Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Grundfragen zu Karma und Wiedergeburt

Nationale Universität Singapur
10. August 1988

Überarbeiteter Ausschnitt aus
Berzin, Alexander und Chodron, Thubten. Glimpse of Reality.
Singapore: Amitabha Buddhist Centre, 1999.

Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Frage: Ist die Karma-Theorie empirisch und wissenschaftlich oder wird sie aufgrund von Glauben akzeptiert?

Antwort: Die Karmavorstellung macht auf vielerlei Weise Sinn. Doch es gibt einige Missverständnisse darüber, worum es sich beim Karma handelt. Einige Menschen meinen, Karma bedeute „Schicksal“ oder „Vorsehung “. Wenn jemand von einem Auto überfahren wird oder jemand anderes im Geschäftsleben viel Geld verliert, dann wird gesagt: „Nun, Pech gehabt, das ist ihr Karma.“ Dies entspricht nicht der buddhistischen Vorstellung von Karma. Eigentlich entspricht das eher der Vorstellung vom Willen Gottes, d.h. von etwas, das wir nicht verstehen und worüber wir keinerlei Kontrolle haben.

Im Buddhismus bezieht sich das Wort Karma auf Impulse. Aufgrund unserer früheren Taten entstehen Impulse in uns, die uns im Jetzt dazu drängen, uns auf bestimmte Weisen zu verhalten. Mit Karma wird der Impuls bezeichnet, der in jemandes Geist auftaucht und denjenigen in eine Aktie investieren lässt, kurz bevor sie in den Keller geht oder kurz bevor sie im Wert steigt. Jemand anders kann den Impuls, die Straße zu überqueren zeitlich genau so verspüren , dass er oder sie dann von einem Auto überfahren wird, und nicht fünf Minuten früher oder später. Dass der Impuls sich just in dem Augenblick regt, ist das Ergebnis einer oder mehrerer vorangehender Handlungen der Person. Jemand mag zum Beispiel in einem vorangehenden Leben jemanden gefoltert oder getötet haben. Ein solches destruktives Verhalten hat zum Ergebnis, dass der Täter, normalerweise in einem anderen Leben, ebenfalls eine verkürzte Lebensdauer erfährt. Daher entstand der Impuls, die Straße zu überqueren, zeitlich genau so, dass diese Person dann von einem Auto überfahren wurde..

Jemand mag den Impuls haben einen anderen anzuschreien oder zu verletzen. Dieser Impuls entsteht aus Gewohnheiten, die man zuvor durch ein ähnliches Verhalten aufgebaut hat. Andere anzuschreien oder zu verletzen verstärkt für diese Art von Verhalten ein Potential, eine Tendenz und eine Gewohnheit, so dass wir uns in Zukunft leicht wieder so verhalten. Wütendes Schreien baut sogar in noch stärkerem Maße ein Potential, eine Tendenz und eine Gewohnheit auf, erneut einen Wutanfall zu bekommen.

Ein weiteres Beispiel ist das Zigarettenrauchen. Das Rauchen einer Zigarette wird zum Potential für das Rauchen einer nächsten. Es verstärkt ebenfalls die Tendenz und die Angewohnheit zu rauchen. Aus diesem Grund regt sich in unserem Geist, wenn die richtigen Umstände vorliegen (entweder in diesem Leben, wenn uns jemand eine Zigarette anbietet oder in einem zukünftigen, wenn wir als Kind, andere rauchen sehen), der Impuls zu rauchen, und wir tun es dann. Karma erklärt, woher der Drang zu rauchen stammt. Das Rauchen schafft nicht nur den geistigen Impuls, die Handlung zu wiederholen. Es beeinflusst auch die physiologischen Impulse im Körper – beispielsweise, vom Rauchen krebskrank zu werden. Die Karmavorstellung macht viel Sinn, da sie erklärt, woher unsere Impulse kommen.

Frage: Kann die Aufnahmefähigkeit und das Verständnis, das jemand dem Buddhismus gegenüber hat, von Karma vorbestimmt sein?

Antwort: Es gibt einen großen Unterschied zwischen „vorherbestimmt sein“ und „erklärbar sein“. Unsere Aufnahmefähigkeit und unser Verständnis des Buddhismus kann mit dem Karma erklärt werden. Das bedeutet, dass wir als Ergebnis unseres Lernens und Übens in vorangehenden Leben jetzt aufnahmefähiger für die Lehren sind. Wenn wir in der Vergangenheit ein gutes Verständnis der Lehren hatten, dann werden wir auch in diesem Leben instinktiv ein gutes Verständnis haben. Wenn wir im vorangehenden Leben sehr verwirrt waren, dann wird sich diese Verwirrung in diesem Leben fortsetzen.

Dem Buddhismus zufolge sind die Dinge allerdings nicht vorherbestimmt. Es gibt kein Schicksal und keine Vorsehung. Wenn Karma als eine Reihe von Impulsen erklärt wird, dann impliziert dies, dass die Impulse etwas sind, demgegenüber wir die Wahl haben, ob wir ihretwegen handeln oder nicht. Aufgrund der Handlungen, die wir in diesem und in den vorangehenden Leben ausgeführt haben, können wir erklären oder voraussagen, was in Zukunft geschehen kann. Wir wissen, dass konstruktive Handlungen gute Ergebnisse bringen während destruktive Handlungen zu unerwünschten Konsequenzen führen. Trotzdem hängt es von zahlreichen Faktoren ab, wie eine spezifische karmische Handlung zur Reifung kommt. Die Reifung kann von vielen Dingen beeinflusst werden. Eine Analogie wäre die folgende: wenn wir einen Ball in die Luft werfen, dann können wir voraussagen, dass er wieder herunterkommen wird. In einer ähnlichen Weise können wir aufgrund vorangehender Taten voraussagen, was in Zukunft geschehen wird. Wenn wir den Ball allerdings auffangen, dann wird er nicht auf den Boden fallen. In ähnlicher Weise können wir zwar aufgrund vorangehender Taten voraussagen, was in Zukunft geschehen wird, doch es ist weder absolut sicher, noch vom Schicksal besiegelt, noch in Stein gemeißelt, dass nur dieses Ergebnis entstehen kann. Andere Tendenzen, Handlungen, Umstände und so weiter können das Reifen des Karmas beeinflussen.

Wenn sich in unserem Geist der Impuls regt, eine gewisse Handlung auszuführen, dann haben wir eine Wahl. Wir sind nicht wie kleine Kinder, die jedem Impuls nachgeben, der ihnen durch Kopf geht. Schließlich haben wir auch gelernt, nicht mehr in die Hose zu machen; wir folgen nicht mehr unmittelbar jedem auftauchenden Impuls. Dasselbe gilt für den Impuls, jemandem etwas Verletzendes oder Grausames zu sagen. Wenn ein solcher Impuls in unserem Geist auftaucht, können wir eine Entscheidung treffen: „Soll ich das tun oder soll ich mich von einem hierdurch motivierten Verhalten zurückhalten?“ Diese Fähigkeit, nachzudenken und konstruktive Handlungen von destruktiven zu unterscheiden, ist es, die die menschlichen Wesen von den Tieren unterscheidet. Hierin liegt der große Vorteil, ein menschliches Wesen zu sein.

Weil wir genügend Freiraum in unserem Geist haben, so dass wir uns bewusst werden können, dass bestimmte Impulse aufsteigen, können wir entscheiden, was wir tun.. Ein großer Teil der buddhistischen Schulung besteht in der Entwicklung dieser Art von Bewusstheit. Wenn wir ruhiger werden, werden wir uns bewusster, was wir denken und was wir im nächsten Moment sagen oder tun wollen. Die Atemmeditation, bei der wir das Ein- und Ausatmen beobachten, gibt uns den Raum, der es uns erlaubt, die Impulse zu bemerken, sobald sie sich regen. Wir fangen an zu bemerken: „Ich habe diesen Impuls etwas zu sagen, was jemanden verletzen wird. Wenn ich es sage, wird das Probleme schaffen. Deshalb werde ich es nicht sagen.” Wir können eine Wahl treffen. Wenn wir nicht achtsam sind, dann haben wir einen solchen Sturm an Gedanken und Impulsen, dass wir nicht die Gelegenheit ergreifen, eine weise Auswahl zu treffen. Wir lassen uns dann einfach von unseren Impulsen zum Handeln mitreißen und dies führt oft zu Problemen in unserem Leben.

So können wir nicht sagen, dass alles, wie etwa unser Verständnis oder unsere Aufnahmefähigkeit des Dharmas, prädeterminiert wäre. Wir können Voraussagen treffen, doch wir haben ebenfalls den Freiraum, uns zu verändern.

Frage: Erfahren Menschen anderer Religionen ebenfalls die Wirkungen des Karmas?

Antwort: Ja. Man braucht nicht an Karma zu glauben um es zu erfahren. Wenn wir uns den Fuß stoßen, dann brauchen wir nicht an Ursachen und Wirkungen zu glauben, um den Schmerz zu empfinden. Selbst wenn wir davon überzeugt sind, das Gift ein köstliches Getränk ist, werden wir krank, wenn wir es trinken. In ähnlicher Weise gilt, dass wenn wir uns in einer bestimmten Weise verhalten, das Ergebnis dieser Handlung kommen wird, egal, ob wir an Ursachen und Wirkungen glauben oder nicht.

Frage: Bin ich die Fortsetzung einer anderen Person, die zuvor gelebt hat? Ist die buddhistische Wiedergeburtstheorie metaphysisch oder wissenschaftlich? Sie sagten, der Buddhismus sei rational und wissenschaftlich. Bezieht sich das auch auf die Wiedergeburt?

Antwort: Das wirft mehrere Fragepunkte auf. Einer davon ist: Wie beweisen wir etwas in wissenschaftlicher Weise? Das führt uns zu dem Thema: Wie erkennen wir Dinge in einer gültigen Weise? Nach den buddhistischen Lehren können die Dinge auf zwei gültige Weisen erkannt werden: durch einfache Wahrnehmung oder durch Schlussfolgerung. Durch ein Laborexperiment können wir die Existenz von etwas durch einfache Wahrnehmung nachweisen: Wir erkennen es in einfacher Weise durch unsere Sinneswahrnehmung. Einige Dinge allerdings können wir nicht durch einfache Wahrnehmung erkennen. Dann müssen wir uns auf Logik, Vernunft und Schlussfolgerungen stützen. Es ist sehr schwierig, die Wiedergeburt durch einfache Sinneswahrnehmung zu beweisen, obwohl es eine Geschichte gibt über einen buddhistischen Meister, der vor langer Zeit in Indien lebte und der, um dem König zu beweisen, dass es Wiedergeburt gibt, starb, wiedergeboren wurde und dann sagte „Da bin ich wieder“. Es gibt zahlreiche Beispiele von Menschen, die sich an ihre vergangenen Leben erinnern und die sowohl Gegenstände ihres persönlichen Eigentums als Menschen, die sie zuvor kannten, wiedererkennen können.

Wenn man diese Geschichten beiseite lässt, dann spricht auch die bloße Logik für die Wiedergeburt. Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat gesagt, dass er bereit ist, Dinge aus dem Buddhismus zu entfernen, wenn sie nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Dies bezieht sich auch auf die Wiedergeburt. Tatsächlich machte er diese Aussage ursprünglich in diesem Zusammenhang. Wenn die Naturwissenschaftler beweisen können, das Wiedergeburt nicht existiert, dann sollten wir aufhören, zu glauben, dass sie real ist. Wenn die Naturwissenschaftler sie dagegen nicht widerlegen können, dann sollten sie untersuchen, ob sie existiert, da sie sich nach der Logik und der naturwissenschaftlichen Methode richten, die dafür offen ist, Neues zu verstehen. Um zu beweisen, dass die Wiedergeburt nicht existiert müssten sie deren Nichtexistenz finden. Einfach zu sagen: „ Die Wiedergeburt existiert nicht, da ich sie nicht mit eigenen Augen sehe”, bedeutet nicht, dass man die Nichtexistenz der Wiedergeburt gefunden hat. Es gibt zahlreiche Dinge, die wir mit unseren Augen nicht sehen können.

Wenn die Wissenschaftler die Nichtexistenz der Wiedergeburt nicht beweisen können, dann obliegt ihnen die Aufgabe, herauszufinden, ob es die Wiedergeburt gibt. Die wissenschaftliche Methode besteht darin, dass man eine Theorie postuliert, die auf bestimmten Gegebenheiten basiert, und dann prüft, ob man sie bestätigen kann. Betrachten wir daher die Gegebenheiten. Wir können zum Beispiel feststellen, das Kinder nicht wie Leerkassetten geboren werden: sie haben bestimmte Gewohnheiten und Persönlichkeitszüge, die man sogar in einem sehr jungen Alter beobachten kann. Woher stammen diese?

Zu sagen, dass sie lediglich aus dem Sperma und dem Ei, den vorausgehenden physischen Substanzen der Eltern hervorgegangen sind, ergibt keinen Sinn. Nicht jedes Sperma und Ei, die zusammenkommen, nisten sich in der Gebärmutter ein, um dann zu einem Fötus heranzuwachsen. Was entscheidet, wann sie zu einem Baby werden und wann nicht? Was verursacht tatsächlich die unterschiedlichen Gewohnheiten und Instinkte im Kind? Wir können sagen, es handle sich um das DNA und die Gene. Das ist die physiologische Seite. Niemand streitet ab, dass dies die Weise ist, in der ein Baby entsteht. Aber dennoch: Was ist mit der Seite der Erfahrung? Wie erklären wir die Existenz des Geistes?

Weder das englische Wort „mind“ noch das Deutsche Wort „Geist“ haben dieselben Bedeutungen wie die Begriffe auf Sanskrit und Tibetisch, die sie übersetzen sollen. In den Originalsprachen des Buddhismus bezieht sich Geist auf die geistige Aktivität oder geistige Ereignisse und nicht auf etwas, das diese Aktivität ausführt. Die Aktivität oder das Ereignis besteht in zwei Aspekten: einerseits im kognitiven In Erscheinung Treten bestimmter Phänomene, wie etwa Gedanken, Ansichten, Töne, Emotionen, Empfindungen und so weiter; andererseits in einer kognitiven Beschäftigung mit diesen Phänomenen – man sieht sie, man hört sie, man versteht sie, und selbst wenn man sie nicht versteht, fällt das hierunter. Diese beiden charakteristischen Aspekte des Geistes werden normalerweise als „Klarheit“ und „Gewahrsein“ übersetzt, doch auch diese Übersetzungen sind missverständlich.

Woher kommt diese geistige Aktivität des In Erscheinung Tretens von und der Beschäftigung mit kognitiven Objekten in einem Individuum? Jetzt sprechen wir nicht davon, woher sein Körper kommt, da dessen Quelle offensichtlich die Eltern sind. Ebenso wenig sprechen wir von der Intelligenz und so weiter, da auch argumentiert werden kann, dass diese Dinge eine genetische Basis haben. Aber zu sagen, dass es die Gene sind, die bewirken, dass jemand eine Vorliebe für Schokoladeneis hat, würde die Sache zu weit treiben.

Wir können sagen, dass einige unserer Interessen von unserer Familie oder von unseren ökonomischen und sozialen Verhältnissen beeinflusst werden. Diese Faktoren haben sicherlich einen Einfluss, doch es ist schwierig, alles, was wir tun, in dieser Weise zu erklären. Warum habe ich mich beispielsweise als Kind für Yoga interessiert? In meiner Familie und in der Gesellschaft, in der ich lebte, interessierte sich niemand dafür. In der Gegend, in der ich lebte, waren einige Bücher verfügbar, daher könnte man sagen, das von der Gesellschaft ein gewisser Einfluss kam, doch warum habe ich mich für dieses spezifische Buch über Hatha Yoga interessiert? Warum habe ich es in die Hand genommen? Das ist eine andere Frage.

Legen wir all dies einen Augenblick beiseite, um zur Hauptfrage zurückzukommen: Woher stammt die geistige Aktivität, durch die kognitive Ereignisse in Erscheinung treten und mittels derer man sich mit ihnen beschäftigt? Woher kommt diese Wahrnehmungsfähigkeit? Woher kommt der Funken des Lebens? Was gibt dieser Kombination aus Spermium und Ei tatsächlich das Leben? Was ist es, dass sie zu einem menschlichen Wesen werden lässt? Was ist es, das die Erscheinung von solchen Dingen wie Gedanken und Ansichten ermöglicht, was bewirkt die kognitive Beschäftigung mit ihnen, was ist die Erfahrungsseite der chemischen und elektrischen Gehirnaktivität?

Es ist schwierig, zu behaupten, dass die geistige Aktivität eines Kindes von den Eltern stammt, denn wenn dies der Fall wäre, wie erfolgte dann die Übertragung von Seiten der Eltern? Es muss irgendein Mechanismus vorliegen. Kommt der Lebensfunken, dessen Eigenschaft es ist, sich der Dinge gewahr zu sein, in der selben Weise von den Eltern, wie es Spermium und Ei tun? Kommt er durch den Orgasmus? Durch den Eisprung? Befindet er sich im Spermium? Im Ei? Wenn wir keinen logischen, wissenschaftlichen Hinweis darauf geben können, wann er von den Eltern weitergegeben wird, dann müssen wir eine andere Lösung suchen.

Betrachten wir das Ganze mit bloßer Logik, so stellen wir fest, dass alle wirksamen Phänomene aus ihrer eigenen Kontinuität herstammen, d.h. aus vorangehenden Momenten von etwas, das zu derselben Kategorie von Phänomenen gehört. Beispielsweise kommt ein physikalisches Phänomen, sei es Materie oder Energie, aus dem vorangehenden Moment dieser Materie oder dieser Energie. Es handelt sich um ein Kontinuum.

Nehmen wir als Beispiel die Wut. Wir können über die körperliche Energie sprechen, die wir verspüren, wenn wir wütend sind; das ist eine Sache. Betrachten wir jedoch die geistige Aktivität der Erfahrung von Wut, d.h. das Erscheinen der Emotion und das bewusste oder unbewusste Gewahrsein, dass sie da ist. Die Erfahrung der Wut eines Individuums hat ihre eigenen vorangehenden Momente der Kontinuität in diesem Leben, doch woher kam sie zuvor? Entweder kommt sie von den Eltern, doch es scheint keinen Mechanismus zu geben, der erklären würde, wie dies geschieht, oder sie muss von einem Schöpfergott kommen. Für einige Menschen stellen jedoch die logischen Ungereimtheiten in der Erklärung, wie ein allmächtiges Wesen eine Schöpfung vollbringt, ein Problem dar. Um diese Probleme zu vermeiden, ist die Alternative, dass der erste Augenblick eines Ärgers im Leben jedes Menschen aus dessen vorherigem Augenblick der Kontinuität stammt. Die Wiedergeburtstheorie erklärt genau dies.

Wir können versuchen, die Wiedergeburt durch die Analogie eines Films zu verstehen. Ein Film ist ein Kontinuum ständig wechselnder Bilder“. Genauso ist unser geistiges Kontinuum ein Kontinuum ständig wechselnder Momente des Gewahrseins von Phänomenen innerhalb eines Lebens und von einem Leben zum nächsten. Es gibt keine solide, auffindbare Entität, wie z.B. „Ich“, oder „mein Geist“, die wiedergeboren wird. Die Wiedergeburt entspricht nicht der Analogie einer kleinen Statue, die auf einem Förderband steht und von einem Leben zum nächsten getragen wird. Sie entspricht vielmehr einem Film, d.h. etwas, das sich ständig verändert. Jedes der Bilder, aus denen der Film besteht, ist anders. Doch er bildet eine Kontinuität. Ein Bild ist mit dem nächsten verbunden. In einer ähnlichen Weise gibt es eine sich ständig verändernde Kontinuität von Momenten des Gewahrseins von Phänomenen, auch wenn einige dieser Momente unbewusst sind. Ferner: obwohl sie alle Filme sind, sind nicht alle Filme derselbe Film. In einer ähnlichen Weise sind alle geistigen Kontinua oder „Geister“ nicht ein Geist. Es gibt eine unendliche Zahl individueller Ströme der Kontinuität des Gewahrseins von Phänomenen.

Dies sind die Argumente, die wir aus einem wissenschaftlichen und rationellen Gesichtspunkt zu untersuchen beginnen. Wenn eine Theorie logisch Sinn macht, dann können wir die Tatsache ernster nehmen, dass es Menschen gibt, die sich an ihre vorangehenden Leben erinnern. So untersuchen wir die Existenz der Wiedergeburt mit einer wissenschaftlichen Vorgehensweise.

Frage: Der Buddhismus sagt, dass es keine Seele und kein Selbst gibt. Was wird dann wiedergeboren?

Antwort: Noch einmal: die passende Analogie zur Wiedergeburt ist nicht die einer Seele, wie eine konkrete kleine Statue oder Person, die auf einem Förderband von einem Leben zum anderen reist. Das Förderband repräsentiert die Zeit und das Bild, das es impliziert, ist das Bild von etwas Solidem, von einer fixierten Persönlichkeit oder Seele, die „Ich“ genannt wird und durch die Zeit hindurchgeht: „Jetzt bin ich jung, jetzt bin ich alt; jetzt bin ich in diesem Leben, jetzt bin ich in jenem Leben.“ Das entspricht nicht der buddhistischen Auffassung von Wiedergeburt. Die passende Analogie ist vielmehr die eines Filmes. In einem Film besteht eine Kontinuität; die Bilder bilden die Kontinuität.

Der Buddhismus sagt auch nicht, dass ich zu Ihnen werde, oder dass wir alles eins sind. Wenn wir alle eins wären und wir beide hungrig wären, dann könnten Sie im Auto warten, während ich für uns beide essen gehe. Doch so verhält es sich nicht. Jeder von uns hat seinen individuellen Strom der Kontinuität. Die Sequenz in meinem Film wird sich nicht in die Sequenz in Ihrem Film verwandeln, doch unsere Leben setzen sich in dem Sinne wie Filme fort, dass sie nicht konkret und fixiert sind. Das Leben geht von einem Bild zum nächsten weiter. Entsprechend dem Karma folgt es einer Sequenz und bildet so eine Kontinuität.

Frage: Wie werden die verschiedenen Impulse im Geist gespeichert und wie tauchen sie wieder auf?

Antwort: Es ist etwas komplex. Wir verhalten uns in einer bestimmten Weise – beispielsweise rauchen wir eine Zigarette. Da das Zigarettenrauchen mit einer bestimmten Energie einhergeht, wirkt diese Handlung als Potential oder Kraft dafür, dass wir eine nächste rauchen. Es gibt eine grobe Energie, die zu einem Ende kommt, wenn die Handlung abgeschlossen wird, doch es gibt auch eine feine Energie, bei der es sich um das Potential handelt, die Handlung zu wiederholen. Diese feine Energie des Potentials zu rauchen wird weitergetragen, zusammen mit der allerfeinsten Energie, die den allerfeinsten Geist begleitet, der von Leben zu Leben geht. In einfachsten Begriffen ausgedrückt, bezeichnet „allerfeinster Geist“ die subtilste Ebene der Aktivität von Klarheit und Gewahrsein, während „allerfeinste Energie“ die äußerst subtile, das Leben stützende Energie bezeichnet, die diese Aktivität fördert. Zusammen bilden sie, was wir als den „Lebensfunken“ bezeichnen könnten. Sie sind es, die von einem Leben zum nächsten weitergehen. Die karmischen Potentiale werden zusammen mit dem Lebensfunken weitergetragen.

Auch die Tendenzen und Gewohnheiten werden weitergetragen, doch sie sind nicht körperlich. Was ist eine Gewohnheit? Wir haben zum Beispiel die Gewohnheit, Tee zu trinken. Wir haben heute Morgen und gestern Morgen und an den Tagen zuvor Tee getrunken. Die Gewohnheit ist nicht eine materielle Tasse Tee. Es ist nicht unser Geist, der uns sagt: „Trinke Tee!“ Vielmehr ist es eine Sequenz ähnlicher Ereignisse: viele Male Tee zu trinken. Auf der Grundlage dieser Sequenz, sagen wir oder unterstellen wir, als Redensweise, dass hier eine „Gewohnheit des Teetrinkens“ vorliegt. Wir bezeichnen die Sequenz als „die Gewohnheit, Tee zu trinken“. Eine Gewohnheit ist nicht etwas Materielles, sondern eher eine Abstraktion, die durch eine bestimmte Sprechweise gebildet wird, mit der wir über eine Sequenz ähnlicher Ereignisse sprechen. Auf dieser Grundlage können wir voraussagen, dass in Zukunft etwas Ähnliches geschehen wird.

Es ist ähnlich, wenn wir davon sprechen, dass Gewohnheiten, Instinkte oder Tendenzen in die Zukunft weitergetragen werden. Es wird nichts Materielles weitergetragen. Doch auf der Grundlage der Momente eines geistigen Kontinuums können wir sagen, dass es zu dieser Zeit und zu jener Zeit ähnliche Instanzen gibt, und dass es daher in der Zukunft ebenfalls ähnliche Instanzen geben wird.

Frage: Wenn das Leben die Übertragung des Bewusstseins impliziert, gibt es dann irgendeinen Anfang?

Antwort: Der Buddhismus lehrt, dass es keinen Anfang gibt. Ein Anfang ist unlogisch. Die Kontinuität der Materie, der Energie und des individuellen Geistes ist anfangslos. Wenn sie einen Anfang hätten, woher käme dieser dann? Was war vor dem Anfang?

Einige Menschen sagen: „Wir brauchen einen Anfang. Daher hat Gott alles geschaffen.“ Sie vertreten, dass es einen Gott gibt, dem in unterschiedlichen Religionen verschiedene Namen gegeben werden. Die Frage, die ein Buddhist stellen würde, ist: „Woher kommt Gott? Hat Gott einen Anfang?” Hierauf müsste die Antwort entweder sein, dass Gott anfangslos ist, worauf der buddhistische Debattierpartner sagen würde „Aha, da ist die Anfangslosigkeit“, oder sie müssten auf jemanden oder etwas zeigen, von dem Gott geschaffen wurde, was ihrer eigenen Philosophie widersprechen würde.

Ein Atheist behauptet. “Es gibt keinen Gott. Alles kam aus dem Nichts. Das Universum entwickelte sich aus dem Nichts. Unsere geistigen Kontinua entwickelten sich aus dem Nichts.“ Dann fragen wir: „ Woher kam dieses Nichts?“. Sie antworten: „Dieses Nichts ist immer gegeben. Es hat immer das Nichts gegeben. Das Nichts hat keinen Anfang.“ Einmal mehr kommen wir also zur Anfangslosigkeit. Egal, welche Antwort gegeben wird, kommen wir zur Anfangslosigkeit zurück.

Wenn die Anfangslosigkeit der einzige logische Schluss ist, zum dem wir kommen können, dann untersuchen wir: „Ist es möglich, dass etwas, das funktioniert, aus nichts entsteht? Wie kann das Nichts etwas schaffen?” Es ergibt keinen Sinn: alles braucht eine Ursache. Ist die andere Erklärungsweise, nach der es einen Schöpfer gibt, sinnvoll? Wir müssen diese Behauptung näher untersuchen. Wenn z.B. ein allmächtiges Wesen oder sogar ein rein physikalischer Big Bang alles geschaffen hat, geschah dieser Schöpfungsakt dann in einem bestimmten Moment aufgrund des Einflusses einer Motivation, eines Zieles, oder bestimmter Umstände? Wenn dies der Fall wäre, dann bedeutet dies, dass der Faktor, der die Entstehung von Allem beeinflusste, vor der Entstehung von Allem existiert hat – und dies ergibt keinen Sinn. Wenn ein Schöpfer sowohl mitfühlend als auch anfangslos wäre, wie könnte dieser Schöpfer dann Mitgefühl geschaffen haben?

Die dritte Alternative, die wir betrachten müssen, ist, ob die Dinge ohne Anfang weiterexistieren? Dies ist eine wissenschaftlichere Vorgehensweise, die mit der Vorstellung verbunden ist, dass die Materie weder geschaffen noch zerstört, sondern lediglich verwandelt wird. Genauso verhält es sich auch mit den individuellen geistigen Kontinua. Es gibt keinen Anfang und alles verwandelt sich in Abhängigkeit, aufgrund von Ursachen und Umständen.

Frage: Buddha sagte seinen Anhängern, er sei kein Gott. Wenn das der Fall ist, was ist dann die Rolle des Gebets im Buddhismus?

Antwort: Was das Gebet angeht, besteht der Kernpunkt in der Frage: „Kann jemand anderes als wir selbst unser Leiden und unsere Probleme eliminieren?“ Buddha sagte, dass niemand all unsere Probleme in der Weise beheben kann, in der jemand ein Kaninchen bei den Ohren packen und es aus einer schwierigen Situation herausziehen kann. Es ist unmöglich. Wir selbst müssen die Verantwortung übernehmen für das, was uns geschieht. Wenn wir daher die Ursachen des Glücks schaffen und die Ursachen der Probleme vermeiden wollen, dann müssen wir einer reinen Moralität und Ethik folgen. Wenn wir wollen, dass sich unser Leben verbessert, dann liegt es an uns, unsere Verhaltensweisen und Geisteshaltungen zu verändern, um zu beeinflussen, was in der Zukunft geschehen wird.

Wenn wir im Buddhismus beten, dann bitten wir nicht „Buddha, bitte mach, dass ich einen Mercedes bekomme!“ Niemand im Himmel kann uns den Mercedes zusprechen. Durch das Beten bauen wir vielmehr eine starke Motivation dafür auf, dass etwas geschehen wird. Dann lassen es unsere Geisteshaltungen und Handlung geschehen; jedoch können Buddhas und Bodhisattvas uns inspirieren.

Manchmal wird das Wort für „Inspirieren“ mit „Segnen“ übersetzt, doch hierbei handelt es sich um eine sehr schlechte Übersetzung. Die Buddhas und Bodhisattvas können uns durch ihr Beispiel inspirieren. Sie können uns den Weg lehren oder zeigen, doch wir müssen ihn selbst gehen. Wie das Sprichwort sagt, kann man ein Pferd zur Tränke führen, doch an seiner Stelle trinken kann man nicht: Das muss es selbst tun. In einer ähnlichen Weise müssen wir selbst den Pfad beschreiten und müssen selbst die Verwirklichungen erlangen, die unseren Schwierigkeiten ein Ende setzen. Diese Verantwortung können wir nicht an ein äußeres allmächtiges Wesen weitergeben, indem wir denken: „Du bist allmächtig, tu du es für mich. Ich gebe mich in deine Hände“. Im Buddhismus ersuchen wir die Buddhas vielmehr um Inspiration, damit sie uns durch ihr Beispiel erheben. Sie helfen uns und führen uns, indem sie uns Inspiration und Unterweisungen geben. Von unserer Seite her müssen wir jedoch die Fähigkeit entwickeln, diese Inspiration zu empfangen. Die grundlegende Arbeit müssen wir selbst vornehmen.

Ein großer Teil der Missverständnisse über den Buddhismus kommen daher, dass die Übersetzung der buddhistischen Vorstellungen und Begrifflichkeiten in den Fremdsprachen schlecht sind. So wurden etwa im Englischen zahlreiche Begriffe, die als Übersetzungen der buddhistischen Terminologie dienen sollten, im neunzehnten Jahrhundert oder sogar noch früher von den Verfassern der buddhistischen Wörterbücher geprägt. Diese Gelehrten vergangener Zeiten hatten oft einen missionarischen oder einen viktorianischen Hintergrund. So wählten sie beim Erstellen ihrer Wörterbücher Begriffe, die aus ihrem eigenen Milieu kamen, die jedoch den Sinn innerhalb des Buddhismus nicht in einer akkuraten Weise wiedergaben. Wenn wir diese Wörter lesen, dann scheint es uns, sie hätten dieselbe Bedeutung wie in einem christlichen oder viktorianischen Kontext. Das haben sie aber in Wirklichkeit nicht.

Beispiele hierfür sind Wörter wie „Segen“, „Sünde“, „tugendhaft“, „untugendhaft“, „Beichte“, usw. Im Christentum gehen sie mit der Vorstellung einer bestimmten Form von Moralurteil einher, auf das Belohnung oder Strafe folgen. Das entspricht allerdings überhaupt nicht der buddhistischen Auffassung. Mit dem Wort „segnen“ ist es ähnlich. Diese Begriffe kommen aus einem anderen kulturellen Umfeld. Wenn wir den Buddhismus studieren, ist es daher sehr wichtig, die Begriffe, die die früheren Übersetzer benutzt haben so gut wie möglich von der kulturellen Färbung zu befreien. Sie waren die großen Forscher der Buddhismusforschung und wir müssen ihnen für ihre enormen Anstrengungen dankbar sein. Jetzt müssen wir jedoch erneut zu den Originalsprachen der Texte zurückkehren und die buddhistischen Konzepte aus den Definitionen heraus verstehen, die in diesen Sprachen von ihnen gegeben werden. Dann können wir sie in englische Wörter oder Sätze umsetzen, die dieser Bedeutung entsprechen.

Frage: Was sagt der Buddhismus über Darwins Evolutionstheorie?

Antwort: Darwins Theorie betrifft die Evolution von Körpern, in denen geistige Kontinua im Laufe mehrerer Perioden der Erdgeschichte wiedergeboren werden können. Sie beschreibt nicht die Evolution von Körpern, die ein individuelles geistiges Kontinuum in aufeinanderfolgenden Leben annehmen wird. Es gibt einen großen Unterschied zwischen den tatsächlichen physischen Formen auf diesem Planteten und der Kontinuität der Geistesströme, die in ihnen wiedergeboren werden.

Manche Erklärungen der Evolution, die sich in den buddhistischen Texten finden, mögen uns etwas merkwürdig erscheinen. Sie sprechen von Wesen, die sich in einem besseren Zustand als wir befanden und die dann degenerierten. Ob dies stimmt oder nicht, muss untersucht werden. Nicht alles, was der Buddha und seine Anhänger lehrten, kann von der Wissenschaft bestätigt werden. Seine Heiligkeit der Dalai Lama ist dazu bereit, diejenigen Dinge beiseite zu legen, die nicht wissenschaftlich bewiesen werden können. Es kann sein, dass die Meister aus spezifischen Gründen merkwürdige Erklärungen gegeben haben und dass sie nicht beabsichtigten, wörtlich verstanden zu werden. Es kann sich um Hinweise auf verschiedene soziale oder psychologische Realitäten handeln.

Nichts desto trotz gab es innerhalb der Evolution selbst einst Dinosaurier, doch heutzutage sind sie ausgestorben. Es gibt jetzt kein Karma bzw. keine Impulse mehr dafür, dass auf diesem Planteten Wesen als Dinosaurier wiedergeboren werden. Heutzutage stehen hier den geistigen Kontinua andere physiologische Grundlagen als Körper zur Verfügung. Es widerspricht nicht den buddhistischen Lehren, dass die körperlichen Grundlagen, in denen die Wiedergeburt stattfindet, sich in der Zeit verändern können.

Während einer Diskussion mit Wissenschaftlern wurde Seine Heiligkeit der Dalai Lama gefragt, ob Computer fühlende Wesen werden könnten. Könnten Computer eines Tages mit Geist ausgestattet sein? Er antwortete in einer interessanten Weise, indem er sagte, dass wenn Computer den Punkt erreichen, an dem sie technisch soweit ausgereift sind, dass sie als Basis für ein geistiges Kontinuum dienen können, es keinen Grund gibt, warum ein Geistesstrom nicht mit einer rein unorganischen Maschine als physische Grundlage für eine seiner Wiedergeburten eine Verbindung eingehen könnte. Das ist sogar noch radikaler als Darwin!

Damit soll nicht behauptet werden, ein Computer sei ein Geist. Es bedeutet nicht, dass wir künstlich einen Geist in einem Computer schaffen können. Wenn ein Computer allerdings ausgefeilt genug wäre, dann könnte sich ein Geistesstrom mit ihm verbinden und ihn als seine körperliche Basis annehmen.

Solche weitreichenden Gedanken reizen die Menschen unserer modernen Epoche und interessieren sie am Buddhismus. Die Buddhisten sind mutig; sie sind dazu bereit, solche Diskussionen mit den Wissenschaftlern zu führen und sich mit Themen zu befassen, die in der modernen Welt aktuell sind. So ist der Buddhismus vibrierend lebendig. Er besitzt nicht nur alte Übertragungslinien, die in einer ungebrochenen Weise auf den Buddha zurückgehen. Der Buddhismus ist auch lebendig und setzt sich mit gegenwärtigen und zukunftsweisenden Themen auseinander.

Frage: Was geschieht mit dem Geistesstrom, wenn jemand zum Buddha wird?

Antwort: Bevor ich diese Frage beantworte, muss ich erklären, dass Buddha viele Menschen unterrichtet hat. Wir sind nicht alle gleich. Wir haben unterschiedliche Neigungen und Fähigkeiten. Buddha war äußerst geschickt. Er gab viele unterschiedliche Lehren, damit jeder Mensch einen Zugang finden konnte, der zu seinem Charakter und seinen Neigungen passte. Und so handelt es sich bei den wichtigsten buddhistischen Lehren um das Hinayana für die bescheidenen Übenden und um das Mahayana für weitgeistigen Übenden. Von den achtzehn Hinayana-Schulen, die es in alten Zeiten gab, ist das Theravada die einzige, die heute noch existiert.

Wenn Buddha jemandem, dessen Motivation und Zielrichtung bescheiden ist gesagt hätte, dass der Geistesstrom einer jeden Person ewig anhält, wäre diese Person möglicherweise entmutigt worden. Einige Menschen sind mit ihren eigenen Problemen überfordert. Wenn der Buddha ihnen daher sagt: „Du kannst dich aus deinen Schwierigkeiten befreien, ein erlöstes Wesen werden – ein Arhat – und das Nirvana verwirklichen. Wenn du stirbst, wirst du das Parinirvana erreichen. Zu jener Zeit endet dein Geistesstrom, wie ein Kerze, die erlischt, wenn ihr der Wachs ausgegangen ist“, dann ist eine derartige Erklärung für eine solche Person sehr ermutigend, da er oder sie den Wunsch hat, sich aus dem Kreis ständig wiederkehrender Probleme und ständig wiederkehrender Wiedergeburten zu befreien und keine Sorgen mehr damit zu haben. Diese Darstellung ist also für diesen Personentyp effektiv. Beachten Sie aber bitte: Der Buddha hat nicht gelehrt, dass am Ende alle Geistesströme eins werden, wie Wasserströme, die sich im Ozean vereinen. Das wäre die hinduistische Erklärungsweise.

Einer Person mit einem größeren Geist würde der Buddha sagen: „Die vorangehende Erklärung habe ich gegeben, um denen mit einem bescheidenen Geist zu helfen. Ich habe diese Erklärung jedoch nicht wörtlich gemeint, denn tatsächlich geht der Geistesstrom immer weiter. Nachdem du all deine Probleme beseitigt hast und das Nirvana verwirklicht hast, verändert sich die Qualität deines Geistes. Dein Geist existiert fortan nicht mehr in der verstörenden Weise, in der er zuvor existierte.“ Menschen mit einem weitgeistigen Ziel Erleuchtung zu erlangen erklärte der Buddha daher, dass der Geistesstrom tatsächlich ewig fortexistiert: kein Anfang, kein Ende. Wenn erleuchtete Wesen ihre derzeitigen Körper aufgeben, gehen ihre Geistesströme doch weiter.

Es gibt einen Unterschied zwischen Arhats, die befreite Wesen sind, die das Nirvana erreicht haben, und Buddhas, die vollkommen erleuchtet sind. Während Arhats frei von ihren Problemen, ihrem Leiden und dessen Ursachen sind, haben die Buddhas all ihre Beschränkungen überwunden und all ihre Potentiale verwirklicht, um allen anderen auf wirksamste Weise zu helfen.

Frage: Ist der Zustand des Nirvanas beständig? Wenn wir die Erleuchtung erreichen, erlangen wir einen Zustand des Gleichmuts, der weder froh noch traurig ist. Ist das nicht eher langweilig?

Antwort: Wir müssen vorsichtig damit sein, wie wir das Wort „beständig“ benutzen. Manchmal hat es die Bedeutung von etwas Statischem, das sich nie verändert. Die andere Bedeutung von „ beständig“ ist, dass es ewig anhält. Wenn wir das Nirvana erreichen, dann haben wir uns von all unseren Problemen befreit. Dieser Zustand hält ewig – wenn die Probleme einmal vorbei sind, dann sind sie weg und kehren nicht wieder. Die Situation, in der alle Beschränkungen aufgehoben sind, verändert sich ebenfalls nicht: Sie wird immer gegeben sein. Wir sollten uns allerdings nicht vorstellen, dass das Nirvana in dem Sinne etwas Bleibendes ist, dass es fest und konkret ist, und dass wir in diesem Zustand nichts mehr tun. So ist es nicht. Wenn wir das Nirvana erreicht haben, können wir weiterhin den anderen helfen und Dinge tun. Das Nirvana ist nicht in dem Sinne bleibend, dass alle Aktivität zu einem Ende kommt und nichts geschieht. Wir müssen etwas präziser sein, was die Verwendung des Wortes „beständig“ angeht und seine Konnotationen beachten. Der Zustand des Nirvana selbst verändert sich nicht; die Verwirklichung, die darin besteht, dass wir all unsere Beschränkungen beseitigt haben verändert sich nicht; sie hält ewig an. Die Person, die einen solchen Zustand erreicht hat, handelt allerdings weiter.

 „Gleichmut“ hat ebenfalls mehrere Konnotationen. Es kann sich auf ein neutrales Gefühl des weder Glücklich- noch Unglückseins beziehen, doch das ist nicht, was die Buddhas erfahren. Einige der höheren Götter versenken sich in tiefe Meditationstrancen, die jenseits der Gefühle von Freude und Trauer sind; in diesen Trancen haben sie ein vollkommen neutrales Gefühl. Die Buddhas befreien sich auch von solchen neutralen Gefühlen, da diese mit der Verwirrung verbunden sind. Wenn wir uns von allen Problemen und Beschränkungen befreien, setzen wir eine enorme Energiemenge frei, die zuvor durch Neurosen, Angst und Sorgen gebunden war. Wir erleben die Befreiung all dieser Energie, die frei von Verwirrung ist, als ein Gefühl großer Glückseligkeit. Diese unterscheidet sich vollkommen von der gewöhnlichen, mit Verwirrung verbundenen Freude. Es ist überhaupt nicht neutral oder stumpfsinnig.

Ein weiterer Gebrauch für das Wort „Gleichmut“ bezieht sich darauf, dass die Buddhas allen gegenüber gleichmütig sind. Hier bedeutet „Gleichmut“ nicht Gleichgültigkeit, sondern, dass man gegenüber allen dieselbe Haltung der Fürsorge und Anteilnahme hat. Von den Buddhas werden nicht einige bevorzugt und andere verworfen.