Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Annäherung an den Buddhismus > Einführung in den Buddhismus > An den Buddhismus realistisch herangehen > Unterrichtseinheit 1: Die Mauern niederreißen

An den Buddhismus realistisch herangehen

Alexander Berzin
München, Deutschland, Juni 1996
[leicht redigierte Abschrift]
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Unterrichtseinheit 1: Die Mauern niederreißen

Einführung

Ich wurde gebeten an diesem Wochenende über ein Thema zu sprechen, das nicht so leicht zu definieren ist. Man könnte das Thema wie folgt umreißen: „Lernen mit falschen Vorstellungen umzugehen, die man sich in Bezug auf den Buddhismus macht“ oder „Dem Buddhismus mit einer realistischen Haltung begegnen“ oder vielleicht auch „Sich dem Buddhismus in einer pragmatische Weise nähern und ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen“. Ich muss gestehen, dass der Versuch ein wenig schwer war, mir im Kopf zurechtzulegen, worüber ich genau sprechen möchte und was wir an diesem Wochenende tun wollen. Ich könnte über Schwierigkeiten sprechen, mit denen ich aus meiner eigenen Erfahrung im Umgang mit dem Buddhismus zu tun hatte, oder über Schwierigkeiten, die meine Freunde und Bekannten im Umgang mit dem Buddhismus hatten. Aber nichts von dem mag besonders relevant für die Schwierigkeiten sein, die Sie haben könnten. Das ist das Problem, und daher könnte es einerseits hilfreich sein, einfach über allgemeine Schwierigkeiten zu sprechen, die Menschen haben. Es könnte aber auch hilfreich sein, um diesem Kurs Struktur zu geben, dass Sie in diesem Kontext hier ansprechen können, worüber Sie etwas wissen wollen, und zu hören, womit Sie Schwierigkeiten im Umgang mit dem Buddhismus haben.

Nun möchte ich nicht so gern, dass der Kurs in die Richtung geht, technische Fragen über diesen oder jenen Punkt im Buddhismus zu stellen. Ich denke, dass es hilfreicher für jeden Teilnehmer ist, wenn wir über allgemeine Probleme sprechen, die bei vielen Menschen auftreten, wenn sie sich darum bemühen, einen praktischen Zugang zum Dharma zu finden. Dabei kann es sich beispielsweise um die Schwierigkeiten handeln, einen Lehrer zu akzeptieren, oder darum, zu verstehen, warum es notwendig ist, einen Lehrer zu haben, oder aber um die Schwierigkeit, die man in Bezug auf die eigene Beziehung zur tantrischen Praxis hat und so weiter.

Die Art des Vorgehens

Lassen Sie mich nur einen Gedankengang anbieten – wie eine Praline aus einer Probierschachtel – um Ihnen eine Idee davon zu geben, was ich vorhabe. So ist es beispielsweise eine übliche Vorgehensweise, eine jede buddhistische Unterweisung damit zu beginnen, dass wir zunächst unsere Motivation aufbauen oder neu auszurichten. In Wirklichkeit ist das nicht so einfach zu machen. Ich finde das gar nicht so einfach, da wir eine wohlüberlegte Ausgewogenheit zwischen den leise zu uns selbst gesprochenen Worten, und dem, was wir in unserem Herzen und unserem Körper tatsächlich fühlen, finden müssen.

Ich denke, dass es für viele von uns sehr schwer ist, klar zu definieren, was es eigentlich bedeutet, etwas zu empfinden, insbesondere eine Motivation. Ich meine, wir wissen wie es sich anfühlt, wenn wir traurig sind. Aber wenn wir versuchen eine Motivation zu empfinden – dann ist es nicht so einfach zu erkennen, worauf sich das bezieht. Das ist die Art von Thema, von dem ich denke, dass es interessant wäre, sich dieses Wochenende damit zu beschäftigen. Das sind ziemlich knifflige Themen, keine einfachen. Ich denke, dass das ein solches Thema hilfreicher sein könnte, als sich mit der Frage zu befassen: „Wie viele Kennzeichen der Erleuchtung hat ein Buddha?“, und ich Euch dann die Anzahl der Erleuchtungszeichen aufzähle. Es ist wohl besser, sich nicht mit dieser Art von Frage zu beschäftigen. Aber wie ich schon am Anfang sagte, hatte ich eine Menge Schwierigkeiten bei dem bloßen Versuch, solche Themen in eine logische Ordnung zu bringen. Ich mag es gerne, wenn die Dinge ziemlich geordnet sind, und das war in diesem Fall nicht so einfach.

Das wirft eine interessante Frage auf, die, wie ich denke, vielleicht für viele Menschen von Bedeutung sein könnte. Der Punkt ist, dass wir häufig nicht nur eine allgemeine vorgefasste Meinung über etwas haben, wie beispielsweise die Meinung, dass sich alle Themen in eine logische Anordnung bringen lassen müssen, sondern wir wollen auf einer tieferen Ebene die Kontrolle behalten. Wenn wir alles unter Kontrolle haben und alles „in Ordnung“ ist, oder wir zumindest denken, dass wir alles im Griff hätten, dann fühlen wir uns irgendwie sicherer. Wir glauben dann zu wissen, was geschehen wird. Das Leben ist aber nicht so. Wir können die Dinge nicht immer im Griff haben und die Dinge können nicht immer „in Ordnung“ sein. Die andere Seite der Medaille ist, dass wir die Kontrolle gern an jemand anderen abgeben, damit dieser Mensch uns dann leitet oder damit dieser Mensch dann die Situation, in der wir uns befinden, beherrscht. Es handelt sich dabei jedoch um ein und dasselbe Kontrollthema.

Es kann aber niemand – weder wir selbst, noch sonst irgendjemand – die Kontrolle darüber haben, was im Leben geschieht. Was geschieht, wird von Millionen Faktoren beeinflusst, nicht nur von einer Person. Es ist daher nötig, in dem Sinne loszulassen, dass wir dieses starke Greifen nach einem festen und soliden „Ich“ loslassen, das unabhängig von allem anderen existiert und das gerne alles im Griff haben möchte, egal was um uns herum geschieht. Es ist dieses solide „Ich“, das denkt, dass es sich dadurch eine sichere Existenz schafft, wenn es alles im Griff hat. Es ist als ob man denkt: „Wenn ich alles im Griff habe, dann existiere ich. Habe ich keine Kontrolle, existiere ich nicht wirklich“. Folgen wir einem buddhistischen Pfad, ist es auf vielerlei Weisen notwendig, die Idee aufzugeben, dass wir „alles unter Kontrolle“ hätten. Das heißt aber auch, die andere Seite der Medaille aufzugeben, die bedeutet, dass wir diese Kontrolle oder Verantwortung an jemand anderen übergeben, insbesondere dass wir gerne die Verantwortung an einen Guru, an den Lehrer, abgeben wollen, damit dieser dann für uns alles unter Kontrolle hat, und dass der Guru für uns alles regelt. Es handelt sich in beiden Fällen das gleiche Thema. Beide Seiten der Kontrolle müssen überwunden werden.

Ich denke, dass es an diesem Wochenende sehr wichtig sein wird, als menschliche Wesen zueinander sprechen, da wir es mit menschlichen Themen zu tun haben werden. Daher spreche ich zu Ihnen als ein menschliches Wesen zu einem anderen. Ich hoffe, dass ich immer als ein Mensch zu einem anderen menschlichen Wesen spreche und nicht als eine Autorität, die auf einem Podium steht, so als hätte ich alle Antworten.

Ich denke, dass es daher besser ist, wenn sich das Wochenende einfach so entfalten kann, wie es beim Malen eines Gemäldes geschieht. Das ist besser, als wenn wir versuchen, alles im Griff zu haben und versuchen den Kursfortgang in einer logischen Abfolge abzuspulen. Wir setzen eher hier einen kleinen Pinselstrich und da einen kleinen Pinselstrich, als dass wir versuchen, dass Thema in einer sehr geordneten Darstellung zu präsentieren. Ich denke, dass das die sensibelste Art ist, vorzugehen, da sich so viele der Themen, die wir dieses Wochenende besprechen können, überschneiden werden und miteinander verbunden sind.

Motivation

Lassen Sie uns zum ersten Stück Schokolade in unserer Musterschachtel zurückkehren. Ich bin noch nicht fertig damit, es zu kauen, und viele von Ihnen sind auch noch nicht fertig damit, es zu kauen. Es geht um die Frage, wie wir eine Motivation empfinden können. Ich denke – da ich selbst durch diese Phase in meiner eigenen Entwicklung gegangen bin – dass wir denken, diese Gefühle müssten sehr tief greifend sein, damit sie überhaupt existieren könnten. Wenn die Gefühle dramatisch sind, so zählen sie als Gefühle; sind die Gefühle nicht so dramatisch, gelten sie nicht und existieren nicht wirklich. Ich denke, dass diese Haltung ein wenig durch Film und Fernsehen beeinflusst worden ist. Es ist kein interessanter Film, wenn die dargestellten Gefühle nur sehr subtil sind, oder? Die Gefühle im Film müssen dramatisch sein, mit bewegender Musik im Hintergrund!

Manchmal lesen wir einen buddhistischen Text, der lautet: „Unser Mitgefühl muss so bewegend sein, dass alle Haare unseres Körpers sich aufstellen und Tränen in unsere Augen treten“. Ich denke aber, dass es ziemlich schwer sein würde, unsere Leben ständig so zu führen. Wenn wir daran denken, eine Motivation zu entwickeln, bekommen wir manchmal so ein Gefühl wie: „Ich sollte etwas fühlen“ – und das ist ein Thema, zu dem wir an diesem Wochenende ziemlich oft immer wieder zurückkehren werden, zu diesem ganzen Konzept von „ich sollte“. Wir denken, dass „Ich etwas sehr intensiv fühlen sollte. Geschieht das nicht, dann erzeuge ich nicht wirklich eine Motivation.“ Bringen wir aber in unserem Geist eine Motivation hervor, so ist das für gewöhnlich schwerlich ein Aufsehen erregendes Gefühl, zumindest nicht meiner Erfahrung nach. Das Gefühl ist für gewöhnlich subtiler, als dass sich die Haare auf unseren Armen aufstellen. Ich denke, dass so zu Ihnen zu sprechen vielleicht hilfreicher sein würde – nicht vom Podest aus, sondern eher meine eigenen Erfahrungen mit Ihnen zu teilen, wie diese verschiedenen Dinge im Buddhismus angewendet werden und wie ich mit diesen typischen Problemen, die die meisten von uns aus dem Westen haben, umgegangen bin. In dieser Weise wollen wir nun vorgehen.

Wir hören häufig in Unterweisungen, dass wir versuchen sollten, zu anderen so eine Beziehung aufzubauen, als wären die anderen unsere eigene Mutter: „Erkenne jedes Lebewesen als deine Mutter“. Viele Menschen haben aber Schwierigkeiten in der Beziehung zu ihren Müttern, daher können wir diese Idee oder die Vorstellung durch unseren engsten Freund ersetzen. Das kommt daher, weil der Zielpunkt nicht „Mutter“ ist. Der Ausgangspunkt, auf dem die Übung aufbaut, ist irgendein jemand, mit dem wir irgendeine Art von starkem und positivem emotionalen Band haben.

Wenn ich zum Beispiel heute Abend versuche eine positive Motivation hervorzubringen, so versuche ich von jedem der Zuhörer so zu denken, als ob er mein bester Freund wäre. Sind wir mit unserem besten Freund zusammen, unserem engsten Freund, dann sind wir sehr aufrichtig. Wir ziehen nicht irgendeine Art von Show ab oder verstecken uns hinter einer Art von Maske oder Rolle. So ist es doch, nicht wahr? Und sind wir mit unseren engsten Freunden zusammen, empfinden wir aufrichtig etwas für diese Person. Das Gefühl mag nicht immer dramatisch sein, es ist aber ein gewisses Gefühl da.

Beginnen wir damit, solche Unterweisungen anzuwenden wie: „Betrachte jedes Lebewesen als deine Mutter“ in dem Sinn von: „Sieh‘ jeden als deinen engsten Freund an“, dann beginnen wir wirklich damit, irgendeine Form von Motivation aufzubauen.

Wir haben eine aufrichtige Motivation. Wir wollen aufrichtig etwas Hilfreiches für diese Person zu tun. Wir möchten gerne, dass die Zeit, die wir mit dem anderen Menschen verbringen, für sie oder ihn sinnvoll und hilfreich ist – wenn wir nicht gerade jemand sind, der sehr selbstsüchtig ist und der andere Menschen lediglich dazu benutzt, seinen Spaß oder sein Vergnügen zu haben, oder der andere um den eigenen Vorteil willen ausbeutet.

Die Notwendigkeit, die Augen bei der Praxis offen zu halten

Auch wenn ich die verschiedenen buddhistischen Praktiken des Gleichsetzens und des Austausches von selbst und anderen übe, empfinde ich nicht wirklich eine Bewegung des Herzens, wenn ich sie in der Form der Visualisation mit geschlossenen Augen praktiziere. Ja, ich könnte meine Augen schließen und mir meinen engsten Freund vorstellen, aber das ist nicht wirklich dasselbe wie in Beziehung zu Menschen zu stehen, die sich unmittelbar vor mir befinden oder mich jetzt auf Sie hier im Publikum zu beziehen. Ich finde diese Praktiken viel bedeutungsvoller, wenn ich sie mit offenen Augen durchführe und andere Menschen dabei ansehe.

Praktizieren wir allein, ist das natürlich etwas anderes. Wir können Fotos von Menschen ansehen, wenn es uns schwer fällt, uns diese Menschen vorzustellen. Ich denke, dass das ganz in Ordnung ist. Stellen wir uns aber andere Menschen vor, finde ich es heilsamer, individuelle, spezifische Menschen zu visualisieren, statt nur abstrakt „alle fühlende Wesen“. Und ich versuche das mit offenen Augen zu tun, und ich versuche nicht meine Augen vor der Welt um mich herum mit geschlossenen Augen abzuschotten.

Wenn wir uns die Instruktionen ansehen, die die Visualisationen tantrischer Praxis betreffen – zum Beispiel Instruktionen zu Visualisationen der Erzeugungsstufe des Anuttarayoga-Tantra – so finden wir dort den äußerst wichtigen Punkt, dass die Visualisationen mit einer Art mentalem Bewusstsein zu erzeugen sind. Die Visualisationen werden nicht mit Hilfe des Sinnesbewusstseins hervorgebracht. In der Lage zu sein, etwas mit dem Sinnesbewusstsein zu visualisieren, ist etwas, dass nur während der Vollendungsstufe erfolgt.

Die Vollendungsstufe ist sehr fortgeschritten und erfordert, dass die Energie-Winde unserer Sinneszellen wirklich so manipuliert wurden, dass sie die Bilder der Visualisation erzeugen. Das heißt, dass wir die Art und Weise wie wir die Dinge wahrnehmen, auf der Erzeugungsstufe nicht verändern. Vielmehr verändern wir die Art wie wir das, was wir wahrnehmen, begrifflich erfassen oder aufnehmen. Statt das wir das, was wir sehen, in gewöhnlicher Form wahrnehmen, nehmen wir das Wahrgenommene beispielsweise als Gottheiten oder Buddhagestalten wahr.

Ich hoffe, dass Sie eine Vorstellung davon bekommen, dass wir alles, was wir vom Anfang unseres Weges an bis jetzt an gelernt haben, selbst zusammensetzen müssen, um mit dem Dharma auf einer sinnvollen Weise zu arbeiten. Das heißt, wenn wir einen anderen Menschen als eine Gottheit visualisieren, oder in diesem besonderen Beispiel, jedes Lebewesen als unseren engsten Freund oder als unsere eigene Mutter betrachten, verändern wir nicht vordringlich unsere Sinneswahrnehmung der Person. Wenn wir einen anderen Menschen so betrachten, verändern wir nur die Art und Weise, wie wir diese Person konzeptuell erfassen oder in Begriffe kleiden.

Wenn wir jedoch die andere Person sehen und uns die Frage stellen: „Was heißt es, die Person konzeptuell zu erfassen? Was ist eine konzeptuelle Wahrnehmung?“, dann sollten wir uns den Unterweisungen über Lorig, d.h. über die verschiedenen Arten der Wahrnehmung, wenden. Aus diesen Unterweisungen können wir lernen, dass eine konzeptuelle Wahrnehmung eine Wahrnehmung ist, bei der wir das Objekt vor uns – sagen wir ein körperliches Objekt – mit der Vorstellung einer Kategorie vermischen. Nur an die Vorstellung der Kategorie „bester Freund“ zu denken, die wir mit einem geistigen Bild von jemandem vermengen, erzeugt sozusagen nicht so viel Kraft, als wenn wir diese Vorstellung entwickeln, während wir einen Menschen zur gleichen Zeit tatsächlich ansehen.

Daher ist es sehr kraftvoll, wenn wir diese Meditationspraktiken mit geöffneten Augen durchführen und die Menschen wirklich dabei ansehen. Ich kann das nicht genug betonen! Das macht wirklich den ganzen Unterschied in all den verschiedenen Praktiken aus. Es wird in den tibetischen Mahayana-Belehrungen ganz klar gesagt: „Übe die Meditation mit geöffneten Augen“. Viele Menschen versäumen es, diese Anweisung ernst zu nehmen, da diese Anweisung nicht so einfach durchzuführen ist. Für einige Menschen, die für sich selbst allein meditieren, sind geschlossene Augen sehr förderlich. Besonders wenn sie ohnehin schon leicht abzulenken sind, werden andere Menschen, die sich um sie herum befinden, sie leicht aus ihrer Konzentration reißen. Wenn unsere Konzentration aber ein wenig stabiler ist, werden die Praktiken aussagekräftiger, wenn wir sie in unserer Lebenswirklichkeit mithilfe von Menschen aus unserem Lebenskontext üben.

Für das speziellen Fall des Erzeugens einer Motivation bedeutet dies anhand meines eigenen Beispiels hier in diesem Raum: Ich sehe ich Sie direkt vor mir und nehme Sie auf die Art und Weise wahr, dass ich mit Ihnen in der Weise in Beziehung stehe, so als ob Sie mein engster Freund wären. Wenn Sie wirklich mein bester Freund wären – mir fällt jetzt kein schönes Wort außer diesem umgangssprachlichen dafür ein – könnte ich sie nicht bescheißen. Wenn Sie mein bester Freund wären, dann müsste ich mich Ihnen gegenüber einfach aufrichtig verhalten. Dann würde ich ganz natürlicher Weise die Motivation entwickeln, Ihnen nützen zu wollen. Sicherlich können wir auch einige Worte in unserem Geist wiederholen wie: „Ich hoffe wirklich, dass mein Vortrag für Sie sinnvoll und hilfreich sein wird“. Diese Worte zu sagen, macht uns in gewissem Sinne nur ein wenig bewusster für das, was wir bereits dadurch hervorgebracht haben, dass wir die Menschen um uns herum als unsere besten Freunde betrachten.

Wenn ich so vorgehe, erlebe ich nicht, dass sich die Haare auf meinem Arm aufstellen. Das ist wahr. Es ist aber trotzdem etwas entstanden, was die Beziehung zwischen mir und Ihnen vertieft. Ich denke, dass das, was ich hier beschreibe, eine allgemeingültige Vorgehensweise ist, wie wir in irgendeiner Weise ein Gefühl für diese einfachen Dinge erzeugen können, die wir für selbstverständlich halten: „Blah, blah, blah. Ich habe meine Motivation erzeugt“. Für gewöhnlich rezitieren wir das geistlos auf Tibetisch. Für die meisten von uns, haben selbst die Worte, die wir rezitieren, überhaupt keine Bedeutung.

Vielleicht können wir mit diesen Dingen ein bisschen üben. Ich möchte dieses Wochenende nicht allein damit verbringen, dass ich rede. Da wir hier keine riesige Menschenansammlung sind, möchte ich vorschlagen, dass wir uns in einem Kreis angeordnet hinsetzen. Wenn wir in Reihen hintereinander sitzen, neigen wir nur dazu die Misslichkeit zu erleben, dass wir auf das Kissen des Vordermanns oder auf den Hinterkopf der Person vor uns zu starren, was nach einiger Zeit wirklich merkwürdig ist. Wenn wir in einem Kreis zusammensitzen, kann jeder das Gesicht von jedem anderen Kursteilnehmer sehen.

Was wir nun versuchen können ist, unsere Motivation hervorzubringen. Zu sagen „Ich erzeuge jetzt eine Motivation“ klingt so künstlich, nicht wahr? Was wir aber eigentlich machen, wenn wir diese Aussage in andere Worte übersetzen – ich bin ein Übersetzer, daher liebe ich es, Worte zu verändern – ist, in uns „eine Stimmung zu erzeugen“. Und diese Stimmung ist so geartet, dass wir uns fühlen, als seien wir mit unserem besten Freund zusammen. Wie ist es, mit unserem besten Freund zusammen zu sein? Wenn wir mit unserem besten Freund zusammen sind, dann fühlen wir uns ganz entspannt. Wir sind nicht „drauf“, wir sind nicht „auf der Bühne“, wir geben nicht vor, irgendjemand zu sein. Wir spielen nicht irgendeine Art von Rolle, oder würden wir das tun? Es gibt eine sehr lustige Redensart in unseren westlichen Sprachen, die wirklich sehr un-buddhistisch ist, aber wir sagen: „ Wir können ganz wir selbst sein“, was auch immer das heißen mag.

Die Mauern niederreißen

Wenn wir mit unserem besten Freund zusammen sind, müssen wir keine Mauern errichten und müssen uns nicht verteidigen oder schützen. Es ist dann möglich, vollkommen offen aneinander teilzuhaben. Wir können dann mit dieser Person zusammen zu sein, ohne dass wir uns an diese Person klammern. Mit unserem besten Freund erleben wir eine bestimmte Art von Freude, keine dramatische Freude, aber eine bestimmte Freude die vorhanden ist; und wir haben das Gefühl, nicht unbedingt etwas tun zu müssen. Wir haben aber auch den ernsthaften Wunsch, dieser Person von Nutzen zu sein. Wir mögen diese Person auf eine sehr aufrichtige, menschliche Art und Weise.

Was wir zu tun versuchen ist dann, alle Menschen im Raum hier in dieser Weise zu betrachten. Wir vermengen dabei die Vorstellung davon, dass der andere unser bester Freund sei, mit einer visuellen Wahrnehmung. Machen Sie die Übung bitte nicht mit geschlossenen Augen, denn dann besteht die Gefahr, dass in Ihnen kein Gefühl für den anderen Menschen entsteht. Die Augen sollten offen sein, wir sollten die Menschen um uns herum auf eine bestimmte Art wirklich sehen. Das heißt nicht, dass sich unsere visuelle Wahrnehmung auf irgendeine Weise wie auch immer ändern würde. Wir werden durch das Wort „Visualisation“ ganz schrecklich verwirrt, und denken, dass wir unsere visuelle Sinneswahrnehmung auf irgendeine Weise zu ändern haben. Das müssen wir nicht machen. Es ist eine Frage der Wahrnehmung im Allgemeinen. Welche Art von Vorstellung haben wir oder in welcher Stimmung befinden wir uns, wenn wir die andere Person sehen?

Ich denke, dass das man zunächst ein Gefühl der Entspannung und des Beruhigtseins hat. Um uns entspannen zu können, müssen die Mauern, die wir aufgebaut haben, niedergerissen werden bzw. die Maske fallen gelassen werden, oder nicht? Sind die Mauern erst einmal eingerissen, können wir wirklich aufrichtig sein. Lassen Sie uns versuchen, die Mauern einzureißen, wenn wir einander anblicken.

(Pause)

Der Entspannung geben wir mithilfe des Gefühls „Möge ich hilfreich sein“ eine andere Färbung. Dabei handelt es sich um ein Gefühl der Bereitschaft zu helfen. Die Bereitschaft ist dabei die wichtige Komponente. Das Bereitsein zu helfen bedeutet nicht: „Oh, ich muss helfen, was soll ich bloß tun? Ich weiß nicht, was zu tun ist, ich bin inkompetent“, oder so etwas Ähnliches. Statt dieses negativen Trips handelt es sich dabei um ein Gefühl der Bereitschaft zu helfen und um ein Gefühl der Offenheit dafür, gegebenenfalls zu helfen.

(Pause)

Lernen sich zu entspannen

Ich denke, hier haben wir einen Fingerzeig, eine Richtlinie, wie wir in einer aufrichtigen Weise beginnen können, Dinge zu empfinden oder zu fühlen. Diese Orientierungshilfe weist uns zuerst darauf hin, dass wir die Mauern niederzureißen haben. Manchmal fürchten wir uns davor, etwas zu fühlen, weil wir wirklich nicht wissen, was dann geschehen wird – so als ob wir dabei wären, die Kontrolle zu verlieren. Das große stabile „Ich“ innerhalb der Mauern hat Angst die Kontrolle zu verlieren. Wir müssen uns also zunächst entspannen. Das ist essenziell.

Entspannung heißt nicht nur, unsere Muskeln zu entspannen oder unsere Spannung auf der körperlichen Ebene aufzugeben, auch wenn das offensichtlich ein Teil davon ist. Es heißt eher in unserem Geist entspannt zu sein. Eine Entspannung des Geistes entsteht dadurch, dass wir die Unterweisungen über Leerheit oder Leere verstehen – zumindest zu einem bestimmten Grad. Leerheit bedeutet die Abwesenheit einer unmöglichen Weise des Existierens in Bezug auf uns selbst, jedem anderen Lebewesen, wie auch von all dem, was um uns herum geschieht. Nichts und niemand existiert „ solide“, nur aus sich selbst heraus, unabhängig von allen anderen Phänomenen, und abgetrennt von dem, was vor sich geht.

Wenn wir unser Selbst-Bewusstsein, unsere Unsicherheit, unsere Selbst-Besessenheit entspannen können, gibt uns das auf der einfachsten Ebene einen Hinweis darauf, was es bedeuten könnte, einen gewissen Grad eines solchen Verständnisses zu besitzen. Nochmals: Alle Aussagen in den Lehren müssen stets zusammenpassen. Wir können durch diese Aussage über die Leerheit zumindest ein wenig verstehen, auch wenn wir sie nicht gründlich studiert haben, da wir sie zu einem gewissen Ausmaß mit unserem engsten Freund erfahren haben. Wenn wir uns in Lebenssituationen begeben, und wir in dieser Weise unsere Motivation aufbauen, dann wird das funktionieren.

Das heißt, dass wir sehr aufrichtig in Situationen hineingehen und keine Show abziehen. Wir versuchen nicht, uns selbst zu verkaufen, wie wenn wir uns um einen neuen Job bewerben. Wir inszenieren nicht irgendeine Art von Handeln. Wir sind vielmehr vollkommen im Einklang mit allen oder jedem. Dies ist so, weil wir uns mit uns selbst grundlegend im Einklang befinden. Das alles dreht sich natürlich offensichtlich um unser Verständnis, das wir von unserem Selbst haben. Es verbindet mit unserem Verständnis, wie das Selbst existiert – mit anderen Worten, es verbindet uns mit unserem Verständnis der Leerheit. Das Selbst existiert bar jeglicher unmöglicher Art und Weise. Das „Ich“ existiert leer von jeglicher unmöglicher Existenzweise. Das gleiche gilt auch für Sie.

Der Einwand könnte erhoben werden: „Gut, wenn ich all meine Schranken niederreiße, bin ich dann nicht ungeschützt und kann verletzt werden?“ Ich denke nicht, dass das der Fall ist. Verwenden wir ein Beispiel aus den Kampfkünsten: Wir können nicht schnell reagieren, wenn wir verspannt sind und uns jemand angreift. Sind die Barrieren unserer Selbstbefangenheit beiseite geräumt, dann begegnen wir dem gegenüber, was geschieht, vollkommen aufmerksam. Dann ist es möglich, sehr, sehr schnell auf all das, was auch immer passieren mag, zu reagieren.

Nochmals: Es handelt sich hier um den Umgang mit diesem Angstfaktor, nicht wahr? Es ist die Angst, die wir zu überwinden haben, da es die Angst ist, die uns davon abhält, die Barrieren beiseite zu räumen. Wir haben Angst davor: „Wenn ich die Barrieren fallen lasse, dann werde ich verletzt werden“. Das kommt daher, weil wir das Aufrechterhalten der Barrieren an die erste Stelle setzen und dadurch verletzen wir uns tatsächlich selbst. Wir müssen aber diese Tatsache aus persönlicher Erfahrung lernen, und dadurch, dass wir ein Verständnis dieser Vorgänge entwickeln. Das bringt uns zu einem anderen wichtigen Thema, dem Thema „Verständnis “.

Ein Gefühl erzeugen, das auf einem schlussfolgernden Verständnis basiert

Viele Leute sind durch einige der Herangehensweisen, die wir aus dem Buddhismus kennen, sehr abgeschreckt, insbesondere von den Methoden des tibetischen Buddhismus, und innerhalb des tibetischen Buddhismus insbesondere von Methoden des tibetischen Gelugpa-Buddhismus. Ich beziehe mich da auf die Betonung der Logik in der Gelug-Tradition und die Betonung des schlussfolgernden Verständnisses. Es gibt in Bezug auf die Logik nichts zu fürchten, da wir mit dieser Art von Verständnis die ganze Zeit über arbeiten. Verständnis ist nicht notwendigerweise ein intellektueller Vorgang. Wir hören am Morgen den Wecker und begreifen, dass es Zeit ist aufzustehen. Warum ist es Zeit aufzustehen? Es ist Zeit aufzustehen, weil der Wecker geklingelt hat. Es gibt da eine Form der bewussten Beweisführung und auf diese Weise arbeitet auch das Gehirn unbewusst. Die Denkmethode der logischen Beweisführung mithilfe derer man versteht, dass es Zeit ist aufzustehen, ist: „Wenn der Wecker klingelt, ist es Zeit aufzustehen. Der Wecker klingelt. Daher ist es Zeit aufzustehen.“ Wir können das Geschehen in einen solchen Syllogismus kleiden. (Syllogismus lt. Duden: Aus zwei Prämissen gezogener logischer Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere.) Es muss sich bei einem solchen Vorgang nicht um eine schwierige intellektuelle Übung handeln, die wir durchzuführen haben, um das Zeichen oder Signal zum Aufstehen zu verstehen – Zeichen, Anzeichen, Hinweis oder Signal ist genau das Wort, das im Tibetischen benutzt wird – dieses Zeichen, dass es Zeit ist aufzustehen. Dass der Wecker klingelt ist das Zeichen, dem wir vertrauen, um zu verstehen, dass es Zeit ist aufzustehen.

Wenn wir jemanden als unseren besten Freund ansehen, ist das ein ebenso verlässlicher Hinweis, welcher uns ermöglicht zu verstehen, dass es nicht nötig ist, die Barrieren der Abschottung aufrechtzuerhalten. Das kommt daher, weil es nichts gibt, wovor wir uns zu fürchten haben und wir keine Show für diese Person abziehen müssen. Wie wissen wir das? Wir wissen es daher, weil wir ein Hinweis erhalten haben oder ein Anzeichen gesehen, dass die andere Person unser bester Freund ist, und wir haben daraus einen logische Schlussfolgerung gezogen. Der Hinweis oder das Anzeichen ist, dass wir diese Person als unseren besten Freund sehen. So gelangen wir zu einem schlussfolgernden Verständnis. Und wir gelangen zu diesem Verständnis eher durch eine einfache Schlussfolgerung als durch eine Abfolge schwer verständlicher Logik.

In der Lage zu sein, Gefühle hervorzubringen, steht in Beziehung zu einem Verständnis. Viele Menschen sind wirklich verwirrt darüber, wie sie von etwas Intellektuellem zu etwas Gefühltem übergehen sollen. Das ist ein großes Problem, das viele von uns mit einer westlichen Art des Denkens haben, die den Intellekt und das Gefühl zu zwei voneinander getrennten Dingen macht, die fast keinerlei Beziehung zueinander haben.

Um diese Schwierigkeit zu überwinden, müssen wir zunächst erkennen, dass das Fühlen zwei Aspekte hat: Der eine Aspekt ist, dass man etwas als wahr empfindet, mit anderen Worten, man glaubt daran, dass etwas wahr ist. Der andere Aspekt ist, dass man auf Grundlage dieses Glaubens ein emotionales Gefühl empfindet. Etwas zu verstehen, es für wahr zu halten und eine Emotion in Bezug auf das Verstandene zu empfinden, resultieren auseinander. Es handelt sich um eine unmögliche Existenzweise, wenn diese drei Faktoren nicht zueinander in Beziehung stehen.

Wir erlangen beispielsweise ein Verständnis von etwas, indem wir auf irgendein Zeichen oder Hinweis vertrauen. Wir können den Vorgang in einer logischen Form ausdrücken: „Wenn ich mit meinem engsten Freund zusammen bin, muss ich mich nicht verteidigen. Daher muss ich nicht in Verteidigungsstellung sein“. Da dieses Verständnis auf einem logischen Syllogismus basiert, können wir es vielleicht ein intellektuelles Verständnis nennen, aber das trifft es nicht. Der Angelpunkt der auf diesem Verständnis basiert ist, dass wir es für wahr halten, wir hätten es nicht nötig, uns bei dieser Person defensiv zu verhalten. Auf diesem Glauben basierend können wir damit anfangen, die Mauern niederzureißen und uns entspannter fühlen. Werden die Mauern nicht niedergerissen und entspannen wir uns nicht, liegt der Fehler gewöhnlich bei unserem Verständnis und bei unserem Glauben. Natürlich kann es auch andere externe Faktoren geben, die uns beeinflussen, wie eine Anspannung aufgrund von anderer Dinge, die uns im Leben zu dieser Zeit passieren. Ich denke aber, dass sie verstanden haben, was ich meine.

Was wir brauchen, um in der Lage zu sein zu erkennen, ist zu wissen, was es heißt, etwas zu verstehen. Wenn wir erkennen können, was es heißt, etwas zu verstehen, dann ist die Verbindung zwischen dem Gefühl, dass eine Tatsache wahr ist und dem Fühlen einer Emotion, die diese Tatsache glaubt, viel einfacher herzustellen. Lassen Sie uns an ein Beispiel denken. Nun, ein Beispiel ist der klingelnde Wecker. Wir verstehen „intellektuell“ durch einen Prozess der Schlussfolgerung, dass das heißt, es Zeit ist aufzustehen.

Versuchen Sie sich nun darauf zu konzentrieren, wie es sich anfühlt zu verstehen, dass es Zeit ist aufzustehen. Welche Eigenschaften nehmen Sie da wahr?

Teilnehmer: [übersetzt] Er hat es irgendwie verstanden, dass er aufzustehen hat, wenn der Wecker klingelt und er hat erkannt, dass es ihm leichter fällt zur Arbeit zu gehen, wenn er früh genug aufsteht. Sonst würde er zu spät dran sein.

Alex : Richtig, aber gehen Sie nun tiefer. Es geht nicht nur um ein Pflichtgefühl oder so etwas. Das ist sekundär. Auf einer tieferen Ebene müssen wir mit zwei wesentlichen emotionalen Themen arbeiten, die den Glauben daran betreffen, was wir verstanden haben, wenn wir den Wecker klingeln hören. Das erste emotionale Thema ist, dass wir nicht bereit sind anzunehmen, was wir hören, um zu verstehen, dass wir wirklich aufstehen müssen. Das ist das erste wesentliche Thema. Das zweite ist die Entscheidung zu treffen, die Wahrheit anzunehmen und wirklich aus dem Bett aufzustehen. Dann könnte es da auch noch sekundäre Aspekte geben, warum wir diese Entscheidung treffen – treffen wir die Entscheidung aufgrund eines Pflichtgefühls, aufgrund eines Schuldgefühls oder wegen was auch immer? Wir können die Entscheidung aus vielen Gründen treffen. Dann folgt der Punkt den Sie erwähnt haben.

Teilnehmer: [übersetzt] Es ist nicht nur ein Pflichtgefühl, das er fühlt. Nach seiner Erfahrung weiß er, dass er Zeit hat, sich ein paar Minuten zu entspannen, wenn er früh genug aufsteht, und so den Tag beschwingter angehen kann. Daher ist sein Gefühl positiver, wenn er vom Bett aufsteht.

Alex: Dies ist sehr wichtig, da das was hier geschieht auf einem Verständnis basiert. Wir akzeptieren die Logik, dass wir aufstehen müssen, wenn der Wecker läutet und wir die Entscheidung treffen aufzustehen. Wir verstehen, dass es ein bisschen entspannter ist, ruhig aus dem Haus zu kommen, wenn wir aufstehen, als zu rasen, weil wir nur zwei Minuten haben, um alles zusammenzuraffen und hinauszustürmen. Da es gewisse Vorteile gibt ein bisschen früher aufzustehen und wir diese Vorteile verstehen, fühlen wir uns gut damit aufzustehen. Wir empfinden Abneigung, wenn wir an die Nachteile des Aufstehens denken – wir könnten länger in einem warmen, kuscheligen Bett liegen. Und wir fühlen uns gut, wenn wir an die Vorteile denken, die es hat, jetzt aufzustehen.

Sehen wir uns die Struktur der buddhistischen Belehrungen an, so werden für jeden Punkt stets Vorteile angegeben. Da werden die Vorteile beschrieben, die es hat, wenn die Mauern niedergerissen werden, da werden die Vorteile genannt, die es mit sich bringt, wenn wir jedermann als unsere eigene Mutter betrachten. Ferner werden die Vorteile geschildert, die es hat, achtsam zu sein, auch achtsam gegenüber der Vergänglichkeit und so weiter, wie auch die Vorteile, die es hat, ein wertvolles menschliches Leben zu besitzen. So müssen wir auch die Vorteile erkennen, die es hat, dass wir etwas als wahr akzeptieren und auch daran glauben. Noch einmal: Es kommt als erstes darauf an, etwas zu verstehen. Haben wir einmal etwas verstanden, müssen wir aber noch weiter mit dem Thema arbeiten, um dieses Verständnis auch emotional anzunehmen. Die Emotion, die wir empfinden, wird davon gefärbt sein, ob wir die Wahrheit, die wir verstehen, auch annehmen oder nicht, und auch wie wir sie annehmen werden.

Etwas akzeptieren, das wir verstanden haben

Akzeptanz ist tatsächlich eine sehr schwierige Angelegenheit. Wir könnten ein Problem damit haben, zu akzeptieren, dass wir jeden Morgen aufzustehen haben, wie wir am Beispiel mit dem Wecker gesehen haben. Wir kennen diese Problem möglicherweise auch aus anderen Bereichen in unserem Leben, so beispielsweise, wenn wir ein Stück Schokolade essen wollen. Wir sehen uns in unserem Haus um und können dabei keine Schokolade entdecken. Die logische Schlussfolgerung, die wir daraus ziehen ist, dass es keine Schokolade im Haus gibt. Es kann nun ziemlich schwierig sein, diese Tatsache zu akzeptieren.

Es könnte beispielsweise sein, dass wir uns außerhalb der verschlossenen Tür unseres Hauses befinden und in allen Taschen und Beuteln nach unseren Haustürschlüsseln suchen, und denken, dass die Schlüssel in einer dieser Taschen sein sollten. Wenn die Schlüssel sich aber nicht an dem Ort befinden, an dem wir sie suchen, ist das ein gültiges Zeichen für die logische Schlussfolgerung, dass wir unsere Schlüssel verloren haben, oder wie er vergessen haben, die Schlüssel mitzunehmen. Wir sind ausgesperrt. Das ist sehr schwer zu akzeptieren, nicht wahr? Wie besessen suchen wir weiter und weiter nach unseren Schlüsseln. Wir haben hier ziemlich einfache Beispiele gewählt. Sollten wir aber akzeptieren, dass es kein festes „Ich“ gibt, da wir überall gesucht haben und keines gefunden haben – so ist das nicht so leicht zu akzeptieren.

Dieses ganze Thema des Voranschreitens von einem Verständnis, das wir erlangt haben, zu einem tatsächlichen emotionalen Fühlen, ist aufgrund der Art und Weise, wie wir den Vorgang wahrnehmen, sehr schwierig. Wir betrachten ihn als ein Fortschreiten von etwas Intellektuellem zu etwas Emotionalem, und dass diese beiden überhaupt nicht miteinander verbunden sind. Sogar wenn wir diesen Prozess als ein Vorgang betrachten, der sich von einem Verständnis zu einem Gefühl hin entwickelt – wobei ich denke, dass es sich hierbei um eine konstruktivere Betrachtungsweise handelt – ist es, aufgrund des Themas der Akzeptanz dessen, was wir verstanden haben, nicht so einfach diesen Prozess zu verstehen.

Den Mut erlangen, die Mauern niederzureißen

Nun kommen wir zu der Frage, wie wir Akzeptanz erlernen können. Lassen Sie uns zu unserem einfacheren Beispiel zurückgehen. Wie entwickeln Sie die Akzeptanz dafür, dass es notwendig ist die Mauern niederzureißen? Hat irgendjemand dazu eine Idee?

Teilnehmer: Wenn wir es verstanden haben, so ist das hilfreich; dann ist es einfacher zu akzeptieren. Je mehr wir verstehen, dass es hilfreich wäre, umso einfacher ist es zu akzeptieren.

Alex: Gut. Wir akzeptieren, dass es sinnvoll ist, die Mauern niederzureißen, und versuchen, das wirklich zu tun, wenn wir verstanden haben, dass es sinnvoll ist, die Mauern niederzureißen, und wenn ihr die Vorteile, die es mit sich bringt, die Mauern niederzureißen, als wirkliche Vorteile begriffen haben. Noch jemand?

Teilnehmer: Um etwas zu akzeptieren, musst du es erfahren. Also versuchst du es einfach zunächst. Vielleicht springst du ins Wasser und versinkst, aber zunächst musst du den Mut aufbringen, es zu versuchen, diese Erfahrung des Versinkens zu haben.

Alex: Das stimmt. Um die Mauern wirklich niederzureißen, müssen wir ziemlich viel Mut haben. Aber auch wenn wir wissen, dass es möglich ist, die Mauern niederzureißen, erfordert es ein gewisses Maß an Verständnis, um damit zu beginnen. Dieses Verständnis kommt aus der Erfahrung, in unseren Beziehungen so sehr verletzt worden zu sein, weil wir die Mauern nicht niedergerissen haben. Auf dieser Erfahrung basierend, und dann darauf, was uns jemand erzählt hat, und auch darauf, dass wir es bei jemandem erlebt haben, was es bedeutet die Mauern niedergerissen zu haben, entwickeln wir selber den Mut zu versuchen, unseren Schutzwall einzureißen.

Nun können wir einen kleinen Pinselstrich auf den Teil des Bildes setzen, dass ich hier der Guru ist. Denn wir erfahren dadurch Inspiration, dass wir ein lebendiges Beispiel von jemandem erleben, der die Mauern niedergerissen hat, was ein geeigneter Lehrer wäre. Es gibt viele Lehrer, die keine passenden Lehrer sind. Mit einem geeigneten Lehrer würden wir ein lebendes Beispiel von dem sehen, was es heißt, die Mauern niedergerissen zu haben. Ein solches Vorbild zu erleben, gibt uns die Inspiration und den Mut, es selbst zu versuchen.

Lernen, die Mauern niederzureißen bzw. die Maske fallen zu lassen

Teilnehmer: [übersetzt] Als Kind hast du diese Mauern nicht. Aufgrund von schlechten Erfahrungen aber, weil du misshandelt wurdest, baust du diese Mauern auf und deshalb ist diese Angst noch immer da, wenn du aufgefordert wirst diese Mauern niederzureißen. Jetzt aber, da wir Kontakt mit dem Buddhismus bekommen haben, versucht man diese Mauern niederzureißen, aber es ist diese Angst noch immer da, dass der andere die eigene Offenheit missbrauchen könnte.

Alex: Dies ist genau der Punkt, den ich zur Sprache bringen wollte. Wie lernen wir, dass es heilsam ist, die Mauern niederzureißen, bzw. die Maske fallen zu lassen? Wie können wir lernen, ein Gefühl dafür zu bekommen oder ein Gefühl zu erzeugen, dass es hilfreich ist die Maske fallen zu lassen? Wir entwickeln ein Gefühl aus der Tatsache, dass wir eine direkte Erfahrung des Nutzens haben werden, wenn wir das Niederreißen der Mauern erleben. Das ist es, wie wir es erkennen. Die heilsame Wirkung kommt aber nicht immer sofort. Dieser erste Schritt auf dem Weg des Lernens ist also nicht so einfach.

Der zweite Schritt auf dem Weg dies zu lernen ist manchmal, dass wir die Mauern niederreißen, bzw. unsere Masken fallen lassen, und trotzdem verletzt werden. Das kommt auch durch frühere Erfahrungen zustande. Manchmal werden wir verletzt; wir wurden möglicherweise mal übervorteilt. Dann müssen wir versuchen zu verstehen, was falsch lief. Wenn wir verstehen, was falsch gelaufen ist, können wir oftmals noch etwas korrigieren. Dazu müssen wir die Situation analysieren: Bestand das Problem in einer bestimmten Situation darin, dass wir die Mauern niedergerissen haben oder unsere Masken haben fallen lassen? Oder lag das Problem darin, das wir, in Bezug darauf, wie wir uns selbst gesehen haben, in einer unangemessenen Weise mit einer Situation umgegangen sind?

Lassen Sie uns ein Beispiel nehmen: Wir sind mit jemandem zusammen gewesen und die Person wurde im Laufe der Zeit ärgerlich auf uns. Nun hätten wir diese Situation zweifach angehen können, entweder mit aufgerichteten Mauern oder ohne Mauern. Wir können in der Situation entweder denken: „ Ich hatte keine Mauern aufgebaut; dadurch war ich verletzlich, und der andere sagte diese bösen Dinge zu mir; ich fühlte mich dadurch sehr verletzt“. Wir könnten in der Situation aber auch denken: „Gut, wenn ich die Mauern aufrecht gelassen hätte, wäre ich nicht verletzt worden“.

Wir müssen uns darüber sehr klar sein, da die Art und Weise wie wir es eben formuliert haben tatsächlich ziemlich verrückt ist. Wie kann es sein, dass wir nicht verletzt worden wären, wenn wir die Mauern stehen gelassen hätten? Wie hätte eine solche Situation ausgesehen?

In Wirklichkeit wären wir in jedem Fall verletzt worden, ganz unabhängig davon, ob wir die Mauern aufgerichtet gelassenen hätten oder ob er die Barrieren beiseite geräumt hätten. Alles hängt davon ab, wie wir uns selbst wahrnehmen. Wenn jemand ein großes Stück Dreck auf uns wirft und wir einfach nur da stehen, wie diesen Dreck entgegennehmen und wie er im Gesicht getroffen werden, dann ist das so, als ob wir uns selbst auf eine sehr konkrete Weise wahrnehmen. Wenn jemand Dreck auf uns wirft, wir aber sehr beweglich sind, dann bewegen wir uns einfach ein bisschen zur Seite und lassen es nicht zu, dass der Dreck uns im Gesicht trifft. Die wütenden Worte der anderen Person gehen einfach an uns vorbei. Die Person war in einer üblen Stimmung; wir nehmen das nicht persönlich.

Beweglich und innerlich flexibel zu sein und die ärgerlichen Worte nicht persönlich zu nehmen ist, das ist Hier der Schlüssel. Wir lassen nicht zu, dass der andere Mensch uns ins Gesicht schlägt. Wenn wir aber an dieser sehr soliden Betrachtungsweise, die wir uns selbst sehen, festhalten, dann sind wir rigide und starr, und nehmen alles sehr persönlich, denn wenn wir die Mauern niedergerissen haben, sind wir sehr verletzlich und alles trifft uns klatschend ins Gesicht.

Wenn wir aber dieses selbe solide Empfinden von einem ICH haben, das alles sehr persönlich nimmt, dann beschützt uns das auch nicht, wenn wir die Mauern hochgezogen haben. Wir nehmen noch immer alles persönlich. Entweder das oder wir verstecken uns voller Angst und Unsicherheit hinter den Mauern, mit denen wir versuchen uns abzuschotten. Die Verletzung findet dann unbewusst statt, oder wir verwehren uns dagegen, verletzt zu werden, aber innerlich haben wir das Gefühl, dass wir verletzt sind. Wir befinden uns in einem Zustand der Leugnung, aber in Wirklichkeit fühlen wir uns verletzt. Dabei handelt es sich um das solide „Ich“, das sich feige hinter Mauern versteckt. Wir müssen uns also sehr klar darüber sein, was hier vor sich geht. Was ist die Ursache dafür, dass wir verletzt werden? Die Ursache dafür, dass die verletzt werden ist nicht, dass wir die Mauern, hinter denen wir uns verstecken, eingerissen haben. Die Ursache dafür, verletzt zu werden, ist unsere fehlerhafte Wahrnehmung in Bezug auf ein solides „Ich“.

Teilnehmer: [übersetzt] Vielleicht versteht sie das Problem intellektuell, und diese Sache, über die Leerheit des soliden „Ichs“ zu sprechen. Wenn die Situation aber da ist, wenn das Gefühl, verletzt zu sein, vorhanden ist, kann sie das nicht auf das Gefühl anwenden und kann dann dieses Verständnis nicht in ihre Gefühle integrieren. Wenn sie zum Beispiel verletzt wird, könnte sie erkennen: „O.K., da gibt es kein „Ich“, aber sie fühlt sich trotzdem verletzt. So löst sich das Gefühl des Verletztseins trotz ihres Denkens in Begriffen eines nicht vorhandenen Ichs nicht auf.

Alex: Das ist wahr. Es gibt Stufen des Pfades. Schmerz und Leiden und solcherlei Dinge gehen nicht sofort weg. Auch wenn wir die bloße nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit haben, bedeutet das nicht, dass wir am Ende unseres Leidens angelangt sind. Diese bloße Wahrnehmung der Leerheit muss uns allmählich durchdringen. Diese nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit muss über einen langen Zeitraum, mithilfe von viel Erfahrung, einsinken, bevor sie wirklich das Leiden endgültig auslöscht. Es gibt eine tiefe Kluft zwischen einem Arya – jemand, der die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit hat – und einem Arhat – jemand, der für immer vom Leiden befreit ist. Es geht darum, dass wir nicht mehr erwarten sollten als das, was normalerweise ein fortschreiten auf dem Pfad der individuellen Befreiung folgt. Der Pfad beinhaltet verschiedene Stufen; es handelt sich um einen stufenweise fortschreitenden Prozess.

Hier müssen wir uns an die Erste Edle Wahrheit erinnern. Das Leben ist hart! Das ist die Erste Edle Wahrheit. Auch wenn wir die Leerheit verstehen, enden unsere Probleme nicht sofort. Das Leben ist hart! Das Leiden verschwindet nicht einfach sofort. Beim Pfad, der vom Leiden wegführt, handelt es sich um einen langwierigen stufenweise voranschreiten Prozess. Am Anfang würden wir uns also immer noch verletzt fühlen. Der Unterschied bestünde aber darin, dass wir uns nicht an dieses Gefühl klammern würden. Wenn wir uns nicht mehr an die Verletzung klammern würden, dann würde die Verletzung viel schneller vorbeigehen. Das ist der wahrnehmbare Unterschied. Wir sollten dann auch mit einem geringfügigen Ergebnis glücklich sein und die Wirkung wird vielleicht durch weitere Vertrautheit besser. Wir sollten dadurch nicht allzu sehr entmutigen lassen; vielmehr sollten wir uns dadurch ermutigt fühlen.

„Nein“- sagen

Da gibt es einen anderen Punkt, den ich erwähnen möchte, der das Herunterlassen unserer Barrikaden betrifft. Die Erfahrung, die viele Menschen machen, wenn sie die Mauern niedergerissen haben, ist, dass sie dann glauben, sie müssten immer „ja“ sagen und dass sie nicht „nein“ sagen könnten. Anstatt dass sie sich direkt von anderem Personen verletzen lassen, kümmern sie sich nun unabsichtlich nicht mehr um ihre eigenen Bedürfnisse, weil sie nie „nein“ sagen. In dieser Weise erleiden sie indirekt Verletzungen. Kennen Sie solche Menschen?

In so einer Situation müssen wir versuchen zu erkennen, dass es nicht dem Errichten einer Mauer gleicht, wenn wir „nein“ sagen und auf unsere eigenen Bedürfnisse achten. Natürlich könnten wir in so einer Situation unsere Mauern wieder errichten, es muss aber nicht notwendigerweise bedeuten, dass wir die Mauern wieder aufgebaut haben. Wir können noch immer völlig offen sein, völlig aufnahmefähig und einfach nur antworten: „Es tut mir leid, aber ich kann das nicht tun.“ oder „Ich muss mich jetzt ausruhen“ und dabei völlig offen bleiben. Haben wir aber diese Idee eines soliden „ Ichs“, dann manifestiert sich dieses beispielsweise so: „Ich Armer, ich werde ausgenutzt“, und wir werden dann sehr ärgerlich. Oder wir denken: „Wenn ich je „nein“ sage, dann wird „mich“ die andere Person ablehnen, daher ist es besser wenn ich meinen Mund halte“. Und dann richten wir unsere Feindseligkeit, Schuld und Wut nach Innen auf dieses „Ich“. Bei dem, worüber wir hier sprechen, dreht sich alles um die Vorstellung eines soliden „Ichs“. Bei dieser Vorstellung von einem soliden „ Ich“ handelt es sich um eine fehlerhafte Wahrnehmung, und diese fehlerhafte Wahrnehmung eines festen „Ichs“ ist das, was wir aufzugeben haben.

Auf andere reagieren, die ihre Mauern aufgerichtet haben

Teilnehmer: Ich sehe etwas anderes in meinem Leben, das immer wieder zum Vorschein kommt. Ich habe Erwartungen wie: „Wenn ich schon meine Mauern entfernt habe, dann sollten auch die anderen Leute ihre Mauern entfernt haben. Es gibt nichts zu befürchten, warum reißen sie die Mauern dann nicht nieder?“ Wenn sie die Mauern aufgerichtet haben, werde ich sehr wütend.

Alex: Zwei Dinge kommen mir in den Sinn, wenn du das sagst. Das erste ist die Konversation, die ich kürzlich mit einer Frau im Zug hatte als ich sagte, dass ich Buddhismus lehre, und ihr erklärte wie man die Selbstsucht überwindet. Sie sagte: „Was ist daran falsch selbstsüchtig zu sein? Wenn jedermann selbstsüchtig ist, dann wäre es nur dumm von mir nicht selbstsüchtig zu sein!“ Das ist dasselbe worüber du hier gesprochen hast. Wenn jeder andere seine Mauern aufgerichtet hat und ich nicht, dann bin ich einfach nur dumm. Meine Antwort war: „Gut, nach dieser Logik wäre es so: Wenn jedermann sonst herumgeht und Menschen erschießt und Sie nicht herumgehen und Menschen erschießen, wären Sie dumm“. Wir müssen offensichtlich ein wenig objektiver in Bezug auf den Nutzen und den Schaden sein, den es hat, wenn wir Menschen erschießen oder die Mauern aufgerichtet haben.

Das zweite, das mir in den Sinn kommt, ist das Beispiel meiner Mutter. Meine Mutter wurde für gewöhnlich sehr ärgerlich, wenn sie die Nachrichten im Fernsehen gesehen hat. Sie sah die Neuigkeiten und hörte von all den Mördern, all den Diebstählen und Vergewaltigungen die an diesem Tag passiert waren und wurde sehr wütend: „Warum verhalten sich Menschen so?“

Nun denke ich, dass das Thema hier das der Selbstgerechtigkeit ist. Wir können in einer sehr freimütigen Art und Weise selbstgerecht sein. Meine Mutter war nicht so. Wir können aber auf eine viel subtilere Weise selbstgerecht sein. Dies ist es wovon ich denke, dass sie es hatte, eine subtilere Form von: „Ich bin so wunderbar und jeder andere ist so schlecht“. Nochmals: Ich denke, dass sich alles um diese fehlerhafte Wahrnehmung eines soliden „Ichs“ dreht. Mit anderen Worten: Wir identifizieren uns mit einem heilsamen Weg des Handelns, wie beispielsweise, dass wir die Mauern niedergerissen haben, oder nicht herumzugehen und Menschen zu töten und zu berauben. Wir identifizieren ein solides „Ich“ mit unserer konstruktiven Art zu handeln. Bei dem Versuch dieses ich zu schützen, wir benutzen wir unsere konstruktives Handeln, um unsere Identität zu untermauern und dieses „Ich“ abzusichern. Dann verwenden wir den ganzen Mechanismus heftiger Zurückweisung anderer Menschen, die nicht so wie wir handeln, indem wir versuchen dieses „Ich“ weniger bedroht aussehen zu lassen und sogar noch sicherer zu gestalten.

Anhand des folgenden Beispiels können wir verstehen, welche Wahlmöglichkeit wir darin haben, unterschiedlich zu reagieren. Wir trinken Wasser aus einem Glas wie diesem. Unser Hund trinkt das Wasser nicht in dieser Weise. Wenn es da nun viele Hunde gibt und alle das Wasser trinken, indem sie es mit ihren Zungen vom Boden der Schüsseln auflecken, fühlen wir uns dann dadurch selbstgerecht überlegen, dass wir auf die richtige Weise trinken, und die anderen alle schlecht sind, weil sie auf die falsche Weise trinken? Nein. Warum macht uns das nicht angespannt?

Auf der anderen Seite: Warum sollte es uns nervös machen, wenn wir offen sind und alle anderen um uns herum nicht offen sind? Was ist der Unterschied zwischen diesem Punkt und dem Punkt, dass wir das Wasser auf eine andere Art trinken als das Tier? Ich denke, dass der Unterschied darin, dass man ein solides „Ich“ mit einer bestimmten Stellung oder Position identifiziert. Die Art und Weise wie wir trinken ist nicht erheblich, sie ist trivial. Daher kümmern wir uns nicht darum wie der Hund trinkt. In der anderen Situation aber mault dieses solide „Ich“: „Ich versuche so sehr offen zu sein, und so sehr „gut“ zu sein, aber…“

Nun wollen wir auf einen anderen Teil des Gemäldes hier einen anderen kleinen Pinselstrich setzen, indem wir den Punkt bedenken, dass es uns ärgerlich macht, wenn andere sich nicht so benehmen wie wir. Dies ist der Pinselstrich, der dieses gesamte Thema des „Sollens“ betrifft – „Ich sollte dies tun“.

Sich nicht darum kümmern, was andere sagen oder tun

Teilnehmer: (Übersetzer) Er sagt, dass es da einen anderen Zugang gibt. Wollen wir eine respektierte Person sein und jemand sagt zu dir: „Du bist ein Idiot“, dann werden wir wütend. Wenn du aber gar keiner respektierte Persönlichkeit sein möchtest und jemand sagt dann zehn Mal zu dir: „ Du bist ein Idiot“, dann macht dir das nichts aus. Genauso verhält es sich, wenn dir jemand aus irgendeinem Grund deine Frau wegnehmen möchte und du aber deine Frau bei ihr halten willst, dann fängst du an zu kämpfen. Wenn du aber denkst: „O.K., wenn meine Frau mich gerne verlassen möchte, dann ist das O.K. Ich akzeptiere das“, dann wirst du nicht zu kämpfen anfangen, weil du nicht den Wunsch hast, sie bei dir zu halten.

Alex: Wir müssen hier zwischen zwei Wahrheiten unterscheiden. Wir nennen sie die letztendlichen und die konventionellen Wahrheiten oder die tiefsten und die konventionellen Wahrheiten. Vom Gesichtspunkt der tiefsten Wahrheit aus versuchen wir nicht an Dingen zu hängen, indem wir verstehen, dass die Dinge keine solide Existenz besitzen. Aber von Gesichtspunkt der konventionellen Wahrheit aus betrachtet, gibt es „Dinge, die zu akzeptieren sind und Dinge die zurückzuweisen sind“. Vom konventionellen Gesichtspunkt aus ist es heilsamer offen als verschlossen zu sein und es ist heilsamer unsere Frau zu beschützen als zuzulassen, dass jemand sie verletzt und sie mitnimmt. Das widerspricht nicht der tieferen Wahrheit, dass wir nicht daran hängen. Wir müssen vorsichtig damit sein, diese zwei Wahrheiten nicht durcheinander zubringen.

Abschließende Übung

Es ist an der Zeit unsere Sitzung für heute Abend zu einem Abschluss zu bringen. Lassen Sie uns mit ein wenig experimenteller Praxis schließen. Dabei wollen wir die Praxis wiederum so durchführen, dass wir im Kreis umherschauen und versuchen ein Gefühl der Offenheit zu entwickeln. Wir wollen offen sein; aber nicht im Sinne eines soliden „Ichs“ mit niedergerissenen Mauern und mit all dem Schmutz, der mir...klatsch! direkt ins Gesicht geworfen wird. Eher so, dass die Mauern weg sind und es nichts Solides oder Konkretes gibt, über das wir uns Sorgen oder Gedanken machen müssen, weil es uns weh tun würde. Wir sind offensichtlich hier. Wir reagieren auf alles was vor sich geht, ohne uns in einer stark klammernden Art und Weise, und voller Angst, verteidigen zu müssen. Woher kommt die Angst? Die Angst entstammt unserem Denken, dass es da ein festes „Ich“ gäbe, das verletzt werden könnte. Wenn wir denken, dass es da einen solides „Ich“ gibt, was verletzt werden kann, empfinden wir natürlich Angst.

Die konventionelle Wahrheit ist, dass wir zur Seite treten, wenn jemand etwas nach uns wirft. Wenn jemand zuviel von uns einfordert, dann sagen wir „nein“. Konventionell behandeln wir solche Dinge mit unterscheidendem Gewahrsein oder der Fähigkeit, objektive Unterscheidungen zu treffen, und weniger anhand von subjektiven, selbstgerechten Urteilen.

Teilnehmer: Wenn wir unsere Mauern niederreißen, hat dies etwas mit Flexibilität zu tun, sodass wir noch immer helfen wollen, egal ob wir Gutes oder Schlechtes hören? Heißt es, dass wir flexibel sind, wenn wir uns in der Weise verhalten können?

Alex: Genau so ist es. Es heißt nicht nur flexibel zu sein. Es heißt auch in der Lage zu sein, wirklich angemessen zu reagieren. Das bedeutet Vielerlei. Alle Lebewesen sind miteinander verbunden. Wir können auch sensibler reagieren, wenn wir die Mauern niederreißen. Sind wir sensibler, sind wir flexibler. Sind wir aufrichtiger, dann fühlt sich die andere Person mit uns entspannter. Das ist vielfältig. Alle sind miteinander verbunden. Sind die Mauern weg und können wir wirklich sehen, was mit anderen Menschen geschieht, dann ist es viel einfacher das unterscheidende Gewahrsein zu haben, mithilfe dessen wir deutlich erkennen können, was zu tun ist. Es wird gesagt, dass das unterscheidende Gewahrsein und die geschickten Mittel ganz von selbst entstehen, wenn wir uns nicht mehr hinter Mauern verbergen.

Sollten wir diese Art des Gefühls von niedergerissenen Mauern auf der Grundlage des Verständnisses von Leerheit nicht erzeugen können, können wir es auf der Basis erzeugen, dass wir jeden als unseren besten Freund betrachten. Warum ist das so? Weil verschiedene Methoden des Reisens zum selben Reiseziel führen können. Ebenso führen verschiedene Ursachen zum selben Resultat, das wir erreichen wollen, wie etwa die Mauern niederzureißen. Das folgt aus den Unterweisungen über die Leerheit von Ursache und Wirkung. Es gibt viele verschiedene Wege, um dieses Verständnis zu erreichen, und es gibt viele verschiedene Ebenen des Verständnisses. Alle können nützlich sein.

Lassen Sie uns diese Offenheit im Licht des Mitgefühls erzeugen, indem wir erkennen, dass jeder unser engster Freund ist. Können wir dann noch diese Offenheit im Licht eines korrekten Verständnisses von Leerheit erzeugen, dann wird das sogar noch hilfreicher sein. Die beiden Aspekte sind immer verbunden – Mitgefühl und Weisheit. Erinnern Sie sich? Mitgefühl und Weisheit werden anhand des Bildes der zwei Flügel dargestellt.

Verantwortung für andere übernehmen

Teilnehmer: (übersetzt) Wenn man aber den anderen als besten Freund sieht, heißt das, dass man volle Verantwortung für den anderen übernimmt und deshalb fürchtet sie sich von diesem Gesichtspunkt aus davor.

Alex: Warum fürchten wir uns? Wegen eines soliden „Ichs“ – „Ich werde versagen“. Das heißt also, dass wir einen anderen Pinselstrich auf unser Bild malen, ebenso auf der Seite der Leerheit von Ursache und Wirkung. Das übliche Beispiel das Buddha benutzt war, dass ein Wassereimer nicht vom ersten oder letzten Wassertropfen gefüllt wird. Er wird durch die Kombination aller Wassertropfen gefüllt. Versuchen wir jemandem zu helfen, sein Leiden zu überwinden, hängt das nicht 100%-ig nur von dem ab, was wir tun. Das ist eine übertriebene Aufgeblasenheit des „Ichs“. Das Resultat entsteht durch eine Kombination von vielen, vielen, vielen Ursachen.

Auf der anderen Seite können wir nicht behaupten, dass wir allein in dem Sinn verantwortlich sind, wenn es den anderen nicht besser geht und wir uns schuldig bekennen müssen, ein Versager zu sein. Auf der anderen Seite wollen wir auch nicht in Richtung des anderen Extrems gehen, indem wir nichts tun. Wir tragen so gut wir können etwas bei. Ob die anderen ihr Leiden überwinden oder nicht, hängt vor allem von dem ab, was sie selbst gegen ihr Leiden unternehmen.

Das ist wiederum ein Thema, welches uns gestattet, kleine Pinselstriche auf unser Gemälde aufzutragen. Diesen ganzen Bereich der Vorstellung von: „Ich sollte“, werden wir dann morgen tiefer und tiefer eindringen. „Ich sollte dies tun. Ich sollte Ihnen helfen. Ich sollte fähig sein, all Ihre Probleme zu lösen und so weiter. Und wenn meine Hilfe nicht wirkt und ich Ihre Probleme nicht lösen kann, dann bin ich schuld daran, weil ich etwas falsch gemacht haben.“

Dieses Thema führt uns dann ganz natürlicherweise zu einer Diskussion über Gott, von dem (angeblich!) unsere ganze Art des „sollte“-Denkens stammen soll. Wir stellen uns vor, dass wir wie Gott allmächtig sein sollten, und dadurch in der Lage sein sollten, alles was wir wollen, aus eigener Kraft erreichen zu können. Wir werden morgen darauf eingehen.

Lassen Sie uns mit einigen Minuten der Offenheit enden, ohne ein Gefühl von Angst, und lassen Sie uns dann den Wunsch daran anschließen: „Wäre es nicht wunderbar wenn jedermann ohne Angst einfach offen und aufrichtig sein könnte. Möge jeder offen und aufrichtig werden. Möge ich fähig sein, jedem zu helfen, offen und aufrichtig zu sein.“

Erinnern Sie sich bitte daran, dass wir uns immer wieder fragen müssen, wovor wir uns eigentlich fürchten, warum wir uns fürchten und natürlich wer sich fürchtet.