Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Einführung in Tantra: Was ist Tantra?

Alexander Berzin
München, Deutschland, März 1992

Ursprünglich veröffentlicht unter
"Vorträge von Dr. A. Berzin im Aryatara Institut e. V., München (1992)."
Übers. Tom Geist. München: Aryatara Institut, 1993.

Heute Abend werden wir über Tantra sprechen. Das Wort Tantra ist mit einer sehr eigenartigen Bedeutung in die westliche Welt gekommen. Die Tibeter sind tatsächlich Objekt einer, wie ich es nenne, „spirituellen Ausbeutung“ geworden. Es gab einige Menschen am Ende des vergangenen bzw. zu Beginn dieses Jahrhunderts, die verschiedene Visionen hatten und in diesen Visionen verschiedenartige Belehrungen erhielten. Ob diese Belehrungen hilfreich waren oder nicht, ist eine ganz andere Sache, die uns heute Abend nicht interessiert. Aber um die Akzeptanz ihrer Visionen zu erlangen, behaupteten sie, dass sie sie telepatisch von Meistern in Höhlen erhalten hatten, und dass jene aus Tibet, dem alten Ägypten, oder noch besser, aus Atlantis stammten. Es war jedoch keiner aus Tibet, dem alten Ägypten oder Atlantis anwesend, um ihre Behauptungen zurückzuweisen, so dass sie damit durchkamen.

Das ist spirituelle Ausbeutung; zum Glück sind die Tibeter in den letzten 30 Jahren auf der Weltbühne erschienen und konnten sagen, „Wir bohren den Menschen keine Löcher in die Stirn, um ihr drittes Auge zu öffnen; das ist absolut lächerlich.“ Wie ich bereits in den letzten Tagen zu betonen versuchte, sind die tibetischen Lehren etwas sehr Praktisches und sehr bodenständiges. Das gilt genauso für das Tantra.

Viele Menschen trafen relativ früh auf verschiedene Aspekte der tibetischen Kultur und viele von ihnen kamen aus einem missionarischem oder einem viktorianischen Hintergrund. Sie sahen verschiedene künstlerische Darstellungen von Paaren in Vereinigung und waren sehr schockiert. Sie behaupteten, der tibetische Buddhismus sei eine degenerierte Form des Buddhismus und nahmen diese Darstellungen buchstäblich im Glauben, die Tibeter wären nur mit sexuellen Orgien beschäftigt; und das ist nicht der Fall. Sie haben den Symbolismus nicht verstanden, um den es sich in diesen Bildern dreht. Später kamen Westler und sahen diese Bilder, und statt davon schockiert zu sein waren sie begeistert. Sie dachten, „Großartig, dies ist ein System, von dem wir jede Menge exotisch-esoterischen Sex lernen können.“ Auch sie haben Tantra völlig missverstanden. Dann gab es westliche Psychologen, die diese Dinge sahen und äußerten: „Wie tiefgründig, es zeigt die Vereinigung des weiblichen und männlichen Prinzips der Psyche.“ Obwohl dies ein hilfreiches psychologisches Prinzip sein mag, hat es definitiv nichts damit zu tun, was die Tibeter mit den Bildern ausdrücken.

Wir müssen also versuchen, diesen Symbolismus im tibetisch-tantrischen Buddhismus zu verstehen und den Unterschied zum hinduistischen Tantra kennen, welches eine etwas andere Orientierung besitzt. Um nun diesen Punkt zu beenden – das tibetische Wort für Paar ist Yab-Yum, was weder Yin-Yang bedeutet noch für männlich-weiblich steht. Die eigentliche Bedeutung ist Vater-Mutter; das ist nicht im geringsten sexy. Die Theorie dahinter ist, daß, ebenso wie aus der Vereinigung von Vater und Mutter ein Kind geboren wird, wir das brauchen, was Vater und Mutter symbolisieren, um unsere Geburt als Buddha zu erzielen; der Vater steht hier für die Methode-Seite, was bedeutet, anderen mitfühlend zu helfen, und die Mutter ist die Weisheits-Seite, das Verständnis der letztlichen Realität.

Auf der allgemeinsten Ebene brauchen wir Methode und Weisheit, um ein Buddha zu werden, um anderen zu helfen. Die Tibeter sind keine Viktorianer, und daher ist für sie nichts Sonderbares dran, dies bildlich als ein Paar in Vereinung festzuhalten.

Gehen wir nun wieder ein paar Schritte zurück und sehen uns an, worum es sich bei Tantra überhaupt handelt. Ich möchte es anhand einer Analogie erklären: eine Reise mit dem Auto. Wenn wir eine Reise machen wollen, müssen wir zuerst eine Vorstellung von unserem Ziel haben; wir brauchen also eine Vorstellung davon, was Erleuchtung ist und was es bedeutet, Buddha zu werden. Wir wollen unsere Begrenzungen überwinden und unsere Potentiale verwirklichen, damit wir fähig werden, allen zu helfen; das bedeutet, ein Buddha zu werden. Dann brauchen wir gewisse Gründe, warum wir die Reise machen; das bedeutet, wir folgen dem Stufenweg, dem Lam-rim.

Der Lam-rim gibt uns eine Möglichkeit/einen Weg, unsere Motivation aufzubauen, um eine spirituelle Reise zu machen. Zuerst erkennen wir, dass diese spirituelle Reise dazu dient, dass wir unsere veschiedenartigen Probleme überwinden. Auf der ersten, anfänglichen Ebene sehen wir, dass unsere Probleme schrecklich sind, und wir wollen frei davon werden. Das bedeutet nicht nur, dass wir jetzt frei werden wollen von den Problemen, sondern wir erkennen, dass die Dinge in der Zukunft nur noch schlimmer werden, wenn wir nichts dagegen tun. Z.B. können wir in einer sehr schwierigen Ehe stecken und streiten immer miteinander. Nun, wir könnten motiviert sein etwas dagegen zu tun, weil wir wissen, wenn wir nichts tun, kann alles noch schlimmer werden, so dass es zu einer Scheidung kommt. Und eine Scheidung wird keine angenehme Angelegenheit sein. So versuchen wir etwas zun tun, um die Ehe zu retten. Dies entspräche der ersten Motivationsebene; es geht nicht nur darum zu verhindern, dass sich die Dinge in diesem Leben, sondern auch in den zukünftigen Leben verschlechtern. Das kann uns auf eine Wachstums-Reise bringen, in der wir heranwachsen und am Ende zu einem Buddha werden. Was wir hier, auf dieser ersten Ebene, versuchen zu tun, ist, die Dinge in unserem Leben zum Besseren zu wenden und sie nicht zu verschlechtern.

Auf der nächsten Ebene, auch wenn wir uns nicht gerade bekämpfen und die Ehe noch einigermaßen in vernünftigen Bahnen verläuft, gibt es trotzdem Bedauern und Feindschaft; es herrscht also kein Zustand von Zufriedenheit. Und so werden wir von jeder Art von Schwierigkeit in dieser Beziehung angeekelt sein und kommen zu dem Entschluss, uns davon befreien zu wollen; das bedeutet nicht, dass wir uns aus der Ehe befreien wollen, sondern von den Problemen der Ehe. Dies wird gewöhnlicherweise als „Entsagung“ bezeichnet, aber das ist eine schreckliche Übersetzung des tibetischen Wortes. Im Westen bedeutet das Wort Entsagung, dass man alles in der Welt aufgibt um in einer Höhle zu leben; das wird jedoch im Buddhismus von niemandem erwartet, auch wenn Milarepa dies tat. Was Milarepa eigentlich getan hat, wird mit einem anderen Wort ausgedrückt. Die tibetische Bedeutung von „Entsagung“ drückt eher einen starken Entschluß aus, sich von seinen Problemen zu befreien, in der Art: „Ich habe jetzt genug davon, ich muß/will hier raus.“

Die nächste, fortgeschrittene Ebene der Motivation entsteht aus der Erkenntnis, dass durch das Weiterbestehen dieser Kämpfe und Disharmonie eine ernsthafte Hürde entsteht, die einen daran hindert, den eigenen Kindern und allen anderen zu helfen. Da wir auf dieser Ebene solch eine Besorgnis den anderen gegenüber haben, streben wir aus ganzem Herzen danach, ein Buddha zu werden; das bedeutet, dass wir all diese Probleme und all diese Begrenzungen überwinden, und nicht nur das, sondern dass wir all unsere Potentiale entwickeln, um so anderen auf die bestmögliche Weise zu helfen. Dieses Streben wird als Bodhichitta bezeichnet, und das ist die stärkste Motivation sich auf die spirituelle Reise zu begeben.

Es ist wie bei einer Reise mit dem Auto: Wir können diese Reise mit einem Trabi oder einem Mercedes antreten; das wäre also entweder die Sutra-Methode oder die Tantra-Methode. Tantra ist also ein sehr viel effizienteres Fahrzeug zum Reisen, und da wir unser Ziel so schnell wie möglich erreichen wollen, damit wir anderen so schnell wie möglich helfen können, entscheiden wir uns natürlich für den Mercedes. Zusätzlich müssen wir, um uns auf diese Reise zu begeben, erkennen, dass wir das entsprechende Auto besitzen, um uns fortzubewegen.

Das ist analog zur Wertschätzung unserer Buddha-Natur. Die Buddha-Natur bezeichnet diejenigen Faktoren, die uns erlauben, ein Buddha zu werden. Wir alle haben einen Geist, was bedeutet, dass wir die Fähigkeit haben, Dinge zu verstehen und zu lernen. Diese mag momentan noch begrenzt sein, aber wir haben den grundlegenden Mechanismus in uns, womit wir die Realität usw. verstehen oder auch die Situationen der verschiedenen Wesen durchschauen können, um ihnen zuhelfen. Wir alle haben ein Herz und Gefühle, womit wir die Fähigkeit haben, anderen gegenüber etwas zu empfinden und damit bewegt werden, ihnen zu helfen. Diesen Mutterinstinkt finden wir sogar bei Tieren und Insekten vor. Das ist einfach ein Teil von uns; das ist einer der Aspekte der Buddha-Natur.

Wir haben auch einen Grad an Energie; er mag momentan gering sein, aber trotzdem haben wir einen Körper mit Energien und es gibt die Möglichkeit, sie zu entwickeln. Und wir haben außerdem die Möglichkeit zur Kommunikation. Selbst Bienen können sich darüber verständigen, wo Blumen zu finden sind. Da wir Energie in Form von Kommunikation ausstrahlen, haben wir ebenso den Mechanismus, womit wir anderen helfen können. Wir haben also alle ein Auto, ein Fahrzeug, mit dem wir zur Erleuchtung reisen können.

Unser Auto ist in der Tat ein Mercedes: Wir haben alle Arten von subtilen Energien und ebenso einen Körper, den wir nutzen können. Wir haben auch das subtilste Bewusstsein, das wie ein Laserstrahl ist, womit wir die Realität in der effizientesten Weise erkennen können. Wir alle haben einen Mercedes, das bestmögliche Fahrzeug, diese Reise zu machen. Wenn wir nun dieses Fahrzeug benutzen wollen, müssen wir den Motor reinigen und auftanken. Dies ist analog zu den sog. außergewöhnlichen oder speziellen Vorbereitungen. Dies beinhaltet bestimmte Praktiken, die wir gewöhnlicherweise 100.000 Mal wiederholen, um uns von Hindernissen zu reinigen, was dem Säubern des Motors entspricht, und um positive Potentiale aufzubauen, was dem Auftanken entspricht.

Wir haben also verschiedene Praktiken; die erste ist die Niederwerfung. Niederwerfungen dienen dazu, dass wir bestimmte Hindernisse beseitigen; diese sind hauptsächlich Stolz und mangelnder Ehrfurcht. Im Westen ist Ehrfurcht beinahe ein schmutziges Wort; wir haben vor nichts Ehrfurcht, außer vielleicht vor Geld. Wenn wir keinen Ehrfurcht vor dem haben, was wir tun und keinen Ehrfurcht vor jenen haben, die erreicht haben, was wir versuchen, und wenn wir keinen Ehrfurcht für uns selbst haben, ist es sehr schwer. Wenn wir also Niederwerfungen durchführen, ist das nicht so, als würden wir uns Buddha vor die Füße werfen, um sie zu küssen; es hat nichts mit einer Haltung zu tun, wie: „Ich bin nur ein schrecklicher Wurm und verdiene es nicht anders, als auf dem Boden zu liegen.“ Niederwerfungen sind vielmehr Handlungen, die uns helfen, Ehrfurcht zu entwickeln: vor dem Ziel, vor denjenigen, die das Ziel erreicht haben und vor uns selber.

Außerdem hilft sie uns dabei, Bescheidenheit zu entwickeln, indem die Niederwerfung gegen die Arroganz wirkt, in der man glaubt, alles zu wissen, und niemand könne einem mehr etwas sagen. Sie hilft femer, uns auf den Boden zu holen. Wenn man stets ausgeflippt in den Wolken schwebt, sind Niederwerfungen eine exzellente Methode, uns wieder mit unserem Körper und dem Boden zu verbinden. Am Anfang sind sie auch bei emotionalen Energien hilfreich. Die physische Ebene, wenn wir uns ganz auf den Boden legen, die Hände über uns ausgestreckt, kann uns ebenso auf einer psychologischen Ebene öffnen. Wir haben dann eher ein Gefühl der Offenheit, entsprechend unserer körperlichen Haltung.

Die nächste vorbereitende Übung ist gewöhnlicherweise die Vajrasattva-, oder tibetisch Dorje-Sempa-Meditation, wobei man ein hundertsilbiges Mantra 100.000 Mal wiederholt, während man über dem eigenen Kopf eine Buddha-Figur visualisiert, von der Licht und Nektar herabströmt. Es muss jedoch einen Unterschied geben zwischen einer Vajrasattva-Meditation und der Visualisation eines Clowns auf unserem Kopf, der uns, während wir „Bibbidi-babbadi-buh“ wiederholen, mit einem Wasserschlauch vollspritzt. Es gibt einen Unterschied, und dieser Unterschied liegt in unserer Motivation.

Zuerst überdenken wir all unsere negativen Handlungen, die wir in unserem Leben begangen haben, und dann müssen wir Reue darüber empfinden. Reue ist etwas ganz anderes als Schuldgefühl; letzteres ist überhaupt nicht hilfreich. Schuldgefühl entsteht im Grunde genommen aus der Identifikation mit dem Selbstbild einer schlechten Person. Es ist wie ein festes, solides Seil um uns herum, mit dieser festen Identität, welches wir auch um unsere Handlungen wickeln, indem wir sagen, das war schlecht, und wir lassen nicht mehr davon ab. Reue unterscheidet sich sehr stark davon. Wenn wir z.B. etwas Schlechtes gegessen haben und krank werden, empfinden wir Bedauern darüber, aber keine Schuld. Es ist ein großer Unterschied zwischen: „Es war ein großer Fehler, dies zu essen“ und „Ich bin eine schlechte Person, weil ich dies aß.“ Das sind zwei verschiedenartige Schlussfolgerungen, die damit aus dem Krank-Sein gezogen werden. Hier empfinden wir Bedauern und Reue, dass wir diese negativen Dinge getan haben, und wir versprechen unser Bestes zu tun, diese nicht zu wiederholen, und verstärken dann unsere Absicht, die positive Richtung in unserem Leben einzuhalten.

Diese wird einerseits durch die Zuflucht gewiesen, welche die sichere Richtung im Leben zeigt, und andererseits durch Bodhichitta, dem Ziel, Buddhaschaft zu erreichen, um allen zu helfen. Und dann führen wir Visualisationspraktiken durch, in denen wir uns auf sehr bildhafte Weise vorstellen, dass uns diese negativen Potentiale verlassen. Zu den Hauptdingen, die wir mit der Vajrasattva-Praxis zu überwinden versuchen, gehören unsere negativen Gefühle über uns selbst und unsere Schuldgefühle, all dieses schwere, negative Gepäck, das wir überall mit uns hinschleppen.

Als nächstes wird das Mandala-Opfer dargebracht. Ein Mandala ist ein Symbol für ein Universum. Beim Mandala-Opfer stellen wir uns vor, dass wir das gesamte Universum darbringen, damit wir fähig werden, ein Buddha zu werden, um anderen auf die beste Weise zu helfen. Man entwickelt also die Einstellung, dass man bereit ist, alles zu geben, um anderen helfen zu können. Das hilft uns, eine Tendenz des Zurückhaltens zu überwinden, wodurch wir uns dem spirituellen Pfad nicht völlig hingeben.

Die vierte Praxis nennt man „Guru-Yoga“. Das ist ein Weg, ein enges Band – was die Bedeutung des Wortes Yoga ist – oder eine enge Verbindung mit dem spirituellen Lehrer zu knüpfen. Wir stellen uns dabei einen hohen spirituellen Meister vor; gewöhnlicherweise handelt es sich dabei um einen der Gründer der Überlieferungslinien, z.B. Tsongkhapa, Kar-mapa, Guru Rinpoche. Aber es ist eigentlich egal, denn alle sind sich insofern gleich, dass sie Buddha symbolisieren, den Zustand, den wir zu erreichen trachten. Dazu rezitieren wir einen Vers oder ein Mantra, welches in Verbindung mit dieser Figur steht und stellen uns vor, dass von ihrer Stirn, der Kehle und dem Herzen Lichter ausgehen und wir errichten eine sehr enge Verbindung mit ihnen. Mit anderen Worten: unsere Art zu handeln, zu kommunizieren, zu denken und zu fühlen sind nun untrennbar verbunden mit der Art, wie diese Figur handelt. Daraus gewinnen wir große Inspiration, ihrem Beispiel zu folgen. Das wiederum überwindet das Hindernis, dass wir uns auf unserem Weg einsam fühlen, und dass wir niemanden haben, der uns weiterhilft.

Dann gibt es noch verschiedene weitere vorbereitende Übungen, die man durchführen kann, aber diese vier sind die gängigsten.

Es gibt nun viele Arten, diese Übungen durchzuführen. Eine Möglichkeit besteht darin, all diese bis zu einhunderttausend Mal zu wiederholen. Das ist für eine bestimmte Art von Person besonders hilfreich, nämlich Personen, die kein Selbstvertrauen haben und glauben, sie können niemals etwas zustandebringen. Wenn so jemand wirklich etwas tut, und dabei bis hunderttausend zählt, dann erzeugt das ein großes Gefühl, dass man etwas vollbracht hat. Für andere Leute hingegen kann diese Zählerei eher zur Ablenkung werden. Es kann zu einer gewissen Arroganz führen, „Ich habe schon 100.000 geschafft, wieviele hast du?!“ und es kann passieren, dass man zu sehr mit den Zahlen beschäftigt ist und dabei die eigentliche Übung aus den Augen verliert. Dann könnte man genausogut Liegestütze machen und bis 100.000 zählen. So jemandem wird empfohlen, die Übung so lange zu machen, bis er/sie ein Zeichen sieht, dass er/sie wirklich etwas getan hat. Solche Zeichen sind bestimmte Symbole oder Bilder, die dann immer wieder in Träumen auftauchen, nicht nur ein- oder zweimal. Z.B. ein Traum, in dem wir uns übergeben oder Durchfall haben, ist symbolisch für unsere Reinigung, dass wir also negative Dinge aus uns herausbekommen. Weitere sehr gute Zeichen sind Träume von Sonnen- und Mondaufgängen oder von unserem spirituellen Lehrer.

Wir können also auf diese Weise vorgehen, bis wir bestimmte Zeichen sehen. Aber in manchen Traditionen, z.B. in der Nyingma- und der Kagyü-Tradition, werden diese Reinigungen oft in einem Block, eine nach der anderen, durchgeführt. Um in unserer Analogie zu sprechen, wollen wir sicher sein, dass der Motor zu Beginn unserer Reise auch wirklich sauber ist und wir vollgetankt haben. Eine andere Art wäre, nur eine gewisse Reinigung durchzuführen und sich dann gleich auf den Weg zu machen, und unterwegs, wann es gerade passend ist, werden dann die anderen Reinigungen durchgeführt; das wäre mehr der Gelug-Stil. Aber egal, welchen Weg wir wählen, unterwegs müssen wir fortfahren die Maschine sauberzuhalten und wieder zu tanken. Und das können wir immer wieder in den Saddhanas finden; das sind tantrische Praktiken mit Rezitationen und Visualisationen. Alle haben in ihrer ausführlichen Form Niederwerfungen, Vajrasattva, Mandala-Opfer und Guru-Yoga. Das passt zu dem Stil, dass man die Motorpflege die ganze Zeit über betreibt.

Jetzt sind wir bereit, die Reise anzutreten, aber wir brauchen noch eine Fahrerlaubnis; wir müssen also die Führerscheinprüfüng bestehen. Hier handelt es sich nicht wirklich um eine Prüfung, aber trotzdem braucht man eine Fahrerlaubnis, die Einweihung. Wenn wir eine Führerschein-Prüfung bestehen wollen, müssen wir richtig vorbereitet sein; entsprechend brauchen wir vor einer Einweihung gewisse Vorbereitungen. Wir brauchen Disziplin, Konzentration, Motivation usw. Dies benötigen wir sowohl zum Autofahren als auch für den spirituellen Weg. Wir gehen also zu einer Einweihung, nachdem wir die Vorbereitungen schon hinter uns haben. Während der Einweihung geschehen weitere Reinigungen und es werden weitere Samen gesetzt. Das entspricht einem noch saubereren Motor und noch mehr Treibstoff.

Aber einer der wichtigsten Aspekte einer Einweihung ist, dass wir eine starke Verbindung mit einem spirituellen Lehrer errichten. Und wie gestern bereits angesprochen, ist dies auf menschlicher Ebene sehr wichtig, weil der spirituelle Lehrer ein deutliches Beispiel dessen ist, was wir zu erreichen versuchen. Dadurch haben wir nicht nur reine Fantasievorstellungen davon, was es bedeutet Tantra zu praktizieren oder Verwirklichungen auf diesem Pfad zu erlangen, sondern es entsteht auch eine Verbindung mit der gesamten Überlieferungslinie, also zurück bis zum Buddha, so dass wir das Gefühl haben, ein Teil von etwas Gültigem zu sein und nicht etwas Verrücktes zu tun. Vorbereitungen sind ferner ein formeller Ausdruck dafür, dass wir diese Reise antreten wollen; das hilft uns, dass wir auch wirklich damit beginnen.

Als Teil der Führerscheinprüfung versprechen wir ferner, den Regeln der Straßenverkehrsordnung zu folgen, und bei einer Einweihung versprechen wir bestimmte Gelübde einzuhalten. Es gibt vier Tantraklassen und in allen vier werden die Bodhisattvagelübde genommen. Diese sind im Grunde Verprechen, sich von bestimmten Handlungen fernzuhalten, die verhindern, dass wir anderen bestmöglich helfen. Z.B. wäre es ein großes Hindernis, wenn wir uns aus Gier immer selbst loben und behaupten, alle anderen seien nichts wert; wenn also beispielsweise ein Arzt schlecht über die anderen redet, nur um selber mehr Patienten und Geld zu haben, dann ist das ein großes Hindernis sich weiterhin ernsthaft um das Wohlergehen der Patienten zu sorgen, weil es dann nur noch darum geht, von ihnen Geld zu bekommen. Die Bodhisattvagelübde sind Versprechen, eben solche Dinge nicht zu tun. Sie sind tatsächlich etwas Wunderbares zu lernen und zu studieren, weil sie alle Arten von Fehlern aufzeigen, die wir vielleicht in unseren Beziehungen zu anderen begehen.

In den beiden höchsten Tantraklassen werden zusätzlich tantrische Gelübde genommen. Wiederum geht es dabei um bestimmte Handlungen, die zu vermeiden sind, da sie viele Hindernisse erzeugen, die den Erfolg unserer Praxis einschränken. Wenn wir also sagen, unser Lehrer ist ein Idiot und er weiß nicht was er sagt, dann wäre dies ein großes Hindernis, weil wir kein Vertrauen in seine Belehrungen hätten; und wie sollten wir dann Erfolg dabei haben, diese zu praktizieren. Darum ist es so wichtig, den Lehrer vorher sorgfältig zu prüfen, bevor wir eine Verbindung aufbauen oder Initiationen von ihm erhalten. Dies sind alles Dinge, die wir zuerst erledigen müssen. Nun sind wir bereit für die eigentliche Reise.

Wir wissen, wohin wir wollen; wir haben eine Motivation bzw. Gründe dafür, dort hinzugehen; wir haben Vertrauen in unser Auto und unsere Fähigkeit, dort hinzugelangen; wir haben den Motor gereinigt und vollgetankt; wir besitzen eine Fahrerlaubnis und haben uns darauf geeinigt, uns an die Straßenverkehrsordnung zu halten; wir haben Disziplin und eine gewisse Konzentration, und wir haben eine Vorstellung von der Wirklichkeit, so dass wir der richtigen Straße folgen können.

Nun, das Ziel, welches wir zu erreichen versuchen, ist die Buddhaschaft, so dass wir allen helfen können. Deshalb müssen wir den Körper und den Geist eines Buddha erlangen. Und dazu können wir entweder den Sutra-Weg oder den Tantra-Weg praktizieren. Im Sutra-Weg richten wir uns auf die Ursachen aus, um diesen Körper und Geist zu erlangen. Aber diese Ursachen, insbesondere um den Körper eines Buddha zu erlangen, ähneln diesem Körper, den wir anstreben, nicht so sehr. Im Grunde genommen arbeiten wir dafür, anderen so gut wir können zu helfen und dadurch erzielen wir einen Buddhakörper, mit dem wir dann am besten helfen können. Es gibt Beschreibungen des physischen Körpers eines Buddhas. Z.B. hat er eine lange Zunge, und dies symbolisiert die Ursache, dass die Buddhas auf die anderen so gut wie möglich aufpassen, und zwar mit der gleichen liebevollen Sorgfalt, wie sich ein Muttertier um seine Jungen sorgt und sie ableckt. Um diese Sorge und Zuneigung also zu symbolisieren, hat ein Buddha eine lange Zunge. Aber sich mit Zuneigung um andere zu sorgen hat wohl wenig Ähnlichkeit mit diesem physischen Zeichen, oder? Es braucht eine lange Zeit, damit diese Ursache die entsprechende Wirkung hervorbringt. Im Tantra folgen wir dem sog. Ergebnisfahrzeug, was bedeutet, dass wir die Betonung darauf legen, in einer Art und Weise zu handeln, die dem Ergebnis gleicht, welches wir zu erreichen versuchen. Das heißt natürlich nicht, dass wir unsere Zunge strecken, oder dass wir schwere Ohrringe tragen, damit die Ohrläppchen lang werden!

Es ist stattdessen so ähnlich, als wenn wir in einem Ballet tanzen wollen. Offensichtlich müssen wir zuerst überhaupt lernen zu tanzen; das entspricht all den Vorbereitungen, die wir besprochen haben. Aber was uns am schnellsten zur tatsächlichen Aufführung bringt, ist die Generalprobe. Denn dann handeln wir in einer Art und Weise, die dem, was wir später machen wollen, schon sehr nah ist. In den tantrischen Praktiken üben wir jetzt schon in unserer Vorstellung, wie ein Buddha zu handeln, was uns dann so schnell wie möglich hilft, ein Buddha zu werden. Aber dies ist etwas ganz anderes als eine verrückte Person, die sich vorstellt, Mickey Mouse oder Napoleon zu sein. Denn wir wissen hier, dass es nur in unserer Vorstellung so ist, und es handelt sich auch um keinen Selbstbetrug, da wir wissen, dass wir das Potential in uns haben, so etwas zu erreichen. Außerdem tun wir dies bewusst, absichtlich und mit einem bestimmten Zweck, nämlich um fähig zu werden, anderen zu helfen.

Zuerst einmal stellen wir uns dabei vor, wir hätten den Körper eines Buddha und die Umwelt, in der wir leben, wäre einem Buddha gemäß und dass wir uns an den Dingen genauso erfreuen und auch so handeln wie ein Buddha. Diesen Körper stellen wir uns so vor, wie wir ihn bei den Buddha-Figuren sehen, die Gottheiten repräsentieren. Ich glaube, die Übersetzung Gottheiten ist nicht gerade die glücklichste, weil dies impliziert die Vorstellung von Schöpfergöttern oder Göttern, wie es die griechischen Götter waren. Womit wir hier umgehen, hat mit beiden nichts zu tun, und so nenne ich es lieber eine Buddha-Figur. Jede davon repräsentiert die volle Erleuchtung eines Buddha, aber jede verdeutlicht einen bestimmten Aspekt, der von ihr dargestellt wird; z.B. symbolisiert Chenrezig das Mitgefühl der Buddhas und Manjusri die Weisheit. Wie wir auch gehört haben, symbolisiert Kalachakra die Fähigkeit der Buddhas, selbst mit komplexesten Situationen umzugehen.

Ein Aspekt, mit dem wir arbeiten, wenn wir uns selbst als eine dieser Buddha-Figuren visualisieren, ist, die Veränderung unseres Selbstbildes. Wir arbeiten nicht nur an einer klaren Visualisation, sondern auch an dem Gefühl, dass diese Vorstellung wahr ist. Tantra lässt sich in vielerlei Hinsicht als mentales Judo sehen. Wir haben eine Tendenz, immer ein Selbstbild zu projizieren. Gewöhnlicherweise ist dies ein negatives Bild der Art, „Ich bin nichts wert“, „Ich verdiene es nicht, geliebt zu werden“ oder „Ich bin dumm.“ Wenn der Geist ohnehin dazu neigt Selbstbilder zu projezieren, warum dann unbedingt ein negatives? Da es schwer ist, diesen Vorgang der Projektion zu stoppen, können wir doch wenigstens ein positives Selbstbild verwenden.

Es handelt sich hierbei nicht einfach nur um die „Kraft des positiven Denkens“, weil hier alles in dem Kontext abläuft, die letztliche Realität zu verstehen. Wir ziehen keine solide Linie um ein negatives Selbstild, wie „Das bin ich: ein Verlierer und Taugenichts“, aber genauso wenig ziehen wir eine solche Linie um ein positives Selbstbild, wie „Ich bin so schlau und wundervoll.“ Auf diese Art arbeiten wir mit einem positiveren Selbstbild. Statt zu sagen: „Ich kann keinem helfen, ich bin gefühllos“, stellen wir uns vor: „Ich bin Chenrezig und habe Mitgefühl und sorge mich um jeden.“ Statt zu denken „Ich bin so dumm“ stellen wir uns vor: „Ich bin Manjusri, habe einen klaren Geist und kann alles verstehen“, oder statt zu sagen: „Mein Leben ist zu komplex, ich schaffe es nicht“, stellen wir uns vor: „Ich bin Kalachakra und kann mit all dem umgehen.“

Die verschiedenen Figuren, mit denen wir arbeiten, haben manchmal viele Arme, Gesichter und Beine. Das mag mitunter etwas eigenartig erscheinen, und wir mögen denken: „Warum soll ich üben, ein Tausendfüßler oder eine Spinne zu werden?“ Diese Haltung entsteht aus einem falschen Verständnis der angewandten Methode. Wir wollen zu einem allwissenden Buddha werden, wir wollen den Geist eines Buddha erreichen. Das bedeutet, wir wollen uns aller Lebewesen gleichzeitig bewusst sein und verstehen, was sie brauchen und in welchen Situationen sie stecken. Um unseren Geist dafür zu schulen, müssen wir in unserem Gedächtnis und unserer Aufmerksamkeit viele Dinge gleichzeitig halten können. Es ist sehr schwer, 24 verschiedene Dinge rein abstrakt im Sinn zu halten; dagegen ist es einfacher, ein Bild mit 24 Armen zu behalten, wobei jeder Arm eine gewisse Einsicht und Verwirklichung darstellt. Das ist der Grund dafür, dass wir uns mit so vielen Armen und Beinen vorstellen. Sie alle besitzen viele verschiedene Ebenen der Symbolik, und durch die Vorstellung erinnern wir uns an ihre Symbolik. Wie bei einer Kamera gleicht dies dem Offnen der Brennweite unseres Geistes, um mehr und mehr Dingen bewußt zu werden. Es ist eigentlich eine sehr ausgefeilte Technik.

Wir haben stets eine Tendenz dazu, dass eine große Mengen an verbaler Energie in unserem Geist herrscht, und statt zu versuchen diese zu blockieren, was schwierig ist, führen wir wie beim Judo einen Schulterwurf aus und benutzen die Energie dafür, Mantras zu sprechen. Also, statt sich zu sorgen, alle Vorgänge zu kommentieren oder Lieder zu summen, sprechen wir ein Mantra. Dies ist wiederum eine hilfreiche Technik, da mit jeder der Buddha-Figuren, die teilweise schwer zu visualisieren sind, ein Mantra in Verbindung steht, und durch die Mantrarezitation erleichtern wir uns das Erinnern. Wir sprechen das Mantra, und je nach dem Selbstbild, das damit in Verbindung steht, haben die einzelnen Silben einen gewissen beruhigenden Effekt durch ihre Vibration, oder ihr Klang kann auf unseren Geist schärfend wirken. Außerdem formt das Mantrarezitieren unseren Atem, was wiederum unsere Energie im Körper formt; und dadurch werden schließlich diese Energien fassbar, um sie zu manipulieren, damit wir subtilere Ebenen von Bewusstsein und Verwirklichungen erzielen können. All das ist im Zusammenhang mit der Vorstellung verbunden, dass wir den Körper eines Buddha haben.

Nun zur Vorstellung, alles um uns herum ist das Umfeld eines Buddha, sprich ein Mandala. Mandala ist eine symbolische Welt, und wenn wir Bilder davon sehen, sind es normalerweise zweidimensionale Darstellungen davon, so ähnlich wie die Architektenzeichnungen eines Gebäudes. Alle Mandalas sind also dreidimensionale Gebäude und wir als Buddha-Figur befinden uns in ihnen. Die ganzen architektonischen Einzelheiten werden aufs Genaueste wiedergegeben, und wiederum sind sie symbolische Mittel, um unseren Geist zu öffnen, um mehr und mehr Dinge ins Bewusstsein zu bringen.. Das hilft uns auch gegen negative Gedanken über unsere Umwelt, wie: „Alles ist so laut und dreckig in dieser Stadt“; stattdessen können wir sagen „Alles um mich herum ist günstig für Verwirklichungen und Fortschritt.“

Als nächstes stellen wir uns vor, dass wir uns wie ein Buddha an den Dingen erfreuen können. Normalerweise können wir die Dinge nicht ohne Verwirrung genießen; das wird oft als „vergiftete Freude“ übersetzt, was eine äußerst unglückliche Wortwahl ist. Im Deutschen spricht man eher von „ befleckter Freude“; im Englischen wird jedoch der Begriff contami-nated verwendet, der gerade im Zusammenhang mit Radioaktivität „verseucht“ bedeutet und somit ganz andere Assoziationen hervorruft. Wir sprechen hier nicht von einem Strahlenunfäll, sondern es geht darum, dass unser Geist verwirrt ist, wenn wir uns an Dingen freuen. Z.B. können wir uns nicht an schöner Musik erfreuen ohne uns Gedanken zu machen, dass unsere Stereoanlage vielleicht doch nicht so gut ist, wie die unseres Nachbars; wir können kein gutes Essen genießen, ohne uns Sorgen zu machen, dass wir dadurch fett werden; oder wir können uns nicht am sexuellen Kontakt mit jemandem erfreuen ohne uns zu sorgen, dass jemand anderes darin besser ist als wir. Unser Glück ist immer mit Verwirrung vermischt, es ist also niemals rein. Aber ein Buddha erfreut sich der Dinge ohne jegliche Verwirrung; er erfährt sie einfach, rein, mit einem sehr glückseligen Geist.

In den tantrischen Übungen bringen wir viele Opfergaben dar. Viele davon werden Buddha-Figuren dargebracht, die wir vor uns vorstellen, als Mittel, um unseren Ehrfurcht zu zeigen. Aber wir stellen uns auch vor, dass wir selbst einige dieser Opfergaben erhalten und uns ohne Verwirrung daran erfreuen können; wir freuen uns am Duft vom Weihrauch, ohne uns zu sorgen, aufgrund einer Allergie niesen zu müssen.

Das hilft uns auch später auf dem Pfad, da wir uns bemühen, sehr intensive und besondere Geisteszustände zu entwickeln, mit denen wir die Realität wahrnehmen können. Wir wollen sehr glückselige Geisteszustände erzielen, die sehr intensiv sind. Das wird auch durch die Paare in Vereinigung symbolisiert. Aber dies bedeutet nicht, dass wir buchstäblich hingehen und gewöhnliche sexuelle Erfahrungen suchen, sondern durch verschiedenartige Yoga-Methoden, die mit Kanälen und Energien in unserem Körper arbeiten, erzeugen wir schließlich im Zentralkanal einen sehr glückseligen Zustand des Geistes. Diesen versuchen wir dann auf das Verständnis der Leerheit oder Realität zu richten, ohne Verwirrung, Sorgen usw.

Wir stellen uns auch vor, dass wir wie ein Buddha handeln können. Ein Buddha kann einen enormen positiven Einfluss auf die Wesen um sich herum ausüben, ohne wirklich bewusst etwas tun zu müssen. Es heißt, für einen Buddhaerfüllen sich , ohne dass er irgendetwas tut, spontan alle seine Absichten/Ziele, rein durch die Art seines Seins. Eine Art der Aktivität ist die Fähigkeit eines Buddha, jeden zu befrieden und zur Ruhe zu bringen; ebenso alle schwierigen Situationen. Es gibt einen hohen Lama in Dharamsala, der als der „Baby-Lama“ bekannt ist. Wenn Leute Babies haben, die schreien oder weinen, bringen sie sie zu diesem Lama, und nur in seiner Gegenwart zu sein, beruhigt sie. Wir müssen dies in einer sehr positiven Art beherrschen. Es ist nicht so, dass wir andere mit unserer Langweiligkeit einschläfern. Ich erinnere mich z.B. daran, als ich nach meinen ersten Jahren in Indien wieder in die Staaten kam und meine Schwester für ein paar Tage traf, meinte sie: „ Du bist so ruhig, ich könnte kotzen.“

Es geht also nicht um diese nicht-menschliche Art ruhig zu sein. Sondern die normale Art zu sein, wie wir es bei hohen Lamas sehen, führt einfach dazu, dass wir uns entspannt und angenehm fühlen. Wir stellen uns also vor, dass wir diese Fähigkeit besitzen, rein durch unsere Art zu sein, und unsere Vibrationen beruhigen alle, niemand wird nervös usw. Die zweite Fähigkeit der Buddhas ist, dass sie andere stimulieren können. Nur durch ihr Sein, wie wir es auch bei hohen Lamas beobachten, stimulieren sie uns zur Praxis, klarer zu sein, gefühlsmäßig wärmer zu werden. Wir stellen uns also vor, dass wir denselben stimulierenden Effekt auf jeden um uns herum haben.

Als nächstes können Buddhas andere dazu bewegen, entschlossen einen positiven Weg zu gehen. Ein sehr schönes Beispiel war, als Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, 1985 eine Kalachakra-Initiation in der Schweiz gab. Während der Initiation baten einige Leute Seine Heiligkeit, die Mahayana-Gelübde für einen Tag zu geben. Seine Heiligkeit sagte: „Ich wurde um dies gebeten, ist das auch euer Wunsch?“, und alle antworteten mit „Ja“ und Seine Heiligkeit sagte, „Sehr gut, wir treffen uns morgen früh um 4.30 Uhr.“ Und hoch interessant war, dass von den ca. 4000 Besuchern etwa 3000 früh morgens um 4.30 Uhr antraten, denn es war sehr schwer, so früh dort zu sein, so dass viele vor Ort campieren mußten. Und alles, was Seine Heiligkeit sagen musste, war: „Wir sehen uns morgen früh um 4.30 Uhr“, und alle kamen. Wenn wir zu einer Gruppe von Leuten sagen: „Wir sehen uns morgen früh um 4.30 Uhr“, würde niemand kommen, oder? Wir stellen uns also vor, dass wir einen derart starken Einfluss auf andere haben, nur durch unsere Persönlichkeit, unsere Art zu sein.

Die letzte Art der Buddha-Aktivität ist, dass Buddhas eine sehr machtvolle Art haben, gefährliche Situationen abzuwenden. Z.B flog ein Hornissenschwarm in einen Tempel in Süd-Indien, als Seine Heiligkeit gerade eine Einweihung gab, und allen Anwesenden wurde es etwas ungemütlich; Seine Heiligkeit hielt kurz in seinem Ritual inne, blickte zu den Hornissen und die Hornissen drehten um und flogen wieder hinaus; ich habe das mit meinen eigenen Augen gesehen. Wir stellen uns also vor, dass wir eine so machtvolle Art der Einflussnahme besitzen, um sie in gefährlichen Situationen anzuwenden, wenn es notwendig ist. Was wir in der Praxis tun, ist also Folgendes: wir stellen uns vor, eine dieser Buddha-Figuren zu sein, erzeugen das entsprechende Selbstbild, rezitieren das Mantra und stellen uns vor, dass wir Lichtstrahlen, die die gerade beschriebenen Einflußarten übermitteln, zu den anderen Wesen aussenden, um sie zu beruhigen, zu stimulieren usw. Das sind also die Qualitäten, Handlungen und Dinge, die wir im gewöhnlichen Tantra ausüben. Wie ich schon sagte, gibt es vier Tantraklassen. Und das höchste Tantra umfasst spezielle Praktiken; Kalachakra gehört zu dieser höchsten Klasse.

Wir wollen immer noch den Körper und den Geist eines Buddha erreichen um anderen bestmöglich zu helfen, und die Art von Geist, die ein Buddha besitzt, sieht die Realität umfassend, sowohl auf der konventionellen als auch auf der tiefsten Ebene, und diese Art von Geist wollen wir so schnell wie möglich erlangen. Es gibt viele verschiedene Ebenen des Geistes und die subtilste, feinste Ebene wird manchmal der Geist des Klaren Lichts genannt. Diese Ebene des Geistes ist wie ein Laserstrahl, sie ist subtiler als konzeptuelle Gedanken und ist am effizientesten, um die Verwirrungen zu durchtrennen und die Realität zu erkennen; und das ist die Art von Geist, die ein Buddha besitzt.

Zusätzlich zu all dem, was wir bisher gehört haben, benutzen wir im höchsten Tantra die Technik der Visualisation, um uns Dinge innerhalb unseres Körpers wie unter einem Mikroskop vorzustellen. Damit haben wir dann ein sehr gutes Werkzeug, um Zugang zu den subtilen Energiesystemen des Körpers zu finden. Wenn wir schließlich diesen Zugang zu dem Energiesystem gefunden haben und die Energien umherbewegen. können – und das nicht nur in unserer Vorstellung – dann arbeiten wir mit diesen Energien, um sie zu sammeln und sie auszurichten, um sie in einen glückseligen Zustand zu transformieren; wie ich gesagt habe, symbolisiert das Paar in Vereinigung auf einer Ebene diese Fähigkeit, den glückseligen Zustand des Geistes zu erzeugen, indem man mit dem subtilen Energiesystem arbeitet. Dadurch, dass wir diesen glückseligen Zustand erlangen mit unserer Arbeit mit diesen subtilen Energien, und dass wir die Energien sammeln und auflösen, finden wir Zugang zu diesem subtilsten Geist des Klaren Lichts. Dann benutzen wir diesen subtilsten Geist, um die Leerheit und die Realität zu verstehen, und mit diesen subtilen Energien erzeugen wir uns selbst in der Gestalt dieser Buddha-Figuren, und stellen uns dies nicht mehr bloß vor.

Ein Beispiel, wie wir unsere Energien in bestimmte Gestalten formen können sind die Körper, die wir in Träumen annehmen. Diese Methoden, in denen wir mit den subtilsten Energien und dem subtilsten Geist arbeiten, sind am effektivsten, um den Körper und den Geist eines Buddha zu erlangen; und damit von größtmöglicher Hilfe für andere zu sein. Niemand hat je behauptet, der tantrische Weg sei leicht, aber er ist der effizienteste, um ein Buddha zu werden zum Wohl anderer. So, was habt ihr für Fragen?

Frage: Wenn ich die Mantras spreche, dann denke ich sie nur manchmal, aber dann haben sie doch nicht denselben Effekt, weil dann der Klang fehlt, und der Atem dadurch wegfällt.

Antwort: Es gibt beides, sowohl die verbale als auch die mentale Rezitation von Mantras. Die verbale Rezitation hat den Vorteil, dass damit unsere Art der Kommunikation trainiert wird; aber wir schreien die Mantras nicht, oder sprechen sie zu laut, denn das kann wiederum störend wirken für die Energien. Gewöhnlicherweise murmeln wir die Mantras, so dass der Atem in der rechten Art geformt wird, ohne eine zu große Verausgabung an Energie. Aber es gibt Praktiken, wo die Mantras lediglich mental rezitiert werden. Es ist also gut, beides zu machen.

Frage: Was heißt „Helfen“ im Buddhismus?

Antwort: Es kann vieles auf verschiedenen Ebenen heißen; einmal kann man helfen, das Geschirr abzuspülen oder auf ein Baby aufpassen, oder man kann kranken Menschen helfen. Helfen kann auch bedeuten, jemandem mit emotionalen Problemen zuzuhören und versuchen, einen Rat zu geben. Letztlich bedeutet es, dass wir tun was, wir können, um anderen zu langfristigem Glück zu verhelfen. Die tiefste Ebene der Hilfe ist, jemand zu helfen, seine tiefsten Probleme zu überwinden, so dass er seine eigenen Potentiale entdecken kann. Aber niemand hat die Fähigkeit, dass er nur einmal den Zauberstab schwingen muss und damit alle Probleme auflöst; das kann nicht einmal ein Buddha. Jedoch können wir versuchen, andere durch unser Beispiel zu inspirieren und ihnen Ratschläge zu geben, aber es liegt dann an ihnen selbst, dem zu folgen. Die Menschen müssen schon aufnahmebereit sein. Seine Heiligkeit sagt des Öfteren, die beste Art anderen zu helfen ist, ein gutes Beispiel abzugeben, durch die Art wie wir sind, die Art von Person, die wir sind.

Frage: Könnten Sie noch etwas mehr zu Hilfe sagen, denn Hilfe auf Verlangen und Hilfe aufdrängen ist ja in unserer Gesellschaft nicht so ...

Antwort: In diesen Fällen muss man sehr sorgfältig und vorsichtig abwägen. Wir wollen uns selber bestimmt nicht anderen aufdrängen; besonders bei Personen, die nicht aufnahmebereit sind, können wir mehr negative Ergebnisse verursachen als positive. Aber wenn zwei Hunde sich ineinander verbeissen oder zwei Kinder sich prügeln, warten wir gewiss nicht darauf, dass sie uns um Hilfe bitten, sondern wir versuchen sie auseinanderzubringen und sie zu beruhigen. Wir müssen also unseren gesunden Menschenverstand einsetzen, aber eines der grundlegenden Prinzipien im Buddhismus ist, dass wir versuchen anderen zu helfen, und wenn wir nicht helfen können, versuchen wir zumindest, anderen nicht zu schaden. Es ist ebenso sehr wichtig zu versuchen, die Realität der Personen zu sehen, denen wir helfen wollen. Wir sollten nicht unsere eigenen Wertvorstellungen davon, was wir glauben, was andere tun oder besitzen sollten, auf andere projizieren, sondern wir müssen erkennen, was für sie Sinn macht.

Frage: Eine Frage zu dem Samen bei der Einweihung: Ist das feinstoffliche Energie oder mehr eine Erinnerung an unser eigenes Potential, welches dabei geweckt wird?

Antwort: Nun, es werden zwei Arten von Samen beschrieben, die dabei gesät werden: Einer davon ist eine bewusste Erfahrung, und der andere ist in der Form eines Potentials oder einer Tendenz, was jedoch etwas abstrakter ist. Z.B. stellen wir uns vor, dass wir mit der Ritual-Vase berührt werden und durch diese Berührung einen glückseligen Geist haben, der die Realität versteht. Im Grunde genommen versuchen wir, so gut wir können, einen sehr glücklichen Geisteszustand zu haben und versuchen die Realität so klar wie möglich zu erkennen, mit diesem glücklichen Geist. Diese Erfahrung, die wir unter diesem bestimmten Umstand machen, wirkt wie ein Same oder eine Grundlage, wenn wir uns in der Zukunft daran erinnern, um diesen glücklichen Geisteszustand und das Verständnis der Realität reiner und reiner zu machen. Und auf einer abstrakteren Ebene errichtet diese Erfahrung eine Tendenz, es wiederholen zu können; das ist eine andere Ebene des Samens. Das ist die Art, wie diese Samen einer Einweihung erklärt werden.

Frage: Haben alle 4 Schulen Guru-Yoga in sechs Sitzungen bei den höchsten tantrischen Einweihungen?

Antwort: Nein; die Praxis der sechs Sitzungen soll uns ermöglichen, die 19 Handlungen, die uns enger an die 5 Buddha-Familien binden, zu befolgen. Zu diesen 19 Handlungen gehören das Zuflucht-Nehmen und anderes. Alle vier tibetischen Schulen halten sich an diese 19 Praktiken, als ein Versprechen bei einer Einweihungen in das Höchste Yoga-Tantra. Aber nur in der Gelug-Tradition, wo es mit dem ersten Panchen-Lama begann, wurden die sechs Sitzungen zu einer formalen Praxis gemacht. Das ist also eine formelle Art, uns an die 19 Handlungen zu erinnern. Die formelle Praxis der sechs Sitzungen finden wir also nur in der Gelugpa-Tradition, aber alle anderen halten sich genauso an die 19 Handlungen.

Frage: Das Versprechen, diese Gebete zu sprechen, haben nur die Gelugpas?

Antwort: Alle versprechen, die 19 Praktiken durchzuführen; die Gelugpas versprechen noch dazu, die sechs Sitzungen als Weg zu praktizieren, uns an diese 19 zu erinnern.

Frage: Ich habe bei Trungpa gelesen, dass tantrische Einweihungen und die tantrische Praxis so gefährlich wären, wie auf des Messers Schneide zu laufen. Was mich überrascht, ist, dass diese tantrischen Initiationen, wie ich es erlebt habe, sehr leicht gegeben werden; nicht kostbar genug. Ich selbst habe eine Einweihungen in das Höchste Yoga-Tantra erhalten, und hatte keine Ahnung; erst danach fing ich an, darüber zu lesen und ich war überrascht, dass uns diese Einweihung so einfach gegeben wurde. Auch die meisten der anderen waren nicht genügend vorbereitet. Wir saßen nicht nur im Tempel, sondern führten die gesamte Praxis durch, haben also diese Initiation genommen.

Antwort: Nun, es ist war, dass die tantrische Praxis sehr gefährlich sein kann, insbesondere wenn wir damit beginnen, mit den Energiesystemen zu arbeiten; ohne guten Führer und Vorbereitung kann ein ziemliches Durcheinander entstehen. Es ist auch wahr, dass es so scheint, als würden viele Lehrer Initiationen sehr leichfertig geben, speziell im Westen. Aber auch unter den Tibetem werden Initiationen in einer eher öffentlichen Art und Weise gegeben, und es liegt an den Leuten selbst, zu sehen, ob sie dafür genügend vorbereitet sind. Viele Menschen gehen auch zu solchen Initiationen wegen dem, wie es oft übersetzt wird, Segen, was aber eigentlich bedeutet, dass man eine Inspiration bekommt, und nicht, dass uns jemand mit einem Zauberstab berührt. Obwohl alle bei der Initiation tatsächlich dabei sind, gibt es einen Unterschied zwischen denen, die nur wegen der Inspiration hingehen, und jenen, die die Praxis ernsthaft ausüben wollen.

Die Situation, im Westen ebenso wie unter den Tibetern, ist, dass Lehrer nicht die Möglichkeit haben, alle Leute, die zu einer Initiation kommen, zu prüfen und zu sehen, ob sie dafür vorbereitet sind, oder nicht. Die Tibeter selbst haben genügend Bescheidenheit, um ehrlich zu sein und wissen, ob sie wirklich jemand sind, der praktizieren kann, oder nicht. Das ist für uns Westler schwieriger, da wir die Erfahrung nicht haben, um zu wissen, was ein wahrer Praktizierender ist; und oft werden Westler sehr stolz und sammeln beinahe Initiationen: „Ich bin so toll, ich habe schon diese und jene Initiation.“ Aber, ich denke, es liegt an uns, mit uns selbst ehrlich zu sein und zu sehen: „Bin ich bei einer Initiation, weil ich die Praxis ernsthaft durchführen will, oder bin ich nur wegen der Inspiration gekommen?“

Und wenn wir wirklich nicht vorbereitet sind und gar nicht wissen, wo wir da hingeraten sind, dann können wir nicht ernstlich behaupten, dass wir die Initiation erhalten haben; wir mögen anwesend gewesen sein, aber auch Hunde und Fliegen waren anwesend. Ich glaube, wir müssen selbst die Verantwortung übernehmen zu sagen, ob wir vorbereitet sind und es uns ernst darum ist, oder spielen wir nur mit, singen einfach nur mit. Ich denke es liegt ein gewisser Fehler vor, zu glauben, nur weil wir anwesend waren: „Jetzt bin ich wirklich dieses Versprechen und die Verpflichtung eingegangen“, wenn wir dies im Laufe der Initiation absolut nicht von Herzen aus getan haben. Wir sollten uns nicht verpflichtet fühlen, denn wir haben uns nicht verpflichtet, oder? Der gesamte Prozess muss mit vollem Bewusstsein ablaufen.

Vielen Dank.