Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Milarepa führt einen Jugendlichen zur Erkenntnis der wahren Natur des Geistes

Geshe Ngawang Dhargyey
Mitschrift von von Alexander Berzin
editiert von Pauline Yeats, Juni 2008
mündliche Übersetzung von Sharpa Rinpoche
Dharamsala, Indien, 1974
Übersetzung ins Deutsche: Susan Schmieder

Eines Tages stand Milarepa alleine in einer Höhle. Zwei Besucher trafen ein und begannen, ihm Fragen zu stellen.

„Bist du ganz alleine hier?” „Fühlst du dich nicht einsam?”

„Ich habe immer mit jemandem zusammengelebt. Ich war nie alleine.“ antwortete er.

„Aber mit wem?”, fragte der jüngere der beiden.

„Mit meinem Bodhichitta.”

„Wo ist er?”

„Im Hause meines Bewusstseins.”

„Was ist das für ein Haus?”, fragte der ältere Gast.

„Es ist mein eigener Körper.”

Der Mann glaubte, dass Milarepa sich über ihn lustig mache. Er sagte zu seinem jungen Begleiter: „Gehen wir; das hier ist Zeitverschwendung – er ist einfach sarkastisch zu uns.“ Der junge Mann antwortete: „Nein, vielleicht können wir hier etwas lernen.“ Er wandte sich wieder an Milarepa.

„Wollen Sie damit sagen, dass das Bewusstsein der Geist ist und der Körper das Haus?”

„Ja, genau das meine ich.“, antwortete Milarepa.

„In einem gewöhnlichen Haus können sich viele Menschen aufhalten – kann auch mehr als ein Geist in einem Körper leben?”

„Normalerweise lebt nur ein Geist im Körper. Aber schau‘in deiner Meditation heute Abend einmal in deinem Körper nach, ob da mehrere sind.“, sagte Milarepa. Die Besucher stimmten zu und machten sich auf den Weg nach Hause. Der jüngere der beiden meditierte an diesem Abend und rannte sehr früh am nächsten Morgen wieder zu Milarepa.

„Oh Guru! Gestern Abend habe ich meditiert, so wie du es mir gesagt hast, und es ist nur ein Geist da. Aber etwas fand ich sehr seltsam…. Ich kann seine Form nicht beschreiben, ich kann die Farbe meines Geistes nicht beschreiben, oder irgendetwas anderes. Wenn ich danach greife, dann kann ich ihn nicht fassen. Wenn ich ihn töten möchte, dann stirbt er nicht. Je schneller ich laufe, desto schneller ist er. Er ist nicht zu fassen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich ihn gefangen habe, dann kann ich nicht auf ihn treten. Wenn ich versuche, ihn festzuhalten, dann bleibt er nicht, wo er bleiben soll. Wenn ich versuche ihn zusammenzuhalten, dann klappt es nicht. Wenn ich versuche, seine Natur zu erkennen, dann verweigert er sich, erkannt zu werden. Ich bin deshalb sehr verwirrt darüber, was der Geist eigentlich ist. Ich kann seine Natur nicht erkennen, aber ich kann seine Existenz auch nicht leugnen. Gib mir bitte eine Einführung in den Geist.“

„Erwarte nicht von mir, Zucker für dich zu schmecken!”, sagte Milarepa. „Der Geschmack von braunem Zucker kann nicht mit den Augen wahrgenommen werden, und auch nicht mit den Ohren. Du musst meditieren und den Geschmack von Zucker selber kosten. Erinnere dich daran, dass der Geist niemals das ist, was ein anderer beschreibt. Andere können uns nur sehr oberflächliche Hinweise geben. Der Geist kann nicht beschrieben werden. Die Anhaltspunkte, die wir von anderen erhalten, können wir für unsere eigene Beobachtung nutzen. Aber dein Geist kannst du nur mithilfe deines eigenen Gewahrseins erfassen.“ Der junge Mann erbat weitere Unterweisungen.

„Das ist sinnlos.”, sagte Milarepa. „Geh‘ nach Hause und komm‘ morgen wieder und erzähle mir etwas über die Farbe und die Form deines Geistes, und ob er sich in deinem Kopf oder auf der Zehenspitze befindet.“ Am folgenden Morgen kam der junge Mann wieder.

„Hast du deinen Geist untersucht?“, fragte Milarepa.

„Ja, das habe ich.“ Der Jugendliche überlegte genau. „Der Geist ist etwas Bewegliches – seine Natur ist die Bewegung. Seine grundlegende Eigenschaft ist Klarheit und Transparenz. Der Geist kann nicht durch Farbe oder Form beschrieben werden – ein Erkennen des Geistes aufgrund von Färbung oder Form ist nicht möglich. Wenn man die Tore der Sinne öffnet, etwa die Augen, dann sieht der Geist Farben und Formen. Durch die Ohren hört der Geist Geräusche, durch die Nase nimmt der Geist Gerüche wahr und mit der Zunge schmeckt er. Wenn man die Beine benutzt, dann geht der Geist. Es ist der Geist, der alles durcheinander bringt. Es ist der Geist, der tratscht. Es ist der Geist, der Widersprüche erzeugt und Unfrieden stiftet. Der Geist bringt diese Wirkungen hervor.”

„Du warst in der Lage, die gewöhnliche Natur des Geistes zu beobachten.”, sagte Milarepa. „Durch dieses konventionelle Bewusstsein sammeln wir negatives Potenzial an und durchwandern daher Samsara stets aufs Neue. Du hast den konventionellen Geist ausreichend gut verstanden. Mittels dieser Erkenntnis werde ich dich zur Stadt der Befreiung führen, wenn du das gerne möchtest.“

Daraufhin akzeptierte der Schüler Milarepa als seinen Guru. Viele Tage später fragte Milarepa ihn nach seinem Namen. Er hieß Upasaka Sanggyay-kyab und war gerade einmal sechzehn Jahre alt. Dann gab Milarepa seinem neuen Schüler die erste Unterweisung über die sichere Ausrichtung (Zufluchtnahme).

„Von heute Abend an, zertrenne niemals das enge Band der sicheren Ausrichtung zu den Drei Juwelen. Meditiere heute Nacht darüber, ob es der Geist ist, der dich schützt und dir hilfreich ist, oder ob es der Körper ist.“ Am nächsten Tag berichtete der Schüler, dass es wohl nicht der Körper sei.

Milarepa führte ihn geschickt in die Meditation über die Leerheit und Identitätslosigkeit ein, aber ohne den Begriff Leerheit zu erwähnen oder eine große Sache daraus zu machen. Er ließ seinen Schüler einfach meditieren und eigene Erfahrungen sammeln, ohne zu erläutern, dass dies nun die Leerheit sei. Er erklärte ihm die Leerheit also nicht vorher, was eine effektive Lehrmethode ist. Durch die Frage, ob es der Körper oder der Geist sei, der einen schützt, muss der Schüler sich selbst sehr gründlich erforschen. Jemand mag sich zwar körperlich gut fühlen, kann aber geistig sehr verwirrt und aufgebracht sein. Es ist also der eigene Geist, der uns Schutz bietet – sowohl in diesem als auch in künftigen Leben.

Das sind also die verschiedenen Arten, wie Milarepa lehrte und Menschen durch die Meditation über die Identitätslosigkeit zur wahren Natur des Geistes führte.