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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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An den Buddhismus realistisch herangehen

Alexander Berzin
München, Deutschland, Juni 1996
[leicht redigierte Abschrift]
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Unterrichtseinheit 4: Die Auswirkungen der Zufluchtnahme auf unser Leben

Zufluchtnahme bedeutet, unserem Lebens eine grundlegende Ausrichtung zu geben

Wir sprachen über die verschiedenen Probleme, denen wir manchmal im Buddhismus begegnen, und konzentrierten uns dabei auf die Schwierigkeiten, die viele von uns oft haben, die buddhistischen Lehren tatsächlich in unser Leben zu integrieren. Ein anderes Gebiet das wichtig ist, um mit diesem Problem umzugehen, ist das gesamte Thema der Zufluchtnahme. Es gibt am Anfang unseres buddhistischen Pfades viele Dinge, die wir häufig trivialisieren und einfach überspringen. Für viele Leute ist die Zuflucht eines dieser Themen. Es ist ziemlich traurig, wenn das Thema der Zuflucht für uns etwas recht Triviales und Bedeutungsloses wird, denn wir berauben uns damit der Grundlage für alle buddhistischen Praktiken.

Zufluchtnahme bedeutet nicht einfach das Nachsprechen von ein paar standardisierten Sätzen, das Abschneiden eines kleinen Haarschopfs, wie es in einigen Traditionen üblich ist, und dass wir vielleicht einen buddhistischen Namen erhalten – bei all diesen Dingen handelt es sich nicht um die Essenz der Zufluchtnahme. Bei der Zufluchtnahme handelt es sich vielmehr eine ganz grundsätzliche Veränderung in Bezug darauf, welche Haltung wir dem Leben gegenüber einnehmen. Bei der Zufluchtnahme handelt es sich um einen Geisteszustand, mit dem wir aktiv eine sichere Richtung in unserem Leben einschlagen. Das heißt wir schlagen eine Richtung ein, bei der wir versuchen, uns in der Weise weiter zu entwickeln, dass wir unsere samsarischen Lebensumstände etwas besser gestalten – so wie wir das zuvor besprochen haben – oder um die Befreiung zu erlangen oder um die Erleuchtung zu erreichen, um anderen Lebewesen dadurch so umfassend wie möglich helfen zu können. Zuflucht bedeutet nicht, dass wir uns verpflichten, uns einer Art von Kult gegenüber loyal zu verhalten. Mit Kult meine ich nicht nur eine organisierte Sekte, sondern auch den Personenkult irgendeines Lehrers. Zufluchtnahme bedeutet eher eine ganz neue Ausrichtung, die wir in unserem Leben geben. Wenn diese neue Ausrichtung sich in uns gefestigt hat und tragfähig geworden ist, dann wissen wir, was wir mit unserem Leben anfangen wollen, wohin unser Leben führt, und wir spüren dann, was der Sinn und Zweck unseres Lebens ist. Dann wissen wir, dass es der Sinn unseres Lebens ist, uns weiterentwickeln.

Wenn wir eine Vorstellung davon haben, wohin wir im Leben wollen – was wir mit unserem Leben tun wollen – dann finden alle Lehren ihr Fundament in der Grundlage der Zuflucht. Wir schauen uns insbesondere die Lehre des Buddha an und vergegenwärtigen uns sein vorbildhaftes Leben, um dadurch unserem eigenen Leben eine sichere und positive Ausrichtung zu geben. Es ist nicht nötig hier lang und breit auf das Thema der Zufluchtnahme einzugehen, aber ich denke, dass die Haltung, die wir gegenüber den Lehren entwickeln, sehr hilfreich ist, die sich daraus speist, dass wir unserem Leben durch die Zufluchtnahme eine sichere Ausrichtung geben. Die Lehren im Lichte der Zufluchtnahme zu sehen bedeutet, dass wir alle Unterweisungen so betrachten, dass wir sie als relevant dafür betrachten, unser eigenes Leiden entweder zu verringern oder sogar vollständig zu beseitigen, damit wir schließlich besser in der Lage sein werden, anderen Lebewesen zu helfen. Wir nehmen die Lehren sehr ernst und vertrauen darauf, dass der Buddha sie so gelehrt hat, oder dass ein ihm nachfolgender Schüler diese Lehren aus einem einzigen Grund gelehrt hat: Nämlich um uns dabei zu unterstützen, unsere Leiden auszumerzen und anderen Lebewesen besser helfen zu können. Das ist der Sinn jeglicher Unterweisung. Wir versuchen die Inhalte dieser Unterweisungen zu verstehen, die uns dabei unterstützen, diese Ziele zu erreichen.

Was ist der tiefgründige Sinn der Ritualpraxis?

Wir wollen ein Beispiel für die verschiedenen Rituale geben, die wir häufig als unsere buddhistische Praxis bezeichnen. Alle Praktiken, in denen Gottheiten eine Rolle spielen – wie zum Beispiel bei Ritualen, Pujas und so weiter – fußen auf den Lehren des Buddha. Das heißt, ihr Zweck ist es, uns zu befähigen, unsere Probleme zu beseitigen und anderen zu helfen. Wie die Praktiken das bewerkstelligen? Zuflucht zu nehmen heißt, dass wir diese Rituale ernst nehmen und sie wirklich analysieren, um herauszufinden, wie wir durch die Praxis dieser Rituale das Ziel erreichen können, all unsere Probleme los zu werden, und anderen zu helfen. Dann wenden wir die Rituale mit dieser Absicht an. Wir versuchen uns, den Ritualpraktiken in dieser Weise zu nähern.

Die Antwort darauf, wie uns die Ritualpraktiken dabei unterstützen, Befreiung und Erleuchtung zu erlangen, ist möglicherweise nicht so offensichtlich. Das heißt aber nur, dass es herausfordernd ist, eine Antwort zu finden. Wenn wir durch die Haltung des Zufluchtnehmens bislang keine sichere Richtung in unseren Leben gefunden haben, dann werden all diese verschiedenen Ritualpraktiken für unser Leben unbedeutend sein – sie werden uns dann nicht wirklich die berühren und werden deshalb wenig oder gar keinen Effekt auf uns haben. Wenn wir tatsächlich eine solche Haltung gegenüber diesen Praktiken entwickelt, dass wir denken: „Diese Ritualpraktiken sind nur so eine Art von exotischen, orientalischen Rituale, die, wenn wir gut drauf sind, vielleicht ganz angenehm auszuführen sind, aber in schlechten Zeiten sind sie etwas Aufgesetztes und eine Bürde“ – wenn wir diesen Praktiken gegenüber eine solche Einstellung haben, dann wird gar nichts dabei heraus kommen. Die Praktiken werden dann überhaupt keinen positiven Effekt auf uns haben. Diesem Mangel an förderlichen Effekt liegt zugrunde, dass wir die Unterweisungen nicht wirklich sehr ernst nehmen. Wir haben nicht wirklich diese Geisteshaltung der Offenheit und des Respekts für den Buddha oder die Tatsache, dass er Praktiken lehrte, die uns helfen könnten. Er hat nicht einfach nur Dinge gelehrt, die entweder ganz amüsant sind oder die schrecklich langweilig sind und die wir aus Pflichtgefühl oder Schuldgefühlen auszuüben haben, um zu den „Guten“ zu gehören und ein „guter Buddhist“ zu sein.

Diese Punkte lassen sich nicht nur auf diese Formen von Ritualpraktiken übertragen, sondern auf die Gesamtheit der Lehren. Wir hören alle möglichen sehr befremdlichen Dinge in den buddhistischen Unterweisungen. Manchmal sind Aussagen der buddhistischen Lehre deshalb befremdlich, weil es Probleme bei der Übersetzung gab. Es gibt zahlreiche Beispiele von übersetzten Begriffen, bei denen das in westliche Sprachen übersetzte Wort nur eine völlig unzureichende Interpretation des ursprünglichen Begriffs abgibt. Meine Lieblingsbeispiele für solche fehlerhaften Übersetzungen sind: Tugend und Untugend (Laster), Verdienst, Sünde usw. Bei all diesen Begriffen handelt es sich um christliche Terminologie. Es sind keine buddhistischen Begriffe. All diese Begriffe kreisen um die Vorstellung von einem „ICH SOLLTE“ oder „DU SOLLTEST“. „Ich sollte dies tun und ich sollte das tun. Wenn ich das tue, bin ich gut, und wenn ich das nicht tue, dann bin ich ein schlechter Mensch.“ All diese Begriffe sind mit einem verurteilenden Hintergrundsmuster verbunden, das einen Gott als Richter beinhaltet. Doch das geht völlig an dem vorbei, womit sich der Buddhismus befasst.

Wenn wir in Bezug auf die Lehren des Buddha verwirrt sind und mit den Unterweisungen unsere Schwierigkeiten haben, müssen wir zuerst ein mögliches Problem in der Übersetzung in Betracht ziehen. Es ist sehr wichtig, diesen Schritt einzufügen. Wie ich aber schon sagte, gibt es viele befremdliche Dinge in den Lehren wie zum Beispiel die Aussagen über die Höllenbereiche oder über den Berg Meru und solche Sachen. Wir können sie betrachten und sagen: „Das ist dummes Zeug; ich mag das nicht“ oder wir können versuchen, die hinter diesen Aussagen liegende Intention herauszufinden, die als Vermächtnis gilt, um uns zu einer besseren Wiedergeburt, zur Befreiung oder zur Erleuchtung zu verhelfen. Hätten wir eine sichere Ausrichtung der Zuflucht in unserem Leben, würden wir versuchen, all diese Lehren zu verstehen und würden sie nicht bloß einfach verwerfen.

Geschichten über Unterweisungen

Ich erinnere mich an Unterweisungen über Karma, die ich einmal erhalten habe. Serkong Rinpoche erklärte Karma gewöhnlich mit klassischen Beispielen wie dem Beispiel von der Person, die einen Gold-scheißenden Elefanten besaß. Immer wenn dieser Mensch versuchte, den Elefanten loszuwerden, weil er so große Menschenmengen und soviel Aufhebens anzog, konnte er sich nicht von ihm befreien. Der Elefant kam immer wieder zurück. Als westlicher Mensch hören wir so eine Geschichte an und sagen: „Bitte weitergehen im Text! Die Geschichte ist wirklich lächerlich.“ Wir schämen uns auch ein bisschen für solche Geschichten. Wir würden unseren Eltern nicht wirklich ein Buch, das wir gerade lesen, zeigen, das solche Geschichten beinhaltet. Wir fürchten, unsere Eltern würden dann wirklich denken, dass wir jetzt durchgeknallt und verrückt geworden seien. Als ich diesen Punkt Serkong Rinpoche vorbrachte, war seine Antwort ziemlich interessant. Er sagte: „Hätte der Buddha sich eine gute Geschichte ausdenken wollen, dann hätte er eine bessere Geschichte als diese erfunden.“

Was Rinpoche sagte, können wir auf zweifache Weise verstehen. Eine Interpretation ist, dass wir die Geschichte völlig wörtlich verstehen, und ich bin sicher, dass es viele Menschen in traditionellen asiatischen Kulturen gibt, die diese Geschichten ziemlich wörtlich nehmen. Ich denke aber nicht, dass das die einzige Bedeutung ist, die wir aus Serkong Rinpoches Antwort ableiten können. Eine andere Möglichkeit die Geschichte zu verstehen ist, dass die Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken gemeint ist, da der Buddha uns viel besser als in dieser Weise hätte unterhalten können. Die Geschichte hat aber die Absicht, uns eine Lehre zu erteilen. Es gibt bei uns im Westen auch eine ähnliche, mündlich überlieferte Tradition. Es gibt verschiedene Arten von Erzählungen wie Fabeln, Legenden, Mythen und Märchen, die zu allen Zeiten erzählt werden. Jede Erzählung erteilt uns dabei eine Lehre, gewöhnlich in Bezug auf den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, und das ist eine gültige und sehr wirksame Lehrmethode. Wir müssen nicht nur mittels einer systematischen Auflistung von Punkten lehren, sondern wir können mithilfe dieser Gattung von Geschichten lehren.

Nochmals: Wenn unsere Zuflucht sehr stark ausgeprägt ist, dann versuchen wir zu verstehen, was damit inhaltlich gemeint sein könnte, wenn wir all diese unglaublichen Dinge in den Texten lesen wie: „Es gibt Millionen von Buddhas in Millionen von Buddhafeldern und in jeder kleinen Pore eines jeden Buddha gibt es Millionen anderer Buddhafelder“. Es geht in diesen Schriften zweifellos darum, dass die Aussagen mich auf meinem Pfad unterstützen wollen, und nicht nur irgendeine dummen Person irgendwo im Universum, die dieses Zeugs glauben würde. Es geht darum, dass diese Geschichten mir helfen können, meine eigenen Probleme im Leben zu überwinden. Und es geht auch darum, dass diese Geschichten mir helfen können, anderen Menschen besser unterstützen zu können. „Wie können die Texte uns diese Unterstützung geben? Welche Lehre können sie uns vermitteln?“ Wenn wir eine solche Geisteshaltung entwickeln, können wir viel einfacher damit beginnen, alle Unterweisungen auf uns persönlich zu beziehen.

Die Teile des Puzzle zusammenfügen

Es ist sehr wichtig die grundlegenden Lehrmethoden des Buddhismus zu verstehen. Am Anfang besteht die Methode darin, dass man dem Studenten Teile des Puzzles gibt. Es liegt dann am Studenten, wie er die Teile des Puzzles zusammenfügt. Ein geschickter Lehrer gibt uns nicht alle Teile des Puzzles auf einmal. Wir müssen um mehrere Puzzleteile bitten. Fragen wir nicht nach weiteren Puzzleteilen, heißt das, dass wir nicht wirklich interessiert sind, nicht wirklich motiviert sind. Wenn uns daher der Lehrer mehr gegeben hätte, wäre das nur eine Verschwendung gewesen.

Die Lehren in dieser Weise zu präsentieren, hilft dem Studenten dabei, Enthusiasmus, Geduld und beharrliches Bemühen zu entwickeln – also all diese Faktoren, die es den Lehren ermöglichen, in uns Wurzeln zu schlagen. Die Vorgehensweise der buddhistischen Lehren ist dabei, nicht bloß eine Kopie von einer Computerdatei anzufertigen und sie auf einen leeren Datenträger zu brennen. Beim Lehren handelt es sich nicht bloß um die Vermittlung von Informationen vom Lehrer an den Schüler. Der ganze Vorgang des Lehrens zielt darauf ab, dass wir als Student unsere Persönlichkeit weiter entwickeln.

Wir müssen folglich die Unterweisungen in dieser Weise angehen, nicht ungeduldig werden und uns beklagen: „Die Lehrer haben uns nicht alle Punkte erklärt“ oder „Was du gesagt hast ist unklar“ und so weiter. Wir müssen die verschiedenen Teile des Puzzles zusammenfügen und dann daran arbeiten – versuchen Sie das Puzzle zusammenzusetzen. Versuchen Sie bitte herauszufinden, was die einzelnen Puzzleteile wirklich bedeuteten. Wie lassen sich die einzelnen Puzzleteile auf mein Leben beziehen. Die Zufluchtnahme hilft uns, dem Lernprozess gegenüber eine offene Haltung zu entwickeln. Das ist es, worum es bei der Zufluchtnahme geht.

Vorläufige und letztendliche Quellen der Zuflucht

Der andere Punkt in Bezug auf die Zufluchtnahme ist folgender: Wohin wenden wir uns, wenn das Leben schwierig ist und die Dinge nur mäßig laufen? Einige Menschen gehen zum Kühlschrank, wenn ihnen etwas Unangenehmes widerfährt; oder sie öffnen den Kühlschrank, wenn sie anfangen, innerlich unruhig zu werden. Oder sie wenden sich vielleicht dem Alkohol zu, oder sie nehme Zuflucht bei Drogen, Sex oder Sport. Es gibt so viele verschiedene Dinge, zu denen Menschen Zuflucht nehmen. Es ist ziemlich interessant diesen Aspekt der Zuflucht in uns selbst zu untersuchen. Wenn das Leben wirklich hart ist – wo suchen wir unsere Zuflucht, an wen wenden wir uns dann? Wenden wir uns an einen Freund? Suchen wir Zuflucht bei einem Drink? Wir können sagen: „Aber ich SOLLTE mich an Buddha, Dharma und Sangha wenden.“ Das wird aber schnell ein bisschen ungemütlich, weil diese Einstellung leicht zu einer Haltung verkümmert, bei der man denkt: „Lieber Gott, hilf mir bitte – Lieber Buddha, hilf mir“.

Die Unterweisungen sprechen von vorläufiger Zufluchtnahme und letztendlicher Zufluchtnahme. Lassen sie mich ein Beispiel aus meinem eigenen Leben anführen: Wenn ich nervös, unruhig oder über etwas verärgert bin, dann neige ich dazu, zum Kühlschrank zu gehen. Ich esse dann etwas, das ich wirklich mag, und das hilft mir dann ein wenig. Erinnern Sie sich? Wir sprachen über die erste edle Wahrheit: Das Leben ist schwierig. Es ist notwendig, diese Wahrheit zumindest ein wenig zu akzeptieren. Ich weiß wie es bei mir ist, wenn meine Energie-Winde ein klein bisschen unruhig oder unausgeglichen sind. Wenn ich dann etwas esse, insbesondere Vollkornbrot, dann drückt das diese Winde nieder und gibt mir etwas mehr Stabilität. Wie bei der Einnahme von Aspirin, wenn wir uns nicht gut fühlen, wissen wir genau, dass auch das Essen von Vollkornbrot nicht die letztendliche Lösung meiner Probleme bringen wird. Ich weiß das nur allzu gut. Ich sage mir dann: „Gut, ich weiß, dass mir das Vollkornbrot nur oberflächlich helfen wird, aber ich habe die tiefgründigere Zuflucht, bzw. Ausrichtung im Leben, an die ich mich wende, wenn ich mir selbst bei der Lösung eines Problems wirklich helfen möchte“

Natürlich müssen wir hier differenzieren. Denn wenn die provisorische Unterstützung, die einzige beteiligte Variable wäre, um mit dem Problem umzugehen, dann könnten wir uns sagen: „Wenn ich mir Heroin spritze, dann ist das eben mein provisorisches Aspirin, auch wenn ich weiß, wie ich das Problem besser lösen könnte.“ Es gibt einen Unterschied zwischen dem Essen einer Tafel Schokolade und dem Spritzen von Heroin. Wir müssen sicherstellen, dass jegliche vorläufige Zuflucht, bei der wir Schutz suchen, keine Zuflucht ist, die uns oder anderen in grober Weise schadet. Es sollte nicht so sein: „Ich fühle mich wirklich gut, wenn ich loszuziehen und einen Hasen schieße. Wenn ich gereizt bin und mich unruhig fühle, ziehe ich daher los und töte ein Tier. Dann fühle ich mich besser.“

Daher müssen wir ein bisschen an dem Thema arbeiten: „Wohin wende ich mich wirklich in Zeiten der Not?“ und nicht: „Ich SOLLTE mich an Buddha, Dharma und Sangha wenden, daher sitze ich hier und meditiere. Wenn ich stattdessen Kekse esse, so bedeutet das, dass ich ein schlechter Mensch bin oder ein schlechter Buddhist bin.“ Es ist in Ordnung, dieses Aspirin zu nehmen, diese Kekse zu essen oder die Schokolade, oder was immer es auch sein mag – wie zum Beispiel mit jemanden zu telefonieren – das ist vollkommen in Ordnung, solang uns klar ist, dass diese provisorische Zuflucht nicht die letztendliche Lösung ist. Wenn wir die provisorische Zuflucht für die tiefgründigste Lösung halten, werden wir enttäuscht sein, wenn wir damit keinen Erfolg haben werden. Jeglicher Trost, den uns die provisorische Zuflucht bieten kann, wird unmöglich andauern. Die Tröstung ist lediglich oberflächlich. Schließlich ist das Leben schwierig. Das sind einige Gesichtspunkte zum Thema der Zufluchtnahme.

Gibt es irgendwelche Fragen?

Biblische Ethik

Teilnehmer: [übersetzt] Hätte ich den Wunsch, einen Hasen zu schießen, dann würde mir auch die Idee kommen: „Ich sollte keine Hasen schießen.“ Da kommt wieder diese Vorstellung von „ich sollte“ auf.

Alex: Vielleicht müssen wir aufhören, nur kleine Pinselstriche auf den Teil des Gemäldes von „sollte“ und „sollte nicht“ zu malen, und näher auf dieses Thema eingehen.

Die Diskussion um „ich sollte“ oder „ich sollte nicht“ behandelt verschiedene Aspekte: Ethik, die ganze Herangehensweise an das Thema der Ethik und auch die Belehrungen über die Leerheit.

Biblische Ethik zum Beispiel ist ein System, das auf einer höheren Autorität basiert, die bestimmte Regeln und Gesetze erließ. Daher beinhaltet die Ethik in einem solchen System grundsätzlich, gehorsam zu sein. Eine ethische Person in diesem Zusammenhang ist eine gehorsame Person, die diesen höheren Regeln gehorcht. Gehorchen wir den Regeln, sind wir gut. Missachten wir sie, sind wir schlecht und werden bestraft. Diese höhere Autorität bewirkt bei uns eine gewisse grundlegende emotionale Reaktion. Gehorchen wir dieser höheren Autorität, wird uns diese höhere Autorität mögen und belohnen. Gehorchen wir nicht, wird diese höhere Autorität uns nicht mögen, uns nicht mehr lieben und uns bestrafen. Das ist die emotionale Beschaffenheit dieser Form von Ethik.

Wir können über eine solche Autorität in Form von Gott sprechen oder in Form unserer Eltern. Wir projizieren eine solche Autorität auch auf unsere Eltern, die immer zu uns gesagt haben: „Sei ein gutes Mädchen, sei ein guter Bub, sei nicht böse.“ Gehorchen wir nicht, denken wir, wir seien böse, und wir haben dann das Gefühl, dass sie uns nicht mehr lieben würden und daher wollen wir ihnen gefallen. Unser ethisches Verhalten gründet sich auf dem Wunsch, dieser höheren Autorität, die die Regeln festgelegt hat, zu gefallen.

Für die meisten von uns, die in Kulturen aufgewachsen sind, die der Bibel folgen, basiert daher die ganze Ethik auf „ich sollte“ und „ich sollte nicht“. Wir wollen wissen: „Was soll ich tun?“, damit wir dann, wenn wir tun, was von anderen erwartet wird, von anderen gemocht werden, von anderen belohnt werden, und damit die Dinge dann insgesamt gut ausgehen werden. Auch wenn auf einer Ebene das eben Erklärte ein wenig zu vereinfacht klingt, so ist es doch erstaunlich, wie sehr wir gewohnt sind, in dieser Weise zu handeln. Kommen wir in eine neue Situation, möchten wir wissen, was ICH TUN SOLLTE: „Was soll ich tun?“ Wir wollen, dass uns jemand die Regeln erklärt. Solang wir die Regeln kennen, wissen wir, welchen Regeln und Vorschriften wir zu gehorchen haben, und fühlen uns dann beim Befolgen der Regeln und Vorschriften wohl und behaglich. Wenn wir die Regeln befolgen, dann ist alles in Ordnung, dann haben wir alles unter Kontrolle und wir fühlen uns sicher.

Das Thema, alles unter Kontrolle zu haben

Dieser Punkt berührt die Frage des „Kontrolle Ausübens“ und „alles im Griff zu haben“. Wenn wir alle Gesetze kennen und wissen, was wir brauchen, um sie zu befolgen, glauben wir die Situation unter Kontrolle zu haben, wenn wir die Regeln dann tatsächlich befolgen. Wir glauben dann zu wissen, was geschehen wird, sodass es uns ein klein bisschen sicherer macht, all die Regeln zu kennen. Begegnen wir dem Leben mit dieser Haltung, die Kontrolle behalten zu wollen, mit dieser Haltung des Gehorsams, dass diese Regeln eingehalten werden und dadurch dann alles in Ordnung ist, dann gründen wir unser Verhalten in gewisser Weise tatsächlich auf dem Gefühl, gut sein zu wollen und anderen gefallen zu wollen.

Diese Vorgehensweise gründet sich sehr auf dem Konzept eines soliden ICH und eines festen DU, das die Regeln vorgibt. Auf diese Weise sind wir immer um dieses ICH besorgt, das zurückgewiesen oder fallengelassen werden könnte, wenn wir uns schlecht verhalten oder „böse“ sind – wir sind gewissermaßen ständig in Sorge, aus dem Garten Eden hinausgeworfen zu werden. Aufgrund dieser ständigen Voreingenommenheit bezüglich eines soliden ICH, empfinden wir alle diese Angst, nicht gut genug zu sein, und beschäftigen uns mit der Fragen, wie wir alles in Griff bekommen können – diese Sorge, die Kontrolle zu verlieren. Wir glauben, dass die einzige Alternative sei, in ein absolutes Chaos zu fallen. Diese Sorge dem Chaos zu verfallen gleicht der Angst, dass es sich zu einem Chaos entwickeln könnte, wenn wir unsere Schutzmauern niederreißen und keinen Verteidigungswall mehr aufrecht erhalten werden. Wir neigen im Westen häufig dazu, diese Sorge als unser kulturelles Erbe zu haben, diese Art von Haltung der Ethik gegenüber, die sich auf ein „ich sollte“ und ein „ich sollte nicht“ gründet und Regeln befolgt.

Wenn wir im Besitz einer solchen Geisteshaltung sind, neigen wir dann dazu, die buddhistische Lehre in eben dieser Weise auf uns selbst zu beziehen und uns mit der buddhistischen Lehre in dieser Weise auseinanderzusetzen. Wir betrachten die buddhistische Ethik auch im Sinne von Regeln, die vorschreiben, was „ich tun sollte“ oder was „ich nicht tun sollte“. „Ich sollte nicht töten. Ich sollte meine Rezitationspraxis jeden Tag machen. Mache ich sie nicht, bin ich ein schlechter Mensch und meine Gurus werden mich dann nicht mehr lieben. Sie werden unzufrieden sein und mich nicht mehr mögen.“

Jemand erwähnte während der Mittagspause, dass es manchmal sehr schwer ist, die Unterweisungen, die uns unser Guru gibt, wirklich zu befolgen. Trotzdem wollen wir ein guter Schüler sein. Wir wollen gemocht werden und unseren Lehrer zufrieden stellen. Statt dem zu folgen, was uns unser Lehrer gelehrt hat, nehmen wir eine Art von Kultmentalität diesem Lehrer gegenüber ein, die sich auf dem Denken gründet: „Mein Lehrer ist besser als jeder andere Lehrer“. Wir glauben, möglicherweise unbewusst, dass unserem Lehrer eine solche Einstellung gefallen könnte. Statt unserem Lehrer gegenüber loyal zu sein, indem wir die Lehre des Buddha in die Praxis umsetzen, denken wir, dass es loyal sei, ihn oder sie zu verehren. So packen wir auf die verkehrte Vorstellung von „ich sollte“ und „ich sollte das nicht tun“ noch zusätzlich die Verehrung unseres Lehrers als ein Idol oben drauf, wie bei einem Kult. Wir machen das, weil es schwierig ist, den Dharma, den unser Lehrer uns lehrt, in die Praxis umzusetzen.

Buddhistische Ethik

Die westliche Ethik besteht gegenwärtig aus einer Kombination von biblischer Herangehensweise und griechisch-antikem Anspruchsdenken. In der griechischen Version westliche Ethik werden die Gesetze durch die Legislatur der Bürger gemacht, statt dass die Gesetze von einer höheren Autorität im Himmel gegeben werden. Die Bürger kommen zusammen und beschließen die Gesetze zum Wohl der Gesellschaft. Dann gilt wieder die Frage: „Wenn du dich an die Gesetze hältst, dann laufen die Dinge gut; wenn du die Gesetze missachtest, dann wirst du ins Gefängnis geworfen und als schlechter Bürger der Gesellschaft bestraft.“

In der westlichen Gesellschaft werden die biblische Ethik und die zivile Ethik auf eine interessante Weise miteinander kombiniert, aber keine von beiden ist für die buddhistische Ethik relevant. Der zentrale Punkt der buddhistischen Ethik ist nicht, herauszufinden wie die Gesetze beschaffen sind. Und der Punkt ist auch nicht, wenn wir die Gesetze erst einmal klar definiert haben, dass dann alles, was wir noch zu tun hätten wäre, die Gesetze einzuhalten. Das ist überhaupt nicht der Ausrichtung buddhistische Ethik. Der Buddha sagte grundsätzlich nicht, was wir „tun sollten“ oder „nicht tun sollten“. Der Buddha hat uns erklärt: „Wenn du so handelst, entsteht dieses Ergebnis. Wenn du anders handelst, ergibt sich daraus diese andere Folge.“ Mit anderen Worten: Es liegt bei uns, was wir tun wollen. Es ist unsere Wahl, was wir tun wollen. Wenn wir damit fortfahren, unsere Köpfe gegen die Wand zu hauen, fahren wir damit fort, uns weh zu tun. Wenn wir damit aufhören, unsere Köpfe gegen die Wand zu knallen, dann werden wir schließlich glücklicher sein. Er sagte nicht: „Du solltest aufhören deinen Kopf gegen die Wand zu schlagen.“ Der Buddha erläutert lediglich, welche Folgen es haben wird, wenn du deinen Kopf ständig gegen die Wand haust, und er erläutert, was passiert, wenn du deinen Kopf nicht gegen die Wand knallst.

Es liegt also bei jedem Einzelnen zwischen unterschiedlichen Handlungen zu differenzieren. Und es liegt bei jedem Einzelnen, eine Wahl zu treffen. Wenn wir unser Leid beenden wollen und wenn wir aufhören wollen, uns selbst Probleme zu schaffen, müssen wir unser Verhalten auf die eine oder andere Weise ändern. Wenn uns das egal ist ... gut, dann war’s das. Dann ändern Sie nichts. Es ist keine Frage von gut oder schlecht. Es ist einfach nur die Frage: „Willst du das Leiden weiterhin erleben, dann ist das deine Entscheidung – es ist dein Vorrecht, dich so zu entscheiden. Willst du das Leiden beenden, musst du dein Verhalten ändern“. Das leugnet nicht, dass es in der Gesellschaft nötig ist, bestimmte Gesetze zu erlassen. Wir müssen noch immer Kriminelle ins Gefängnis stecken, damit sie nicht weiter herumlaufen und anderen Menschen töten. Die buddhistische Ethik steht nicht im Widerspruch dazu.

In unserer persönlichen Entwicklung entfalten wir uns dann, indem wir „unterscheidendes Gewahrsein“ oder „Weisheit“ entwickeln. Wir müssen zwischen dem, was für uns und andere hilfreich ist, und dem, was für uns und andere schädlich ist, unterscheiden. Es ist schwieriger zu wissen, was anderen Lebewesen schadet, daher liegt der Schwerpunkt der Ethik darauf, die Dinge zu vermeiden, die uns und anderen Lebewesen schaden. So könnten wir beispielsweise jemanden eine Rose schenken – mit der Absicht ihn glücklich zu machen. Der Beschenkte bekommt daraufhin aber eine allergische Reaktion. Es ist sehr schwer zu wissen, wie man anderen Lebewesen wirklich helfen kann. Daher liegt die Betonung hier auf der Unterscheidung zwischen dem, was für uns selbst schädlich ist und was für uns selbst nützlich ist – das ist einfacher zu unterscheiden. Es ist keine Frage von „ich sollte dies tun oder ich sollte das tun“. Anstatt das mit diesem Punkt verstehen, gehen wir häufig zu unseren Lehrern mit Fragen wie: „Sag’ mir was ich tun soll. Wie soll ich praktizieren? Was soll ich tun?“ Das ist nicht hilfreich.

Mit der Angst vor Strafe umgehen

Teilnehmer: Nun da ich diesen Aspekt über die karmische Wahrheit von Ursache und Wirkung für mich entdeckt habe, empfinde ich noch immer dieses Gefühl von Angst, wenn ich unheilsam handle, ich habe Angst vor Strafe. Ich möchte gern in der Lage sein, eine wirklich freie Wahl zu haben, in dem was ich tue; in meiner Wahl möchte ich gerne frei von Angst sein. Ich möchte meine Wahl gerne auf eine gesunde Art treffen, und ich möchte nicht versuchen, mich von dem Leid bringendem Verhalten nur aus Angst zu befreien. Es ist kindisch und das mag ich nicht. Wie kann ich mich also darin üben, mich darin trainieren, diese Angst und diese Schuldgefühle loszuwerden?

Alex: Angst gründet sich auf dem Greifen nach einem soliden ICH. Wir denken, dass es da ein solides Ich gibt und wir wollen, dass andere dieses feste Ich anerkennen, und wir fürchten uns vor Missachtung und Strafe. Wir haben Angst. Wir können diese fehlerhafte Vorstellung entweder haben, wenn diese nur das „Ich“ betrifft, oder wir können diese fehlerhafte Wahrnehmung dadurch weiter verschlimmern, dass wir an eine dauerhaft existierende Autoritätsfigur glauben, dem dieses solide „Ich“ gefallen möchte und das von der Autorität akzeptiert werden will. Das kompliziert die Situation nur weiter, da wir Angst davor haben, von dieser dauerhaft existierenden Autoritätsfigur verlassen zu werden.

Ich weiß, dass es nicht wirklich fair ist wie ich das erkläre, aber wir müssen wirklich viel tiefer in die Erörterung der Leerheit eindringen, um nicht auf diese profunden Lehren des Buddhismus so zu reagieren, dass wir wieder denken: „Ich bin schlecht, ich bin dumm, weil ich das nicht verstehe“, oder dass wir ins andere Extrem fallen, indem wir sagen: „Ich existiere gar nicht.“ Deshalb möchte ich Leerheit jetzt ein bisschen näher erläutert.

Trügerische Erscheinungen

Grundsätzlich lässt der Geist Dinge auf eine Art erscheinen, die der Realität nicht entsprechen. Dies geschieht automatisch. Wir erleben alle eine Stimme in unserem Kopf, und unserem Geist erscheint es so, als ob jemand in uns drinnen reden würde. Es scheint als ob es da einen Autor der Stimme gäbe, der da zu uns spricht und sagt: „Was soll ich jetzt machen? Oh nein, das wird geschehen“. Es erscheint uns so und wir denken, dass der Autor dieser Stimme ICH ist, ein konkret existierendes ICH.

Wenn wir über die sogenannten „trügerischen Erscheinungen“ sprechen, dann sprechen wir über die normale Art von Erscheinungen, die wir alle haben, so wie diese. Unser Geist lässt es so erscheinen, als ob da in uns drinnen eine kleine Person „Ich“ wäre, die hinter dem Kontrollschalter in unserem Kopf sitzt. Alle Informationen werden an die Augen und Ohren weitergeleitet, dann sagt dieses kleine Ich: „Oh, was soll ich jetzt bloß machen? Vielleicht sollte ich dies tun, vielleicht sollte ich das tun. Oh, ich werde dies tun...“ und drückt den Knopf, der dann die Stimme dieses sagen lässt oder den Körper jenes tun lässt.

Es ist diese Vorstellung von einem festen Ich, von der wir glauben, dass sie wahr wäre. Es handelt sich jedoch lediglich um die Art und Weise wie der Geist Dinge trügerisch erscheinen lässt. Und eben diese trügerische Erscheinung ist die Grundlage für die Angst, die wir in Bezug auf den ganzen Symptomenkomplex von: „Ich soll dies tun. Was soll ich bloß tun?“ und „Ich möchte gut sein“ und „Ich möchte kein schlechter Mensch sein“ haben. Die Wahrheit ist aber, dass es da keine solide, kleine Figur in unseren Köpfen gibt. Wo sollte sich diese kleine Gestalt in unserem Kopf befinden? Wo ist die Stimme in uns, die so besorgt darüber ist, was wir tun sollen und sich so davor fürchtet, das Falsche zu tun. Wenn wir nach uns selbst als solch ein wirklich existierendes „Ich“ greifen – und dieses Wort greifen ist nicht so leicht zu verstehen – bekommen wir es mit der Angst zu tun.

Greifen

Lassen Sie uns das Wort greifen näher untersuchen. Das Bild, das mir immer in den Sinn kommt, ist das einer Ratte, die in einem Wassertümpel zu ertrinken droht und nach allem greift was vorbeischwimmt, also nach Dingen Greift, die die Ratte irgendwie über Wasser halten könnten und so am Ertrinken hindern. Wenn wir über das Greifen sprechen, dann sprechen wir über eine Situation, die wir als ausweglos erleben und in der wir viel Unsicherheit und Verwirrung erleben. Daher greifen wir, wie diese ertrinkende Ratte, nach allen möglichen Dingen, um die Situation irgendwie zu stabilisieren. Wenn wir zum Beispiel mit einem anderen Menschen Schwierigkeiten haben und uns streiten, dann greifen wir nach allem, was die andere Person tut oder sagt und denken uns: „Ah! Das heißt, dass du mich nicht wirklich liebst“ oder „das heißt, dass du mich überhaupt nicht liebst“.

Oder die Beziehung zu einem anderen Menschen gestaltet sich als schwierig und die andere Person macht uns wiederholt nieder und tut uns irgendwelche absurden, sehr üblen Dinge an. Wir wollen das aber nicht wirklich zugeben und haben Angst verlassen zu werden und greifen daher nach irgendetwas. Sagen wir, dass wir mit jemanden Sex haben, und auch wenn die andere Person uns nur für ihre eigene sexuelle Befriedigung benutzt, halten wir an der Beziehungen fest und denken: „Wenn die andere Person Sex mit mir hat, bedeutet das zumindest, dass diese Person mich wirklich liebt“. Und wir klammern uns dann fest an diese Beziehung wie eine ertrinkende Ratte, da wir uns sonst davor fürchten zu ertrinken oder verlassen zu werden.

Das Leben ist dieser Situation sehr ähnlich. Es ist erschreckend. Wir wissen nicht was zu tun ist. Es ist verwirrend. Wir wollen etwas Stabiles und greifen daher nach irgendwelchen Mythen, die wir projizieren. Wir greifen nach etwas, von dem wir annehmen, dass wir uns dadurch stabiler und sicher fühlen, etwas das uns ein Gefühl von wahrer, solider Existenz vermittelt. Wir greifen zum Beispiel nach der Stimme in unseren Köpfen und denken: „Das bin ich!“; oder wir greifen nach irgendetwas anderem – nach unserem Körper, unserem Beruf, unserem Auto, unserem Hund, nach was auch immer. Es handelt sich dabei um einen sehr komplexen Vorgang – wir haben hier wirklich nicht genug Zeit, um näher darauf einzugehen. Das tief sitzende Gefühl, dass ich ertrinken werde, wenn ich mich nicht an etwas klammere, ist aber vorhanden, ob bewusst oder unbewusst.

Ein ähnliches Verhalten zeigen wir den Gesetzen gegenüber. Wir klammern uns an das, was ich tun sollte und was ich nicht tun sollte, da wir annehmen, dass wir ertrinken werden, wenn wir diese Struktur nicht haben und die Dinge nicht kontrollieren können. Die Wahrheit ist, dass wir schwimmen können. Wir haben die Wahlfreiheit, uns für das Schwimmen zu entscheiden; wir können schwimmen. Wir müssen nicht Hilfe suchend die Hände ausstrecken und uns an irgendwelche schwimmenden Gegenstände dranhängen. Wir können mit dem Leben in einer sehr spontanen und offenen Weise umgehen. Natürlich geht das nur mit Hilfe der Weisheit, mit der wir zwischen dem unterscheiden, was hilfreich ist und dem, was Leid bringend ist. Aber dieses Wissen darüber, was hilfreich und was schädlich ist, ist nicht die Art von Wissen, die wie eine starre Sammlung von Regeln in Stein gemeißelt ist.

Verbale konzeptuelle Gedanken

Bei einigen Leuten arbeitet der Geist konzeptuell mit dem Klang von Worten. Das ist in Ordnung. So ist es eben. Keine große Sache. Das ist keine große, weltbewegende Sache. Obwohl es so scheint als ob da irgendeine kleine Gestalt in uns drinnen ist, die diese Worte spricht, ist da überhaupt nichts dergleichen. Der Klang der Worte in unserem Kopf ist einfach nur die Art wie unser Geist funktioniert. Unser Geist arbeitet mit konzeptuellen Gedanken, die für gewöhnlich mit dem Klang von Worten verbunden sind.

Wir können noch immer Entscheidungen treffen und machen das auch auf der Grundlage des Denkens mit Worten, aber ohne diese Idee eines soliden Ichs, das im Inneren unseres Kopfes spricht und sich darüber sorgt: „Was soll ich bloß tun?“ und das so viel Angst davor hat, das Falsche zu tun. Handeln Sie einfach. Handeln Sie in Ihrem Leben einfach mithilfe dieser Unterscheidung zwischen dem, was hilfreich ist, und dem, was schädlich ist. Natürlich wollen wir nicht etwas tun, was Leid verursacht, aber wir sollten versuchen, uns nicht zu sehr aufzublasen und zu denken, dass „Ich“ für alles was geschieht vollkommen verantwortlich bin. Wir sind es nicht. Wir können zu einer Situation beitragen, aber wir sind nicht die einzige Ursache. Wir können uns einerseits vor den Konsequenzen fürchten, anderen Lebewesen Leid zuzufügen, aber wir brauchen nicht in Angst zu erstarren und dann gar nicht handeln, weil wir befürchten, es könnte passieren.

Wir können uns innig wünschen, anderen Lebewesen kein Leid zuzufügen, aber das ist sehr verschieden davon, Angst davor zu haben, anderen könnte Leid geschehen. Es handelt sich hier um eine Absicht, die viel Kraft besitzt: „Ich möchte kein Leid verursachen. Ich werde versuchen, anderen Lebewesen kein Leid zuzufügen. Ich will anderen kein Leid antun oder mir selbst Schaden zufügen“. Da gibt es kein kleines solides „Ich“ in mir drinnen, das in Bezug auf diese ganzen Dinge vor Furcht zittert. Um dies zu erkennen, müssen wir sehr sorgfältig vermeiden, das konventionelle „Ich“ zu negieren: „Ich bin hier und ich möchte dies machen und ich möchte das nicht machen“ und so weiter. „Ich möchte kein Leid erfahren“. Das konventionelle Ich existiert nur durch die Wortbezeichnung Ich, etikettiert auf der Grundlage der Kontinuität von Momenten unserer persönlichen Erfahrung.

Kurz gesagt: Der einzige Weg, um die Furcht zu überwinden – auch wenn das nicht einfach ist – geht über das Verstehen von Leerheit. Auf der einen Seite gibt es nichts, das wir befürchten müssen und niemand, der zu fürchten ist. Auf der anderen Seite müssen wir vorsichtig sein, uns nicht vollkommen zu negieren, so als ob wir gar nicht existierten. Es ist sehr wichtig, einen mittleren Pfad zu beschreiten, der uns nicht in ein Extrem von Furcht leitet oder in ein Extrem von „es macht nichts aus, was ich mache, da ich nicht wirklich existiere“. Wenn wir uns über Dinge Sorgen machen wie: „Was soll ich tun?“ und „Ich will gut sein, ich will nicht böse sein.“ – wenn solche Gedanken in uns aufsteigen, dann müssen wir versuchen zu erkennen, dass diese Gedanken aus der fehlerhaften Wahrnehmung entstehen, dass es in uns drinnen ein kleines, solides „Ich“ gäbe, das noch ein kleines Kind ist, das wimmert: „Was soll ich tun?“

Buddhas Methode des Lehrens

Ein Beispiel für eine Methode wie der Buddha gelehrt hat das „Ich“ richtig zu begreifen, ist das einer Mutter, die einmal mit ihrem toten Baby zum Buddha kam. Sie flehte den Buddha mit den Worten an: „Buddha, bitte erwecke mein Baby wieder zu Leben.“ Der Buddha antwortete: „OK, aber bringe mir zuerst ein Senfkorn aus dem Haus einer Familie, die niemals vom Tod heimgesucht wurde und dann sprechen wir darüber“. Die Mutter besuchte Haus um Haus und bald erkannte sie, dass der Tod zu jedem kommt, zu allen Familien. Auf diese Weise schloss sie mit dem Tod ihres Kindes ihren Frieden. Sie verstand es von selbst. Der Buddha sagte nicht: „Du solltest mir solche Fragen nicht stellen. Es ist dumm solche Fragen zu stellen, da jeder stirbt. Vergegenwärtige dir Vergänglichkeit und Tod. Du bist ein schlechter Mensch, weil du so etwas fragst.“ Und er sagte auch nicht: „Oh, es ist in Ordnung, dass dein Baby gestorben ist, weil dein Baby ja in den Himmel gekommen ist oder in ein Buddhafeld“. Vielmehr hat der Buddha die Umstände für die Mutter geschaffen, damit sie in der Lage war, den Tod ihres Kindes von sich aus zu verarbeiten.

Wenn wir die Teile des Dharma-Puzzles für uns selbst ebenso zusammensetzen, erzeugt das in uns einen nachhaltigeren Eindruck. Wenn wir mit der Frage zu unserem Lehrer gehen: „Was soll ich tun? Gib mir die Antwort, damit ich nicht selbst nachdenken muss, oder damit ich selbst keine Entscheidung treffen muss, da ich fürchte, die falsche Entscheidung zu treffen“, dann gefährdet eine solche Fragestellung den ganzen Prozess spirituellen Wachstums, den wir im Buddhismus anstreben. Stattdessen tragen wir – wie ich schon sagte – selbst Sorge dafür, was wir mit unserem Leben tun, und wir übernehmen auch die Verantwortung für unsere Handlungen und tragen die Verantwortung dafür, ein bestimmtes Verständnis zu erlangen. Sich selber kümmern, Sorgetragen und Sorgfältigsein, sind keine Funktionen von Furcht. Bedacht und Umsicht sind eine Funktion der Sorge oder des Besorgtseins darüber, welche Konsequenzen unsere Handlungen für uns selbst und für andere haben. Eine solche Umsicht ist ihrer Natur nach Mitgefühl, d. h. der Wunsch, vom Leiden frei zu sein. Umsichtig zu sein und sich zu kümmern, bestätigt auch die Existenz des konventionellen „Ich“ – nicht des soliden „Ich“ – das die Konsequenzen der Handlungen erfahren wird, für die wir uns entschieden haben.