Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Was ist das Selbst? Hat das Selbst einen Anfang? Wird es ein Ende haben?

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Nottingham, England, 26. Mai 2008

Transkribiert und leicht redigiert von Alexander Berzin
Klarstellungen sind violett gekennzeichnet
und in eckigen Klammern eingeschlossen
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Einleitende Bemerkungen

Wenn wir über Religionen oder über Spiritualität im Allgemeinen sprechen, ist wichtig, dass wir für jede der unterschiedlichen Traditionen Respekt entwickeln. Dafür ist es wichtig, die Essenz dieser Religionen zu kennen und wertzuschätzen, um deren Wert wahrnehmen zu können. Das ist Teil des Nutzens, wenn man die Harmonie zwischen Religionen voranbringen möchte.

Im interreligiösen Dialog werden immer drei Fragen gestellt: „Wer bin ‚Ich’“? oder „Was ist das Selbst?“ und „Dieses ‚Ich’ oder Selbst, wo kommt das her?“ und „Gibt es einen Anfang oder nicht? Und was wird am Ende passieren, gibt es ein Ende oder nicht?“ Alle großen Religionen versuchen Antworten auf diese drei Fragen zu finden.

Was ist das Selbst?

Nun, was die erste Frage betrifft: „Was ist das Selbst, das ‚Ich’?“ Einige Anhänger eines einfachen Glaubens verehren ortsansässige Geister, sodass sie sich nicht besonders für diese drei Fragen interessieren. Wenn sich eine Tragödie ereignet, dann beten Sie einfach zu der örtlichen Gottheit. Aber unter den großen Religionen gab es sogar bereits 3000 Jahre vor dem Buddhismus einige, die diese drei Fragen untersucht haben. Erst kürzlich habe ich einen Gelehrten einer ägyptischen Universität getroffen und er hat mir erzählt, dass sie in der antiken ägyptischen Zivilisation vor 5000 Jahren bereits eine religiöse Philosophie entwickelt hatten und sich eine Vorstellung davon gemacht hatten, wie das nächste Leben aussehen könnte. Diese Fragestellungen reichen also äußert weit zurück.

Nun, um die Frage „Was ist das Selbst?“ zu beantworten, unabhängig davon, ob wir über eine theistische oder eine nicht-theistische Religion sprechen, so sprechen wir in beiden Fällen von einem unabhängigen Selbst, das abseits des Körpers existiert und das den Körper "besitzt". Dieses Selbst ist unabhängig von den Aggregaten des Körpers und des Geistes. Sie behaupten, dass es ein Selbst gibt, welches unbeeinflusst, teilelos und unabhängig existiert. Wahrscheinlich besitzt das Konzept einer Seele, das wir in vielen Religionen finden, diese drei Aspekte.

Buddhismus ist die einzige Religion, die sagt, dass ist kein Selbst gibt, das unabhängig von den Aggregaten des Körpers und des Geistes existiert. Im Buddhismus sagt man im Allgemeinen in Bezug auf die Dinge, dass sie vergänglich, leidvoll, leer und selbstlos [(ohne festes Selbst)] sind. Diese sind [ein Teil der] vier Kennzeichen des Dharma oder die vier Siegel, mit denen eine Auffassung bezeichnet wird, die auf der erleuchtenden Sprache eines Buddhas basiert, im Gegensatz zu den nicht-buddhistischen Ansichten. [Leer und selbstlos – bedeutet, dass ihnen ein unmögliches Selbst vollständig fehlt – bilden das dritte der vier Kennzeichen.] Die vier Kennzeichen sind: bedingte [beeinflusste] Phänomene sind vergänglich [nichtstatisch]; befleckte Phänomen sind leidvoll oder ziehen Leiden nach sich; alle Phänomene sind leer [d.h. sie haben keine Seele oder ein Selbst, das in einer unmöglichen Weise existiert]; und Nirvana ist Frieden [die Befriedung des Leidens].

So, dies sind die zwei grundlegende Antworten auf die Frage: „Was ist das Selbst?“ – [Entweder gibt es ein Selbst, das unabhängig ist von Körper und Geist, oder es gibt kein solches Selbst.]

Hat das Selbst einen Anfang?

Dann gibt es die Frage: „Hat das Selbst einen Anfang?“ Einige behaupten, dass das Selbst ohne irgendeine Ursache auf Grundlage der Aggregate entstehen würde; es entsteht also einfach spontan. Selbst in Bezug auf den Ursprung des Universums sagen sie, dass es aus dem Nichts entstehen würde, ohne Ursache. Das ist in der Tat der Standpunkt der Wissenschaft. In Indien gibt es den materialistischen Standpunkt der Charvakas, die dies behaupten. Aber da sich die Haltung von „keine Ursache“ ein wenig unbehaglich anfühlt, behaupten die meisten anderen Menschen, dass es irgendeine Ursache und Bedingung geben muss.

Wenn die indische Philosophieschule, die Samkhyas, behauptet, dass das Universum aus einer dauerhaften, ursprünglichen Materie entstanden sei – die sie als prakriti bezeichnen, und die sich aus den drei universalen Bausteine zusammensetzt, den dreigunas – dann ist dies der Standpunkt bei dem man annimmt, dass die Ursache statisch oder dauerhaft sei. Aber andere Menschen, wie zum Beispiel die Anhänger des Schöpfergottes Ishvara, behaupten wiederum, dass der Kosmos durch den Willen eines transzendenten Wesens entstanden sei. Alle theistischen Religionen haben eine ähnliche Version: das Judentum, das Christentum und der Islam. Sie alle behaupten, das Gott das Selbst [die Seele] erschaffen hat. Das Konzept der Schöpfung ist also ihre Antwort auf die Frage: „Wo komme ich her?“

Nun, innerhalb der theistischen Religionen, gibt es zwei Standpunkte. Vom ersten Standpunkt aus betrachtet gibt es nur ein Leben [auf dieser Erde], dieses Leben: das wäre zum Beispiel die Sichtweise des Christentums. Der andere Standpunkt ist, dass es viele Leben gibt, Reinkarnation: Das ist der indische Blickwinkel. Also vom Standpunkt der Inder aus betrachtet, hat Ishvara oder Brahma die Seele mit vielen Leben erschaffen, wobei man in jedem Leben eine etwas andere Form annimmt, je nachdem, welches Karma man hat. Diese indischen Positionen akzeptieren daher sowohl einen Schöpfer als auch Kausalität. Im Christentum spricht man lediglich von einem Leben und dieses ist von Gott erschaffen worden. Ich empfinde, dass dies eine sehr kraftvolle und hilfreiche Vorstellung ist; dies zu glauben, bringt ein starkes Gefühl der Intimität mit Gott hervor. Dadurch gibt es mehr Möglichkeiten den Wünschen Gottes zu folgen, Gott zu lieben und seinen Mitmenschen zu helfen.

Als ich einmal eine muslimische Gemeinschaft in Ladakh, nahe der pakistanischen Grenze, besuchte, erwähnte einer meiner moslemischen Freunde, ein ortsansässiger muslimischer Geistlicher, dass ein wahrer Gläubiger des Islams seine Liebe genauso zu allen von Allah geschaffenen Wesen ausdehnen sollte wie er selbst Allah lieben würde. Dieser Punkt ähnelt dem buddhistischen Standpunkt, alle fühlenden Wesen zu lieben. Es gibt daher innerhalb dieser theistischen Religionen, in denen Gott die Seele erschafft, ein sehr nahes Gefühl zu Gott und daher einen größeren Enthusiasmus seine Lehre zu üben.

Es gibt jedoch auch noch eine andere Gruppe von Religionen, welche die Jaina, die Buddhisten und ein Teil der Samkhyas umfassen, die keinen Schöpfer akzeptieren. Sie sagen, dass alles [lediglich] aufgrund von Ursache und Bedingungen zu Stande kommt.

Wir haben also einerseits eine theistische und eine nicht- theistische Sichtweise in Bezug auf die Frage, wo das „Ich“ herkommt, und auf der andern Seite haben wir die nicht-theistische Position, der Jainas, der Buddhisten und eines Teils der Samkkhyas. Von ihrem Blickwinkel aus betrachtet, gibt es kein Anfang: Es gibt einfach nur das Gesetz der Kausalität.

Nun, ich kenne hier die genaue Antwort der Samkhyas nicht. Wenn die Urmaterie fortgesetzten Störungen ausgesetzt ist, dann, da sowohl die Urmaterie und das Selbst letztendliche Wahrheiten sind, und die anderen 23 Phänomene, über die sie sprechen Störungen der Urmaterie sind und das Selbst die Urmaterie kennt, stellt sich die Frage: „Entsteht das Selbst aus der Urmaterie als etwas, was sich aus ihr heraus manifestiert oder sind das Selbst und die Urmaterie vollkommen voneinander getrennt?" Wirklich, ich denke die Samkhyas sagen, dass die beiden vollkommen voneinander getrennt seien. Aber welche Beziehung haben sie genau zueinander?

Auf der anderen Seite steht der Buddhismus , der die Vorstellung eines unabhängigen Selbst zurückweist – d.h. die Vorstellung eines Selbst, das nicht nur unabhängig vom Universum existiert, sondern das auch unabhängig von den Aggregaten des Körpers und des Geistes existiert. Vielmehr wird im Buddhismus gesagt, dass das Selbst, [das konventionelle existiert, also das bloße „Ich“,] etwas ist, das von den Aggregaten abhängt: also vom Körper und Geist abhängig ist.

Was die Frage der Entstehung des Selbst anbetrifft: Da das Selbst nur in Beziehung und in Abhängigkeit zu den Aggregaten existieren und verstanden werden kann, führt uns die Frage nach dem Anfang des Selbst zu der Frage des Anfangs des Kontinuums der Aggregate. Was sich in Bezug auf diese Frage grob gesagt feststellen lässt ist, dass wir alle einen Körper und einen Geist besitzen. Da die Grundlage für die Benennung des Selbst vornehmlich das Kontinuum der [individuellen] geistigen Aktivität oder des Gewahrseins ist, lautet die Frage: „Gibt es einen Anfang des Kontinuums [individueller] geistiger Aktivität?“

Nun, in Bezug auf äußere Phänomene gibt es herbeiführende Ursachen (tib. nyer-len-gyi rgyu) und gleichzeitig auftretende beitragende Bedingungen (tib. lhan-cig byed-pa’i rkyen). Eine herbeiführende Ursache ist das, wodurch man die Wirkung dieser herbeiführenden Ursache als ihr Nachfolger erhält und die aufhört zu existieren, wenn ihr Nachfolger entsteht [so, wie ein Same die herbeiführende Ursache für eine Pflanze ist], wohingegen die gleichzeitig auftretende beitragenden Bedingung die herbeiführende Ursache darin unterstützt, eine Wirkung hervorzubringen [sowie der Erdboden, das Wasser und das Sonnenlicht die gleichzeitig auftretenden beitragenden Bedingungen dafür sind, dass eine Pflanze gedeihen kann.]

[Siehe: Ursachen, Bedingungen und Wirkungen.]

Was die visuelle Wahrnehmung angeht, so bedarf es, zusätzlich [zu diesen beiden ursächlichen Faktoren,] eines äußeren Objektes als eine der fokalen Bedingungen für ihr Entstehen, während der visuelle Sensor [die Sinneszellen] des Auges als die dominierende Bedingung (tib. bdag-rkyen) bezeichnet wird. Für [einen Augenblick] der Wahrnehmung ist zudem eine unmittelbar vorausgehende Bedingung (tib. de-ma-thag rkyen) notwendig, um dieselbe Kontinuität seiner essenziellen Natur (tib. ngo-bo) als Gewahrsein hervorzubringen; und für einen Augenblick der visuellen Wahrnehmung ist folglich die unmittelbar vorausgehende Bedingung ein anderer Augenblick des Gewahrseins: die unmittelbar vorausgehende Wahrnehmung. [Die bloße geistige Wahrnehmung, die als ihr Objekt eine Form wahrnimmt, hat den unmittelbar vorhergehenden Augenblick einer bloßen visuellen Wahrnehmung von Formen als ihre unmittelbar vorausgehende Bedingung.] Nun, was die konzeptuelle Wahrnehmung dieser Form betrifft, [die der bloßen geistigen Wahrnehmung dieser Form folgt,] so braucht diese einen vorangehenden Augenblick in ihrem Bewusstseins-Kontinuum als eine unmittelbar vorausgehende Bedingung. [Das wäre dann die bloße geistige Wahrnehmung dieser Form.] Ist diese unmittelbar vorausgehende Bedingung auch ihre herbeiführende Ursache? Ich denke, dass dem so ist, aber es ist nicht so eindeutig.

Bloße sinnliche [und bloße geistige] Wahrnehmungen sind Wahrnehmungen, die nur die essenzielle Natur (tib. ngo-bo) von etwas wahrnehmen [d.h. die allgemeine Art von Gegenstand, die eine Sache ist, so wie beispielsweise, dass ein Gegenstand eine sichtbare Gestalt hat]. Bei diesen Wahrnehmungen handelt es sich nicht um die Wahrnehmungen der funktionellen Natur (tib. rang-bzhin) einer Sache [d.h. nicht um Wahrnehmungen davon, was eine Sache tut oder wie sie funktioniert.] Nach dieser Aufeinanderfolge bloßer [visueller und geistiger] Wahrnehmung [einer Form] folgt eine konzeptuelle geistige Wahrnehmung [dieser Form], welche die Form mittels einer bedeutungsbezogenen Kategorie (tib. don-spyi) erkennt. Diese [Aufeinanderfolge von Wahrnehmungen] bewirkt eine konzeptuelle Wahrnehmung [dieser Form] in Begriffen von „Ich“ und „Mein“. Diese konzeptuellen Wahrnehmungen haben daher ihre eigenen herbeiführenden Ursachen.

Sinnliche Wahrnehmung entsteht als Reaktion auf die Bedingungen, die uns unmittelbar umgeben, aber im tiefen Schlaf, wenn wir keine Träume haben, ist die sinnliche Wahrnehmung nicht manifest. Aber die geistige Wahrnehmung ist immer noch da, sie bleibt stets vorhanden.

Im [Annuttarayoga-] Tantra sprechen wir davon, dass das Bewusstsein verschiedene Ebenen der Subtilität besitzt. Es gibt die Ebene des klaren Licht des Schlafes und es gibt Übungen, mit denen man diese Ebene wahrnehmen kann. Das deutet darauf hin, dass wir auch im tiefen Schlaf geistige Aktivität haben. In dem Text „Die fünf Stufen“ (tib. Rim-lnga), Nagarjunas Text in Bezug auf Guhyasamaja, und auch in Nagabodhis Kommentaren und Texten zu diesem Thema, finden wir eine Darstellung der drei subtilen Erscheinungs-hervorbringenden Arten von Geist (tib. snang-gsum) [Erstarren der Erscheinung (tib. snang-ba; Erscheinung, weiße Erscheinung), Licht-Streuung (tib. mched-pa, um Wachstum, rote Erscheinung), Schwelle (nyer-thob; in der Erlangung, schwarz Erscheinung)] und die vier Arten von Leere (tib. stong-pa bzhi) [die Leere (tib. stong-pa), die große Leere (tib. shin-tu stong-pa), die außerordentliche Leere (tib. stong-pa chen-po), die vollkommene Leere (tib. thams-cad stong-pa). Die ersten drei Arten von Leere sind Ebenen geistiger Aktivität, die mit den drei subtilen Erscheinungs-hervorbringenden Arten von Geist übereinstimmen; wohingegen die vollkommene Leere der subtilsten Ebene der geistigen Aktivität entspricht, dem Geist des klaren Lichts (tib. ‘ od-gsal).]

Dem vierten Zustand der Leere, der vollkommen Leere, gehen die drei vorherigen Leere-Zustände [unmittelbar] voran. Diese drei [subtilen Erscheinungs-hervorbringenden Arten von Geist, die ersten drei Arten von Leere,] entstehen [nacheinander] in einer progressiven Reihenfolge (tib. lugs-‘ byung) [der Auflösung von gröberen Ebenen des Bewusstseins in den Geist des klaren Lichts zur Zeit des Todes.] Diesen drei Arten der Leere [und nachdem man danach eine gewisse Zeit im Geist des klaren Licht verweilt hat,] folgt die umgekehrte Reihenfolge (tib. lugs-ldog) [dieser drei Arten der Leere.] Eine Ähnlichkeit mit diesen progressiven und umgekehrten Reihenfolgen besteht im Zustand des Schlafes; und es ist möglich, diese auch zu erkennen. Dieselbe Abfolge entsteht auch im Zeitraum des Bardos zwischen Tod und Wiedergeburt: Es gibt dort ebenfalls eine aufeinander aufbauende Abfolge [von Auflösungen, die am Ende des Bardo-Zustandes auftreten]. Wenn der Geist des klaren Lichts des Bardos erlischt, dann entsteht [in dem darauf folgenden Augenblick, mit dem Beginn der umgekehrten Abfolge,] das Geburts-Bewusstsein [im Augenblick der Empfängnis.]

Das Wesentliche hierbei ist, dass jede dieser unterschiedlichen Ebenen von Bewusstsein oder Arten von Geist eine herbeiführende Ursache hat, [aus welcher heraus sie als ihr Nachfolger erscheint] und wie es in [Dharmakirtis] „Kommentar zu (Dignagas ‚Kompendium der) Gültigkeiten’“ (tib. Tshad-ma rnam-‘grel, Skt. Pramanavarttika) lautet: „Die herbeiführende Ursache eines Bewusstseins muss eine Form von Bewusstsein sein.“ Diese Aussage können wir jetzt sehr viel besser durch die Analyse im Stil des Guhyasamaja-Tantra verstehen. Daher kann man sagen, dass das Bewusstsein, das man im Geburtsdasein [zum Zeitpunkt der Empfängnis] annimmt, als herbeiführende Ursache den Geist des klaren Lichts des Bardos hat.

Was dinicht-buddhistischen indischen Philosophieschulen, die von der Existenz vorheriger Leben und eines Atmans ausgehen: sie behaupten, dass es ein statisches, unwandelbares Selbst gäbe, das eine neue Geburt verursacht oder sich ein neues Leben aneignet und das alte Leben abgelegt. Sie verwenden die Prämisse der Existenz von vergangenen und zukünftigen Leben dazu, um Atman als den Handelnden oder als jemanden der sich [die Wiedergeburten] aneignet, zu beweisen. Aber der Buddhismus weist die Existenz eines Selbst oder eines Atman zu zurück, welches statisch und unveränderlich ist. Buddhismus erklärt die Existenzweise von vergangenen und zukünftigen Leben auf der Grundlage dessen, dass es ein [individuelles] Kontinuum des Bewusstseins gibt. [Das folgt aus der Tatsache, dass die herbeiführenden Ursache des Bewusstseins, mit anderen Worten der vorhergehende Augenblick des Bewusstseins, aufhört zu existieren, wenn diese herbeiführende Ursache den nachfolgenden Augenblick des Bewusstseins entstehen lässt. Da das individuelle Kontinuum des Bewusstseins nicht-statisch ist und sich von Augenblick zu Augenblick verändert, muss daher das Selbst, mit dem das Bewusstsein bezeichnet wird oder welches auf das Bewusstsein zugeschrieben wird, ebenfalls nicht-statisch sein.]

Hat das selbst ein Ende?

Kommen wir nun zu der Frage, ob das Selbst ein Ende besitzt oder nicht. [Einige theistische Religionen sagen, dass] uns nach dem Tod das Jüngste Gericht erwartet und wir dann in den Himmel oder in die Hölle kommen. Wenn wir in den Himmel kommen, spielen wir vor Gott Musik, was sehr schön ist. Im Buddhismus wird etwas sehr Ähnliches dazu gesagt und im Buddhismus wird auch über die Höllen gesprochen [aber im Buddhismus wird erklärt, dass es sich sowohl beim Himmel, als auch bei der Hölle um Zustände von Wiedergeburten handelt, die von stets weiteren Wiedergeburten gefolgt werden.] Nun, ich weiß nicht, ob es gemäß dieser Art von [theistischer] Erklärung wirklich ein Ende des Selbst gibt [wenn es in den Himmel oder die Hölle gelangt.] Einige brahmanische Traditionen sagen, dass ein individuelles Selbst mit dem großartigen Brahma verschmilzt – handelt es sich dabei nun um ein wirkliches Ende oder nicht? Das weiß ich auch nicht. Einige nicht-theistische Religionen wie der Jainismus akzeptieren und einige ihrer Schriften besagen, dassmoksha [Befreiung] eine Art von Himmel sei, in der man für immer verweilen würde.

Ich kenne die genaue Position dieser Jain-Schulen nicht, aber im Buddhismus werden zwei Erklärungen gegeben. Die erste Erklärung ist, dass für die restliche Zeit der eigenen Lebensspanne, nachdem man Nirvana [Befreiung] erlangt hat, der Körper weiter bestehen bleibt [so wie auch der Geist und das Selbst, mit dem das Kontinuum der beiden bezeichnet wird.] Dieser Zustand wird als „ Nirvana mit Überrest“ bezeichnet. Aber sobald diese angeeigneten Aggregate [des Körpers und des Geistes], die durch vorheriges Karma entstanden sind, zum Zeitpunkt des Todes aufhören zu existieren, wird [mit dem Ende des Körpers] das Kontinuum des Bewusstseins und des Selbst auch aufhören zu existieren. Das wird als das „Nirvana ohne Überrest“ bezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt gibt es dann also wirklich überhaupt kein Selbst mehr. [Das Selbst ist zu einem Ende gekommen.]

Die andere Erklärung, die im allgemeinen Mahayana-Buddhismus gemacht wird, besagt jedoch, dass es keinen Grund dafür gibt, warum das Hauptbewusstsein aufhören sollte zu existieren. Lediglich die Gedanken, die auf einer trügerischen und verzerrten Wahrnehmung fußen, kommen zu einem Ende, da es das entgegenwirkende Verständnis gibt, das das Fundament dieser Gedanken zerstört. [Ein korrektes Verständnis und verzerrte Wahrnehmung schließen sich gegenseitig aus und können daher nicht gleichzeitig in einem Augenblick im Geist existieren.] Aber es gibt nichts Vergleichbares, das dem Geist des klaren Licht entgegenwirken könnte. Deshalb hat der [individuelle] Geist des klaren Lichts kein Ende und daher hat auch das Selbst, das in Abhängigkeit von einem Geist des klaren Lichts bezeichnet wird, ebenfalls kein Ende. Obwohl die Gewohnheiten trügerischer Wahrnehmung zu einem Ende kommen können, gibt es keinen Grund, warum der Geist des klaren Lichts ein Ende haben sollte. Deshalb gibt es im Buddhismus zwei Standpunkte: Der eine Standpunkt besagt, dass das Selbst ein Ende hat und unter anderer Standpunkte besagt, dass das Selbst kein Ende hat.

Zusammenfassung

Während der letzten 3000 Jahre oder länger, haben sich unterschiedliche religiöse Traditionen entwickelt und versucht, diese drei Fragen zu beantworten. All diese bedeutenden Religionen besitzen zwei Aspekte: Eine religiöse Seite und eine philosophische Seite – mit anderen Worten gesagt: Ein Aspekt setzt sich mit den praktischen Lehren auseinander, wie man sein Herz schult, der andere Aspekt, die Rückenstärkung durch die Philosophie unterstützt die erste Seite. Glauben und Vernunft müssen in dieser Weise in allen Traditionen zusammengehen. Im Buddhismus werden diese praktischen Lehren als die „Methoden“-Seite bezeichnet und die philosophischen Lehren, die diese „ Methoden“-Seite untermauern, werden als „Weisheits-“Seite bezeichnet. Die praktische Seite umfasst als Methode vornehmlich die Entwicklungen eines Wunsches [so wie beispielsweise den Wunsch danach, in der Lage zu sein, allen Lebewesen dabei zu helfen ihr Leiden zu überwinden.]

Manchmal beschreibe ich zwei Kategorien von Religionen: Göttliche und Religionen ohne Gott. Der Buddhismus ist eine Religion ohne Gott. Von einem theistischen Blickwinkel aus betrachtet, ist der Buddhismus keine echte Religion, sondern eine Form von Atheismus. Einige Freunde sagen, der Buddhismus sei ein „Weg, um zu Gott zu gelangen“, und er sei daher nicht gegen Gott. Einige Freunde korrigieren mich in dieser Weise.

Ich empfinde, dass in theistischen Religionen das grundlegende Konzept der Religion Gott ist. Einige Buddhisten sagen, dass der Buddhismus vom Buddha stamme, aber der Buddha Shakyamuni entwickelte sich aus einem begrenzten fühlenden Wesen. Gemäß der allgemeinen Betrachtungsweise war der Buddha, bis er in Bodhgaya die Erleuchtung erlangte, ein begrenztes Wesen. Die Sanskrit-Tradition des Buddhismus spricht von vier Körpern eines Buddha, den vier kayas, da verhält es sich ein bisschen anders; aber die frühen Pali-Traditionen sagen, dass Buddha Shakyamuni in der ersten Hälfte seines Lebens ein begrenztes Wesen war und erst später zu einem erleuchteten Buddha wurde. Obwohl die Lehren des Buddha aus einer Zeit stammen, als er ein Buddha war, ging er selbst doch aus einem begrenzten Lebewesen hervor.

Die buddhistische Sichtweise und Theorie gründen sich auf einer existierenden Realität. Nehmen wir beispielsweise die vier edlen Wahrheiten – Leiden und seine Ursachen: Sie existieren in Wirklichkeit. In den Erläuterungen über die Selbstlosigkeit geht es um die Natur der Realität. Das Konzept des Nirvana basiert darauf. In einigen buddhistischen Texten wird gesagt: „Haltet euch an die essenzielle Natur der Realität als die Grundlage; entwickelt eine Methode als Pfad, die auf dieser essenzielle Natur der Wirklichkeit basiert; und durch diesen Pfad wirst du das Resultat erlangen.“

Ich unterscheide also zwischen buddhistischer Wissenschaft oder Philosophie und buddhistischer Religion. Auf der Ebene der buddhistischen Wissenschaft, gibt es keine Erörterungen moralischer Bewertungen. Auf dieser Ebene gibt es nur die Erforschung dessen, was die Realität ist. Um diese Art der Untersuchung durchzuführen, muss die Art der Untersuchung objektiv und unvoreingenommen seinen. Wir benötigen Skepsis: Skepsis ist sehr wichtig. Zweifel bringt Fragen hervor. Ein forschendes Fragen-Stellen führt zur Erforschung und diese führt zu [objektiven] Antworten. Insbesondere in der Sanskrit-Tradition der Klosteruniversität von Nalanda in Indien, [der der tibetische Buddhismus folgt,] gab es eine starke Betonung der Logik. Warum sollte man Dinge in Frage stellen, um praktizieren zu können? Dinge werden in Frage gestellt, weil wir die Realität erkennen müssen; die Übung muss in der Realität gegründet sein, deshalb ist das Erforschen so wichtig.

Wenn die Religion lediglich auf Zitaten aus den Schriften fußt, dann hängt sie nicht wirklich von logischen Schlussfolgerungen ab. Wir mögen zwar eine Aussage zitieren, aber die Gültigkeit des Zitats muss durch Logik untermauert werden. Im Buddhismus sprechen wir von drei Arten von Phänomenen: offensichtlichen, verschleierten und äußerst verschleierten Phänomenen. Die letzte Kategorie von Phänomenen kann man nicht direkt mittels der bloßen Wahrnehmung erkennen noch kann sie durch logische Schlussfolgerung erkannt werden. Diese Kategorie von Phänomenen kann nur dadurch erkannt werden, dass man sich auf authentische Informationsquellen stützt oder indem man sich auf jemanden verlässt, der eine gültige Erkenntnis besitzt. [Die Gültigkeit der Informationsquelle muss durch Logik untermauert werden.]

Die buddhistische Wissenschaft untersucht die Natur dessen, was existiert. Was existiert, hat zwei Aspekte: die physische Welt und die geistige Welt. Die moderne Wissenschaft ist im Bereich [der Erforschung] der materiellen Welt, im Vergleich mit dem buddhistischen Verständnis der materiellen Welt, hochgradig fortgeschritten. Demnach ist es für Buddhisten nützlich, von den modernen Wissenschaften zu lernen. Aber in Bezug auf die Phänomene des Geistes und des Bewusstseins befindet sich die moderne Wissenschaft lediglich in einem anfänglichen Stadium, das wir als die „ weichen Wissenschaften“ bezeichnen. Wir können von den althergebrachten Erkenntnissen über den Geist, wie sie in den indischen Traditionen gesammelt wurden – von den Buddhisten, den Jainas und den Hindus – einer Menge Informationen erhalten. Einige Wissenschaftler sind an einer Zusammenarbeit auf diesem Gebiet sehr interessiert und das ist sehr hilfreich.