, oder sogar für jemanden, der ein Tulku ist – ein reinkarnierter Lama – ein Rinpoche. Es bedeutet nicht, dass sie unbedingt die höchsten Eigenschaften besitzen. In den Lehren heißt es immer: „Überprüfe den Lehrer lange Zeit.“ Das ist wichtig.

Es gibt einen weiteren Punkt, was die Praxis des Dharma im Westen betrifft – das ist der letzte Punkt, denn wir müssen zum Ende kommen – und er besteht darin, dass es oft so ist, dass viele verschiedene Lamas, Tulkus, Geshes, Khenpos usw. in unsere Städte kommen, in einige Städte häufiger als in andere und sie geben sogar Initiationen. Manchmal ist es so, dass wir noch nie etwas von dieser Person gehört haben; wir wissen rein gar nichts über sie. Und dennoch ist es so, wenn eine Veranstaltung stattfindet, dass viele von uns hin gehen, weil die Anderen auch hingehen, oder weil wir meinen, wir müssten hingehen. Das ist wirklich nicht die richtige Einstellung.

Es ist das gleiche, wie mit der hohen Verfügbarkeit von Dingen im Internet. Nur weil etwas zur Verfügung steht, wie zum Beispiel jemand, der in unsere Stadt kommt und eine Initiation gibt, oder nur weil es etwas im Internet gibt, oder weil es ein Buch gibt, das man kaufen könnte, heißt das nicht, dass es vertrauenswürdig ist. Man muss es überprüfen. Man sollte herausfinden: „Wer ist dieser Lama.“ Beim ersten Mal sollten wir fragen. Es ist das gleiche, wenn man sich etwas im Internet oder ein Buch anschaut. Man kann es lesen. Man kann zur Initiation gehen. Das bedeutet nicht, dass man tatsächlich die Initiation annimmt und diese Person ernsthaft als tantrischen Meister akzeptiert. Das ist etwas ganz anderes. Wenn man hingehen möchte, kann man etwas darüber herausfinden. Das ist in Ordnung. Zum Beispiel mag man etwas im Internet lesen. Ist es Unsinn? Ist es vertrauenswürdig? Wer hat es geschrieben? Wenn es Unsinn ist – vergessen Sie es. Hier ist es genauso. Man wird herausfinden, dass manche Lamas, die kommen, qualifizierter und andere weniger qualifiziert sind. Selbst diejenigen, die qualifiziert sind, mögen vielleicht keinen Anklang bei uns finden. Vielleicht fühlt man, dass man keine Verbindung zu ihnen hat. Finden Sie es heraus. Nur weil jemand einen Titel hat, oder nur weil jemand weiß, wie man ein Initiationsritual durchführt, ist das als Qualifikation nicht ausreichend, ihn als unseren tantrischen Lehrer zu akzeptieren.

Anstatt also zu sagen, im Westen bestehe das eigentliche Problem darin, dass wir keinen ausreichenden Zugang zu Dingen haben, meine ich, dass das genaue Gegenteil der Fall ist. Unser Problem besteht darin, dass uns zu viel zur Verfügung steht. Und wie können wir Unterscheidungen treffen, wenn es – was meiner Meinung nach furchtbar ist – dreihundert verschiedene Ausführungen des Buddhismus gibt? Denn jeder Lama, der kommt, baut sein eigenes Zentrum auf und es gibt dreihundert von ihnen, die zur Verfügung stehen – entweder im Internet oder wo auch immer – wie kann man sich da entscheiden? Das ist ein großes Problem. Das ist ganz anders, als es in der Vergangenheit gewesen ist. Ich habe keine magische Antwort auf diese Frage. Nur weil etwas bei der Suche in Google an erster Stelle steht, bedeutet das nicht, dass es das Beste ist. Wir müssen also unsere Intelligenz, unser Unterscheidungsvermögen benutzen, um es zu überprüfen und wir müssen geduldig sein und nicht voreilig entscheiden: „Das ist etwas für mich – das ist das Beste.“

Lassen Sie uns hier mit der Widmung enden.

Wir denken: „Möge alles Verständnis und alle positive Kraft, die hieraus entstanden ist, immer tiefer und tiefer gehen und als Ursache dienen, Erleuchtung zum Wohle aller Wesen zu erlangen.“