Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Weit verbreitete Missverständnisse bezüglich des Buddhismus

Alexander Berzin
Berlin, November 2010
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Heute ist der 19. November 2010. Ich bin gebeten worden, über einige der häufigen Missverständnisse bezüglich des Buddhismus zu sprechen. Davon gibt es eine große Vielfalt, aus den unterschiedlichsten Gründen.

Einige sind kulturspezifisch, entweder in unserer abendländischen Kultur oder in der asiatischen und in anderen Kulturen, die von der modernen westlichen Denkweise beeinflusst sind. Es gibt Fehleinschätzungen, die aus anderen kulturellen Bereichen stammen können, beispielsweise dem traditionellen chinesischen Denken usw. Es gibt Missverständnisse, die eher allgemein entstehen, bedingt durch die störenden Emotionen der Menschen. Es kann Missverständnisse geben, die einfach aufgrund der Tatsache entstehen, dass das Material schwer zu verstehen ist. Missverständnisse können entstehen, weil Lehrer etwas nicht klar verständlich machen oder es dabei belassen, etwas überhaupt nicht zu erklären, so dass wir darauf projizieren, was sie unserer Meinung nach damit sagen wollen. Es kann auch sein, dass die Lehrer selbst die Lehren missverstehen. Das kommt vor. Denn nicht alle Lehrer sind vollkommen qualifiziert; viele werden zum Lehren entsendet oder gebeten zu lehren, bevor sie qualifiziert dafür sind. Es kann auch sein, dass wir, selbst wenn die Lehrer etwas deutlich erklären, es nicht richtig hören. Viele Menschen hören nicht sonderlich gut zu und die Lehren kommen bei ihnen nicht korrekt im Sinne dessen an, was der Lehrer tatsächlich gesagt hat. Oder sie machen sich mangelhafte Notizen, erinnern sich nicht richtig daran usw.

Es gibt also viele, viele Gründe für Missverständnisse. Ich habe mich heute hingesetzt und begonnen, einige davon aufzulisten; dabei sind mir 30 eingefallen. Sie kamen mir einfach in den Sinn, während ich am Computer saß, und dann habe ich aufgehört. Ich denke, man kann – aufgrund all dieser verschiedenen Gründe für Missverständnisse – viele, viele Fehler finden, die wir machen, bzw. Verwirrtheiten, die wir haben. Wie gesagt sind nicht alle davon auf uns Westler beschränkt; wir finden auch unter den Tibetern und anderen traditionellen Asiaten eine Menge solcher Missverständnisse.

Deshalb habe ich vor, mich hier darauf zu beschränken werde, nur ein paar allgemeine Inhalte zu erwähnen, anstatt die Liste einfach endlos fortzusetzen – auch wenn wir vielleicht nicht tatsächlich alles besprechen können, was ich mir notiert habe. Die Bereiche, auf die ich mich konzentrieren möchte, sind Ethik sowie die Themenbereiche Gurus, Praxis und Tantra. Das sind also nur einige wenige; es ist offensichtlich, dass ich das Thema Leerheit und viele weitere Dinge ausgelassen habe, die wir leicht missverstehen können.

Lassen Sie uns also beginnen. Da es hier ziemlich viele Punkte gibt, werde ich nicht sehr detailliert auf die einzelnen eingehen, sondern sie nur erwähnen und Ihnen zu bedenken geben. Es sind Dinge, über die wir weiter nachdenken können.

Missverständnisse bezüglich Ethik und Gelübden

Im Zusammenhang mit Ethik, wie auch in vielen anderen Fällen, können Missverständnisse oft aufgrund von Übersetzungsbegriffen entstehen. Wir projizieren häufig nicht-buddhistische Vorstellungen auf die Lehren.

Es kann z.B. sein, dass wir Begriffe aus der Bibel verwenden – eine Terminologie, die mit Begriffsinhalten aus unserer biblischen Tradition verbunden ist, etwa die Wörter „tugendhaft“, „ Untugend“, „Verdienst“, „Sünde“ -, also Wörter, die die gesamte Vorstellung von moralischer Verurteilung und Schuld auf die buddhistischen Lehren über Ethik übertragen: dass bestimmte Dinge tugendhaft sind, das heißt gut und richtig, dass wir gute Menschen sind, wenn wir uns entsprechend verhalten, und dass wir damit Verdienst ansammeln wie eine Art von Belohnung. Und dass wir, wenn wir nicht tugendhaft handeln, uns nicht wie Heilige verhalten, schlecht sind und Sünde auf uns laden, für die wir dann büßen müssen. Das ist ganz klar eine Projektion biblischer Ethik auf die buddhistische Ethik, denn im Buddhismus basiert Ethik im Grunde darauf, unterscheidendes Gewahrsein zu entwickeln in Bezug auf das, was förderlich ist, was destruktiv ist, was nützlich und was schädlich ist.

Als nächstes gibt es das Missverständnis, Gelübde als Gesetze anzusehen, d.h. zu glauben, dass buddhistische Ethik auf Gehorsam gegenüber Gesetzen beruht, statt auf unterscheidendem Gewahrsein. Je nachdem, aus welcher Kultur wir kommen – in einigen Kulturen nehmen die Menschen Gesetze sehr, sehr ernst und verhalten sich dann ziemlich unflexibel, um nicht gesetzwidrig zu handeln: „So und so ist das, darüber gibt es nichts zu diskutieren.“ Die Tibeter hingegen haben gegenüber ethischen Richtlinien eine ziemlich entspannte Einstellung. Das heißt nicht, dass sie nachlässig sind, sondern es heißt, dass man in Bezug darauf, wie man die Richtlinien anwendet, in bestimmten Situationen sein unterscheidendes Gewahrsein benutzen muss. Denn was wir hier versuchen, ist zu unterscheiden, ob wir unter dem Einfluss einer störenden Emotion handeln, oder ob es einen nutzbringenden Grund für unser Verhalten gibt.

Das andere Extrem ist, die Gelübde – ich spreche hier insbesondere über Gelübde – wie ein Rechtsanwalt zu betrachten. Wir suchen dann nach Schlupflöchern in der Darstellung von Karma, um Ausreden für destruktives Verhalten zu finden oder dafür, Zugeständnisse zu machen und ein Gelübde aufzuweichen. Lassen Sie mich ein Beispiel dafür geben, wie wir auf legalistische Weise nach solchen Schlupflöchern suchen. Wir könnten z.B. ein Gelübde nehmen, unangemessene sexuelle Handlungen zu meiden, und dann behaupten, dass Oralsex zulässig sei, weil das ein Ausdruck von Liebe sei. Wir suchen nach Ausreden, weil uns diese Art sexueller Handlungen eben gefällt. Oder wir nehmen das Gelübde, Alkohol aufzugeben, und sagen dann, dass es in Ordnung sei, bei einem Essen mit unseren Eltern Wein zu trinken, um sie nicht vor den Kopf zu stoßen, oder dass es in Ordnung sei, ab und zu etwas zu trinken, solange wir nicht betrunken werden. Wir erfinden diese Ausreden, um das Gelübde zu umgehen. Der Punkt ist: Wenn man ein Gelübde nimmt, nimmt man es ganz. Man nimmt nicht ein teilweises Gelübde. Das ist die Art und Weise, wie ein Gelübde bestimmt wird. Wenn wir nicht alle Einzelheiten der Gelübde oder eines bestimmten Gelübdes einhalten können, wie sie im Text angegeben sind, dann sollten wir das Gelübde nicht nehmen. Es besteht keine Verpflichtung dazu, das Gelübde zu nehmen.

Es gibt allerdings eine Alternative. In der Erörterung der Gelübde im Abhidharma werden drei Kategorien genannt: Es gibt Gelübde, mit denen man gelobt, von etwas, das destruktiv ist, grundsätzlich Abstand zu nehmen. Und dann gibt es etwas, das sehr schwer zu übersetzen ist - wörtlich heißt es „Gegen-Gelübde“; das ist ein Gelübde, sich beispielsweise nicht des Tötens zu enthalten – etwa wenn wir der Bundeswehr beitreten, würden wir auch auf Feinde schießen oder so etwas in der Art. Es gibt dann etwas, das eine Art Zwischenlösung darstellt. Und diese Zwischen-Kategorie ist es, die hier zur Anwendung kommen kann. Mit anderen Worten: Wenn es Bestandteile des Gelübdes gibt, von denen wir meinen, dass wir sie nicht tatsächlich einhalten können, können wir uns eines Teils dessen enthalten, was in dem jeweiligen Gelübde vorgegeben ist - etwa nicht mit dem Partner von jemand anderem Sex zu haben oder beim Sex keinerlei Gewalt anzuwenden, jemanden dazu zu zwingen oder zu vergewaltigen usw. Ein solches Versprechen zu machen ist nicht tatsächlich das Gelübde, wie es im Text vorgegeben ist, aber es baut positive ethische Kraft auf – ich bevorzuge das Wort „positive Kraft“ statt „Verdienst“ und „negative Kraft“ statt „ Sünde“ – es ist also wesentlich positiver, schafft mehr positive Kraft in unserem geistigen Kontinuum, als wenn wir mit diesem Verhalten einfach so aufhören würden. Mit dieser Art von Versprechen verletzen wir das Gelübde nicht und es wird trotzdem zu einer starken ethischen Praxis.

Ein weiterer Irrtum in Bezug auf Ethik ist das Missverständnis, die buddhistische Ethik sei humanistisch. „Humanistisch“ heißt nur zu vermeiden, etwas zu tun, was anderen schaden würde. Solange es niemand anderem schadet, ist es in Ordnung. Was wir dabei vermeiden wollen, ist andere zu verletzen. Das ist humanistische Ethik, oder zumindest, was ich darunter verstehe. Und obwohl das sehr gut und schön ist, ist das nicht die Basis buddhistischer Ethik. Bei der Basis buddhistischer Ethik wird der Schwerpunkt darauf gelegt zu vermeiden, was selbstzerstörerisch ist, denn wir wissen nicht, was anderen schaden würde: Es kann sein, dass man jemandem eine Million Euro gibt und denkt, man tut ihm etwas Gutes, und am nächsten Tag wird er wegen dieses Geldes überfallen und umgebracht. Wir können nicht in die Zukunft blicken. Was in den buddhistischen Lehren angegeben wird, ist Folgendes: Wenn wir destruktiv handeln, beruhend auf störenden Emotionen – Ärger, Gier, Lust, Eifersucht, pure Einfältigkeit usw. -, so ist das selbstzerstörerisch: Es baut eine negative Gewohnheit auf, dergleichen zu wiederholen, und wird bewirken, dass wir selbst Leiden erfahren. Das ist die Grundlage der buddhistischen Ethik.

Missverständnisse bezüglich Wiedergeburt

Daraus ergibt sich auch, dass diese Vorstellung, buddhistische Ethik sei humanistisch - lediglich niemand anderen zu verletzen – häufig daher kommt, dass eine vorzeitige Betonung der Mahayana-Praxis stattfindet, indem man denkt, wir könnten die anfänglichen und mittleren Lam-Rim-Stufen überspringen. Die anfänglichen Stufen sind: schlimmere Wiedergeburten zu verhindern. Und wir glauben noch nicht einmal an Wiedergeburt. Die mittlere Ebene besteht darin, Wiedergeburt überhaupt und den Daseinskreislauf aufzugeben. Nun, wir glauben immer noch nicht an Wiedergeburt, und daher beeindruckt uns nichts davon als besonders wichtig, also überspringen wir es eben. Wir fühlen uns zu den Mahayana-Lehren hingezogen, weil sie in vieler Hinsicht sehr ähnlich klingen wie einige unserer traditionellen abendländischen Werte von Liebe, Geduld, Mitgefühl, Wohltätigkeit usw. Das klingt sehr gut und wir fühlen uns dazu hingezogen und überspringen oder unterschätzen die Wichtigkeit jener Stufen anfänglicher Reichweite – auf denen man daran arbeitet, die störenden Emotionen, zerstörerisches Verhalten usw. aufzugeben, weil sie selbstzerstörerisch sind – und gehen einfach dazu über zu versuchen, anderen zu helfen. Das ist ein Fehler. Es ist zwar richtig, das Mahayana hervorzuheben, aber es muss auf der Grundlage der Stufen anfänglicher und mittlerer Reichweite geschehen.

Ein starker Grund dafür, dass viele von uns die Lehren anfänglicher Reichweite lieber überspringen, besteht darin, dass wir denken, es gebe keine Wiedergeburt. Auf jener Stufe liegt schließlich das Schwergewicht darauf, ein schlimmere Wiedergeburt zu vermeiden; deshalb nehmen wir Zuflucht (geben unserem Leben eine positive Richtung) und richten uns nach den Gesetzen des Karma, um zerstörerisches Verhalten aufzugeben, da dieses uns schlimmere Wiedergeburten einbringen wird. Das überspringen wir nun oder spielen dessen Wichtigkeit herunter, weil wir nicht an Wiedergeburt glauben. Und an die Höllenbereiche, die Bereiche der Klammergeister (hungrige Geister) und die Bereiche der Götter und Gegengötter glauben wir schon gar nicht. Wir denken, dass sie nicht wirklich existieren und dass die Beschreibungen in den Dharma-Texten sich eigentlich nur auf psychologische Zustände von Menschen beziehen. Das wird jedoch den Lehren wirklich nicht gerecht und ist ein großes Missverständnis.

Ich möchte hier nicht in allen Einzelheiten darauf eingehen, aber wenn wir bedenken, dass ein Geist, ein geistiges Kontinuum, sei es unseres oder das von jemand anderem, sehr viel mehr von dem Spektrum – tatsächlich das gesamte Spektrum – an Glück und Unglück, Wohlgefühl und Schmerz erfahren kann und nicht nur auf den begrenzten Umfang des Spektrums beschränkt ist, das durch die Parameter unseres Körpers und unseres menschlichen Geistes vorgegeben ist ... Tiere können besser sehen, einige können besser hören als wir, usw. Warum sollten also die Grenzen dessen, was wir erfahren können – im Sinne von Glück, Unglück, Wohlgefühl und Schmerz – nicht ausgeweitet werden können und eine entsprechende physische Form als Grundlage haben können.

Auch wenn in den Darstellungen des Karma erwähnt wird, dass es gewisse Nachwirkungen [in einem menschlichen Leben] geben kann, Überbleibsel aus früheren Leben in jenen anderen Bereichen, so dass wir Ähnlichkeiten damit finden, heißt das noch lange nicht, dass wir die Beschreibung jener anderen Lebensformen, die wir und andere annehmen können, einfach auf psychologische menschliche Zustände reduzieren können. Weil wir nicht akzeptieren, dass es Wiedergeburt und diese anderen Daseinsformen gibt, missverstehen wir Karma dahingehend, dass es lediglich Folgen unserer Handlungen beschreibt, die in diesem Leben eintreten werden, und das verursacht eine Menge Probleme. Weil es Schwerverbrecher gibt, die anscheinend davonkommen und nie gefasst werden, und weil uns in diesem Leben alle möglichen schrecklichen Dinge passieren können, obwohl wir nie etwas übermäßig Destruktives getan haben, scheint Karma keinen Sinn zu ergeben, wenn wir unsere Diskussion oder unsere Sicht nur auf dieses Leben beschränken.

Missverständnisse in Bezug auf Dharma

All das unterstreicht ein viel größeres Problem, ein viel größeres Missverständnis bezüglich des Dharma, nämlich dass wir uns innerhalb des Dharma – innerhalb des Buddhismus – einfach das heraussuchen können, was uns gefällt und das, was uns schwer fällt zu akzeptieren, streichen oder ignorieren können: so genannter sanierter Buddhismus. Wir sanieren bzw. säubern ihn von allem, was schwierig ist.

All die Geschichten über Karma, mit Elefanten, die unter die Erde gehen und Gold ausscheiden, und anderes mehr – „Also bitte! Das sind doch Kindermärchen!“ Wir sehen nicht, dass sie eine Lektion enthalten, die es zu lernen gilt. Ob wir sie wörtlich nehmen (wie einige Tibeter es tun) oder nicht, ist hier nicht der Punkt. Es geht darum, sie nicht zu verwerfen; es handelt sich um Bestandteile der Lehren. Auch angesichts der Vorstellung in den Mahayana-Sutras, dass die Buddhas Hunderte Millionen Wesen lehren, Hunderte Millionen Buddhas anwesend sind und in jeder Pore eines Buddha weitere hundert Millionen usw. sind wir oft etwas peinlich berührt – „Das ist einfach zu bizarr“ – und akzeptieren es nicht.

Es geht also darum, dass man sich Teile, die einem gefallen, auswählt und heraussucht. Es gibt bestimmte tantrische und Bodhisattva-Gelübde, die verhindern sollen, einfach Teile herauszugreifen und andere zu ignorieren, einfach das anzunehmen, was einem beliebt. Wenn wir den Buddhismus als unseren spirituellen Weg annehmen wollen, müssen wir zumindest aufgeschlossen genug sein, um zu sagen: „Diese oder jene Lehre verstehe ich nicht“, selbst wenn sie uns reichlich absurd erscheint, und uns vorzunehmen: „Ich werde mich zumindest mit meinem Urteil darüber zurückhalten, bis ich ein besseres Verständnis, eine bessere, tiefer gehende Erklärung dafür bekomme“, statt uns dem zu verschließen und es zu verwerfen.

Ein weiteres Missverständnis besteht darin, dass wir, auch wenn wir Wiedergeburt akzeptieren, denken, es wäre ganz einfach, wieder eine kostbare menschliche Existenz zu erlangen. Wir meinen oft: „Ja, ja, ich glaube an Wiedergeburt. Natürlich werde ich dann wieder ein Mensch sein und alle Möglichkeiten zur Verfügung haben, weiter zu üben. Das ist wirklich ganz ausgesprochen naiv. Insbesondere wenn wir an all die destruktiven Verhaltensweisen denken, die wir an den Tag gelegt haben, das Ausmaß an Zeit, die wir unter dem Einfluss der störenden Emotionen – Ärger, Gier, Selbstsucht usw. – gestanden haben, im Vergleich zu dem Ausmaß an Zeit, in der wir aus reiner Liebe und Mitgefühl gehandelt haben, dann wird ziemlich klar, dass es sehr schwierig werden wird, erneut eine kostbare menschliche Wiedergeburt zu erlangen.

Ein anderer Irrtum, der hier auftaucht, besteht darin, aus Anhaftung an Freunde und Angehörige nach einer kostbaren menschlichen Wiedergeburt zu streben, damit wir weiter mit ihnen zusammensein können. Oder auch nur zu denken, dass ich, wenn ich wieder eine kostbare menschliche Existenz erlange, dann natürlich auch all meine Freunde, Verwandten und die Menschen wiedertreffen werde, an denen mir liegt – auch das ist ein Missverständnis. Es gibt unzählige Lebensformen und Wesen, und wir alle werden in verschiedenen Situationen wiedergeboren. Es gibt absolut keine Garantie dafür, dass wir einander wiedertreffen; tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass es überaus lange dauern wird, bis wir irgendjemanden aus diesem Leben nochmals treffen. Es könnte sein; es ist nicht so, dass es unmöglich wäre. Aber es ist ein Missverständnis zu meinen, das wäre einfach oder sicher.

Missverständnisse bezüglich Karma

Ein anderes Missverständnis im Zusammenhang mit Karma und Wiedergeburt – selbst wenn wir akzeptieren, dass unser Leiden in diesem Leben aus negativem karmischem Potenzial reift, das in früheren Leben aufgebaut wurde – ist zu denken: „Wenn ich leide, wenn mir etwas Schlimmes passiert, dann verdiene ich es nicht anders“, oder dass wir es eben nicht anders verdient haben, wenn etwas passiert ist. Hier beinhaltet das Missverständnis die Auffassung, dass es ein auf feststehende Weise existierendes „Ich“ gäbe, das die Regeln gebrochen hat, schuldig und schlecht ist und jetzt seine verdiente Strafe bekommt.

Wir geben dabei die Schuld diesem festen „Ich“, das so schlecht ist und nun bestraft wird. Der Grund dafür ist, dass wir die Regeln des Karma, nämlich Verhaltensursache und – Wirkung übermäßig vereinfacht haben. Wir sehen nicht, dass an der Erfahrung des Reifens von Karma viele Faktoren beteiligt sind, z.B. all die Umstände, in denen verschiedene karmische Wirkungen zur Reife kommen. Dafür gibt es Ursachen. Es ist ein Fehler zu denken, dass ich die Ursache für das Reifen des Karmas anderer Menschen bin. Was wir erfahren, entsteht in Abhängigkeit von all diesen Faktoren, nicht nur von mir.

Ich möchte ein Beispiel geben. Wir werden von einem Auto angefahren. Das, was die andere Person veranlasst, mich anzufahren, ist nicht das, was ich in einem früheren Leben getan habe. Wir denken: „Ich bin verantwortlich dafür, dass sie mich anfährt“. Nein. Das, wofür verantwortlich sind, ist die Erfahrung, angefahren zu werden. Das Karma jener anderen Person ist verantwortlich dafür, dass sie uns mit dem Auto angefahren hat. So ist das, was uns passiert, das Resultat der Interaktion vieler, vieler verschiedener karmischer Faktoren, von störenden Emotionen, und allgemeinen Faktoren - etwa dem Wetter: es hat geregnet, die Straße war glatt usw. usw. – all das kommt zusammen und führt zur Reifung – nun, lassen Sie uns nicht „Reifung“ sagen, sondern: dazu, dass eine Situation zustande kommt, in der wir Leiden oder Probleme erleben.

Das waren einige der Missverständnisse, die im Zusammenhang mit Ethik, Karma usw. auftreten können. Ich bin sicher, dass es noch sehr viele andere gibt. Dies sind nur einige, die mir eingefallen sind, als ich heute darüber nachgedacht habe.

Missverständnisse bezüglich Gurus

In Bezug auf Gurus gibt es wohl einen riesigen Bereich von Missverständnissen, nicht nur unter Westlern. Zuerst einmal missverstehen wir, weil die Wichtigkeit des Gurus so betont wird, dass der Guru qualifiziert sein muss – dass es sich um einen qualifizierten Guru handeln muss. Es gibt Listen der erforderlichen Qualifikationen. Und selbst wenn der Guru qualifiziert ist, müssen wir uns von dieser Person auch inspiriert fühlen. Denn einer der wesentlichen Gründe für die Wichtigkeit des spirituellen Lehrers ist, dass der Lehrer für die Inspiration sorgt, die Energie dafür, dass wir praktizieren, das Vorbild, dem wir folgen wollen. Informationen können wir aus Büchern, aus dem Internet usw. erhalten. Natürlich müssen spirituelle Lehrer Fragen beantworten. Sie müssen imstande sein, uns zu korrigieren, wenn wir in unserer Meditationspraxis Fehler machen. Aber wenn sie uns nicht inspirieren, werden wir nicht sonderlich weit kommen.

Weil wir das nicht richtig verstehen – dass sie wirklich qualifiziert sein müssen und es wirklich notwendig ist, dass sie uns inspirieren – sind wir allzu schnell bereit, jemanden als unseren Guru zu akzeptieren, ohne ihn oder sie zuerst hinreichend oder angemessen zu überprüfen, eben aufgrund dieser Betonung: „Du brauchst einen Lehrer; man muss unbedingt einen Lehrer haben.“ Und dann laufen wir möglicherweise Gefahr, enttäuscht zu werden, wenn wir später feststellen, dass er oder sie Fehler hat. Wir haben das nicht sorgfältig geprüft. Das ist ein großes Problem, denn es hat viele Skandale im Zusammenhang mit spirituellen Lehrern gegeben, die zu Recht oder zu Unrecht beschuldigt wurden, sich ungebührlich verhalten zu haben. Manchmal werden sie dessen zu Recht angeklagt; sie waren eigentlich nicht qualifiziert. Wir haben uns durch diese Betonung der Rolle des Gurus unter Druck gefühlt, diese Person als unseren Guru zu akzeptieren. Und dann sehen wir, dass solche Dinge passieren und sind ganz verzweifelt.

Als Ergänzung dazu ist zu sagen, dass es ein Missverständnis ist zu denken, dass alle Tibeter - oder in eingeschränkteren Sinne, alle Mönche und Nonnen, oder, um es noch weiter einzuschränken, alle Rinpoches, Geshes und Kenpos – perfekte Beispiele buddhistischer Praxis wären. Das ist ein sehr häufiges Missverständnis. Wir denken „Oh, sie müssen perfekte Buddhisten sein: Sie sind ja Tibeter“ oder „Perfekte Buddhisten: Sie tragen Roben“, „Perfekte Buddhisten: Sie haben ja den Titel Rinpoche. Da müssen sie erleuchtete Wesen sein“. Das ist reichlich naiv. Sie sind normale Menschen.

Es kann sein, dass es unter Tibetern einen größeren Anteil praktizierender Buddhisten gibt als in den meisten anderen Gesellschaften; es kann sein, dass es bestimmte buddhistische Werte gibt, die Teil ihrer Kultur sind; aber das heißt keineswegs, dass sie alle vollkommen sind. Wenn man Mönch oder Nonne wird, kann es vielerlei Gründe dafür geben. Unter Tibetern kann es gut sein, dass die Familie ein Kind in ein Kloster gibt, weil sie es nicht ernähren konnten, und im Kloster bekommt das Kind Essen und eine Ausbildung. Es kann auch Gründe geben, die von einem selbst ausgehen – etwa dass ich Probleme habe und die Disziplin des Klosterlebens brauche, um diese Probleme zu überwinden.

Einer meiner Freunde, ein Rinpoche, sagte „Roben zu tragen ist ein Zeichen dafür, dass ich diese Disziplin wirklich brauche, den ich bin ein sehr undisziplinierter Mensch und habe eine Menge störender Emotionen, und ich versuche eben mit aller Kraft, ihrer Herr zu werden.“ Das heißt nicht, dass diese Person sie überwunden hat. Wir sollten also nicht so naiv sein und denken, dass sie alle erleuchtet wären, insbesondere in Bezug auf diese Rinpoches usw. Seine Heiligkeit der Dalai Lama sagt immer: Sich einfach auf den berühmten Namen eines Vorgängers zu verlassen ist wirklich ein großer Fehler. [Er betont,] dass die Rinpoches ihre Qualifikation in diesem Leben zeigen und beweisen müssen, statt nur auf den Ruf ihres Namens zu pochen.

Andererseits gibt es auch das Missverständnis, Mönche und Nonnen nicht zu achten und zu unterstützen, sondern sie in Dharma-Zentren zu Dienern der Laien zu machen. Oft geschieht es, dass ein Dharma-Zentrum einen Mönch oder eine Nonne dort wohnen lässt, und diese müssen dann das Haus sauber halten, aufräumen, alles für die Unterweisungen vorbereiten, das Geld für die Kosten einsammeln; oft können sie nicht einmal an den Unterweisungen teilnehmen. Wenn es sich um ein Zentrum mit Unterbringung handelt, müssen sie die Betten herrichten und lauter solche Sachen. Und die Laien denken, dass sie unsere Bediensteten sind. Dabei ist es genau andersherum. Als Mönchen und Nonnen steht ihnen großer Respekt zu, ungeachtet dessen, welcher Ebene ihre Ethik angehört. Das ist Bestandteil der Lehren: Man respektiert sogar die Roben selbst. Das heißt nicht, dass man denken würde, sie wären perfekt, und sich diesbezüglich der Naivität hingibt. Aber ein gewisser Respekt sollte ihnen schon erwiesen werden.

Des Weiteren gibt es ein großes Missverständnis hinsichtlich des Begriffs der so genannten Hingabe an den Guru. Ich finde, das ist keine sehr hilfreiche Übersetzung, weil es eine fast blinde Verehrung des Guru nahelegt, wie in einem Kult. Das ist ein riesiges Missverständnis. Der Begriff, der hier im Zusammenhang mit der Beziehung zum spirituellen Lehrer verwendet wird, bedeutet, sich auf einen qualifizierten spirituellen Lehrer zu stützen und ihm so zu vertrauen, wie wir uns auf einen qualifizierten Arzt verlassen und ihm vertrauen würden. Der gleiche Begriff wird für die Beziehung zu einem Arzt verwendet. Aber aufgrund der Anweisung, den Guru als einen Buddha anzusehen, missverstehen wir das und denken, dass der Lehrer unfehlbar sei und wir ihm fraglosen Gehorsam schulden, wie in einer Sekte. Das ist ein Irrtum. Aufgrund dessen geben wir alle unsere Kritikfähigkeit und die Verantwortung für uns selbst ab und werden häufig abhängig davon, um Mos zu bitten (mo, Weissagung mittels Würfel oder Ähnlichem) – wir bitten ihn, ein Mo zu machen und uns alle Entscheidungen abzunehmen.

Unser Ziel ist, selbst Buddhas zu werden, unterscheidendes Gewahrsein zu entwickeln, um imstande zu sein, selbst intelligente und mitfühlende Entscheidungen zu treffen. Wenn ein Lehrer darauf abzielt, uns von ihm abhängig zu machen, etwa weil er auf Macht aus ist, dann läuft etwas falsch. Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass das in Ordnung wäre und sich damit abzufinden, dieser Art Machtbedürfnis eines Lehrers Vorschub zu leisten, der eigentlich nicht angemessen den Richtlinien folgt.

Es ist ebenfalls ein Missverständnis, auf einen buddhistischen Lehrer die Rolle eines Pastors oder eines Therapeuten zu projizieren, mit dem wir unsere persönlichen Probleme erörtern und den wir um Ratschläge dafür bitten. Das entspricht nicht der Rolle eines buddhistischen spirituellen Lehrers. Ein buddhistischer spiritueller Lehrer erteilt traditionell Unterweisungen, und es ist an uns, herauszufinden, wie wir sie anwenden. Es ist wirklich nur angemessen, Fragen zu stellen, die mit unserem Verständnis der Lehren und unserer Meditationspraxis zusammenhängen. Wenn man psychische Probleme hat, geht man zu einem Therapeuten, nicht zum spirituellen Lehrer. Und besonders unangemessen ist es, mit einem Mönch oder einer Nonne über Ehe- und Beziehungsprobleme sowie über sexuelle Probleme zu sprechen. Sie leben im Zölibat, sie haben damit nichts zu tun. Sie sind nicht die richtigen Ansprechpartner für diese Art von Problemen. Aber wir, die wir aus einer Tradition mit Pastoren, Priestern, Rabbis oder was auch immer kommen, erwarten wiederum, dass sie diese allgemeine Funktion übernehmen, uns durch die Situationen in unserem Leben zu lenken, mit uns auf der persönlichen Ebene umzugehen, die unser ganz persönliches Leben betrifft.

Ich möchte wieder ein Beispiel nennen. Ich habe mich neun Jahre lang in nächster Nähe meines spirituellen Lehrers Serkong Rinpoche aufgehalten; die meiste Zeit über war ich Tag und Nacht in seiner Nähe. In den neun Jahren hat er mir niemals eine persönliche Frage gestellt. Nie. Nicht über mein persönliches Leben, nicht über meine Familie oder meinen persönlichen Hintergrund. Nichts davon. Es ging immer um das, was jeden Tag stattfand, indem er mir Unterweisungen gab oder im Zusammenhang damit, dass ich mit ihm zusammen dafür tätig war, anderen zu nutzen – für ihn zu übersetzen, seine Reisen vorzubereiten oder was auch immer. Eine sehr andere Art von Beziehung, die für uns nicht leicht zu verstehen ist.

Was das Zusammenwirken mit dem Lehrer betrifft – das bringt uns zum Thema der Zufluchtnahme - das, was ich gerne als „sichere Richtung“ bezeichne. Es bedeutet, unserem Leben eine Richtung zu geben, die von Buddha, Dharma und Sangha angezeigt wird. Es ist ein Missverständnis der Zufluchtnahme, wenn man sie lediglich als Beitritt zu einem Verein trivialisiert – Sie wissen schon, man schneidet ein Stückchen von seinem Haar ab, bekommt ein rotes Bändchen, erhält einen neuen Namen, und schon ist man einem Verein beigetreten – insbesondere wenn wir den Verein, dem wir beitreten, statt Buddhismus im allgemeinen eher als eine bestimmte Überlieferungslinie des tibetischen Buddhismus ansehen, weil der Lehrer einer bestimmten tibetischen Tradition angehört: „ Jetzt bin ich Gelugpa geworden“, „Jetzt gehöre ich zu den Karma Kagyüs“, „Jetzt bin ich Nyingma“, „ Jetzt bin ich Sakya“. Anstatt: „Jetzt folge ich dem Weg des Buddha.“ Aufgrund dieses Missverständnisses werden wir sektiererisch, schließen alles andere aus und suchen niemals ein anderes Dharma-Zentrum auf. Das ist wirklich interessant. Schauen wir uns das Phänomen im Westen an: Die meisten bleiben einfach in einem Dharma-Zentrum und gehen nie in ein anderes.

Noch verwirrender ist, dass anscheinend jeder Lehrer, der herkommt, sein eigenes Dharma-Zentrum und seine eigene Organisation gründen will. Ich finde das ist ein großer Fehler, denn das wird auf die Dauer untragbar. Man kann nicht bis in alle Zukunft vierhundert verschiedene Arten von Buddhismus aufrechterhalten – das ist sehr verwirrend für neue Schüler. Es ist mit großen finanziellen Belastungen und Aufzehrung von Mitteln verbunden, all diese Zentren mit ihren Altären und Bibliotheken zu unterstützen, Miete zu bezahlen usw. usw. Auch nach Tibet kamen viele verschiedene Lehrer und es wurden verschiedene Klöster gegründet, doch schließlich kamen sie zusammen und es wurden unterscheidbare Gruppen gebildet. Nicht dieselben Gruppen, die es in Indien gegeben hatte – in Indien gab es keine Kagyü- oder Sakya-Tradition -, sondern Gruppen, die man dann aufrechterhalten konnte, und die verschiedene Überlieferungen zusammenführten. Wir haben zwar große Organisationen im westlichen Dharma – etwa diejenigen, die von Trungpa Rinpoche, von Sogyal Rinpoche, von Lama Yeshe und Lama Zopa ins Leben gerufen wurden usw. -, aber wir müssen uns in gewissem Sinne noch weiter in diese Richtung entwickeln. Es ist sehr schwierig, weil es in dieser Hinsicht zwei Extreme gibt. Das eine ist: Wenn alles zu sehr zerstückelt ist, funktioniert es nicht. Wenn es andererseits aber zu sehr reguliert wird, funktioniert das auch nicht. Man muss damit also sehr vorsichtig sein, aber ich denke, die Tragfähigkeit ist ein wichtiges Thema.

Im Hinblick auf die Tendenz, keine anderen Dharma-Zentren aufzusuchen, ist es ebenfalls ein Missverständnis zu denken, dass wir nicht bei anderen Lehrern studieren könnten, nicht einmal innerhalb der Überlieferungslinie unseres eigenen Lehrers. Viele Tibeter haben mehrere Lehrer, nicht nur einen. Atisha hatte 155 Lehrer, das ist dokumentiert. Verschiedene Lehrer haben verschiedene Spezialgebiete. Der eine ist besonders gut darin, ein bestimmtes Thema zu erklären, der andere kann etwas anderes besonders gut erklären. Einer hat diese Überlieferung, ein anderer jene. Viele Lehrer zu haben ist kein Treuebruch gegenüber dem eigenen Lehrer. Seine Heiligkeit der Dalai Lama sagt: Wir können unsere Lehrer ansehen wie den elfköpfigen Avalokiteshvara, jeder Lehrer ist wie ein anderes Gesicht, alle im Zusammenhang mit einer zentralen Gestalt, die uns spirituell anleitet. So in etwa.

Dann ist es also sehr wichtig, sich nicht an verschiedene Lehrer zu halten, die im Konflikt miteinander stehen. Das geht nicht. Man muss Lehrer finden, die im Einklang miteinander sind, die miteinander das haben, was im Tibetischen dam-tshig genannt wird. Denn unglücklicherweise gibt es etwas, was wir manchmal spirituelle Sternenkriege nennen, zwischen einigen Lehrern, die sich in Bezug auf bestimmte Angelegenheiten heftig widersprechen – sei es in Bezug auf Schützer, oder in Bezug darauf, wer der richtige Karmapa ist, oder was auch immer. Wenn man mehr als einen Lehrer hat, muss man sich also solche aussuchen, die miteinander im Einklang stehen. Wesentlich ist, zu verstehen, dass bloß den Vorträgen eines buddhistischen Lehrers zuzuhören diese Person nicht automatisch zu unserem spirituellen Lehrer macht, mit allem, was an Guru-Hingabe dazugehört – obwohl wir ihm gegenüber einen gewissen Respekt zeigen müssen. Seine Heiligkeit sagt: „Man kann zu den Unterweisungen eines jeden Lehrers gehen und ihnen einfach wie einem Vortrag zuhören, so wie man es bei einer Universitäts-Vorlesung machen würde.“ Es beinhaltet nichts weiter als das. Gut.

Missverständnisse bezüglich der Praxis

Was nun die Praxis betrifft, so ist es ein Missverständnis zu denken, dass die Gelug-Tradition eine Überlieferungslinie sei, die gänzlich aus Studieren besteht, während die Kagyü- und Nyingma-Tradition reine Praxis-Überlieferungen seien, und dass wir, wenn wir der einen folgen, den jeweils anderen Aspekt vernachlässigen – dass wir dabei entweder unser Studium oder unserer Meditation vernachlässigen. Wenn bestimmte Lehrer das eine oder das andere besonders hervorheben - Studium oder Meditation – heißt das nicht, dass wir nur das eine üben und das andere ignorieren. Es ist ganz klar, dass wir beides brauchen.

Seine Heiligkeit hat kürzlich in einer Audienz für eine Gruppe von Westlern, die in den siebziger und achtziger Jahren an der Library in Dharamsala studierten, eine sehr schöne Analogie genannt. Er sagte, dass Tantra und Mahamudra und Dzogchen – diese Arten von Praktiken – wie Finger einer Hand seien. Die Handfläche, die Grundlage, seien die Lehren der indischen Tradition aus dem Kloster Nalanda, die Lehren der indischen Meister aus Nalanda über Sutra. Das Missverständnis besteht darin, zu viel Gewicht auf die Finger zu legen – Lehrer tun das manchmal auch – und nur die Finger zu studieren und zu üben und die Hand zu vergessen. Die Finger gehen von der Hand aus und sind getrennt davon nicht funktionsfähig. Ich denke, dass diese Analogie einen sehr hilfreichen Ratschlag beinhaltet. Es ist ein Missverständnis zu denken: „Alles, was ich tun muss, ist Dzogchen zu üben, mich einfach hinsetzen und natürlich sein usw.“ – also die Dinge übermäßig zu vereinfachen, ohne die Grundlage dafür zu haben.

Ebenso ist es ein Missverständnis zu denken, dass wir Milarepas sind und dass jeder - insbesondere wir selbst – ein Leben lang in Klausur verbringen müssen oder zumindest eine dreijährige Klausur machen müssen. Nur wenige Leute sind dafür geeignet, ein Leben zu führen, indem sie die ganze Zeit meditieren; die meisten müssen sich am Sozialwesen beteiligen. Das ist der direkte Rat seiner Heiligkeit des Dalai Lama. Es ist sehr sehr selten, dass jemand für ein Leben in Meditations-Klausur geeignet ist. Oder dass wir aus einer Drei-Jahres-Klausur tiefgreifenden Nutzen ziehen und nicht nur dasitzen und drei Jahre lang Mantras rezitieren, ohne wirklich auf tieferer Ebene an uns zu arbeiten.

Natürlich ist es notwendig, den ganzen Tag über intensive Dharma-Praxis auszuüben, um Befreiung oder Erleuchtung zu erlangen, und es ist ein Fehler, uns zu überschätzen und zu denken, dass wir Befreiung und Erleuchtung ohne solche Vollzeit-Praxis erreichen können. Wir denken: „Ach, ich kann einfach in meiner freien Zeit praktizieren und werde dadurch befreit und erleuchtet werden.“ Auch das ist ein Missverständnis. Ebenso ist es aber auch ein Fehler, nicht realistisch zu sein in Bezug auf uns selbst und unsere Fähigkeit, derart intensive Praxis jetzt durchzuführen. Denn was vor allem passiert, wenn wir uns zu sehr antreiben und nicht wirklich imstande sind, diese Art von Praxis auszuführen, ist, dass wir sehr frustriert werden – wir bekommen das, was die Tibeter lung (rlung) nennen, verstörte Nervenenergie – und das macht uns psychisch, emotional und körperlich wirklich fertig.

Auch dies knüpft also ein bisschen an den mangelnden Glauben an Wiedergeburt an, denn wenn wir nicht an Wiedergeburt glauben, steht unsere Sicht nicht ernsthaft in Zusammenhang mit langfristigen Zielen, die man erst nach vielen, vielen Äonen der Praxis erreicht. Zwar gibt es die Lehre, die besagt, dass es möglich sei, Erleuchtung in diesem Leben zu erreichen, aber das sollte uns nicht veranlassen zu denken „Wir haben eben nur dieses Leben, denn es gibt keine Wiedergeburt“ und uns dermaßen anzutreiben, dass es unsere gegenwärtigen Fähigkeiten übersteigt.

Auch das Gegenteil dessen ist ein Fehler, nämlich die Wichtigkeit täglicher Meditation-Praxis zu unterschätzen. Wenn wir unsere Dharma-Praxis aufrechterhalten wollen, ist es sehr wichtig eine tägliche Meditations-Übung in unseren Tagesablauf einzubauen. Dies hat viele, viele Vorteile im Hinblick auf Disziplin, auf Verbindlichkeit, auf mehr Stabilität in unserem Leben, Verlässlichkeit: dass wir das jeden Tag tun, ganz gleich was passiert. Wenn uns ernsthaft daran gelegen ist zu versuchen, mehr hilfreiche Gewohnheiten zu entwickeln – und genau darum geht es bei der Meditation - müssen wir üben.

„Praxis“ bedeutet: in einer überschaubaren Umgebung Geduld usw. zu üben, indem wir uns unterschiedliche Situationen vorstellen und untersuchen, was die Ursachen für unsere Probleme sind: „Warum rege ich mich über diese oder jene Situation auf? Warum werde ich reizbar und aufgebracht, wenn es mir schlecht geht? Ist es, weil …?“ usw. Dabei gehen wir tiefer und tiefer und stellen fest: „Nun, ich stelle mich selbst in den Mittelpunkt – ‘Ich leide. Ich Arme/r.‘“ Selbst wenn wir nicht bewusst „ich Arme/r“ denken, während wir krank sind, liegt unser Hauptschwerpunkt auf dem „ Ich“; er besteht darin, dass wir dieses gewichtige „Ich“ daraus machen. Und weil uns nicht gefällt, was wir erleben, werden wir reizbar und projizieren es auf andere Menschen. – Deswegen geht man in der Meditation so vor; man untersucht das, was am Tag abläuft. Daher ist eine tägliche Praxis, in der wir diese Dinge erkunden und regelmäßig eine hilfreiche Gewohnheit entwickeln, von großem Nutzen. Es ist ein großes Missverständnis zu denken, wir würden ohne das auskommen.

Ebenfalls ein Missverständnis ist es, zu denken, buddhistische Praxis bedeute, lediglich ein Ritual durchzuführen und nicht in erster Linie an sich selbst zu arbeiten. Viele Leute denken das. „ Nun, ich mache ja diese Sadhana und jene Sadhana“; manchmal rezitieren wir sie auf Tibetisch – in einer Sprache, die wir noch nicht einmal verstehen – und meinen, das wäre Praxis. Dzongsar Khyentse Rinpoche, der vor einigen Monaten hier war, führte einen wunderbaren Vergleich an. Er sagte: Wenn die Tibeter jeden Tag Gebete und allerlei Übungen auf Deutsch rezitieren müssten, die in tibetischer Lautschrift geschrieben wären, ohne dabei die geringste Ahnung zu haben, was sie da lesen, bezweifle ich, dass es sehr viele gäbe, die das tatsächlich tun. Aber als Westler tun wir das und meinen, es wäre Praxis und dass das ausreichen würde. Tatsächliche Praxis bedeutet, an sich selbst zu arbeiten. Daran zu arbeiten, unsere Einstellung zu ändern. An unseren störenden Emotionen zu arbeiten. Untersuchungen anzustellen. Zu verstehen. Mehr förderliche Gewohnheiten von Liebe, Mitgefühl, richtigem Verständnis usw. zu entwickeln.

Noch ein Missverständnis in Bezug auf Praxis besteht darin zu denken, dass wir, um richtig Dharma zu praktizieren, tibetischen oder anderen Formen asiatischer Bräuche folgen müssten – etwa einen reich geschmückten Altar in tibetischem Stil einrichten, einen Schrein-Raum haben oder sogar ein Dharma-Zentrum. Viele Tibeter, die hierher kommen richten natürlich ein Dharma-Zentrum gern so ein wie einen tibetischen Tempel, mit entsprechenden Wandfarben, Bildern usw. – wir können das hier in diesem Raum sehen. Und, wie ein Tibeter sagen würde: „Wenn es den Westlern gefällt, warum nicht? Das ist ja nichts Schlimmes.“ Aber zu denken, das wäre unbedingt notwendig, ist ein großer Fehler. Vor allem, wenn es mit enormen Kosten verbunden ist, während das Geld auf andere Weise erheblich nützlicher verwendet werden könnte. Wir brauchen nichts Aufwändiges, in tibetischem Stil, um tibetischen Buddhismus zu praktizieren – sei es in einem Dharma-Zentrum oder in unserem Zuhause usw.

Zwar liegt das Hauptgewicht im Dharma darauf, die Ursachen des Leidens für immer loszuwerden - nämlich unsere Unwissenheit, unser Nicht-Gewahrsein der Realität, unsere störenden Emotionen usw. -, aber es ist ein weiteres Missverständnis zu denken, dass es schnell gehen wird, die störenden Emotionen zu überwinden, und zu vergessen, dass wir sie, in allmählich abnehmendem Maße, den ganzen Weg über immer noch haben, so lange, bis wir Arhat werden. Erst dann – wenn wir ein befreites Wesen sind – werden wir völlig frei von Ärger, Anhaftung usw. sein. Vergessen wir das, so werden wir entmutigt, wenn wir nach jahrelanger Praxis immer noch ärgerlich werden. Das kommt sehr, sehr häufig vor.

Es ein Fehler, keine Geduld mit sich selbst zu haben. Wir müssen erkennen, dass Dharma-Praxis auf und ab geht, genau wie Samsara, auch darin geht es auf und ab. Und langfristig können wir hoffen, dass es besser wird. Es wird nicht ganz einfach sein. Es ist also ein Fehler, keine Geduld mit uns selbst zu haben, wenn wir Phasen erleben, in denen es nicht vorangeht. Andererseits müssen wir auch das andere Extrem vermeiden, nämlich uns unsere schlechten Gewohnheiten durchgehen zu lassen und zu nachlässig oder zu faul zu sein, um an uns selbst zu arbeiten. Der Mittelweg ist hier: uns nicht selbst fertig zu machen, wenn wir immer noch ärgerlich werden, aber auch nicht einfach zu sagen. „Gut, ich bin ärgerlich“ oder „Ich habe eben schlechte Laune“, ohne zu versuchen, irgendeine Dharma-Methode anzuwenden, um das zu überwinden.

Es ist sehr interessant zu beobachten, welchen Optionen wir uns zuwenden, wenn wir schlechte Laune haben, was wir tun, um uns Erleichterung zu verschaffen. Wende ich mich der Meditation zu? Wende ich mich der Zuflucht zu? Oder wende ich mich Schokolade oder Sex oder dem Fernseher oder Gesprächen mit Freunden zu? Wohin wende ich mich? Ich denke, das sagt sehr viel aus über unsere Dharma-Praxis – wie wir damit umgehen, wenn wir schlechte Laune haben.

Ebenfalls ein Missverständnis ist es – und dies ist ein schwieriges – zu denken, wir könnten Befreiung oder Erleuchtung erlangen, ohne körperliche Bedürfnisse zu überwinden, insbesondere Sex. Zwar stimmt es, dass es im Tantra möglich ist, auf fortgeschrittenen Stufen Begierde und sexuelle Energie zu nutzen, um sich von Begierde und sexueller Energie zu befreien, aber das funktioniert nur, wenn wir äußerst fortgeschrittenen Stufen erreicht und Kontrolle über unser subtiles Energiesystem erlangt haben. Es ist ein schwerwiegender Fehler, Tantra als Methode für exotischen Sex anzusehen. Wir streben danach, Befreiung zu erlangen. Befreiung bedeutet Befreiung von dieser Art physischem Körper mit all seinen biologischen Trieben usw. und die Art von Körper zu haben, die ein befreites oder erleuchtetes Wesen hat, einen Körper aus Licht usw., der nicht diesen Beschränkungen unterworfen ist. Oft wollen wir Befreiung und Erleuchtung sozusagen möglichst günstig bekommen, ohne diese Art körperlichen Vergnügens aufzugeben.

Missverständnisse bezüglich Tantra

Das bringt uns zum Thema Tantra, und in Bezug darauf gibt es überaus viele Missverständnisse. Häufig kommen diese Missverständnisse durch Werbung zustande. Tantra, Dzogchen und so etwas werden sehr geschickt als einfacher Pfad angepriesen, als schneller Pfad, all das, der beste Pfad usw., und aufgrund dieser Anpreisung – sei es von Seiten tibetischer Lehrer oder etlicher westlicher oder tibetischer Praktizierender und aus welchen Gründen auch immer sie es so darstellen -, entsteht dann ein Missverständnis hinsichtlich Tantra oder Dzogchen, z.B. dass es sich dabei um einfache Wege handeln würde.

Wie kommt es, dass wir uns deswegen – weil wir denken, sie wären schnell und einfach – dazu hingezogen fühlen? Wie einer meiner Lehrer hervorhob, könnte es entweder sein, weil wir faul sind und daher etwas möchten, das leicht und schnell vonstatten geht (wir wollen keine Arbeit investieren), oder wir wollen ein Sonderangebot ergattern. Erleuchtung möglichst billig bekommen, so wie wir beim Einkaufen in einem Laden nach Sonderangeboten suchen. Wir haben oft eine solche Einstellung, wenn wir uns verschiedene Dharma-Methoden anschauen. Was gibt’s günstig? Was ist diese Woche im Angebot? So in etwa. Tantra-Praxis, Dzogchen und all das erfordert ein enormes Maß an Arbeit. Sie sind ungeheuer schwierig; sehr, sehr subtil. Und in allen wird besonders betont, dass wir vorbereitende Übungen durchführen müssen, die nicht einfach sind – 100.000 Niederwerfungen usw.

Und selbst wenn wir einwilligen, dass wir diese vorbereitenden Übungen wie z.B. Niederwerfungen machen müssen, so ist es ein weiteres Missverständnis, dass sie Wunder wirken werden. Auch das kann durch Werbung hervorgerufen worden sein oder auch einfach durch unsere eigene Überschätzung der Macht dieser Vorbereitungen. „Ich bin so verzweifelt. Sagen Sie mir einfach, was ich tun soll. Gut, ich werfe mich 100.000mal zu Boden, wiederhole 100.000mal bestimmte Silben in einer anderen Sprache, und dann werden alle meine Probleme verschwinden.“ Das ist ein Missverständnis. Aus Verzweiflung tun wir es, tun es und erwarten, dass am Ende irgendein Wunder geschieht. Doch es geschieht nicht. Dann sind wir total enttäuscht von Dharma-Übungen.

Natürlich können Reinigungsübungen wirksam sein, aber sie sind nicht effektiv, wenn der Geist 99 % der Zeit über abgelenkt ist und man nicht auf das konzentriert ist, was man tut. Oder wenn man keine starke, angemessene Motivation hat. Damit diese Praktiken wirken können – und selbst wenn sie wirken, vollbringen sie keine Wunder -, müssen sie auf richtige Weise durchgeführt werden, mit voller Konzentration, angemessener Motivation usw. Das ist nicht einfach, oder? Oder man könnte auch einfach denken, nachdem man die 100.000 fertig hat: „Ich hab meine Pflicht getan, jetzt lass uns zu den guten Sachen kommen“ – somit wiederum diese vorbereitenden Übungen beinahe widerwillig machen. Man will das bloß hinter sich bringen. Man sieht nicht tatsächlich den Wert, den sie für sich haben, nämlich positive Kraft zu entwickeln – indem man z.B. seinem Leben wieder und wieder diese positive Richtung gibt, Zuflucht, Buddha, Dharma und Sangha zur Gewissheit macht: Das ist die Richtung, die ich einschlage. Wieder und wieder Bodhichitta entwickelt. Diese Art vorbereitender Übungen ist überaus hilfreich.

Was diese vorbereitenden Übungen, ngöndro, betrifft, so ist es ein Fehler, sie durchzuführen, bevor man auch nur ein grundlegendes Verständnis des Buddhismus hat, und sie deswegen einfach als eine Art anzusehen, sozusagen unsere Sünden zu bereinigen. Das geschieht ziemlich oft im Westen: Man geht zu einem Lehrer und sofort, noch vor irgendwelchen Unterweisungen, vor irgendeinem Verständnis, heißt es: „ Machen Sie100.000 Niederwerfungen!“ Und erstaunlicherweise tun die Leute das tatsächlich. Man fragt sich: „Warum tun sie das eigentlich ?“ Normalerweise geschieht es aus Verzweiflung, sie denken, dadurch wird sich irgendein Wunder ereignen. Oder sie lassen sich darauf fast wie auf eine Art Kult ein und gehorchen einfach dem Lehrer, wie beim Militär. Auch das ist ein Fehler: einfach zu denken, dass die Beziehung zum Lehrer der Beziehung zu einem Vorgesetzten beim Militär gleicht – man gehorcht fraglos. Es ist jedoch sehr wichtig, die Kritikfähigkeit nicht zu verlieren. Seine Heiligkeit betont das immer: Seien Sie kritisch („be critical“). Das bedeutet nicht, zu mäkeln und zu bemängeln, obwohl das englische Wort „criticize“ [das eine solche Bedeutung impliziert] ähnlich klingt. „Kritisch zu sein“ (to be critical) bedeutet vielmehr, zu untersuchen, was vor sich geht. „ Criticize“ hingegen bedeutet im Englischen, zu denken: „Ich bin viel besser, und Sie sind furchtbar“ , indem man mit einer sehr negativen Einstellung auf andere herabsieht. Wenn wir diese ngöndro-Praktiken durchführen wollen, ist es sehr wichtig, dass wir eine Grundlage dafür haben, dass wir verstehen, was wir da tun.

Das oben Gesagte ist auch symptomatisch für ein größeres Missverständnis, nämlich, auch wenn wir mit ngöndro anfangen, vorzeitig mit Tantra-Praxis zu beginnen. In Traditionen, die starkes Gewicht auf das ngöndro legen, gibt es z.B. ein gemeinsames bzw. allgemeines ngöndro, das aus den vier Gedanken besteht, welche den Geist dem Dharma zuwenden – damit werden im Grunde die Lamrim-Themen (die Themen des Stufenweges) abgedeckt – und darüber hinaus gibt es die speziellen ngöndro-Übungen, die nicht allen buddhistischen Traditionen gemeinsam sind, nämlich die Niederwerfungen usw. Die gemeinsamen vorbereitenden Übungen (die grundlegenden Lam-Rim-Lehren) zu überspringen, zu bagatellisieren oder für geringfügig zu halten und einfach gleich zu den Niederwerfungen usw. überzugehen, führt wie gesagt oft zu sehr unrealistischen Einstellungen gegenüber den Niederwerfungen, den Vajrasattva-Mantras usw., und das kann Probleme schaffen. Nach einer Weile beginnt man sich zu fragen: „Warum um alles in der Welt tue ich das eigentlich? Wozu soll das gut sein?“ Wohingegen, wenn wir uns vorher zumindest in gewissem Maße über die Wichtigkeit im Klaren sind, positive Kraft zu entwickeln, negatives Potenzial zu beseitigen (oder zumindest zu verkleinern), weil wir eine bestimmte Art von spirituellem Ziel erreichen wollen, dann ergeben die vorbereitenden Übungen einen Sinn.

Das Problem ist also wie gesagt nicht bloß, sich zu früh auf das ngöndro einzulassen, sondern vorzeitig mit Tantra anzufangen. Das geschieht überaus häufig … Möglicherweise weil ein Lama eingeladen wurde, um Initiationen zu geben, obwohl die Gruppe noch nicht so weit ist, dass sie die entsprechenden Praktiken durchführen kann. Oder Lamas, die eingeladen wurden, bieten von sich aus Initiationen an, selbst wenn die Zuhörer größtenteils noch nicht darauf vorbereitet sind. Wir sind also nicht ganz allein verantwortlich für dieses Missverständnis der Überbetonung von Tantra und dafür, dass die Präsentation und Praxis von Tantra für die meisten Leute zu früh stattfindet.

Warum bitten wir um eine Initiation? Es kann viele Gründe dafür geben. Wir denken, dass es etwas sehr Hochstehendes ist: „Das sind jetzt die echten Sachen.“ Es ist etwas Exotisches. Es wird mehr Leute anziehen, was bedeutet, dass man mehr Geld einnehmen wird, sodass der eingeladene Lehrer tatsächlich bezahlt werden und das Zentrum unterstützt werden kann. Es könnte also aus finanziellen Gründen geschehen, und es ist sehr misslich, dass das vorkommt. Der Lehrer selbst könnte motiviert sein von Gedanken wie „Nun gut, sie werden nicht praktizieren, aber wir werden Samen für zukünftige Leben pflanzen.“ Tja, die meisten Westler glauben nicht an zukünftige Leben. Also ist das ein Missverständnis. Oder die Lehrer selbst verstehen nicht recht, dass die Westler nicht den entsprechenden Hintergrund haben, um Tantra effektiv praktizieren zu können. Oder vielleicht stehen sie wieder unter dem Druck, Geld zu sammeln, um das Kloster und die Mönche in ihrer Heimat zu unterstützen. Es kann viele Gründe geben. Aber es wird immer geraten, wenn man Lehrer einlädt, sie um die grundlegenden Lehren zu bitten. Und wenn wir fortgeschrittenere Lehren möchten, dann um die fortgeschrittenen Lehren des Sutra zu bitten, also fortgeschrittene Unterweisungen zu Bodhichitta, zur Leerheit usw.

Wenn wir uns mit Tantra beschäftigen und Unterweisungen möchten, wie wir praktizieren sollen, ist es ein weiteres Missverständnis zu denken, dass die Hauptsache in der Praxis die Visualisierungen sind; wir machen uns so viel Sorgen, all die kleinen Einzelheiten richtig hinzukriegen. Mein Lehrer Serkong Rinpoche nannte oft ein Beispiel und machte sich über dieses Missverständnis der Westler lustig. Er sagte: „Die Leute kommen zu mir und fragen, ob Yamantaka oder Vajra Yogini einen Bauchnabel haben. Das ist lächerlich, es geht am Wesentlichen vorbei, an dem, was in diesen Praktiken von Wichtigkeit ist.

Natürlich brauchen wir all die Einzelheiten, wenn wir einspitzige Konzentration usw. entwickeln wollen, aber sie sind nicht das, was man anfangs betont oder in den Mittelpunkt stellt. Was man möchte, ist, ein grundlegendes Verständnis der – von Tsongkhapa sehr klar zum Ausdruck gebrachten - drei maßgeblichen Aspekte des Pfades zu gewinnen.

· Entsagung: gewöhnliche Erscheinungen aufgeben, aufhören, an Dingen in dem Sinne zu hängen, dass sie wahrhafte Existenz hätten, usw. Es erfordert eine enorme Entschlossenheit, davon freizukommen und dem zu entsagen.

· Bodhicitta: Unser Ziel ist, Erleuchtung zu erlangen. Die Buddha-Gestalten, die Yidams, repräsentieren unsere zukünftige Erleuchtung, die wir erreichen wollen, und wir stellen uns vor, dass wir jetzt dort auf dieser Ebene sind. Warum sollte man sich vorstellen, dass man diese Form annimmt und all die Aktivitäten zum Nutzen anderer ausführt, wenn nicht motiviert von Bodhichitta? Offensichtlich wollen wir ebenso sein, um anderen zu helfen.

· Und schließlich das ganze Verständnis der Leerheit: dass wir jetzt nicht wahrhaft so existieren, aber das Potenzial dafür haben. Wir müssen Ursache und Wirkung mit berücksichtigen und dass alles auf abhängige Weise entsteht usw. Es ist nicht so, dass ich Tara bin – genauso wenig wie Kleopatra.

Wenn wir Unterweisungen zu Tantra erhalten werden, sollte sichergestellt werden, dass es sich um Unterweisungen zu dieser Ebene handelt. Das ist es, was wir betonen müssen. Worum geht es bei all dem? Was versuchen wir zu tun? Das ist der Grund dafür, dass wir zunächst all die Vorbereitungen brauchen. Nicht, sich um all die winzig kleinen Einzelheiten der Visualisierung zu sorgen – wie der Schmuck genau aussieht und sowas. Zwar gibt es Unterweisungen dazu, wie er aussieht, aber das sollte nicht im Vordergrund stehen, insbesondere nicht am Anfang.

Interessant ist: Bei der Kalachakra-Initiation in Toronto, Kanada, 2004, lehrte seine Heiligkeit als Vorbereitung über einen der Texte von Nagarjuna zur Leerheit – ich weiß nicht mehr genau, welchen dieser Texte. Das dauerte etwa drei Tage. Und danach erteilte er dann die Initiation. Es war deutlich festzustellen, dass bei der Initiation viel mehr Leute da waren als während der Erklärungen zur Leerheit. Seine Heiligkeit sagte, dass er diejenigen Zuhörer, die nur zu den Lehren von Nagarjuna gekommen waren und nicht zur Initiation da blieben, wirklich mehr schätze als diejenigen, die es umgekehrt machten – die anfänglichen, grundlegenden Lehren übersprangen und bloß zur Einweihung kamen. Das ist sehr vielsagend, schrecklich vielsagend.

Im Zusammenhang mit den Tantra-Praktiken gibt es auch das Missverständnis, die Yidams wie Heilige anzusehen, zu denen wir um Hilfe beten – Sankt Tara, Sankt Chenresig usw., wobei dieses Missverständnis nicht nur auf Westler beschränkt ist – sie sozusagen zu vergöttern und ihnen auf solche Art zu huldigen. Sie können uns inspirieren, so wie Buddhas und die Meister der Überlieferung auch, aber die Arbeit müssen wir schon selbst tun.

Sie sehen, dass einige dieser Missverständnisse aus einem Übersetzungsproblem herrühren, wenn wir uns in den Bittgebeten mit bestimmten Ansinnen an die verschiedenen Gurus und Yidams richten usw. Zuerst einmal ist schon das Wort „Gebet“ mit der Konnotation behaftet, zu Gott zu beten, etwa im Sinne von: „Gott, bitte gib mir etwas“. Oder man betet zu einem Heiligen, wobei der Heilige für uns eine Art Vermittler zu Gott ist, damit Gott mir etwas zukommen lässt. Das ist bereits irreführend, indem da ein bisschen Projektion mit im Spiel ist. Doch wenn es um obige Ansinnen geht, lautet das tibetische Wort chingyilab (byin-gyi rlabs), und das wird normalerweise als „Segnung“ übersetzt. Das bewirkt hier eine ganz andere und irreführende Konnotation. Wir bitten: „Segne mich, dass ich imstande bin, dies zu tun. Segne mich, dass ich imstande bin, jenes zu tun“, als wenn alles, was wir brauchen, die Macht dieser Gestalten wäre, herbeizukommen, uns zu segnen und wir dann ganz plötzlich all unsere Erkenntnisse und Verwirklichungen erlangen.

Das ist nicht Buddhismus. Der Ausdruck bedeutet wörtlich: erheben und erhellen. Das ist die Bedeutung. Auf Sanskrit lautet das Wort Adhisthana – uns zu einer höheren Position zu bringen, zu erheben. Es beinhaltet die Konnotation, etwas heller zu machen. Ich übersetze es daher lieber als „inspirieren“. Wir ersuchen sie darum, uns dazu zu inspirieren, dieses und jenes zu erlangen. Aber diese Gestalten – seien es Gurus, Buddhas oder Yidams – können uns nicht von ihrer Seite aus, nur durch ihre eigene Kraft, unsere Wünsche erfüllen und alles für uns tun, während wir uns ihnen nur unterwerfen müssen. Das ist wieder unsere Umgestaltung, die Projektion einer westlichen Vorstellung auf den Buddhismus. Das Hauptgewicht liegt immer darauf, dass wir die Arbeit selbst tun müssen. Wir haben die Buddhas, die Gurus – sie können uns inspirieren, sie können uns lehren, uns anleiten, aber sie können uns die Arbeit nicht abnehmen. Verstehen müssen wir selbst.

Missverständnisse bezüglich Schützern

Ein ähnliches Missverständnis besteht darin, die Schützer-Praxis überzubetonen. Oft geschieht Folgendes: Im Dharma-Zentrum findet jede Woche eine Schützer-Praxis statt. Oder man führt dort gar jeden Tag eine Schützer-Praxis durch. Selbst Neuankömmlinge nehmen daran teil und machen die Schützer-Praxis, ohne die geringste Ahnung zu haben, was sie eigentlich tun. Man sieht den Schützer als denjenigen an, der uns vor allen Hindernissen und Gefahren usw. beschützen wird (wie das Wort „ Schützer“ nahelegt), und vergisst, dass wir uns selbst schützen müssen, nämlich – wo bleiben denn Karma und Zufluchtnahme?

Wir schlagen eine sichere Richtung (Buddha, Dharma und Sangha) ein, um zu verhindern, dass wir uns in Richtung schlimmerer Wiedergeburten bewegen. Das besagen die Lehren der anfänglichen Reichweite. Es ist nicht so, dass wir zu einem Schützer gehen, um schlimmereWiedergeburten zu verhindern. Das wird nirgends in den Lehren gesagt, oder? Man geht in Richtung Buddha, Dharma und Sangha. Und diese schützen uns nicht in dem Sinne, dass sie uns retten. Sie lehren uns, was zu tun ist. Tun müssen wir es selber. Sie geben uns ein Vorbild. Und Karma beinhaltet: zerstörerisches Verhalten zu vermeiden. Was heißt es, in die sichere Richtung von Buddha, Dharma und Sangha zu gehen? In erster Linie ist der Dharma die sichere Richtung. Dharma – das tiefste Dharma-Juwel - bezieht sich auf die dritte und die vierte edle Wahrheit. Nämlich die wahre Beendigung der Ursachen für Leiden, und somit die Beendigung von Leiden. Der wahre Pfad bzw. die Geisteszustände wahrer Pfade führen dorthin, und das ist das Resultat. Das ist die Richtung, in die wir gehen. Und das Resultat existiert in vollem Ausmaß im geistigen Kontinuum eines Buddha – der Buddhas, vieler Buddhas -, und zum Teil auch im geistigen Kontinuum des Arya-Sangha. Um diese Richtung geht es. Und wenn wir sie einschlagen, schützen wir uns selbst vor dem Leid. Das Sanskritwort Dharma entspringt der Wurzel „uns zurückhalten“. Uns zurückhalten, damit wir Leiden verhindern.

Es ist nicht so, dass ein Schützer das für uns erledigt. Ein Schützer ist so etwas wie eine Ergänzung. Es gibt viele Arten, diese Schützer zu betrachten. Serkong Rinpoche beschrieb die Schützer oft so, dass sie einem großen bösen Hund gleichen. Er sagte, wenn man sich als eine Gottheit im Mittelpunkt eines Mandalas befindet – sagen wir, des Mandalas von Yamantaka, einer wirklich kraftvollen, starken Gottheit – muss man die Kraft haben, diese Schützer unter Kontrolle zu halten. So ein Schützer sei wie ein wilder Hund. Zwar könnte man sich an die Tür stellen und Einbrecher vertreiben, aber warum sollte man das tun, wenn man einen Hund hat, der das tut? Aber man muss der Herr im Hause bleiben, man muss ihn lenken. Also selbst wenn wir an Schützer in dem Sinne denken, dass sie uns helfen, Störungen und Räuber vertreiben usw., sind wir diejenigen, die grundsätzlich die Kontrolle über all das haben.

Mit anderen Worten: Schützer, wenn wir sie als tatsächliche Lebewesen ansehen – was die Tibeter tun -, als Geister oder was auch immer, können Umstände dafür schaffen, dass unser eigenes Karma reift. Wenn wir nicht selbst das Karma haben, das reifen soll, wird das, was sie tun, uns nicht helfen. Dasselbe gilt für das Durchführen von Medizin-Buddha-Pujas und dergleichen. Es wird nicht wirksam sein, es ist nicht selbst die Ursache dafür, dass es uns besser geht. Es ist ein Umstand dafür, dass unser eigenes positives Karma reift. Oder im Zusammenhang mit Schützern kann in einigen Fällen ein Umstand dafür zustande kommen, dass unser negatives Karma in sehr geringfügiger Weise reift, sodass es schwerwiegendere Hindernisse wegbrennt, die wir sonst in Zukunft erlebt hätten und die verhindert hätten, dass wir ein Ziel erreichen. Derartige Praxis kann auf vielerlei Weise wirken.

Aber der Fehler bzw. das Missverständnis, um das hier geht, ist, die Schützer-Praxis überzubetonen und statt Buddha, Dharma und Sangha die Schützer zur zentralen Angelegenheit zu machen. So kommt es fast zur Verehrung von einer Art Geist. Daraus entstehen viele Probleme, wie die Schützer-Kontroverse unter den Tibetern zeigt. Man muss also wirklich vorsichtig damit sein. Ich denke, dass es nicht sehr klug ist, in einem Dharma-Zentrum jeden Tag, oder auch jede Woche oder jeden Monat, eine öffentliche Schützer-Praxis durchzuführen, zu der jeder kommen kann, auch Neulinge, denn insbesondere, wenn diese Texte übersetzt werden, sind sie ziemlich heftig – „ Zerschmettert die Eindringlinge, die Feinde“ usw. – das kann reichlich wuchtig klingen und sehr leicht missverständlich. Deshalb sollte man vorsichtig damit sein.

Missverständnisse in Bezug auf Initiationen

Nun zu den Initiationen im Zusammenhang mit Tantra. Es ist ein Missverständnis, sich eine tantrische Initiation geben zu lassen, ohne den Lehrer oder die Praxis vorher zu prüfen. Und auch wenn wir sie geprüft haben, ist es ein Fehler bzw. Missverständnis, sich die Initiation geben zu lassen, ohne die Absicht, das entsprechende Tantra-System zu praktizieren. Der Zweck einer Initiation bzw. Ermächtigung ist, die Faktoren unserer Buddha-Natur zu aktivieren und zu stärken – zu fördern -, damit wir die Praxis eines bestimmten Systems von Gottheiten ausüben können. Das ist der Sinn des Ganzen. Die verschiedenen Rituale und Visualisierungen usw. dessen, was abläuft, aktivieren diese Samen und säen weitere Samen, damit wir eine bestimmte Praxis durchführen können. Es ist eine Initiation zum Beginn dieser Praxis.

Wenn wir das missverstehen, nehmen wir wahllos an irgendwelchen Initiationen von irgendeinem Lama zu irgendeiner Praxis teil. Wir nehmen entweder wegen des Segens teil oder aufgrund einer Art Gruppenzwang. Es ist ein Fehler, das einfach so zu tun. Zu einer Ermächtigung, einer Initiation zu gehen, ist eine ernsthafte Angelegenheit. Und wir müssen den Lehrer sehr gut überprüfen. Will ich mit diesem Lehrer eine besondere Verbindung als meinem tantrischen Guru eingehen? Die meisten von uns haben keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet. Und will ich diese spezielle Gottheiten-Praxis durchführen, im Unterschied zu irgendeiner anderen? Will ich das auch wirklich tun, entweder jetzt oder mit der ernsthaften Absicht, mich ihr später zu widmen? Einfach nur hinzugehen – naja, man kann das natürlich als eine anthropologische Veranstaltung betrachten – man besucht sie als Anthropologe, um zu sehen was die Einheimischen dort in einem Eingeborenen-Ritual so machen. In Ordnung. Seine Heiligkeit sagt, wenn man als, wie er es nennt, neutrale Beobachter hingehen möchte, so ist das kein Problem. Aber einfach so hinzugehen heißt, den Vorgang der Initiation zur trivialisieren.

Noch ein Missverständnis besteht darin zu denken, wir würden, wenn wir auf diese Weise zu einer Initiation gehen – als anthropologische Veranstaltung, oder einfach um des Segens willen oder aufgrund von Gruppenzwang, d.h. jeder geht hin und deshalb muss ich auch hingehen – dabei allein dadurch, dass wir anwesend sind, die Gelübde und Verbindlichkeiten empfangen, ohne sie zu kennen oder sie willentlich auf uns zu nehmen. Man empfängt Gelübde nur, wenn man sie bewusst annimmt. Bloß dabei zu sein heißt nicht, dass man die Gelübde genommen hat oder die Initiation erhalten hat. Tibeter nehmen sogar ihre Hunde mit zur Initiation, aber das heißt nicht, dass die Hunde dann die Gelübde haben und die Initiation zur Praxis erhalten haben. Offensichtlich nehmen sie sie mit, damit sie den Segen erhalten oder was auch immer. Aber wollen wir an einer Initiation bloß so wie ein Hund teilnehmen? Darum geht es. Oder wir denken: „Oh, wir werden davon wie berauscht sein“ – irgend so etwas.

Andererseits ist es ebenso ein Missverständnis zu denken, wir könnten eine Initiation empfangen und die Praxis ausüben, ohne die Gelübde zu nehmen und einzuhalten. Einer der wichtigsten Aspekte einer Initiation, einer Ermächtigung, sind die Gelübde. In vielen Texten wird ganz klar darauf hingewiesen: „Es gibt keine Initiation ohne die Gelübde.“ Wir müssen zumindest die Bodhisattva-Gelübde haben. Tsongkhapa und Atisha betonen, dass als Grundlage für alle Initiationen sämtlicher Klassen, einschließlich Dzogchen, irgendeine Ebene von Pratimoksha-Gelübden oder -Praxis erforderlich ist, und seien es nur die Laien-Gelübde. Es müssen nicht einmal alle fünf davon sein - Aufgeben von Töten, Stehlen, Lügen usw. Es muss irgendeine Art Grundlage der allgemeinen Ethik vorhanden sein und zudem die Bodhisattva-Gelübde – und wenn es sich um die beiden höheren Tantra-Klassen handelt, zusätzlich die tantrischen Gelübde. Das ist unbedingt erforderlich. Und wir müssen in Bezug darauf ganz aufrichtig sein, müssen prüfen: Kann ich das wirklich einhalten?

Wenn es eine Praxis-Verpflichtung gibt – manchmal geht eine Initiation mit der Verpflichtung einher, eine bestimmte Praxis auszuüben -, ist es ein Missverständnis zu meinen, wir könnten mit dem Lehrer verhandeln, um die Verpflichtung zu verringern, so als würden wir auf einem orientalischen Markt mit einem Händler feilschen, um einen Preisnachlass zu bekommen. Ich habe jedenfalls schon gesehen, wie Westler das versuchten. Seine Heiligkeit gibt eine Ermächtigung in Dharamsala, und damit ist die Verpflichtung verbunden, für den Rest des Lebens jeden Tag die Praxis auszuüben, z.B. die Lama Chopa (Guru Puja). Seine Heiligkeit gibt Unterweisungen dazu und die Verpflichtung lautet, diese Praxis für den Rest des Lebens an jedem einzelnen Tag durchzuführen. Und die Westler möchten hingehen, aber sie versuchen zu verhandeln: „Ach, wir führen ein so geschäftiges Leben usw. - müssen wir das wirklich machen? Können wir es nicht nur manchmal machen, wenn wir Zeit dafür haben?“ – sie versuchen, die Initiation günstiger zu bekommen, sie billiger zu bekommen. Das ist ein großes Missverständnis.

Wenn wir hingehen und die Unterweisungen erhalten, ist der Sinn davon, dass wir die Praxis ausüben wollen. Damit ist es uns ernst. Warum sollten wir sonst die Unterweisungen empfangen? Bloß aus Neugierde? Das ist nicht der Sinn davon. Diese Lehren sollten als kostbar angesehen werden, als etwas Ehrwürdiges, das man nur unter der Voraussetzung studiert, dass man es wirklich umsetzen möchte. Das ist natürlich im Zusammenhang mit Büchern, mit dem Internet und all dem ein schwieriges Thema, denn die andere Seite ist, wie seine Heiligkeit der Dalai Lama sagt, dass sowieso schon so viel davon zugänglich ist. Und es gibt so viele falsche Informationen über den Dharma und über Tantra, dass es besser ist, die korrekte Information herauszugeben. Manchmal scherzt er: „Es ist besser, mit korrekten Verständnis zur Hölle zu fahren als mit falschem Verständnis. Mit dem korrektem Verständnis kommen wir schneller wieder heraus.“ Ob das nun wörtlich zu nehmen ist oder ein Scherz, weiß ich nicht, aber es gibt uns etwas zu denken. Das soll aber keine Ausrede sein. Man geht hin, um diese Unterweisungen zu bekommen, und dafür gibt es eine Verpflichtung. Nehmen Sie sie ernst.

Wenn es eine solche Verpflichtung zur täglichen Rezitation gibt, ist es ein Missverständnis, sie nicht ernst zu nehmen und zu denken, wir könnten ruhig mal einen Tag auslassen, wenn wir keine Lust dazu haben: „Ich mache das nur, wenn mir danach ist.“ Oder zu viele lebenslange Verpflichtungen zur Praxis einzugehen, ohne realistisch einzuschätzen, ob wir imstande sein werden, sie aufrechtzuerhalten, oder nicht. Das war in den siebziger Jahren in Indien ein sehr sehr häufiger Fehler. Damals wurden die Initiationen viel bereitwilliger gegeben, und zwar die vollständigen Initiationen mit den vollständigen Praxis-Verpflichtungen, und wir Westler nahmen sie an. Wir ließen uns diese Ermächtigungen geben und gingen diese Verpflichtungen ein, und wir dachten, dass wir sie immer einhalten könnten. Und wenn man nur zehn Jahre später, ganz zu schweigen von 20, 30, 40 Jahren später, nachfragt: Wie viele Leute haben sie tatsächlich eingehalten? Und hielten sich immer noch daran? Nur eine Handvoll. Und schon damals, als sie diese Verpflichtungen eingingen, hatten viele damit zu kämpfen, die tägliche Praxis zu machen, weil sie sie immer aufschoben … Morgens hatten sie zu viel zu tun. „Morgens ist keine gute Zeit für mich.“ Dann schoben sie es bis zum späten Abend auf, und dann waren noch drei Stunden Praxis zu machen. Sie schliefen ein, während sie die Praxis durchführten, saßen da und nickten ein, und es dauerte die halbe Nacht, bis sie fertig waren. Es wurde zur Qual. Das ist also ein großes Problem.

Wenn wir Verpflichtungen zur Praxis eingehen, sollten wir realistisch sein in Bezug darauf, was wir tatsächlich schaffen. Die Lehrer meinen es ernst, wenn sie sagen, dass die Verpflichtung lautet, etwas für den Rest des Lebens jeden Tag auszuüben. Warum soll ich das für den Rest des Lebens jeden Tag tun wollen? Weil es mir wirklich ernst damit ist, Befreiung und Erleuchtung zu erlangen. Und weil ich die grundlegende Methode des Tantra verstehe. Das ist sehr wichtig. Seine Heiligkeit betont stets, dass, wenn wir uns auf Tantra einlassen, dies auf der Grundlage des Verständnisses stattfinden sollte, worum es im Tantra eigentlich geht, und des Vertrauens in die Effektivität der Methode. Warum täte man es sonst? Insbesondere wenn man denkt, sie bestünde nur aus ein paar sonderbaren Visualisierungen und darin, ein paar Mantras zu murmeln, dann gibt man es nach einer Weile auf, weil es lächerlich scheint: „Warum mache ich das eigentlich?“ Es ist wichtig, wirklich zu bedenken ob wir diese Verpflichtungen tatsächlich erfüllen können oder nicht.

Und schließlich gibt es noch ein weiteres Missverständnis in Bezug auf Tantra-Praxis, nämlich zu meinen, das wäre bloß die Rezitation eines Rituals oder bestünde nur darin, dass man ein Mantra wiederholt. Ohne starke Meditation über Bodhichitta und Leerheit wird es zu diesem Missverständnis kommen: Ich führe einfach dieses Ritual durch, ich zitiere einfach „Blah blah blah blah blah …“. Wir versuchen zu visualisieren, doch die meiste Zeit schaffen wir das nicht, es ist zu kompliziert. Daher wollen wir die einfachsten Versionen, und dann erwarten wir, dass basierend darauf wirklich etwas passiert. Und sehr oft wird alles nur zu einer Flucht in ein Fantasie-Land, ohne wirklich eine effektive Methode zu sein, all die Lehren miteinander zu verbinden.

Tantra ist eine Art und Weise, all die Lehren miteinander zu verbinden, so dass im Verlauf des Rituals – an einer bestimmten Stelle entwickelt man die vier unermesslichen Einstellungen, an dieser Stelle die Zufluchtnahme, an jener Stelle Bodhichitta, hier versichert man sich der Gelübde, an einer anderen Stelle (an überaus vielen Stellen) meditiert man über Leerheit – an unterschiedlichen Stellen des „Drehbuchs“ werden bestimmte Arten von Dharma-Verständnis und Erkenntnisse hervorgerufen. Wie soll man das machen, wenn man die Methoden vorher nicht geübt hat, und sie dann während des Ritual nur kurz mit ein paar Worten abgerufen werden: „Jetzt habe ich Verständnis der Leerheit“ – was tut man dann? Dann rezitiert man einfach die Worte. Einfach die Worte zu rezitieren bewirkt aber nichts. Tantra-Praxis erfordert also eine Menge von diesem ganzen Hintergrund. Es ist ein Fehler zu denken, dass es einfach nur mit etwas „Blah blah“ und etwas Rezitation getan ist – während der Geist dann meistens auch noch abgelenkt ist.

Fazit

Das sind einige der Missverständnisse, die mir eingefallen sind, als ich mich hingesetzt und darüber nachgedacht habe. Ich bin sicher, dass es noch viele, viele andere gibt, die wir aufzählen könnten. Wie gesagt gibt es viele Missverständnisse, die einfach durch die Schwierigkeit des Materials bedingt sind; das ist insbesondere bei Missverständnissen bezüglich der Leerheit, der unterschiedlichen Lehrsysteme usw. der Fall. Einer der wesentlichen Punkte in Bezug auf Dharma ist: Alles, was Buddha lehrte, lehrte er, um anderen zu nutzen. Wenn wir das ernst nehmen, versuchen wir herauszufinden, was der Sinn all dessen ist – einer jeden dieser Lehren. Wenn Sie es nicht verstehen, fragen Sie nach. Untersuchen Sie es. Folgen Sie den Methoden des Dharma.

Wenn wir bestimmte mentale Blockaden haben, besteht die Art und Weise, diese geistigen oder emotionalen Hindernisse zu überwinden, darin, mehr positive Kraft aufzubauen. Das wird in den Texten sehr klar zum Ausdruck gebracht, und es ist notwendig, das ernst zu nehmen. Es zeugt von einem Missverständnis, das nicht ernst zu nehmen. Wir verstehen das nicht. Deshalb ist es z.B. ratsam, viel Manjushri-Praxis zu machen. Und das bedeutet, nicht nur „blah blah blah“ mit dem Mantra, sondern mit klarer Visualisierung und der Vorstellung, dass mein Geist klarer und klarer wird, mit Lichtern, die in der Visualisierung auf uns zukommen, was uns dabei hilft, uns das bildlich vorzustellen. Was das bewirkt, ist mit sehr starker Willenskraft die Grundlage dafür zu schaffen, dass der Geist klarer wird; man wird inspiriert, klarer zu sein. Das kann sehr hilfreich sein. Aber uns nur anzutreiben und anzutreiben und anzutreiben, ohne uns auf die Methoden des Dharma zu stützen, wie man solche Hindernisse überwindet … [hilft nicht immer] und wird wohl ziemlich viel Anstrengung kosten.

Während ich umherreiste und Vorträge hielt – ich wurde an viele Orte eingeladen, um zu lehren -, habe ich etliche dieser Reisen als Bodhichitta-Klausuren betrachtet. Wenn ich mit dem, was ich gerade schrieb oder übersetzte, sozusagen auf der Stelle trat, ging ich raus hinaus auf Tour oder so etwas. Und dadurch – indem ich mit anderen interagierte, versuchte, mittels Vorträgen und Unterricht großzügig zu sein usw. – baute sich ein gewisses Maß an positiver Kraft auf, die dann zurückkehrte, und dann war mein Geist klarer für das Überwinden der Blockaden, die ich wohl gehabt hatte. Versuchen Sie, Dinge auf diese Weise zu sehen.

Das waren sind jedenfalls ein paar von meinen Gedanken. Vielleicht haben Sie noch Fragen.

Frage, wie man mit Lehren umgeht, die nach Magie zu klingen scheinen

Frage: Es klingt manchmal geradezu magisch, was versprochen wird, wenn man dies oder jenes tut. Wie in einem Text über Zufluchtnahme, den ich las: Man sei dann vor Menschen, vor nicht-menschlichen Wesen und vor allen möglichen Dingen geschützt, die passieren können. Oder es heißt, man rezitiert ein bestimmtes Mantra und schon sind 40.000 Äonen bereinigt. Das klingt wie ein Märchen. Und was zum Beispiel die Zufluchtnahme betrifft, so frage ich mich immer: Was bedeutet es, wenn ich morgens aufstehe und Zuflucht nehme? Geht es einfach wieder darum zu erlangen, was ich im Leben wünsche – dass ich Erleuchtung erzielen möchte – oder ist es bloß eine Art magisches Schwert, das ich mir selbst geschaffen habe?

Alex: Ihre Frage spricht zwei Punkte an. Der eine ist: Wie gehen wir mit einigen der Lehren um, nämlich denjenigen, die ziemlich nach Magie klingen? Etwa mit der Aussage, dass wir, wenn wir Zuflucht nehmen, vor Menschen und nicht-menschlichen Wesen geschützt sind. Und dass, im Zusammenhang mit den 35 so genannten Bekenntnis-Buddhas, die Zufluchtnahme zu einem bestimmten Buddha die negative Kraft aus 40.000 Äonen bereinigt, Zuflucht zu jenem Buddha diejenige aus 35.000 Äonen und zu jenem aus 556.000 – ich nenne jetzt einfach mal willkürliche Zahlen – usw. und man fragt sich: Wo um alles in der Welt kommen diese Zahlen her? Wie gehe ich damit um? Sowas hört sich an wie Magie.

Was war der andere Teil Ihrer Frage?

Teilnehmer: Da ging es um Zuflucht. Wenn ich morgens Zuflucht nehme …

Alex: Ach ja. Wenn man morgens Zuflucht nimmt – geht es eigentlich darum, unser Leben in Richtung von Buddha, Dharma und Sangha auszurichten, oder ist das auch wieder eine Art magische Formel, die wir sprechen?

Nun, wie ich schon sagte, die Lehren als magische Formeln zu verstehen, ist wirklich ein Missverständnis. Ich meine, „magisch“ bedeutet fast, dass die Dinge ohne Grund geschehen, und das wird selbstverständlich von der buddhistischen Logik nicht akzeptiert – dass ein Resultat ohne Ursache entstehen könnte. Es handelt sich hier also nicht um Magie. Wenn wir uns jeden Morgen unserer eingeschlagenen Richtung vergewissern, einer sicheren Richtung und Zuflucht, dann setzt das wirklich eine starke Intention für das in Gang, was ich mit meinem Tag anfange. Das wird in überaus vielen Lehren betont. Das hat also einen bestimmten Wert.

Frage: Das ist es, worum es dabei geht?

Alex: Das ist es, worum es dabei geht.

Und das schützt mich vor diesem und jenem Schaden – nun, wenn ich Befreiung erreiche, die dritte und vierte edle Wahrheit, dann bin ich aus Samsara heraus, und somit werde ich kein Leiden mehr erleben. So können wir es also verstehen.

Nun zu diesen Zahlen – ich muss gestehen, dass ich große Schwierigkeiten damit habe, sie wörtlich zu nehmen. Ich schenke dem eigentlich nicht so viel Aufmerksamkeit. Suche ich mir also in Bezug auf diese Lehren bestimmte Teile heraus? Ich weiß es nicht. Ich verstehe es eher so: Dies zu tun, ist sehr kraftvoll. Dies zu rezitieren – wie es in einigen der Mahayana-Sutras heißt, auch nur den Namen eines bestimmten Bodhisattvas auszusprechen – schafft den unermesslichen Verdienst vieler Äonen usw. Gut, man kann das rezitieren oder was auch immer, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass – obwohl manchmal der Eindruck erweckt wird, dass das bloße Rezitieren ausreicht – das tatsächlich wörtlich genommen werden kann; ich stelle das wirklich in Frage. Ich denke, dass ein gewisses Verständnis vorhanden sein muss, was dieser Bodhisattva tat, damit er Bodhisattva wurde. Auch die Namen der Bodhisattvas haben tatsächlich eine Bedeutung. Ihre Namen nur auf Sanskrit oder Tibetisch zu rezitieren ohne zu wissen, was sie bedeuten, ist problematisch. Und wie gesagt, ich persönlich achte nicht sonderlich auf die Zahlen. Es ist nicht so wichtig, ob es 35.000 oder 45.000 Äonen sind. Es ist nicht so, dass ich sagen würde, das wäre dumm. Das wäre Herabsetzen der Lehren; und das ist gewiss nichts, was sich positiv auswirken würde. Aber von wie vielen Äonen [negativer Kraft] etwas einen reinigt, betrachte ich nicht als den wesentlichen Teil der Lehren.

Auch hier muss man etwas anwenden, was wir im Mahayana finden, nämlich die Unterscheidung zwischen interpretierbaren und endgültigen Lehren. „Interpretierbar“ bedeutet wörtlich, dass die betreffenden Lehren uns zu einem tieferen Verständnis hinführen, und „endgültig“ ist das, wo sie uns hinführen. Endgültige Lehren sind also diejenigen über die Leerheit, über das tiefste Verständnis der Leerheit, und alles andere dient dazu, uns dahin zu führen. Zu sagen, dass etwas Bestimmtes 35.000 Äonen positiver Kraft aufbaut und etwas anderes 45.000, ist meiner Meinung nach einfach eine Ermutigung, positive Kraft aufzubauen, die zu tieferem Verständnis führt. Ich verstehe das also auf der Ebene. Und nicht im Sinne von Magie.

Das ist ein sehr guter Punkt, den Sie ansprechen. Denn viele Lamas legen großes Gewicht darauf, bestimmte Sutras – etwa „Das Sutra vom goldenen Licht“ usw. – zu lesen, sie zu rezitieren, was natürlich eine sehr gute Sache ist. Und darin finden wir Abschnitte, die man nicht so leicht nachvollziehen kann.

Teilnehmer: Etwa ein Rad zu drehen, sodass es einen von Krebs heilt.

Alex: Nun, ich denke, zu sagen: „Drehen Sie eine Gebetsmühle und das wird Sie vom Krebs heilen“ ist ein bisschen naiv. Ein klein wenig naiv.

Teilnehmer: Klingt wie Magie. Ob man eine Gebetsmühle nimmt oder …

Alex: Nun, so magisch ist das nicht. Kennen Sie jenen Witz? – Wir beten zu Buddha oder zu Gott: „Möge ich im Lotto gewinnen, möge ich im Lotto gewinnen“. Und Gott oder Buddha oder wer auch immer erscheint und sagt: „Du muss einen Lottoschein ausfüllen!“

Wir müssen also die Ursache schaffen. Und wenn wir die Ursachen im Sinne positiver Kraft usw. schaffen – da kann uns die Gebetsmühle vielleicht helfen, eine positivere, zuversichtlichere Einstellung zu entwickeln, die dazu beiträgt, das Immunsystem zu stärken usw. Aber ganz von sich aus kann sie uns sicher nicht vom Krebs heilen. Das zu denken ist naiv.

Teilnehmer: Das ist es, wie es manchmal aussieht.

Alex: So sieht es aus, aber ich denke, es ist ein Missverständnis, alles ganz wörtlich zu nehmen. Manche Menschen tun das. Aber die Lehren haben tiefere Bedeutungen. „Man verlasse sich nicht auf den Lehrer, sondern auf das, was er sagt. Man verlasse sich nicht nur auf die Worte, sondern auf ihre Bedeutung. Und nicht nur auf ihre Bedeutung, sondern auf ihre endgültige Bedeutung – das, wo sie hinführen.“ Diese vier Verlässlichkeiten gibt es.

Noch weitere Fragen?

Frage bezüglich der Aussage, dass Buddhas daran erinnern werden sollen, uns zu helfen

Teilnehmerin: Wenn man ein Gebet rezitiert, tauchen darin manchmal ein oder zwei Sätze auf, die lauten: „Bitte beschützt uns, ihr Buddhas. Erinnert euch an die Gelübde, die ihr abgelegt habt, und beschützt uns und tut uns etwas Gutes.“ Ich denke immer, das muss ein Fehler sein oder dass es vielleicht in unserer Sprache nicht angemessen ausgedrückt ist oder so. Denn ich denke, es ist unhöflich, einen Buddha an seine Gelübde zu erinnern. Er kennt seine Gelübde. Deshalb verstehe ich nicht, warum wir immer diese Erinnerungen an die Buddhas aussprechen.

Alex: Die Teilnehmerin sagt, dass es in manchen Gebeten das Ersuchen an die Buddhas gibt, „ sich an ihre Gelübde zu erinnern, uns zu beschützen“. Ich persönlich kenne keine Texte, in denen diese Aussage an die Buddhas gerichtet wird. Für gewöhnlich wird dieses Ersuchen an die so genannten erdgebundenen Beschützer gerichtet. Das sind normalerweise bestimmte Geister, die von Guru Rinpoche oder jemand anderem gebändigt wurden und denen ein Eid aufgelegt wurde, die Lehren und diejenigen, die sie praktizieren, zu schützen.

Teilnehmerin: Es kommt auch in den Medizin-Buddha-Gebeten und – Sadhanas vor.

Alex: Gut, es kommt also in der Medizin-Buddha-Sadhana vor – mit der ich nicht vertraut bin , dass wir den Buddha an sein Gelübde erinnern, anderen bezüglich ihrer Krankheiten zu helfen. Und die Frage lautet: „Warum müssen wir die Buddhas daran erinnern?“ – Wir brauchen sie nicht daran zu erinnern. Dasselbe gilt für die Frage: Warum müssen wir die Buddhas darum ersuchen, etwas zu tun? Sie tun es ja sowieso.

Es geht darum, uns selbst empfänglicher zu machen und, in gewisser Weise, uns daran zu erinnern – dass sie diese Gelübde haben und einen solchen Eid abgelegt haben -, sodass wir eine etwas zuversichtlichere Einstellung gewinnen, die das Immunsystem stärkt. Das ist zwar nicht die Art, wie die Texte traditionell etwas erklären, aber das ist es, wie diese Dinge funktionieren.

Teilnehmer: Kann es auch an der Übersetzung liegen?

Alex: Kann es an der Übersetzung liegen? Ich weiß es nicht. Dafür müsste ich mir den Text ansehen.

Frage bezüglich sexuellem Fehlverhalten

Frage: Es gibt ein Gelübde, das sich auf sexuelles Fehlverhalten bezieht. Sexuelles Fehlverhalten war mir immer ein großes Rätsel. Was ist eigentlich sexuelles Fehlverhalten? Was beinhalten die Gelübde bzw. was schließen sie aus?

Alex: Das ist eine sehr schwierige Frage, eine sehr wichtige Frage, die sich auf unangemessene sexuelles Verhalten bzw. sexuelles Fehlverhalten bezieht. Was gehört eigentlich dazu? Und warum? Wenn wir uns die Entwicklung der Erklärung des Gelübdes bezüglich unangemessenem sexuellen Verhalten, oder auch einfach der zehn destruktiven bzw. so genannten „untugendhaften“ Handlungen ansehen, stellen wir fest, dass im Laufe der Geschichte immer mehr Dinge spezifiziert wurden. Beginnend mit der Pali-Literatur und später dann in Indien wurden immer mehr Einzelheiten bestimmt, und dann machten die Tibeter damit weiter. Und es ist nicht so, dass die Hinzufügungen kumulativ aneinander gereiht wurden, sondern einige Kommentare in Indien fügten bestimmte Dinge hinzu und andere etwas anderes, und dann kamen die Tibeter und nahmen unterschiedliche Teile davon auf und fügten sie in unterschiedlichen Darstellungen und verschiedenen Texten zusammen.

Das wird also eine schwierige Angelegenheit, nicht wahr? Ich habe darüber zahlreiche Gespräche mit tibetischen Geshes geführt. Man könnte fragen: Ist das nicht etwas, das hinzugefügt wurde und ursprünglich nicht enthalten war? Ursprünglich ging es im Grunde nur darum, keinen Sex mit einem unangemessenen Partner zu haben – mit jemandem, der zu jemand anderem gehört oder dem Schutz von jemand anderem unterstellt ist, sei es ein Ehepartner, ein Elternteil oder was auch immer. Und die Bestimmungen beziehen sich nur auf heterosexuelle Männer. Was die Frauen betrifft: in Bezug auf weibliche Praktizierende wurde nichts spezifiziert. Die Einzelheiten mussten also offensichtlich erweitert werden.

Folglich stellt sich die Frage, ob, wenn Dinge hinzugefügt wurden, nicht weitere Dinge hinzugefügt und bestimmte Dinge ausgelassen werden könnten? Sind sie kulturbedingt? Die Gesches sagten im Grunde: Nur weil etwas in einer früheren Version nicht näher bestimmt war, heißt nicht, dass das nicht in ihrer Absicht gelegen hätte. Es wurde eben nur später spezifiziert, was gemeint war. Wie wusste man, was gemeint war? Das ist natürlich eine andere Frage. Aber es wird angenommen, dass die Verfasser sehr weit fortgeschrittene Wesen waren, die wussten, was zu Leiden führt. Der Sinn des Ganzen ist, das Leiden zu vermindern, das man sich unter dem Einfluss von Begierde, störenden Emotionen usw. schafft.

Ein Geshe, Gesche Wangchen, hat das sehr schön erklärt. Er ist der Tutor von Ling Rinpoche, der Inkarnation des Senior-Tutors Seiner Heiligkeit. Er erklärte, was man mit diesen Gelübden über unangemessenes sexuelles Verhalten bezwecken will, sei, eine Grenze zu setzen. Und, wie ich in meinem Vortrag erwähnt habe, wir streben nach Befreiung von biologischen Vorgaben. Letztlich müssen wir also über jegliche Sexualität hinausgehen. Das bedeutet nicht, dass wir jetzt gleich Mönch oder Nonne werden müssen. Aber als Arhat oder Buddha werden wir gewiss nicht Sex haben und wir werden nicht diese Art Körper haben, der von Hormonen bestimmt ist, die uns dazu antreiben. Diese Freiheit ist also letztlich Bestandteil davon, ein befreites Wesen oder ein erleuchtetes Wesen zu werden, ob einem das nun gefällt oder nicht.

Nun ist die Frage: Setzen wir in der Absicht, dass wir schließlich den Sexualtrieb überwinden werden, unserem sexuellen Verhalten irgendwelche Grenzen? Was diese Gelübde tun, ist, solche Grenzen zu setzen. In einer bestimmten Tradition werden die Grenzen auf bestimmte Weise gesetzt, wie es in einem Text spezifiziert ist – das sind dann die Grenzen. Wie gesagt: Wenn man sich nicht an diese Grenzen halten kann – nun, niemand zwingt einen dazu, diese Grenzen einzuhalten. Man setzt eine andere Grenzlinie. Aber es geht darum, eine Grenze zu setzen: Okay, ich werde nicht einfach wie ein Hund jedem sexuellen Bedürfnis nachgeben, das mir in den Sinn kommt, sondern etwas Selbstkontrolle ausüben. Nicht einfach blind ausagieren, was die Hormone und das Lustprinzip diktieren. Das ist der Zweck des Gelübdes – etwas, was immer es sei, zu überwinden. Zum Sex gehört immer ein Aspekt von Lust und Anhaftung, ganz gleich, was wir sagen und wie viel Liebe auch dabei sein mag. Das ist es also, worum es in den Gelübden geht.

Was wird nun eigentlich in den Gelübden spezifiziert? Das müssten wir in dem jeweiligen Text nachlesen: Das ist der Text unserer Tradition; das ist es, was er spezifiziert. Wenn etwas nicht spezifiziert ist – es ist z.B. nicht die Rede davon, dass es unangemessen ist, Sex mit Tieren zu haben – heißt das, dass es in Ordnung wäre, Sex mit Tieren zu haben? Mit einem Schaf? Nein. Nur dass es nicht erwähnt ist, heißt nicht, dass es in Ordnung ist. Man muss das also ein bisschen tiefgehender untersuchen. Es wird nie davon gesprochen, seinem eigenen Partner untreu zu sein – die Rede ist nur davon, keinen Sex mit dem Partner von jemand anderem zu haben – heißt das, dass es o.k. ist, dem eigenen Partner untreu zu sein?

Diese Sache mit der Sexualethik wird äußerst kompliziert und sehr schwierig. Denn es heißt, dass Prostitution in Ordnung sei, solange man die Prostituierte bezahlt, selbst wenn man verheiratet ist. Das passt nicht zu unserer westlichen Ethik. Können wir also Dinge hinzufügen, die unangemessen sind? Denn vom Standpunkt unserer westlichen Ethik wäre es gewiss nicht in Ordnung. – Ich denke, ja [man könnte etwas hinzufügen]. Ich denke, man muss den Grundtenor des Gelübdes verstehen. Ist es also kulturell bestimmt? Wie z.B. die Sache mit der Prostitution? Das ist sehr schwer zu beantworten. Ganz schwierig zu beantworten.

Aber ich denke, wenn man das Gelübde nehmen will, muss man lesen, was das Gelübde ist, welches im Text spezifiziert wird. Bin ich imstande, alles davon einzuhalten? Wenn nicht, kann man, wie gesagt, eines der Versprechen jener Zwischenkategorie geben, dass man bestimmte Aspekte davon vermeiden wird. Und das ist eine gute Sache; man ist ehrlich, heuchelt nicht. Ich denke, was Probleme schafft, ist Scheinheiligkeit: das Gelübde zu nehmen, aber nur einen Teil davon einzuhalten. Denn dann entstehen unweigerlich Schuldgefühle, und schließlich fühlt man sich wie ein Heuchler. Es bedeutet im Grunde, seine eigene Version eines Gelübdes aufzustellen. Wenn man seine eigene Version aufstellt, sollte man es nicht Gelübde nennen – im Sinne von Grenzen. Aber ich denke, es ist im Zusammenhang mit sexuellem Verhalten sehr wichtig, bestimmte Grenzen anzuerkennen, mit dem Verständnis, dass ich mich nicht einfach wie ein Hund verhalten möchte. Ich strebe es an, davon freizukommen, dass ich unter der Macht von all dem zu stehe, denn es bewirkt, dass Karma, Wiedergeburt usw. und Leiden sich immer weiter fortsetzen.

Es ist ein schwieriges Thema. Eines, über das wir, als Westler, oft verhandeln wollen. Wie auf einem orientalischen Markt, wie auf dem indischen Markt, feilschen wir um einen guten Preis, um ein günstiges Angebot.

Teilnehmer: In gewisser Weise bedeutet Sex also, lasterhaft zu sein. Denn man tut etwas, das nicht zur Erleuchtung führt oder so …

Alex: Richtig. Das ist wieder die Einstellung, sich schuldig zu fühlen, zu denken, Sexualität sei etwas Schmutziges, das ist nicht der Pfad zur Erleuchtung, usw. Das kann passieren. Aber das rührt wieder aus dem Missverständnis bezüglich Ethik her, das ich anfangs erwähnt habe. Nämlich zu denken, dass es sich um Gesetze handelt, denen man gehorchen muss, und wenn man ihnen nicht gehorcht, ist man schlecht; und dass Sexualität von sich aus schmutzig ist … Ich meine, der Sexualakt selbst ist nicht das Problem. Das Problem ist der Bewusstseinszustand. Und der Bewusstseinszustand steht unter dem Einfluss von Begierde und Anhaftung, ganz egal, wie viel Liebe auch damit verbunden sein mag. Das ist oft eine Ausrede, eine Rechtfertigung.

Ich sage immer: Wenn Sie Sex haben wollen, tun sie es einfach. Machen Sie keine große Sache daraus, und verfangen Sie sich nicht zu sehr in der Lust und übertreiben Sie sie nicht. „Ich bin ein samsarisches Wesen. Ich habe diese körperlichen Funktionen, und das ist es, was passiert, aber ich strebe nach etwas Besserem.“ Es ist nicht so, dass es schlecht ist.

Das führt uns zu dem ganzen Thema der Befreiung und der Entschlossenheit, frei zu sein, der Ebene mittlerer Reichweite. Sie ist sehr schwierig, diese Ebene mittlerer Reichweite im Lam-Rim. Auf der anfänglichen Ebene möchte man eine kostbare menschliche Wiedergeburt erreichen. Doch selbst wenn ich eine kostbare menschliche Wiedergeburt erlange, werde ich die ganze Phase durchmachen, in der ich ein Säugling bin und die [in Hinsicht auf die Dharmapraxis] ziemlich nutzlos ist, die ganze Phase, in der ich ein geistig verwirrter alter Mensch bin und die ebenfalls ziemlich nutzlos ist. Es gibt Krankheiten, es gibt Frustration; ich stehe unter dem Einfluss meiner Hormone. All diese Nachteile – all der Mist, der mit dieser menschlichen Geburt verbunden ist. Daher möchte man darüber hinauskommen und Erleuchtung erlangen, aber nichtsdestoweniger brauchen wir das Vehikel der kostbaren menschlichen Wiedergeburt, um Erleuchtung zu erlangen.

Der Punkt ist, die Gewichtung nicht zu übertreiben und Sexualität nicht im Sinne einer fehlerhaften Betrachtungsweise zu verstehen – etwas, das im Grunde unsauber und ein Schlamassel ist, als schön und wunderbar usw. anzusehen. Keinen Kult aus dem Körper zu machen. Da ich nun einmal diesen Körper habe, muss ich essen, schlafen, ihn säubern, und bestimmte Sexualfunktionen sind da. Und wenn ich nicht so weit bin, mich zu verpflichten, als Mönch oder Nonne im Zölibat zu leben, nun, dann werde ich eben auch Sex haben. Es ist nicht so, dass das etwas Schlechtes ist, dass ich deswegen Schuldgefühle haben muss. Aber ich benutze es als Basis dafür, Grenzen abzustecken. Genauso, wie ich mir Grenzen setzen kann, wie viel Nahrung ich zu mir nehme, um mich nicht wie ein Vielfraß vollzustopfen und fett zu werden, kann ich auch meinem sexuellen Verhalten Grenzen setzen – indem ich mich bestimmter Dinge enthalte. Denn ich erkenne, dass es sich einfach um Begierde handelt. Auf diese Weise entwickelt man keine Schuldgefühle in Bezug auf Sexualität.

Das ist ein sehr heikles Thema für uns Westler, insbesondere da unser Hintergrund aus vielen Traditionen besteht, in denen Sexualität entweder als schmutzig angesehen wird oder als das Beste auf der Welt – als würde man Erleuchtung durch einen vollkommenen Orgasmus erreichen. Wir betreten sehr heikles Gelände, wenn wir uns mit diesen sexuellen Angelegenheiten befassen. Aber wie gesagt, wenn wir Sex haben, brauchen wir keine große Sache daraus zu machen. Wir sollten es nicht übertreiben, kein Theater darum machen. Es ist, was es ist. Mehr nicht. in Ordnung?

Lassen Sie uns nun mit einer Widmung schließen. Möge jegliche positive Kraft, die hieraus entstanden ist, tiefer und tiefer gehen und als Ursache dafür wirken, zum Nutzen aller Erleuchtung zu erreichen.