Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Bedeutung von Religion in der heutigen Zeit

Seine Heiligkeit der Vierzehnte Dalai Lama
Mailand, Italien, 7. Dezember 2007
Transkribiert und leicht redigiert von Alexander Berzin
Übersetzung ins Deutsche: Tara Dorn

Ich möchte über die Bedeutung von Religion in der heutigen Zeit sprechen. Jeder hat von Natur aus das Empfinden eines Selbst und erfährt damit erkennbare Phänomene mit schmerzlichen, angenehmen und neutralen Gefühlen. Das sind Tatsachen, die keiner weiteren Untersuchung bedürfen. Tiere erfahren das auch. Von Natur aus mögen wir alle das Glücklichsein und wollen kein Unglück und Schmerzen. Das zu überprüfen ist genauso unnötig. Auf dieser Basis können wir vom Recht eines jeden sprechen, ein glückliches Leben zu haben und das Leiden zu überwinden.

Es gibt zwei Kategorien von Schmerzen und Vergnügen. Eine ist verbunden mit der körperliche n Sinneserfahrung und mit der geistigen Ebene. Die Sinnesebene ist allen Arten von Säugetieren, die fünf Sinne haben, gemeinsam. Was die geistige Ebene betrifft, so haben sie auch einige Tiere. Weil aber Menschen eine verfeinertere Intelligenz besitzen, haben sie ein Langzeitgedächtnis und auch Gedanken über die Zukunft. Das ist mehr als die Tiere haben. Daher erfahren Menschen geistiges Vergnügen und Zufriedenheit oder Schmerzen – Hoffnung, Erwartungen, Angst. So sind körperliches Glücklichsein und Unglücklichsein und geistiges Glücklichsein und Unglücklichsein verschiedene Dinge. Wir können körperlichen Schmerz erfahren aber geistig glücklich sein und zu anderen Zeiten kann unsere körperliche Ebene in Ordnung sein aber unsere geistige Ebene ist von Sorge und Unzufriedenheit erfüllt.

Die körperliche Ebene ist mit körperlichen Gegenständen verbunden – mit Nahrung, Kleidung, Wohnraum, angenehmen Anblicken, Tönen, Gerüchen, Geschmack, körperlichen Empfindungen, materiellen Möglichkeiten. Einige Leute sind sehr reich. Sie besitzen Ruhm, Bildung, Respekt und viele Freunde. Aber dennoch sind sie als Menschen sehr unglückliche Personen. Das kommt daher, weil materielle Möglichkeiten dabei versagen, geistige Zufriedenheit oder Trost zu bringen. Jemand der viel Stress, Sorgen, Konkurrenz, Eifersucht, Hass, Begierde hat – das bringt ihm geistiges Unglücklichsein. Daher gibt es Grenzen für körperliches und materielles Wohlergehen. Ignorieren wir die innere Ebene, kann das Leben nicht glücklich sein. Reiche Gesellschaften besitzen materiellen Komfort, können aber nicht dafür garantieren, dass die Leute darin einen glücklichen, friedvollen, zufriedenen Geist haben. Daher brauchen wir einen Mechanismus, der den Frieden des Geistes bringt.

Im Allgemeinen ist Religion ein Instrument, um geistigen Frieden und Zufriedenheit, geistigen Trost mit einem bestimmten Glauben zu vermitteln. Viele stimmen auch zu, dass es einen weltlichen Weg sollte, um den Frieden des Geistes zu bringen, aber das werde ich in meinem öffentlichen Vortrag besprechen. Sprechen wir aber über einen Weg, um den Frieden des Geistes zu bringen der auf Glauben ruht, dann gibt es zwei Kategorien von Religion: Glaube ohne Philosophie und Glaube mit Philosophie. 

[Siehe: Religiöse Harmonie, Mitgefühl und Islam.]

In alten Zeiten benutzten die Menschen den Glauben, damit er ihnen Hoffnung und Trost bringt, wenn sie verzweifelten Situationen gegenüberstanden – Schwierigkeiten jenseits unserer Kontrolle und Hoffnungslosigkeit. In solchen Situationen stellt der Glaube einige Hoffnung bereit. Zum Beispiel gibt es die Bedrohung durch Tiere in der Nacht, daher hat man größere Angst im Finsteren. Mit Licht fühlen wir uns sicherer. Die Quelle des Lichts ist die Sonne. Daher ist die Sonne etwas Heiliges und daher verehren einige Menschen die Sonne. Feuer bereitet Behaglichkeit, wenn wir frieren und daher haben manche Feuer als etwas Gutes betrachtet. Feuer entsteht manchmal durch einen Blitz der geheimnisvoll ist und daher sind sowohl Feuer als auch Blitz heilig. Das sind primitive Glaubensvorstellungen ohne Philosophie.

Eine andere Kategorie könnte die alte ägyptische Gesellschaft einschließen. Ich weiß nichts Genaues darüber. Die ägyptische Zivilisation liegt sechs- oder siebentausend Jahre zurück und hatte einen Glauben. Als ich in einer der Universitäten von Kairo war, drückte ich das Interesse aus, dort – wenn ich mehr Zeit hätte – zu studieren, um mehr über diese alte ägyptische Zivilisation zu lernen, hatte aber unglücklicherweise keine Zeit. Aber trotzdem – eine andere Kategorie von Religion umfasst die Indus-Tal-Zivilisation in Indien und die chinesische Zivilisation. Sie hatten verfeinertere Religionen mit einer Ideologie. Möglicherweise gab es in der Indus-Tal-Zivilisation davon mehr als in anderen. In Indien gab es bereits vor drei – oder viertausend Jahren Glauben mit einer bestimmten Philosophie. Daher ist eine andere Kategorie von Religion der Glaube mit bestimmten philosophischen Konzepten.

In dieser zweiten Kategorie gibt es gemeinsame Fragen. Ein jüdischer Freund drückte sie fein aus: Was ist das „Ich“? Woher komme ich? Wohin werde ich gehen? Was ist der Sinn des Lebens? Das sind die hauptsächlichen Fragen. Die Antworten dazu gibt es in zwei Kategorien: Theistische und nicht-theistische.

Vor dreitausend Jahren versuchten die Menschen in Indien eine Antwort darauf zu finden was das „ Ich“, was das Selbst ist. Nach der allgemeinen Erfahrung hat der Körper, wenn er jung ist, eine andere Erscheinung und Form als wenn er alt ist. Der Geist ist innerhalb von Minuten ebenfalls verschieden. Wir haben jedoch ein naturgegebenes Gefühl eines „Ich“ – als „ich“ jung war, als „ich“ alt war. Es muss daher einen Besitzer des Körpers und des Geistes geben. Der Besitzer muss wohl etwas Unabhängiges und Dauerhaftes sein, unveränderlich, während der Körper und der Geist sich verändern. Daher entstand die Vorstellung in Indien von einem Selbst, einer Seele, eines „ atman“. Ist der Körper nicht länger brauchbar, bleibt die Seele da. Das ist die Antwort darauf, was das „Ich“ ist.

Aber woher kommt dann die Seele? Hat sie einen Anfang oder nicht? Es ist schwer anzunehmen, dass es keinen Anfang gibt, daher muss es einen Anfang geben – gleich dem Anfang des Körpers. Und daher erschafft Gott die Seele. Und was das Ende betrifft, so kommen wir in die Gegenwart Gottes oder verschmelzen schließlich mit Gott. Religionen im Mittleren Osten – frühe jüdische, christliche und vielleicht ägyptische – glaubten an ein Leben nach dem Tod. Für Juden, Christen und Muslime ist die letztendliche Wahrheit jedoch Gott der Schöpfer. Ers ist die Quelle von allem. Dieser Gott musste grenzenlose Macht und grenzenloses Mitgefühl und Weisheit haben. Jede Religion postulierte unendliches Mitgefühl, wie bei Allah. Und Gott ist jenseits unserer Erfahrung, die letztendliche Wahrheit. Das ist die theistische Religion.

Vor ungefähr dreitausend Jahren entstand die Samkhya-Philosophie in Indien. Und innerhalb dieser gab es zwei Unterteilungen: Eine glaubt an Gott und eine behauptete, dass es keinen gäbe. Stattdessen spricht letztere Unterteilung von einer Urmaterie, prakrti und die fünfundzwanzig Klasses von erkennbaren Phänomenen. Für sie ist daher die Urmaterie unveränderlich und der Schöpfer. So gab es vor Buddha bereits nicht-theistische Ansichten.

Dann kamen vor ungefähr 2600 Jahren Buddha und der Gründer des Jainismus, Mahavira. Keiner von beiden erwähnt einen Gott, sondern betont stattdessen einfach Ursache und Wirkung. So sind die eine Kategorie der Samkhya-Philosophie und sowohl der Jainismus als auch der Buddhismus nicht-theistische Religionen.

Innerhalb der nicht-theistischen Religionen sagt der Buddhismus, dass alles von seinen eigenen Ursachen und Bedingungen herrührt und dass deshalb eine der grundlegenden Wesensarten von Ursache und Wirkung der Wandel ist. Dinge stehen niemals still. Da daher die Grundlage für das Selbst oder „ Ich“ der Körper und der Geist ist, die sich offensichtlich ständig verändern und das „ Ich“ von ihnen abhängt, dürfte das „Ich“ wohl von derselben Wesensart sein. Es kann nicht unveränderlich und beständig sein. Ändert sich die Grundlage, so ändert sich wohl auch das, was auf sie zugeschrieben wird. Daher gibt es keine beständige, unveränderliche Seele, also – „ anatma“, selbstlos. Dies ist das einzigartige buddhistische Konzept – alles ist voneinander abhängig und steht zueinander in Beziehung. Obwohl von den drei nicht-theistischen Religionen die beiden anderen die Kausalität annehmen, behaupten sie doch ein beständiges, unveränderliches Selbst.

Unter den Religionen, die einen Glauben mit Philosophie haben, gibt es viele verschiedene Traditionen. Alle diese haben zwei Aspekte – Philosophie und Konzepte sowie Praxis. Es gibt einen großen Unterschied in Bezug auf Philosophie und Konzepte, aber die Praxis ist dieselbe – Liebe, Mitgefühl, Vergebung, Toleranz, Selbstdisziplin. Unterschiedliche Philosophien und Konzepte sind nur Methoden, um in Menschen den Wunsch und die Überzeugung hervorzurufen, Liebe, Mitgefühl, Vergebung und so weiter zu üben. Daher haben all diese Philosophien das gleiche Ziel und die gleiche Absicht, nämlich zu Liebe, Mitgefühl und so weiter zu führen.

Dies ist im Buddhismus klar. Buddha lehrte verschiedene Konzepte, oftmals sich widersprechende. Einige Sutras sagen, dass die Aggregate – der Körper und der Geist – wie eine Last sind und das Selbst es ist, das sie trägt. Eine Last und was sie trägt, kann nicht dasselbe sein und daher muss das Selbst davon getrennt sein und substantiell existieren. Ein anderes Sutra sagt, dass Karma oder Handlungen existieren, dass es aber keine Person gibt, die handelt und kein substantielles Selbst. Andere Sutras sagen, dass es keine äußeren Phänomene gibt. Es gibt nur den Geist und andere Phänomene sind bloß die Inhalte des Geistes. Aber der Geist existiert, er existiert wirklich. Andere Sutras sagen wiederum, dass weder der Geist noch sein Inhalt wirklich existiert – nichts hat wahre Existenz wie in den Prajnaparamita Sutras, zum Beispiel im Herz-Sutra, gesagt wird: „Kein Auge, kein Ohr, keine Nase, keine Zunge, kein Körper, kein Geist“. Das ist alles widersprüchlich, aber all das kommt von derselben Quelle, Shakyamuni Buddha.

Buddha lehrte all das nicht aus eigener Verwirrung heraus. Er lehrte das auch nicht absichtlich, um in Schülern mehr Verwirrung auszulösen. Warum lehrte er so? Buddha respektierte, dass Individuen verschieden sind und lehrte all das, um ihnen zu helfen. Er sah, dass all das notwendig war.

Vor dreitausend Jahren gab es vielleicht zehn oder hundert Millionen Menschen. Jetzt gibt es über sechs Milliarden. Unter all diesen Menschen gibt es daher sicherlich unterschiedliche Veranlagungen. Wir können das sogar bei Kindern derselben Eltern sehen. Sogar bei Zwillingen ist deren Geist und ihre Emotionen verschieden. Innerhalb der Menschheit gibt es daher verschiedene Veranlagungen, unterschiedliche Lebensauffassungen, verschiedene Arten zu denken. Diese Unterschiede sind auch durch die Umwelt, die geographische Lage und das Klima bedingt. Zum Beispiel ist Arabien heiß und trocken. In Indien gibt es die Monsunregen und daher ist es verschieden und die Menschen da haben einen unterschiedlichen Lebensstil. Vielleicht waren die Menschen in Urzeiten sich überall ähnlicher. Jetzt aber ist es wegen dieser Unterschiede wichtig, verschiedene Herangehensweisen zu haben. Diese verschiedenen Philosophien und Konzepte machen aber nicht wirklich etwas aus. Das Wichtigste ist der Zweck und das Ziel all dessen und das ist dasselbe: In unserem Zugehen auf andere ein gütiger und mitfühlender Mensch zu sein.

Für einige Menschen ist dann das Konzept eines Schöpfers, eines Gottes, sehr hilfreich. Ich fragte einmal einen alten christlichen Mönch warum die Christenheit nicht an frühere Leben glaube. Er sagte: „Weil dieses besondere Leben von Gott geschaffen wurde“. So zu denken erzeugt ein Gefühl der Intimität mit Gott. Dieser Körper kommt aus dem Bauch unserer Mutter und wir haben daher ein Gefühl der Nähe und des Wohlgefühls bei unserer Mutter. Dasselbe ist daher mit Gott der Fall. Wir kommen von Gott und dies gibt uns ein Gefühl von Nähe zu Gott. Je vertrauter sich jemand fühlt, umso stärker wird seine Absicht sein, dem Rat Gottes, welcher Liebe und Mitgefühl ist, zu folgen. Daher ist der theistische Zugang sehr kraftvoll und hilft vielen Menschen viel mehr als ein nicht-theistischer Zugang.

Es ist besser, die eigene religiöse Tradition beizubehalten. In der Mongolei zahlen Missionare den Menschen $ 15 damit sie zum Christentum konvertieren. So gehen manche Menschen zu ihnen und treten jedes Jahr immer wieder über, nur um jedes Mal $ 15 einzusammeln! Ich rate diesen Missionaren, sich nicht einzumischen und dort die Menschen traditionelle Buddhisten sein zu lassen. Dies ist dasselbe, wenn ich Menschen aus dem Westen rate, ihre eigenen Religionen zu behalten.

Das Beste ist, mehr Informationen zu haben. Das hilft, Respekt zu entwickeln. Behalten Sie daher Ihre christliche Tradition, wenn Sie Christen sind, erwerben Sie aber Verständnis und Wissen über andere Traditionen. Was die Methoden betrifft, so lehren sie alle die gleiche Praxis – Liebe, Mitgefühl und Toleranz. Da die Praxis allen gemeinsam ist, ist es in Ordnung, einige Methoden vom Buddhismus anzunehmen. Wenn es aber um das buddhistische Konzept des nicht vorhandenen Absoluten geht – das ist eine strikt buddhistische Angelegenheit. Es ist für andere nicht hilfreich, es zu erlernen. Ein christlicher Pater fragte mich über Leerheit, Leere, und ich sagte ihm, dass das nicht gut für ihn sei. Würde ich die vollständige gegenseitige Abhängigkeit lehren, könnte das seinem starken Glauben an Gott schaden. Daher ist es für solche Menschen besser, keinen Erläuterungen über Leerheit zuzuhören.

Kurz gesagt, da alle größeren Traditionen die gleiche Praxis haben, nur verschiedene Methoden und unterschiedliche Philosophien, aber mit derselben Absicht ist dies, der Grund für gegenseitigen Respekt, Bleiben Sie daher bei Ihrer Tradition. Wenn Ihnen aber einige buddhistische Methoden meiner Vorlesung nützlich erscheinen, dann verwenden Sie sie. Sind sie nicht nützlich, dann lassen Sie sie einfach sein.