Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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An den Buddhismus realistisch herangehen

Alexander Berzin
München, Deutschland, Juni 1996
[leicht redigierte Abschrift]
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Unterrichtseinheit 3: Unwissenheit in Bezug auf die Realität

Die zweite edle Wahrheit – die wahren Ursachen des Leidens

So wie wir die erste edle Wahrheit in einer persönlicheren Art und Weise betrachtetet haben und sie selbst ein bisschen mehr akzeptiert haben, ebenso sollten wir auch die drei anderen edlen Wahrheiten betrachten, damit uns unsere buddhistische Praxis auf eine sinnstiftende und uns verändernde Art persönlich berührt.

Haben wir einmal unsere eigenen Schwierigkeiten im Leben erkannt und waren wir in der Lage, uns selbst ein klein wenig emotionale Unterstützung zu geben, können wir zur Betrachtung der zweiten edlen Wahrheit übergehen, d. h. wir können nun die Ursachen des Leidens näher anschauen. Wir müssen zunächst die dafür Ursache erkennen, warum das Leitungsrohr kaputt gegangen ist, damit wir es dann reparieren können. Wenn wir uns die Ursachen unserer Probleme anschauen, ist es sehr wichtig, sie in einer persönlichen Weise zu betrachten, und zwar vom Standpunkt des mittleren Pfades aus. Mit anderen Worten ausgedrückt: Wir wollen die Schuld nicht auf äußere Dinge schieben. „Ich bin so, weil meine Mutter mir das angetan hat als ich drei Jahre alt war, und die Gesellschaft hat mir dies angetan, und die Wirtschaft ist schuld daran, dass jenes geschehen ist…“ Andererseits wollen wir diese äußeren Faktoren nicht völlig leugnen, indem wir sagen: „Das ist alles meine Schuld“, und die ganze Schuld auf uns selbst laden und uns selbst in strenger Weise die Schuld für die gesamte Situation geben.

Wenn wir darüber sprechen, dass die tiefste Ursache unseres Leidens und die tiefste Ursache unserer Probleme unsere eigene Ignoranz ist, kann es leicht geschehen, dass wir diese Aussage verdrehen und denken: „Ich bin dumm, ich bin schlecht, ich bin nicht gut, daher bin ich der Schuldige.“ Aber wenn wir so denken, dreht sich dabei alles um eine festes, solides ICH. Wenn wir so denken, dann bauschen wir dieses ICH in der Weise auf, dass wir immer der Dumme sind, der Dinge falsch macht – „Ich bin schlecht; ich bin der Schlimme, der böse Junge“. Ich bevorzuge die Formulierung: „Wir sind in Bezug auf die Realität unwissend“ statt „wir sind ignorant und dumm“. Das kann uns vielleicht helfen, ein wenig von der verurteilenden Interpretation der zweiten edlen Wahrheit, d. h. der wahren Ursachen unserer Schwierigkeiten im Leben, Abstand zu nehmen.

Um auf eine heilsame Weise die wahren Ursachen dafür, dass unser Leben so schwierig ist, wirklich tiefer und tiefer zu verstehen, müssen wir die zweite edle Wahrheit mit dem Verständnis von Leerheit kombinieren. Es gibt kein festes ICH in uns drinnen, das der Dumme ist, der alles durcheinander gebracht hat – es gibt kein festes, solides ICH, das alles gerade vermurkst hat und ein wirklicher Idiot ist. Für gewöhnlich beschimpfen wir uns dabei selbst mit noch derberen Ausdrücken.

Auch wenn wir die Ursache für unsere Probleme, die wir im Leben haben, auf unseren Mangel an Gewahrsein zurückführen können, widerlegt das nicht die Gesetzmäßigkeit des abhängigen Entstehens. Alle unsere Probleme werden nicht nur durch einen einzigen Umstand verursacht, wie das am dem Beispiel deutlich wird, in dem beschrieben wird, dass ein Eimer weder durch den ersten Tropfen noch durch den letzten Tropfen gefüllt wird. Ebenso wenig werden all unsere Probleme nicht nur durch einen einzigen Umstand verursacht, so als wäre da eine große, stabile Begrenzungslinie um diese Ursache herum gezogen, und so als ob keine anderen Umstände oder Ursachen die Situation hätte beeinflussen können. Aber so ist es nicht. Alles entsteht abhängig von vielen Faktoren. Es gibt also eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Es gibt ein Zusammenspiel aus unserer Unfähigkeit, die Situation zu verstehen, und unserer Verwirrung, die zusammen mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einflüssen, wie auch zusammen mit dem, was unsere Mutter getan hat, auf unser Leben einwirken. Und all diese Tropfen haben zusammengenommen den Eimer unseres schwierigen Lebens gefüllt.

Wenn wir feststellen, dass die zugrunde liegende Ursache unseres Leidens ein Mangel an Gewahrsein ist, beziehen wir das auf diese Unwissenheit – womit gemeint ist, dass wir entweder die Realität nicht erkennen oder sie nicht korrekt erkennen. Diese Unwissenheit ist die tiefste Ursache unseres Leidens, und das ist eben dieser Unwissenheit, die wir wirklich loswerden müssen, wenn wir unsere Situation verändern wollen. Das kommt daher, weil sich die anderen Ursachen und Umstände entweder aus dieser Unwissenheit ableiten oder weil die anderen Ursachen und Umstände etwas sind, dass wir unmöglich ändern können. Wir können nicht ändern, was unsere Mutter getan hat als wir drei Jahre alt waren. Die Situation ist nun endgültig vorbei, sie ist Geschichte. Es ist sehr wichtig mit der zweiten edlen Wahrheit auf eine urteilsfreie Weise so zu arbeiten, dass wir die Unterweisungen über die Leerheit und das abhängige Entstehen anwenden.

Haben Sie die allgemeine Grundidee verstanden? Dieser Prozess ist der Vorgehensweise sehr ähnlich, die wir vordem in Bezug auf die erste edle Wahrheit durchgeführt haben. Wir schauen in unser Inneres und erkennen: „OK, sicher, ich bin verwirrt, und ich weiß sicherlich nicht, was ich mit meinem Leben anfange“, versuchen Sie diesen Umstand ohne zu urteilen einfach zu akzeptieren. Das ist eine heikle Angelegenheit. In gleicher Weise verhält es sich, wenn wir uns schneiden, während wir Gemüse schnippeln. Wir können es akzeptieren, dass wir uns geschnitten haben, ohne es allzu tragisch zu nehmen. Wir müssen uns nicht sagen: „Oh, ich bin so dumm, ich bin so schlecht.“ Vielleicht waren wir nicht sehr achtsam, oder wie auch immer, aber es geschah. Solche Dinge passieren. Wir akzeptieren so etwas. Überdies haben wir uns nicht nur deshalb geschnitten, weil wir unaufmerksam waren. Dass wir uns geschnitten haben, hing auch von der Tatsache ab, dass das Messer sehr scharf war. Wäre das Messer nicht scharf gewesen, hätten wir uns nicht geschnitten. Es hing auch von der Tatsache ab, dass wir hungrig waren und wir nun einmal einen menschlichen Körper haben, der jeden Tag gefüttert werden muss. Hätten wir keinen solchen hungrigen menschlichen Körper, wäre der Unfall nicht geschehen.

Dasselbe gilt für all unsere Probleme, die wir im Leben haben. Alle Probleme entstehen aus einer Kombination all dieser Dinge. Und es verhält sich in allen Situationen genauso wie beim Beispiel, bei dem wir uns mit dem Messer geschnitten haben und wo wir festgestellt haben, dass wir nicht dämlich oder minderwertig sind, bloß weil wir uns geschnitten haben. Wir können diesen Ansatz wiederum für die Übung verwenden, bei der wir die Dämonen füttern. Sind wir einmal in der Lage diese nicht-urteilende Geisteshaltung in Bezug auf uns selbst und die Ursachen unserer Probleme, die wir im Leben haben, hervorzubringen, dann werden wir auch in der Lage sein, diese nicht-urteilende Haltung auf andere Lebewesen übertragen zu können. Lassen Sie uns jetzt einmal versuchen, eine solche nicht-wertende Geisteshaltung hervorzubringen.

(Pause)

Die dritte edle Wahrheit – die wahren Beendigungen des Leidens

Bei der dritten edlen Wahrheit befassen wir uns mit der Möglichkeit einer wahren Beendigung unserer Probleme. Das ist es, was das Wort beenden bedeutet – wir können unsere Probleme beenden, wir können sie loswerden. Im Englischen hat das Wort cessation – (Beendigung) – für die große Mehrheit der Menschen nicht viel Bedeutung. Es ist ein zu großes Wort, das selten verwendet wird. Es ist kein alltägliches Wort, sodass die meisten von uns nicht wissen was es bedeutet. Meine Mutter hätte sicher nicht gewusst, wodrauf dieses Wort hinweisen möchte, noch hätte sie es je in ihrem Leben verwendet. Lassen Sie uns daher die dritte edle Wahrheit als „wahres Aufhören“ oder als „wahre Beendigung“ bezeichnen.

Das Thema ist hier nicht nur, dass wir zu einem Aufhören, einer Beendigung oder einem Ende all unserer Probleme gelangen, sondern auch, dass wir die Ursachen unserer Probleme zu einem Ende bringen wollen. Und wir sprechen nicht nur über ein besonderes Problem, da jedes besondere, einzelne Problem irgendwann enden wird. Wenn wir uns eine Mahlzeit kochen und sie danach verspeisen, so endet das besondere Problem unseres Hungers in dem Augenblick, wo wir das Essen zu uns nehmen. Aber ein größeres Problem ist, dass wir wieder hungrig werden. So wünschen wir uns hier ein Aufhören des wiederkehrenden Problems und eine Ende der wiederkehrenden Ursachen des Problems. Die Ursache meines Hungers an diesem Abend wird natürlich verschwinden, wenn ich heute Abend mein Abendessen gegessen habe. Wir sprechen nicht über das Ausmerzen der Ursache eines bestimmten Problems wie beispielsweise das jetzige Hungrigsein. Wir sprechen über das Ausmerzen des fortwährenden Entstehens der Ursache. Das ist hier der wesentliche Punkt unseres Interesses.

Das Frage ist: „Glaube ich wirklich, dass es möglich ist, den unkontrollierbar wiederkehrenden Strom der Kontinuität der Ursache meiner Probleme loszuwerden? Und wenn ich glaube, dass es möglich ist, wie kann ich diesen sich wiederholenden Fluss an Problemen wirklich loswerden?“ Mit anderen Worten: „Ist es wirklich möglich, Befreiung zu erlangen und Erleuchtung zu erlangen?“

Das sind sehr knifflige Fragen. Wenn wir nicht davon überzeugt sein sollten, zumindest ein wenig, dass es möglich ist, dass wir für immer die Befreiung von unseren Problemen erlangen können, was wollen wir dann vom Buddhismus? Wonach streben wir dann eigentlich? Streben wir nur nach einer Fantasie von Errungenschaft, von der wir nicht wirklich glauben, dass sie zu erreichen ist? Ist das der Fall, dann ist Befreiung und Erleuchtung für uns lediglich wie die Fantasie eines Kindes – es handelt sich um eine nette Einbildung, ein Buddha zu werden und befreit zu werden. Und wir betrügen uns, vergeuden nur unsere Zeit mit dem Versuch, etwas zu erreichen, von dem wir nicht annehmen, dass es wirklich zu erreichen ist. Das ist eine ernsthafte Frage.

Unglücklicherweise ist sehr kompliziert die Abfolge von Argumenten, mit deren Hilfe wir verstehen könnten, wie es möglich sein soll, die Befreiung und die Erleuchtung zu erlangen, zu verstehen. Die Argumentationskette ist verknüpft mit der Darstellung der Philosophie der Prasangika-Lehrmeinung, die ein wahres Aufhören – bzw. eine wahre Beendigung – mit Leerheit gleichsetzt. Es ist sehr schwer, das wirklich zu verstehen. Was heißt das nun für uns? Im Kontext dieses Wochenendkurses bedeutet es, dass wir nicht sofort begreifen werden, warum es möglich ist, die Befreiung zu erlangen. Das zu verstehen wird ein langer Prozess werden. Solang wir aber nicht verstehen, dass es möglich ist, werden wir davon nicht überzeugt sein. Sind wir davon nicht überzeugt, werden wir es nicht emotional empfinden, wie wir es schon gestern besprochen haben – anhand des ganzen Prozesses wie wir etwas emotional akzeptieren, nachdem wir es verstanden haben. Auf was es letztendlich ankommt ist, dass wir diesen Punkt – dass Befreiung und Erleuchtung möglich ist – vorläufig durch einen provisorischen Glauben anzunehmen haben. Das ist ein vorläufiger Weg, wie wir dem Thema arbeiten können.

Ist das daher „blinder Glaube“? „Ich glaube! Halleluja!?“ Wie glauben wir daran, dass es möglich ist, die Befreiung zu erlangen? Einige Menschen antworten dann vielleicht „Ich kann daran glauben, weil mein Guru ein Buddha ist. Ich sehe Erleuchtung in ihm, daher ist es auch mir möglich, die Erleuchtung zu erlangen.“ Diese Argumentation bewirkt für die meisten Menschen keine nachhaltige Erkenntnis, da wir feststellen können, dass zahlreiche hochentwickelte Lehrer die verschiedensten Fehler und Unzulänglichkeiten aufweisen. Manchmal machen sie Fehler. Wir müssen dann folgende Fragen differenzieren – und wir werden darauf später noch eingehen: „Ist der Guru von seiner eigenen Seite aus ein Buddha?“ und „Ist ein Guru, den man als ein Buddha betrachtet, ein Phänomen, das in Abhängigkeit von der Beziehung zwischen dem Studenten und dem Lehrer entsteht?“ Offensichtlich ist letzteres der Fall. Dinge entstehen abhängig vom Blickwinkel aus. Ein Buddha zu sein ist nichts Absolutes, das vom Lehrer aus als wörtlich zu nehmende Tatsache begründet ist. Was in der Praxis geschieht ist, dass viele dieser Lehrer, von denen wir denken, dass sie wundervoll sind, Fehler machen. Dann sind wir enttäuscht und desillusioniert, und wir könnten dann zu dem Schluss kommen, dass es nicht möglich sei die Erleuchtung zu erlangen.

Wie man die Herangehensweise des Stufenwegs des Lamrim verwenden kann, um das das Vertrauen zu entwickeln, dass es möglich ist, die Befreiung zu erlangen

Wir können die grundlegende Struktur des Lamrim, d. h. des Stufenwegs des Pfades, anwenden, um uns selbst dabei zu helfen, einen Umgang mit diesem Glaubens-Dilemma zu finden, dass die Frage aufwirft, ob es überhaupt möglich ist, die Befreiung und Erleuchtung zu erlangen. Atisha unterscheidet in seiner Version des Lamrim drei Ebenen der Motivation – d. h. drei unterschiedliche Absichten oder Zielsetzungen. Die höchste Motivation ist es, die Erleuchtung zu erlangen. Die mittlere Ebene der Motivation ist es, die Befreiung zu erlangen. Die anfängliche Motivationsebene zielt darauf ab, in einen besseren Wiedergeburtszustand hineingeboren zu werden. Drücken wir diese Anfangsabsicht etwas einfacher aus, ohne uns direkt mit der Frage der Wiedergeburt zu befassen, ist die Motivation grundsätzlich, dass wir möchten, dass sich unser Samsara besser wird – d. h. wir streben danach, dass sich unsere samsarische Situation verbessert. Bevor wir überhaupt daran denken können, unsere künftigen Leben zu verbessern, sollten wir zunächst daran denken, unser jetziges Leben zu verbessern.

[Siehe: „ Dharma light“ versus „Der echte Dharma“.]

Es ist hier wichtig, mit uns selbst ehrlich zu sein und nicht spirituell anmaßend. Ich denke, dass es nur sehr wenige Menschen unter den buddhistischen Praktizierenden gibt, die ehrlich von sich sagen können, dass sie wirklich Befreiung und Erleuchtung anstreben. Streben wir wirklich Befreiung an, bedeutet das, dass wir bereits Entsagung entwickelt haben. Die meisten Leute wollen aber noch nicht einmal etwas über Entsagung hören, geschweige denn, dass sie Entsagung wirklich leben wollen.

Wir entsagen nicht der Schokolade oder dem Fernsehen. Wir entsagen der Ursache unserer Probleme, d. h. wir entsagen auf der anfänglichen Ebene im Wesentlichen unseren negativen Charaktereigenschaften und wir entsagen unserem destruktiven Verhalten, das aus diesen negativen Charaktereigenschaften entsteht. Das ist es, was wir aufzugeben haben: Unsere Wut, unsere Selbstsucht, unsere Gier, unsere Mauern. Die meisten von uns sind nicht bereit irgendetwas davon aufzugeben. Wir wollen unserem Leben noch einige Dinge hinzufügen – Glück und all diese anderen netten Dinge – aber ohne dafür etwas aufgeben zu müssen. So meinen wir es nicht besonders ernst, wenn wir, ohne Entsagung entwickelt zu haben, sagen: „Ich strebe danach, Erleuchtung zu erlangen. Ich strebe danach, Befreiung zu erlangen.“

Hier können wir einen weiteren Pinselstrich auf diese „Ich sollte“- Stelle unseres Gemäldes hinzufügen. Was viele von uns denken ist: „Ich SOLLTE nach Erleuchtung streben, weil ich sonst ein schlechter Praktizierender bin, wenn ich nicht nach Befreiung strebe, und mein Guru mich dann nicht mehr mag.“ Das ist ein bisschen kindisch, oder? Aber wir versuchen hier erst einmal zu begreifen, dass diese anfängliche Ebene von Motivation, die erste Ebene der Motivation, bei der wir anstreben unser Samsara zu verbessern, vollkommen legitim ist. Es ist vollkommen in Ordnung, sich auf der ersten Ebene zu befinden. Tatsächlich ist es sogar eine große Errungenschaft, sich auf der ersten Motivationsebene zu befinden. Die meisten Menschen haben kein Konzept davon, wie sie versuchen könnten, ihr Leben zu verbessern, geschweige denn, wie sie ihre zukünftigen Leben verbessern könnten. Und hier sprechen wir nicht darüber wie wir unsere wirtschaftliche Situation im Leben verbessern können, sondern darüber wie wir unsere innere Entwicklung voranbringen können. Die meisten Menschen auf dieser Welt sind daran nicht interessiert. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn wir danach streben, uns in diesem Leben innerlich entwickeln zu wollen. Auf dieser Grundlage können wir mit der Dharmapraxis beginnen. Wir können uns dann Zeit nehmen und über einen längeren Zeitraum hinweg versuchen zu begreifen, dass es wirklich möglich ist, die Befreiung und Erleuchtung zu erlangen, denn es kann wirklich schwierig sein, davon tatsächlich überzeugt zu sein.

In anderen Worten ausgedrückt, ist es ehrlicher zu sagen: „Ich kann zurzeit wirklich nicht von mir sagen, dass ich ernsthaft nach Befreiung und Erleuchtung strebe, da ich zurzeit noch nicht wirklich davon überzeugt bin, dass es möglich ist diese hohen Ziele zu erreichen, und ich möchte nicht auf der Ebene eines Ammenmärchens versuchen, etwas zu erreichen. So möchte ich daran arbeiten, zukünftig zu versuchen zu verstehen, dass es möglich ist Befreiung und Erleuchtung zu erlangen. Wenn ich dann soweit bin, kann ich ernsthaft an diesen Zielen arbeiten. In der Zwischenzeit werde ich auf der Ebene arbeiten, zu versuchen, meine jetzige samsarische Situation, meine schwierige Situation im Leben, zu verbessern. Das betreffend habe ich ein gewisses Vertrauen, dass es mir zumindest möglich ist, die Ursachen meiner Probleme abzuschwächen und bestimmte Dinge auszumerzen. Diese Zielsetzung ist etwas realistischer und leichter durchführbar, als wenn ich jetzt versuchen würde, meine Unwissenheit vollständig auszulöschen“. Diese Art zu denken ermöglicht mir in einer gesündere Weise – wie ich glaube – wirklich mit einem spirituellen Lehrer zu arbeiten.

Wenn ich an diesem Punkt bin, ist es für mich kein Thema mehr, ob der Lehrer wirklich befreit ist oder nicht, oder ob er wirklich erleuchtet ist oder nicht. Diese Frage ist dann nicht mehr das wichtige Thema. Die Angelegenheit ist vielmehr, dass der Lehrer eine höher entwickelte Person ist als ich selbst, also ein Mensch, der seine Verwirrung, Wut usw. in einem großen Umfang wirklich verringert hat. Wir sollten denken: „Auch wenn dieser Mensch manchmal einen Fehler machen könnte und diese Person manchmal vielleicht ein wenig emotional verärgert handeln könnte, so ist das in Ordnung. Später wenn ich weiter auf dem Pfad vorangeschritten bin, werde ich mich damit befassen, wie ich damit in der Form von „mein Lehrer versucht mir etwas beizubringen“ und ähnlichem umgehe. Ich werde mich mit diesem Thema später befassen. Auf meinem jetzigen Niveau reicht es mir festzustellen, dass mein Lehrer ein hoch entwickeltes Wesen ist. Ob mein Lehrer vollkommen ist oder nicht ist für mich derzeit nicht wirklich wichtig. Mein Lehrer kann mich bereits so wie er ist dazu inspirieren, weiter auf dem Pfad voranzuschreiten.“

Auch wenn das nicht so in den buddhistischen Lehren erklärt ist, denke ich, als eine Person aus dem Westen, dass das, was ich gerade erklärt habe, als eine Stufe in unserer spirituellen Entwicklung sehr hilfreich ist, da wir als westliche Menschen die Dinge sehr oft schwarz und weiß sehen. Anders gesagt ist es unerheblich, ob der Lehrer ein vollkommener Buddha ist oder wir denken: „Vergiss den ganzen spirituellen Pfad, weil ich gesehen habe, dass die Lehrer Unzulänglichkeit haben und Fehler machen.“ Um dieses Extrem zu vermeiden und auch das Extrem, das wir Verkünden, dass wir daran arbeiten, die Befreiung und Erleuchtung zu erlangen, wenn wir das in Wirklichkeit gar nicht tun, denke ich, dass diese Zwischenstufe sehr hilfreich ist.

In meiner eigenen persönlichen Praxis finde ich, dass es mir nichts ausmacht, ob meine Lehrer wirklich Buddhas sind oder nicht und ob sie alle Eigenschaften eines Buddha haben oder nicht. Können sie durch eine Mauer gehen und durch die Luft fliegen, und können sie sich in zehn Milliarden Lebensformen vervielfachen? Es macht mir wirklich nichts aus, nicht zu wissen, ob dem so ist oder nicht. Für mich macht es keinen Unterschied. Die Tatsache aber, dass sie so viel höher entwickelt sind als ich in Bezug darauf, was ich begreifen kann und was ich bei ihnen wahrnehme, wie sie mit anderen Menschen umgehen, wie sie mit dem Leben an und für sich umgehen und so weiter, all das zeigt mir, dass sie viel höher entwickelt sind als ich. Es inspiriert mich, dass es möglich ist, dasselbe zu erreichen.

Das ist eine Ebene auf der wir beginnen können zu arbeiten. Ich denke, dass diese Vorgehensweise sehr viel zugänglicher ist als der traditionelle Ansatz. Überzeugt zu werden, dass diese Ebene der Beendigung der Ursachen unserer Probleme möglich ist – auch wenn es vielleicht keine wahre Beendigung ist, durch die wir die Befreiung erlangen – reicht aus, um uns zu befähigen als eine Person zu handeln, die sich auf der anfänglichen Stufe der Motivation befindet. Das ist eine vollkommen legitime Ebene für unsere spirituelle Praxis und eine Ebene, die notwendig ist, um mit der Praxis zu beginnen. Mit anderen Worten, sehen wir einen Lehrer auf so einer Ebene, fangen wir an davon überzeugt zu sein, dass es möglich ist zumindest eine gewisse Ebene des Aufhörens der Ursachen von Problemen zu erreichen, auch wenn es keine wahre Beendigung wäre, durch die wir die Befreiung erlangen. Allein schon von der Möglichkeit überzeugt zu sein, dass es diese Ebene des Aufhörens der Ursachen von Problemen gibt, schenkt uns das Vertrauen, in der Lage zu sein, als jemand zu handeln, der sich auf diesem anfänglichen Motivationsniveau befindet. Diese Stufe ist wirklich sehr wichtig. Es ist nicht nur in Ordnung, sich auf dieser Stufe zu befinden, sondern es ist eine notwendige Stufe, die wir zu durchlaufen haben, um eine stabile spirituelle Entwicklung zu absolvieren.

Was wir dann vermeiden müssen ist, einfach gleich am Anfang unseres Pfades auf die höchste Ebene der Motivation zu springen, und wenn wir dann desillusioniert sind – bums – auf den Boden der Tatsachen zurückzufallen. Das ist ein sehr typisches westliches Muster, wie Studenten dem Buddhismus begegnen. Wir vermeiden das, indem wir nicht anmaßend werden und indem wir zuerst daran arbeiten, unsere jetzige samsarische Situation zu verbessern, da es schließlich gewöhnlich das ist, warum ernsthafte Menschen zum Buddhismus kommen – wir befassen uns mit dem Buddhismus nicht bloß als eine Art von Trip oder eine Art von Sport. Das ist die erste Ebene einer ernsthaften Beschäftigung mit dem Buddhismus.

Dann kommen wir zur vierten edlen Wahrheit. Um diese Selbstverwandlung hervorzubringen, müssen wir dafür selbst etwas tun. Wir müssen aktiv sein. Es geschieht nicht einfach grundlos, ohne irgendeine Anstrengung, die Selbst-Transformation geschieht nicht aus heiterem Himmel. Wir müssen uns wirklich verändern.