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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Buddhafamilieneigenschaften (Buddhafamilien) und Aspekte der Erfahrung

Alexander Berzin, Juli 2002
Deutsche Übersetzung: Nailu Sari

Buddhafamilieneigenschaften und Faktoren der Buddhanatur

Die Buddhafamilien verweisen auf Faktoren der Buddhanatur. In anderen Worten sind es Buddhafamilieneigenschaften, d.h. Faktoren, die im geistigen Kontinuum aller Wesen angelegt sind und die es jedem von uns ermöglichen, ein Buddha zu werden.

  • Auf der Ebene der Basis sind sie unrein. Dies bedeutet, dass ihre Kontinuitäten mit Unwissenheit (Ignoranz) und den störenden Emotionen und Geisteshaltungen vermischt sind. Spezifischer bedeutet es, dass sie mit den Schleiern vermischt sind, welche die Befreiung und die Allwissenheit verhindern.

  • Auf der Ebene des Pfades sind sie teilweise rein und teilweise unrein. Dies bezieht sich auf die Arya-Ebene, auf der einige Schleier für immer beseitigt wurden.

  • Auf der Ebene des Ergebnisses sind sie vollkommen bereinigt, so dass sie in unbehinderter Weise die Funktionen der erleuchtenden Aspekte eines Buddhas ausüben.

Kriya-Tantra und Charya-Tantra

Kriya und Charya, die ersten beiden Tantraklassen, besitzen drei Buddhafamilieneigenschaften:

  1. Die Tathagata- oder Buddhafamilie mit den Hauptbuddhaformen (tib. yi-dam, Gottheiten) Shakyamuni und Manjushri.

  2. Die Lotus (Skt. padma)-Familie mit den Hauptbuddhaformen Amitabha, Avalokiteshvara und Tara.

  3. Die Vajra-Familie mit den Hauptbuddhaformen Akshobhya und Vajrapani.

Auf der allgemeinsten Ebene symbolisieren:

  1. Manjushri den Körper,

  2. Amitabha und Avalokiteshvara die Rede,

  3. Vajrapani den Geist.

Auf den Geist bezogen symbolisieren:

  1. Manjushri das Verstehen (die Weisheit),

  2. Amitabha und Avalokiteshvara das Mitgefühl,

  3. Vajrapani die machtvollen Fähigkeiten.

Yoga-Tantra

Die dritte Tantraklasse, das Yoga-Tantra, hat vier Buddhafamilieneigenschaften, von denen sich jeweils eine auf jedes der vier Themen bezieht, die in den Texten dieser Klasse besprochen werden:

  1. Die Tathagata-Familie, angeführt von Vairochana, bezieht sich auf den Körper.

  2. Die Vajra-Familie, angeführt von Akshobhya, bezieht sich auf den Geist.

  3. Die Lotus-Familie, angeführt von Amitabha, bezieht sich auf die Rede.

  4. Die Juwelen (Skt. ratna)-Familie, angeführt von Ratnasambhava, bezieht sich auf die Handlungen.

Die fünfte Buddhafamilie, die Karma- (Handlungs-) Familie, angeführt von Amoghasiddhi, wird unter die Juwelen-Familie subsumiert.

Anuttarayoga-Tantra

Das Anuttarayoga, die vierte Tantraklasse, kennt fünf Buddhafamilieneigenschaften:

  1. die (durch ein Rad repräsentierte) Tathagata-Familie mit der Hauptbuddhaform Vairochana,

  2. die Juwelen-Familie mit der Hauptbuddhaform Ratnasambhava,

  3. die Lotus-Familie mit den Hauptbuddhaformen Amitabha und Avalokiteshvara,

  4. die (durch ein Schwert repräsentierte) Karma-Familie mit den Hauptbuddhaformen Amoghasiddhi und Tara,

  5. die Vajra-Familie mit der Hauptbuddhaform Akshobhya.

Auf der allgemeinsten Ebene symbolisieren:

  1. Vairochana den Körper,

  2. Ratnasambhava die guten Eigenschaften,

  3. Amitabha die Rede,

  4. Amoghasiddhi die Handlungen,

  5. Akshobhya den Geist.

In der „Guhyasamaja-Tantra“-Darstellung der fünf Aggregatfaktoren der Erfahrung (der fünf Aggregate) und in der Verteilung der Farben und Richtungen im Guhyasamaja-Mandala symbolisieren:

  1. Vairochana (Weiß, Osten) das Aggregat der Formen physischer Phänomene,

  2. Ratnasambhava (Gelb, Süden) das Aggregat der Empfindungen von Ebenen des Glücks,

  3. Amitabha (Rot, Westen) das Aggregat des Unterscheidens (Erkennens),

  4. Amoghasiddhi (Grün, Norden) das Aggregat der „weiteren beinflussenden Variablen“ (karmische Formationen, Willensdränge),

  5. Akshobhya (Blau, Zentrum) das Aggregat der Bewusstseinstypen.

In Bezug auf das Aggregat der Formen physischer Phänomene (oder des Körpers), werden die Buddhafamilien mit den fünf Elementen assoziiert:

  1. Die Vairochana-Familie symbolisiert die Erde.

  2. Die Ratnasambhava-Familie symbolisiert das Wasser.

  3. Die Amitabha-Familie symbolisiert das Feuer.

  4. Die Amoghasiddhi-Familie symbolisiert den Wind.

  5. Die Akshobhya-Familie symbolisiert den Raum.

Auf das Aggregat der Bewusstseinstypen (des Geistes) bezogen verkörpern:

  1. die Vairochana-Familie das Sehbewusstsein,

  2. die Ratnasambhava-Familie das Hörbewusstsein,

  3. die Amitabha-Familie das Riechbewusstsein,

  4. die Amoghasiddhi-Familie das Geschmacksbewusstsein,

  5. die Akshobhya-Familie das Körperbewusstsein.

Die fünf Buddhafamilieneigenschaften in den Begriffen der fünf Typen von tiefem Gewahrsein

Was die guten Eigenschaften angeht, die ein anderer Aspekt des Bewusstseinsaggregats sind (bzw. des Aggregats der „weiteren beinflussenden Variablen“ für die Gelug-Schule) und sich auf die fünf Typen tiefen Gewahrseins (tib. ye-shes, fünf Buddhaweisheiten) beziehen, gilt:

  1. Vairochana symbolisiert das tiefe Gewahrsein der Realitätssphäre (Skt. dharmadhatu) (nach der Gelug-Schule das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein).

  2. Ratnasambhava symbolisiert das tiefe gleichsetzende Gewahrsein.

  3. Amitabha symbolisiert das tiefe individualisierende Gewahrsein.

  4. Amoghasiddhi symbolisiert das tiefe vollbringende Gewahrsein.

  5. Akshobhya symbolisiert das spiegelgleiche tiefe Gewahrsein (den Gelug entsprechend das tiefe Gewahrsein der Realitätssphäre).

Es gibt neunzehn „eng bindende Praktiken“ (tib. dam-tshig, Skt. samaya), durch die man mit den fünf Buddhafamilieneigenschaften und speziell mit den fünf Typen des tiefen Gewahrseins eine Verbindung eingeht:

  1. Sechs Praktiken, um eine enge Verbindung mit dem Gewahrsein der Realität (Vairochana) einzugehen (in der Gelug-Schule: mit dem spiegelgleichen Gewahrsein):

    • Sichere Richtung (Zuflucht) zu den Drei Juwelen: zu den Buddhas, dem Dharma und dem Arya-Sangha. (Die Nyingma-Schule ersetzt dies durch das Entwickeln der anstrebenden und der verwirklichenden Ebenen des Bodhichittas).
    • Die drei Typen ethischer Selbstdisziplin: destruktive Handlungen zu vermeiden, konstruktive Handlungen – wie Meditation- zu praktizieren und den fühlenden Wesen zu helfen.
  1. Vier Praktiken, um sich eng mit dem gleichsetzenden Gewahrsein (Ratnasambhava) zu verbinden.

    • Die vier Arten von Großzügigkeit: das Geben innerer materieller Objekte, wie etwa des eigenen Körpers; das Geben äußerer materieller Objekte; das Geben von Dharma; das Geben von Furchtlosigkeit. (Die Gelug-Schule fasst die ersten beiden Punkte zu einem zusammen und fügt als weiteren Punkt das Schenken von Liebe hinzu, den Wunsch, dass alle Glück und die Ursachen des Glücks erlangen).
  1. Drei Praktiken, um eine enge Verbindung mit dem individualisierenden Gewahrsein (Amitabha) einzugehen:

    • Das Hochhalten der Lehren des Sutra-Fahrzeuges (Shravaka, Pratyekabuddha und Bodhisattva), der äußeren Tantraklassen (Kriya und Charya) und der vertraulichen (geheimen) Tantraklassen (Yoga und Anuttarayoga. In der Nyingma-Schule: Yoga, Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga oder Dzogchen).
  1. Zwei Praktiken, um eine enge Verbindung mit dem vollbringenden Gewahrsein (Amoghasiddhi) einzugehen:

    • Das Darbringen von Opfergaben (die Nyingma-Schule unterteilt dies in zwei eng bindende Praktiken: das Darbringen von Opfergaben im allgemeinen und das Darbringen von Tormas).
    • Das Schützen der eigenen Gelübde (die Nyingma-Schule ersetzt dies durch das Engagement in Aktivitäten wie das Lindern des Leidens und das Fördern von guten Eigenschaften in anderen).
  1. Vier Praktiken, um eine enge Verbindung mit dem spiegelgleichen Gewahrsein (Akshobhya) einzugehen (in der Gelug-Schule mit dem Gewahrsein der Realität):

    • Man bewahrt als Methode ein Vajra und was er symbolisiert: die Klarheit des Erscheinens in einer reinen Erscheinung und das glückselige Gewahrsein.
    • Man bewahrt als Weisheit eine Glocke und was sie symbolisiert: das Gewahrsein von Leerheit.
    • Man bewahrt das Mudra (Siegel), was bedeutet, dass man sich als ein Paar von Buddhaformen im Akt der Vereinigung visualisiert. Dies symbolisiert die untrennbare Vereinigung von Methode und Weisheit, die nichtdual sind.
    • Man vertraut sich in korrekter Weise in einem gesunden Verhältnis den eigenen tantrischen Meistern an.

Wenn die fünf Typen tiefen Gewahrseins verunreint sind (d.h. vermischt mit Unwissenheit in Bezug auf die Realität), so werden:

  1. das Gewahrsein der Realität (Vairochana) (für die Gelug-Schule das spiegelgleiche Gewahrsein) zur Naivität,

  2. das gleichsetzende Gewahrsein (Ratnasambhava) zu Arroganz und Geiz,

  3. das individualisierende Gewahrsein (Amitabha) zu sehnsüchtigem Verlangen und Anhaftung,

  4. das vollbringende Gewahrsein (Amoghasiddhi) zur Eifersucht,

  5. das spiegelgleiche Gewahrsein (Akshobhya) (für die Gelug-Schule das Gewahrsein der Realität) zu Ärger.

Amitabha

Um mit irgendeiner Buddhafamilie zu arbeiten, etwa mit der Amitabhas, muss man all die verschiedenen (mit den Aspekten der Buddhanatur verbundenen) Aspekte seiner Familieneigenschaften in einer sinnvollen Weise miteinander verknüpfen. Im Falle Amitabhas sind dies:

  • das tiefe individualisierende Gewahrsein,

  • das Aggregat des Unterscheidens,

  • die Rede,

  • das Riechbewusstsein (wie wenn ein Tier dazu in der Lage ist, aufgrund einzelner Gerüche Feinunterscheidungen zu treffen),

  • das Feuer,

  • das sehnsüchtige Verlangen und die Anhaftung (mit denen man sich auf die guten Eigenschaften, die ein Individuum charakterisieren, konzentriert und sie übertreibt),

  • das Symbol des Lotus (er wird aus schlammigem Wasser geboren, wird jedoch vom Schlamm nicht befleckt),

  • das Mitgefühl,

  • das Hochhalten der verschiedenen Sutra- und Tantraklassen.

Wenn wir

  • uns entspannen und damit aufhören, Personen und Dinge aufgrund starrer Kategorien von Wörtern und Konzepten (die von der Rede und den einzelnen Gerüchen impliziert werden) zu unterscheiden;

  • und wenn wir das sehnsüchtige Verlangen und die Anhaftung loslassen, die sich ergeben, wenn wir die charakteristischen guten Qualitäten der Personen und Dinge übertreiben, weil wir sie durch diese Unterscheidungsweise als etwas Besonderes wahrnehmen;

  • dann gleiten wir in einer natürlichen Weise in das darunterliegende tiefe individualisierende Gewahrsein. Dies ist die Eigenschaft der Buddhanatur, die die Gegenstände lediglich anstrahlt, wie die Flamme einer Lampe, und die es uns erlaubt, sie im Detail zu erkennen. Dieses tiefe Gewahrsein ist von Natur aus unbefleckt vom sehnsüchtigem Verlangen und der Anhaftung, wie es das Bild vom Lotus exemplifiziert.

  • Dank dem individualisierenden Gewahrsein können wir dann mit jedem Individuum voller Mitgefühl kommunizieren.

  • Als Hilfe zum Erreichen dieser Ebene ehren wir alle Sutra- und Tantraklassen: Wir unterscheiden ihre individuellen Eigenschaften ohne Vorurteilen aufzusitzen, wonach eine von ihnen besser als die anderen sei.