Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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An den Buddhismus realistisch herangehen

Alexander Berzin
München, Deutschland, Juni 1996
[leicht redigierte Abschrift]
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Unterrichtseinheit 7: Tantrische Praxis

Tantra ist eine fortgeschrittene Praxis

Lassen Sie uns in unserer letzten Sitzung, die wir miteinander verbringen, ein wenig über Tantra sprechen. Wir müssen auch an die tantrische Praxis realistisch herangehen.

Häufig fallen Menschen aus dem Westen in eines von zwei Extremen, wenn sie sich den tantrischen Lehren des tibetischen Buddhismus nähern. Ein Extrem ist, dass man Angst vor der tantrischen Praxis hat und dass man überhaupt nichts mit tantrischer Praxis zu tun haben möchte. Das andere Extrem ist, dass man sofort in tantrische Praktiken einsteigen möchte. Beide Extreme haben ihre Nachteile.

Tantra ist eine extrem fortgeschrittene Praxis. Tantrische Praxis ist weder etwas, vor dem man sich zu fürchten braucht, noch etwas, in das man sich unvorbereitet stürzen sollte. Bei unseren Praktiken auf der Sutra-Stufe des Buddhismus, also der anfänglichen Ebene, lernen wir im Wesentlichen viele verschiedene Eigenschaften zu entwickeln, die uns entweder dabei helfen werden, unsere samsarische Situation zu verbessern, Befreiung zu erlangen oder ein Buddha zu werden, um anderen so vollkommen wie möglich zu helfen. Um diese Ziele zu erreichen ist es erforderlich, dass wir Konzentration, Liebe und Mitgefühl entwickeln, zudem ein korrektes und tiefes Verständnis von Vergänglichkeit, Leerheit, Entsagung und so weiter. All diese sind als Ursachen vollkommen unentbehrlich, um diese Ziele zu erreichen. Obwohl wir Tantra auf viele verschiedene Arten beschreiben können, ist ein Aspekt der Tantra-Praxis, dass sie ein Weg ist, bei dem all diese Faktoren zusammengebracht werden und alle auf einmal praktizieren werden.

[Siehe: Tantra verstehen lernen.]

Ganz offensichtlich können wir all diese Dinge nicht gleichzeitig praktizieren, wenn wir diese Faktoren nicht vorher einen nach dem anderen entwickelt haben. Wenn wir einfach nur in die Tantra-Praxis hineinzuspringen, ohne zuerst diese Eigenschaften entwickelt zu haben, wird die Übung zu einer bloßen Ritualpraxis degenerieren – ohne irgendwelchen Inhalt oder Tiefe. Um tatsächlich irgendeinen tiefen Nutzen durch ein Ritual zu erfahren, muss es als eine Struktur betrachtet werden, um all die Eigenschaften, die wir entwickelt haben zusammenzubringen.

Zum Beispiel müssen wir die sichere und positive Ausrichtung einer Zuflucht in unserem Leben finden. Was machen wir bei der Praxis eines tantrischen Rituals? Nur das: Wir gehen in diese sichere Richtung, indem wir versuchen, uns durch dieses Ritual selbst weiterzuentwickeln. Wir führen das Ritual nicht zu Unterhaltungszwecken aus oder als eine Ablenkung und Flucht vor unserem gewöhnlichen Leben, wie bei einem Ausflug nach Disneyland. Vielmehr nutzen wir die Ritualpraxis als Hilfsmittel für unsere eigene Persönlichkeitsentwicklung, um dadurch die verschiedenen buddhistischen Ziele zu erreichen. Diese Ziele sind die drei Juwelen der Zuflucht: Also was der Buddha lehrte, was er vollständig erreichte und was der hoch verwirklichte Sangha teilweise erlangte.

Warum wir Entsagung entwickeln müssen

Entsagung ist ein anderer extrem notwendiger Bestandteil jeglicher tantrischer Praxis und wir müssen daher herausstreichen, worauf sie sich bezieht. Entsagung hat zwei Aspekte. Einer davon ist, dass wir eine starke Entschlossenheit entwickeln, dass wir uns von unseren Problemen befreien wollen. Dieser Aspekt befähigt uns, die tantrische Praxis als eine Methode zu nutzen, um uns von unseren Problemen zu befreien, indem wir Erleuchtung erlangen. Haben wir diesen Aspekt der Entsagung nicht, diese Entschlossenheit, uns zu befreien, werden wir nicht in der Lage sein, die Praktiken als integralen Teil unseres spirituellen Pfades auf uns selbst anzuwenden.

Der andere Aspekt der Entsagung ist die Bereitschaft, nicht nur unsere Leiden, sondern auch die Ursachen unserer Leiden, aufzugeben. Das ist sehr wichtig. Sind wir nicht bereit, die Ursachen unserer Leiden aufzugeben, gibt es keine Möglichkeit, sich von diesen Leiden zu befreien, so sehr wir uns auch wünschen, vom Leiden befreit zu sein. Die Ursache unseres Leidens ist unglücklicherweise nicht bloß irgendeine triviale Sache, wie ins Kino zu gehen, Schokolade zu essen oder Sex zu haben. Die Ursache unseres Leidens ist etwas, das alles in unserem Leben umfasst. Auf einer Ebene ist es die Gesamtheit all unserer negativen Charaktereigenschaften – all unsere Wut, unsere Anhaftung, Arroganz, Eifersucht und so weiter. Gehen wir ein wenig tiefer, schließt das Leiden unsere Unsicherheit, Ängstlichkeit und Besorgtheiten mit ein. Gehen wir noch tiefer, umfasst es auch noch unsere Verwirrung – die Ursache des Leidens umfasst unsere gesamte fehlerhafte Wahrnehmung, die wir von uns selbst und von allem anderen im Leben haben.

Noch tiefer sitzend als das: Was wir wirklich los werden müssen, ist unsere gewöhnliche Art von Geist, der die Dinge in einer Weise erscheinen lässt, die mit der Realität nicht übereinstimmt. Auf der Grundlage dieser sogenannten „unreinen Erscheinungen“ lässt unsere Unwissenheit uns glauben, dass diese Erscheinungen wahr sind, obwohl sie trügerisch und falsch sind. All unsere Probleme stammen daher.

Es ist nicht der Geist selbst, der das Problem ist. Es sind diese trügerischen Erscheinungen-hervorbringenden Aktivitäten des Geistes oder das Funktionieren des Geistes; und das Problem ist zudem unser falsch verstandener Glaube daran, dass diese Erscheinungen wahr seien. Ebenfalls ist die Ursache unserer Probleme nicht in den Erscheinungen selbst zu finden, die der Geist hervorbringt. Es wäre ein großer Fehler zu denken, dass das Problem in den Erscheinungen selbst liegen würde. So zu denken ist ein Fehler, der durch das falsch verstandene tibetische Wort nangwa herrührt, das entweder „Erscheinungen“ oder „Hervorbringen von Erscheinungen“ heißen kann.

Wenn wir darüber sprechen, uns von den „gewöhnlichen Erscheinungen“ oder den „dualen die Erscheinungen“ zu befreien, sprechen wir nicht über ein Hauptwort. Wir sprechen nicht über die Erscheinungen „da draußen“. Wir sprechen über eine Art des Gewahrseins von etwas. Wir sprechen über ein Verb (Zeitwort). Wir sprechen insbesondere über die Funktion des Geistes, der bewirkt, dass Dinge uns auf eine Weise erscheinen, die mit der Realität nicht übereinstimmt. Das ist es, wovon wir uns zu befreien versuchen. Das ist es, was wir als wahre Beendigung zu erreichen versuchen. Und unglücklicherweise ist das Leben zudem hart – unser Geist lässt die Dinge seit anfangslosen Zeiten ständig auf eine verrückte Weise erscheinen.

Auch wenn wir beispielsweise Vergänglichkeit ein wenig verstanden haben und auch verstanden haben, dass es kein solides Selbst gibt, lässt unser Geist, wenn wir morgens aufstehen und wir uns im Spiegel sehen, es uns noch immer so erscheinen, als ob wir dieselbe Person seien, die wir noch letzte Nacht waren: Wir halten uns für identisch mit der Person, die wir gestern waren. Es erscheint uns so, als ob wir beständig wären. Oder wir verletzen unseren Fuß, und der Geist lässt es so erscheinen, als ob da ein „Ich“ wäre, das sich vom Fuß getrennt erlebt: „ICH habe MEINEN Fuß verletzt“. Unser konzeptueller Geist, der auf unserer Sprache beruht, lässt Dinge in dieser Weise erscheinen.

Wir müssen willens sein, diesen ganzen Prozess aufzugeben, bei dem der Geist die Dinge auf diese Weise erscheinen lässt – unglücklicherweise sind wir mit diesem Vorgang ungemein vertraut – , und wir müssen willens sein, all die Verwirrung, Probleme, Sorgen und so weiter, die durch diesen Erscheinungen-hervorbringenden Geist hervorgebracht werden, ebenfalls aufzugeben. Wenn wir nicht gewillt sind, all das aufzugeben, wie könnten wir dann wohl eine Verwandlung unseres Selbst, eine Transformation unseres Selbstbildes und eine Veränderung all dieser Verhaltensweisen mittels der tantrischen Praxis bewerkstelligen?

Ohne gewillt zu sein, unser gewöhnliches Selbstbild aufzugeben, also das Selbstbild eines soliden „Ich“ mit einer gewissen konkreten Identität, wird unser Pfad eher der Weg zur Schizophrenie sein, als der Weg zur Befreiung, wenn wir uns dann als irgendeine Gottheit erzeugen. Wir würden noch immer diese verrückte, völlig wütende und anhaftende Vorstellung von uns selbst haben. Wir würden dann auf diese Aufgeblasenheit noch: „Ich bin eine Gottheit“ darauf setzen. Wir könnten dann leicht die Verrücktheit ausbilden etwa zu sagen: „Ich bin zornig: Das ist mein zornvoller Aspekt als eine Gottheit“. Oder wir ziehen los und haben Sex mit jeder Person, die wir dafür finden können, weil „Ich diese Gottheit mit einer Gefährtin bin und es eine hohe Tantra-Praxis ist, mit jedem Sex zu haben“. All das stellt eine große Gefahr dar; all das kann passieren, wenn wir uns einfach ins Tantra stürzen, ohne dabei die Grundlage für diese Entschlossenheit geschaffen zu haben, dass wir wirklich frei sein wollen – also ohne die Grundlage dafür geschaffen haben, unserem gewöhnlichen Selbstbild zu entsagen.

Und um diesem Selbstbild zu entsagen, ist es absolut notwendig, ein korrektes Verständnis von Leerheit zu haben, wie können wir sonst eine Verwandlung unserer Vorstellung von uns selbst bewerkstelligen? Ohne ein korrektes Verständnis können wir völlig verrückt werden, indem wir auf eine sehr durchgedrehte Weise denken: „Alles ist nur ein Mandala, und alles um mich herum ist vollkommen, und jeder ist ein Buddha“ und dann nicht Obacht geben, wenn wir die Straße überqueren und von einem Auto angefahren werden.

Zusätzlich ist es absolut unerlässlich, Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta zu entwickeln. Wir machen all diese Praktiken, um anderen zu helfen und aus Fürsorge für die Lebewesen. Bodhicitta bewegt uns wirklich dazu, all dies als eine Methode anzuwenden, um mit der Welt und anderen besser umgehen zu können. Ohne Bodhicitta ist es sehr leicht möglich, in einem buddhistischen Disneyland zu landen, also vom Weg abzukommen und in irgendeinem durchgeknallten Fantasieland zu stranden.

Führen wir die Tantra-Praxis aus, stellen wir uns vor, dass wir all diese Arme und Beine haben und von fünffarbigem Licht usw. umgeben sind. Jedes dieser Dinge ist ein Symbol für unterschiedliche Tiefen von Verständnis, ein Symbol für verschiedene Eigenschaften wie Liebe, Mitgefühl, die fünf Arten des tiefen Gewahrseins und so weiter. Indem wir uns diese Eigenschaften in bildlicher Form, beispielsweise mithilfe von vielfältigen Armen und Beinen vorstellen, so hilft uns das dabei, diese Eigenschaften gleichzeitig in unserem Geist hervorzubringen. Deshalb ist Tantra eine sehr fortgeschrittene Praxis und erfordert unglaublich viel Vorbereitung, um überhaupt in der Lage zu sein, die Übungen richtig auszuführen.

Warum wir vorbereitende Praktiken benötigten

Wenn wir über andere Formen von vorbereitenden Übungen sprechen, wie beispielsweise die die Niederwerfungspraxis und die vielfache Wiederholung des Hundert-Silben-Mantras von Vajrasattva, so handelt es sich dabei um zusätzliche Übungen zu dem, was wir eben besprochen haben. Sie helfen uns das positive Potenzial aufzubauen, um in unserer tantrischen Praxis Erfolg zu haben und uns von negativem Potenzial, das uns davon abhalten könnte, zu reinigen. Diese vorbereitenden Praktiken aber nur für sich genommen zu machen, ohne auch diese Faktoren von Liebe, Mitgefühl, Konzentration, Leerheit usw. mit ihnen zusammen verinnerlicht zu haben, wird nicht genügen, um Erfolge zu erzielen. Zum Beispiel könnten wir die hunderttausend Niederwerfungen auch aus irgendeinem wirklich neurotischen Grund als unsere Motivation machen. Es könnte sein, dass wir die Niederwerfung nur machen, um unserem Lehrer zu gefallen. Es könnte sein, dass wir sie machen, um in den Klub der „ besonderen Leute“ aufgenommen zu werden, weil wir uns selbst für einen außergewöhnlichen Menschen halten. Es könnte auch sein, dass wir die Niederwerfungen als eine Art von Strafe durchführen, weil wir uns für einen „schlechten“ Menschen halten; oder aufgrund von irgendwelchen derartigen Gründen.

Diese vorbereitenden Praktiken sollten nicht nur auf der Grundlage all dieser verschiedenen Aspekte des Dharma wie beispielsweise Liebe und Mitgefühl durchgeführt werden, sondern sie müssen darauf abzielen, all diese Eigenschaften in uns weiterzuentwickeln. Mit den vorbereitenden Übungen verhält es sich also ähnlich, wie bei der Entwicklung unseres Verständnisses von Leerheit, worüber wir bereits zuvor gesprochen haben. Wir haben dabei festgestellt, dass es dafür notwendig ist, eine Menge positiven Potenzials aufzubauen und einige geistige Blockaden zu bereinigen. Diese vorbereitenden Praktiken wie Niederwerfungen helfen uns, eine Menge positiven Potenzials zu erzeugen, um dadurch dann in der Lage zu sein, all die verschiedenen Aspekte des Dharma miteinander zu verknüpfen. Wenn uns die Eigenschaften fehlen, die wir benötigen, um all diese Aspekte zusammenzubringen, wird die positive Energie aus den vorbereitenden Praktiken für sich allein nicht ausreichend sein.

Die Form wie wir positives Potenzial aufbauen und Hindernisse beseitigen können, kann eine traditionell strukturierte sein, muss es aber nicht sein. Es könnte das Betreuen unserer Kinder sein. Es könnte die Arbeit in einem Krankenhaus sein – alle konstruktiven oder positiven Aktivitäten, die wir wiederholt ausführen, können dazu dienen, positives Potenzial aufzubauen und Hindernisse zu beseitigen. Hier ein traditionelles Beispiel: Buddha hatte einen sehr schwierigen Schüler, der keine großen intellektuellen Fähigkeiten hatte. Als vorbereitende Praxis für diese Person ließ Buddha ihn einige Jahre lang den Tempel fegen, während er dabei rezitierte: „Schmutz ist weg, Schmutz ist weg.“ Das war die vorbereitende Praxis dieser Person. Buddha ließ ihn keine Niederwerfungen machen. Wir sollten daher ein bisschen flexibler sein und verstehen, dass der Prozess des Aufbauens von positivem Potenzial und das Bereinigen von Hindernissen selbst die eigentlich wichtige Sache ist. Die Struktur dieses Prozesses des Aufbauens und Bereinigens kann für jeden Menschen so maßgeschneidert werden, wie es gerade notwendig ist.

Der spirituelle Lehrer und das Nehmen von Gelübden

Andererseits ist es nicht nötig, sich vor Tantra zu fürchten und zu denken: „Ich möchte damit nichts zu tun haben.“ Wir sollten aber damit vorsichtig sein und die Übungen sorgfältig durchführen. Dafür ist die Beziehung zu dem spirituellen Lehrer von großer Bedeutung. Wie wir vorhin schon erwähnten, wirkt es auch andersherum: Wenn wir den Lehrer als eine dieser Gottheiten betrachten – ihn als eine dieser Buddhagestalten sehen – , werden wir befähigt, die Buddhagestalten auch als Menschen zu sehen. Mit anderen Worten: Wir lernen, was es bedeutet, all diese tantrischen Praktiken auch in unser menschliches Alltagsleben zu übertragen. Das ist sehr wichtig. Sonst könnten wir wirklich sehr seltsame und bizarre Vorstellungen darüber entwickeln, was es heißt, uns den ganzen Tag in Gestalt einer Gottheit zu visualisieren.

Eine andere wichtige Angelegenheit beim Tantra ist das Nehmen von bestimmten Gruppen von Gelübden – Laiengelübde, Bodhisattva-Gelübde und, in den beiden höchsten Tantra-Klassen, die Tantra-Gelübde. Wir sollten aber damit vorsichtig sein und es vermeiden, die Gelübde vom Standpunkt aus zu nehmen, dass wir als solides „Ich“ existieren und „ich sollte dies tun und ich sollte das nicht tun.“ Daher ist das Verständnis von Leerheit sehr wichtig dafür, dass wir die Gelübde nicht in einer neurotischen Weise nehmen, damit wir keine Schuldgefühle in Bezug daraufhin mitschleppen, was wir in der Vergangenheit getan haben oder was wir in der Zukunft tun könnten, oder damit wir nicht das Gefühl haben, dass wir die Kontrolle verlieren könnten, weil wir diese Gelübde genommen haben, oder: „Jetzt habe ich die Kontrolle an jemand anderen abgegeben und bin nun Sklave dieses Lehrers geworden.“ Wenn wir in Begrifflichkeiten dieses Kontrollthemas denken, dann entwickeln wir möglicherweise so viel Angst davor, diese Gelübde zu nehmen, dass wir mit Tantra überhaupt nicht in Berührung kommen.

Um all das zu überwinden und fähig zu sein, Gelübde zu nehmen und sie auf eine nicht neurotische Weise einzuhalten, benötigen wir – um es nochmals zu sagen – ein Verständnis von Leerheit. Immer und immer wieder BENÖTIGEN wir Entsagung, Bodhicitta und das Verständnis von Leerheit, um Tantra zu praktizieren. Sind wir gründlich vorbereitet, ist Tantra eine extrem bedeutungsvolle Praxis, da es uns befähigt, alle Aspekte und Eigenschaften in einer Praxis zusammenzubringen. Es ist richtig, wenn wir dabei sehr vorsichtig und sorgfältig vorgehen, und uns nicht unvorbereitet in die Praxis hineinzustürzen. Wir sollten aber auch vermeiden zu denken: „Ich werde nie ausreichend vorbereitet sein und will daher nichts damit zu tun haben.“ Wenn wir uns näher an die tantrischen Übungen herantasten, benötigen wir dafür eine Art von mittlerem Pfad.

Wann reicht unser Verständnis aus?

Wann wissen wir, dass wir ein ausreichendes Verständnis von Leerheit entwickelt haben, und dass wir genug Bodhicitta und genügend Entsagung entwickelt haben, um wirklich mit Tantra anzufangen? Das ist nicht so einfach zu sagen. Vor allem kennen wir uns selbst besser, als irgendjemand anders uns kennt. Zu sagen: „Oh, der Guru weiß schon, wann ich reif bin.“, oder so, heißt, die ganze Situation zu romantisieren. So wird Tantra dann zu einer Methode, bei der wir uns davor drücken, die Verantwortung für unser Leben zu übernehmen; das ist eine sehr unreife Haltung. Natürlich kann eine Besprechung mit dem Lehrer hilfreich sein, wenn wir eine enge Beziehung mit einem spirituellen Lehrer haben. Wir sollten vermeiden, auf eine arrogante Weise zu denken: „Ich muss meinen Lehrer nicht konsultieren.“ Aber nicht alle von uns haben eine enge persönliche Beziehung mit einem Lehrer, sodass es nicht so leicht ist. Ich denke, dass wir in uns hineinschauen und mit uns ehrlich sein sollten und keine Spiele der Selbsttäuschung spielen sollten wie „ich bin so hochstehend“ usw.

Ich denke, dass es am Wichtigsten ist, uns auf uns selbst zu konzentrieren – und ich denke, dass nur wir selbst uns gut beurteilen können – nur wir können beurteilen, wie stark unser Mitgefühl ist, was dann wiederum bestimmt, wie stark unser Bodhicitta ist. Mit anderen Worten: Wie sehr liegen andere Menschen mir wirklich am Herzen? Und wie gut bin ich in der Lage, ihnen zu helfen? Wenn meine Sorge um andere und meine Fähigkeiten, ihnen zu helfen, sehr groß sind, kann das zu großer Entsagung und starkem Bodhicitta führen. „Ich muss alle Ursachen aufgeben, die mich davon abhalten, anderen zu helfen, und ich muss alle guten Eigenschaften entwickeln, um fähig zu sein, ihnen so viel wie möglich zu helfen“.

Der einzige Weg, wie wir überhaupt die Ursachen unserer Einschränkungen auflösen und all unsere guten Eigenschaften entwickeln können, führt über ein richtiges und vollständiges Verständnis von Leerheit. Das Greifen nach einem feststehenden Konzept eines „ICH“ ist kein Weg – „Ich bin so schrecklich, ich kann gar nichts ausrichten, ich habe überhaupt kein Effekt auf andere.“ oder „Ich bin so wunderbar, ich bin ein Geschenk Gottes für die Welt, ich muss nichts mehr dazulernen.“ Vielmehr sollen wir Ursache und Wirkung verstehen.

Verstehen wir Leerheit, respektieren wir natürlicherweise Ursache und Wirkung – d. h. wir respektieren, wie die Eigenschaften zu entwickeln sind, mit deren Hilfe wir andere unterstützen können. Mit dieser wirklich ausgeprägten Entschlusskraft, anderen zu helfen, sind wir auf eine altruistische Art motiviert oder bewegt das zu tun: „Ich muss die Ursachen meines Leidens aufgeben. Ich will das. Es ist nicht so, dass ich das aufgeben ‚sollte‘, aber ich möchte diese Ursachen meiner Leiden wirklich überwinden und muss das tun.“ Und wir erkennen, dass wir Ursache und Wirkung berücksichtigen müssen, um uns in die Lage zu bringen, anderen wirklich helfen zu können. Wir müssen all die Eigenschaften entwickeln, um anderen Lebewesen bestmöglich von Nutzen sein zu können; und das kann nur dadurch geschehen, dass wir einen Prozess von Ursache und Wirkung durchlaufen, der wiederum nur auf der Grundlage von Leerheit wirksam sein kann.

Auf der Grundlage dieser Motivation und dieses Verständnisses müssen wir prüfen, was man eigentlich in der Tantra-Praxis macht, worum es bei den tantrischen Praktiken überhaupt geht? Wir müssen Vertrauen darin entwickeln, dass uns das Tantra die kraftvollsten Methoden bietet, um das loszuwerden, was uns davon abhält, anderen zu helfen, und was uns davon abhält, die Eigenschaften zu entwickeln, mit denen wir anderen so viel wie möglich helfen können. Mit anderen Worten: Wir benötigen das Vertrauen, dass Tantra zu praktizieren der wirkungsvollste Weg ist, um das Ziel der Erleuchtung zu erlangen und um das Ziel zu erlangen, anderen bestmöglich zu helfen.

Haben wir die richtige Motivation und etwas Verständnis von Leerheit entwickelt, sowie eine Wertschätzung und ein Verständnis für den Ablauf tantrischer Praktiken erlangt, so dass wir ein gewisses Vertrauen darin haben und eine gewisse Vorstellung davon haben, was wir bei dieser Übung eigentlich machen, dann sind wir reif dafür, uns auf die Praxis des Tantra einzulassen. Dann werden wir auf eine sehr positive, konstruktive Weise wirklich in die Praxis hineingezogen und werden in der Lage sein, die Übungen auf eine konstruktive und positive Weise zu nutzen.

Zusammenfassung

Ich denke, kurz gesagt, dass wir am besten selbst beurteilen können, wie ernsthaft unser Wunsch ist, anderen zu helfen, oder sind das nur leere Worte? Wenn wir Tantra praktizieren, bevor wir wirklich reif dafür sind, dann gibt es eine erschreckende große Anzahl an Gefahren, die auf uns lauern. Es kann uns psychologische äußerst durcheinander bringen, wenn wir aus irgendwelchen neurotischen Gründen lediglich einige sinnentleerte Rituale praktizieren. Eine solch unkorrekt ausgeübte Praxis, kann leicht dazu führen, dass wir uns in Verbindung mit befremdlichen Phantasien, Arroganz usw. entweder enorm aufplustern, oder dass wir andererseits enorm enttäuscht sind, weil die Ritualpraxis uns nicht wirklich etwas bringt. Wenn wir lediglich das Versprechen einhalten, jeden Tag eine bestimmte Ritual-Praxis durchzuführen und desillusioniert werden, weil wir nicht wissen, wie wir die Praxis in unsere Leben integrieren können, dann wird unsere tägliche Praxis zu einem lückenlosen Leidensweg, da wir fühlen, dass die Ritualpraxis unsere Verpflichtung ist, unsere heilige Pflicht, unsere Schuldigkeit: „Ich muss die Praxis machen.“ So werden wir der Praxis gegenüber schon bald Groll empfinden, und wir werden die Durchführung der Praxis dann als sehr unangenehm empfinden. Wenn wir gründlich vorbereitet sind und dem Tantra gegenüber die richtige Einstellung haben, dann werden die tantrischen Praktiken äußerst nutzbringend sein. Das erfordert wirklich, dass wir alle Aspekte des Dharma in der Praxis zusammenbringen.

Wir sollten auch im Gedächtnis behalten, dass unsere Praxis sich entwickeln wird, wenn wir uns der Tantra-Praxis widmen. Wir müssen es vermeiden, eine starre Umgrenzungslinie um die Praxis zu ziehen und zu denken, dass unsere Praxis tagein und tagaus die gleiche einfältige Angelegenheit sei: „Ich rezitiere dieses Ritual und ich könnte es rückwärts rezitieren.“ Die Praxis entwickelt sich nach und nach. Es handelt sich bei der Praxis vielmehr um einen graduellen Entwicklungsprozess, als um die gleiche langweilige Aufgabe, bei der wir einen Text bis in alle Ewigkeit rezitieren. Auch wenn Ethik, Entsagung, Bodhicitta, Konzentration und das Verständnis von Leerheit etwas sind, das wir für immer beibehalten möchten, wird der Grad unserer Verwirklichung sich dadurch entwickeln, dass wir die Ritual-Praxis dafür nutzen, alle positiven Eigenschaften in der Praxis zusammenzubringen.

Bedenken Sie aber immer, dass es ebenso, wie es in Samsara immer auf und ab geht, so auch in unserer tantrischen Praxis auf und ab gehen wird. Unsere Praxis wird sich nie linear entwickeln und von Tag zu Tag immer besser werden. Wir brauchen Geduld und Durchhaltevermögen.

Haben Sie Fragen?

Initiationen

Teilnehmer: [übersetzt] Im Westen geschieht es häufig, dass man Initiationen nimmt und dann Rituale ohne dieses Verständnis auszuführen hat. Die Fakten, die man braucht, um dieses Verständnis zu entwickeln, werden einem nicht vor dem Nehmen der Initiation erklärt.

Alex: Ja, traurigerweise passiert das nur allzu oft. Sehen Sie, eines der Probleme ist, dass all diese Initiationen gegeben werden und wir als Westler sie so annehmen: „Jetzt muss ich dies tun, und ich muss das tun.“ Ein Tibeter geht nicht so heran. Die Haltung der meisten durchschnittlichen Tibeter ist: „Ich nehme teil, um Samen und Instinkte in meinem Geistesstrom für künftige Leben zu pflanzen“, wenn diese Initiationen gegeben werden. Die meisten haben nicht vor, in diesem Leben Tantra zu praktizieren.

Bedenken Sie, dass ich von durchschnittlichen tibetischen Laien spreche. Sie bringen ihre Babys und sogar ihre Hunde zu Initiationen. Sie nehmen an, dass jeder – Babys und Hunde eingeschlossen – durch Teilnahme an der Initiation Samen für künftige Leben in seinen Geistesstrom eingepflanzt bekommt. So betrachten die Tibeter das. Wir Westler aber denken nicht wirklich auf diese Weise. Wir gehen zu Initiationen, und auch wenn wir keine Vorstellung davon haben, was bei der Zeremonie vor sich geht, und wir uns in Bezug auf den Vorgang während der Initiation völlig unklar sind, sagen wir nachher: „Oh, mein Gott! Ich habe diese Verpflichtung übernommen, und nun MUSS ich dies tun, und wenn ich dies nicht mache, werde ich in die Vajra-Hölle kommen!!!“

Das ist ein ziemliches Missverständnis von Leerheit und abhängigem Entstehen. Dinge geschehen nicht einseitig. Eine Initiation zu erhalten, hängt von beiden Seiten ab, also davon, was die Person tut, die die Initiation gibt, und was die Person tut, die die Initiation erhält. Um eine Initiation tatsächlich zu erhalten, müssen wir zum Beispiel die Gelübde sehr bewusst nehmen, mit völligem Gewahrsein, was wir tun. Wenn wir das nicht tun, unterscheiden wir uns nicht vom Hund, der bei der Initiation anwesend ist.

Die interessante Frage ist, ob der Hund Dharma-Instinkte eingepflanzt bekommt, wenn er anwesend ist oder nicht. Aus der klassischen Literatur ist zu ersehen, dass es offenbar für den Hund so zu sein scheint, da der Hund erlebt, bei der Initiation anwesend zu sein. Es wird daher eine Art von Eindruck in seinem Geistesstrom eingeprägt, auch wenn dieser Eindruck vielleicht ziemlich schwach sein könnte. Auch wir könnten dabei sein und einen bestimmten Eindruck eingeprägt bekommen, einfach indem wir da sind. Im Westen nennen wir dieses Nehmen der Initiation einen „Segen“. Dieser Vorgang bedeutet nicht, dass wir die Initiation wirklich erhalten haben und nun alle Verpflichtungen und Gelübde dadurch gleichfalls erhalten haben. Solang wir die Verpflichtungen und Gelübde nicht sehr bewusst annehmen, haben wir sie nicht genommen.

Es ist nichts falsch daran, eine Initiation auf die Weise zu erhalten, wie sie ein durchschnittlicher Tibeter nehmen würde – als eine Art inspirierendes Ereignis, das einen gewissen Eindruck hinterlässt und das irgendwann in der Zukunft, zu etwas werden kann, das wir brauchen könnten, um uns selbst und anderen zu nützen. Wir müssen vermeiden, anmaßend zu sein und zu denken: „Nun bin ich eine hochstehende Person. Nun bin ich ein richtiger tantrischer Praktizierender.“, wenn unsere Anwesenheit bei einer Initiation nur auf einer oberflächlichen Ebene stattgefunden hat und wir uns nicht wirklich zu irgendetwas verpflichtet haben. Wir müssen bereit sein zu akzeptieren: „Ich bin auf dem Niveau eines Hundes zur Initiation gegangen und das vollkommen in Ordnung so.“

Nichtsdestoweniger kann die Teilnahme an einer Initiation auf dem Niveau eines Hundes trotzdem sehr inspirierend und hilfreich sein – kein Problem. Es ist aber unsere Anmaßung, die uns nicht gewillt macht zu akzeptieren, dass es lediglich diese Ebene des Nutzens ist, die wir auf unserem Niveau durch die Initiation bekommen können. Wir können ganz offensichtlich recht verwirrt werden und denken: „Ich laufe herum und sammle so viele Initiationen wie möglich, dann bin ich ein außergewöhnlicher Mensch.“ Das ist ein wenig dumm, oder? Auch wenn wir zwanghaft Initiationen sammeln, weil wir sie inspirierend und hilfreich finden, ist es wichtig, sich nicht als einen großen tantrischen Praktizierenden zu sehen. Bescheidenheit ist bei allen Aspekten der Dharmapraxis immer ein wesentliches Element.

Lassen Sie uns mit dieser Bemerkung schließen. Möge jedwedes positive Potenzial und Verständnis, das durch unsere Erörterung dieser Dinge entstanden ist, gemeinsam als Ursache für das Erreichen der Erleuchtung zum Wohl aller Wesen wirken.