Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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An den Buddhismus realistisch herangehen

Alexander Berzin
München, Deutschland, Juni 1996
[leicht redigierte Abschrift]
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Unterrichtseinheit 2: Sichere Ausrichtung (Zuflucht)

Den Lernwiderstand aufbrechen

Wie wir schon gestern besprochen haben, sollten wir die Bereitschaft entwickeln, anderen zu helfen – d. h. bereit sein, anderen Menschen direkt und ohne uns in eine Abwehrhaltung zu begeben, zu begegnen. Diese Wehrmauern sollten nicht nur gegenüber Menschen aufgegeben werden, sondern auch gegenüber der Haltung, nichts Neues lernen zu wollen. Wir gehen also auch in Bezug auf unsere Bereitschaft, Neues zu lernen, in ähnlicher Weise vor. Auch wenn wir etwas Neues lernen wollen, müssen wir unsere Barrieren einreißen, um uns dafür zu öffnen, das Gehörte auch praktisch umzusetzen, und um uns überhaupt in die Lage zu versetzen, das Gehörte auch persönlich umsetzen zu können. Wir entwickeln also die Bereitschaft, uns neuen Einflüssen zu öffnen, anstatt mithilfe unserer Intellektualität eine Mauer oder eine Art Zaun aufzubauen. Mit anderen Worten: Wenn es uns möglich wäre, dass wir eine Mauer errichten, um unser scheinbar festes und solides „Ich“ in uns zu schützen und zu denken: „Ich werde den Themen lediglich im Sinne einer intellektuellen Übung zuhören, um etwas Ausgefallenes oder Interessantes zu hören. Wenn mich nämlich etwas zutiefst berührt, ist das ein wenig zu bedrohlich. Daher errichte ich lieber eine Mauer.“ Wir sollten auch solche Mauern niederreißen.

Wir versuchen auf diese Weise dem Lernen gegenüber offen zu sein und eine Art von Selbst-Transformation zu bewerkstelligen, sodass wir dann anderen, denen wir auf einer persönlichen Ebene begegnen, helfen können. So wie wir es schon gestern dargestellt haben, können wir dieses Herzgefühl für andere Lebewesen dann entwickeln, wenn wir beim Umherschauen anderer Menschen gewahr werden, nämlich dann, wenn wir anderer Menschen in diesem Raum gewahr werden. Wir können auch dadurch ein Herzgefühl entwickeln, dass wir die Abbildungen von Buddhas an den Wänden betrachten und dann versuchen, die Motivation zu empfinden, dass wir auf einer tieferen Ebene für einen solchen Transformationsprozess bereit sind – bei dem wir sowohl uns selbst, wie auch unsere Beziehungen zu anderen Menschen transformieren.

Lassen Sie uns das Hervorbringen einer solchen Motivation für einen Augenblick üben. Machen Sie das bitte mit der Absicht, aufmerksam und konzentriert zu sein. Es soll nicht so sein, dass wir nur einfach dasitzen wollen und unser Geist überall herumwandert.

(Pause)

Wenn man die buddhistische „Praxis“ als eine Art Schutzmauer verwendet

Was wir grundlegend tun, wenn wir uns dem Buddhismus annähern, ist, dass wir uns zu mindestens zu einem gewissen Grad versuchen selbst zu ändern. Selbst-Transformation ist etwas, das beängstigend sein kann. Wir haben gestern ein wenig über Ängste gesprochen. Um zu vermeiden, dass wir uns selbst verändern müssen, errichten wir Wehrmauern. Mit dieser aufgestellten Schutzmauer nähern wir uns dann dem Buddhismus als einer Art von Zeitvertreib, einem Sport oder als eine Art von Hobby. Wir betrachten die buddhistische Praxis als etwas, dass wenig Bezug zu unserem Leben hat.

Es ist sehr interessant, wenn wir Menschen, die seit einiger Zeit mit Buddhismus befasst sind, fragen: „Was praktizierst du?“ und sie oft antworten, dass es ihre Praxis sei, jeden Tag irgendwelche Rituale auszuführen, die sie deshalb ausführen, weil sie eine tantrische Initiation genommen haben. Sie müssen jeden Tag einen Text rezitieren und das ist dann ihre Praxis. Vielleicht betrachten sie es auch auf christliche Weise: „Ich muss meine Gebete jeden Tag verrichten“. Und in der Tat, manche Menschen nennen diese Ritualtexte ihre „Gebete“. Da wir dieses Wochenende die Metapher des Malens eines Gemäldes benützt haben, können wir hier noch dem Teil des Gemäldes einige Pinselstriche hinzufügen, der sich mit der Bedeutung des „Sollte“ befasst. „Ich sollte meine Gebete rezitieren, weil ich ein guter Mensch sein möchte, und weil ich versprochen habe, die Gebete zu rezitieren, usw. …“ So entwickelt sich in uns die Vorstellung von einem Gott und dem Guru.

Jetzt beginnen wir mit, etliche kleine Pinselstriche in vielen Bereichen des Gemäldes aufzutragen. Auch wenn wir keinerlei solcher tantrischen Rituale durchführen, so üben wir vielleicht doch bei der Niederwerfungspraxis oder bei irgendwelchen anderen Praktiken auf eben diese Weise. Wie ich sagte, ist es sehr einfach, solche Übungen einfach als eine Art Sport zu betreiben, als etwas, das von unserer inneren Realität ziemlich weit entfernt ist. Mit anderen Worten: Wir sagen von uns, dass wir unsere „Praxis“ entweder als Pflicht ausüben – „etwas das ich tun sollte, da ich versprochen habe, die Praxis zu machen“ – oder als eine Art von Sport, der in unser Alltagsleben nicht wirklich eingebunden ist – „das ist mein Alltag und dies ist meine Praxis!“

Es ist ein großer Fehler, sich dem Buddhismus in dieser Weise zu nähern. Viele Leute sind befassen sich seit vielen, vielen Jahren mit dem Buddhismus lediglich auf diesem Niveau und haben durch diese falsche Sichtweise nur einen minimalen Gewinn aus buddhistischer Praxis gezogen. Natürlich kann man auch auf diese Weise von Buddhismus profitieren, das möchte ich nicht leugnen. Aber der Nutzen buddhistischer Praxis ist er nicht so groß wie er sein könnte. Wenn wir oder jemand anders – gewöhnlich ist es jemand anders – sagt: „Meine Praxis ist Mitgefühl, Leerheit, Vergänglichkeit und so weiter“ reagieren einige Leute ziemlich befremdlich. Wenn wir selbst Rituale als unsere Praxis ausführen, und jemand anders berichtet uns davon, dass seiner Praxis mit Gefühl, Leerheit oder Vergänglichkeit sei, könnten wir denken, dass dieser Mensch wirklich anmaßend und sehr überheblich sei, uns gewissermaßen niedermacht und dafür kritisiert, dass wir täglich eine Ritualpraxis durchführen. Irgendwie empfinden wir das beinahe als etwas Bedrohliches.

Nochmals: Diese Haltung ist das auf eine falsche Vorstellung von einem soliden ICH zurückzuführen, das innerhalb dieser Schutzmauern besteht und all diese verschiedenen Ritualformeln rezitiert, geradeso als müssten die Mauern verstärkt werden. Wir machen das so – in unseren Mauern wohnend – um uns selbst und unser Leben nicht betrachten zu müssen. Wir sind sehr, sehr mit Ritualen beschäftigt, um nicht wirklich mit anderen Menschen oder mit uns selbst zu tun haben zu müssen. Sie kennen bestimmt Menschen, die bereits in den ersten Minuten des Erwachens am Morgen das Radio oder eine andere Art von Musik anstellen müssen und es den ganzen Tag über spielen lassen, oder die sogar den Fernseher den ganzen Tag im Haus laufen lassen. Viele Leute laufen heutzutage den ganzen Tag mit Kopfhörern herum, wobei ein Walkman ihre Ohren mit Musik zudröhnt. Auch wenn es diesem Menschen nicht bewusst ist, so ist das Ergebnis dieser Lebensweise doch, dass sie nie wirklich selber über sich und ihr Leben nachdenken oder mit sich allein sein müssen. Es ist eine verdrehte Art und Weise mit Einsamkeit umzugehen, aber wir wissen als Menschen mit westlichem Lebensstil trotzdem was es heißt. Tatsächlich lenken uns solche Gewohnheiten davon ab, jemals wirklich einen ernsthaften Blick auf unseren Geist und unser Leben zu werfen.

Es ist ziemlich einfach, derselben Art von Verhaltensmuster auch in unserer buddhistischen Praxis zu folgen. Wir führen ein Ritual durch oder murmeln den ganzen Tag ein Mantra vor uns hin; das ist dann dem ganztägigen Hören von Musik sehr ähnlich. In dieser Weise Rituale durchzuführen oder Mantren zu rezitieren oder chanten, berührt nicht wirklich das Tiefste in uns. Mit anderen Worten: Wir benützen die Praxis als eine Art von alternativer Schutzmauer. Es handelt sich dabei dann lediglich um eine weitere Schicht einer großen Schutzmauer um uns herum. Sogar wenn wir unsere Praxis auf einem ziemlich anspruchsvollen Niveau üben – sagen wir mal, dass wir den ganzen Tag alle Arten von Vorstellungen von Mandalas, Gottheiten und Sonstigem visualisieren – ist es sehr leicht, diese Art von Visualisierung als eine weitere Art von Schutzmauer benutzen, um sich nicht wirklich auf das Leben einzulassen. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, eine Grundstruktur unserer Praxis zu haben, die nicht irgendeine Art von Extrading außerhalb unseres Lebens darstellt, das wir dann eine Stunde lang, oder wie lang auch immer, jeden Tag üben. Unser Leben sollte unsere Praxis sein.

Die erste edle Wahrheit – wahre Leiden

Um unser Leben zu unserer Praxis zu machen, müssen wir zur Grundstruktur der Lehren des Buddha zurückkehren, das heißt zu den vier edlen Wahrheiten, beziehungsweise zu den vier Tatsachen des Lebens. Es ist wichtig, die vier edlen Wahrheiten wirklich ernst zu nehmen. Die erste dieser Wahrheiten, wie wir sie gestern Nacht formuliert haben, ist, dass „das Leben schwierig ist“. Du kannst sagen: „Alles ist Leiden“, aber das ist eine sehr ungemütliche Art, diese Wahrheit zu formulieren. Es ist zutreffender zu sagen: „Das Leben ist schwierig“.

Der Punkt ist, dass es notwendig ist, dieser Tatsache ins Auge zu sehen und zu akzeptieren, dass das Leben schwierig ist. Manchmal befinden wir uns in einem Zustand, in dem wir diese Tatsache leugnen. Oder wir sagen uns mithilfe von theoretischen Worten, wobei wir uns hinter unseren Schutzmauern verkriechen: „Ja, richtig, da gibt es all dieses Leiden“, wenden diese Tatsache dann aber nicht auf uns selbst an, und erkennen nicht, dass dieser Tatsache auch für unser eigenes Leben gilt. Wir sind zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, unser Glück zu finden. Wir werden diese gesamte Thematik des Glücks, wie auch die Frage, ob es in Ordnung ist, als buddhistisch Praktizierender glücklich zu sein, etwas später am heutigen Tag oder aber morgen besprechen. Das Thema Glück stellt für westliche Praktizierende einen anderen empfindlichen Punkt dar, und ist eine Thematik, mit der wir ziemlich viele Schwierigkeiten haben, uns im Einklang zu befinden. Lassen wir das Thema aber noch für den Moment beiseite.

Viele Menschen, insbesondere Frauen, befinden sich in schwierigen Lebenslagen, müssen sich zum Beispiel um ihre Kinder kümmern, um den Haushalt und müssen zusätzlich noch arbeiten. Das Thema ist aber nicht nur auf Frauen beschränkt. Manchmal haben die Frauen zudem noch große Schwierigkeiten mit ihrem Ehemann oder Lebensgefährten, da er entweder nicht im Haushalt mithilft oder die Schwierigkeiten, die die Situation für die Frau mit sich bringt, nicht versteht. Häufig findet der Mann es ziemlich schwer sich auf die Situation der Frau einzulassen, da es eine typisch männliche Art zu antworten ist zu sagen: „Sag‘ mir, wo liegt das Problem?“ und dann will er es reparieren wie eine gebrochene Rohrleitung. Das ist nicht wirklich das, was Frauen in dieser Situation erwarten. Häufig sehen sich die Frau lediglich nach einer Anerkennung der Schwierigkeiten und ein wenig empathischen Zuspruch, nicht in der Art von: „Oh, du armes Ding“, sondern Empathie in Form von emotionaler Unterstützung und Einfühlung. Das ist die wahre Praxis der Großzügigkeit, die Praxis des ersten Paramita, bzw. der ersten weitreichenden Geisteshaltung.

Ein anderer Punkt, der hier wirklich von Bedeutung ist, stammt vom indischen Meister Shantideva, der sagte – ich formuliere seine Aussage hier um: „Du kannst dich gar keine Angelegenheit wirklich auf gewöhnliche Wesen verlassen, da sie kindisch und unreif sind, und weil sie dich immer in Stich lassen werden.“ Danke, Shantideva. Das gilt in Bezug auf viele Haushalte, da der Ehemann die Ehefrau oft nicht wirklich die Unterstützung gibt, die sie sich wünscht. Dieser Punkt ist für unsere Erörterung der ersten edlen Wahrheit hier wichtig, da die Situation einer Frau, die ein Heim und Kinder zu versorgen hat, nur ein Beispiel für die Aussage „das Leben ist schwierig“ darstellt. Auch für Männer ist das Leben schwierig: Männer spüren die Last der Verantwortung, unternehmen alles möglich, um die finanzielle Sicherheit für die Familie zu gewährleisten und jedes Familienmitglied und alles, was zum Haushalt gehört, irgendwie zu beschützen. Das ist auch schwierig.

Wie können wir über die erste edle Wahrheit sprechen, so dass wir uns nicht in einem Zustand des Leugnens befinden? wie können wir über die erste edle Wahrheit im, so dass das Thema wirklich für Bedeutung für uns ist? Ich denke, was wir brauchen ist, dass wir diesen drängenden Wunsch befriedigen können, der sich nach emotionaler Unterstützung und Verständnis in Bezug auf die Tatsache sehnt, dass unser Leben schwierig ist, und dass das Leben ganz allgemein schwer ist.

Sich mit der Bitte um Unterstützung an die drei Juwelen wenden

Die Frage ist, an wen wir uns wenden können, um dieses mitfühlende Verständnis und diese emotionale Unterstützung zu erhalten? Wenn wir uns an gewöhnliche Wesen wenden, so sind sie häufig mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, so das es ist schwer, von ihnen Unterstützung zu erhalten. Das führt uns zum Thema der Zuflucht. Ich mag den Begriff „Zuflucht“ nicht wirklich, da ich ihn für zu passiv halte. Ich denke immer, dass es sich um einen sehr aktiven Vorgang handelt, wenn man in seinem Leben eine sichere und positive Richtung einschlägt. Wenn wir uns an etwas wenden wollen, das uns wirklich in mitfühlender Weise Unterstützung geben kann, dann würden wir uns als Buddhist – innerhalb des Kontexts der Zuflucht – an die drei Juwelen wenden, d.h. an die Buddhas, an die Lehren der Buddhas und an die vollendeten Qualitäten der Buddhas – das heißt an den Dharma – und die Sangha-Gemeinschaft.

Im Westen haben wir begonnen, das Wort Sangha in eine völlig nicht-buddhistische Weise zu verwenden als wäre sie wie eine Kirchengemeinde. Wir verwenden es um die anderen Leute zu bezeichnen die in ein buddhistisches Zentrum gehen. Das ist nicht die ursprüngliche Bedeutung. Nichtsdestoweniger, obwohl die anderen Mitglieder unserer buddhistischen Gemeinschaft keine Objekte der Zuflucht sind, können wir doch ein gewisses Maß an Kameradschaft und Anerkennung innerhalb dieses Kontexts von „Leben ist schwierig“ erfahren – MEIN Leben ist schwierig, nicht nur das Leben im Allgemeinen ist schwierig.

Ebenso ähneln die zweiten, dritten und vierten Wahrheiten der typisch männlichen Vorgehensweisen, Probleme zu lösen: „Wir werden die Ursache herausfinden und dann das Problem lösen / bzw. die Sache reparieren“, so als gelte es eine schadhafte Rohrleitung zu reparieren. Aber es wäre hier besser das Problem mithilfe des eher weiblichen Ansatzes zu lösen, das heißt, dass wir anerkennen, dass das Leben schwierig ist, und dass wir für diese Tatsache emotionale Unterstützung erhalten. Das Leben ist schwierig. Ganz unabhängig davon, ob wir Mann oder Frau sind, wir brauchen eine Kombination von beiden Ansätzen. Wir sollten nicht denken, dass durch das Geschlecht ein ausschließlich richtiger Standpunkt bestimmt wird.

Wie erhalten wir diese emotionale Unterstützung? Sich an andere Mitglieder unserer buddhistischen Gemeinschaft zu wenden, scheint auf einer Ebene eine feine Sache zu sein. Wir müssen dabei allerdings häufig feststellen, dass die Mitglieder unserer Gemeinschaft nicht fürchterlich reif sind, und daher dazu neigen, Urteile zu fällen. Wir neigen dazu, verschlossen zu sein, und uns nicht zu zeigen. In vielen westlichen buddhistischen Gemeinschaften haben die Menschen sehr dicke Schutzmauern um sich herum aufgebaut, da sie annehmen, ein bestimmtes Bild von sich abgeben zu müssen. Sie meinen, dass sie sehr heilig und spirituell fortgeschritten wirken müsste. So kommen wir als Mitglieder einer solchen Gemeinschaft oft zusammen, um eine Vorlesung zu besuchen oder irgendein Ritual gemeinsam zu zelebrieren, oder um miteinander zu meditieren, und dann geht jeder wieder seines Weges. Wir denken dann vielleicht, dass in einer Gruppe zu praktizieren bedeutet, dass wir einfach nur zusammensitzen, einen Vortrag hören, meditieren oder gemeinsam ein Mantra zu rezitieren. Wir haben von der gemeinsamen Praxis eine ähnliche Vorstellung, wie von unserer individuellen, persönlichen Praxis. Tatsächlich liegt der wirkliche Schwerpunkt buddhistische Gruppenpraxis darin, dass man einen freundlichen Umgang miteinander pflegt, dass man einander hilft, dass man verständnisvoll, offenherzig und liebevoll miteinander umgeht. Fokussieren wir uns als Gruppenpraxis auf diese Aspekte, dann können wir im Anbetracht der Tatsache, dass das Leben schwierig ist, etwas emotionale Unterstützung voneinander erfahren. Gleichzeitig können wir erleben, dass wir alle innerhalb der Grenzen dieser Wahrheit an uns arbeiten. Wir sind aber noch gewöhnliche Wesen und manchmal ist es sehr schwer, anderen diese emotionale Unterstützung wirklich anzubieten.

Wenn wir die wirkliche Sangha-Zuflucht betrachten, so bezieht sich diese Sangha-Zuflucht auf die Arya-Wesen, d.h. auf diejenigen Lebewesen, die eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit erlangt haben. Es macht einen ziemlichen Unterschied, Die Sangha-Zuflucht in dieser Weise zu betrachten, nicht wahr? Auch wenn solche Menschen sich noch nicht vom Leiden befreit haben, befinden sie sich auf viel kleineren Egotrips, sodass es ihnen einfacher fällt, uns emotionale Unterstützung zu bieten. Wir sind allerdings nicht von sehr vielen Aryas umgeben, oder?

Dann wenden wir uns vielleicht mit der Bitte an die Buddha-Zuflucht, dass der Buddha uns diese Art von emotionaler Unterstützung gewährt. Wir empfinden dann vielleicht: „der Buddha versteht mich. Der Buddha versteht meine Probleme, die ich im Leben habe.“ Das gibt uns sicherlich einen gewissen Trost. Das erinnert uns vielleicht einen das Christentum, in dem es eine Aussage gibt, die eine ähnliche Funktion hat: „Jesus liebt mich“. Wenn Jesus mich liebt, kann ich nicht so schrecklich sein. Je fester wir wirklich glauben, dass mehr wird Jesus mich lieben, und umso mehr erfahren wir eine gewisse Verstärkung unseres Wertes als menschliche Wesen, die uns dann die Kraft gibt, mit unserem Leben besser umzugehen. Irgendwie reicht die Tatsache nicht aus, dass mein Hund mich liebt!

Wir können diese Art von christlicher Haltung auf den Buddha übertragen. „Buddha liebt mich, Buddha versteht mich.“ Das gibt uns eine Art von Trost und emotionale Unterstützung. Jetzt können wir dem Teil des Gemäldes, der unseren spirituellen Lehrer repräsentiert, einen weiteren Pinselstrich hinzufügen. Ich möchte es hier nochmals erwähnen – ich meine einen echten spirituellen Lehrer, und nicht bloß irgendjemanden. Ich erinnere mich sehr gut an meinen eigenen maßgeblichen Lehrer, Serkong Rinpoche. Eine seiner herausragenden Eigenschaften war es, dass er jeden ernst nahm. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, wie absurd das Ansuchen war, das Leute an ihn richteten – wie es beispielsweise ein wirklich befremdlicher Hippie tat, der von der Straße in den Raum hereinkam und sagte: „Lehre mich die Sechs Yogas von Naropa“ – egal wie merkwürdig diese Person gewesen sein mag, er nahm den Hippie ernst. Er sagte: „Oh, das ist großartig! Du hast wirklich Interesse an dieser wunderbaren Unterweisung, und wenn du dieses Yoga wirklich erlernen möchtest, gut, dann musst du damit beginnen, dich innerlich vorzubereiten.“ Dann würde Serkong Rinpoche solchen Menschen etwas lehren, das ihrem jeweiligen Niveau entspricht. Das ging mit dem Hippie sehr gut. Denn wenn der Lehrer einen Menschen mit seinem Anliegen ernst nimmt, können sie auch damit beginnen, sich selbst ernst zu nehmen.

Wir können erkennen, dass die Aussage „mein Lehrer versteht mich und liebt mich“ gleich der Aussage „der Buddha versteht mich und liebt mich“ wirken kann. Wir haben aber nicht immer einen engen persönlichen Kontakt zu einem Lehrer – das ist also derselbe Fall wie mit einem Buddha. Ebenso sind die Lehrer, mit denen wir Kontakt haben, manchmal nicht genügend qualifiziert. Dennoch würden sie eher einen Lehrer in dieser Weise trachten, da es uns beinahe ein wenig zu theoretisch und entfernt erscheint zu sagen: „Der Buddha versteht mich“ oder „der Buddha liebt mich“.

So müssen wir uns an eine andere Ebene der Zuflucht wenden. Wir können nicht nur beim Buddha, Dharma und Sangha, als eine Art von Inspirationsquelle, eine sichere Ausrichtung für unser Leben finden, die uns dazu veranlasst, auf dem spirituellen Pfad fortzuschreiten. Wir können stattdessen auch Zuflucht in die resultierende Stufe nehmen, die wir selbst durch das Befolgen des Pfades erreichen werden, d.h. wir können in der resultierenden Stufe eine sichere Ausrichtung für unser Leben finden. Das heißt, dass wir uns letztendlich diesen Trost selber geben, und uns selber Empathie dafür geben, dass das Leben schwierig es. Wir können in dieser resultierenden Stufe eine sichere Ausrichtung finden, weil wir aufgrund der Buddhanatur alle das vollständige Potenzial und die alle Fähigkeiten besitzen, den Zustand der Befreiung und Erleuchtung von Buddha, Dharma und Sangha zu erlangen. Wir haben auch das Potenzial, diese Empathie und die emotionale Unterstützung anderen zu schenken, und nicht nur uns selbst. Ich denke, dass das wirklich ein sehr wichtiger Punkt ist. Ich fand das für meine eigene Entwicklung sehr wichtig.

Shantideva sagte – und meine Mutter sagte das auch – „Wenn du möchtest, dass etwas richtig gemacht wird, dann mache es selbst. Wenn du jemand anderen darum bittest, es zu tun, dann wird es nicht so gemacht wie du es gerne hättest.“ Dasselbe stimmt auch in Bezug darauf, sich dieses Verständnis, dieses Zugeständnis und diesen Trost herzuleiten, die wir benötigen, um uns selbst im Angesicht der Tatsache Unterstützung zu geben, dass das Leben schwierig ist. Am Verlässlichsten ist es, uns diese Unterstützung selbst geben, indem wir lernen, uns selbst zu verstehen, indem wir unsere eigene Lebenssituation akzeptieren und indem wir uns in Bezug auf unsere Lebensumstände selbst freundlich und gütig behandeln – und indem wir uns während dieses ganzen Prozesses nicht selbst abwertend beurteilen.

Uns selbst nicht in einer verurteilenden Weise betrachten

Wenn wir uns selbst in einer sehr urteilenden Weise betrachten, dann fügen wir dem Gemälde nur einen weiteren Pinselstrich hinzu, und zwar von der Sorte: „Ich sollte dies tun und ich sollte das tun und ich will gut sein, ich möchte nicht böse sein.“ Haben wir diese Haltung, dann betrachten wir uns Wirklichkeit in einer sehr abwertenden Weise, indem wir uns sagen: „Mein Leben ist schwierig. Das kommt daher, weil ich ein böser Mensch bin. Irgendetwas stimmt mit mir nicht.“ Wenn wir unser eigenes Leben in dieser urteilenden Weise betrachten: „Ich will gut sein. Ich möchte nicht böse sein“, dann urteilen wir uns selbst über unser Leben. „Mein Leben ist schwierig. Ich muss etwas falsch machen. Ich bin böse.“ Statt uns selbst etwas emotionale Unterstützung zu geben, beschimpfen wir uns selbst, und zeigen mit dem urteilenden Finger auf uns. Wenn wir so vorgehen, können wir uns selbst keinerlei Unterstützung geben. Wir werden uns dann nur noch schlechter fühlen.

Wenn wir uns selbst gegenüber Empathie zeigen, bedeutet das allerdings nicht, dass wir uns wie Babys behandeln, und dann überhaupt nichts tun, um zu einer Veränderung unserer Situation beizutragen. Offensichtlich ist es nicht alles, was eine Frau will, wenn sie sich nach Einfühlungsvermögen sehnt und möchte, dass ihr Mann ihre Gefühle versteht. Sie erwartet mehr. Es wäre auch schön, wenn er den Abwasch machen würde! Möglicherweise wünschen wir uns, dass uns jemand den Kopf tätschelt wie einem Hund, aber wir wollen auch echte Hilfe. Dasselbe gilt auch, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst ausrichten. Wir sollten uns selbst gegenüber einerseits verständnisvoll und warmherzig sein, aber dann sollten wir auch die defekte Rohrleitung selbst reparieren, und wir sollten auch etwas unternehmen, um unsere tieferen Bedürfnisse zu befriedigen.

Der ganze Vorgang ist ziemlich komplex. Es handelt sich hier um eine ziemlich delikate Angelegenheit. Ich denke zum Beispiel an Menschen, die keine sehr schöne Kindheit hatten oder an Menschen, die keine sehr verständnisvollen Eltern hatten. Solche Menschen halten oft nach Ersatzeltern Ausschau, wobei es egal ist, ob sie nach einer Mutter oder einem Vater Ausschau halten. Sie begeben sich in Partnerschaften und projizieren unbewusst die Mutter oder den Vater auf die andere Person und fordern, dass die andere Person ihnen die Art von Verständnis gibt, die sie als Kind nicht hatten.

Wie gehen wir mit jemanden um, der ein solches Problem hat? Es handelt sich hier um ziemlich neurotische Beziehungsstrukturen. Wir könnten dem anderen sagen: „Versuche das unbewusste Muster deines Tuns zu sehen, erkenne wie dumm du bist und wie sehr du dir Probleme machst, und höre damit auf!“ Das ist so, als ob ein Hund sein Geschäft auf dem Fußboden verrichtet und sein Herrchen dem Hund dann die Nase in den See oder den Haufen drückt und sagt: „Nun schau mal was du hier für eine Ferkelei angerichtet hast.“ Diese Methode wirkt aber nicht besonders gut. Vielleicht wirkt sie beim Hund, aber bei uns selbst wirkt sie nicht so gut, da es bei uns nur das Gefühl verstärkt, dass wir ein schlechter Mensch sind. Zudem erzeugt diese Methode Schuldgefühle in uns und bringt die Sehnsucht hervor: „Ich möchte ein braves Mädchen sein. Ich möchte ein lieber Bub sein.“ All diese urteilenden Dinge drehen sich um die Vorstellung von einem soliden, festen und beständigen ICH.

Unsere Berechtigung anerkennen

Einer etwas verfeinerteren psychologischen Methode gemäß, ist sehr hilfreich, dieser Person zuzugestehen, dass sie berechtigt war, liebevolle und verständnisvolle Eltern gehabt zu haben. Jeder hat das Recht dazu oder den Anspruch darauf. Und es gilt anzuerkennen, dass es wirklich ein hartes Los war, dass dieser Mensch keine liebevollen und verständnisvollen Eltern gehabt hat. Der Psychologe erkennt diesen Umstand an, so dass der Klient dies selbst auch anerkennen und annehmen kann. Vergleichbar mit dieser Methode, erkennen wir in uns selbst an, dass das Leben schwierig ist und besonders unser Leben schwierig ist, und wir erkennen an, dass wir einen Anspruch darauf haben, glücklich zu sein. Wir sind dazu berechtigt Buddha zu werden, da wir die Buddhanatur besitzen.

Auf der Grundlage dieser Anerkennung geschieht es gewöhnlicher Weise, dass sich unser Bedürfnis danach, in der Vergangenheit liebevolle Eltern gehabt zu haben, verwandelt. Das Bedürfnis wird dadurch befriedigt, dass wir jemand anderem ein guter Elternteil sind. Ich habe durch eigene Erfahrung herausgefunden, dass diese Methode tatsächlich funktioniert. Indem wir anerkennen, dass unser Leben schwierig ist und wir uns durch dieses Anerkennen irgendwie selbst etwas emotionale Unterstützung geben, ist es dann das Heilsamste, wenn wir in dem gesamten Prozess, bei dem wir lernen, mit den Schwierigkeiten unseres Lebens umzugehen, dieses Anerkennen und diese Empathie an andere weiterzugeben. Je mehr wir anderen Menschen diese Anerkennung und das Einfühlungsvermögen in einer ernsthaften Weise geben, umso mehr können wir mit den Schwierigkeiten in unserem eigenen Leben umgehen und werden dann in der Tat feststellen, dass unserer eigenen Schwierigkeiten weit weniger heftig sein werden. Jemand, der eine solche Geisteshaltung entwickeln, unterscheidet sich sehr von einem Sozialarbeiter, der zwanghaft Gutes tun muss, der sich stets nach Außen hinwenden muss, und der versucht, Dinge für andere zu erledigen, jedoch nie sein eigenes Leben betrachtet. Für gewöhnlich ist sein eigenes persönliches Leben ein einziges Chaos. Letztendlich kommt es darauf an, wie wir uns selbst Zuflucht geben.

Lassen Sie uns ein paar Augenblicke lang zugeben und anerkennen, dass es in unserem Leben Schwierigkeiten gibt, und lassen Sie uns versuchen, nicht darüber zu urteilen. Versuchen Sie einfach die Schwierigkeiten anzuerkennen. Sie anzuerkennen, beziehungsweise sich einzugestehen, dass man diese Schwierigkeiten hat, heißt offensichtlich ihnen zu begegnen. Indem wir uns selbst gegenüber zugeben, dass wir diese Schwierigkeiten haben, sind wir in der Lage, ihnen ohne aufgerichtete Schutzmauern zu begegnen. Und zwar ohne irgendeine belanglose Praxis, von der wir sagen würden: „Das ist mein Buddhismus.“ Das heißt auch, dass wir in dieser Weise handeln, ohne uns dabei selbst zu bemitleiden. In gleicher Weise wie eine überforderte Mutter nicht möchte, dass ihr Ehemann damit fortfährt ihr ständig zu sagen: „Oh, du armes Ding, tse tse tse…“ und sie bemitleidet, ebenso wollen wir uns auch nicht selbst ständig bemitleiden.

Diese Art des Anerkennens unser Schwierigkeiten, von der wir hier sprechen, ist etwas sehr Sanftes. Es ist mehr wie „einfach für jemanden da sein“ – wenn wir uns diese befremdliche Art des konzeptionellen Erfassens vorstellen – einfach nur für uns selbst „da sein“. Wenn wir sehr krank sind, wollen wir nicht, dass jemand kommt und uns sagt: „Oh du armes Ding“ und uns so herablassend behandelt. Was uns wirklich hilft, ist ein Mensch, den unsere Krankheit nicht abschreckt und der die Fähigkeit besitzt, einfach nur bei uns zu sitzen, vielleicht unsere Hand zu halten und uns Gesellschaft zu leisten. Obwohl die Konzeptualisierung einer Situation, bei der für uns selber das sind und uns selbst die Hand halten, das völlige Gegenteil des Verständnisses von Leerheit ist, gilt es auf einer emotionalen Ebene doch eben dies zu tun: Für uns selbst da zu sein und unsere eigene Hand zu halten, ohne dabei Angst zu empfinden und ohne irgendwie das Gefühl zu haben, aus unserem Einfühlungsvermögen oder dem Selbstmitleid eine dramatische Show zu machen. Lassen Sie uns versuchen, ein solches Einfühlungsvermögen für uns selbst erzeugen.

(Pause)

Den Dämon füttern

Vielleicht finden wir es ein wenig schwierig diese Praxis in einer abstrakten Weise durchzuführen, so wie wir sie eben beschrieben haben. Dann können wir diese Praxis auch als die Übungen machen, die man als „den Dämon füttern“ bezeichnet. Wir können verschiedene Probleme, die wir haben, als eine Art von Dämon in uns ansehen. Wir können dann versuchen, ein Gespür dafür zu bekommen wie dieser Dämon aussieht und was seine Eigenschaften sind – dieser Dämon möchte gern irgendeine Form von Empathie bekommen. Der Dämon sagt beispielsweise: „Mein Leben ist so schwierig. Ich habe so viele Verantwortungen. Ich muss so Vieles machen. Ich habe nicht genug Zeit. Ich habe nicht genug Energie. Ich komme nicht genügend Unterstützung.“

Zuerst versuchen herauszufinden wie dieser Dämon aussieht. Wenn wir eine Vorstellung davon entwickelt haben wie dieser Dämon aussieht, entsenden wir diesen Dämon aus unserem Inneren und lassen den Dämon vor uns auf einem Kissen Platz nehmen. Dann fragen wir diesen Dämon: „Was willst du?“ Wir können uns dann auf dieses Kissen setzen und die Frage aus der Sicht des Dämons beantworten. Oder wir tun das nur in unserer Vorstellung. Der Dämon wird vielleicht sagen: „Ich will verstanden werden. Ich brauche Unterstützung. Ich sehe nicht danach, dass jemand die Schwierigkeiten versteht, die ich im Leben habe.“ Dann stellen wir, dass wir, von dort aus wo wir sitzen, den Dämon füttern. Wir geben ihm Unterstützung, wir geben ihm Empathie, wir geben dem Dämon urteilsfreie Anerkennung seiner Probleme – wir geben dem Dämon was immer er will.

Indem wir in dieser Weise vorgehen, finden wir möglicherweise, dass diese Methode uns unterstützen weitaus wirkungsvoller ist, als wenn wir nur dazusitzen würden und uns diese Anerkennung abstrakt recht abstrakt geben würden. Den Dämon zu füttern ist auch in dem Sinn sehr hilfreich, dass wir dadurch den Grundstein gelegt haben, auch anderen Menschen dieses Verständnis und diese Heilung geben zu können. Für andere Menschen ein guter Elternteil zu sein, ist es auch für uns selbst ein Heilungsprozess. Es funktioniert auf dieselbe Weise. So wie es für uns selbst Heilung bringt, wenn wir dem Dämon Verständnis entgegenbringen, so ist auch die Unterstützung, die wir anderen geben, einen Prozess der Selbstheilung für uns selbst.

Lassen Sie uns ein paar Momente dem Dämon dieses Verständnis und diese Anerkennung geben – dieses Leben ist auch für den Dämon hart, und genau das ist es, was mich innerlich auffrisst. Durchlauf mit diesem Prozess einmal von Anfang an, indem wir zunächst danach schauen, was wir innerlich benötigen, dann dieses Bedürfnis in der Form eines Dämons nach außen bringen, und schließlich den Dämon mit dem, was er braucht, füttern. Geben Sie dem Dämon, der in Ihnen selbst steckt, was er braucht und was er gerne haben möchte.

(Pause)

Betrachten Sie jetzt einige Menschen in Ihrem Leben und geben Sie ihnen dasselbe Verständnis und dieselbe Einfühlung für die Schwierigkeiten in ihrem Leben. Ganz egal ob sie nun krank oder alt sind oder zu viel Arbeit haben, was auch immer es ist, erkennen Sie das an, gegen sie Empathie dafür und geben Sie ihnen die Unterstützung, die sie benötigten. Das schließt Menschen ein, die emotionale Probleme haben – d.h. des schließt Menschen mit ein, die ständig wütend sind oder jemanden, der immer schrecklich mit anderen Menschen umgeht. Erkennen Sie an, dass auch das Leben dieser Menschen schwierig ist. Gebe den anderen Menschen, die Nahrung, die sie benötigen, genauso wie wir es beim Füttern der Dämonen gemacht habe. Stellen Sie sich vor, dass Sie einen unerschöpflichen Vorrat an den Dingen haben, die die andere Person gerne von uns hätte – in eben der Weise wie wir uns vorstellen, einen unerschöpflichen Vorrat von dem zu haben, was der Dämon gerne haben möchte.

Indem wir einfach einen unerschöpflichen Vorrat dieses Verständnisses und der Akzeptanz durch uns hindurchströmen lassen und zu der anderen Person verströmen, können wir erfahren wie es ist, wenn man in einer nicht aufgewühlten Weise großzügig ist. Wenn uns die Situation aufwühlt, empfinden wir vielleicht: „Oh, ich muss etwas gegen die schwierige Lage tun; ich kann aber nicht wirklich etwas tun, um die Situation zu verbessern. Ich bin machtlos. Ich bin verzweifelt. Ich sehe keinen Ausweg mehr. Wie schrecklich diese ganze Situation doch nur ist...“ Die ganze Situation bringt uns emotional dann sehr durcheinander. Stattdessen lassen wir die Großzügigkeit einfach durch uns hindurchfließen wie einen endlosen Strom erfrischenden Wassers.

Wenn wir uns vorstellen, dass die Großzügigkeit einfach durch uns hindurchfließt, dann ist das in etwa vergleichbar mit der Symbolik der Visualisation, bei dem wir uns Nektar vorstellen, der von den Buddhas ausgehend durch uns hindurchströmt. Es handelt sich dabei um ähnliche Methode, aber auf einem einfacheren Niveau. Wir können diesen Strom von Großzügigkeit so viel wie es uns nötig erscheint aussenden. Es gibt dabei keinerlei Problem damit, dass der Strom austrocknen könnte. Er strömt einfach in einer sehr erfrischenden und aufbauenden Art und Weise durch andere Lebewesen hindurch. Der Strom fließt mühelos; der Strom fließt einfach. Wie bringen wir ihn zum Fließen? Indem wir unsere Schutzmauern fallen lassen! Es gibt nichts zu befürchten und nichts zu verlieren.