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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Empfehlungen für das Nehmen einer tantrischen Ermächtigung (Initiation)

Alexander Berzin
Berlin, Deutschland, März 2011
Übersetzung ins Deutsche: Susan Schmieder
Vollständige Überarbeitung und Lektorat: Christian Dräger

 

Als fühlende Wesen besitzen wir alle die Voraussetzungen und Potenziale, um den erleuchteten Zustand eines Buddha zu erreichen. Jeder von uns ist fähig, alles zu verstehen und alles zu wissen, und wir sind in der Lage, für alle Lebewesen gleichermaßen bedingungslose Liebe und Mitgefühl zu entfalten. Ferner haben wir das Potenzial, mit jedem einzelnen Lebewesen in vollkommener Weise zu kommunizieren und alle Wesen in geschickter Weise auf ihrem Weg anzuleiten, so dass sie sich von allen Leiden befreien und Erleuchtung erlangen können. In unserer gegenwärtigen Verfassung sind wir jedoch nicht in der Lage, diese Potenziale zu verwirklichen. Warum ist das so und wie können wir diese Potenziale verwirklichen? Wenn wir eine tantrische Ermächtigung (Initiation) erhalten, ist dies ein Schritt in Richtung der Verwirklichung unserer Potenziale.

Mit dem Begriff „fühlendes Wesen“ wird ein Lebewesen bezeichnet, dessen Handlungen auf Absichten basieren, und das die karmischen Konsequenzen dieser Handlungen entweder in diesem oder in einem künftigen Leben erfährt. Als fühlende Wesen sind wir jedoch in dem Sinne „beschränkte Wesen“, dass unser Geist, unser Herz und unsere Fähigkeiten effektiv zu kommunizieren, sowie unser Körper, unsere Handlungen und so weiter eingeschränkt sind. Diese sind beschränkt durch unsere anfangslose Unwissenheit und Verwirrung in Bezug auf die Ursachen und Wirkungen unserer Handlungen, und auch beschränkt durch unsere Unwissenheit und Verwirrung in Bezug darauf, wie wir selbst, wie andere Lebewesen und wie alle Phänomene existieren. Aufgrund unserer „Ignoranz“ dieser grundlegenden Tatsachen der Realität, erleben wir störende Emotionen (emotionale Bedrängnis). Unter dem Einfluss dieser störenden Emotionen handeln wir impulsiv und bauen dadurch karmisches Potenzial auf, was wiederum zu unseren unkontrollierbaren sich wiederholenden Wiedergeburten führt (Samsara). In jeder Lebenszeit erleben wir Schwierigkeiten, Elend, Unzufriedenheit und die Frustration, die daraus resultiert, dass jedes Glück, das wir erleben, nur von kurzer Dauer und letztendlich unbefriedigend ist. Selbst wenn wir den Wunsch haben, anderen zu helfen, haben wir keine Vorstellung davon, welche vielfältigen Konsequenzen sich aus dem ergeben werden, was wir anderen Menschen raten oder beibringen. Wir bleiben darauf beschränkt, Vermutungen darüber anzustellen, was anderen am besten helfen könnte.

Was sind nun die grundlegenden Bausteine, die jeder von uns hat und die uns dazu befähigen, all diese Begrenzungen zu überwinden? Wir alle haben einen Körper, mit dem wir handeln können, wir haben die Fähigkeit zu kommunizieren, wir haben die Fähigkeit, Dinge zu verstehen, und wir haben die Fähigkeit, anderen gegenüber positive Gefühle zu empfinden und uns um sie zu kümmern. Auch wenn all diese Fähigkeiten jetzt noch begrenzt sind, können sie zum Wachstum angeregt werden. Das ist aufgrund der Tatsache möglich, dass wir alle bereits positives Potenzial aufgebaut haben – das sogenannte „Verdienst“. Das wir bereits positives Potenzial aufgebaut haben, zeigt sich in der Tatsache, dass wir als menschliche Wesen mit der Freiheit und der Möglichkeit geboren wurden uns weiterzuentwickeln. Wir haben auch ein gewisses Maß an Intelligenz und Verständnis, ansonsten wären wir nicht fähig, irgendetwas zu wissen. All diese Qualitäten werden zusammengenommen als unsere „ Buddhanatur“ bezeichnet. Es handelt sich bei diesen Qualitäten um unsere „sich entwickelnden“ Buddhanatur-Faktoren, weil sie in der Weise anwachsen können, dass sie in ihren Möglichkeiten unbegrenzt werden.

In unserer Buddhanatur ebenfalls enthalten sind die „andauernden“ Eigenschaften – das sind Eigenschaften, die immer gleich bleiben und welche die Grundlage für die Entwicklung der „sich entwickelnden Eigenschaften“ bilden. Diese beinhalten die Tatsache der grundlegenden Reinheit des Geistes und die Tatsache der Leerheit unserer Person, unseres Körpers, unseres Geistes und aller Dinge. Unser Geist ist in dem Sinne „rein“, dass er natürlicherweise unbefleckt von begrenzenden Faktoren ist. Dagegen bedeutet „Leerheit“ die totale Abwesenheit von unmöglichen Arten der Existenz. Unser Bewusstsein war beispielsweise immer frei davon und wird auch immer frei davon bleiben, vollständig aus sich selbst heraus zu existieren, und wird auch immer leer davon sein, unbeeinflusst von irgendetwas anderem zu existieren. Der Geist wird nicht immer in einem begrenzten Zustand bleiben. So eine Art von wahrhaft begründeter Existenz (wahrer Existenz) ist unmöglich. Zum einen wegen der totalen Abwesenheit, d. h. der Leerheit dieser unmöglichen Art der Existenz, und zum anderen aufgrund der grundlegenden Reinheit des Geistes und aller sich entwickelnden Eigenschaften der Buddhanatur, sind wir alle in der Lage, diese Begrenzungen für immer loszuwerden und die Erleuchtung zu erlangen.

Eine tantrische Ermächtigung (Initiation) ist eine Zeremonie, um die sich entwickelnden Faktoren unserer Buddhanatur zu aktivieren, sie dazu anzuregen, sich weiterzuentwickeln, und um weitere „Samen“ des Potenzials zu pflanzen. Um diese Ermächtigung zu erhalten, ist nicht nur ein voll qualifizierter tantrischer Meister nötig, sondern man selbst muss auch gut vorbereitet und aufnahmebereit sein, und aktiv an diesem Prozess teilnehmen. Eine gute Vorbereitung bedeutet zuerst einmal, dass wir in unserem Leben eine sichere Ausrichtung einschlagen („Zuflucht nehmen“). Das bedeutet, in die sichere Richtung zu gehen, die uns von den Buddhas, dem Dharma und dem hoch verwirklichten Arya-Sangha aufgezeigt wurde. Auch wenn sich der Dharma auf der konventionellen Ebene auf die buddhistischen Lehrreden bezieht, weist der Dharma auf seiner tiefsten Ebenen auf das hin, was wir selbst erreichen können, wenn wir den Lehren folgen und sie auf unser Leben beziehen. Wir erreichen den Zustand, in dem all unsere Leiden und deren Ursachen vollständig aus unserem Geisteskontinuum beseitigt worden sind, und wir erlangen all die Verwirklichungen und Auswirkungen, die diese Ausmerzung mit sich bringt. Statt des Leidens erfüllen die Wirkungen dieser heilsamen Geisteszustände unser Bewusstsein. Als Buddhas bezeichnet man Wesen, die in ihrem Geisteskontinuum diese wahren Beendigungen aller Leiden und diesen wahren Pfadgeist erreicht haben (Pfadgeist bezeichnet wahre Formen des Verstehens, die zu diesen Beendigungen führen, und die ein Resultat dieser Beendigungen sind; auch „wahre Pfade“ genannt). Zum Arya-Sangha gehören jene, die diese Beendigungen von Leiden zum Teil schon verwirklicht haben.

Zu der sicheren Ausrichtung (Zuflucht), die wir unserem Leben geben, gehört zudem auch ein gewisses Maß an „Entsagung“. Das bedeutet, dass wir eine starke Entschlossenheit entwickeln, uns von den sich unkontrollierbar wiederholenden Wiedergeburten zu befreien. Wenn wir uns erst einmal dafür entschieden haben, uns von den Wiedergeburtszyklen zu befreien, werden wir eine ganz andere Bereitschaft dazu haben, die wahren Leiden und die wahren Ursachen der Leiden aufzugeben, die dazu beitragen, dass unser Körper und unser Bewusstsein in jeder neuen Wiedergeburt abermals begrenzt sind.

Um die Potenziale unserer Buddhanatur zu aktivieren, benötigen wir darüber hinaus auch ein gewisses Maß an Bodhichitta-Ausrichtung. Mithilfe dieser Bodhichitta-Ausrichtung richten wir unsere Aufmerksamkeit auf unseren eigenen zukünftigen Erleuchtungszustand, den wir jetzt noch nicht erlangt haben, den wir aber zukünftig aufgrund unserer eigenen Buddhanatur verwirklichen können. Unser Ziel ist es, einen solchen Geisteszustand zu erlangen. Und der Grund, weshalb wir einen solchen Zustand erreichen wollen, liegt darin, dass wir fähig werden, allen anderen Lebewesen bestmöglich helfen zu können, damit diese die Befreiung von ihren unkontrollierbaren Wiedergeburten erfahren und die Erleuchtung erlangen. Solch ein Ziel basiert darauf, dass wir bedingungslose Liebe und Mitgefühl für jeden einzelnen Menschen empfinden, und dass wir die universelle Verantwortung dafür übernehmen, ihnen allen zu helfen.

Dazu benötigt wir zusätzlich noch ein grundlegendes Verständnis von Leerheit – also ein Verständnis in Bezug darauf, dass wir selbst, die anderen Lebewesen, Samsara, die Befreiung, die Erleuchtung und all diese Dinge „ursprünglich“ leer davon sind, in einer unmöglichen Weise zu existieren. Nichts existiert isoliert, ganz für sich selbst, unabhängig von allem anderen. Das bedeutet, dass auch die Ursachen, Wirkungen und konzeptionellen Kategorien, die wir benutzen, um über die Welt zu sprechen, nicht unabhängig und aus sich selbst heraus existieren. Wir benötigen darüber hinaus auch noch ein grundlegendes Verständnis, in welcher Weise die tantrische Praxis uns zur Erleuchtung führen kann. Zudem benötigen wir Vertrauen in die tantrischen Methoden und auch Vertrauen darin, dass unser tantrischer Meister uns zu diesen Methoden Anleitung geben kann.

Im Verlauf einer Ermächtigung in eine der höchsten Tantra-Klassen, wie beispielsweise in das Kalachakra-Tantra, legen wir die Bodhisattva- und Tantra-Gelübde ab. Die Bodhisattva-Gelübde dienen dazu, Verhaltensweisen zu vermeiden, die uns daran hindern, anderen bestmöglich zu helfen. Die tantrischen Gelübde sind dazu da, Verhaltensweisen und Denkweisen zu vermeiden, die den Erfolg in der tantrischen Praxis verhindern. Um diese Gelübde ablegen zu können, müssen wir sie ganz bewusst annehmen – verbunden mit dem festen Willen, unser Bestes zu geben, diese Gelübde auf dem Weg zur Erleuchtung einzuhalten. Die Grundlage für die Fähigkeit die Gelübde einzuhalten, ist die Übung in ethischer Selbst-Disziplin, die durch das Ablegen von Gelübden zur individuellen Befreiung (Pratimoksha-Gelübde) eingehalten wird. Dazu gehören zum Beispiel die Gelübde, auf Töten, Stehlen, Lügen, die Einnahme von Genussgiften und auf unangemessenes sexuelles Verhalten zu verzichten. Kurz gesagt halten wir uns Handlungen zurück, die dem Erlangen der Erleuchtung nicht förderlich sind. Das Ermächtigungs-Ritual besteht aus zahlreichen Abschnitten; jeder einzelne dieser Abschnitte beinhaltet komplexe Visualisierungen, bei denen wir uns vorstellen, dass der tantrische Meister eine Buddhagestalt (Yidam) ist, unsere Umgebung ein Mandala-Palast, der gleichzeitig auch als Standfläche für die Buddhagestalten fungiert. Zudem visualisieren wir uns auch selbst als verschiedene Buddhagestalten, die unseren eigenen zukünftigen Erleuchtungszustand repräsentieren, den wir mithilfe unserer Bodhichitta-Ausrichtung erreichen möchten. Auch wenn wir dies nicht ganz deutlich visualisieren können, sollten wir zumindest ein Gefühl dafür entwickeln, dass der tantrische Meister, die Umgebung und wir selbst in dieser reinen Form existieren.

Auf jeder Stufe der Ermächtigung müssen wir uns ebenfalls vorstellen, dass wir einen glückseligen Zustand erleben, der auf die Leerheit ausgerichtet ist. Auch wenn wir nicht in der Lage sind, uns das gut vorzustellen, sollten wir zumindest daran denken, dass nichts von dem, was passiert, unabhängig von Ursachen, Wirkungen und Teilen ist; und dass nichts von dem, was geschieht, unabhängig in Bezug darauf existiert, auf was sich die Konzepte und Worte beziehen. Wenn wir uns diese Tatsachen und deren Leerheit vergegenwärtigen, können wir froh darüber sein, dass das so ist. Dieses bewusste Erleben eines glückseligen Zustands der Leerheit ist das, was die sich entwickelnden Buddhanatur-Faktoren aktiviert, zu weiterem Wachstum anregt und neue „Samen“ des Potenzials hervorbringt. Also müssen wir unser Bestes geben, um so einen Geisteszustand hervorzubringen. Wenn wir in dieser Weise vorgehen, werden wir die Ermächtigung tatsächlich erhalten und ihr nicht nur als ein Zeuge beiwohnen.