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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Was ist der Unterschied zwischen der Visualisierung von uns selbst als buddhistische Gottheit und der Vorstellung einer verblendeten Person, sie sei Mickymaus?

Alexander Berzin
Moskau, Russland, April 2011
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause

Heute Abend werden wir darüber sprechen, worin der Unterschied besteht – falls es einen gibt , ob wir uns als Buddha-Gestalt visualisieren oder uns vorstellen, wir wären Mickymaus. Das mag zwar etwas komisch klingen, aber wenn wir uns mit Tantra-Praxis befassen, geschieht es oft, dass wir an einen Punkt kommen, an dem wir uns fragen, was wir da eigentlich tun. Denn wir beschäftigen uns dabei mit lauter Visualisierungen und Dingen, die fantastisch erscheinen, und nach einer Weile denken wir vielleicht – wenn wir keine gute Grundlage haben -, dass das alles doch ziemlich verrückt ist. Insbesondere wenn es vorkommt, dass wir jemand anderem davon erzählen, was wir da tun - wovon natürlich immer abgeraten wird – und in etwa sagen: „Ich stelle mir vor, ich bin die Rote Fee, ich begebe mich ins Land der Feen und werde alle dorthin mitnehmen.“ Man würde uns vermutlich einsperren wollen. Lassen Sie uns also dieses Thema „Buddha-Gestalt oder Mickymaus“ etwas genauer betrachten.

Die Vorstellung von uns selbst als Buddha-Gestalt

Eine der ausgeprägtesten Besonderheiten tantrischer Praxis ist das so genannte Gottheiten-Yoga, bei dem wir uns vorstellen, wir seien eine Buddha-Gestalt. Der Ausdruck, der normalerweise dafür verwendet wird, wird meistens als „visualisieren“ übersetzt, aber es geht dabei nicht nur um ein visuelles Bild unserer selbst. Der Ausdruck wird erheblich besser mit „vorstellen“ übersetzt, denn wir stellen uns tatsächlich vor, dass wir wirklich diese Gestalt sind; wir stellen uns vor, dass wir dies mit all unseren Sinnen erfahren, nicht nur in visueller Hinsicht. Was ich als „ Buddha-Gestalt“ übersetze, ist das tibetische Wort „yidam“, manchmal auch „spezielle Gottheit“ genannt – nicht einfach irgendeine Gottheit. Der tibetische Begriff „yidam“ bedeutet wörtlich etwas - eine Gestalt -, mit der man eine enge Verbindung für den Geist herstellt. Wir stellen also eine enge Beziehung zu dieser Buddha-Gestalt her, um tatsächlich diese Buddha-Gestalt bzw. ein Buddha in Form (mit der physischen Ausprägung) dieser Buddha-Gestalt zu werden.

Die vier Reinheiten

Wir stellen uns dabei uns selbst nicht nur in dieser Form vor – das ist nur die erste der so genannten vier Reinheiten. Die Vorstellung bezieht sich nicht nur auf einen reinen Körper, einen physischen Körper, sondern darauf, dass alles um uns herum eine reine Umgebung ist, d.h., wir stellen uns vor, dass wir uns in einem Mandala befinden. Ein Mandala ist ein dreidimensionaler Palast, und alles um den Palast herum ist ein reines Land – tatsächlich befindet sich der Palast in einem reinen Land -, in dem alles vollkommen ist und die spirituelle Praxis fördert. Zudem sind auch unsere Handlungen rein. Die Art, wie wir mit anderen umgehen, ist frei von jeder Verwirrung, und besteht einfach nur darin, dass wir ihnen mit vollkommen vortrefflichen Mitteln helfen. Außerdem haben wir eine reine Art, die Dinge zu genießen. Anstelle unserer gewöhnlichen Erfahrung von Auf und Ab – mal ein bisschen glücklich, aber dann ändert sich das und wir sind unglücklich - genießen wir alles mit einem Geisteszustand, der „makelloses glückseliges Gewahrsein“ genannt wird. Das bedeutet, dass keinerlei Verwirrung damit verbunden ist. Mit diesen vier Reinheiten haben wir eine sehr umfassende Vorstellung davon, was wir sind, wo wir sind, was wir tun und wie wir das, was vor sich geht, empfinden.

Die Form einer Buddha-Gestalt als Wegbereiter für die Form eines Buddha

Was wir damit tun, ist, uns etwas vorzustellen, was insofern noch nicht stattgefunden hat, als wir es noch nicht tatsächlich erfahren haben, was wir aber imstande sein werden zu erfahren, und zwar aufgrund der so genannten Faktoren der Buddha-Natur, die wir alle besitzen. Darüber werden wir an diesem Wochenende noch genauer sprechen. Wir arbeiten also mit dem, wozu sich diese verschiedenen Faktoren, die Teil unseres geistigen Kontinuums sind, entwickeln können, wozu sie werden können. Alle diese Buddha-Gestalten, die wir uns jetzt vorstellen und die tatsächliche Buddha-Gestalten darstellen, die sich noch nicht zugetragen haben, die wir jedoch erfahren können oder als die wir uns manifestieren können, liegen im Bereich der Möglichkeiten dessen, was tatsächlich sein kann und wozu es kommen kann. Buddhas können sich in unendlicher Zahl und Vielfalt von Formen manifestieren, um anderen zu helfen. Und sie manifestieren sich nur in Formen, die möglich sind, die tatsächlich existieren. Ein Buddha kann sich nicht als etwas manifestieren, das nicht existiert, etwa, wie das klassische Beispiel lautet, als Kind einer unfruchtbaren Frau, also als natürliches Kind einer Frau, die keine Kinder bekommen kann.

All diese Gestalten mit all den Gesichtern, Armen und Beinen usw. sind tatsächliche Gestalten, die unsere Energie annehmen kann, um anderen zu helfen, nämlich als geschickt eingesetztes Mittel dafür. All diese Gesichter, Arme und Beine zu haben ist ein geschickt einzusetzendes Mittel, denn sie alle repräsentieren zahlreiche Aspekte des spirituellen Weges, d.h. dessen, was wir tatsächlich zu verwirklichen und zu erlangen haben. Uns selbst in diesen Formen vorzustellen ist für uns eine Methode, um all diese Aspekte schneller gleichzeitig integrieren zu können. Das müssen wir können, wenn wir ein Buddha werden wollen. Es geht nicht darum, dass wir uns lediglich die sechs oder 24 Arme oder was auch immer vorstellen können und all die Dinge, die man dabei in der Hand hält – das ist nur ein Hilfsmittel, um im Sinn zu behalten (uns zu vergegenwärtigen), was sie repräsentieren.

All das existiert also. Es existiert in dem Sinne, dass unser geistiges Kontinuum diese Dinge so hervorbringen kann, wie ein Buddha sie hat – „existieren“ bedeutet hier, dass es möglich ist – und unsere Energie kann sich in dieser Form manifestieren. Das ist etwas, das möglich ist, nach dem Muster dessen, was der Buddha tat, weiterhin tut und fortfahren wird zu tun, als geschickt eingesetztes Mittel, um anderen helfen zu können.

Buddha manifestiert sich nicht (und daher auch unsere Energie nicht) als etwas, das unmöglich stattfinden kann. Es ist also nicht möglich, dass unser geistiges Kontinuum den gegenwärtig lebenden Napoleon oder Kleopatra oder Mickymaus hervorbringt. Napoleon und Kleopatra lebten vor langer Zeit. Ihr Leben findet nicht mehr statt – ein gegenwärtig stattfindender Napoleon existiert nicht. Deshalb können wir uns nicht als der gegenwärtig anwesende Napoleon oder die gegenwärtig anwesende Kleopatra manifestieren. Mickymaus hat nie existiert. Es gibt eine Zeichentrickfigur - eine bestimmte Form oder Zeichnung – die Mickymaus darstellt, aber eine tatsächliche Mickymaus hat nie existiert. Deshalb können wir uns nicht als eine tatsächliche, gegenwärtig lebende Mickymaus manifestieren. Obwohl wir uns als ein noch nicht stattfindender Avalokiteshvara mit vier Armen oder 1000 Armen manifestieren können.

Es besteht also ein Unterschied zwischen der Manifestation als etwas, das geschehen kann, und der Manifestation als etwas, das nie geschehen kann. Und selbst wenn wir die gegenwärtig lebende Königin von England als Beispiel nehmen, die tatsächlich existiert: Unser Geisteskontinuum kann nicht die gegenwärtig existierende Königin von England hervorbringen, nicht wahr? Wir haben nicht die dafür erforderlichen Faktoren; wir haben nicht die Potenziale dafür, dass dies stattfinden könnte. Oder, wenn wir das Thema etwas tiefgründiger behandeln wollen: Unser Geisteskontinuum kann kein wahrhaft existentes „Ich“ in meiner gegenwärtigen Form hervorbringen, weil das ebenfalls nicht existiert – obwohl es so erscheinen kann. Aber ein tatsächlich wahrhaft existierendes „Ich“ in dieser Form gibt es nicht. Es kann nicht vorkommen.

Verstehen Sie den Unterschied? In unserer Vorstellung gibt es eine Erscheinung, die etwas repräsentiert, das sich zutragen kann, und andererseits eine Erscheinung, die wir von etwas erzeugen, das sich niemals zutragen kann. Das ist ein großer Unterschied. Um ihn zu beschreiben und zu erklären, müssen wir uns allerdings etwas fachtechnisch ausdrücken, so wie ich es gerade getan habe. Lassen Sie uns nun die grundlegende Ebene etwas näher betrachten, und zwar im Hinblick darauf, was der Hintergrund dafür ist, uns selbst als Buddha-Gestalt zu visualisieren, und dies dann mit dem Hintergrund von jemandem vergleichen, der sich vorstellt, er sei Mickymaus oder Napoleon oder Kleopatra.

Zuflucht und ethisches Verhalten

Zunächst einmal ist ein Praktizierender des tantrischen Dharmas – wir reden hier von einem authentischen Praktizierenden, jemandem, der es korrekt ausübt – jemand, der seinem Leben eine sichere Richtung gegeben hat (so lautet die Terminologie, die ich bevorzuge; normalerweise wird das „Zuflucht“ genannt). Was bedeutet das? Es bedeutet, dass die betreffende Person eine realistische Sicht der vier edlen Wahrheiten hat: Sie erkennt, was wahre Leiden sind. Sie erkennt die wahren Ursachen dafür. Und sie erkennt, dass es möglich ist, eine wahre Beendigung dieser Ursachen und der Leiden, die sie hervorbringen, zu erreichen, sodass sie nie wieder auftreten. Und sie erkennt auch Geisteszustände des wahren Pfades – oft einfach „wahrer Pfad“ genannt, doch es handelt sich um ein Verständnis, das jene wahre Beendigung bewirkt, welche daraus hervorgehen wird.

Die tiefste Dharma-Zuflucht bzw. das Dharma-Juwel sind diese wahren Beendigungen und wahren Pfade des Geiste – die dritte und die vierte edle Wahrheit. Die Buddhas sind diejenigen, in deren Geisteskontinuum diese wahren Beendigungen und wahren Pfade in vollem Ausmaß vorhanden sind; sie alle sind darin vollständig. Der Arya-Sangha ist die Gemeinschaft derjenigen, in denen diese wahren Beendigungen und Geisteszustände wahrer Pfade teilweise vorhanden sind; einige davon sind vorhanden, aber nicht das gesamte Ausmaß aller.

Das heißt also, dass ein Praktizierender des buddhistischen Tantras seinem Leben eine Bedeutung - eine Richtung – gegeben hat. Eine solche Person erkennt die verschiedenen Probleme, die sie hat, sowie auch, was die Ursachen dafür sind, und sie übt sich in einer Methode, die die wahre Beendigung dieser Probleme bewirken wird – die wahre Beendigung der Ursachen der Probleme und daher auch der Probleme selbst. Der Tantra-Praktizierende ist sich vollauf im Klaren darüber, dass es einen Ausweg aus dem Leiden gibt; er weiß also genau, was er tut. Und er weiß auch, dass er damit nicht allein ist, dass es auch andere gibt: Buddhas, Arya-Sangha, Menschen, die ebenfalls damit befasst sind und in dieselbe Richtung gehen.

Das erste, was man tun muss, um diese sichere Richtung einzuschlagen, ist, sich von destruktivem Verhalten zurückzuhalten, da destruktives Verhalten Unglück und das so genannte Leid des Leidens erzeugt. Tantra-Praktizierende üben diese Visualisierungen usw. im Rahmen ethischen Verhaltens. Sie erkennen, dass die Ursachen für all das Leiden und die Probleme, die sie haben, im Grunde innere Ursachen sind – innere Ursachen in dem Sinne, dass sie durch die Unwissenheit, die Verwirrung, die störenden Emotionen, das Karma usw. in ihren eigenen Geisteskontinuum verursacht sind. Das ist es, was man zu überwinden streben muss; und es ist möglich, es für immer loszuwerden.

Eine gestörte Person hingegen sucht normalerweise einen Sündenbock für ihre Probleme. Sie gibt die Schuld ihren Eltern, der Gesellschaft usw. (meist verbunden mit einer Art Paranoia). Sie erkennt nicht, dass das, was sie tut, nämlich ihr Verhalten, Einfluss auf ihre Zukunft hat: auf das was sie erleben wird. Wenn sie denkt, sie wäre Mickymaus oder Napoleon oder Kleopatra, dann geschieht das nicht mit der Absicht, dies als Bezugssystem ethischen Verhaltens einzusetzen und Befreiung und Erleuchtung zu erreichen, einen Zustand, der frei von den Problemen ist, die sie als Mickymaus hat.

Entsagung

Der nächste Unterschied hat etwas mit dem zu tun, was als „Entsagung“ bekannt ist. Entsagung ist die Entschlossenheit, sich von unseren Problemen und deren Ursachen zu befreien. Dazu gehört natürlich auch, dass man willens ist, die Probleme und ihre Ursachen aufzugeben. Es gibt zwei Unterteilungen dieser Entschlossenheit zur Freiheit: Wir sind entschlossen, uns von den Problemen dieses Lebens zu befreien; daher wenden wir uns von der zwanghaften Verstrickung in die Dinge dieses Lebens ab. Und wir sind entschlossen, uns von sämtlichen Problemen aller zukünftigen Leben zu befreien (d.h., Befreiung zu erlangen); deshalb wenden wir uns von der zwanghaften Verstrickung in jegliche samsarischen Angelegenheiten ab.

Nun könnten wir einwenden: „Ist das nicht Weltflucht? Flüchten wir nicht vor der Realität, wenn wir diesem Leben oder den Umständen des Lebens ganz allgemein entsagen?“ Aber die Antwort darauf lautet nein. Es handelt sich nicht um Weltflucht. Mit Entsagung erkennen wir das gewöhnliche Leben als das, was es ist. Es ist voller Enttäuschungen. Wir werden geboren, wir werden krank, wir werden alt, wir sterben; wir bekommen nicht, was wir uns wünschen; uns stoßen Dinge zu, die wir nicht gewollt haben. Selbst wenn es gut läuft, sind wir nie zufrieden, wir wollen immer noch mehr. Die Dinge ändern sich immerzu, nichts ist stabil. Mit der Entsagung nehmen wir all diese Probleme wirklich ernst, und wir haben das starke Gefühl: „Ich habe das einfach satt. Ich will das nicht länger akzeptieren. Ich werde eine Lösung suchen.“ Und weil wir als Grundlage bereits diese sichere Richtung in unserem Leben haben, sind wir zuversichtlich, dass es eine Lösung gibt, mit der wir all diese Probleme nicht immer wieder erfahren müssen – es gibt einen Ausweg; es ist möglich, sie loszuwerden. Wir wenden uns also davon ab, ganz und gar mit samsarischen Angelegenheiten dieses Lebens oder zukünftiger Leben beschäftigt zu sein, und wenden uns stattdessen dieser sicheren Richtung zu, arbeiten daran, jene wahren Beendigungen und Geisteszustände wahrer Pfade, Befreiung und Erleuchtung zu erlangen, indem wir wissen, dass dies eine konstruktive Möglichkeit ist, unseren Problemen gegenüberzutreten und sie zu lösen.

Eine gestörte Person hingegen, die sich vorstellt, sie wäre Mickymaus, flieht bloß vor dem Leben. Sie sieht ihren Problemen nicht ins Auge, sondern flüchtet in eine andere Realität, die nichts mit ihrem Leben zu tun hat. Eine tantrische Visualisierung ist eine Methode, auf kreative und konstruktive Weise mit unserem gewöhnlichen Leben umzugehen, während ein gestörter Mensch oder ein Schizophrener damit überhaupt nicht fertigwird.

Unser Selbstbild umwandeln

Wenn wir uns selbst als Buddha-Gestalt visualisieren, geht es darum, die gewöhnlichen Erscheinungen und unser Festhalten daran, dass wir auf eine gewöhnliche Art existieren, zu transformieren. Mit anderen Worten: Wir müssen unser verblendetes Selbstbild aufgeben. Das verblendete Selbstbild bezieht sich darauf, wer wir sind, was wir sind, und dass wir wahrhaft auf diese Weise existieren, d.h. wir glauben, es wäre wahrhaft erwiesen, dass wir auf diese unmögliche Art und Weise existieren. Unser Selbstbild kann beinhalten, dass wir ewig jung und immer gut aussehen, schön, stark und attraktiv sind – ein Geschenk Gottes an die Welt. Oder wir können ein negatives Selbstbild haben: dass wir hässlich und unbeliebt sind, zu nichts taugen: „Niemand mag mich. Ich bin nicht gut genug“ – all das sind negative Selbstbilder. Wir haben das Gefühl, das wäre die Art und Weise, wie wir immer sind und immer sein werden. Und dementsprechend verhalten wir uns, wir projizieren das auf uns, wir projizieren es auf andere, wir versuchen, dieses Bild festzunageln, weil wir uns in Bezug darauf unsicher und bedroht fühlen.

Aber wir müssen erkennen, dass dieses Selbstbild falsch ist. Es ist verblendet. So etwas wie eine feststehende, unveränderliche, unabhängige eigene Identität bzw. eine, die diesem Selbstbild entspricht, haben wir nicht. Es gibt also nichts, das abgesichert werden muss; es gibt nichts, was wir beweisen müssen. Das ist eine der tiefgreifendsten Einsichten, die wir auf der anfänglichen Ebene haben können. Es gibt nichts, in Bezug auf das wir verunsichert sein müssen. Ich muss nicht beweisen, dass ich deiner Zuneigung würdig bin oder irgend so etwas; das bringt nur Unglück und Leiden hervor. Es ist so, als würde ich zu beweisen versuchen, dass ich Mickymaus bin. Ich kann unmöglich beweisen, dass ich Mickymaus bin, weil es Mickymaus nicht gibt. Wie könnte ich das also beweisen? Und warum sollte ich ein Gefühl von Unsicherheit in Bezug auf meine Existenz als Mickymaus haben, wenn es gar keine Mickymaus gibt?

Ähnlich ist es, zu versuchen, dieses „Ich“ zu beweisen oder sicherzustellen, welches hässlich ist und das niemand mag und das zu dick ist. Aber ich möchte, dass man mich mag, also muss ich beweisen, dass man mich mögen sollte, beweisen, dass ich liebenswert bin. Und jeder soll mich lieben. – Nun, nicht jeder mochte Buddha, was erwarte ich also für mich? Auch Buddha kannte Menschen, die ihm nicht wohlgesonnen waren. Sein Cousin war dauernd neidisch auf ihn und versuchte ihm zu schaden. Warum sollten wir uns abrackern und versuchen, etwas zu zuwege zu bringen, was unmöglich ist?

Was wir stattdessen tun, ist Folgendes: Wir ersetzen diese verblendete Art des Selbstbilds durch etwas anderes. Statt im Sinne eines negativen Selbstbilds an uns zu denken, setzen wir ein reines Selbstbild ein. Doch das ist nicht nur positives Denken. Wir verwenden ein positives Selbstbild - im Sinne einer dieser Buddha-Gestalten – als Möglichkeit, unser Festhalten an unserem gewöhnlichen Selbstbild zu überwinden. Wir verstehen also die Realität dessen, was wir tun. Wir wissen, dass wir noch nicht auf diese Weise existieren – es ist möglich, aber jetzt noch nicht der Fall. Um wirksam Tantra zu praktizieren, müssen wir also ein gewisses Verständnis dessen haben, was „Leerheit“ genannt wird. Viele Leute übersetzen das als „Leere“. Ein Verständnis dessen zu haben bedeutet, die Wirklichkeit zu verstehen, die wahre Art und Weise, wie wir und alles andere existieren.

Leerheit bedeutet, dass etwas abwesend ist. Sie bedeutet, dass keine Existenzweise vorhanden ist, die unmöglich ist – es gibt sie gar nicht -: nämlich eine Art zu existieren, die von Seiten des Objekts begründet wäre. So etwas ist unmöglich. Zum Beispiel, dass es etwas in mir gäbe, das mich zu einem schlechten Menschen macht, zu einem Menschen, der nichts taugt – oder zu einem wunderbaren Menschen – und das dies wahrhaft für immer und unabhängig von allem, was ich erlebe oder tue, begründen würde. Das ist unmöglich. Leerheit bedeutet, dass, obgleich wir vielleicht das Gefühl haben mögen, auf solche Weise zu existieren, sich dies auf nichts Reales bezieht, genauso, wie Mickymaus nichts Reales ist.

Wir unterscheiden also zwischen dem, was das falsche „Ich“, und dem, was das konventionelle „Ich“ genannt wird. Das konventionelle „Ich“ existiert – ich existiere, aber ich existiere nicht in der Art, wie das falsche „Ich“ erscheint. Wenn wir „mich“ suchen, wenn wir dieses „Ich“ zu finden versuchen – sei es, dass wir es auf der tiefsten Ebene analysieren, oder auf der konventionellen Ebene danach suchen -, können wir es nie festnageln und finden: Da ist das „Ich“ – es befindet sich weder auf meiner Nase noch irgendwo in meinem Geist oder sonst irgendwo. Man kann das „Ich“ nicht finden. Doch abgesehen von dieser Analyse gilt nichtsdestotrotz: „Hier bin ich. Ich sitze hier und rede mit Ihnen.“ Keines der beiden Extreme ist zutreffend: Es ist nicht so, dass niemand zu Ihnen spricht; und es ist auch nicht so, dass irgendwo in meinem Kopf ein feststehend existierendes „Ich“ sitzt und zu Ihnen spricht.

Was begründet also, dass es „mich“ gibt? Jedenfalls nichts Auffindbares in meinem Geist oder in meinem Körper. Befindet es sich in dieser Zelle? In jenem Atom? Da ist nichts Auffindbares. Aber wir haben das Wort „ich“, den Begriff „ich“, und es bezieht sich auf etwas, das funktioniert – ich sitze, ich spreche – und das ist das Einzige, was die konventionelle Existenz von „mir“ begründet, nämlich dass es das ist, worauf sich das Wort oder der Begriff bezieht. In der buddhistischen Fachsprache wird das so ausgedrückt, dass das „Ich“ lediglich durch geistige Zuschreibung begründet ist. Aber das ist Fachsprache – nicht ganz einfach zu verstehen; der Sinn geht nicht einfach so aus den Worten selbst hervor.

Das „Ich“ – das konventionelle „Ich“ – wird jedoch einem Kontinuum zugeschrieben, nämlich einem Kontinuum von einem Moment der Erfahrung nach dem anderen, wobei diese Momente durch eine Art von Kausalprozess miteinander verbunden sind. Ich kann also dem, was ich jetzt gerade erlebe, das Wort „ ich“ zuschreiben. Ich kann es auch dem zuschreiben, was ich erlebte, als ich noch ein Baby war. Ich kann es dem zuschreiben, was ich – wenn ich lange genug lebe – in hohem Alter erleben werde. Und natürlich verändere ich mich die ganze Zeit über – ich bin nicht mehr derselbe, der ich als Baby war -, aber es gibt ein Kontinuum. Und auf der Grundlage der verschiedenen Potenziale, die in dem geistigen Kontinuum aufgebaut werden, wird sich bestimmen, was ich in Zukunft erlebe. Wenn wir uns die Faktoren anschauen, die man „Buddha-Natur“ nennt, können wir feststellen, dass es in Zukunft gut möglich ist – d.h., es ist tatsächlich möglich, wenn alle Ursachen dafür vorhanden sind -, die Erfahrung zu machen, ein Buddha zu sein. Im Tantra stellen wir uns vor, dass wir bereits ein Buddha sind; wir beziehen dann die Bezeichnung „ich“ auf etwas in unserer Vorstellung, das den noch nicht stattfindenden Buddha repräsentiert, der ich einmal sein werde. Wir wissen, dass wir diese Gottheit oder Buddha-Gestalt jetzt nicht sind, aber wenn wir auf diese Weise üben, wird das als eine Ursache dafür fungieren, dass wir tatsächlich ein gegenwärtig stattfindender Buddha in dieser Form werden.

Auf die Vorstellung eines Verrückten trifft all das nicht zu. Bei einer verblendeten Person ist nichts davon der Fall. Sie denkt, sie wäre wirklich Mickymaus oder Napoleon oder Kleopatra, oder, dass sie tatsächlich Tara wäre, tatsächlich ein Buddha wäre – oder auch Jesus Christus, je nachdem. Man kann komplett verblendet sein und denken, man sei eine auf feststehende Weise existierende Gottheit – „Ich bin jetzt wirklich eine Göttin. Nun bin ich tatsächlich ein Buddha“. Das ist vollkommen verrückt. Eine eher lächerliche Ebene, wenn man sagt: „Ich kann jetzt durch Wände gehen“ , und dann einfach gegen die nächste Wand knallt. Offensichtlich ist man nicht dazu imstande, durch die Wand zu gehen. Um die Wirklichkeit dessen zu wissen, was abläuft, ist also ein ganz wesentlicher Punkt im Tantra. Andernfalls sind wir bloß vollkommen verblendet und können ziemlich verrückt werden.

Wenn wir von einem negativen Selbstbild zu einem positiven Selbstbild wechseln, tun wir das also auf der Grundlage des Verständnisses von der Wirklichkeit der Selbstbilder. Anstelle eines negativen Selbstbildes davon, was ich bin oder was meine charakteristischen Eigenschaften sind – z.B. dass ich dumm bin, nie etwas verstehe, überhaupt nicht mit dem Menschen umgehen kann – setzen wir ein positives: Ich kann verstehen. Ich besitze geistige Klarheit. Ich bin voller Mitgefühl. Und wir verwenden das als eine Methode, die uns hilft, diese Qualitäten entwickeln zu können, wobei wir uns durchaus dessen bewusst sind, dass wir diesen Zustand noch nicht erreicht haben, und sehr gut wissen, dass wir die Ursachen dafür schaffen müssen, um diese Qualitäten tatsächlich in vollem Ausmaß haben zu können. Das ist es, was wir mit Hilfe dieser Praxis tun: solche Ursachen aufbauen.

Auf die Vorstellung der verblendeten Person trifft nichts davon zu.

Die Würde entwickeln, eine Buddha-Gestalt zu sein

Wenn wir die Würde bzw. den Stolz einer Gottheit annehmen, geht es nicht um Stolz oder Arroganz im verblendeten Sinne. Es bedeutet einfach, wirklich die Empfindung zu haben, dass wir so sind.

Frage: Wir haben dabei das Gefühl, dass wir wirklich ein Buddha sind, nicht wahr?

Alex: Ich werde das – hoffentlich – noch ein bisschen klarer ausdrücken. Wir stellen uns vor dass wir, sagen wir, Avalokiteshvara (auf Tibetisch: Chenrezig) sind, und haben das Gefühl: „ Das ist es, was ich bin. Das bin ich“, obwohl wir wissen, dass wir das noch nicht erreicht haben. Doch wir stellen uns vor – und benutzen dies als Methode -, dass es bereits der Fall ist, und haben den entsprechenden Stolz bzw. die Würde, die damit einhergeht. Mit anderen Worten: Wir bezeichnen das, was wir visualisieren oder uns vorstellen, als „ich“. Wir stellen uns dabei nicht nur vor, wie wir aussehen. Wir stellen uns vor, dass wir all die Qualitäten von Avalokiteshvara haben - unendliches Mitgefühl für alle gleichermaßen.

Das ist eine wunderbare Methode, denn indem wir die entsprechende Würde annehmen – ich übersetze „Stolz“ lieber als „Würde“ -, vermeiden wir, uns wie ein Dummkopf zu benehmen oder uns unbarmherzig zu verhalten. Wie könnte Chenrezig irgend jemandem nicht helfen wollen? Wie könnte Chenrezig zu müde oder zu beschäftigt dafür sein? „Es passt mir jetzt nicht, dir zu helfen.“ Verstehen Sie? Wenn wir unser gewöhnliches Selbstbild oder ein verblendetes Selbstbild beibehalten, haben wir das Gefühl: „Ach, ich kann gar nichts tun. Ich bin unfähig“, und deswegen versuchen wir es gar nicht erst. „Doch nein, das bin ich nicht. Ich bin Chenrezig. Und selbst wenn ich dir nicht tatsächlich helfen kann und eigentlich nicht weiß, wie ich dir helfen kann, würde ich dir liebend gern helfen können. Ich habe Mitgefühl mit dir; ich wünsche dir, dass du frei von deinem Leid und den Ursachen dafür sein mögest.“ Die Würde, die damit verbunden ist, Chenrezig zu sein, verhindert, dass ich kaltherzig und verschlossen bin. Eine ganz wunderbare Methode.

Bei einer verblendeten Person ist das alles nicht vorhanden.

Unsere Erscheinung als Buddha-Gestalt ist wie eine Illusion

Zudem besagt unser Verständnis der Leerheit: Obwohl die Dinge unserem gewöhnlichen Geist – oder, genauer gesagt, unserem unerleuchteten Geist – so erscheinen, als wären sie wahrhaft erwiesen, ist diese Erscheinung doch nur wie eine Illusion. Das Wort „wie“ ist hier sehr wichtig. Es beinhaltet, dass die Dinge nicht wirklich so existieren, wie sie erscheinen; insofern gleichen sie einer Illusion, die real zu sein scheint, aber nicht auf etwas Realem beruht. Selbst die Erscheinung unserer selbst als Buddha-Gestalt, während wir noch nicht erleuchtet sind, ist wie eine Illusion. Das verstehen wir. Jemand, der psychisch gestört ist, etwa ein Schizophrener, glaubt tatsächlich an die Illusion; er erkennt nicht, dass die Dinge wie eine Illusion sind. Auch das ist also sehr verschieden.

Sehr wichtig ist überdies: Wenn wir uns vorstellen, dass alles um uns herum rein ist, dass jeder eine Gottheit, eine Buddha-Gestalt ist, und wir uns in einem reinen Land, einem Mandala, befinden usw., erscheint auf unserer Ebene unserem visuellen Bewusstsein die gewöhnliche Erscheinung, während wir sie mit unserem geistigen Bewusstsein im Sinne der Erscheinung eines Mandalas, eines reinen Landes usw. verstehen. In gewisser Weise erleben wir also zwei Ebenen von Erscheinung. Es ist nicht so, dass wir so sehr von der normalen Realität (dem, was die normale Realität zu sein scheint) um uns herum getrennt wären, dass wir nicht mehr unseren Aufgaben nachgehen könnten. Wohingegen ein psychisch gestörter, schizophrener Mensch keine Ahnung von diesen Zusammenhängen hat; er denkt, dass die Dinge wirklich so sind wie in seiner Illusion.

Motivation

Ein weiterer wichtiger Unterschied besteht in der Motivation. In der Tantra-Praxis sind wir von Bodhichitta motiviert. Wir streben nach Erleuchtung, nach unserer eigenen zukünftigen Erleuchtung, die noch nicht stattgefunden hat. Und die Buddha-Gestalt, als die wir uns vorstellen, repräsentiert dieses Ziel. Was wir uns vorstellen zu tun, ist, jedem zu helfen. Uns selbst die ganze Zeit – oder so oft wir können – vorzustellen, wir seien diese Gottheit, diese Buddha-Gestalt, hilft uns, mit Bodhichitta auf das ausgerichtet zu bleiben, was wir anstreben, nämlich Erleuchtung. Der ganze Zweck davon, uns selbst auf diese Weise zu visualisieren, besteht darin, anderen so viel wie möglich von Nutzen sein zu können, d.h., Bodhichitta zu verwirklichen; es hilft uns also, unsere Selbstbezogenheit und Selbstsucht zu überwinden. Eine schizophrene Wahnvorstellung hingegen beinhaltet noch mehr Beschäftigung mit sich selbst, gefangen in der eigenen kleinen Welt, und wird keineswegs hervorgebracht, um Erleuchtung zu erlangen und anderen zu helfen.

Vorbereitende Übungen

Ein anderer Unterschied hat mit den Vorbereitungen zu tun. Ein Tantra-Praktizierender befasst sich normalerweise mit vorbereitenden Übungen, um sich von hinderlichen Gegebenheiten, negativen karmischen Potenzialen aus der Vergangenheit usw. zu reinigen und positive Kraft aufzubauen, die gewährleistet, dass die Praxis erfolgreich verläuft. Also werden zur Vorbereitung eine Menge Reinigungs-Praktiken durchgeführt: Niederwerfungen, Vajrasattva-Meditation (dazu gehört wiederum, dass wir unsere Fehler eingestehen, einen starken Entschluss fassen, sie nicht zu wiederholen, der auf Bedauern beruht, dass wir etwas tun, das uns in der Richtung bestärkt, die wir unserem Leben geben, Bodhichitta entwickeln und etwas tun, das als Gegenkraft zu den begangenen Fehlern wirkt), sowie Aufbau von viel positiver Kraft, indem wir Mandalas darbringen und mit Hilfe von Guru-Yoga Inspiration von unseren spirituellen Lehrer empfangen. Man ist also sehr gut darauf vorbereitet, diese Visualisation durchzuführen.

Ein Schizophrener bzw. Geistesgestörter unternimmt keine Vorbereitungen, um sich vorzustellen, er sei Mickymaus oder Napoleon.

Ermächtigung bzw. Einweihung

Der nächste Punkt ist: Beim Gottheiten-Yoga führen wir die Übung auf der Grundlage davon aus, dass wir eine Ermächtigung dazu erhalten haben; oft wird dies auch „Einweihung“ genannt. Sie verbindet uns mit der Überlieferungslinie von tausenden von Jahren der Praxis anderer Menschen, die das Gleiche taten. Das gibt uns die Sicherheit und das Vertrauen, dass es sich um eine langerprobte Methode handelt, die sich als wirksam erwiesen hat – wir haben sie nicht einfach erfunden – und aufgrund dessen haben wir nicht das Gefühl, wir wären verrückt, wenn wir sie anwenden. Wir sind dazu autorisiert, das zu tun. Und der Beginn dieser Übung wird zu einem besonderen, spirituellen Ereignis.

Einem schizophrenen oder verblendeten Mensch fehlt so etwas völlig; er fühlt sich ganz allein in dem, was er tut.

Die Beziehung zum spirituellen Lehrer

Die gesamte Praxis des Gottheiten-Yoga findet unter Anleitung und Betreuung durch einen spirituellen Meister statt, sodass keine Ungewissheit in Bezug auf die Praxis entsteht. Es ist, als würde man die Anweisungen eines Arztes befolgen. Der Lehrer kann alle Fragen bezüglich der Anwendung beantworten. Er ist ein lebendes Beispiel für das, was wir anstreben und werden möchten.

Ein Geistekranker hingegen, auch wenn er Disneyland besucht und dort einen Angestellten, der als Mickymaus kostümiert ist, um Erlaubnis bittet, selbst ein Mickymaus-Kostüm tragen zu dürfen und Mickymaus zu sein … also bitte, das ist verrückt! Das ist doch nicht dasselbe. Denn so jemand erkennt ja nicht, dass er nur das Kostüm von Mickymaus trägt, nicht wahr? Er denkt: „Ja, wirklich, das ist Mickymaus, wir sind ja in Disneyland. Und jetzt bin ich selbst Mickymaus.“ Das ist völlig übergeschnappt.

Gelübde und Verpflichtungen

Der nächste Unterschied: Während der Ermächtigung zu einer tantrischen Praxis legen wir etliche Reihen von Gelübden ab, die unser ethisches Verhalten betreffen – insbesondere die Bodhichitta-Gelübde, anderen zu helfen – und übernehmen die Verpflichtung, diese Visualisierungs-Übung für den Rest unseres Lebens jeden Tag durchzuführen. Sie ist also mit einem Prozess der Disziplin und einer starken Verpflichtung verbunden, wobei das ganze sehr ernst genommen wird, und sie wird mit einer starken bewussten Bemühung ausgeübt. Wohingegen eine geistesgestörte Person sich dessen gar nicht gewahr ist, was sie eigentlich tut.

Geheimhaltung

Ein Tantra-Praktizierender hält seine Übungen geheim. Sie sind seine Privatangelegenheit und er macht keine große Sache daraus, indem er sie jedem gegenüber anpreist. Schizophrene hingegen rühmen sich oftmals und sind arrogant in Bezug auf das, was sie tun; sie stellen ihre Fantasievorstellung öffentlich zur Schau.

Ich kann mich an eine Frau in Dharamsala, Indien, erinnern, die psychisch völlig gestört war und dachte, sie wäre Tara – sie zog all ihre Kleider aus, rannte auf der Straße herum und schrie, dass sie Tara sei. Das ist nicht die Art, wie man sich bei korrekter Tantra-Praxis verhält.

Zusammenfassung

Das Gottheiten-Yoga wird also in einem umfassenden Bezugssystem ausgeübt, das Folgendes beinhaltet:

  • den Wunsch, aus unseren Problemen herauszukommen,
  • dass wir unserem Leben eine sichere Richtung und damit die Möglichkeit geben, diese Probleme zu überwinden,
  • dass wir in unserer Herangehensweise, wie wir diese Probleme und ihre Ursachen beseitigen, dem Gesetz von Ursache und Wirkung folgen.
  • Wir entsagen unserem gewöhnlichen, verblendeten Selbstbild; wir verwenden ein reines Selbstbild, um anderen helfen zu können und die Ausrichtung auf die Erleuchtung beizubehalten.
  • Wir verstehen, dass das, was wir uns vorstellen, nicht real ist, dass es vielmehr wie eine Illusion ist; aber es ist dennoch gültig, da wir es in Zukunft erreichen können.
  • Wir sind dazu autorisiert und haben die Ermächtigung gehalten, diese Praxis auszuüben, beruhend darauf, dass wir uns mit vorbereitenden Übungen dafür bereit gemacht haben.
  • Wir werden von einem qualifizierten spirituellen Meister angeleitet, der diese Art von Praxis auch ausübt und Erfahrung hat.
  • Wir sind mit der gesamten langen Überlieferungslinie derjenigen verbunden, die diese Praxis mit Erfolg ausgeübt und dadurch Erleuchtung erlangt haben; daher vertrauen wir auf das, was wir tun.
  • Wir halten die Disziplin der zugesagten Verpflichtungen und die verschiedenen Gelübde ein, die wir in Bezug auf unser ethisches Verhalten übernommen bzw. abgelegt haben.
  • Und wir üben unsere Praxis nicht öffentlich aus und bleiben bescheiden.

Einem schizophrenen bzw. geistesgestörten Menschen, der sich vorstellt, er wäre Mickymaus oder Napoleon oder Kleopatra, fehlt all das.

Das ist also die Darstellung des Unterschiedes zwischen der Vorstellung unserer selbst als Buddha-Gestalt im Rahmen korrekter Tantra-Praxis und der Vorstellung eines Geistesgestörten, der meint, er wäre Mickymaus.

Wenn es also irgendwann im Verlauf unserer Tantra-Praxis vorkommt, dass wir anfangen uns zu fragen: „Was um alles in der Welt tue ich da? Das ist doch verrückt“, müssen wir die gesamte Checkliste durchgehen: „Was sind die Faktoren, die mir fehlen, oder die bei mir schwach ausgeprägt sind?“, und die betreffenden Faktoren dann erneut stärken. Lassen Sie mich zur Betonung die Liste noch einmal in Stichworten aufführen:

  • sichere und gesunde Richtung (Zuflucht)
  • Ursache und Wirkung
  • Entschlossenheit, sich vom Leiden zu befreien
  • Wir öffnen unser Herz für jeden – Bodhichitta – und wollen durch diese Methoden allen helfen
  • Verständnis der Leerheit in Bezug auf die Realität dessen, was ich tue
  • Vorbereitungen als Grundlage: Reinigung und Aufbau positiver Kraft
  • Ermächtigung: die Verbindung zu einer Überlieferungslinie
  • Anleitung durch einen qualifizierten spirituellen Meister
  • Einheiten meiner Gelübde sowie der Disziplin und Verpflichtungen
  • All das als private Angelegenheit für sich behalten
  • Und als Mittel zum Erlangen der Buddhaschaft jenes positive Selbstbild einsetzen, mit all den Armen und Beinen usw., die die unterschiedlichen Verwirklichungen auf dem Pfad symbolisieren. Das ist also das Wesentliche, das ich in mein Geisteskontinuum integrieren muss: das, was sie repräsentieren. Deshalb werden die unterschiedlichen Körper dieser Gottheiten als „Methode“ bezeichnet. Sie gehören zur Seite der Methode, und zwar nicht nur als Methode dafür, den Körper eines Buddha zu erlangen, sondern als Methode, all die verschiedenen Qualitäten zu erlangen, die diese Einzelheiten repräsentieren – die verschiedenen Arme und Gesichter usw.

Um das alles noch einmal zusammenzufassen: Gottheiten-Yoga ist eine Methode, um Erleuchtung zu erlangen. Wir müssen verstehen, dass es möglich ist, Erleuchtung zu erlangen – „Ich bin dazu fähig“ -, und obwohl ich noch nicht so weit bin, stelle ich mir vor, dass ich es bin, und verwende das als Methode dafür, sie rascher zu erlangen, während ich mir der Realität dessen, was ich da tue, durchaus bewusst bin. All diese Punkte sind sehr wichtig. Andernfalls sind wir nur Verrückte, die sich, anstatt sich vorzustellen, sie wären Mickymaus, vorstellen, sie wären nun Chenrezig oder Tara. Statt ein Pfad zur Erleuchtung zu sein, wird Gottheiten-Yoga dann ein Pfad zur Geisteskrankheit. Wenn in allen Texten erwähnt wird, dass Tantra-Praxis gefährlich ist, so hat das durchaus seinen Grund. Der wesentliche Punkt ist, dass sie im Rahmen all dieser Komponenten ausgeübt werden muss, über die wir gesprochen haben. Andernfalls kann man wirklich auf Irrwege geraten. Deswegen brauchen wir die Anleitung durch einen spirituellen Meister, die uns hilft, Irrwege zu vermeiden und auf dem richtigen Weg zu bleiben, und die uns inspiriert.

Ich danke Ihnen.

Fragen und Antworten

Ich nehme an, wir haben noch etwas Zeit – ein paar Minuten? – für ein paar kurze Fragen. Das Problem ist allerdings, kurze Antworten zu geben.

Frage: Sie haben von jener Frau in Dharamsala gesprochen, die glaubte, sie sei Tara, und nackt auf der Straße herumlief. Woher wir wissen wir eigentlich, dass sie nicht Tara war?

Alex: Die Frage bezieht sich auf die Frau, die alle ihre Kleider auszog, auf der Straße herumlief und schrie, dass sie Tara wäre. Woher wissen wir, dass sie nicht tatsächlich Tara war? Man würde es an ihren Handlungen und an ihrem Verhalten erkennen. Wenn sie Tara wäre, würde sie nicht so herumlaufen und schreien, dass sie Tara wäre. Sie würde sich tatsächlich damit befassen, anderen zu helfen.

Frage: Können wir sagen, dass auf der letztendlichen bzw. tiefsten Ebene diese Gottheiten - Avalokiteshvara, Tara und andere Gottheiten – existieren? Und ist Chenrezig die Manifestation unseres Mitgefühls, unserer Liebe, Vajrasattva die Manifestation unserer Reinheit und sind zornvolle Gottheiten Manifestationen unseres Ärgers und anderer Emotionen? Sind sie wie Wesen oder Energien, die tatsächlich selbständig existieren? Oder sind sie eher Schöpfungen unseres Geistes oder Bilder und Symbole?

Alex: Das ist eine sehr komplexe Frage. Zuerst einmal ist es so, dass es tatsächliche Wesen geben kann – gemäß der Tradition war Tara tatsächlich ein Lebewesen, und auch Avalokiteshvara war tatsächlich ein Lebewesen – mit einem eigenen Geisteskontinuum. Es gibt also etliche yidams (diese Buddha-Gestalten), die tatsächliche Lebewesen waren. Ein Buddha kann sich natürlich in allen Formen manifestieren; ein Buddha kann sich also auch in Form eines anderen Wesens manifestieren, etwa in Form einer Tara oder eines Avalokiteshvara . Das ist die eine Art von Gottheiten. Es gibt andere Gottheiten, die nicht unbedingt ihr eigenes individuelles Geisteskontinuum haben, doch ein Buddha kann sich in solch einer Form manifestieren, wie etwa im Falle von Kalachakra. Buddha lehrte das Kalachakra-System, und er manifestierte sich in Form von Kalachakra. Ich habe nie irgendeinen Bericht gehört, der besagen würde, dass Kalachakra tatsächlich ein eigenes Lebewesen war. Es handelt sich also um eine Manifestation von Seiten des Buddha.

Wenn wir die Sache von unserer Seite aus betrachten, von der Seite des Praktizierenden her: Im Anuttarayoga-Tantra, der höchsten Tantra-Klasse, geht es um die subtilste Ebene von Geist und Energie. Diese subtilste Energie kann natürlich in jeder Form zur Erscheinung gebracht werden, so, wie es bei einem Buddha der Fall ist. Denn wenn ein Buddha sich in all diesen Formen manifestiert, so geschieht das aus seiner subtilsten Energie heraus. Selbst auf überaus fortgeschrittenen Ebenen, auf denen man tatsächlich einen so genannten Illusionskörper erlangt und imstande ist, sich zu manifestieren, kann man die Manifestation in diesen Formen nicht immerzu aufrechterhalten. Aber wenn wir jetzt auf unserer anfänglichen Ebene diese Formen visualisieren, dann handelt es sich um eine Repräsentation von etwas, was wir noch nicht erlangt haben, was sich noch nicht ereignet hat.

Die interessante Frage ist nun: Sind das bloß Vorstellungen? Was heißt es eigentlich, dass sie bloße Vorstellung sind? Wenn wir etwas mit Tantra-Praxis vertraut sind, wissen wir: Innerhalb einer Sadhana – eine Sadhana ist eine Methode, um uns selbst als Buddha-Gestalt hervorzubringen; es ist unsere übliche Praxis – stellen wir uns uns selbst als etwas vor, was „Gestalt der engen Verbindung“ (tib. dam-tshig sems-pa) genannt wird (manchmal wird das auch als „Wesen der Verbindlichkeit“ übersetzt), und um uns herum ein Mandala der engen Verbindung (bzw. das Mandala des Wesens der Verbindlichkeit). Dann rufen wir das herbei, was ich „Wesen des tiefen Gewahrseins“ (tib. ye-shes sems-pa) nenne, den Aspekte des tiefen Gewahrseins (manchmal auch „Weisheits-Wesen“ genannt), um damit zu verschmelzen.

Man spricht hier von „enger Verbindung“, weil sie das ist, womit man eine enge Bindung herstellt, um diese Form tatsächlich zu erlangen. Ich habe immer gedacht, und ich vermute, viele Leute denken so, dass die so genannte Form der engen Verbindung rein imaginär ist und dass die Wesen des tiefen Gewahrseins die eigentlichen sind, die aus den Buddha-Bereichen kommen. Aber mein Lehrer Serkong Rinpoche sagte, das sei nicht korrekt. Er sagte, auf einer bestimmten Stufe der Praxis … Ich muss gestehen, dass ich nicht mehr weiß, welche Stufe das war; er hat mich wirklich ausgeschimpft, dass ich mich nicht erinnern könne. Das hat er mir vor etwa 30 Jahren gesagt, und ich erinnere mich nicht. So war er. Ich war sein Übersetzer, und ich weiß noch, dass ich ihn einmal gefragt habe: „Was bedeutet dieses Wort?“, und er schimpfte und sagte: „Dieses Wort habe ich dir vor sieben Jahren erklärt. Ich erinnere mich daran. Warum du nicht?“

Wie dem auch sei, ich denke, es handelt sich um eine der Stufen auf dem zweiten der Pfade, dem so genannten Pfad der Anwendung, der anwendenden Geisteszustände, oft auch „Pfad der Vorbereitung“ genannt. Er sagte, auf dieser Stufe könne man tatsächlich Lehren von einem Bildnis, von einer Statue, von diesen Wesen der engen Verbindung, von den Wesen des tiefen Gewahrseins erhalten. Es handelt sich also nicht nur um die eigene Vorstellung in dem Sinne, dass sie nicht tatsächlich als Buddha wirken könne. Ein anderer Aspekt ist: Die Gestalt der engen Verbindung ist die äußere Gestalt; die des tiefen Gewahrseins ist die innere, im Herzen usw. Diese Vorgänge beinhalten so viele Ebenen. Allmählich können wir dann von all diesen Gestalten Lehren empfangen.

Wenn wir also fragen: „Sind das rein imaginäre Gestalten? Sind sie real? Was meinen Sie mit real?“, dann kann das recht kompliziert werden, nicht wahr? Wie auch die Statuen und Tantras müssen sie mit dem ausgestattet sein, was auf Tibetisch „ rab-nä“ heißt, manchmal als „Weihung“ übersetzt, wobei der Aspekt des tiefen Gewahrseins herbeigebracht und damit verschmolzen wird. Sich vor ihnen niederzuwerfen und ihnen Gaben darzubringen ist also dasselbe, als würde man einem wirklichen Buddha etwas darbringen. Das hat Shantideva in seinem Werk „Bodhicharyavatara“ hervorgehoben – dass man ebenso viel positive Kraft aufbaut, wenn man sich an eine Stupa wendet, wie in Verbindung mit einem tatsächlichen Buddha. Ist das Götzenverehrung? Eigentlich nicht. Man muss verstehen, dass man von allem Lehren empfangen kann – auch vom Wind usw. -, wenn man sich auf einer fortgeschrittenen Ebenen befindet. Aber sie muss wirklich sehr fortgeschritten sein, nicht unsere gewöhnliche Ebene.

Von einem gewissen Gesichtspunkt aus betrachtet, repräsentieren diese unterschiedlichen Gottheiten also etwas, das noch nicht stattgefunden hat, aber stattfinden kann. Unter einem weiteren Gesichtspunkt stellen sie eine andere Ebene dar, auf der unsere Energie schwingen kann, insbesondere unsere subtilste Energie. Von noch einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet, stellen wir sie uns vor. Aber von einem wiederum anderen Gesichtspunkt aus gesehen, kann man auf einer bestimmten Stufe Lehren von ihnen erhalten, genauso, als würde man sie von einem Buddha erhalten. Und einige von ihnen beruhen in ihrem Geisteskontinuum auf einem tatsächlichen Lebewesen, andere nicht.

Frage: Letzteres heißt, dass sie kein Geisteskontinuum haben?

Alex: Wenn ein Buddha sich als Kalachakra manifestiert, heißt das nicht, dass Kalachakra ein eigenes Geisteskontinuum hat. Und wenn ein Buddha sich als Tara manifestiert, widerspricht das nicht der Tatsache, dass Tara ihr eigenes Geisteskontinuum hatte. Ein Buddha kann auch als eine Brücke erscheinen; warum sollte er also nicht als eine Tara erscheinen können? Das heißt aber nicht, dass das Geisteskontinuum des Buddha nun Taras Geisteskontinuum wird. Denken Sie darüber nach.

Da nach dieser Frage nun alle schweigen, ist dies ein guter Zeitpunkt, den heutigen Abendvortrag zu beenden. Wir denken: Möge jegliches Verständnis, jegliche positive Kraft, die aus all dem entstanden ist, tiefer und tiefer gehen und als Ursache dafür wirken, dass wir zum Wohle aller Erleuchtung erlangen.

Frage: Ist es in Ordnung, wenn wir uns in der Form einer Buddha-Gestalt vorstellen, die uns vertrauter ist, z.B. Jesus oder Maria, statt in Form dieser traditionellen indischen Buddha-Gestalten, die wir schwer nachempfinden können?

Alex: Im Allgemeinen ist das nicht so eine gute Idee, denn es ist etwas respektlos gegenüber den anderen Religionen, in diesem Fall dem Christentum gegenüber. Selbst wenn wir es für uns behalten und keinem Christen etwas davon erzählen, beinhaltet es eine gewisse Respektlosigkeit; es ist fast so, als würden wir aus Jesus und Maria Buddhisten machen. Diese Aussage soll allerdings nicht ausschließen, dass wir Jesus und Maria vor uns visualisieren, uns von ihren guten Qualitäten inspirieren lassen und uns sogar vorstellen, dass von ihnen Wellen der Inspiration in Form von farbigem Licht ausgehen und uns dazu inspirieren, ihre Qualitäten zu entwickeln. Unangemessen und respektlos wäre aber, uns selbst als Jesus oder Maria zu visualisieren.

Ich habe in meinem Vortrag erwähnt, dass es bestimmte Arten von Buddha-Gestalten gibt, in denen Buddha sich manifestierte und welche ihr eigenes, individuelles geistiges Kontinuum hatten (z.B. Tara und Avalokiteshvara), und andere, bei denen das nicht der Fall ist (z.B. Kalachakra). Ebenso hat auch Mickymaus natürlich kein eigenes, individuelles geistiges Kontinuum; tatsächlich war sie nicht einmal ein begrenztes Wesen, ein gewöhnliches, lebendes Wesen. Die Frage ist also: Könnte sich Buddha nicht auch als Mickymaus manifestieren? Worin liegt der Unterschied, ob Buddha sich nun als Kalachakra manifestiert oder als Mickymaus, da doch beide kein eigenes, individuelles geistiges Kontinuum haben?

Nun, das ist ebenfalls eine ziemlich komplexe Frage. Kalachakra wurde von Buddha als geschickt eingesetztes Mittel manifestiert, um anderen zu helfen, Erleuchtung zu erlangen. All die verschiedenen Arme und Gesichter usw. repräsentieren verschiedene Aspekte, die wir bereinigen, den Pfad, der sie bereinigt usw., und die resultierende Ebene, die erreicht wird.

Noch ein weiterer Aspekt ist folgender: Wenn es zu bestimmten Zeiten in der Geschichte vorkam, dass einige Formen dieser Buddha-Gestalten zu sehr popularisiert und dadurch sozusagen etwas fad geworden waren – dass sich die Praxis für die Leute etwas abgedroschen anfühlte, weil sie zu sehr popularisiert worden war -, dann manifestierte sich ein Buddha einigen sehr weit fortgeschrittenen Meistern in anderen Formen der klassischen buddhistischen Gottheiten oder Buddha-Gestalten.

Mickymaus ist als Beispiel vielleicht etwas schwierig; lassen Sie uns Schneewittchen als Beispiel nehmen. Wenn jemand behaupten würde, er habe eine Vision von Schneewittchen, umgeben von den sieben Zwergen, gehabt, und würde nun das „Schneewittchen-Tantra“ lehren, würde man denken, dass das total verrückt ist.

Der Test für eine gültige Lehre, die aus einer reinen Vision stammt, ist, dass vollkommen qualifizierte Yogis sie in die Praxis umsetzen, sofern die Praxis auf den allgemeinen buddhistischen Grundsätzen beruht, insbesondere den Grundsätzen des Mahayana und Tantra, und die angegebenen Resultate erlangen, die aus dieser Praxis hervorgehen, mit anderen Worten: dadurch Erleuchtung erlangen. Wenn wir diese Punkte zusammenfügen: reine Visionen neuer Formen der geläufigen Gottheiten, Einfügung in standardgemäße buddhistische Praktiken, buddhistische Standard-Themen, und sie dann ihr Resultat hervorbringen, sowie die Tatsache, dass diese verschiedenen Buddha-Gestalten lauter unterschiedliche Aspekte haben, die verschiedene Aspekte des Pfades (Grundlage, Pfad und Ergebnis) repräsentieren, dann …

Tara beispielsweise manifestiert sich in mindestens 21 Formen, den 21 Taras, und zusätzlich zu diesen 21 gibt es noch andere Formen von Tara. Es könnte sein, dass jemand eine reine Vision von Tara hat, die sich in Form von Schneewittchen in einem Mandala manifestiert, und von sieben Zwergen umgeben ist, wobei die weiße Farbe von Schneewittchen Reinheit symbolisiert und die sieben Zwerge z.B. die sieben Juwelen der Arya-Wesen repräsentieren. All das liegt im Bereich der Möglichkeit dessen, was in Übereinstimmung mit der buddhistischen Tradition steht, aber es ist ein bisschen weit hergeholt. Und es müsste einen ziemlich guten Grund dafür geben, dass es zu solch einer Manifestation von Tara als Schneewittchen kommt. Es müsste ein wirklich guter Grund dafür bestehen: eine Notwendigkeit dafür.

Das sind also meine Gedanken im Zusammenhang damit, ob Buddha sich als Mickymaus, Schneewittchen oder was auch immer manifestieren kann. Immerhin beinhaltet so etwas nicht die etwas herablassende Art wie bei der Vorstellung von einem Buddha, der sich als Jesus oder die Jungfrau Maria manifestieren würde. Aber bitte denken Sie daran, dass meine Antwort nur darauf beruht, dass ich die Angelegenheit logisch untersuche. Es ist nicht so, dass ich zu so etwas rate oder es vorhersage oder meine, dass es nützlich wäre, wenn es irgendwann so kommt – dass Buddha eine weitere Form von Tara in Gestalt von Schneewittchen manifestieren würde. Aber nur so zum Spaß können wir die Sache auf diese Weise analysieren.