Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

Zur Textversion für diese Seite wechseln. Zur Haupt-Navigation springen.

Startseite > Fortgeschrittene Meditation > Mahamudra > Mahamudra und die vier edlen Wahrheiten > 2. Reinigung der geistigen Aktivität

Mahamudra und die vier edlen Wahrheiten

Alexander Berzin
Seattle, Washington, 16. April 2003
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

2. Reinigung der geistigen Aktivität

Stufen wahrer Beendigungen

Von Bedeutung in unserer Diskussion der Mahamudra ist, dass die Natur der geistigen Aktivität in unreinen wie in reinen Situationen dieselbe ist. Die konventionelle Natur von beiden, unreiner wie reiner geistigen Aktivität, ist immer bloße Klarheit und Gewahrsein. Die tiefste Natur von unreiner wie reiner geistiger Aktivität ist immer Leerheit.

Erreichen wir eine wahre Beendigung der unreinen Seite, erreichen wir eine wahre Beendigung der ersten zwei edlen Wahrheiten. Wir erreichen, dass das Erscheinungs-Hervorbringen der Aggregate unserer Erfahrung als wahrhaft existent wirklich beendet wird (die erste edle Wahrheit) sowie das Greifen nach ihnen als wahrhaft existent wirklich zum Aufhören kommt (die zweite edle Wahrheit). Tatsächlich entledigen wir uns erst des Greifens und dann des Erscheinungs-Hervorbringens. Wenn wir unsere geistige Aktivität in dem Maße, dass sie nie wieder auftreten, von diesen beiden befreien, dann haben wir ihre wahre Beendigung erreicht.

Mit dem ersten Wahrnehmen nichtkonzeptueller Leerheit, wodurch wir zu Aryas werden, geht noch keine wahre Beendigung aller wahren Ursachen und wahren Leiden einher. Die Karma-Kagyü- und Nyingma-Traditionen gehen davon aus, dass ihre sofortige wahre Beendigung ab und an eintritt, doch nur für ganz besondere Praktizierende. Man nennt sie ‚Jene, bei denen alles auf der Stelle geschieht’. In den Gelug- und Sakya-Traditionen ist von solchen Praktizierenden jedoch nicht die Rede. Sie sprechen nur von ‚Jenen, die schrittweise Fortschritte machen’, die auch gemäß der Karma-Kagyü- und Nyingma-Tradition die umfassende Mehrheit der Praktizierenden ausmachen.

Für jene, die schrittweise Fortschritte machen, beseitigt das erste nichtkonzeptuelle Wahrnehmen der Leerheit nur einen Teil des wahren Leids und seiner wahren Ursachen. Wie groß dieser Teil ist, hängt davon ab, ob wir mit den Methoden des Sutra oder des Anuttarayoga-Tantra praktizieren. Mit anderen Worten, es hängt von der Ebene der geistigen Aktivität ab, die wir für das nichtkonzeptuelle Erkennen der Leerheit benutzen, sowie von der Motivation, die diese Ebene begleitet.

Im Folgenden wollen wir ausschließlich über den Fall der Bodhisattvas mit Bodhichitta-Motivation betrachten: Wenn wir subtile geistige Aktivität für das nichtkonzeptuelle Erkennen der Leerheit, wie im Sutra, benutzen, dann haben wir, wenn wir gerade Aryas geworden sind, nur das auf Konzepten beruhende Greifen nach wahrer Existenz und die auf Konzepten beruhenden störenden Emotionen und Einstellungen beseitigt. Uns bleiben immer noch die automatisch auftretenden sowie das Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz. Benutzen wir die geistige Aktivität des klaren Lichts für das nichtkonzeptuelle Erkennen von Leerheit, wie im Anuttarayoga-Tantra, dann beseitigen wir gleichzeitig sowohl das auf Konzepten beruhende und automatisch entstehende Greifen nach wahrer Existenz als auch störende Emotionen und Einstellungen. Uns bleibt jedoch noch immer das Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz.

Auf Konzepten beruhende störende Emotionen schließen jene mit ein, die auf Konzepten von Propaganda oder Werbung basieren. Propaganda mag uns zum Beispiel beigebracht haben, den Feind unserer Nation zu hassen. Sie können auch auf psychischer Misshandlung oder Beschimpfung beruhen. Auch ein Tier kann, wenn es ständig geschlagen wird oder gesagt bekommt, dass es ein schlechtes Tier ist, auf Konzepten beruhende Wut oder Angst entwickeln. Wir sollten nicht meinen, dass auf Konzepten beruhende störende Emotionen nur den Menschen vorbehalten sind.

Dann gibt es das automatisch entstehende Greifen nach wahrer Existenz und die automatisch entstehenden störenden Emotionen, die jeder hat. Wenn wir fallen, steigt zum Beispiel automatisch Furcht in uns auf. Tiere haben das auch.

Wesentlich ist, dass wir während nichtkonzeptueller völliger Konzentration auf Leerheit – sei sie mit yogischer direkter Wahrnehmung durch geistiges Bewusstsein oder durch geistige Aktivität des klaren Lichts – kein Greifen nach wahrer Existenz, keine störenden Emotionen oder Einstellungen und kein Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz haben. Dennoch dauert ihre Abwesenheit nicht an. Nur ein gewisser Teil von ihnen hört für immer auf, während die restlichen in der nachfolgenden Phase des Erlangens wieder auftauchen. Wir haben nur eine wahre Beendigung eines gewissen Teils der ersten und zweiten edlen Wahrheit erreicht.

Solche Praktizierenden gehören zum Arya-Sangha (dem edlen Sangha). Von den drei Juwelen der Zuflucht sind sie das Sangha-Juwel. Das liegt daran, dass sie die dritte und vierte edle Wahrheit nur teilweise erreicht haben, indem sie sich nur eines Teils der ersten und zweiten Wahrheit endgültig entledigt haben. Nur ein Buddha hat die dritte und vierte edle Wahrheit vollständig erreicht und sich der ersten und zweiten edlen Wahrheit vollständig entledigt. Mit anderen Worten, je länger wir im nichtkonzeptuellen Wahrnehmen der Leerheit verbleiben, desto weniger aktivieren wir die unreine Variante der geistigen Aktivität. Am Ende können wir eine wahre Beendigung der gesamten unreinen Seite erreichen.

[Siehe: Die Objekte der sicheren Richtung (Zuflucht) identifizieren.]

Was ist für unsere Diskussion der Mahamudra von Bedeutung? Was die Natur unserer geistigen Aktivität betrifft, macht es keinen Unterschied, ob wir nur eine wahre Beendigung eines Teils der ersten beiden Wahrheiten erreicht haben, eine wahre Beendigung von allen Wahrheiten oder überhaupt keine wahre Beendigung. Die Natur der geistigen Aktivität, die von wahrer Beendigung – in welchem Maß auch immer – gekennzeichnet ist, bleibt dieselbe. Dennoch gibt es Erscheinungs-Hervorbringen und das Wahrnehmen von Erscheinungen, ohne ein wahrhaft existentes ‚Ich’ oder einen wahrhaft existierenden Geist, die sie erscheinen lassen. Es macht keinen Unterschied, ob es sich um unreine oder reine geistige Aktivität handelt. Es macht keinen Unterschied, ob wir vom Standpunkt der ersten beiden Wahrheiten oder vom Standpunkt der zweiten beiden Wahrheiten schauen; es ist dasselbe.

Reine geistige Aktivität kann unreine geistige Aktivität ersetzen

Nun stellt sich die Frage: Wenn unreine und reine geistige Aktivität in ihrer Natur gleich sind, welche ist stabiler, unreine oder reine geistige Aktivität? Was ist stabiler: das Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz und das Greifen nach wahrer Existenz, oder das Erscheinungs-Hervorbringen einer Abwesenheit wahrer Existenz und das nichtkonzeptuelle Wahrnehmen der Leerheit? Das Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz und das Greifen nach wahrer Existenz, oder das Erscheinungs-Hervorbringen von abhängigem Entstehen und das Erkennen des abhängigen Entstehens? In beiden Fällen schließen sich die beiden Möglichkeiten gegenseitig aus. Ein Moment geistiger Aktivität kann nicht beide gleichzeitig ausführen. Was ist nun stabiler?

Wir müssten sagen, dass die unreine Seite weniger stabil ist. Sie ist weniger stabil, weil sie von der reinen Seite unterminiert werden kann. Oder, mit einfacheren Worten ausgedrückt, Verwirrung kann durch korrektes Verständnis abgebaut werden.

Wir müssen uns aber davor in Acht nehmen, diese Aussage nicht auf blasierte Weise zu machen. Wir könnten genauso gut argumentieren, dass Verständnis von Verwirrung ersetzt werden kann. Wenn sich Verständnis und Verwirrung gegenseitig ausschließen, erfahren wir, wenn wir eines von beiden erfahren, nicht das andere und anders herum. Selbst nach einer nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der Leerheit bleibt uns immer noch etwas Verwirrung, was spielt sich hier also ab?

Nehmen wir noch einmal das Beispiel des Erscheinungs-Hervorbringens des Fahrers im Auto neben mir als einen echten Idioten und den Glauben, dass er ein echter Idiot ist, weil etwas inhärent mit ihm verkehrt ist, was ihn von sich aus zu einem wahren Idioten macht. Je mehr wir diese unreine geistige Aktivität untersuchen, desto mehr werden wir entdecken, dass sie durch das Verständnis, dass diese Existenzweise unmöglich ist, unterminiert werden kann. Wäre er wirklich ein inhärenter Idiot, müsste ihn jeder für einen Idioten halten, vom Moment seiner Geburt an, in allen Situationen. Das läge daran, dass etwas an ihm verkehrt wäre, was ihn von sich aus inhärent zu einem Idioten machen würde. Je mehr wir dieses unreine Erscheinungs-Hervorbringen untersuchen und die unreine Wahrnehmung dessen – unseren Glauben, dass der Anschein der Wirklichkeit entspricht – desto mehr stellen wir fest, dass sie der Analyse nicht standhalten.

Was die reine geistige Aktivität hinsichtlich dieser Person betrifft, erkennen wir, je mehr wir untersuchen, was reine geistige Aktivität wahrnehmen würde, dass dies der Wahrheit entspricht. Wir verstehen, dass sich dieser Mensch vielleicht konventionell gesehen wie ein Idiot benimmt und dass ‚ idiotisch’ vielleicht eine gültige Bezeichnung für sein momentanes Verhalten wäre. Dennoch ist es unmöglich, dass er inhärent ein Idiot ist. Er benimmt sich wie ein Idiot in abhängigem Entstehen von allem, in erster Linie von dem Konzept und der geistigen Bezeichnung Idiot, aber auch von vielen anderen Dingen, wie zum Beispiel der Tatsache, dass jemand Autos erfunden hat, dass Menschen Autos und Straßen gebaut haben, Verkehrsregeln erfunden haben und in Abhängigkeit von allem möglichen Anderem, einschließlich der Evolution des Menschen aus Amöben. Sein idiotisches Verhalten ist ein abhängiges Entstehen aus der gegenseitigen Verbundenheit von allem.

Aus diesem Grund kann nur ein Buddha dies erkennen. Beim Erscheinungs-Hervorbringen von gegenseitiger Abhängigkeit handelt es sich um die gegenseitige Verbundenheit von allem, um die Gesamtheit von Ursache und Wirkung, um sämtliche Ursachen von allem. Wir sprechen über unzählige Ursachen und sämtliche Wirkungen, die aus allem entstehen, was in jedem Moment geschieht. Nur ein Buddha kann dies vollständig erkennen.

Wir sollten die Erscheinung des abhängigen Entstehens nicht als etwas ganz Simples betrachten. Es übersteigt unseren begrenzten Geist. Wir haben sind nicht dafür ausgerüstet, um dies erkennen zu können. Ich benutze häufig die Analogie, dass wir wie durch ein Periskop wahrnehmen. Jeder bewegt sich um uns herum, als befänden wir uns in U-Booten. Unsere Wahrnehmung, unsere geistige Aktivität, ist eine Periskop-Aktivität: Sie ist sehr begrenzt. Wir können nur das sehen, was direkt vor unserer Nase ist. Wir können nicht sehen, was sich hinter uns befindet; wir können nicht all die Ursachen für das sehen, was wir wahrnehmen. Wir können vielleicht eine oder zwei Ursachen sehen. Und wir sehen mit Sicherheit nicht alle Wirkungen. Was wir wahrnehmen ist begrenzt und was unsere geistige Aktivität erscheinen lässt, scheint unabhängig von allem anderen zu existieren. Erst wenn wir unsere Aggregate nicht mehr haben (unseren begrenzten Körper und begrenzten Geist), werden wir endlich das Periskop los und sind in der Lage, alles in seiner Gesamtheit zu erkennen, in all seiner gegenseitigen Verbundenheit. Nur durch Worte und Konzepte zerlegen wir die Gesamtheit von allem in verschiedene Teile wie ‚Tisch’, ‚Idiot’ oder ‚Auto’. Doch diese existieren nicht unabhängig und eigenständig. Alles ist in einem gigantischen Netzwerk von Ursache und Wirkung miteinander verbunden.

Das Verständnis dessen baut die Verwirrung ab und kann daher an ihre Stelle treten. Je mehr wir die Situation mit Vernunft und Logik untersuchen – zum Beispiel die Situation, in der jemand versuchte, uns auf der Straße zu überholen und den Anschein erweckte, er sei ein absoluter Idiot – desto mehr verstehen wir, dass unsere Analyse des abhängigen Entstehens der Wahrheit entspricht. Die trügerische Erscheinung, die von unserer geistigen Aktivität produziert wird, ist inkorrekt. Sie entspricht nicht der Realität und kann einer Analyse nicht standhalten.

Die Position, dass die reine Seite der geistigen Aktivität stärker ist als die unreine Seite und dass sie letztere beseitigen kann, wird nicht nur durch diese logische Schlussfolgerung unterstützt, auch unsere Erfahrung bestätigt dies. Je mehr wir uns mit unreiner geistiger Aktivität konzentrieren, desto stärker wird unser Ärger und desto unglücklicher fühlen wir uns. Je mehr wir uns mit reiner geistiger Aktivität konzentrieren, desto schwächer werden unser Ärger und unser unglücklicher Zustand, und selbst wenn es uns nicht glücklicher macht, bewahren wir doch wenigstens einen friedlichen Geisteszustand.

Auf einer tieferen Ebene und einer weiter fortgeschrittenen Stufe gibt es, während wir nichtkonzeptuell auf Leerheit fokussiert bleiben, kein Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz und kein Greifen nach wahrer Existenz. Ohne das Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz und ohne das Greifen nach wahrer Existenz gibt es keine Aktivierung von Karma, da dies die beiden Faktoren sind, die Karma aktivieren. Wir aktivieren nicht nur kein altes Karma in dieser Zeit sondern bauen auch kein neues Karma auf.

Stufen der Reinigung von Karma

Je länger wir nichtkonzeptuell auf Leerheit fokussiert bleiben können, desto schwächer werden das Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz und das Greifen danach, wenn wir aus unserer konzentrierten Meditation herauskommen. Erst wird das Greifen immer schwächer, bis es ganz und gar aufhört. Dann fängt das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz an zu schwinden. So präsentiert es die Prasangika-Schule in der Gelug- und Karma-Kagyü-Tradition. Bei den anderen tibetischen Traditionen und anderen indischen Mahayana-Lehrsystemen gibt es leichte Abwandlungen in der Präsentation. Einige von ihnen gehen davon aus, dass das Greifen und das Erscheinungs-Hervorbringen gleichzeitig abnehmen.

In beiden Fällen werden beide schwächer, je länger wir nichtkonzeptuell auf Leerheit fokussiert bleiben. Wir aktivieren kein altes Karma und bauen kein neues auf, während wir uns nichtkonzeptuell völlig auf Leerheit konzentrieren. Wenn wir dann aus unserer Konzentration herauskommen, haben wir einen gewissen Teil unseres Karmas geschwächt oder erschöpft. Die Kalachakra-Lehren erklären dies am ausführlichsten, anhand der so genannten ‚karmischen Winde’. Das ist ein bisschen kompliziert und nicht leicht zu verstehen, und vielleicht ist dies nicht der Moment, um es ausführlich zu behandeln.

Selbst wenn wir einen Teil unseres alten Karma geschwächt oder erschöpft haben, bauen wir während der darauf folgenden Phase des Erlangens und zwischen den Meditationssitzungen neues Karma auf. Das liegt daran, dass wir, wenn wir dem Sutra-Pfad folgen, in diesen Zeiträumen in unserem Geist immer noch automatisch entstehendes Greifen nach wahrer Existenz haben, bis wir die achte Bodhisattva-Stufe erreicht haben. Wir können selbst als ein Arya noch neues Karma ansammeln, wenn auch kein starkes oder so genanntes werfendes Karma, das uns in eine erneute samsarische Wiedergeburt werfen würde.

Wir versuchen nun, die Zeit, die wir in nichtkonzeptueller Konzentration auf Leerheit verbringen, zu verlängern, während wir durch die Bhumis, die Arya-Bodhisattva-Ebenen des Geistes, voranschreiten. Wir arbeiten auch daran, immer schneller abzuwechseln zwischen völliger Konzentration auf Leerheit und darauf folgendem Erlangen des Erkennens dass Erscheinungen von wahrer Existenz wie eine Illusion sind. Wir erleben auch Zeiten zwischen den Meditationssitzungen, in denen wir kochen, essen und schlafen und anderen so weit wie möglich helfen. Auch in diesen Zeiten versuchen wir zu erkennen, dass alle Erscheinungen von wahrer Existenz – mit anderen Worten, alles was wir wahrnehmen – einer Illusion gleichen. Wir versuchen, abzuwechseln und treten immer schneller und häufiger in die nichtkonzeptuelle Erkenntnis der Leerheit ein. Irgendwann sind wir in der Lage, für immer darin zu bleiben. Dann werden wir zu Buddhas und die gesamte unreine Seite unserer geistigen Aktivität hört für immer auf. Sie wird nie zurückkehren, da unsere nie endende reine geistige Aktivität und das Erscheinungs-Hervorbringen wahrer Existenz sowie das Greifen nach wahrer Existenz sich gegenseitig ausschließen. Sie können nicht zur gleichen Zeit auftreten.

Je länger wir auf Leerheit fokussiert bleiben und je häufiger wir dies tun, desto mehr schwächen wir das Karma, weil wir nichts aktivieren. Wir bauen nichts Neues auf. Dies ist der Prozess, der mit der vierten edlen Wahrheit zu tun hat – dem wahren Pfadgeist (Der Pfadgeist ist die Ebene oder der Zustand des Geistes, der als Weg in Richtung Befreiung oder Erleuchtung dient). Obgleich es sich sowohl bei der unreinen als auch der reinen Seite um Inhalte der geistigen Aktivität handelt und beide dieselbe Natur als geistige Aktivität teilen – nämlich lediglich Erscheinungen entstehen zu lassen und sie wahrzunehmen – kann geistige Aktivität mit reinen Inhalten geistige Aktivität mit unreinen Inhalten ersetzen. Mit anderen Worten, reine geistige Aktivität kann unreine geistige Aktivität für immer beenden und an ihre Stelle treten. Während des gesamten Prozesses bleibt unsere geistige Aktivität eine individuelle und subjektive: Ich erfahre sie, nicht jemand anderes.

Wie die Reinigung von Karma funktioniert

Frage: Während der nichtkonzeptuellen völligen Konzentration eines Arya auf Leerheit aktiviert ein Arya kein altes Karma und baut kein neues Karma auf. Was passiert mit seinem alten Karma? Was bedeutet es, wenn man sagt, es wird gereinigt?

Hier muss man eine etwas komplexere Analyse anwenden. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir karmische Vermächtnisse (manchmal übersetzt als karmische Samen) und die Gewohnheiten des Karma. Beide sind nichtstatische Phänomene, die weder Formen physischer Phänomene sind, noch Weisen, sich der Dinge bewusst zu sein. Der Fachausdruck dafür ist ‚nicht gemeinsam geteilte beeinflussende Variablen’. Um das in einfacher Sprache im Gelug-Stil auszudrücken (für Nicht-Gelug-Erklärungen wäre dies nicht zutreffend) könnten wir sie ‚nichtstatische Abstraktionen’ nennen.

[Siehe: Gemeinsam geteilte und nicht gemeinsam geteilte beeinflussende Variablen.]

Manchmal sind die Begriffe (karmische) Vermächtnisse und Gewohnheiten austauschbar. Wollen wir die beiden jedoch unterscheiden, dann lassen Vermächtnisse Phänomene entstehen, die ab und zu auftreten: Manchmal tun wir dies, manchmal tun wir das, manchmal fühlen wir uns glücklich, manchmal nicht. Eine Gewohnheit lässt kontinuierlich etwas entstehen. Beides sind Abstraktionen.

Was ist eine Abstraktion? Eine Abstraktion ist eine Zuschreibung. Es gibt eine Abfolge von ähnlichen Ereignissen, und auf der Grundlage dieser Abfolge sagen wir, dass es sich um ein Vermächtnis oder eine Gewohnheit handelt. Ein einfaches Beispiel wäre, gestern, vorgestern, heute Morgen, am heutigen Nachmittag und so weiter eine Tasse Kaffee zu trinken. Auf der Grundlage dieser Abfolge von ähnlichen Ereignissen sagen wir, es handele sich um eine Gewohnheit, Kaffee zu trinken. Das Vermächtnis jeder dieser Handlungen des Kaffeetrinkens ist es, dass wir wahrscheinlich wieder Kaffee trinken werden, doch nicht in jedem Moment unseres Lebens, sondern nur manchmal.

Das Vermächtnis existiert so lange, wie eine Möglichkeit für ein nochmaliges Auftreten in der Abfolge besteht, ganz gleich wie groß der Abstand zum nächsten Mal auch sein mag. Wir können nur dann sagen, dass wir immer noch ein Vermächtnis oder eine Gewohnheit haben, wenn die Möglichkeit besteht, dass es weitere Momente für das gibt, was daraus reifen würde. Wenn keinerlei Möglichkeit mehr besteht, dass es jemals weitere Momente dessen geben wird, können wir nicht sagen, dass es immer noch ein Vermächtnis oder eine Gewohnheit gibt. Sie existieren nicht mehr. So reinigen wir das Karma. Das Verständnis von Leerheit reinigt Karma, weil es das beseitigt, was Karma aktiviert – nämlich das Greifen nach wahrer Existenz auf der Basis des Erscheinungs-Hervorbringens wahrer Existenz.

Betrachten wir dies im Einzelnen, dann reift die Gewohnheit des Greifens nach wahrer Existenz nicht nur als Greifen nach wahrer Existenz in jedem Moment heran, sondern auch als das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz in jedem Moment. Die Gewohnheiten des Karma reifen nicht nur als karmisches Heranreifen heran, wie als ein gewisses wahres Leid in jedem Moment, sondern auch als unsere Erfahrung eines begrenzten Gewahrseins in jedem Moment. Wenn wir unsere geistige Aktivität vom Greifen nach wahrer Existenz befreien, dann hören wir auf, altes Karma zur Reife zu bringen und neues Karma aufzubauen. Dies beseitigt den Aspekt der Gewohnheiten des Greifens nach wahrer Existenz, die als Greifen nach wahrer Existenz heranreifen würden, sowie den Aspekt der Gewohnheiten des Karma, die als karmisches Heranreifen wahren Leids heranreifen würden.

Jetzt bleibt uns nur noch der Aspekt der Gewohnheiten des Greifens nach wahrer Existenz, die Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz entstehen lassen, sowie der Aspekt der Gewohnheiten des Karma, die begrenztes Gewahrsein entstehen lassen. Wenn wir in der Lage sind, ständig in nichtkonzeptueller völliger Konzentration über Leerheit zu verweilen, erleben wir kein Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz mehr sowie kein begrenztes Gewahrsein, das diesem entspricht . Daher können wir nicht länger sagen, dass wir Gewohnheiten des Greifens nach wahrer Existenz oder Gewohnheiten des Karma besitzen. So reinigen wir Karma.

[Siehe: Der Mechanismus von Karma: Die Darstellung des Mahayana unter Ausschluss der Gelug-Prasangika Schule.]

Flüchtige Befleckungen

Jetzt verstehen wir vielleicht ein bisschen besser, was das Wort flüchtig im Ausdruck flüchtige Befleckungen bedeutet. Die verwirrte Seite, die unreine Seite unserer geistigen Aktivität, ist ohne Anfang. Jedes individuelle, subjektive Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz sowie jedes individuelle, subjektive Greifen nach wahrer Existenz ist ohne Anfang. Sie sind immer Teil unserer geistigen Aktivität, ob es sich um Sehen, Hören, Denken oder anderes handelt, und sie sind konstant. Doch sie können wahre Beendigung erfahren, so dass sie nie wieder auftreten. Das ist es, was das Wort flüchtig bedeutet, wenn wir von einer flüchtigen Befleckung sprechen. Etwas ist flüchtig, wenn wir seine wahre Beendigung erfahren können, so dass es nie wieder auftritt – selbst im Falle von geistigen Aktivitäten, die wie das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz sowie das Greifen nach wahrer Existenz ohne Anfang und konstant sind.

Wenn wir andererseits die reine Seite der geistigen Aktivität betrachten – korrektes Verständnis und besonders nichtkonzeptuelles Erkennen der Leerheit – dann hat sie einen Anfang: wenn wir sie zum ersten Mal erfahren. Erst ist sie nicht durchgängig: Wir erfahren sie nur manchmal, nicht die ganze Zeit. Doch sie hat kein Ende. Sie hat kein Ende, weil sie nicht unterminiert werden kann. Irgendwann sind wir in der Lage, sie die ganze Zeit zu haben. Wir können nicht sagen, dass korrektes Verständnis eine flüchtige Befleckung der geistigen Aktivität ist. Es ist ein Aspekt der Buddhanatur, in dem Sinne, dass es in den Dharmakaya eines Buddha verwandelt werden kann.

Buddha-Natur

Buddhanatur bezeichnet diejenigen Faktoren, die in die verschiedenen Buddhakörper verwandelt werden können oder die für sie verantwortlich sind. Es ist umstritten, ob dieser Begriff diese Faktoren nur so lange bezeichnet, wie jene noch von Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz und Greifen nach wahrer Existenz begleitet sind, oder ob auch ihr völlig gereinigter Zustand in einem Buddha mit eingeschlossen ist.

Unabhängig davon, welche Position wir beziehen, besitzt geistige Aktivität zwei Naturen: konventionelle und tiefste. Dies sind die beiden Wahrheiten über geistige Aktivität: was sie ist und wie sie existiert. Die tiefste Natur der geistigen Aktivität, ihre Leerheit, ist ein Aspekt der Buddhanatur. Sie ist ein natürlich verweilender Faktor der Buddhanatur, weil sie für den Svabhavakaya verantwortlich ist, den Naturkörper, die Leerheit des allwissenden Gewahrseins eines Buddha. Als ein nichtbeeinflusstes Phänomen verwandelt sich die Leerheit der begrenzten geistigen Aktivität nicht in die Leerheit der allwissenden geistigen Aktivität. Die Leerheit der geistigen Aktivität bleibt dieselbe.

Die konventionelle Natur der geistigen Aktivität ist auch ein Faktor der Buddhanatur. Es ist umstritten, ab sie auch ein natürlich verweilender Faktor oder ein sich entwickelnder Faktor ist. Die meisten Gelehrten der Nicht-Gelug-Schulen sagen, sie sei auch ein natürlich verweilender Faktor der Buddhanatur. Obgleich sie alle mit dem Gelug-Standpunkt übereinstimmen, dass sie sich jeden Moment ein anderes Objekt nimmt, gehen einige davon aus, dass sie ein beeinflusstes (nichtstatisches Phänomen) und eine konventionelle Wahrheit ist, wie es die Gelug-Tradition tut, und andere behaupten, sie sei nichtbeeinflusst und eine tiefste Wahrheit. Sie ist nichtbeeinflusst in dem Sinne, dass sie nicht durch Ursachen und Bedingungen neu erschaffen wird.

Die meisten der Nicht-Gelug-Gelehrten ordnen die konventionelle Natur der geistigen Aktivität auch als einen natürlich verweilenden Faktor der Buddhanatur ein, ob sie sie nun als beeinflusstes oder nichtbeeinflusstes Phänomen betrachten. Sie bleibt dieselbe, ob sie völlig ungereinigt, teilweise gereinigt und teilweise gereinigt als ein Arya und völlig gereinigt als ein Buddha ist. Die Gelug-Tradition betrachtet sie als einen sich entwickelnden Faktor der Buddhanatur, der sich zu einem Jnana-Dharmakaya (tiefen Gewahrseins-Dharmakaya) entwickelt, das allwissende Gewahrsein eines Buddha. Alle stimmen jedoch damit überein, dass korrektes Verständnis, wie es in einem Netzwerk tiefen Gewahrseins (einer Ansammlung von Weisheit) aufgebaut wird, auch ein sich entwickelnder Faktor der Buddhanatur ist, weil es sich auch zu einem Jnana-Dharmakaya eines Buddha entwickelt. Die Diskussion über die Buddhanatur ist sehr kompliziert.

[Siehe: Buddhanatur: Erster Tag eine Abhandlung über das Uttaratantra, 2. Die ersten drei Verse des ersten Kapitels .]

Von Bedeutung ist, dass flüchtige Befleckungen wahrhaft beendet werden können und ein korrektes Verständnis, auch wenn es (noch) nicht durchgängig sein mag, nicht wahrhaft beendet werden kann; es hat kein Ende. Korrektes Verständnis ist, wie die konventionelle und tiefste Natur der geistigen Aktivität, ein Faktor der Buddhanatur und während der allwissenden geistigen Aktivität eines Buddha vorhanden. Flüchtige Befleckungen sind nicht gleichzeitig mit allwissendem Gewahrsein vorhanden; sie wurden für immer beseitigt.

Daher müssen wir darauf achten, dass wir ‚flüchtig’ nicht als ‚vorübergehend’ verstehen. Außer zu Zeiten, in denen wir uns in nichtkonzeptueller völliger Konzentration auf Leerheit befinden, sind Greifen nach wahrer Existenz und Unwissenheit konstant – bis wir sie für immer losgeworden sind. Das gleiche gilt für das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz.