Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Annäherung an den Buddhismus > Einführung in den Buddhismus > An den Buddhismus realistisch herangehen > Unterrichtseinheit 6: Zwei weitere Themen: Buddhist werden und Glück

An den Buddhismus realistisch herangehen

Alexander Berzin
München, Deutschland, Juni 1996
[leicht redigierte Abschrift]
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Unterrichtseinheit 6: Zwei weitere Themen: Buddhist werden und Glück

Konvertierung zum Buddhismus

Wir sprachen über einige der verschiedenen Schwierigkeiten, die viele Menschen damit haben mit dem Buddhismus zu arbeiten. Wir haben gesehen, dass es sehr wichtig ist eine realistische Haltung einzunehmen. Was das betrifft, ist eine der Anweisungen, die Seine Heiligkeit der Dalai Lama für Menschen aus dem Westen wiederholt gibt, sehr vorsichtig beim Wechsel der Religionen zu sein. Sein Rat wirft alle betreffenden Fragen auf: Wenn wir dem buddhistischen Pfad folgen, bedeutet das, dass wir die Religionen gewechselt haben, dass wir konvertiert sind und jetzt statt eines Kreuzes um den Hals ein rotes Band tragen?

Ich denke, dass es vielfach nicht sehr hilfreich ist, unsere Bindung an den buddhistischen Pfad als Bekehrung zu sehen. Sicherlich ist es für andere Menschen, die der gleichen Tradition entstammen, in die auch wir geboren wurden – egal ob das die christliche, jüdische oder die islamische ist – sehr befremdlich, wenn wir sagen, dass wir zum Buddhismus konvertiert sind. Ein Austritt aus der Religion, in die wir hineingeboren wurden, trifft bei unseren Familien oder in unserer Gesellschaft auf keine große Begeisterung, nicht wahr? Sie betrachten es als eine persönliche Zurückweisung ihrer selbst. Daher sagt Seine Heiligkeit immer, dass wir sehr sorgfältig und sehr feinfühlig sein sollen, was diesen ganzen Bereich angeht, und ich denke, dass wir dies von einem psychologischen Gesichtspunkt und nicht nur von der sozialen Warte unserer Familie und Gesellschaft aus verstehen können.

Im Leben ist es sehr wichtig, in der Lage zu sein, unser ganzes Leben zu integrieren, damit all seine Teile harmonisch zusammenpassen. Nur so werden wir uns mit unserer ganzen Lebensgeschichte wohl fühlen. Einen integrierten Blick auf unser Leben zu haben, gestattet uns, im Leben ausgeglichener zu sein. Konvertieren Leute zu einer anderen Religion, kann es manchmal geschehen, dass sie eine sehr negative Haltung dem gegenüber haben, was sie früher taten. Ein bestimmter Mechanismus, der in der Psychologie beschrieben wird, hilft dieses Phänomen zu verstehen. Es ist das Grundbedürfnis der Menschen, ihren Ahnen gegenüber, ihrer Familie gegenüber und ihrer Herkunftssituation gegenüber loyal zu sein, um ein Gefühl von Selbstwert zu empfinden. Dieses Bedürfnis loyal zu sein oder der Drang zur Loyalität, um das eigene Selbstwertgefühl irgendwie zu testen, ist häufig unbewusst. Verleugnen wir, dass es irgendwelche positiven Aspekte in unserer Vergangenheit gegeben hat, sei es in Religion, Familie oder Nationalität, geschieht es häufig, dass wir unbewusst den Drang verspüren, uns loyal dazu zu verhalten und uns so – unbewusst – auch gegenüber deren negativen Aspekten loyal verhalten. Dies ist eine zerstörerische Form der Loyalität.

Zerstörerische Formen von Loyalität

Ein gutes Beispiel für eine zerstörerische Form der Loyalität ist die Erfahrung, die einige Menschen des früheren Ostdeutschlands durchlebt haben. Die gesamte Lage von Ostdeutschland, das mit Westdeutschland vereint wurde, war so, dass jegliche politische Kultur Ostdeutschlands verleugnet und als „falsch“ und negativ ausgewiesen wurde. Was geschah war, dass einfach alle Bestandteile des früheren Systems in den Müll geworfen wurde und die Menschen mit einer Art schrecklichem Gefühl zurückgelassen wurden, dass sie dumm gewesen seien und ihr ganzes Leben mit etwas Negativem verschwendet hätten, insbesondere dann, wenn sie in der Weise politisch aktiv gewesen waren, den Staat zu unterstützen. Diese Situation brachte sie offensichtlich in einen sehr schwierigen psychologischen Zustand.

Was dann geschah war, dass einige Ossis unbewusst das Bedürfnis hatten, sich ihrer Vergangenheit gegenüber loyal zu verhalten, um so etwas Selbstwert zu verspüren. Damit einhergehend zeigten sie sich dann aber auch negativen Aspekten wie dem Totalitarismus gegenüber loyal. Dadurch entstanden möglicherweise die Skinhead-Bewegung und das Neonazi-Phänomen. Neonazis hegen einen sehr starken Fremdenhass und eine Glorifizierung ihrer selbst und der eigenen Rasse. Diese Art von Loyalität zur Intoleranz Außenseitern gegenüber, war bezeichnend für die ostdeutsche Gesellschaft. Andererseits gestattet es Menschen, die auf positive Aspekte der Vergangenheit verweisen und sie bekennen können, dazu loyal zu sein, und das fördert eine viel bessere Integration ihres gesamten Lebens. Und es gab da viele positive Aspekte in der ostdeutschen Gesellschaft. Ein Beispiel dafür ist die herzliche, warme Beziehung die einige Menschen untereinander hatten, die miteinander sympathisierten und einander trauen konnten. Da sie alle von außen her so streng kontrolliert wurden, konnten sie eine solche warmherzige Beziehung aufbauen, wenn sie innerhalb einer sicheren Umgebung unter Freunden befanden. Das war sehr positiv.

Dasselbe Problem destruktiver Formen von Loyalität kommt oft auf, wenn wir die Religion wechseln. Wenn wir nur denken: „Diese frühere Religion, der ich anhing war dumm und fürchterlich“, und wenn wir uns dann in etwas Neues wie den Buddhismus stürzen, neigen wir wieder unbewusst dazu, den Drang zu haben, loyal gegenüber unserer Vergangenheit zu sein. In solchen Fällen bleiben wir eher zu negativen als zu positiven Dingen loyal. War unser Hintergrund zum Beispiel christlich, könnte sich herausstellen, dass wir ziemlich dogmatisch werden oder sehr Angst vor den Höllen haben, und dass wir sehr dogmatisch in Bezug darauf werden, was wir tun sollten und was wir nicht tun sollten, und manchmal auch ziemlich sektiererisch. Um das zu vermeiden, ist es sehr wichtig, die positiven Dinge unserer Geburtsreligion, die Religion unserer Familie, sowie die positiven Dinge unserer Kultur – die positiven Aspekte davon, Deutscher oder Italiener oder Amerikaner zu sein oder aus welchem Land wir auch immer stammen – anzuerkennen.

Es gibt da offensichtlich sehr viele positive Dinge in einer christlichen Kultur, mit ihrer starken Betonung von Liebe und Wohltätigkeit, insbesondere die Betonung, den Armen, den Kranken und den Bedürftigen zu helfen. Dies ist enorm positiv. Es gibt da keinen Gegensatz zwischen der christlichen Nächstenliebe und der buddhistischen Praxis. In gewissen Sinn können wir beides sein, Christen und Buddhisten, da es nicht nötig ist, diese positiven Aspekte unseres christlichen Hintergrunds über Bord zu werfen. Ich denke, dass es nicht der Knackpunkt im Buddhismus ist, ob wir uns selbst als einen Buddhisten sehen oder nicht. Ob wir uns selbst als Buddhist sehen oder nicht, war im Buddhismus nie so eine Thema, wie im mittelalterlichen Europa, wo man gefragt wurde: „ Was ist deine Religion?“, und wir uns vor der Inquisition ausweisen mussten. Das ist nicht der buddhistische Weg.

Die Lage der Laienbuddhisten in der traditionellen indischen Gesellschaft

Ich denke, dass wir das am Beispiel des alten Indien sehen können. Im alten Indien, in dem sich der Buddhismus entwickelte, gab es eine sehr klare Unterscheidung zwischen Buddhisten und Hindus. Es gibt diesen Irrtum, dass es im Buddhismus Indiens keine Kasten gab und dass Buddha gegen das Kastenwesen war. Tatsächlich gab es nur in der ordinierten Gemeinschaft keine Kasten. Für die Mönche und Nonnen gab es keine Kasten, aber das war bei den Laienanhängern des Buddha nicht der Fall. Wir sehen in einigen Inschriften der Ruinen der antiken buddhistischen Klostermauern: „Diese Geldmenge wurde dem Kloster vom Brahmanen so-und-so gespendet“. Diese Inschriften gaben immer die Kastenzugehörigkeit der spendenden Laienperson an. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass die Laienbuddhisten keine Gemeinschaft getrennt von den Hindus bildeten. Sie waren Teil der Hindugesellschaft.

Das bedeutet, dass es in Indien keine gesonderten buddhistischen Heiratszeremonien und Vorgänge dieser Art gab. Die indisch-buddhistischen Laien folgten dafür in der Tat den Hindubräuchen.

Es gab dafür Vorteile und Nachteile. Der Vorteil war, dass jeder in Indien grundsätzlich Teil einer integrierten Gesellschaft war und jede Person ihrer eigenen Schule und ihrem spirituellen Lehrer folgte. Es machte wirklich keinen großen Unterschied, ob man einer buddhistischen Schule oder dieser oder jener Form des Hinduismus folgte, da die Gesellschaft selbst jeden harmonisch einschloss, ohne dass irgendwer so bedeutungsvoll zu sagen hatte: „Ich bin ein Hindu“ oder „ich bin ein Buddhist“. Natürlich ging man als ein Mönch oder eine Nonne ganz offensichtlich eine starke Verpflichtung ein, einer abgesonderten Gemeinschaft beizutreten. Das war etwas anderes. Wir sprechen über die Lage von Laien im traditionellen Indien.

Der Nachteil war, dass die meisten Buddhisten sehr leicht im Hinduismus aufgingen, als die buddhistischen Klöster in Indien nicht länger tätig waren, besonders als im Hinduismus verkündet wurde, dass Buddha eine Form von Vishnu, ihres Gottes, sei. Daher war es sehr leicht, gleichzeitig den Buddha zu verehren und ein ganz guter Hindu zu sein.

Dem Buddhismus folgen und weiter in die Kirche gehen

Offensichtlich müssen wir eine Balance finden um nicht in ein Extrem zu verfallen den Buddhismus zu trivialisieren oder in das Extrem von: „Ich bin zum Buddhismus übergetreten und darf nun nie mehr in die Kirche gehen“. Die Frage wird eher lauten: „Was bedeutet es, Zuflucht in einer Zeremonie zu nehmen und heißt das, dass ich nun ein Buddhist geworden bin, wie bei einer christlichen Bekehrung durch eine Taufe?“ Ich denke nicht, dass die Zufluchtzeremonie einer Taufe gleichzusetzen ist. Ich denke nicht, dass es hilfreich ist, es so zu sehen.

Ich glaube, dass der spirituelle Pfad dem wir folgen, etwas ziemlich Privates sein sollte. Mit schmutzigen roten Bändern um unseren Hals herumzulaufen, besonders wenn wir davon eine Sammlung von dreißig Stück haben, lässt uns wirklich ziemlich befremdlich aussehen – ein bisschen wie ein Ubangi-Afrikaner mit all diesen Metallringen um den Hals. Wollen wir diese Bänder besitzen, können wir sie privat für uns aufheben – zum Beispiel in unserer Geldbörse oder in etwas Ähnlichem. Es ist nicht notwendig, dass wir für das, was wir tun, Reklame laufen. Es gibt keinen Grund dafür, warum man auf einmal denken sollte, dass es jetzt für einen verboten sei, zur Kirche zu gehen, oder dass es für unsere Verpflichtung dem Buddhismus gegenüber irgendwie bedrohlich, wenn wir jetzt im die Kirche gingen.

Am Beginn, wenn Leute sich dem Buddhismus zuwenden, verhalten sie sich dazu defensiv. Das kommt daher, dass sie unsicher sind und sich damit noch nicht wohl fühlen. Um unsere Wahl unseres spirituellen Pfades zu rechtfertigen, empfinden wir daher manchmal psychologisch, dass wir nicht zur Kirche gehen dürfen und wir nichts Positives über unsere Vergangenheit denken dürfen“. Das ist ein großer Fehler. Offensichtlich sollten wir, wenn wir ernsthaft einem buddhistischen Pfad folgen, all unsere Energien in diesen stecken. Dem buddhistischen Pfad zu folgen widerspricht aber keinesfalls der Praxis christlicher Nächstenliebe. Und es widerspricht auch nicht dem, dass wir durch christliche Persönlichkeiten wie Mutter Theresa Inspiration erfahren können und dem Versuch, den Bedürftigen wie eine Mutter Theresa zu dienen. Es widerspricht überhaupt nicht dem buddhistischen Pfad. Wie könnten diese Handlungen dem buddhistischen Pfad widersprechen?

Praktizieren wir Meditation und verschiedene andere Arten buddhistischer Übung in unserem Leben, gibt es keinen Grund dafür, uns dabei unwohl zu fühlen, bei einer Gelegenheit zur Kirche zu gehen, wenn es uns gegeben erscheint, das zu tun. Es ist kein Problem. Gehen wir in dieser Situation zur Kirche, so ist es nicht hilfreich dazusitzen und uns durch die Kirche oder den Gottesdienst bedroht zu fühlen, sodass wir die ganze Zeit Mantras rezitieren müssen. Gehen wir als buddhistische Praktizierende zur Kirche, ist nichts falsch daran, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Wichtig ist, welche Geisteshaltung wir entwickeln, während wir uns in der Kirche aufhalten und den Gottesdienst erleben.

Wir finden nun offensichtlich in jeder Form organisierter Religion Dinge, die anziehend sind und solche Dinge, die wir nicht so attraktiv finden. Sind wir daher an eine Situation kommen, bei der uns unsere Familie bittet: „Es ist ein besonderer Festtag, komm doch bitte mit in die Kirche, es ist Weihnachten.“ oder was es auch sei und dann zu sagen: „Ich gehe nicht mit euch zur Kirche, denn ich bin ein Buddhist“, wird sie wirklich beleidigen. Sie nehmen es als Zurückweisung persönlich. Daher ist es besser mit unseren Familien zur Christmette zu gehen. Statt uns auf Dinge einzuschießen, die uns vielleicht am Christentum gestört haben und zu denen wir vielleicht in der Vergangenheit kritisch eingestellt waren, konzentrieren Sie sich besser auf positive Dinge, da es ja viele positive Aspekte am Christentum gibt. Auf diese Weise wird das Ergebnis sein, dass wir uns innerlich, d. h. psychologisch, als Mensch vielmehr in das Geschehen einbezogen fühlen. Wir haben Frieden mit unserer persönlichen Geschichte geschlossen. Das ist wirklich sehr hilfreich.

Glücklichsein

Frieden mit uns selbst zu finden bringt uns zum Thema: „Welchen Stellenwert hat das Glücklichsein im Buddhismus?“ Ich denke, dass es eine sehr große Sache für viele Neulinge ist, die sich dem Buddhismus nähern, besonders wenn sie aus einer Religion kommen, die betont, dass wir alle Sünder seien, und die sich fragen: „Ist es mir gestattet glücklich zu sein?“ Wir hören in den buddhistischen Unterweisungen, dass alles Leiden ist, und dass wir jederzeit sterben könnten, vergeudet daher keine Zeit! Daher haben wir oft das Gefühl, dass es nicht erlaubt ist, ins Kino zu gehen, zu entspannen oder Spaß zu haben. Das ist ein großes Missverständnis. Wir müssen zuerst die Definition von Glück betrachten und verstehen, was Glück ist. Manche Menschen wissen nicht einmal, dass sie glücklich sind und was Glücklichsein bedeutet. Sie müssen jemand anderen fragen: „Was denkst du, schaue ich wie ein glücklicher Mensch aus?“

Es gibt verschiedene Definitionen von Glück im Buddhismus. Die vorrangige Definition ist, dass Glück ein Gefühl ist, das durch positive, konstruktive Handlungen zu Stande kommt. Glück wird definiert als das Heranreifen positiven Karmas. Wenn das die Definition von Glück ist, dann möchten wir im Buddhismus offensichtlich konstruktiv handeln, um dadurch das Glücklichsein als Folge davon zu erfahren. Mittels der buddhistischen Praxis versuchen wir besonders positiv und konstruktiv zu sein. Daher erfahren wir offensichtlich Glück als Folge unseres Handelns und es ist uns daher „ erlaubt“, dieses Glück zu erleben. Es kann nicht der Fall sein, dass im Buddhismus gesagt wird, es sei nicht erlaubt, glücklich zu sein. Wäre Glücklichsein im Buddhismus nicht gestattet, würden Buddhisten umherlaufen und sich die ganze Zeit destruktiv verhalten, da das würde mit Sicherheit bewirken, dass sie garantiert nie glücklich werden würden!

Es gibt da auch noch die grundlegende Lehre im Buddhismus, dass jeder glücklich sein und niemand unglücklich sein möchte. Wenn das der Fall ist und wir jedem Lebewesen voller Liebe wünschen, glücklich zu sein und auch daran zu arbeiten, anderen Glück zu bringen, dann wünschen wir uns offensichtlich auch selbst, glücklich zu sein und arbeiten ebenfalls daran, dass wir glücklich werden.

Glücklichsein wird auch als dasjenige Gefühl definiert, das wir fortgesetzt erleben möchten, wenn es einmal entstanden ist und von dem wir wollen, wenn es verschwindet, dass es zurückkommt, aber nicht auf eine anhaftende Weise. Grundsätzlich fühlt sich Glücklichsein angenehm an.

Punkte der Verwirrung in Bezug auf Glücklichsein

Die Verwirrung in Bezug auf das Thema des Glücklichseins scheint vor allem durch zwei Punkte zu entstehen. Ein Punkt ist, dass wir häufig denken, dass das unser Gefühl dramatisch sein müsse, damit wir Glück erfahren können. Der andere Punkt, durch den Verwirrung entsteht, bezieht sich auf die Frage, was wirklich die Quelle des Glücks ist.

Zunächst einmal muss ein Gefühl des Glücklichseins nicht dramatisch sein, damit wir es für echtes Glück halten können. Häufig denken wir, dass ein Gefühl wirklich stark sein muss, um wirklich zu existieren. Wir haben eine Art von Hollywood-artiger Erwartungshaltung gegenüber den Dingen. Wenn wir eine positive Emotion auf einer niederen Ebene der Intensität erleben, macht das keinen guten Film aus. Eine schwache positive Emotion gibt keine gute Show her. Daher muss die Emotion sehr heftig sein, vielleicht auch noch mit dramatischer Musik im Hintergrund unterlegt. Das ist nicht der Fall. Wie ich sagte, ist Glück ein Gefühl, das wir als angenehm empfinden und verlängern möchten – es ist sehr angenehm. Glücklichsein muss nicht die enthusiastische Form dieses „Whoopie! Wow! Fantastico!“ annehmen, wie wir es klischeehaft von Lateinamerikaner oder Italiener kennen. Es könnte auch auf eine mehr gedämpfte britische Art von Emotion sein.

Den zweiten Punkt ist – vielleicht erinnern Sie sich daran, dass wir über die Ebenen von Glücklichsein und Unglücklichsein, die wir alle empfinden, gesprochen haben – wie wir die Dinge im Leben durch das Heranreifen unseres Karmas erfahren. Es handelt sich um die Art, wie wir Situationen in unserem Leben erfahren. Die Frage ist dann, in welcher Form wir dieses Glück erfahren würden. Hat die Form, die unser Glück annimmt, etwas damit zu tun, dass wir gut unterhalten werden, amüsiert sind, uns schön von unserem eintönigen Leben abgelenkt oder einfach Spaß haben? Müssen wir Spaß haben, damit sich das Gefühl, das wir erleben, dafür eignet, ein gültiges Glücksgefühl zu sein? Und auf einer grundsätzlicheren Ebene – hat Spaß zu haben, etwas damit zu tun, dass das Spaßhaben tatsächlich eine Quelle für das Erleben von Glück ist?

Spaß

„Spaß“ ist ein sehr interessantes Wort. Es ist sehr schwer zu definieren. Ich war einmal mit meinem Lehrer Serkong Rinpoche in Holland und die Leute, bei denen wir wohnten, hatten ein sehr großes privates Boot – eine Yacht. Eines Tages boten sie uns an, uns auf ihrem Boot mitzunehmen, um einfach eine „gute Zeit zu haben“. Das Boot lag auf einem wirklich sehr kleinen See – ein sehr großes Boot auf einem sehr kleinen See. Es gab da auch noch viele andere große und kleine Boote auf diesem kleinen See. Wir gingen an Bord des Bootes und fuhren im Kreis herum, mit all den anderen Booten auf diesem See. Das erinnerte mich an den Vergnügungspark, in dem es ein Kinder-Karussell mit kleinen Autos gab, die immer im Kreis herumfuhren. Unsere Bootsfahrt war genau so. Nach einer kleinen Weile wandte sich Serkong Rinpoche mir zu und sagte auf tibetisch: „Ist es das, was sie „ Spaß“ nennen?“

Meine Fragestellung ist die: Was ist die Ursache des Glücks, wenn wir das Glück im Hinblick auf Ursache und Wirkung betrachten? Vom buddhistischen Standpunkt aus ist die Ursache für Glück konstruktives Verhalten. Es geht nicht darum, auszugehen und etwas Belangloses zu unternehmen, um „ Spaß zu haben“, der uns dann glücklich machen wird. Wir können losziehen und etwas unternehmen, das von der Gesellschaft als„Spaß“ bezeichnet wird, wie beispielsweise an Bord dieses Bootes zu gehen, in irgendein Kino zu gehen, auf irgendeine Party oder so etwas, und uns dabei dann völlig elend fühlen. Auf der anderen Seite können wir bei unserer Arbeit in unserem Büro sitzen, und sehr glücklich und zufrieden fühlen. Wenn wir daher erst einmal die Ursachen für das Glücklichsein geschaffen haben, also uns konstruktiv Verhalten haben, werden wir Glück in jeder wie auch immer gearteten Lage erfahren und nicht notwendigerweise nur in Situationen, die traditionell mit „Spaß haben“ bezeichnet werden.

Wenn wir die Wahl haben, was wir tun wollen und wie wir unsere Zeit verbringen möchten, würden wir vielleicht wählen, zu arbeiten, zu entspannen, Sport zu treiben, schwimmen zu gehen oder was auch immer. Ich denke aber, dass es wichtig ist, ein klares Verständnis in unserem Geist dafür zu haben, welche Ursache für Glück in der jeweiligen Aktivität liegt. Wir könnten uns beispielsweise dafür entscheiden, schwimmen zu gehen oder im Einklang mit dem Kriterium arbeiten, dass „ich das tun möchte, um glücklich zu sein“, aber ich denke, dass es da andere Kriterien gibt, die wir nutzen können. Das andere Kriterium wäre, dass ich beispielsweise denke: „Ich arbeite sehr schwer. Ich bin sehr müde von der Arbeit und es wäre gerade viel produktiver jetzt zu entspannen, um dann später für mich und anderen Menschen in meinem Leben wieder besser von Nutzen sein zu können. Es ist nicht wirklich produktiv, wenn ich jetzt versuche weiterzuarbeiten“. Um eine andere Metapher zu gebrauchen – das Pferd muss auf die Weide hinaus gelassen werden und grasen können, es kann nicht immer nur rennen.

Die erste edle Wahrheit ist, dass das Leben schwierig ist. Es ist schwer einen solchen menschlichen Körper zu haben. Der Körper ist nicht imstande stetig vierundzwanzig Stunden am Tag zu arbeiten. Wir müssen entspannen, wir müssen schlafen, wir müssen essen. Es gibt keinen Grund, sich deshalb schuldig zu fühlen. Wir haben uns bereits mit dem Thema Schuld befasst, als wir darüber sprachen, die Tatsache zu akzeptieren, dass das Leben schwierig ist. Es ist eine Tatsache, dass das Leben mit allen Arten von Problemen erfüllt ist. Wenn wir diese Tatsache annehmen können, fühlen wir uns deshalb nicht schuldig. Haben wir aber die Vorstellung, dass „ich jetzt Spaß haben muss“ und wir uns zwingen, Spaß zu haben und glücklich zu sein, dann erreichen wir dieses Ziel gewöhnlicher Weise nicht. Haben wir aber keine Erwartung, dass ins Kino zu gehen, zu schwimmen oder ein Restaurantbesuch uns glücklich machen werden, haben wir nicht die Erwartung, dass Spaß zu haben heißt, dass wir glücklich sind, dann werden wir auch nicht enttäuscht werden. Es ist aber durchaus denkbar, dass diese Aktivitäten uns dabei unterstützen, unsere Batterien wieder aufzuladen, indem sie uns durch die Entspannung mehr Energie und dergleichen zurückgeben. Es kann sein, dass uns die entspannen Freizeitaktivitäten wieder Energie geben – aber eben nur vielleicht, dafür gibt es keine Garantie. Ob wir dabei glücklich sind, während wir uns diesen Aktivitäten hingeben, ist eine ganz andere Frage. Ebenso ob wir irgendeine Form von Glück während der Tätigkeit erleben, die nicht eine so super heftige, heiße Latino-Erfahrung zu sein hat.

Das stimmt nicht nur dann, wenn wir ins Kino gehen oder wenn man Schwimmen geht, sondern es ist auch sehr hilfreich, dies im Sinn zu behalten, wenn es um unsere Beziehungen mit anderen Menschen geht – wir können auch unsere Freundschaften und unsere Zeit, die wir mit anderen Menschen verbringen, entspannend gestalten. Manche Menschen glauben, dass sie etwas „miteinander tun“ müssten, wenn sie sich mit einem Freund treffen. Sie glauben dann manchmal, sie müssten ausgehen und Spaß miteinander haben, und dass sie etwas gemeinsame miteinander unternehmen müssten. Sie können einen geringen Level an Glücklichsein und Zufriedenheit nicht genießen; sie können nicht einfach nur mit diesem Freund so zusammen sein und das genießen, wobei es völlig egal ist, was sie zusammen machen. Sie könnten sogar miteinander in den Supermarkt gehen und Einkäufe erledigen oder die Wäsche machen. Ich finde diesen Punkt sehr nützlich und denke, dass es allgemein sehr hilfreich ist, das zu bedenken, um fähig zu sein, seltsame Erwartungen darüber aufzugeben, was Glück ist oder sich aufgrund von unerfüllten Erwartungen schuldig zu fühlen.

Den Grad an Glück erkennen, den wir fühlen

Wir wollen uns jetzt ein wenig selbst beobachten. Lassen Sie uns ein wenig zur Meditation sitzen und bloß erfahren, dass wir hier sind. Dann schauen wir, welches Gefühl wir gerade haben. „Gefühl“ ist hier die Bezeichnung nach der buddhistischen Definition der zweiten der fünf Aggregate – Gefühl ist die Art und Weise auf die wir erleben, was wir sehen, was wir hören, was wir denken usw., und zwar in Bezug auf die variablen Empfindungen wie glücklich, unglücklich oder neutral. Versuchen Sie das Gefühl lediglich zu erkennen und es zu identifizieren. Wir sprechen nicht über das Fühlen von heiß oder kalt oder das Fühlen irgendeiner körperlichen Empfindung wie Vergnügen oder Schmerz. Wir sprechen über den Grad des Glücklichseins oder Unglücklichseins das jegliche physische oder mentale Aktivität in dem Sinn einer Erfahrung als angenehm oder nicht sehr angenehm begleitet.

Zum Beispiel finde ich es angenehm, die Blumen in dieser Vase zu betrachten. Schauen Sie auf diese Blumen. Was fühlen Sie dabei? Wie erleben Sie die Blumen? Versuchen Sie das Gefühl zu identifizieren und die Intensität des Glücks oder der Unzufriedenheit zu erkennen, die Sie erleben, wenn Sie die Blumen betrachten, oder wenn Sie die Bilder an der Wand betrachten, oder wenn sie aus dem Fenster hinaussehen und die Bäume erblicken – welchen Grad an Glück empfinden Sie? Wir versuchen, die Intensität des Glücks zu erkennen und in der Tat – wir erleben viel Glück! Es ist keine brasilianische Erfahrung, aber das Erleben vom Glück des vorhandenen.

Beobachten Sie bitte für sich selbst, welches Gefühl vorhanden ist. Und denken sie daran, dass Glück ein Gefühl ist, das wir weiterhin erfahren wollen, wenn es in uns entstanden ist, und von dem wir wollen, dass es wiederkommt, wenn es verschwunden ist.

(Pause)

Ich denke, dass eine solche Praxis keine formale Meditationsübung braucht. Es ist eher etwas, das wir zu jeder Zeit ausführen können, um uns immer zu vergegenwärtigen, dass wir die meiste Zeit wirklich glücklich sind. Das gibt es nicht, dass „ich keine Gefühle habe“ wie einige von uns denken.

Gibt es irgendwelche Bemerkungen?

Teilnehmer: [übersetzt] Es war schwierig umzuschalten, von zunächst dir zuzuhören – was ein aktiver Vorgang ist – und dann hineingestürzt zu werden, um zu fühlen was geschieht. Er fühlte sich etwas hineingestoßen in diese Beobachtung. Diesen Morgen ging er durch den Park. Er hatte dieses offene Gefühl. Er hatte dieses Gefühl von: „Ja, die Dinge sind in Ordnung und ich bin ziemlich glücklich“ und das geschah einfach natürlich.

Alex: Ich denke, dass es sehr wichtig ist, der Lage zu sein zu erkennen, dass wir ständig Gefühle haben, unabhängig davon, ob wir etwas tun, was wir wirklich entspannend finden oder wir etwas tun, das wir sehr anstrengend finden. Manchmal befinden wir uns zu sehr in unseren Köpfen und erkennen das wirklich nicht – in der Tat ist da eine bestimmte Qualität vorhanden, wie wir etwas empfinden und diese Qualität ist diese Dimension von Glück oder Unglücklichsein. Es geschieht die ganze Zeit. Der Einfluss, der sich daraus ergibt, ist, dass wir häufig in dieses Extrem verfallen von: „Ich Armer!“ und „Ich bin nicht glücklich und ich möchte Spaß haben, ich möchte nicht in diesem langweiligen Büro sitzen“, und all diese Arten von Beschwerden hervorbringen. Wir können aber tatsächlich ein inneres, friedvolles Gefühl von Glück und Zufriedenheit erfahren, wenn wir in einem schrecklichen Stau feststecken. Erinnern Sie sich, dass das Glücksgefühl nicht dramatisch zu sein braucht.

Teilnehmer: Gibt es da einen Unterschied zwischen dem, was in unserem Kopf und dem, was in unserem Herzen vorgeht? Die Tibeter zeigen immer auf ihr Herz, wenn es um Gefühle geht.

Alex: Tibeter zeigen auch hierher wenn es ums Denken geht. Vom tibetischen Standpunkt aus stammen die intellektuellen, emotionalen und gefühlsmäßigen Aspekte unserer Erfahrung der Phänomene alle von einem Ort, und diesen Ort siedeln sie im Herzen an. In der Tat macht es nichts aus, wo der Ort unserer Erfahrung lokalisiert ist. Die Gefühle und Erfahrungen werden eher als Ganzes gesehen, denn als zweigeteilt oder aufgesplittert zwischen Körper und Geist oder Intellekt und Gefühlen, wie dies häufig im Westen geschieht. Daher können wir zur selben Zeit glücklich sein und intellektuell mit etwas sehr beschäftigt sein. Wie ich schon sagte, ist es sehr wichtig, diesen Punkt besonders in Beziehungen mit anderen Menschen zu erkennen. Manchmal denken wir: „Ich muss verliebt sein, um wirklich glücklich zu sein“ – wir denken, wir müssten eine ähnliche Erfahrung machen wie eine Teenager, um endlich glücklich zu sein. Tatsächlich kann dieses Gefühl von Glück, in einer Liebesbeziehung mit jemandem zu sein, einen geringeren Grad von Intensität haben, aber nichtsdestoweniger äußerst zufriedenstellend sein.