Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Ein Kommentar zum „Gebet der Aspiration für die definitiven Bedeutung der Mahamudra“

(Nges-don phyag-rgya chen-po'i smon-lam)
des dritten Karmapa Rangjung-Dorje
(Kar-ma Rang-byung rdo-rje) (1284 – 1340)
von Beru Khyentse Rinpoche
übersetzt von Alexander Berzin, Januar 1978
überarbeitet August 2003 und Juni 2006
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

2. Verwirrung über die Praxis auf dem Pfad beseitigen

[Beru Khyentse Rinpoches Kommentar erscheint in normaler Schrift, Ergänzungen von Alexander Berzin in violetter Schrift und in eckigen Klammern.]

Bei der nächsten Reihe von Gebeten handelt es sich um Gebete darum, über die Praxis auf dem Pfad nicht verwirrt zu sein. Dies ist in zwei Abschnitte unterteilt: Gebete darum,

  1. nicht über die die Meditation betreffenden Worte verwirrt zu sein,
  2. nicht über die Bedeutung der Worte verwirrt zu sein.

Gebet darum, nicht über die die Meditation betreffenden Worte verwirrt zu sein

Der siebte Vers ist ein Gebet darum, die Worte, die die Meditation betreffen, zu verstehen, das heißt die Worte, die mit dem Verstehen des Reinigungsprozesses zu tun haben. Wir müssen die Basis verstehen, die es zu reinigen gilt [Basis-Mahamudra], die reinigende Handlung [Pfad-Mahamudra], was bereinigt wird sowie das Resultat der Reinigung [Ergebnis-Mahamudra. Sie sind alle unterschiedliche Formen des Wortes reinigen.]

7) Die Basis für Reinigung ist „Geist selbst“,
   ein vereintes Paar von Klarheit und Leerheit.
Die reinigende Handlung ist der Vajra-Yoga
   der Mahamudra.
Was gereinigt wird sind die Flecken flüchtiger,
   trügerischer Verwirrung.
Möge ich das Resultat der Reinigung manifestieren,
   einen makellosen Dharmakaya.

Die Basis für die Reinigung ist „Geist selbst“. [Der vorige Vers unterschied normales Gewahrsein und den feinstofflichen Körper, auf den es sich stützt, als die zwei Wahrheiten und nahm ihr vereintes Paar als Basis-Mahamudra. Doch] „Geist selbst“ kann auch als vereintes Paar der beiden Wahrheiten präsentiert werden. Daher ist „Geist selbst“, als Buddhanatur, ein vereintes Paar von Klarheit und Leerheit. „Klarheit“ (tib. gsal) ist die geistige Aktivität des Hervorbringens von Erscheinungen. [Manchmal wird Klarheit auch als Untrennbarkeit von Klarheit und Erscheinung erklärt – mit anderen Worten als Untrennbarkeit von Erscheinungs-Hervorbringen und hervorgebrachten Erscheinungen.]

Die Makel der Unwissenheit und der Halluzinationen können uns davon abhalten, „Geist selbst“ als vereintes Paar zu erkennen. Mit anderen Worten verschleiern sie die Basis der Reinigung. [Unwissenheit verschleiert untrennbares Gewahrsein und Leerheit; für wahrhaft existent gehaltene Halluzinationen verschleiern Klarheit – das Erscheinungs-Hervorbringen des Geistes.] Dennoch ändert seine Verschleierung nichts an der Tatsache, dass „Geist selbst“ diese verweilende Natur von Klarheit und Leerheit besitzt. Unwissenheit und Halluzinationen können die Basis nicht in Mitleidenschaft ziehen. Basis-Mahamudra ist also „Geist selbst“, die Basis für die Reinigung der Makel.

Die reinigende Handlung, die die Basis reinigt, ist der Vajra-Yoga der Mahamudra. Die höchste Tantra-Klasse, Anuttarayoga, hat viele Systeme von Yidam-Praxis, zum Beispiel das der Vajravarahi (tib. rDo-rje phag-mo, Vajrayogini). Anuttarayoga-Praxis hat zwei Stufen: die Erzeugungsstufe (tib. bskyed-rim) und Vollständigkeitsstufe (tib. rdzogs-rim). Während der Erzeugungsstufe meditieren wir mit visualisierten Buddhagestalten als Ursache, um die Vollständigkeitsstufe zu erlangen. Während der Vollständigkeitsstufe praktizieren wir die sechs Dharma-Belehrungen des Naropa (tib. na-ro chos-drug, sechs Yogas des Naropa) und arbeiten mit dem subtilen Energiesystem der Chakras, Kanäle, Winde und kreativen Energietropfen.

Die Vollständigkeitsstufe hat zwei Teile: mit Zeichen (tib. mtshan-bcas) und ohne Zeichen (tib. mtshan-med). Im ersten erreichen wir einen Illusionskörper (tib. sgyu-lus) [in der Form der zuvor visualisierten Buddhagestalt] und sind in der Lage, das Phowa (tib. 'pho-ba, die Übertragung des Bewusstseins) in ein Reines-Land-Buddhafeld durchzuführen. Auf der Vollständigkeitsstufe ohne Zeichen erkennen wir tatsächlich Mahamudra [„Geist selbst“, den subtilsten Geist des klaren Lichts]. Diese zwei Stufen der Praxis des Anuttarayoga-Tantra – die Erzeugungsstufe und die Vollständigkeitsstufe mit und ohne Zeichen – sind der Pfad des Vajra-Yoga der Mahamudra. Folgen wir diesem Pfad, kommen wir weiter und dringen tiefer als bis zur Ebene des Geistes der fünf Arten von Sinnesbewusstsein und des konzeptuellen Denkens. Wir reinigen den Basis-„Geist selbst“ von den flüchtigen Makeln dieser Ebenen. Dies befähigt uns, „Geist selbst“ zu erkennen, das vereinte Paar von Klarheit und Leerheit. 

[Die Kagyü-Tradition überträgt drei Mahamudra-Linien und -Lehren, die alle miteinander vereinbar sind und zum selben Ziel führen:

  1. Sutra-Mahamudra (tib. mdo'i phyag-chen) betont das Ruhen im nichtkonzeptuellen tiefen Gewahrsein der Wirklichkeitssphäre (tib. chos-dbyings, Skt. dharmadhatu) getrennt von allen geistigen Fabrikationen (tib. spros-bral). Das tiefe Gewahrsein der Wirklichkeitssphäre ist ein Synonym für das vereinte Paar von Klarheit und Leerheit, und so stimmt Sutra-Mahamudra mit den Lehren des Anuttarayoga-Tantra über den „Geist selbst“ überein. Die Sutra-Mahamudra-Linie basiert auf Maitreyas Werk „Weitest gehendes immerwährendes Kontinuum“ (tib. „rGyud bla-ma“, Skt. „ Uttaratantra“). Dessen Lehren wurden als erstes von Maitripa enthüllt und dargelegt, in „ Belehrungen über das Nicht-geistig-Aufnehmen“ (tib. „Yid-la mi-byed-pa ston-pa“, Skt. „ Amanasikaroddesha“). Da diese Methode der Mahamudra in den Sutra-Lehren verborgen ist, nennt man sie auch den verborgenen Pfad des Sutra (tib. mdo'i gsang-lam). Ihre Linie wurde von Maitripa über Marpa an Milarepa und weiter an Gampopa gegeben. Die Tradition der „vier Silben“ (tib. yi-ge bzhi), die in allen Dagpo-Kagyü-Schulen geläufig ist – den zwölf Kagyü-Linien, die von Gampopa abstammen, einschließlich Karma-Kagyü – übertragen diese Sutra-Mahamudra-Belehrungen.]
  2. [Mantra-Mahamudra (tib. sngags-kyi phyag-chen, Tantra-Mahamudra) ist der Vajra-Yoga des Anuttarayoga-Tantra, der im Vers besonders erwähnt wird. Man nennt ihn auch den Pfad der Methode (tib. thabs-lam). Durch die dritte der vier Anuttarayoga-Ermächtigungen, die Ermächtigung des tiefen unterscheidenden Gewahrseins (tib. shes-rab ye-shes-kyi dbang), werden Praktizierende anhand des tiefen Gewahrseins, das aus den vier Freuden (tib. dga'-ba bzhi) entsteht, in Mahamudra eingeführt. Mantra-Mahamudra legt daher die Betonung auf „Geist selbst“ als vereintes Paar von glückseligem Gewahrsein und Leerheit.
  3. Essenz-Mahamudra (tib. snying-po'i phyag-chen) entspringt sowohl Sutra- als auch Mantra-Mahamudra und kann in beide mit eingeschlossen werden. Die Kagyü-Linien listen sie jedoch traditionell als separate Form auf, die das Empfangen von Inspiration (tib. byin-rlabs, „Segen“) vom eigenen Guru betont. In diesem Sinne betrachtet man Essenz-Mahamudra manchmal als jenseits von Sutra und Tantra. Auf ihrem Pfad empfangen entsprechend qualifizierte Schüler die Inspiration der Verwirklichungen aller Linien-Meister durch das Empfangen einer Ermächtigung des Vajra-tiefen Gewahrseins (tib. rdo-rje ye-shes-kyi dbang), übertragen von einem entsprechend qualifizierten Guru. Als Ergebnis erlangen die Schüler gleichzeitige Verwirklichung und Befreiung (tib. rtogs-grol dus-mnyam). Mit anderen Worten, die Schüler erlangen durch die Ermächtigung die Verwirklichung von „ Geist selbst“, was dem Pfadgeist des Sehens (tib. mthong-lam, Pfad des Sehens) entspricht. Gleichzeitig, ohne die zehn Ebenen von Bhumi-Geistes (tib. sa-bcu) eines Arya-Bodhisattvas eine nach der anderen zu durchlaufen, befreien sie sich von allen Schleiern, sowohl von den emotionalen als auch von den kognitiven. Dazu fähig, im „Geist selbst“ zu verbleiben, ohne seine Verwirklichung jemals wieder zu verlassen, erlangen sie auf der Stelle Erleuchtung. Solche Praktizierenden nennt man „jene, für die alles gleichzeitig geschieht“ (tib. cig-car-ba). Andere, die so vorgehen, dass sie die Ebenen von Pfadgeist und die Ebenen des Bhumi-Geistes eine nach der anderen aufsteigend durchlaufen, entweder mittels der Sutra- oder der Tantra-Methoden, nennt man „jene, die stufenweise voranschreiten“ (tib. lam-rim-pa). Da der Pfad der Essenz-Mahamudra Praktizierende gleichzeitig von den emotionalen und kognitiven Schleiern befreit, die Befreiung und Erleuchtung verhindern, nennt man sie das „alleinig ausreichende weiße Allheilmittel““ (tib. dkar-po chig-thub, alles kurierendes alleiniges weißes Allheilmittel, alleiniges weißes Heilmittel, allein ausreichendes weißes Heilmittel).]

Was gereinigt wird sind die Flecken flüchtiger, trügerischer Verwirrung. „Geist selbst“ hat keine Makel. Die Flecken der Verwirrung und Täuschung – Unwissenheit und Halluzinationen – verschleiern ihn jedoch. Die Flecken sind jedoch flüchtig, wie Wolken im Himmel oder ein beschlagener Spiegel. Daher kann man sie bereinigen.

Das Resultat der Reinigung ist ein makelloser Dharmakaya. „Dharmakaya“, das allwissende Gewahrsein eines Buddha bezüglich der untrennbaren zwei Wahrheiten, ist hier ein Synonym für „Geist selbst“, wenn er vollständig verwirklicht ist. Das Resultat, das durch die Reinigung erlangt wird, durch die endgültige Beseitigung flüchtiger Befleckungen, ist das Bloßlegen oder Enthüllen eines Dharmakaya.

Betrachten wir uns zum Beispiel die Befleckungen, die dem „Geist selbst“ betreffs der Wahrnehmung anhaften. Wenn wir Dinge aufgrund trügerischer Verwirrung inkorrekt wahrnehmen, nehmen wir die Seite der Klarheit [Erscheinung, oberflächliche Wahrheit] als wahrhaft existente Objekte der Wahrnehmung wahr und die Seite der Leerheit [Bewusstsein, tiefste Wahrheit] als ein wahrhaft existentes „Ich“. Beseitigen wir die Befleckungen der Unwissenheit und der Halluzination von der Basis der Reinigung – „Geist selbst“ als einem vereintem Paar der zwei Wahrheiten, Klarheit und Leerheit – enthüllen wir einen Dharmakaya, frei von diesen flüchtigen Makeln.

Das Resultat der Reinigung ist also das Bloßlegen eines Dharmakaya von doppelter Reinheit: natürlicher Reinheit und erlangter Reinheit. Die natürliche Reinheit des Geistes ist der natürliche Zustand des „Geistes selbst“, der alle Wesen als die natürlich verweilende Buddhanatur (tib. rang-bzhin gnas-pa'i rigs) durchzieht. „Geist selbst“ ist von Natur aus frei von Makeln. Die erlangte Reinheit ist die Reinheit, die man als Resultat der endgültigen Beseitigung der Schleier flüchtiger Befleckungen erlangt. Dies verlangt die vollständige Verwirklichung der Leerheit, wie sie vom Buddha gelehrt wurde. Doppelte Reinheit ist also das vereinte Paar der anfanglosen ursprünglichen Reinheit von tiefster Wahrheit [Gewahrsein und Leerheit, die untrennbar sind] und der Reinheit, erlangt durch die Reinigung der oberflächlichen Wahrheit [Erscheinungen], die von der tiefsten Wahrheit hervorgebracht wird. Das ist Buddhaschaft, Dharmakaya.

Kurz gesagt, dieses Gebet bittet darum, den „Geist selbst“ mit den Vajrayoga- [Anuttarayoga] Methoden der Mahamudra zu reinigen, um die flüchtigen Befleckungen der Verwirrung endgültig zu beseitigen und einen Dharmakaya zu enthüllen, frei von allen Makeln und daher doppelt rein. Dies ist das Gebet darum, keine Verwirrung über die Bedeutung des Wortes reinigen zu haben.

Die Gebete darum, nicht über die Bedeutung der Worte verwirrt zu sein, ist in zwei Abschnitte unterteilt:

  1. eine kurze Erklärung ihrer Bedeutung,
  2. eine ausführliche Erklärung.

Gebet darum, nicht über Sicht, Meditation und Verhalten verwirrt zu sein

Der achte Vers, die kurze Erklärung darüber, keine Verwirrung über die Worte zu haben, bezieht sich darauf, keine Unklarheiten über Mahamudra-Sicht, -Meditation und -Verhalten zu haben:

8) Selbstvertrauen in die Sicht heißt,
   die verfälschenden
   Hinzufügungen von der Basis abzuschneiden.
Der wesentliche Punkt der Meditation ist es,
   sich davor zu schützen, davon abzuweichen.
Das höchste Verhalten ist es, den (wesentlichen) Punkt
   der Meditation zu entwickeln, der sich als alles zeigt.
Möge ich Selbstvertrauen in die Sicht,
   die Meditation und das Verhalten gewinnen.

Dieser Vers spricht von Mahamudra-Meditation im Hinblick auf drei Aspekte: die Sicht, über die es zu meditieren gilt, die Meditation selbst sowie das Verhalten, das die Meditation verstärkt.

Selbstvertrauen in die Sicht heißt, die verfälschenden Hinzufügungen von der Basis abzuschneiden. Eine korrekte Mahamudra-Sicht ist stabil, wenn sie die Gewissheit besitzt, die alle verfälschenden Hinzufügungen von der Basis-Mahamudra entfernt. Die spezifische Verfälschung sind die falschen konzeptuellen Wahrnehmungen, die gleichzeitig den Anschein wahrer Existenz erwecken und nach wahrer Existenz greifen. Verfälschung fügt der reinen Basis, „Geist selbst“, diese falschen konzeptuellen Wahrnehmungen hinzu. [Es tut dies entsprechend beider Bedeutungen des Wortes verfälschende Hinzufügung: es fügt sowohl der Basis falsches Vorstellungs-Hervorbringen hinzu wie auch das, was dieses falsche Vorstellungs-Hervorbringen verfälschend hinzufügt. Mit anderen Worten, die falschen kognitiven Wahrnehmungen selbst sind Verfälschungen und sie selbst mischen sich verfälschend ein.] Sie verschleiern das vereinte Paar von Klarheit und Leerheit [das vereinte Paar von 1) Erscheinungs-Hervorbringen und Erscheinungen, die untrennbar sind, sowie 2) Gewahrsein und Leerheit, die untrennbar sind.

Die falschen kognitiven Wahrnehmungen von wahrer Existenz können auf die Erscheinungen gerichtet sein, die die Seite der Klarheit des „Geistes selbst“ natürlich produziert, oder auf den „Geist selbst“.] Das Beispiel, das im Kommentar gegeben wird, ist jedoch das einer extremen Auffassung (tib. mthar-lta, extreme Sicht) [einer störenden Einstellung, die die vom Geist produzierten Erscheinungen vom Standpunkt einer extremen Auffassung betrachtet. Sie betrachtet die Erscheinungen der fünf Aggregate und des Selbst (des „Ich“) entweder mit der verfälschenden Hinzufügung des Extrems des Ewigkeitsglaubens oder der verfälschenden Hinzufügung des Zurückweisens, welches das Extrem des Nihilismus ist. Die fünf Aggregate sind die nichtstatischen Faktoren, die jeden Moment unserer Erfahrung ausmachen: 1) Formen physischer Phänomene, 2) Gefühle eines gewissen Maßes an Glück, 3) Unterscheidungsvermögen (Wiedererkennen), 4) andere beeinflussende Variablen sowie 5) Arten von Grundbewusstsein. Hier erwähnt der Kommentar nur die verfälschende Hinzufügung des Ewigkeitsglaubens. Es fügt verfälschend hinzu, dass die Objekte der Wahrnehmung, die in jedem Moment der Erfahrung erscheinen, wirkliche existente Objekte sind, und dass das erscheinende Bewusstsein, das sie wahrnimmt, ein wahrhaft existentes „Ich“ ist.]

Erlangen wir Selbstvertrauen in die Sicht, beseitigen wir die verfälschenden Hinzufügungen, die von den falschen konzeptuellen Wahrnehmungen projiziert werden, wie auch die falschen konzeptuellen Wahrnehmungen selbst. Beides geschieht mit unserem Erkennen des vereinten Paares der Basis-Mahamudra, die von Natur aus frei oder gereinigt von diesen Verfälschungen ist.

[„Geist selbst“ ist von Natur aus frei oder gereinigt, sowohl von 1) der wahren Existenz, die ihm durch falsche konzeptuelle Wahrnehmungen verfälschend hinzugefügt wird, als auch von 2) den falschen konzeptuellen Wahrnehmungen, die dies hinzufügen. Mit anderen Worten, er ist natürlicher Weise frei oder gereinigt von beidem, 1) wahrer Existenz selbst und 2) dem Erscheinungs-Hervorbringen von und Greifen nach wahrer Existenz. „Geist selbst“ ist von Natur aus auch frei oder gereinigt von nichtwahrer Existenz sowie von sowohl wahrer als auch nichtwahrer Existenz und auch weder wahrer noch nichtwahrer Existenz, als auch von jeglichen falschen konzeptuellen Wahrnehmungen, die diese verfälschend hinzufügen. „Geist selbst“ ist ein nicht in Worten zu fassendes letztendliches Phänomen (tib. rnam-grangs ma-yin-pa’i don-dam), eine Leerheit jenseits aller Worte und Konzepte der vier unmöglichen Extreme.]

Da die Basis, „Geist selbst“, von Natur aus frei ist von Verfälschungen, ist der wesentliche Punkt der Mahamudra-Meditation, sich davor zu schützen, davon abzuweichen. Das bedeutet, die natürliche Reinheit des „Geistes selbst“ zu schützen und beizubehalten, ohne geistiges Schwanken oder Abschweifen.

Mahamudra-Meditation ist das verbundene Paar (tib. zung-'brel) von Shamatha (tib. zhi-gnas, einem gestillten und zur Ruhe gekommenen Geisteszustand) und Vipashyana (tib. lhag-mthong, einem außergewöhnlich empfänglichen Geisteszustand). Sie ist einsgerichtete Konzentration auf die verweilende Natur der Wirklichkeit (Basis-Mahamudra), ohne Fehler in der Konzentration wie Flatterhaftigkeit des Geistes, geistige Trägheit, geistiger Nebel, Schläfrigkeit oder Ausgelaugtheit. Diese Fehler können als „Schwanken“ zusammengefasst werden.

Die Beschreibung hier von vereintem Shamatha und Vipashyana als frei von geistigem Schwanken von der Basis-Mahamudra stimmt vollkommen mit der Prasangika-Madhyamaka-Sicht überein, wie sie von Nagarjuna in „Wurzelverse zum Madhyamaka, gennant ,Unterscheidendes Gewahrsein'“ (tib. „rTsa-ba shes-rab“, Skt. „Prajna-nama-mulamadhyamaka-karika“) ausgedrückt werden. [Als einleitenden Vers der Ehrerbietung schrieb Nagarjuna: „Ich verneige mich vor dem vollständig erleuchteten Buddha, dem heiligsten Philosoph, der abhängiges Entstehen lehrte] ohne aufzuhören, ohne zu entstehen, [ohne Nihilismus, ohne Ewigkeitsglauben,] ohne zu kommen, ohne zu gehen, [ohne vieles zu sein, ohne eines zu sein, ohne Pluralismus, beruhigt von geistigen Fabrikationen, ein friedvolles Ende.”

Geistiges Abweichen beinhaltet das Entstehen und Vergehen von falschen konzeptuellen Gedanken – geistigen Fabrikationen (tib. spros-pa) – wobei unsere Aufmerksamkeit ihnen nachgeht und zurückkommt. Der Shamatha-Aspekt korrekter Mahamudra-Meditation, beruhigt von geistiger Fabrikation, schützt vor solchen geistigen Schwankungen. Er schützt die Basis, die von Natur aus frei von solchen verfälschenden Gedanken ist, und erhält sie aufrecht.

Darüber hinaus fügen falsche konzeptuelle Wahrnehmungen Erscheinungen von wahrer Existenz hinzu. Wahre Existenz existiert jedoch überhaupt nicht. Sie entsteht nicht tatsächlich, noch hört sie auf, kommt oder geht. Zudem haben die Erscheinungen wahrer Existenz selbst, obgleich Anschein-Erwecken von wahrer Existenz auftritt, kein wahrhaft existentes Entstehen oder Vergehen, ein wahrhaft existentes Kommen oder Gehen. Erkennt man dies, schützt der Vipashyana-Aspekt der korrekten Mahamudra-Meditation vor der geistigen Abweichung des Greifens nach wahrer Existenz. Er schützt die Basis, die von Natur aus frei von solchen verfälschenden Vorstellungen von wahrer Existenz ist, und erhält sie aufrecht – das „friedvolle Ende“.]

Daher, mit Selbstvertrauen in die korrekte Mahamudra-Sicht der Basis, ist Meditation wie ein Adler, der hoch im Himmel fliegt. Es wird immer einfacher. [Je größer unser Vertrauen darin ist, 1) dass „Geist selbst“ frei von falschen konzeptuellen Wahrnehmungen ist, die etwas verfälschend hinzufügen und selbst verfälschende Hinzufügungen sind und 2) dass „ Geist selbst“ frei von wahrer Existenz ist, die von den falschen konzeptuellen Wahrnehmungen verfälschend hinzugefügt wird, desto einfacher ist es, vereintes Shamatha und Vipashyana über „ Geist selbst“ aufrecht zu erhalten, natürlicher Weise frei von verfälschenden Hinzufügungen. Genau wie ein Adler hoch am Himmel schwebt, ohne mit den Flügeln zu schlagen, schreitet auch unsere Meditation mit Leichtigkeit voran, ohne zu schwanken.]

Das höchste Verhalten ist es, den (wesentlichen) Punkt der Meditation zu entwickeln, der sich als alles zeigt. „Geist selbst“ durchzieht alles: Alle Erscheinungen, die wir erkennen, sind seine natürliche Entfaltung (tib. rtsal), wie das Funkeln eines kostbaren Edelsteins. Der wesentliche Punkt der Meditation ist es, den Fokus auf „Geist selbst“ beizubehalten, frei von verfälschenden Hinzufügungen oder falschen Vorstellungen. Ganz gleich, was wir tun, wir müssen unsere Aktivität dazu benutzen, unsere Meditation zu kultivieren, zu verstärken oder zu kräftigen. Daher, in all unserem Verhalten, ist die höchste Art des Handelns ohne Dualität zwischen völliger Vertiefung (tib. mnyam-bzhag, „meditative Ausgewogenheit“) auf „Geist selbst“ und nachfolgender Erlangung (tib. rjes-thob, „Nach-Meditation“), Verwirklichung davon, dass alles wie eine Illusion existiert und funktioniert.

[Der erste Moment von konzeptuellen Wahrnehmungen bringt Erscheinungen von allgemein verständlichen Objekten hervor, ohne etwas verfälschend hinzuzufügen. Die Erscheinungen sind wie eine Illusion. Sie sind die Entfaltung des „Geistes selbst“.] Während wir handeln, müssen wir sicherstellen, dass wir nicht in Samsara verfallen [indem wir Dinge mit nachfolgenden Momenten von falschen konzeptuellen Wahrnehmungen verfälschen. Wenden wir den essentiellen Punkt der Mahamudra-Meditation in unserer gesamten Aktivität an, fügen wir den illusionsgleichen Erscheinungen keine falschen konzeptuellen Wahrnehmungen von wahrer Existenz verfälschend hinzu. Wir behalten den Fokus auf den „Geist selbst“ als Untrennbarkeit von Klarheit (vereintem Erscheinungs-Hervorbringen und Erscheinungen) und Leerheit (vereintem Gewahrsein und Leerheit).

Klarheit und Leerheit – als die beiden Wahrheiten – sind untrennbar. Doch vor der Erleuchtung steht in der Phase der völligen Vertiefung die Leerheit mehr im Vordergrund und in der nachfolgenden Phase des Erlangens die Klarheit. Daher gibt es keine Dualität zwischen den Phasen. Je mehr wir in der Lage sind, korrekte Meditation über die korrekte Sicht während unserer Aktivität beizubehalten, desto mehr verstärkt es die Meditation selbst. Mit anderen Worten, der Schutz vor verfälschenden Hinzufügungen von falschen konzeptuellen Wahrnehmungen, während man in der nachfolgenden Phase des Erlangens handelt, verstärkt den Schutz vor ihnen in der Meditation während der Zeit der völligen Vertiefung.]

Möge ich Selbstvertrauen in Sicht, Meditation und das Verhalten gewinnen. Das Gebet bittet darum, Selbstvertrauen und Stabilität in Sicht, Meditation und Verhalten zu gewinnen, indem man die drei auf diese Weise in Einklang bringt und integriert.

Die detaillierte Erklärung darüber, nicht über die Bedeutung der Worte verwirrt zu sein, ist in drei Abschnitte unterteilt:

  1. die Beseitigung der verfälschenden Hinzufügung bezüglich der Sicht,
  2. die Meditationspraxis,
  3. das Erlangen der Vollkommenheit des Verhaltens.

Die Beseitigung der verfälschenden Hinzufügung bezüglich der Sicht ist in zwei Abschnitte unterteilt:

  1. kurze Erklärung,
  2. detaillierte Erklärung.

Gebet um die Beseitigung der verfälschenden Hinzufügungen bezüglich der Sicht: kurze Erklärung

Der neunte Vers ist eine kurze Erklärung der Beseitigung verfälschender Hinzufügung bezüglich der korrekten Sicht der Mahamudra:

9) Alle Phänomene sind wundersame
   Emanationen des Geistes.
Geist ist kein Geist: Er ist leer
   von einer essentiellen Natur als Geist.
Leer und daher, ohne Hinderung,
   lässt er alles erscheinen.
Nachdem ich dies gut untersucht habe,
   möge ich die Wurzel von der Basis abschneiden.

Alle Phänomene sind wundersame Emanationen (tib. rnam-'phrul) des Geistes. Alle Phänomene, die wir wahrnehmen, sind das Spiel des Geistes. Sie sind kognitive Erscheinungen, die Emanationen des Geistes sind.

[Wir erkennen jeweils nur einen Moment. Ein Moment äußerlicher Sinnesdaten, zum Beispiel eine Ansammlung von Ausschnitten von farbiger Formen, dient als die ausrichtungsbezogene Bedingung (tib. dmigs-rkyen, objektive Bedingung) und direkte Ursache (tib. dngos-rgyu) der visuellen nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der Ausschnitte, die im nächsten Moment auftauchen. Das ist nicht der Standpunkt des Chittamatra- (Nur-Geist)-Schule, die vertritt, dass äußerliche Phänomene überhaupt nicht existieren.

Zum Zeitpunkt der visuellen Wahrnehmung existiert der Moment der äußerlichen Ausschnitte von farbigen Formen, der die Wahrnehmung direkt verursacht hat, nicht mehr. Er bleibt dieser Wahrnehmung verborgen (tib. lkog na-mo) und wird nur indirekt von ihr wahrgenommen (tib. shugs-la shes-pa). Was die visuelle nichtkonzeptuelle Wahrnehmung direkt wahrnimmt (tib. dngos-su shes-pa) ist eine geistige Ableitung (tib. gzugs-brnyan, geistige Wiederspiegelung), ein opaker geistiger Aspekt (tib. rnam-pa), der die äußerlichen Ausschnitte von farbigen Formen repräsentiert. Das erscheinende Objekt (tib. snang-yul) der visuellen nichtkonzeptuellen Wahrnehmung besteht nur aus dieser geistigen Repräsentation der äußerlichen Ausschnitte.

Im ersten Augenblick von konzeptueller Wahrnehmung ist das erscheinende Objekt ein opaker geistiger Aspekt, der ein konventionelles allgemein verständliches Objekt repräsentiert, wie zum Beispiel eine Orange. Eine „Orange“ existiert nicht als ein äußerliches Objekt, das über die Zeit andauert und sich über die Sinnesdaten aller Sinne erstreckt: Anblick, Geschmack und körperliches Empfinden. Eine äußerliche „Orange“ wird nicht einmal indirekt von der konzeptuellen Wahrnehmung einer Orange, die der geistigen Wiederspiegelung der äußerlichen Ausschnitte von farbigen Formen zugeschrieben wird, wahrgenommen. Es ist in diesem Sinne zu verstehen, dass die statische Kategorie einer wahrhaft existenten „Orange“, welche vom zweiten Augenblick der konzeptuellen Wahrnehmung an dem erscheinenden Objekt zugeschrieben wird, leer von einer tatsächlichen Basis ist, aufgrund derer das Wort beigefügt wird (eine äußerliche „Orange“ als allgemein verständliches Objekt, das zeitlich andauert und sich über die Sinnesdaten aller Sinne erstreckt).]

Alle Phänomene, die unserem Sinnes- oder Geistesbewusstsein erscheinen, sind wundersame Emanationen des Geistes, wie in einem Traum. [Daher ist alles, was wir direkt wahrnehmen – ob es sich nun um eine nichtkonzeptuelle Sinneswahrnehmung oder eine konzeptuelle oder nichtkonzeptuelle geistige Wahrnehmung handelt, eine geistige Erscheinung. Es ist der Klarheitsaspekt von sowohl dem „Geist selbst“ als auch dem Bewusstsein, das sie wahrnimmt.] Die Erscheinungen haben keine wahre Existenz unabhängig davon, dass sie Erscheinungen des Geistes sind. Sie haben keine wirkliche Existenzgrundlage [die ihre wahre Existenz, ihre nicht-wahre Existenz, beide oder keine von beiden aus eigener Kraft seitens der Erscheinungen etabliert.] Sie sind nichts als Projektionen unseres Bewusstseins.

Wir stellen uns vielleicht vor, [wie in der Chittamatra-Auffassung] dass der Geist, der kognitive Erscheinungen hervorbringt und projiziert, selbst wahre unabhängige Existenz besitzt. Auch dies ist nicht der Fall. Geist ist kein Geist: Er ist leer von einer essentiellen Natur als Geist.

Geist ist kein Geist in dem Sinne, dass [seine Existenzweise darüber hinausgeht, ein wahrhaft existierender Geist, nichtwahrhaft existierender Geist, beides oder keines von beidem zu sein.] Seine Natur ist Leerheit, jenseits aller Extreme. Er besitzt keine feste Existenz [mit einer der unmöglichen extremen Existenzweisen, die Worten und Konzepten entsprechen]. Konventionell ist Geist ein nichtstatisches (vergängliches) beeinflusstes Phänomen; [obgleich die verweilende Natur des Geistes als Klarheit und Gewahrseins-Leerheit immer der Fall ist, unbeeinflusst von allem. Jeder Moment des] Geistes wird von Ursachen und Bedingungen, Subjekt und Objekt und so weiter beeinflusst und daher von ihnen abhängig.

Ist ein Pol einer Dualität leer von wahrer Existenz, ist es auch der andere Pol. [Fehlt einem Resultat (einer projizierten kognitiven Erscheinung) wahre unabhängige Existenz, kann es nicht von einer wahren und unabhängig existierenden Ursache („Geist selbst“ oder dem Bewusstsein, das es projiziert) geschaffen sein. Genau wie ein Resultat von anderen Faktoren abhängt, muss auch seine Ursache von anderen Faktoren abhängen – wie von anderen Bedingungen und dem Resultat selbst – um als Ursache zu existieren und zu funktionieren. Das gleiche gilt für äußerliche Sinnesdaten, die die direkten Ursachen für nichtkonzeptuelle Sinneswahrnehmung sind. Auch ihnen mangelt es an wahrer unabhängiger Existenz.]

Leer und daher, ohne Hinderung, lässt er alles erscheinen. Obwohl Geist von den vier unmöglichen Existenzweisen leer ist, behindert seine Leerheit nicht seine Klarheit, was bedeutet, sie behindert nicht sein Erscheinungs-Hervorbringen oder die Erscheinungen, die er produziert. Gewahrsein und Leerheit, die untrennbar sind, ist tiefste Wahrheit. Sein Erscheinungs-Hervorbringen, untrennbar von den Erscheinungen, die er produziert, sind oberflächliche, konventionelle Wahrheit. Tiefste Wahrheit behindert, blockiert oder wiederlegt oberflächliche Wahrheit nicht. Leerheit behindert oder widerlegt Erscheinungen nicht. Die zwei Wahrheiten sind ein untrennbar vereintes Paar. Kurz gesagt, der Geist erfährt das, was um uns passiert, auch wenn der Geist leer von wahrer Existenz ist und so weiter.

Nachdem ich dies gut untersucht habe, möge ich die Wurzel von der Basis abschneiden. Das Gebet bittet darum, diese Punkte vollständig untersuchen, analysieren und verwirklichen zu können und so Verwirrung und verfälschende Hinzufügung, die Wurzel unseres Leids, von der Basis, dem „Geist selbst“, abzuschneiden.

Die detaillierte Erklärung der Beseitigung der verfälschenden Hinzufügung bezüglich der Sicht ist in vier Punkte aufgeteilt:

  1. das Gewinnen der Gewissheit, dass der Geist die Quelle der Erscheinungen ist,

  2. die vier (unmöglichen) extremen Existenzweisen des Geistes,

  3. das Aufzeigen, dass es keinen Widerspruch zwischen Leerheit und abhängigem Entstehen gibt,

  4. das Durchschneiden aller Zweifel, um die Natur des Geistes zu erkennen.

Gebet um das Gewinnen der Gewissheit, dass der Geist die Quelle der Erscheinungen ist

Der zehnte Vers ist ein Gebet darum, Gewissheit zu gewinnen, dass sowohl Erscheinungen als auch sich ihrer bewusst zu sein reflexive Aspekte des „Geistes selbst“ sind.

10) Reflexive Erscheinungen, nie als real erlebt,
   werden trügerisch verwechselt mit Objekten.
Reflexives Gewahrsein, durch die
   Kraft der Unwissenheit,
   wird trügerisch verwechselt mit einem Selbst.
Durch die Kraft dieses dualistischen Greifens
   irren wir durch die Weiten zwanghafter Existenz.
Möge ich ein für alle Mal die Wurzel der trügerischen
   Verwirrung abschneiden, meine Unwissenheit.

Die Wurzel trügerischer Verwirrung (tib. 'khrul-ba) ist die Unwissenheit (tib. ma-rig-pa) darüber, wie Phänomene und das Selbst (‚Ich“) existieren. Aufgrund dieser Unwissenheit greifen wir im Geiste nach Phänomenen und dem Selbst, als hätten sie wahre Existenz. Diese Unwissenheit und das Greifen existieren in Bezug auf zwei Aspekte des „Geistes selbst“:

  1. beeinflusste Phänomene, die die innewohnenden, automatischen, reflexiven Erscheinungen (tib. rang-snang) oder das Spiel (tib. rol-pa) des „Geistes selbst“ sind,
  2. die Natur des Geistes als das beeinflusste Phänomen, das das innewohnende, automatische, reflexive Gewahrsein (tib. rang-rig) hinsichtlich seines eigenen Spiels ist.

Beide besitzen keine wahre Existenz.

Wir können nie erleben, dass „Geist selbst“ wahre Existenz besitzt [oder nichtwahre Existenz, beides oder keines von beidem. Seine Existenzweise, Leerheit, ist jenseits all dieser vier unmöglichen Extreme, jenseits aller Worte und Konzepte.] In Anlehnung an die Weise, wie das Dzogchen es beschreibt, besitzt Buddhanatur [reines Gewahrsein (tib. rig-pa), das Äquivalent für den „Geist selbst“ in seinem völlig gereinigten Zustand] weder Verwirrung noch die Beilegung von Verwirrung. Sie ist vollkommen in ihrer eigenen Natur.

[Die reine, vollendete Natur des „Geistes selbst“ wurde nie von der Verwirrung der vier unmöglichen extremen Existenzweisen befleckt. Wenn sie nie von Verwirrung befleckt wurde, kann es keine Beilegung von Verwirrung geben, eine Beendigung von etwas, das nie existiert hat. Wenn eine unfruchtbare Frau kein biologisches Kind zur Welt bringen kann, kann es keinen Tod eines biologischen Kindes einer unfruchtbaren Frau geben. In diesem Sinne geht „Geist selbst“ nicht nur über wahre Existenz hinaus, sonder auch über nichtwahre Existenz (die Leerheit oder totale Abwesenheit wahrer Existenz). Wahre Existenz und nichtwahre Existenz sind nur Objekte konzeptueller Wahrnehmung. Sie sind nichtexistente Bezüge, die von Konzepten und Worten konzeptualisiert werden. „Geist selbst“ geht daher über alle Worte und Konzepte hinaus.]

Obgleich „Geist selbst“, in seiner eigenen vollkommen reinen Natur, weder einen wahrhaft existenten noch einen trügerischen Aspekt besitzt, lässt er doch trügerisch verwirrende Erscheinungen von scheinbar wahrer Existenz entstehen. Die traditionelle Analogie für die trügerisch verwirrenden Erscheinungen ist eine schwarze Verfärbung (tib. g.ya') auf poliertem Gold (tib. brdar-ba'i gser).

[Gold ist ein chemisch neutrales Metall, das nicht oxidiert oder anläuft, wenn es hundertprozentig rein ist. Wenn Gold eine schwarze Verfärbung hat, muss seine Reinheit überprüft werden, indem man es in eine Flamme hält, um das Äußere zu untersuchen, es schneidet, um das Innere zu überprüfen, und es an einem schwarzen Prüfstein reibt, um zu sehen, ob es einen ungebrochenen goldenen Abrieb hinterlässt. Wenn die Goldprobe den Test nicht besteht, ist es ein Zeichen dafür, dass es sich um eine Legierung handelt. Dem reinen Gold wurden Unreinheiten beigemischt, das heißt andere Metalle. Es sind die verunreinigenden anderen Metalle, die anlaufen, nicht das Gold selbst.]

Die Verfärbung entsteht gleichzeitig mit der Existenz der Goldlegierung; sie wird nicht zu einem späteren Zeitpunkt erschaffen. Obgleich die Natur des Goldes selbst rein und unverfärbt ist, ist es die Natur einer Goldlegierung, schwarz anzulaufen. Die Verfärbung ist nicht außerhalb vom Gold [der Goldlegierung], doch sie ist nicht das [reine] Gold selbst.

Ein weiteres Beispiel ist das einer Injektion mit einer Nadel. [Eine Nadel ist von Natur aus rein. Doch wenn wir sie benutzen, um eine Spritze zu geben, ist sie nie hundertprozentig rein.] Sie muss sterilisiert werden. Wenn nicht, führt dies zu Infektionen aufgrund der vielzähligen Unreinheiten, von denen die Handlung des Injizierens umgeben ist. [Aufgrund der Unreinheiten, die immer mit der Nadel vorhanden sind, verursacht sie, wenn sie ihre Funktion ausführt, Infektionen. Die Nadel selbst ist in ihrer eigenen Natur nicht unrein. Doch damit sie eine infektionsfreie Injektion geben kann, muss sie von den Unreinheiten sterilisiert werden, die sie sonst bei der Injektion begleiten würden.]

„Geist selbst“, als Buddhanatur, wird auch Alaya des tiefen Gewahrseins (tib. kun-gzhi ye-shes) genannt – wörtlich tiefes Gewahrsein, das eine alles umfassende Grundlage oder Basis ist. Obgleich sie von Natur aus völlig rein ist, ist der Alaya des tiefen Gewahrseins immer – wie Milch mit Wasser – mit dem Alayavijnana (tib. kun-gzhi rnam-shes, Alaya des spezifischen Gewahrseins) vermischt, das eine alles umfassende Grundlage oder Basis ist. [Alayavijnana ist wie eine unterstützende Umgebung (tib. rten), in der der Alaya des tiefen Gewahrseins (reine Buddhanatur) unterstützt wird (tib. brten). Wie im Beispiel der Goldlegierung ist der Alaya des tiefen Gewahrseins das reine Gold und das Alayavijnana die anderen Metalle, die es verunreinigen. Bitte beachten Sie, dass Alayavijnana, wie es in diesem Zusammenhang diskutiert wird, überhaupt nicht das Gleiche ist, wie das wahrhaft existente Alayavijnana, wie es von Chittamatra postuliert wird.

Obgleich „Geist selbst“ und Alayavijnana vermischt sind wie eine Goldlegierung oder Milch und Wasser, ohne Anfang, sind die Gewohnheiten der Unwissenheit und Karma nur dem Alayavijnana beigefügt. Diese Gewohnheiten lassen die trügerisch verwirrenden Erscheinungen des Samsara entstehen, wiederholte unkontrollierbare Wiedergeburt, durchdrungen von Leid und Problemen.]

Durch die Kraft der Unwissenheit lässt der Geist der Buddhanatur, als eine alles umfassende Grundlage, trügerisch verwirrende Erscheinungen und störende Emotionen und Einstellungen entstehen. [Die trügerisch verwirrenden Erscheinungen sind wie die Verfärbungen einer Goldlegierung. Genau wie 1) „Geist selbst“ als das, was unterstützt wird, vermischt ist mit 2) Alayavijnana als das, was ihn unterstützt, ist 1) natürliche Basis-Mahamudra („ Geist selbst“) als das, was unterstützt wird, vermischt mit 2) ursächlicher Basis-Mahamudra (dem subtilen Energiesystem) als das, was sie unterstützt. Beide Mischungen sind wie eine Goldlegierung oder mit Wasser vermischte Milch.

Die Unreinheiten in einer Goldlegierung sind direkt für alle Verfärbungen verantwortlich, die erscheinen. Doch weil die Unreinheiten das reine Gold unterstützen, können wir sagen, dass die Goldlegierung die Grundlage für alle Verfärbungen ist, die auftreten. In diesem Sinne ist die Goldlegierung die alles umfassende Grundlage oder Basis für die Verfärbungen. Auf ähnliche Weise ist das subtile Energiesystem direkt für die trügerisch verwirrenden Erscheinungen und störenden Emotionen verantwortlich, die wir mit unserem groben samsarischen Geist und Körper erleben. Doch weil das subtile Energiesystem als ursächliche Basis-Mahamudra „Geist selbst“ als natürliche Basis-Mahamudra unterstützt, können wir sagen, dass Basis-Mahamudra (als das vereinte Paar eines Körpers und eines Geistes) die Basis für die trügerisch verwirrenden Erscheinungen und störenden Emotionen ist. In diesem Sinne ist der Geist der Buddhanatur (Basis-Mahamudra als ein vereintes Paar von natürlicher und ursächlicher Basis) die alles umfassende Grundlage oder Basis der verwirrenden Erscheinungen und störenden Emotionen.]

Geist und Körper [im Sinne von natürlicher Basis-Mahamudra und ursächlicher Basis-Mahamudra einer spezifischen Wiedergeburt] entstehen gleichzeitig als ein vereintes Paar. Doch diese Vereinigung bleibt nicht ewig bestehen. Die Verbindung baut sich ab oder bricht langsam auseinander, Moment für Moment. Sie ist ein nichtstatisches Phänomen. Aus dieser Perspektive ist Buddhanatur [als das vereinte Paar von natürlicher und ursächlicher Basis-Mahamudra] daher nichtstatisch und nicht ewiglich. Wir können dies verstehen, indem wir über die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens meditieren [die den Prozess der wiederholten, unkontrollierbaren Wiedergeburt (Samsara) aufzeigen, der aus Unwissenheit entsteht.]

[Siehe: Die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens.]

Gleichzeitig mit den trügerisch verwirrenden Erscheinungen treten Greifen nach wahrer Existenz sowie störende Emotionen und Geisteshaltungen auf. Genau wie die Verfärbungen, die auf einer Goldlegierung auftreten, nicht außerhalb des Goldes auftreten, sondern gleichzeitig mit der Goldlegierung in Erscheinung treten, gilt dasselbe für die trügerisch verwirrenden Erscheinungen. Sie befinden sich nicht außerhalb des „Geistes selbst“ als alles umfassende Grundlage oder Basis, sondern treten gleichzeitig mit ihm auf. [Auf diese Weise entstehen durch den Mechanismus der zwölf Glieder des abhängigen Entstehens wiederholte unkontrollierbare samsarische Wiedergeburten voller trügerisch verwirrender Erscheinungen. Sie entstehen immer wieder, aufgrund der Unwissenheit, das trügerisches Erscheinungs-Hervorbringen, Greifen nach wahrer Existenz und störende Emotionen und Einstellungen begleitet.

Reines Gold und Unreinheiten, die zu einer Legierung vermischt wurden, werden sich, genau wie mit Wasser vermengte Milch, nicht von allein wieder trennen. Genauso wird sich Alayavijnana mit seinen Gewohnheiten des Karmas und seinen Gewohnheiten der Unwissenheit nicht von allein von „Geist selbst“ trennen. Nur die subtilen Energiesysteme und groben Körper spezifischer Wiedergeburtszustände trennen sich vom „Geist selbst“ zum Zeitpunkt eines jeden Todes. Damit sich Alayavijnana und die Gewohnheiten des Karmas und der Unwissenheit trennen, muss der „Geist selbst“ (natürliche und ursächliche Basis-Mahamudra) durch Methoden wie die Pfad-Mahamudra von ihnen bereinigt werden.

Zudem haben – aufgrund der immanenten Eigenschaft des Goldes – sowohl eine Goldlegierung als auch reines Gold ihren Glanz. Auf ähnliche Weise lassen sowohl Basis- (ungereinigter) „Geist selbst“ als auch resultierender (gereinigter) „Geist selbst“ automatisch Erscheinungen als ihr reflexives Spiel oder ihren Glanz (tib. gdangs) entstehen, aufgrund der innewohnenden Natur des „Geistes selbst“ als einem vereinten Paar von Klarheit (Erscheinungs-Hervorbringen) und Gewahrsein. Daher ist Erscheinungs-Hervorbringung immer das reflexive Spiel des Geistes selbst. Die Erscheinungen sind trügerisch verwirrend aufgrund der Gewohnheit der Unwissenheit, das dem Alayavijnana beigefügt wird.]

Reflexive Erscheinungen, nie als real erlebt, werden trügerisch verwechselt mit Objekten. Kognitive Erscheinungen können nie als real (tib. yod) erlebt werden, das heißt, sie können nie als wahrhaft existent, unabhängig vom Geist, erfahren werden. Sie sind die reflexiven Erscheinungen (tib. rang-snang) des „Geistes selbst“. Die Klarheitsnatur des „Geistes selbst“ [reflexives Erscheinungs-Hervorbringen] lässt sie entstehen.

Wir dürfen keine Verwirrung über die konventionelle Natur des Geistes haben [das vereinte Paar von Klarheit (Erscheinungs-Hervorbringen) und Erscheinungen (tib. gsal-snang)]. Wir müssen sehr darauf achten, uns nicht täuschen zu lassen und Erscheinungen mit festen äußeren Objekten zu verwechseln, als existierten sie unabhängig vom Klarheitsaspekt des Geistes, der sie erscheinen lässt. [Wir müssen erkennen, dass kognitive Erscheinungen „reflexiv“ sind, in der Hinsicht, dass sie dem „Geist selbst“ entspringen.] Sie besitzen keine Natur von Existenz als etwas „Äußeres“ . Die tiefste Wahrheit (letztendliche Wahrheit) ist das vereinte Paar von Klarheit und Leerheit [mit Leerheit als vereintem Paar von Gewahrsein und Leerheit. Erscheinungs-Hervorbringen und Erscheinungen sind untrennbar von Gewahrsein (dem kognitiven Aspekt des Geistes) und Leerheit].

Unsere kognitive Wahrnehmung lässt uns zum Beispiel die kognitive Erscheinung von jemandem als Freund oder Feind erleben. Diese kognitive Erscheinung löst in unserem Geist dann verschiedene weitere konzeptuelle Wahrnehmungen oder Gedanken aus, wie zum Beispiel Anhaftung oder Hass. [Der erste Moment der konzeptuellen Wahrnehmung lässt keine Erscheinungen wahrer Existenz entstehen und greift nicht nach wahrer Existenz. Diese treten erst in den folgenden Momenten von konzeptueller Wahrnehmung auf. In diesen Momenten] verwandeln wir diese Gedanken [die kognitiven Erscheinungen von einem Feind und Hass zum Beispiel,] in feste Objekte [die wahrhaft existieren, unabhängig vom Geist, der sie entstehen lässt]. Sobald wir dies tun, tritt eine weitere Degeneration auf. Unsere kognitive Wahrnehmung [die nach wahrer Existenz greift], lässt eine andere Qualität von störender Emotion entstehen, und auf der Grundlage ihrer treibenden Kraft begehen wir verschiedenste karmische Handlungen.

Wir denken zum Beispiel an einen Menschen, denken an etwas, das er oder sie getan hat, wie uns zu betrügen, und erleben auf der Stelle einen Moment von aufsteigender Wut. Sind wir in der Lage, die Klarheitsnatur des Geistes zu erkennen [die diese kognitiven Erfahrungen reflexiv entstehen lässt], gibt es keinen Grund, zwingende störende Emotionen zu entwickeln, die auf dieser Natur [dass der Geist alles entstehen lassen kann] basieren. Es ist der Akt des Verwandelns kognitiver Erscheinungen in scheinbar konkrete, feste Objekte, der all unser Leid hervorruft. Wenn wir im Gegensatz dazu den Klarheitsaspekt unseres Geistes davon abhalten, solche Erscheinungen [von wahrhaft existierenden Objekten] entstehen zu lassen, werden wir Glückseligkeit erfahren [des Freiseins vom Greifen nach wahrer Existenz und vom Leid, das daraus erzeugt wird. Das ist die natürliche oder reflexive Glückseligkeit des „Geistes selbst“, der immer frei von Greifen und Leid war.] Wir müssen uns von der trügerischen Verwirrung über reflexive Erscheinungen befreien, die unser Geist produziert, und unseren konzeptuellen Geist auf diese Weise davon abbringen, Erscheinungen von ihren wahrhaft existierenden Objekten und das Greifen nach ihrer wahren Existenz hervorzubringen.

Reflexives Gewahrsein wird kraft der Unwissenheit trügerisch mit einem Selbst verwechselt. „Geist selbst“ ist die Untrennbarkeit von Klarheit und Leerheit. Leerheit selbst ist die Untrennbarkeit von Gewahrsein und Leerheit. Wenn wir uns dieser Natur des „Geistes selbst“ nicht bewusst sind, werden wir trügerisch verwirrt und begreifen den Geist fälschlicherweise als ein wahrhaft existentes „Ich“. Der Geist besitzt jedoch keine wahre Existenz. [Sich aller Worte und Konzepte der vier unmöglichen Existenzweisen entziehend,] ist er unauffindbar. Dennoch gibt es ein Gewahrsein der kognitiven Erscheinungen, das der Geist gleichzeitig mit dem Hervorbringen dieser Erscheinungen entstehen lässt. Dies ist reflexives Gewahrsein (tib. rang-rig), [im Sinne von gleichzeitigem Gewahrsein dessen, was der Geist aus sich selbst entstehen lässt] und es existiert als ein Merkmal seiner Basis – Geist als Untrennbarkeit von Gewahrsein und Leerheit. Durch die Kraft der Unwissenheit halten wir es inkorrekter Weise für ein wahrhaft existentes „Ich“.

Daher erfahren wir dualistisches Greifen (tib. gnyis-'dzin). Getäuscht über das, was wir erfahren, und verwirrt aufgrund unserer Unwissenheit, verstehen wir die Klarheits-Erscheinungs-Seite des „Geistes selbst“ fälschlicherweise als wahrhaft existente Objekte und die Gewahrseins-Leerheits-Seite als ein wahrhaft existentes „Ich“ . Durch die Kraft dieses dualistischen Greifens irren wir durch die Weiten zwanghafter Existenz. Wir wandern von einer samsarischen Wiedergeburt zur nächsten, durch die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens.

Befreien wir uns von unserer Unwissenheit der tatsächlichen Natur des „Geistes selbst“, beenden wir das dualistische Greifen nach seiner Klarheits-Erscheinung als wahrhaft existente Objekte und seiner Gewahrseins-Leerheit als einem wahrhaft existenten „Ich“. Dies wird unseren störenden Emotionen und Einstellungen, die dualistischem Greifen entspringen, ein Ende bereiten. Dies wird unserem Erzeugen von Karma, das störenden Emotionen entspringt, ein Ende bereiten. Dies wird [den zwölf Gliedern des abhängigen Entstehens und] unserem Umherirren in Samsara eine Ende bereiten. Daher heißt es im Gebet: „Möge ich ein für alle Mal die Wurzel der trügerischen Verwirrung abschneiden, meinen Unwissenheit.“

Gebet darum, die verfälschenden Hinzufügungen der vier extremen Existenzweisen zu beenden

Der elfte Vers ist ein Gebet um die Beseitigung der verfälschenden Hinzufügungen der vier unmöglichen Existenzweisen im Hinblick auf den Geist:

(11) Nicht existent: Nicht einmal die Siegreichen
   haben ihn gesehen.
Nicht nichtexistent: die Grundlage von allem
   in Samsara und darüber hinaus.
Kein Gegensatz noch ein Nebeneinander,
   sondern ein vereintes Paar:
   der mittlere Weg des Madhyamaka.
Möge ich die tatsächliche Natur des Geistes erkennen,
   frei von Extremen.

Die tatsächliche Existenzweise des „Geistes selbst“ ist [nicht in Worten erfassbare] Leerheit, jenseits aller vier unmöglichen Extreme: wahrer Existenz, Nicht-Existenz, sowohl wahrer Existenz als auch Nicht-Existenz oder weder wahrer Existenz noch Nicht-Existenz.

Wäre der Geist wahrhaft existent, müsste er durch Nachforschung [durch gültige Wahrnehmung der tiefsten Wahrheit] auffindbar sein. Er ist jedoch unauffindbar. Daher ist der Geist nicht wahrhaft existent: Nicht einmal die siegreichen Buddhas haben ihn gesehen.

[Aus der Tatsache, dass der Geist nicht wahrhaft existent ist, folgt jedoch nicht, dass der Geist völlig nichtexistent ist.] Der Geist ist nicht völlig nichtexistent. Er ist kein völliges Nichts, da er als Grundlage von allem in Samsara und darüber hinaus fungiert. „Darüber hinaus“ bezieht sich auf die reinen Erscheinungen des Nirvana. Die oberflächliche Wahrheit des Geistes, sein Aspekt des Erscheinungs-Hervorbringens (Klarheit), lässt alle unreinen Erscheinungen des Samsara und alle reinen Erscheinungen des Nirvana entstehen.

[Die ersten beiden Punkte, – Geist ist nicht wahrhaft existent und Geist ist nicht völlig nichtexistent – entsprechen, wenn man sie zusammennimmt, der Auffassung, dass Geist weder wahrhaft existent noch völlig nichtexistent ist. Das kann jedoch nicht der Fall sein, wenn wahre Existenz und wahre Nicht-Existenz sich widersprechen (tib. 'gal-ba, widersprüchlich), in dem Sinne, dass sie das jeweilige Gegenteil (tib. dngos-'gal, Dichotomie) darstellen. Zwei Kategorien widersprechen sich, wenn sie sich gegenseitig ausschließen; es handelt sich um eine Dichotomie, wenn alles, was existiert, entweder zur einen oder zur anderen gehören muss. Mit anderen Worten, wenn zwei Kategorien einen Widerspruch darstellen, kann nichts beiden angehören; bilden sie ein Gegensatzpaar, kann nichts keiner von beiden angehören.]

Wäre der Geist weder wahrhaft existent noch völlig nichtexistent und die beiden Alternativen bildeten ein Gegensatzpaar, wäre der Geist konventionell gesehen unmöglich. Da dies nicht der Fall ist, sind die beiden kein Gegensatz.

[Angenommen wir behaupten, dass Geist sowohl wahrhaft existent als auch wahrhaft nichtexistent sei. Dies kann auch nicht der Fall sein, wenn die beiden ein Gegensatzpaar wären. Wären sie gegensätzlich, müsste Geist, da er nicht wahrhaft existent ist, völlig nichtexistent sein. Und da er nicht völlig nichtexistent ist, müsste er wahrhaft existent sein. Doch es ist sowohl unmöglich, dass der Geist wahrhaft existent ist, als auch, dass er völlig nichtexistent ist. Wir haben beide Alternativen widerlegt. Daher, da beide Alternativen ausgeschlossen sind, dann,] wenn Geist beide Alternativen gleichzeitig wäre, wäre er ein gleichzeitiges Nebeneinander von zwei nicht möglichen Dingen. Er wäre wie das gleichzeitige Auftreten einer unfruchtbaren biologischen Mutter und dem biologischen Kind einer unfruchtbaren Mutter. Geist ist auch kein Nebeneinander (tib. 'du) von zwei unmöglichen Existenzweisen. [Daher existiert Geist in keiner der vier unmöglichen Existenzweisen] sondern er ist ein vereintes Paar von zwei widersprüchlichen Wahrheiten.

[Im Allgemeinen ist es möglich, dass ein Gegenstand zwei widersprüchlichen Kategorien zugehört. Nehmen wir zum Beispiel die Kategorien „Vater“ und „Sohn“. Niemand, der einer der beiden Kategorien angehört, kann sowohl der Vater als auch der Sohn derselben Person sein, die der jeweils anderen Kategorie angehört. Ich kann zum Beispiel nicht sowohl der Vater als auch der Sohn meines Sohnes sein. Dennoch:] jemand kann sowohl Vater [eines Menschen] als auch Sohn [eines anderen Menschen] sein, ohne dass dies ein Widerspruch wäre. [Ich zum Beispiel bin vom Standpunkt meines Sohnes gesehen ein Vater, und vom Standpunkt meines Vaters betrachtet ein Sohn. Ein Vater aus der Perspektive meines Sohnes zu sein schließt nicht aus, ein Sohn aus der Perspektive meines Vaters zu sein und umgekehrt. Beide Wahrheiten – dass ich ein Vater und ein Sohn bin – sind wahr, obgleich sich die beiden Wahrheiten in dem Sinne widersprechen, dass Vater und Sohn zwei gegenüberliegende Seiten eines untrennbaren Paares sind.

Auf ähnliche Weise ist der Geist aus der Sicht der oberflächlichen Wahrheit nicht völlig nichtexistent und aus der Sicht der tiefsten Wahrheit nicht wahrhaft existent.] Daher schließt die oberflächliche Wahrheit des Geistes dessen völlige Nicht-Existenz aus und die tiefste Wahrheit des Geistes seine wahre Existenz. Mit anderen Worten, die oberflächliche Wahrheit des Geistes ist, dass er nicht völlig nichtexistent ist, und die tiefste Wahrheit des Geistes ist, dass er nicht wahrhaft existent ist. [Beide Wahrheiten – dass er nicht völlig nichtexistent sowie nicht wahrhaft existent ist – sind wahr, obgleich] die beiden Wahrheiten sich in dem Sinne widersprechen, dass sie zwei gegenüberliegende Seiten eines untrennbaren Paares sind. [Vater und Sohn sind ein untrennbares Gegensatzpaar, weil ein Vater ein Vater in Bezug auf seinen Sohn ist und ein Sohn ein Sohn in Bezug auf seinen Vater. Auf ähnliche Weise ist oberflächliche (konventionelle) Wahrheit oberflächlich im Verhältnis zu tiefster Wahrheit und tiefste Wahrheit ist tief im Hinblick auf oberflächliche Wahrheit.] In diesem Sine ist Geist ein vereintes Paar von zwei widersprüchlichen Wahrheiten.

Das ist der mittlere Weg des Madhyamaka. Es ist ein mittlerer Weg, weil er keine der vier unmöglichen Existenzweisen vertritt: wahre Existenz, völlige Nicht-Existenz, beides oder keines von beiden, und weil es ein vereintes Paar zweier Wahrheiten ist. Ob wir über Madhyamaka, Mahamudra (das große Siegel) oder Dzogchen (die große Vollendung) sprechen: Sie kommen alle zu diesem selben Punkt, die tatsächliche Natur (tib. chos-nyid) des Geistes, frei von Extremen. Das Gebet bittet darum, diesen mittleren Weg zu verwirklichen.

Um es zusammenzufassen: Wir dürfen uns durch die Erscheinungen, die der Geist entstehen lässt, nicht irreführen lassen und glauben, dass das „Ich“ und die Phänomene wahre Existenz besitzen. Denn wenn wir auf diese Weise verwirrt und getäuscht sind, werden unaufhörlich störende Emotionen und Geisteshaltungen entstehen, und wir werden endlos in wiederholtem unkontrollierbarem Samsara leiden.

Der Geist ist ein vereintes Paar von Klarheit und Leerheit. [Er ist völlig rein, wie reines Gold.] Seine Verunreinigung entspringt jedoch der anfanglosen Verwirrung, die ihn begleitet. Aufgrund von Verwirrung entstehen flüchtige Befleckungen, doch sie sind von derselben Natur wie der Geist, wie eine Verfärbung auf einer Goldlegierung. [In ihrer Natur sind die flüchtigen Befleckungen der störenden Emotionen und Geisteshaltungen auch ein vereintes Paar von Klarheit und Leerheit.] Sind wir in der Lage, dies alles zu durchschauen, werden wir uns nicht länger so weit irreführen lassen, dass unser Geist das Greifen nach wahrer Existenz entstehen lässt. Wir werden einen reinen Geist erlangen. Wir müssen die flüchtigen Befleckungen beseitigen [wie das Veredeln von Gold] und auf diese Weise Erleuchtung erlangen.

[Kennen wir diese Punkte, dadurch, dass wir von ihnen gehört und sie verstanden haben, indem wir über sie anhand von logischer Beweisführung nachgedacht haben] wie diese, wird unterscheidendes Gewahrsein (tib. shes-rab) die Art und Weise begleiten, wie wir auf unseren Geist achten und ihn betrachten (tib. yid-la byed-pa). [Dies wird jedoch nur das unterscheidende Gewahrsein sein, das aus Hören und Denken entsteht.] Das reicht nicht aus für Verwirklichung (tib. rtogs-pa). Wir müssen das unterscheidende Gewahrsein gewinnen, das aus Meditation [mit dem vereinten Paar von Shamatha und Vipashyana] entsteht. Das ist die Bedeutung des Gebets „Möge ich die tatsächliche Natur des Geistes erkennen“.

Gebet um die Vermeidung der Extreme der Affirmation und Negierung

Der zwölfte Vers ist ein Gebet um die Beseitigung der verfälschenden Hinzufügungen der Extreme der Affirmation und Negierung in Bezug auf den Geist. Dies sind die verfälschenden Hinzufügungen, dass der Geist „dies“ oder „nicht dies“ sei.

(12) Nichts auf das man zeigen könnte,
   indem man sagt, es sei ‚das’.
Nichts, das man negieren könnte,
   indem man sagt, es sei ‚nicht das’.
Die tatsächliche Natur, jenseits des Intellekts,
   ist ein unbeeinflusstes Phänomen.
Möge ich Gewissheit über den letztendlichen
   Punkt gewinnen,
   der gänzlich vollkommen ist.

Obwohl wir die Natur des Geistes erleben können, lässt sie sich nicht mit Worten aufzeigen oder festlegen. In dieser Hinsicht sind wir wie Stumme, die Träume haben, aber sie nicht in Worte fassen können. [Worte sind konzeptuelle Konstrukte, entweder Affirmationen (tib. sgrub-pa), dass etwas „das“ ist, oder Negierungen (tib. dgag-pa, Entkräftungen, Widerlegungen), dass etwas „nicht das“ ist. Als geistige Konstrukte lassen sie konzeptuell darauf schließen(tib. zhen-pa), dass es wahrhaft existente Kategorien wie „das“ und „nicht das“ gibt, die den Worten entsprechen und sie hängen sich and diese Kategorien. Da es keinerlei wahre Existenz gibt und da die Natur des Geistes frei von wahrer Existenz ist, ist die Natur des Geistes jenseits von Worten.

Daher, obwohl wir sagen können, dass die Natur des Geistes die Untrennbarkeit von Klarheit und Gewahrsein sowie die Untrennbarkeit von Gewahrsein und Leerheit ist, bedeutet das nicht, dass diese tatsächliche Natur den wahrhaft existenten Kategorien entspricht, die diese Worte konzeptuell implizieren. Die Natur des Geistes ist keine wahrhaft existente Klarheit, kein wahrhaft existentes Gewahrsein, oder keine wahrhaft existente Leerheit.

Die Natur des Geistes ist auch in einem anderen Sinne jenseits von Worten.] Es gibt nichts, auf das man als auf die Natur des Geistes zeigen könnte indem man sagt: „es ist das“. [Wir können den Geist nicht darauf begrenzen, nur eine Sache zu sein oder nur eine Sache zu enthalten, was der Fall wäre, wenn man die Natur des Geistes in ein Wort fassen und sagen könnte: „sie ist das“.]

Darüber hinaus können wir die Natur des Geistes nicht aufzeigen, indem wir konzeptuell negieren oder verwerfen, was sie nicht ist. Es gibt nichts, das man negieren könnte, indem man sagt „es ist nicht das“, weil der Geist nichts ausschließt. [„Geist selbst“ ist die alles umfassende Alaya-Grundlage von allem in Samsara und Nirvana, ohne Ausnahme.]

Die tatsächliche Natur des Geistes ist nicht etwas, das von einem Geist entdeckt werden kann, der die oberflächliche Wahrheit mit dem Intellekt (tib. blo) untersucht. [Oberflächliche Wahrheit befasst sich mit Konventionen, die durch Worte und Konzepte dargestellt werden, und Worte und Konzepte definieren oder bestimmen Dinge genau als „ das“, indem sie alles ausschließen (tib. sel-ba,), das „nicht das“ ist. Um etwas genau als „das“ zu bestimmen, implizieren Worte konzeptuell isolierte Elemente (tib. ldog-pa, Unterscheidungsmerkmale, isolierende Merkmale) mit sich: Das konzeptuell isolierte Element von „ diesem“ ist das, was übrig bleibt, wenn alles, was „nicht dieses“ ist, ausgeschlossen wurde. Die Natur des Geistes lässt sich jedoch nicht auf einen Gegenstand durch den Ausschluss von allem anderen beschränken, weil es nichts gibt, das man aus ihr ausschließen kann. Daher kann man die Natur des Geistes nicht als „das“ definieren oder konzeptuell isolieren, indem man alles ausschließt, das „nicht das“ ist.] Daher wird alles, was man wählt, um den Geist mit dem Intellekt in Worten, als „das“ oder „nicht das“ zu definieren, immer falsch sein. Eine spezifische Bestimmung der Natur des Geistes ist unmöglich; sie lässt sich nicht konzeptuell definieren.

Die tatsächliche Natur, jenseits des Intellekts, ist ein unbeeinflusstes Phänomen. Die tatsächliche Natur des Geistes [als Klarheit, untrennbar von Gewahrsein, sowie Gewahrsein, untrennbar von Leerheit] ist beständig [in dem Sinne, dass sie immer der Fall ist]. Sie ist unbeeinflusst von Ursachen und Bedingungen. [Die Natur des Geistes wurde nie aus Ursachen und Bedingungen neu erschaffen: Sie ist nicht wie ein Spross, der neu aus einem Keim erschaffen ist. Noch kann sie je aufgrund von Ursachen und Bedingungen vergehen: Sie ist nicht wie eine Blume, die mit der Zeit verwelkt.]

Obwohl sich die Natur des Geistes nicht in Worte fassen und durch einen intellektuellen Prozess verstehen lässt, müssen wir dennoch einen Anfang machen, indem wir mit unseren Gurus studieren. Durch Meditation [die Kombination von Shamatha und Vipashyana, die Inspiration und speziellen Methoden, die von] unseren Gurus [benutzt werden,] werden uns in die Lage versetzen, die Natur unseres Geistes zu unterscheiden und zu erkennen.

Daher lautet das Gebet „Möge ich Gewissheit über den letztendlichen Punkt gewinnen, der gänzlich vollkommen ist“. [Der letztendliche Punkt (tib. don-gyi mtha') ist ein vollständig verwirklichter „Geist selbst“, der gänzlich vollkommen (tib. yang-dag) ist, da er nie von einem Extrem beeinträchtigt war.] Aus diesem Grunde sagte Naropa zu Marpa: „Du kannst die Natur des Geistes nicht durch Bücher erkennen; du musst sie mit deinem eigenen Geist untersuchen.“ Die vollkommene Natur des Geistes geht über alle Extreme hinaus.

Gebet um die Erkenntnis, dass es keinen Widerspruch zwischen Leerheit und abhängigem Entstehen gibt

Der dreizehnte Vers ist ein Gebet darum zu erkennen, dass zwischen Leerheit und abhängigem Entstehen kein Widerspruch besteht, in dem Sinne, dass „Geist selbst“ – als Untrennbarkeit von Klarheit und Gewahrsein und Untrennbarkeit von Gewahrsein und Leerheit – keinen Widerspruch zu den Erscheinungen darstellt, die aufgrund von Nicht-Gewahrsein entstehen.

(13) Die tatsächliche Natur nicht erkennend,
   kreisen wir im Ozean von Samsara
Erkennen wir die tatsächliche Natur,
   ist Buddha nichts anderes.
Alles, das dies und nicht dies ist,
   nichts ausgeschlossen.
Möge ich mir der Fehler hinsichtlich
   der tatsächlichen Natur
   bewusst werden, der Alaya-Grundlage von allem.

Obgleich die tatsächliche Natur des Geistes leer ist, erscheint alles ohne Hinderung. Da wir die tatsächliche Natur jedoch nicht erkennen, kreisen wir im Ozean von Samsara.

Die tatsächliche Natur des Geistes ist frei von allen Extremen. Sie ist getrennt von (tib. bral) oder jenseits aller Extreme von wahrer Existenz, völliger Nicht-Existenz, beidem und keinem von beiden sowie von allen Extremen wie „es ist das“ oder „es ist nicht das“. Im Allgemeinen bedeutet „die tatsächliche Natur des Geistes ist leer, und doch erscheint alles ohne Hinderung“, dass die Natur des Geistes die Untrennbarkeit von Klarheit (Erscheinungs-Hervorbringen) und Gewahrseins-Leerheit ist. Wenn wir diese tatsächliche Natur nicht erkennen, ist die reine Natur des Geistes vermischt mit Verwirrung [wie reines Gold, mit minderwertigen Metallen zu einer Goldlegierung vermischt]. Wenn das der Fall ist, lässt der Geist die Erscheinungen des Samsara entstehen [wie Goldlegierungen Verfärbungen entstehen lassen], und wir kreisen wiederholt durch unkontrollierbare Wiedergeburten im Samsara.

Die Erscheinungen des Samsara entstehen durch die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens:

  1. Unwissenheit – das Nicht-Erkennen der tatsächlichen Natur des Geistes;

  2. wirkende Impulse – karmische Handlungsimpulse, die auf Unwissenheit basieren;

  3. beladenes Bewusstsein – Alayavijnana, beladen mit den Nachwirkungen solcher Handlungen;

  4. benennbare geistige Fähigkeiten mit oder ohne grobe Form – spezifisches Bewusstsein (tib. rnam-shes), noch nicht in die sechs Arten von grundlegendem Bewusstsein aufgeteilt [Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist];

  5. Stimulatoren der Wahrnehmung – physische und geistige Sensoren (tib. dbang-po) der sechs kognitiven Fähigkeiten, nun von einander unterschieden, sowie die sechs kognitiven Sinnesbereiche, nun von einander unterschieden, doch noch nichts unterscheidend (erkennend);

  6. Kontakt aufnehmendes Gewahrsein – der Sensoren, Bewusstseinsarten und Objekte der sechs kognitiven Fähigkeiten, unterschieden als angenehm, unangenehm oder neutral;

  7. Empfinden eines Grades von Glücksgefühlen – entweder glücklich, unglücklich oder neutral als Reaktion auf das Kontakt aufnehmende Gewahrsein;

  8. sehnsüchtiges Verlangen – danach, weiterhin Glück zu erleben oder von Leid getrennt zu werden;

  9. Ein Herbeiführer – eine störende Emotion oder Geisteshaltung, die für uns eine weitere samsarische Geburt herbeiführt;

  10. Impulse, weiter zu existieren – aktivierte karmische Hinterlassenschaften, die als werfende Karmas funktionieren und den Geist in seine nächste samsarische Wiedergeburt „werfen“ und mehr samsarische Erscheinungen hervorbringen;

  11. Empfängnis;

  12. Alter und Tod einer samsarischen Wiedergeburt und seiner Erscheinungen.

Auf diese Weise beschreiben die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens den Prozess der Erzeugung [von samsarischer Wiedergeburt und samsarischen Erscheinungen], die alle aus der Unwissenheit der tatsächlichen Natur des Geistes entstehen. Befreien wir die Basis, „Geist selbst“, von Unwissenheit, kehrt sich der ganze Prozess um, angefangen vom letzten Glied der Kette. Auf diese Weise unterbinden wir jede weitere Produktion der zwölf Glieder; wir unterbinden jegliche weitere Produktion von samsarischer Wiedergeburt und samsarischen Erscheinungen.

[„Geist selbst“ ist jenseits von abhängigem Entstehen, in dem Sinne, dass er über die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens hinausgeht. Wir können diese Aussage auf zweifache Art verstehen. Erstens entsteht „Geist selbst“ im Gegensatz zu den Erscheinungen des Samsara, die aus Unwissenheit entstehen – dem ersten Glied des abhängigen Entstehens – nicht aus Unwissenheit. Zweitens ist „Geist selbst“ von Natur aus rein, nie befleckt von Unwissenheit und den samsarischen Erscheinungen, die solch eine Unwissenheit hervorbringt. Aufgrund seiner natürlichen Reinheit kann „ Geist selbst“ von abhängig entstehendem Samsara und seinen unreinen Erscheinungen gereinigt werden. Dennoch – 1) weil der Klarheitsaspekt des Geistes samsarische Erscheinungen entstehen lässt, wenn er von Unwissenheit beeinflusst wird, und 2) weil die Natur des Geistes die Untrennbarkeit von Klarheit und Gewahrseins-Leerheit ist – steht die Leerheit des Geistes nicht in Widerspruch zu abhängigem Entstehen, obgleich die Leerheit des Geistes jenseits von abhängigem Entstehen ist. Sie widersprechen sich nicht, weil die Leerheit des Geistes das Erscheinungs-Hervorbringen und die abhängig entstehenden Erscheinungen des Samsara nicht behindert. Tatsächlich liegt es nur an der leeren Natur des Geistes, dass samsarische Erscheinungen aufgrund von Unwissenheit abhängig erscheinen.]

Erkennen wir die tatsächliche Natur, ist Buddha nichts anderes. Erkennen wir die tatsächliche Natur des Geistes, stammt Buddhaschaft aus nichts anderem als dem „Geist selbst“. Buddhaschaft [und ihr reines Erscheinungs-Hervorbringen und ihre reinen Erscheinungen] sind nicht getrennt von der Natur des Geistes; sie befinden sich nicht außerhalb. Sie entstehen im Hinblick auf die Natur des Geistes auch als Klarheit und Gewahrseins-Leerheit, die voneinander untrennbar sind.

Alles, das dies und nicht dies ist, nichts ausgeschlossen. Daher durchzieht die Natur des Geistes – untrennbare Erscheinungs-Hervorbringen, Erscheinungen, Gewahrsein und Leerheit – alles und lässt alles entstehen, sowohl das, was „dies“ ist, als auch das, was „nicht dies“ ist, sowohl bestätigte Phänomene als auch negierte Phänomene. Nichts ist ausgeschlossen. Von einem anderen Standpunkt gesehen entsteht daher alles, das erscheint, [sowohl die unreinen Erscheinungen des Samsara als auch die reinen Erscheinungen des Nirvana oder der Buddhaschaft] in Abhängigkeit vom „Geist selbst“ . Auch in diesem Sinne steht die leere Natur des Geistes nicht im Widerspruch zu den Erscheinungen. Sie widerspricht nur dem Entstehen von Erscheinungen unabhängig vom Geist (nichtabhängigem Entstehen). Kurz gesagt, Erscheinungs-Hervorbringen und Erscheinungen sind logisch vertretbar aufgrund von abhängigem Entstehen.

Möge ich mir der Fehler hinsichtlich der tatsächlichen Natur bewusst werden, der Alaya-Grundlage von allem. Da „Geist selbst“ alle kognitiven Erscheinungen entstehen lässt, ist „Geist selbst“ ein Alaya (tib. kun-gzhi), eine alles umfassende Grundlage, eine Grundlage von allem. Aufgrund seiner leeren Natur ist seine Existenzweise jedoch jenseits aller Worte und Konzepte, jenseits aller vier unmöglichen extremen Existenzweisen – wahrer Existenz und so weiter. Das ist die Prasangika-Madhyamaka-Sicht. Obgleich das Lehrsystemsystem des Chittamatra (Nur-Geist) ebenfalls den Begriff Alaya benutzt, zum Beispiel in „Alayavijnana“ (alles umfassendes Grundlagenbewusstsein), müssen wir uns daher sehr davor hüten, nicht denselben Fehler zu machen, den das Chittamatra-System hinsichtlich Alaya begeht. Gemäß dem Chittamatra-System, [obwohl der Alaya nicht wahrhaft als ein Selbst (als ein „Ich“ ) existiert,] wird dem Alaya dennoch wahre Existenz zugeschrieben. Gemäß der Prasangika-Madhyamaka-Sicht ist dies ein Fehler hinsichtlich der tatsächlichen Natur des „Geistes selbst“.

[Zudem müssen wir den Fehler vermeiden uns vorzustellen, dass – da die Natur des Geistes alles einschließt – alles Geist ist, in dem Sinne, dass alles eine Weise ist, sich Objekten gewahr zu sein (tib. shes-pa). Geist schließt alles ein in dem Sinne, dass alles entweder ein erkennbares Objekt ist oder eine Weise, etwas zu erkennen.]

Gebet darum, alle Zweifel zu durchschneiden, um die Natur des Geistes zu erkennen

Der vierzehnte Vers ist ein Gebet um das Durchschneiden aller verbliebenen Zweifel oder Unschlüssigkeit hinsichtlich der tatsächlichen Natur des Geistes als Untrennbarkeit von Klarheit (Erscheinungs-Hervorbringen) und Gewahrseins-Leerheit.

(14) Ob Erscheinung, es ist der Geist;
   ob Leerheit, es ist der Geist.
Ob Erkenntnis, es ist der Geist;
   ob Verwirrung, es ist mein eigener Geist.
Ob ein Erscheinen, es ist der Geist;
   ob ein Aufhören, es ist der Geist.
Möge ich alle Verfälschungen im Geist abschneiden.

Ob Erscheinung, es ist der Geist; ob Leerheit, es ist der Geist. Alles, das erscheint, ist von derselben Natur wie der Geist, nämlich Gewahrsein und Leerheit untrennbar als vereintes Paar. Erscheinungen [und Erscheinungs-Hervorbringen als ein untrennbares, vereintes Paar] sind die oberflächliche Wahrheit des Geists. Leerheit [und Gewahrsein als ein untrennbares, vereintes Paar] sind die tiefste Wahrheit des Geistes. Daher sind Erscheinungen und Leerheit beide die tatsächliche Natur des Geistes [oberflächliche und tiefste Wahrheit als ein untrennbar vereintes Paar].

Ob Erkenntnis, es ist der Geist; ob Verwirrung, es ist mein eigener Geist. Ob der Geist mit der Erkenntnis seiner eigenen tatsächlichen Natur verbunden ist oder mit Unwissenheit und Verwirrung, die Natur des Geistes bleibt dieselbe.

Ob ein Erscheinen, es ist der Geist; ob ein Aufhören, es ist der Geist. Verbunden mit Unwissenheit und Verwirrung lässt der Geist durch die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens samsarische Erscheinungen entstehen. Verbunden mit der Erkenntnis seiner eigenen Natur hört der Geist auf oder unterlässt es, solche Erscheinungen entstehen zu lassen. In beiden Fällen bleibt die Natur des Geistes dieselbe. Sowohl Samsara als auch Nirvana sind nichts als der Geist.

Möge ich alle Verfälschungen im Geist abschneiden. Das Gebet bittet darum, alle verfälschenden Hinzufügungen abzuschneiden, sowohl Verfälschungen über den Geist als auch im Geist. [Mit anderen Worten, möge ich sowohl 1) verfälschende Hinzufügungen, dass etwas woanders als in der Natur des Geistes existiert als auch 2) die falschen konzeptuellen Wahrnehmungen, die diese unmögliche Existenzweise hinzufügen, durchschneiden.]