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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Mahamudra und die vier edlen Wahrheiten

Alexander Berzin
Seattle, Washington, 16. April 2003
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Schreiber

1. Die vier edlen Wahrheiten in Hinblick auf geistige Aktivität

Geist als geistige Aktivität

Ich wurde darum gebeten, heute Abend über Mahamudra und die konventionelle Natur des Geistes zu sprechen. Es ist schwierig, nur über die konventionelle Natur des Geistes zu sprechen, ohne auch die tiefste Natur des Geistes zu erwähnen, da beide Naturen des Geistes unlösbar miteinander verbunden sind. Wenn wir im Mahayana über die konventionelle und tiefste Natur oder Wahrheit sprechen, reden wir über zwei verschiedene Tatsachen, die wahr in Bezug auf alles sind. Konventionelle oder relative Natur, beziehungsweise erscheinende Natur, ist das, was etwas ist; tiefste Natur ist, wie etwas existiert.

Fragen wir uns, was die konventionelle Natur des Geistes ist – was der Geist ist – dann ist ganz allgemein ausgedrückt, Geist die individuelle, subjektive geistige Aktivität mit der wir etwas erleben. Wir sprechen nicht über eine Art von Werkzeug oder ein Ding in unserem Kopf namens ‚Geist’, sondern über eine Aktivität, eine geistige Aktivität. Vom buddhistischen Standpunkt aus ist sie immer individuell und immer subjektiv. Was ist ihre Funktion, was macht geistige Aktivität? Sehr allgemein betrachtet ist geistige Aktivität das, was etwas erlebt. Geistige Aktivität nimmt sich immer ein Objekt; sie hat immer einen Inhalt.

Wie existiert geistige Aktivität? Sie existiert auf eine Weise, die frei ist von allen unmöglichen Existenzweisen. Ihre Existenzweise ist Leerheit – die Abwesenheit aller unmöglichen Existenzweisen. Die verschiedenen Lehrsysteme des Mahayana identifizieren diese unmöglichen Existenzweisen auf unterschiedliche Weise. Die Mahamudra-Meditation wird gemäß der Madhyamaka-Erklärungen der Leerheit ausgeführt.

Die Bedeutung des Begriffes Mahamudra

Mahamudra ist ein Meditationssystem, das sich mit den zwei Naturen der geistigen Aktivität befasst: Was sie ist und wie sie existiert. Das Wort Mahamudra bedeutet großes Siegel. ‚Maha’ bedeutet groß und umfassend, in dem Sinne, dass der Geist, die geistige Aktivität, alle Phänomene als Objekte umfasst. In diesem Sinne ist es etwas völlig Umfassendes.

Buddhismus definiert alle Phänomene als das, was man kennen kann. Was existiert kann gültig erkannt werden. Was nicht existiert kann nur auf ungültige Weise gekannt werden. Auf diese Weise kann alles als Objekt geistiger Aktivität benannt werden. ‚Maha’ vermittelt diese Vorstellung von Weite und Ausdehnung.

Das Wort Mudra bezeichnet ein Wachssiegel, das die Gültigkeit von etwas bestätigt. Früher versahen wichtige Personen ihre Briefe mit Wachs und Siegel als Beglaubigung, dass dieser Brief tatsächlich von ihnen stammt. Hier sind diese beiden Naturen, die konventionelle und die tiefste Natur, das Siegel für alle Momente der geistigen Aktivität aller Wesen. Sie bescheinigen die Tatsache, dass es sich um eine geistige Aktivität handelt, um Geist. Das ist eine der Erklärungen für den Begriff Mahamudra; es gibt auch andere.

Diese zwei Naturen sind nicht ‚Dinge’, die inhärent in einem Phänomen existieren und die auf Seiten des Phänomens aus eigener Kraft heraus, unabhängig von allem anderen, das Phänomen zur ‚geistigen Aktivität’ machen. Es ist nicht so, als sei der Geist eine leere Diskette, die mit zwei Naturen vorformatiert ist, die sie aus eigener Kraft zu einer funktionsfähigen ‚geistigen Aktivität’ machen. Das wäre eine unmögliche Weise dafür, wie dieses Phänomen als ‚geistige Aktivität’ existiert. Die zwei Naturen sind hingegen einfach das, was geistige Aktivität ist und wie sie existiert.

Ebenen geistiger Aktivität

Die Mahamudra-Praxis und -Meditation ist in vielen Schulen des tibetischen Buddhismus zu finden. Wir finden sie in den Kagyü- und Sakya-Linien. Wir finden sie auch in der Gelug-Linie, in der sie aufgrund ihrer kombinierten Herangehensweise Gelug-Kagyü-Linie der Mahamudra genannt wird. Dieser Ansatz kombiniert mehrere für die Kagyü-Tradition typische Shamatha-Methoden zur Entwicklung von Konzentration auf die konventionelle Natur des Geistes, verbunden mit typischen Gelug-Vipashyana-Methoden, um Leerheit als die tiefste Natur des Geistes zu erkennen. Sie enthält viele Zitate von und Verweise auf frühere Kagyü-Meister.

Um über die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Mahamudra-Traditionen zu sprechen, müssen wir erst einmal über die unterschiedlichen Ebenen geistiger Aktivität sprechen. Wir alle haben mehrere Ebenen geistiger Aktivität. Es gibt die gröbste Ebene geistiger Aktivität in Form unseres sinnlichen Gewahrseins der Dinge. Dinge zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken oder körperlich zu fühlen sind alles die gröbsten Ebenen geistiger Aktivität. Sie finden nichtkonzeptuell statt, mit anderen Worten, nicht anhand von Ideen, Worten oder Konzepten.

Dann gibt es die subtile Ebene geistiger Aktivität, das heißt unsere gewöhnliche Ebene geistiger Aktivität im Gegensatz zu unserer Sinnesaktivität. Diese hat sowohl konzeptuelle als auch nichtkonzeptuelle Aspekte. Sehr allgemein betrachtet wäre der konzeptuelle Aspekt das Denken. Etwas zu sehen wäre die grobe Ebene geistiger Aktivität und Denken die subtile Ebene.

Wir erleben auch nichtkonzeptuelle Momente geistiger Wahrnehmung. Dazu zählen zum Beispiel Träume, in denen wir scheinbar sehr subtile Sinnesobjekte erfahren – es scheint so, als würden wir im Traum Bilder sehen oder Stimmen hören oder etwas riechen, schmecken oder körperlich fühlen. Dies sind nichtkonzeptuelle Formen geistiger Wahrnehmung. Träume sind jedoch nicht ausschließlich nichtkonzeptuell, denn wir können auch in Träumen konzeptuell denken. Doch was im Traum eine Sinneswahrnehmung zu sein scheint ist nichtkonzeptuelle geistige Wahrnehmung. Ein weiteres Beispiel ist außersinnliche Wahrnehmung. Das wäre die subtile Ebene. Dies ließe sich weiter ausführen; es gibt viele Ebenen konzeptueller Wahrnehmung, aber belassen wir es hier dabei.

Dann gibt es die subtilste Ebene. Die subtilste Ebene geistiger Aktivität wird auch die Ebene des klaren Lichts der geistigen Aktivität genannt. Die Sakya-Tradition nennt sie das ursächliche immer währende Kontinuum der alles umfassenden Grundlage. Dies ist die Ebene, die einfach nur die Kontinuität von einem Moment zum anderen in einem geistigen Kontinuum gewährleistet. Sie setzt sich auch im Moment des Todes fort, wenn die anderen, gröberen Ebenen der Wahrnehmung wegfallen, sich aufgelöst haben oder nicht mehr da sind. Sie setzt sich auch bis in die Erleuchtung hinein fort.

Ein Buddha hat nur diese subtilste geistige Aktivität der Ebene des klaren Lichts. Ein Buddha hat keine gröberen Ebenen geistiger Aktivität, weil ein Buddha keine gewöhnlichen Aggregate mit einem begrenzten Körper und einem begrenzten Geist besitzt. Ein Buddha ist kein ‚fühlendes Wesen’. Die Ebene des klaren Lichts selbst ist nicht begrenzt, in dem Sinne, dass sie keine Erscheinung wahrer Existenz entstehen lässt. Noch greift in ihr der Geist nach wahrer Existenz, obgleich die Gewohnheiten wahrer Existenz noch immer da sein mögen.

Interessehalber: Rigpa (reines Gewahrsein), das in der Dzogchen-Tradition diskutiert wird, ist die Ebene des klaren Lichts der geistigen Aktivität, wenn diese ganz makellos ist, ohne die Gewohnheit des Greifens nach einer wahren Existenz. Sprechen wir über die Ebene des klaren Lichts im Allgemeinen, kann sie diese Gewohnheiten sowohl haben als auch nicht haben. Das ist der Unterschied zwischen den beiden. Der ,Geist selbst’ oder normales Gewahrsein ist in der Mahamudra-Tradition des Karma-Kagyü der makellose Aspekt der geistigen Aktivität des klaren Lichts, nicht die geistige Aktivität des klaren Lichts im Allgemeinen.

Die Analogie, die ich oft benutze, um uns verstehen zu helfen, was mit dieser Ebene des klaren Lichts gemeint ist, ist der Vergleich mit einem Radio. Die Ebene des klaren Lichts ist einfach die Ebene, dass das Radio eingeschaltet ist. Die gröberen Ebenen wären, welcher Sender eingestellt ist und in welcher Lautstärke. Ganz gleich, welcher Sender eingestellt ist (als welche Lebensform wir wiedergeboren sind), welche Sendung läuft (welche spezifische Wiedergeburt wir angenommen haben) und in welcher Lautstärke der Sender spielt (was wir als diese Wiedergeburt erleben), alles basiert darauf und erhält seine Kontinuität dadurch, dass das Radio schlichtweg eingeschaltet ist.

Mahamudra-Traditionen

Betrachten wir die Natur der geistigen Aktivität, ihre konventionelle und tiefste Natur – was geistige Aktivität ist und wie sie existiert – dann sind diese beiden Naturen wahr, ganz gleich, welche Ebene von geistiger Aktivität wir untersuchen. Die konventionelle und die tiefste Natur der geistigen Aktivität sind auf allen Ebenen dieselben: auf den Ebenen des Sehens, des Denkens und des klaren Lichts. Aufgrund dieser Tatsache gibt es zwei Mahamudra-Traditionen: die des Sutra und des Tantra.

Praktizieren wir die Sutra-Ebene des Mahamudra, versuchen wir, die Naturen der zwei gröberen Ebenen der geistigen Aktivität zu erkennen, uns auf sie zu konzentrieren und sie zu verstehen: die Ebene des Sehens und die Ebene des Denkens. Praktizieren wir die Anuttarayoga-Tantra-Ebene der Mahamudra, versuchen wir, mit den beiden Naturen der geistigen Aktivität des klaren Lichts zu arbeiten. Die Tantra-Ebene der Mahamudra ist der Bereich, der nur dem Anuttarayoga-Tantra vorbehalten ist. Diese höchste Tantra-Klasse ist der einzige Aspekt der Lehren des Buddha, der über diesen Geist des klaren Lichts spricht und die Methoden vorstellt, um zu ihm vorzudringen.

Die Kagyü- und Gelug-Kagyü-Traditionen präsentieren sowohl die Sutra- als auch die Tantra-Ebenen der Mahamudra. Die Sakya-Tradition spricht nur über die tantrische Ebene. In ihr wird die Sutra-Ebene der Mahamudra nicht erwähnt. Das liegt daran, dass die Sakya-Tradition davon ausgeht, dass es sich bei einer nichtkonzeptuellen Wahrnehmung der Leerheit – weil es eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit ist – um eine geistige Aktivität der Ebene des klaren Lichtes handeln muss. Diese Grundannahme gibt es ausschließlich in der Sakya-Tradition.

Die Karma-Kagyü-Tradition spricht von einer dritten Mahamudra-Tradition, der Essenz-Mahamudra. Dies ist Mahamudra-Praxis – entweder der Sutra- oder Tantra-Ebene – in der der Praktizierende durch die besondere Inspiration des spirituellen Meisters dazu geführt wird, die Naturen der geistigen Aktivität zu erkennen. Mit dieser Methode, die nur bei einer sehr kleinen Anzahl besonderer Praktizierender funktioniert, macht man äußerst schnelle Fortschritte. Die Sakya- und Gelug-Kagyü-Traditionen vertreten diese Art der Mahamudra-Praxis nicht.

Ein weiterer Unterschied besteht in Hinblick auf den Ansatz für das Erkennen der und die Ausrichtung auf die konventionelle Natur der geistigen Aktivität im Sutra und Tantra. In der Kagyü-Tradition besteht dieser Ansatz im Wesentlichen darin, dass wir uns beruhigen. Wenn wir uns tief genug beruhigen, werden wir in der Lage sein, zu diesen Naturen unserer geistigen Aktivität Zugang zu finden und sie zu erkennen. In den Sakya- und Gelug-Kagyü-Traditionen ist dies mehr ein aktiver Prozess des Erlernens von Definitionen und des Versuchs, sie anhand dieser Definitionen zu erkennen und sich auszurichten, statt einfach nur ruhiger zu werden und sie zu entdecken. Aber sobald wir die Definitionen einmal erlernt haben, wendet die Gelug-Kagyü-Tradition viele Kagyü-Methoden an, um ruhiger zu werden und die Naturen in der geistigen Aktivität zu erkennen.

Jede Tradition hat auch ihre eigene besondere Herangehensweise an die Leerheits-Meditation über die tiefste Natur der geistigen Aktivität. Dies entspricht den verschiedenen Weisen, wie sie Madhyamaka unterteilen und wie sie die Grundlage für diese Unterteilung bestimmen.

Hier werden wir im Allgemeinen über Mahamudra sprechen und hinsichtlich der Diskussion über Leerheit nur einem Ansatz folgen: dem der Gelug-Kagyü-Tradition, die das akzeptiert, was im Prasangika-Madhyamaka gemäß der Klärungen von Tsongkhapa vertreten wird. Es wäre zu kompliziert zu versuchen, alle Leerheitsansätze aller Mahamudra-Traditionen zu behandeln.

Die erste edle Wahrheit: wahres Leiden

Welches Thema man im Buddhismus auch zu verstehen versucht, ich finde es hilfreich, sich dem jeweiligen Thema im Hinblick auf die vier edlen Wahrheiten zu nähern. Nicht zuletzt ist dies die grundlegende Struktur, anhand derer der Buddha die Lehren zuerst präsentierte, und alles passt in diesen Rahmen. ‚Edle Wahrheiten’ sind Tatsachen des Lebens, die von Aryas (Edlen) als wahr betrachtet werden. Ein Arya ist jemand, der eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit hatte, ein hoch verwirklichtes Wesen. Für einen Arya sind diese vier wahr. Für andere nicht unbedingt.

Die erste edle Wahrheit ist die Wahrheit des Leidens oder der Probleme. Dies bezieht sich auf die fünf Aggregate unserer Erfahrung als Beispiel für das, was problematisch ist. Sie sind problematisch aufgrund ihrer Höhen und Tiefen, besonders, was das Aggregat der Gefühle betrifft.

Wir fühlen uns immer in einem gewissen Maß glücklich oder unglücklich (wir erleben Vergnügen und Schmerz). Die Gefühle von Unglücklichsein oder Schmerz, die wir ab und an erleben, ist das, was man Leiden am Leid nennt. Die gewöhnliche Art von Glück, die wir manchmal erleben, ist das, was man Leiden an Veränderung nennt. Das Problem mit Letzterem ist, dass unser gewöhnliches Glück nicht andauert. Es beseitigt nicht all unsere Probleme und Schwierigkeiten, und wir haben keine Gewissheit darüber, wie wir uns im nächsten Moment fühlen werden – ob glücklich oder unglücklich. Dies ist eine schreckliche Eigenschaft des samsarischen Glücks. Sich glücklich zu fühlen ist angenehm, so lange es andauert, doch es ist mit Problemen behaftet, nicht ideal.

Dann gibt es das alles durchdringende Leid, das einfach nur der Fakt ist, dass wir diese Aggregate besitzen und diese unter dem Einfluss von Karma (zwingenden Impulsen) stehen. Deshalb besteht die Erfahrung dieser Aggregate allein aufgrund ihrer Natur aus Höhen und Tiefen. Das ist Samsara – unkontrollierte, wiederholte Existenz.

Diese Berg- und Talfahrt-Natur von Samsara muss man unbedingt ernst nehmen, da sie starke Auswirkungen auf unsere Erfahrungen in unserer Meditation und auf unserem Pfad hat. Wenn wir meditieren und auf dem Pfad voranschreiten, ist unsere Erfahrung nie linear. Es ist nie der Fall, dass es immer nur besser und besser wird. Stattdessen geht es rauf und runter. Es wird solange weiter auf und ab gehen, bis wir Befreiung von Samsara erlangen und ein Arhat werden. Das ist eine ziemliche Errungenschaft. Den ganzen Weg bis dorthin erleben wir Zeiten, in denen uns nicht nach Meditieren ist, und Zeiten, in denen wir meditieren wollen. Es gibt Zeiten, in denen unsere störenden Emotionen stärker sind, und andere, in denen sie schwächer sind; es geht auf und ab. Das ist die Natur von Samsara. Man sollte nicht meinen, dass Samsara nur in Hinblick auf den Bereich unserer Wiedergeburt Höhen oder Tiefen hätte. Samsara geht Moment für Moment auf und ab. Am deutlichsten sehen wir das beim Aggregat der Gefühle: glücklich, unglücklich, Vergnügen, Schmerz und neutral. Das ist die erste edle Wahrheit, die Wahrheit des Leidens.

Die zweite edle Wahrheit: die wahren Ursachen des Leidens

Die zweite edle Wahrheit ist wahre Ursachen. Karma ist im Grunde die wahre Ursache für das Leid an Samsaras ständigem auf und ab. Karma handelt von den zwingenden Impulsen, die aus dem Vermächtnis unserer vergangenen Handlungen reifen. Es ist ein sehr kompliziertes Thema, das Karma, Handlungen, verschiedene Arten von karmischen Folgen und so weiter betrifft. Wir werden es hier nur ganz allgemein halten und nur das Wort Karma benutzen, um alles, was damit zu tun hat, einzuschließen.

[Siehe: Der Mechanismus von Karma: Die Darstellung des Mahayana unter Ausschluss der Gelug-Prasangika Schule.]

Aufgrund von Karma fühlen wir uns danach, etwas zu tun oder es nicht zu tun. Daraus entstehen zwingende Impulse, es zu tun oder nicht zu tun. Dann handeln wir entsprechend dieser Impulse. Als ein Resultat von Karma erleben wir auch, dass Gefühle des Glücklichseins oder Unglücklichseins entstehen. Wir haben keine Kontrolle darüber, was in Bezug auf Karma zur Reife kommt. Alle samsarischen Erlebnisse davon, das alles Auf und Ab geht, sind auch aus Karma herangereift.

Störende Emotionen, wie sehnsüchtiges Verlangen und Wut, sind auch wahre Ursachen unseres Leids. Doch die vorrangige Ursache ist unser Greifen nach einer wahren und inhärenten Existenz. Wir müssen das ein bisschen näher betrachten.

Tatsächlich gibt es einen zweifachen Aktivierungsprozess, damit Karma zu seinem Resultat heranreifen kann. Es gibt die geistige Aktivität, die in jedem Moment die Erscheinung wahrer und inhärenter Existenz entstehen lässt. Unsere geistige Aktivität, unser Geist, lässt uns Dinge ständig als wahrhaftig und inhärent existent erscheinen, als gäbe es etwas auf Seiten des Objekts, das es zu dem machte, was es ist. Die zweite Phase des Prozesses ist zu glauben, dass diese Erscheinung der Wirklichkeit entspricht. Das nennt man Greifen nach wahrer inhärenter Existenz.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Der Fahrer im Auto neben mir ist wild am Hupen und versucht, mich zu überholen. Ich habe den Eindruck, dass dieser Mensch ein Idiot ist. Diese Erscheinung entsteht; unsere geistige Aktivität produziert diese Erscheinung eines Idioten. Er ist nicht nur ein Idiot – natürlich kann es sein, dass dieser Mensch konventionell gesehen ein Idiot ist – doch unsere geistige Aktivität lässt ihn nicht nur als Idiot erscheinen, sondern vermittelt uns den Eindruck, er existiere inhärent als Idiot. Mit anderen Worten, es scheint so, als sei etwas verkehrt mit diesem Menschen, von seiner Seite aus, das ihn zum Idioten mit einem unberechenbaren Fahrstil macht, einer reinen Plage. So erscheint es uns und so fühlt es sich an. Das ist das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz.

Dann gibt es das Greifen nach wahrer Existenz, was im Grunde der Glaube ist, dass diese trügerische Erscheinung wahr ist. Genau genommen ist das Greifen nach einer wahren Existenz die Wahrnehmung der Erscheinung wahrer Existenz auf eine umgedrehte Weise, indem man sie für ein Objekt hält. Wir halten das, was nur die Erscheinung einer scheinbar wahren Existenz ist, für tatsächlich wahre Existenz. Mit einfachen Worten, wir glauben daran, dass die Erscheinung der Wirklichkeit entspricht.

Wie in unserem Beispiel: Von der Person, die am Steuer des neben mir fahrenden Autos sitzt, glaube ich, dass er wirklich ein Idiot ist, wenn er versucht, mich zu überholen. Das aktiviert Karma. Wenn wir verstehen wollen, wie wir unser Karma loswerden können, ist es wichtig, dies zu verstehen. Grundsätzlich entledigen wir uns unseres Karmas, indem wir uns von dem frei machen, was es aktiviert. Wenn das, was das Karma aktiv werden lässt, wegfällt, wenn es eine wahre Beendigung dessen gibt, so dass es nie wieder auftritt, dann haben wir uns von unserem Karma befreit. Wenn es nichts mehr gibt, das es in Gang setzt, ist es vorbei mit dem Karma. So reinigen wir Karma; so reinigt das Verständnis der Leerheit Karma.

Das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz und das Greifen unseres Geistes nach wahrer Existenz ist in jedem Moment unserer gewöhnlichen geistigen Aktivität vorhanden. Verschiedene Gelug-Textbücher erklären auf unterschiedliche Weise, wie das Greifen nach einer wahren Existenz während nichtkonzeptueller Sinneswahrnehmung funktioniert, bei der es nicht wirklich manifest ist, doch wir werden dies für unsere Zwecke an dieser Stelle beiseite lassen und nur ganz allgemein darüber sprechen. Diese Kombination des Erscheinungs-Hervorbringens von wahrer Existenz und des Greifens nach wahrer Existenz aktiviert Karma in jedem Moment unserer geistigen Aktivität. Moment für Moment setzt es Karma in Gang, das dazu heranreift, dass wir uns entweder glücklich fühlen (die unbefriedigende Art von Glück) oder unglücklich. Es bringt verschiedene Aspekte von Karma zur Reife, die zu vielen anderen Dingen heranreifen, doch diese eine Sache, bringt es jedes Mal zur Reife.

Es ist tatsächlich ziemlich schwierig zu wissen, was was zur Reife bringt. Gemäß des Gesetztes der Unabdinglichkeit von Karma reift ein Glücksgefühl aus positivem Karma und ein unglückliches Gefühl aus negativem Karma. Doch durch das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz und dem Greifen nach wahrer Existenz wird sowohl negatives wie positives Karma aktiviert. Erscheinungs-Hervorbringen ist die Grundlage für die Aktivierung, während das Greifen das Karma dann tatsächlich aktiviert. Wir können kein Greifen nach wahrer Existenz haben, wenn es kein Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz gibt. Sie sind miteinander verbunden. Das ist die wahre Ursache unserer Probleme.

Die dritte edle Wahrheit: wahre Beendigungen

Die wahren Beendigungen unseres wahren Leids und seiner Ursachen ist die dritte edle Wahrheit. Es ist ein wahres Aufhören des alles durchdringenden Problems dieser ständigen Höhen und Tiefen unserer Aggregate – wobei das Hoch das Leiden an Veränderung und das Tief das Leiden am Leid ist. Diese wahre Beendigung des Leids wird nur erreicht, wenn wir eine wahre Beendigung seiner Ursachen erreichen. Wir können Karma nur dann wirklich zum Aufhören bringen, wenn wir das beenden, was Karma in Gang setzt – das Greifen unseres Geistes nach einer wahren Existenz. Wollen wir eine wahre Beendigung erreichen, so dass Leid und seine Ursachen nie wieder auftreten, brauchen wir die Erkenntnis der Leerheit, auf nichtkonzeptuelle Weise.

Wechselbeziehung mit geistiger Aktivität

Sehen wir uns näher an, was mit wahren Beendigungen gemeint ist und wie dies mit der konventionellen und tiefsten Natur unserer geistigen Aktivität in gegenseitiger Beziehung steht, sehen wir das Folgende: Wir werden entdecken, dass die ersten beiden edlen Wahrheiten so genannte ‚flüchtige Befleckungen’ sind. Sie sind Befleckungen der geistigen Aktivität und sie gehen vorüber. Das heißt, sie sind nicht die Natur der geistigen Aktivität. Sie können beseitigt werden.

Wenn die flüchtigen Befleckungen nicht die Natur der geistigen Aktivität sind, was sind sie dann? Die Aggregate, aus denen sich unsere Erfahrung des Leidens und ihre Ursachen in Form flüchtiger Makel zusammensetzt, sind der Inhalt unserer geistigen Aktivität. Sie sind nicht das, was geistige Aktivität ist; sie sind nicht ihre bezeichnenden Merkmale. Noch sind sie das, wie geistige Aktivität existiert. Sie sind die Art der geistigen Aktivität, die wir erleben (sehen, denken, wütend sein, glücklich sein) und die Objekte dieser geistigen Aktivität. Hier benutze ich das Wort Inhalt, um sowohl vom Objekt der geistigen Aktivität als auch von der Art der geistigen Aktivität zu sprechen, weil wir kein wirklich passendes Wort haben, das für beide passt.

Diese Befleckungen sind vorübergehend und genau für sie wollen wir eine wahre Beendigung erreichen. Wir erreichen keine wahre Beendigung der konventionellen oder tiefsten Natur der geistigen Aktivität. Wir erreichen eine wahre Beendigung einer bestimmten Art von Inhalt der geistigen Aktivität – des wahren Leidens und seiner Ursachen.

Die konventionelle Natur der geistigen Aktivität

Was ist mit ‚konventioneller Natur der geistigen Aktivität’ gemeint? Um was es hierbei geht ist nicht Geist als eine Art von Objekt in unserem Kopf oder als ein Werkzeug, das die geistige Aktivität ausübt. Sondern es geht um die geistige Aktivität selbst. Sie ist individuell: Gemäß dem Buddhismus haben wir keine undifferenzierte, universelle Art von geistiger Aktivität, kein allumfassendes Bewusstsein oder kollektives Bewusstsein oder kollektives Unbewusstes. Die geistige Aktivität ist völlig individuell in jeder Person, als ein Kontinuum von Momenten, die auch individuell sind: Mein Sehen verwandelt sich nicht in Ihr Sehen. Zudem ist unsere individuelle geistige Aktivität subjektiv. Wenn ich esse, dann fühle ich mich satt und nicht Sie.

Diese geistige Aktivität erlebt oder erfährt. Das Wort erfahren ist leicht problematisch, weil wir hier keine Erfahrung aufbauen. Es handelt sich nicht um ,Erfahrung’ in diesem Sinne. Es handelt sich eher um die Wahrnehmung von Dingen; ihren Inhalt erfahren bzw. erleben – das ist es, was geistige Aktivität tut.

Die Definition der konventionellen Natur der geistigen Aktivität besteht aus drei Worten. Die (alphabetische) Reihenfolge im Deutschen ist: bloß (das heißt ausschließlich), Gewahrsein und Klarheit. Dies sind irreführende Übersetzungen. Vielmehr ist es wichtig zu verstehen, was mit diesen Begriffen gemeint ist. Sonst werden wir in der Mahamudra-Meditation auf die falsche Fährte geführt. Betrachten wir die drei Worte in der Reihenfolge, wie sie in der tibetischen Sprache präsentiert werden: Klarheit, Gewahrsein und bloß.

Klarheit

Bei Klarheit geht es nicht um ein Ding oder einer Eigenschaft, wie das deutsche Wort Klarheit nahe legen würde. Mit dem Wort Klarheit sprechen wir über die geistige Aktivität, etwas klar zu machen. Das englische Wort ,clear’ (,klar’) ist auch kein sonderlich gutes Wort, weil das tibetische Wort keine Fokussierung wie das englische Wort nahe legt. Es bedeutet auch nicht hell oder etwas in diese Richtung. Wir sprechen auf keinen Fall über eine Art von Glühbirne in unserem Kopf, die Dinge erhellt und dann ist alles klar. Stattdessen geht es darum, eine kognitive Erscheinung von etwas zu erwecken – kurz gesagt um ein Erscheinungs-Hervorbringen, die Aktivität des Entstehenlassens einer kognitiven Erscheinung. Die kognitive Erscheinung muss nicht von etwas Sichtbarem sein. Es kann auch eine kognitive Erscheinung von einem Klang, einem Geruch, einem Geschmack, einer Körperempfindung, einem Gedanken oder einer Emotion sein.

Was bedeutet das? Nehmen wir das Beispiel des Betrachtens einer Tasse. Wenn wir eine Tasse ansehen, geschehen von einem westlichen Standpunkt aus gesehen alle möglichen neuro-elektrischen und -chemischen Dinge mit den Stäbchen, Zapfen und Neuronen. Der Buddhismus würde das nicht so spezifisch ausdrücken. Im Buddhismus geht es nicht so sehr um die groben, physischen Aspekte des kognitiven Sinnesapparats, der bei der Wahrnehmung zum Einsatz kommt, wie z.B. beim Sehen. Wenn überhaupt, diskutiert der Buddhismus in erster Linie die subtilen Energieaspekte der Wahrnehmung im Hinblick auf Energiewinde (lung) und Energiekanäle. Aber lassen wir das im Moment beiseite.

Wenn wir etwas Äußerliches sehen, wie diese Tasse, gibt es das äußerliche Objekt selbst – die Tasse – die nicht mit unserem geistigen Kontinuum verbunden ist. Klarheit bezieht sich auf unsere geistige Aktivität, einen kognitiven Aspekt entstehen zu lassen, der dieser Tasse ähnelt. Dieser wird dann benutzt, um die Tasse zu kennen, erkennen und wahrzunehmen. Er ist so etwas wie ein inneres Hologramm.

Gemäß der Sakya-, Kagyü- und Nyingma-Erklärungen ist das, was wir in jedem Moment sehen, nur ein Moment zusammengesetzter farbiger Formen. Die Gelug-Tradition sagt, wir sehen außerdem tatsächlich die Tasse, weil wir die Eigenschaften von etwas nicht sehen können, ohne auch die Basis für diese Eigenschaften zu sehen. Wir werden für unsere Zwecke hier die Nicht-Gelug-Erklärung benutzen, da sie diesen Punkt im Hinblick auf die konventionelle Natur der geistigen Aktivität klarer illustriert.

Unsere geistige Aktivität wird eine kognitive Erscheinung produzieren, die nicht nur ein Momentausschnitt einer Kollage aus farbigen Formen zu sein scheint. Sie wird die kognitive Erscheinung einer Tasse entstehen lassen, als ein allgemein verständliches Objekt, das die Zeit überdauert. Diese kognitive Erscheinung ist wie ein geistiges Hologramm einer Tasse. Das allgemein verständliche Objekt ist nicht nur das Zentrum der Aufmerksamkeit für den Anblick einer Tasse, sondern auch für die körperliche Empfindung einer Tasse, und nicht nur für jeweils einen Moment, sondern eine Abfolge von Momenten. Ich kann die Tasse, ohne sie anzusehen, in meiner Hand halten. Auf der Grundlage der kognitiven Erscheinung eines Moments einer körperlichen Empfindung kann meine geistige Aktivität auch ein geistiges Hologramm produzieren, dass eine allgemein verständliche Tasse repräsentiert, die die Zeit überdauert. Das Produzieren eines geistigen Hologramms, einer kognitiven Erscheinung, ist also der Klarheitsaspekt der geistigen Aktivität.

Gewahrsein

Gewahrsein (engl. awareness) ist der zweite Aspekt der geistigen Aktivität. Wenn wir es den zweiten Aspekt nennen, müssen wir mit dem Gebrauch der Worte erster und zweiter vorsichtig umgehen. Gewahrsein ist einfach nur das zweite Wort in der Definition des Geistes. Es ist nicht so, dass diese beiden Aspekte, Klarheit und Gewahrsein, nacheinander geschehen. Sie geschehen gleichzeitig. Sie geschehen nicht nur gleichzeitig, sie beschreiben auch dieselbe geistige Aktivität, nur unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten.

Dieser zweite Aspekt der geistigen Aktivität wird gewöhnlich als Gewahrsein übersetzt. Klarheit sprach über die geistige Aktivität unter dem Gesichtspunkt des Erscheinungs-Hervorbringens, des Entstehenlassens einer kognitiven Erscheinung von etwas (eines mentalen Hologramms), sei es das Entsehenlassen einer deutlichen Erscheinung oder einer verschwommen. Auf ähnliche Weise spricht Gewahrsein über geistige Aktivität von einem anderen Standpunkt aus: als geistiges Sich-Befassen mit oder Wahrnehmen von etwas. Es ist die geistige Aktivität, etwas zu einem kognitiven Objekt zu machen, dessen wir uns gewahr sind.

Bei diesem Wahrnehmen von etwas kann es sich um jede Art von Wahrnehmen handeln. Es kann bedeuten, es zu sehen, es zu hören, es zu denken, es zu riechen und so weiter. Wir haben ein Grundbewusstsein, dass lediglich die essentielle Natur eines Objektes wahrnimmt: um welche Art von kognitivem Objekt es sich bei der Erscheinung handelt – einen Anblick, einen Klang, einen Gedanken und so weiter. Grundlegendes Bewusstsein wird von Nebenarten des Bewusstseins begleitet, die man gewöhnlich Geistesfaktoren nennt: etwas mögen, etwas nicht mögen, zu wissen, was es ist, es zu verstehen, es nicht zu verstehen und so fort. Das englische Wort aware (bewusst, gewahr) hat den Fehler, dass es nahe legt, wir wüssten, was es ist, dass wir uns über etwas bewusst sind. Doch das ist hier überhaupt nicht gemeint.

Das Hervorbringen eines geistigen Hologramms von etwas, und das kognitive Sich-Befassen mit etwas, so dass wir es erkennen, bezieht sich auf denselben Moment einer geistigen Aktivität, einfach nur aus zwei Blickwinkeln heraus beschrieben. Es handelt sich um zwei Weisen, dasselbe geistige Ereignis zu beschreiben. Es gibt das Erscheinungs-Hervorbringen und das Wahrnehmen dessen, das Erkennen dessen. Mit anderen Worten, ein geistiges Hologramm von etwas zu schaffen ist ein Akt des Erkennens, und der Akt des Erkennens von etwas bedeutet, dass man sich ein geistiges Hologramm von etwas macht.

Nehmen wir das Beispiel des Denkens: Es ist nicht so, das sich zuerst ein Gedanke regt und wir ihn erst denken, nachdem er entstanden ist. Beides beschreibt dasselbe Phänomen. Es gibt das Entstehen des Gedanken und das Denken des Gedankens; das ist dasselbe Ereignis. Das Entstehen eines geistigen Anblicks und ihn zu sehen ist dasselbe. Es ist nicht so, dass erst ein geistiges Hologramm entsteht und wir es dann sehen oder es vielleicht vorziehen, es nicht zu sehen. Nein, so ist es nicht. Es handelt sich um dieselbe Aktivität unter verschiedenen Blickwinkeln.

Bloß

Dann gibt es das Wort bloß. Das Wort bloß impliziert, dass das alles ist, was die geistige Aktivität betrifft. Es gibt kein wahrhaftig existentes ‚Ich’ das dieses Ereignis geschehen lässt, das es kontrolliert oder das von ihm getrennt wäre und es beobachtet. Es gibt keinen inhärent existierenden Geist, der diese geistige Aktivität ausübt oder sie geschehen lässt. Natürlich gibt es eine körperliche Basis für diese Aktivität; aber dies ist nur eine andere Art, dies zu beschreiben. Das kommt in der höchsten Tantra-Klasse zur Sprache, wenn von der subtilsten Energie die Rede ist.

Die subtilste Energie ist die subtilste Ebene der geistigen Aktivität, beschrieben unter dem Blickwinkel der Energie. Es gibt auch gröbere Energieebenen, die auch beim mit dem konzeptuellen Denken beteiligt sind, bei den störenden Emotionen, Sinneswahrnehmungen und so weiter. Von Energie zu sprechen ist nur eine andere Weise, dasselbe Phänomen zu beschreiben, geistige Aktivität. Die Energie und die geistige Aktivität haben dieselbe essentielle Natur, gewöhnlich als ‚von einer Natur’ übersetzt. Das bedeutet, die beiden beschreiben dasselbe Phänomen unter verschiedenen Blickwinkeln. Das ist genau so, wie die beiden Wahrheiten die gleiche essentielle Natur teilen. Die beiden Wahrheiten beschreiben dasselbe Phänomen – welches Phänomen auch immer – unter zwei Blickwinkeln: Was es ist und wie es existiert.

Die physische Basis der geistigen Aktivität ist nicht etwas, das unabhängig von der geistigen Aktivität existiert und diese geistige Aktivität ‚tut’. Auf ähnliche Weise gibt es kein separates wahrhaft existentes Etwas namens ‚Geist’, das als Werkzeug für ein wahrhaft existentes ‚Ich’ dient und von diesem zum Denken benutzt wird. Trotzdem denken wir vielleicht: „Ich werde meinen Geist benutzen und versuchen, es zu verstehen.“ So fühlt es sich an. „Ich werde meinen Geist einsetzen“ oder „Ich war nicht ganz bei Verstand.“ Diese Ausdrucksweisen sind irreführend. Es fühlt sich so an, als gäbe es ein getrenntes ‚Ich’ und einen getrennten ‚Geist’, aber so existieren die Dinge in Wirklichkeit nicht.

Um es zusammenzufassen: die konventionelle Natur der geistigen Aktivität (des Geistes) ist bloß, Klarheit und Gewahrsein. Es ist gleichzeitiges Erschaffen und Erkennen der Erscheinungen, und dies geschieht, ohne dass es ein wahrhaft und inhärent existentes ‚Ich’ oder einen wahrhaften und inhärent existenten Geist gäbe, der es geschehen lässt.

Reine und unreine geistige Aktivität

Jeder der drei Aspekte der Definition der geistigen Aktivität, jedes der bestimmenden Charakteristika, kann eine unreine oder eine reine Seite haben. Dies bezieht sich auf den Inhalt der geistigen Aktivität: darauf, welche Art von Erscheinungs-Hervorbringen es ist und welcher Art die Wahrnehmung dieser Erscheinungen ist. Das ist Inhalt, und dieser Inhalt kann entweder rein oder unrein sein. Hierbei ist es sehr wichtig zu verstehen, dass sich diese Unterscheidung zwischen reiner und unreiner geistiger Aktivität nicht auf die konventionelle Natur des Geistes bezieht.

Was die unreine Seite betrifft, gibt es hinsichtlich das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz und hinsichtlich der Wahrnehmung das Greifen (unseres Geistes) nach wahrer Existenz. Die unreine Seite von ‚bloß’ wäre, das es ein wahrhaft existentes ‚Ich’ gäbe, das diese geistige Aktivität ausübt, getrennt von der geistigen Aktivität, und diese Aktivität geschehen lässt. Solch ein ‚Ich’ existiert noch nicht einmal konventionell. Aber das Erscheinungs-Hervorbringen von wahrer Existenz und das Greifen danach existieren; sie treten auf. Alles das ist Inhalt und hat keine Auswirkungen auf die tatsächliche Natur der geistigen Aktivität und darauf, wie sie existiert, auf die tatsächliche Natur dessen, was passiert.

Man sollte sich bewusst sein, dass unreines Erscheinungs-Hervorbringen das gewöhnliche Erscheinungs-Hervorbringen der fünf Aggregate unserer Erfahrung ist – unserer fünf Aggregate, die mit Verwirrung vermischt sind (die ‚kontaminierten’ Aggregate). Sie scheinen wahrhaft existent zu sein und wir glauben, dass sie auf diese Weise existieren. Wie wir uns erinnern, sind dies die ersten beiden edlen Wahrheiten.

Die reine Seite der geistigen Aktivität ist das Erscheinungs-Hervorbringen einer völligen Abwesenheit von wahrer Existenz (Leerheit) und das Erscheinungs-Hervorbringen so genannter ‚reiner Erscheinungen’. Reine Erscheinungen sind Erscheinungen von nichtwahrhaft existierenden Phänomenen, , das heißt Erscheinungen von Phänomenen, die aufgrund von gegenseitiger Abhängigkeit entstehen. Nennen wir sie Erscheinungen von abhängig entstehenden Phänomenen. Gemäß der Gelug Prasangika-Tradition bedeutet abhängiges Entstehen ein Entstehen, das lediglich von einer geistigen Bezeichnung abhängt. Reine Wahrnehmung ist die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit im Gegensatz zum Greifen nach einer wahren Existenz. Das wäre die nichtkonzeptuelle Wahrnehmung einer absoluten Abwesenheit wahrer inhärenter Existenz: Die Wahrnehmung, dass es so etwas wie wahre inhärente Existenz nicht gibt. Dies ist eine unmögliche Existenzweise.

Die vierte edle Wahrheit: wahre Pfade

Reines Erscheinungs-Hervorbringen von Leerheit und reine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit sind die vierte edle Wahrheit: wahre Pfade des Geistes, die zu wahren Beendigungen führen. Mit anderen Worten, sie sind wahre Pfade.

Sprechen wir über die Wahrnehmung von jemanden aus einer Sutra-Perspektive, dann findet nichtkonzeptuelle Wahrnehmung, bevor diese Person ein Buddha wird, mit einer gröberen Ebene des Geistes statt. Es ist eine geistige Wahrnehmung – die subtile Ebene geistiger Aktivität, die mittlere Ebene. Zu diesem Zeitpunkt wäre alles, was wir von der reinen Seite der geistigen Aktivität erfahren können, das Erscheinungs-Hervorbringen einer Abwesenheit von wahrer Existenz mit der Wahrnehmung der Leerheit. Dies geschähe mit dem Verständnis, dass es kein inhärent existierendes ‚Ich’ und keinen inhärent existierenden Geist gibt, die die Aktivität ausüben.

Bleiben wir auf der Sutra-Ebene, wäre unser einziges reines Erscheinungs-Hervorbringen vor der Buddhaschaft das Erscheinungs-Hervorbringen einer Erscheinung von Leerheit: die Erscheinung einer Abwesenheit von wahren Existenz. Das liegt daran, dass die subtilen oder groben Ebenen der geistigen Aktivität, wenn sie eine Erscheinung der konventionellen Wahrheit eines Objektes hervorbringen, wie den Anblick einer Vase, nur die Erscheinung hervorbringen können, dass die Vase wahrhaftig existent sei. Da geistige Aktivität nicht gleichzeitig die Erscheinung einer wahren Existenz und die Erscheinung einer völligen Abwesenheit wahrer Existenz hervorbringen kann, kann unsere geistige Aktivität vor dem Erreichen der Buddhaschaft keine reinen Erscheinungen der konventionellen Wahrheiten hervorbringen. Sie kann nur reine Erscheinungen der tiefsten Wahrheit entstehen lassen – Erscheinungen von Leerheit.

Nur die geistige Aktivität der Allwissenheit eines Buddha kann reine Erscheinungen der konventionellen Wahrheiten hervorrufen: Erscheinungen von konventionellen Wahrheiten als abhängig entstehende Phänomene, die völlig leer sind von wahrer Existenz. Weil allwissende geistige Aktivität solche Erscheinungen hervorbringen kann, kann sie simultan Erscheinungen von Leerheit hervorbringen – die absolute Abwesenheit von wahrer Existenz. Daher kann nur die allwissende geistige Aktivität eines Buddha die Erscheinungen der beiden Wahrheiten gleichzeitig produzieren und beide gleichzeitig wahrnehmen. Dies entspricht der Sutra-Präsentation und spezifisch der Gelug-Präsentation des Sutra.

Sprechen wir aber vom Anuttarayoga-Tantra, dann kann auch bevor wir Buddhaschaft erreichen die geistige Aktivität des klaren Lichts Erscheinungen der beiden Wahrheiten gleichzeitig entstehen lassen. Vor der Buddhaschaft hat ist der geistigen Aktivität des klaren Lichts, immer noch die Gewohnheiten des Greifens nach einer wahren Existenz auferlegt , doch diese Gewohnheiten lassen keine Erscheinung von wahrer Existenz entstehen, solange geistige Aktivität des klaren Lichts auftritt. Geistige Aktivität des klaren Lichts tritt vor der Erleuchtung nur zum Zeitpunkt des Todes oder durch die Kraft der Meditation auf.

Zu den größten Vorteilen des Zugangs zur geistigen Aktivität des klaren Lichts gehört,, dass die geistige Aktivität des klaren Lichts keine Erscheinungen von wahrer Existenz produziert und dass sie subtiler ist als die Ebenen der geistigen Aktivität, die nach wahrer Existenz greifen. In der Praxis des Anuttarayoga-Tantra können wir bereits auf der Stufe eines Arya die beiden Wahrheiten gleichzeitig erkennen. Die geistige Aktivität des klaren Lichts einer nichtkonzeptuellen völligen Vertiefung in Leerheit (einer meditativen Ausgewogenheit), ausgeführt von einem Arya des Anuttarayoga-Tantra, kann gleichzeitig die reine Erscheinung von nichtwahr existenten, abhängig entstehenden Wahrheiten hervorbringen. Als ein Buddha besteht unsere geistige Aktivität ausschließlich aus geistiger Aktivität des klaren Lichts.

Erläuterungen zur geistigen Aktivität des klaren Lichts

Frage: Wenn wir gleichzeitige Wahrnehmung von Leerheit und abhängig entstehenden Phänomenen haben, kann bei uns zur selben Zeit konzeptuell noch etwas anderes vor sich gehen?

Nein. Geistige Aktivität des klaren Lichts ist subtiler als die Ebene der geistigen Aktivität, auf der konzeptuelles Denken geschieht. Konzeptuelle Wahrnehmung geschieht nur mit dem subtilen geistigen Bewusstsein, nie mit geistiger Aktivität des klaren Lichts. Gemäß Kedrub Norzang-Gyatso, dem Tutor des zweiten Dalai Lama, lässt geistige Aktivität des klaren Lichts automatisch eine Erscheinung der Abwesenheit von wahrer Existenz entstehen, zum Beispiel beim klaren Licht des Todes. Es hat jedoch nicht unbedingt ein Verständnis von dieser Erscheinung der Abwesenheit, die es produziert. Darüber hinaus produziert geistige Aktivität des klaren Lichts, auch wenn sie eine Erscheinung von Leerheit hervorbringt, nicht unbedingt gleichzeitig eine Erscheinung von abhängig entstehenden Phänomenen. Das kann der Fall sein oder auch nicht. Wenn wir zum Beispiel geistige Aktivität des klaren Lichts durch die Kraft der Anuttarayoga-Tantra-Meditation manifestieren, produziert die erste Phase dieser Aktivität keine Erscheinungen von abhängig entstehenden Phänomenen. Solche Erscheinungen produziert es erst auf einer weiter fortgeschrittenen Stufe der Praxis.

Darüber hinaus kann geistige Aktivität des klaren Lichts keine reinen Erscheinungen abhängig entstehender Phänomene entstehen lassen, ohne gleichzeitig eine Erscheinung einer Abwesenheit wahrer Existenz (eine Erscheinung von Leerheit) hervorzubringen. Das liegt daran, dass die Erscheinung abhängig entstehender Phänomene eine Erscheinung nichtwahrhaft existenter Phänomene ist.

Ein weiterer Punkt: Während die geistige Aktivität des klaren Lichts manifest ist, kann sie nie etwas konzeptuell wahrnehmen. Gemäß der Gelug-Tradition produzieren konzeptuelle geistige Aktivität und sinnesbezogene geistige Aktivität immer Erscheinungen von wahrer Existenz. Geistige Aktivität des klaren Lichts produziert Erscheinungen einer Abwesenheit von wahrer Existenz. Die beiden Arten von Erscheinungs-Hervorbringen und Erscheinungen (unreinen und reinen) schließen sich gegenseitig aus. Sie können nicht gleichzeitige auftreten.

Darüber hinaus produziert unsere geistige Aktivität, wenn wir in der Meditation nichtkonzeptuelle völlige Konzentration auf die Leerheit haben, eine Erscheinung der Abwesenheit von wahrer Existenz. Das gilt sowohl für das Sutra als auch für das Anuttarayoga-Tantra. In der Zeit unserer nachfolgender Erlangung (Nachmeditation), die noch in der Meditation oder danach auftreten kann, bringt unsere geistige Aktivität wieder Erscheinungen von wahrer Existenz hervor. Dies geschieht solange, bis wir Buddhaschaft erlangt haben, egal ob wir Sutra oder Anuttarayoga-Tantra praktizieren.

Im Falle des Anuttarayoga-Tantra ist unsere geistige Aktivität des klaren Lichts nur während der völligen Konzentration eines Aryas manifest, nicht zu Zeiten der anschließenden Errungenschaft. In Zeiten der anschließenden Errungenschaft, in denen unsere geistige Aktivität wieder Erscheinungen wahrer Existenz hervorbringt, erkennen wir aber, dass sie wie Illusionen sind: Sie existieren nicht wirklich auf die Weise, wie sie zu existieren scheinen. Wir lassen uns von diesen unreinen Erscheinungen nicht zum Narren halten.

Sutra präsentiert denselben Punkt, doch im Hinblick auf yogische direkte Wahrnehmung (yogische bloße Wahrnehmung), statt Wahrnehmung des klaren Lichts. Yogische einfache Wahrnehmung ist nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit mit geistigem Bewusstsein. Auch sie lässt keine Erscheinungen von wahrer Existenz entstehen und greift nicht nach wahrer Existenz. Auch sie ist nur für einen Arya während der völligen Konzentration über die Leerheit manifest. Während der anschließenden Errungenschafts-Phase, wenn unsere gewöhnlichen nichtkonzeptuellen und konzeptuellen Wahrnehmungen wieder Erscheinungen von wahrer Existenz entstehen lassen, erkennen wir auch, dass sie wie Illusionen sind.