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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Russische und Japanische Beziehungen
zum vorkommunistischen Tibet:
Die Rolle der Shambhala-Legende

Alexander Berzin, April 2003
Übersetzung ins Deutsche: Nailu Sari

Badmaevs Vorschlag einer russischen Annektierung Tibets

Die Mandschu-Kaiser der chinesischen Qing Dynasty (1644-1911) erlebten während dem neunzehnten Jahrhundert ihren Niedergang. Zahlreiche Länder suchten ihre Schwäche auszunutzen, um wirtschaftliche oder territoriale Konzessionen zu erhalten. Zu diesen Ländern gehörten nicht nur Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Portugal, sondern auch Russland und Japan.

Im Jahr 1893 beispielsweise unterbreitete der buryatisch-mongolische Arzt Piotr Badmaev dem Zaren Alexander III einen Plan, um Teile des Qing-Reiches, einschließlich der Inneren Mongolei, der Äußeren Mongolei und Tibets, unter russische Herrschaft zu bringen. Er schlug vor, die Transsibirische Eisenbahn vom buryatischen Heimatland am Baikalsee durch die Innere und Äußere Mongolei bis ins chinesische Ganzhou, das an der tibetischen Grenze liegt, zu verlängern. Wenn dies vollendet wäre, würde er in Tibet mit buryatischer Hilfe einen Aufstand organisieren, der es Russland erlauben würde, das Land zu annektieren. Badmaev schlug ebenfalls vor, eine russische Handelsgesellschaft in Asien zu etablieren. Graf Sergei Yulgevich Witte, von 1882 bis 1903 russischer Finanzminister, unterstützte die beiden Pläne Badmaevs, doch Zar Alexander akzeptierte keinen von ihnen.

[ Kartenansicht.]

Nach Alexanders Tod wurde Badmaev zum Leibarzt seines Nachfolgers, des Zaren Nikolas II (Regierungszeit: 1894 bis 1917). Bald gab der neue Zar seine Zustimmung zur Gründung einer Handelsgesellschaft. Ihr Fokus war allerdings die Pazifikküste, wo Russland und Japan um die Kontrolle über Port Arthur, einen eisfreien Hafen an der Südspitze der Mandschurei, rivalisierten. Anfänglich konnte Japan Port Arthur gewinnen, doch bald übernahm Russland den Hafen. Der Zar ließ die Transsibirische Eisenbahn durch die nördliche Mandschurei bis nach Wladiwostok verlängern und verband sie mit Port Arthur. Baedmaevs Vorschläge bezüglich Tibet griff Nikolas jedoch nicht auf.

[Für eine detailliertere Darstellung siehe: Die Ausnutzung der Shambhala-Legende zum Zweck der Kontrolle über die Mongolei.]

Dorjiev und Zar Nikolas II

Der buryatisch-mongolische Mönch Agvan Dorjiev (1854-1938) studierte ab 1880 im tibetischen Lhasa und wurde schließlich einer der Meisterdebattierpartner (Hilfstutoren) des Dreizehnten Dalai Lama. Er wurde ebenfalls der einflussreichste politische Ratgeber des Dalai Lama.

Die Britisch-Chinese Konvention von 1890 hatte Sikkim zu einem britischen Protektorat gemacht. Die Tibeter erkannten die Konvention nicht an und waren besorgt über die britischen und chinesischen Pläne für ihr Land. So besuchte Dorjiev im Jahr 1899 Russland, um zu sehen, ob er Hilfe sichern könnte, um diesen Bedrohungen zu begegnen. Dorjiev war ein Freund Badmaevs und hoffte, dass Russlands nordostasiatische Expansionspolitik, die auf Kosten Chinas ging, sich auf die Himalayaregion ausweiten würde. Graf Witte empfing ihn bei diesem Besuch und bei mehreren Folgebesuchen. Im Namen der buryatischen und kalmückischen Mongolen, die in St. Petersburg lebten, bat Dorjiev auch um die Erlaubnis, dort einen buddhistischen Tempel bauen zu dürfen. Obwohl die russischen Behörden an keinem der beiden Vorschläge interessiert waren, sandte Dorjiev dem Dalai Lama einen Brief, in dem er sagte, es gäbe gute Aussichten auf Hilfe.

Der Dalai Lama und seine Minister zögerten anfänglich, doch Dorjiev überzeugte ihn nach seiner Rückkehr nach Lhasa davon, sich schutzsuchend an Russland zu wenden. Er argumentierte, Russland sei das nördliche Königreich von Shambhala, das legendäre Land, in dem die Kalachakra-Lehren bewahrt wurden, und Zar Nikolas II sei die Inkarnation des Tsongkhapa, des Gründers der Gelug-Tradition. Als Beleg wies er darauf hin, dass der Zar die Gelug-Tradition unter den Buryaten, Kalmücken und dem Turkvolk der Tuva im russischen Reich beschützte. Von seinen Argumenten überzeugt sandte der Dalai Lama ihn im Jahr 1900 erneut nach Russland.

Zu dieser Zeit war Prinz Esper Ukhtomski der Leiter des Russischen Amtes für Fremde Glaubensrichtungen. Der Prinz interessierte sich stark für die „lamaistische“ Kultur und schrieb später mehrere Bücher über sie. Er lud Dorjiev zu einem Treffen mit dem Zaren ein, und dies war die erste von mehreren Audienzen, die Dorjiev im Namen des Dalai Lama hatte. In den folgenden Jahren reiste Dorjiev mehrere Male zwischen dem Zaren und dem Dalai Lama hin und her. Es gelang ihm allerdings nie, die russische Militärunterstützung für Tibet zu sichern.

In „Sturm über Asien“ (1924), schrieb der deutsche Geheimagent Wilhelm Filchner, es sei zwischen 1900 und 1902 in St. Petersburg stark darauf gedrängt worden, Tibet für Russland zu sichern. Allerdings scheint dieser Druck lediglich in den Bemühungen von Dorjiev bestanden zu haben, die von Badmaev und Witte unterstützt wurden,. Auf der Rückreise von seiner Zweiten Tibetexpedition (1899-1902) nach Europa hatte der schwedische Forscher Sven Hedin, ein leidenschaftlicher Bewunderer Deutschlands, eine Audienz bei Zar Nikolas II. Später schrieb er, er habe den Eindruck gewonnen, dass Prinz Ukhtomski den Zaren dazu dränge, Tibet zu einem russischen Protektorat zu machen. In den Schriften des Prinzen äußert sich ein derartiges Interesse allerdings nicht.

Intrigen zwischen Japan, Russland, Großbritannien und China und ihre Wirkung auf Tibet

Der japanische Zenpriester Ekai Kawaguchi besuchte Tibet von 1900 bis 1902 um buddhistische Texte in Sanskrit und Tibetisch zu sammeln. Bei seiner Rückkehr durch das britische Indien gab er Sarat Chandra Das, einem indischen Spion der Engländer, der Tibet 1879 und 1881 besucht hatte, die Fehlinformation, dass Russland in Tibet eine Militärpräsenz unterhalte. Zu dieser Zeit bereitete sich Japan wegen der Mandschurei auf einen Krieg mit Russland vor. Es hatte kurz zuvor mit dem Briten die Anglo-Japanische Allianz (1902-1907) unterzeichnet, in der beide Seiten garantierten, neutral zu bleiben, wenn die andere Seite sich im Kriegszustand befinden sollte. Es scheint, als habe der japanische Priester, indem er Zwietracht zwischen England und Russland säte, bewirken wollen, dass Großbritannien Russland im kommenden Krieg nicht unterstütze. Er hoffte vermutlich auch, dass britische Proteste bezüglich Tibet die russische Aufmerksamkeit von der Mandschurei ablenken würden.

In seinem Buch „Drei Jahre in Tibet“, das 1909 in Benares von der Theosophischen Gesellschaft publiziert wurde, berichtete Kawaguchi, er habe von Dorjievs Pamphlet gehört, in dem auf Tibetisch, Mongolisch und Russisch behauptet wurde, Russland sei Shambhala und der Zar die Inkarnation des Tsongkhapa. Er hatte es jedoch nie persönlich gesehen. Kawaguchi sprach auch von einer Japanisch-Tibetischen Buddhistischen Koalition, doch keine der beiden Seiten machte je Pläne, sie ins Werk zu setzen.

Kawaguchis Bericht und später auch sein Buch erlangten bei den britischen Behörden in Indien einen hohen Bekanntheitsgrad. Charles Bell etwa, der britische Political Officer in Sikkim, zitierte es in „Tibet Past and Present“ (1924). Er schrieb, Dorjiev habe den Dalai Lama auf die russische Seite gezogen, indem er ihm erzählte, wie Russland Teile der Mongolei (Buryatien) kontrolliere und beschütze, wie immer mehr Russen den tibetischen Buddhismus annähmen und wie der Zar ihn wahrscheinlich auch annehmen würde.

Lord Curzon, der zur Zeit von Kawaguchis Bericht britischer Vizekönig von Indien war, war den Russen gegenüber extrem paranoid. Da er von Seiten der Russen eine Übernahme und ein Monopol des Handels mit Tibet befürchtete, befahl er mit der Younghusband-Expedition (1903-1904) die britische Invasion Tibets. Zusammen mit Dorjiev floh der Dalai Lama nach Urga (Ulaan Baatar), die Hauptstadt der Mongolei. Nachdem er geschlagen war, unterzeichnete der tibetische Regent im Jahr 1904 die Konvention von Lhasa, die die britische Kontrolle von Sikkim anerkannte und den Briten Handelsbeziehungen und das Stationieren von Truppen und offiziellen Vertretern in Lhasa erlaubte, um die Handelsniederlassung zu beschützen.

Einige Monate später brach in der Mandschurei der Russisch-Japanische Krieg (1904-1905) aus, in dem die Japaner die Truppen des Zaren besiegten. Der Dalai Lama blieb in der Mongolei, da die Briten und Chinesen 1906 eine Konvention unterzeichneten, die die chinesische Oberherrschaft über Tibet bestätigte. Die Konvention zog rasch einen chinesischen Annexionsversuch Tibets nach sich. Der Dalai Lama sandte einmal mehr Dorjiev an den russischen Hof um militärische Hilfe zu erbitten.

Im Jahr 1907 unterbreitete Dorjiev dem Vizepräsidenten der Russischen Gesellschaft für Geographie, P. P. Semyonov-Tyan-Shansky, einen Bericht mit dem Titel „Über die Annäherung Russlands, der Mongolei und Tibets“. In diesem Text forderte er die Vereinigung der drei Staaten, um eine große buddhistische Konföderation zu gründen. Die russischen Behörden lehnten dies glatt ab.

In der Englisch-Russischen Konvention von 1907 einigten sich Großbritannien und Russland darauf, sich aus den inneren Angelegenheiten Tibets herauszuhalten und nur mit China als Vermittler zu verhandeln. Ohne sich davon abhalten zu lassen, bat Dorjiev 1908 den russischen Außenminister, zumindest einen buddhistischen Tempel in St. Petersburg zu bauen, den die Behörden abgelehnt hatten, als er 1899 zum ersten Mal den Vorschlag gemacht hatte. Diesmal jedoch willigte der Zar ein. Man schrieb das Jahr 1909.

Der Dalai Lama kehrte am Ende des Jahres 1909 kurz nach Lhasa zurück, doch bald trafen chinesische Truppen ein. Anfang 1910 floh der Dalai Lama nach Indien, wo er unter britischem Schutz in Darjeeling verweilte, etwas südlich von Sikkim. Hier schloss er mit Sir Charles Bell Freundschaft, der ihn in Sachen Modernisierung beeinflusste.

Ereignisse in Folge der Chinesischen Nationalistischen Revolution von 1911

In den Jahren 1911-1912 stürzte die Mandschuherrschaft der chinesischen Qing-Dynastie. Yüan Shih-k’ai (Yuan Xikai), der neue Präsident der Nationalen Republik Chinas, verfolgte gegenüber Tibet weiterhin die expansionistische Politik der Mandschus und lud den Dalai Lama dazu ein, „dem Mutterland“ beizutreten. Der Dalai Lama lehnte ab und unterbrach alle Verbindungen zu China. Er gründete ein Kriegsbüro, um eine bewaffnete Rebellion gegen die Chinesen zu führen. Die chinesischen Truppen ergaben sich bald, vor allem wegen der chaotischen Situation in China. Sobald die Soldaten Anfang 1913 Tibet verlassen hatten, kehrte der Dalai Lama nach Lhasa zurück.

Später im selben Jahr fand die erste öffentliche Zeremonie im buddhistischen Tempel von St. Petersburg statt – ein Langes-Leben-Gebet um das 300-jährige Jubiläum des Hauses der Romanov zu feiern. Der Dalai Lama sandte Gratulationsgeschenke und es verbreitete sich ein Gerücht, nach dem er Alexis, den Kronerben, als einen Bodhisattva erkannt habe, der die Nicht-Buddhisten des Nordens erleuchten werde. Trotzdem blieb eine militärische Hilfe seitens der Romanovs aus.

Nachdem der Vertreibung der chinesischen Truppen aus einigen Gebieten von Kham (Südost-Tibet) handelten die Tibeter 1914 mit den Briten die Konvention von Simla aus. Da die Briten eine vollständige Unabhängigkeit Tibets nicht unterstützen wollten, ging der Dalai Lama einen Kompromiss ein. Die Briten garantierten die tibetische Autonomie unter einer bloß nominellen chinesischen Oberherrschaft. Die Briten unterschrieben auch, dass sie Tibet nicht annektieren würden und dass sie China ebenfalls nicht erlauben würden, dies zu tun.

Die Chinesen unterschrieben die Konvention nie und die Briten kamen den Tibetern während der in Kham andauernden Grenzscharmützel mit den Chinesen nie zur Hilfe. Der Dalai Lama begann anderweitig nach Unterstützung zu suchen.

Tibet erhält von Japan militärische Anleitung

Der japanische Sieg im Russisch-Japanischen Krieg hatte den Dalai Lama beeindruckt. Er begann nun, sich für die Meiji-Restauration und für die Modernisierung Japans zu interessieren, als ein Modell für die Modernisierung Tibets in einem buddhistischen Rahmen. So wandte sich Tibet, angesichts einer anhaltenden chinesischen Militärbedrohung und des Fehlens einer russischen oder britischen Unterstützung, an Japan, um die tibetische Armee zu modernisieren. Besonders interessiert daran, mit Japan eine enge Beziehung einzugehen, war Tsarong, der Leiter der Münzpresse und des Arsenals und der Favorit des Dalai Lama.

Yajima Yasujiro, ein Veteran des Russisch-Japanischen Krieges, kam nach Lhasa um von 1913 bis 1919 Truppen auszubilden und Ratschläge zur Verteidigung gegen die Chinesen zu geben. Aoki Bunkyo, ein japanischer buddhistischer Priester, übersetzte Handbücher der japanischen Armee ins Tibetische. Er half auch dabei, die Nationalflagge Tibets zu entwerfen, indem er traditionellen tibetischen Symbolen eine von einem Strahlenkranz umringte, aufgehende Sonne beifügte. Dieses Motiv war auch das der damaligen Flaggen der japanischen Kavallerie und Infanterie und wurde später, im Zweiten Weltkrieg, das Vorbild für die Flaggen der japanischen Marine und der japanischen Armee.

 


Japanische Fahme der Marine und Armee

Tibetische Fahne

 


Erfolglos war jedoch der Versuch des Dalai Lama, darüber hinausgehende Militärhilfe von Japan zu erhalten. Im Jahr 1919 wurde die japanische Armee in Korea, das von Japan 1910 annektiert worden war, stark durch die Unterdrückung einer Unabhängigkeitsbewegung in Anspruch genommen. Dann, in den 1920er Jahren, wandte Japan seine Aufmerksamkeit stärker der Mandschurei und der Mongolei zu und blieb an Tibet nur für wissenschaftliche buddhistische Forschung interessiert. Die letzten Japaner verließen Tibet 1923, als das große Kanto-Erdbeben Tokio und Yokohama zerstörte.

Im nächsten Jahr bauten die Briten eine Polizeitruppe in Lhasa auf. Es kam zu einem Zusammenstoß zwischen der Polizei und dem tibetischen Militär, die mit dem Tod eines Polizisten endete. Tsarong bestrafte den Mörder streng, doch die Antimodernisierungs-Faktion in der tibetischen Regierung nutzte dies aus, um den Dalai Lama gegen ihn aufzubringen. Sie wiesen darauf hin, dass Tsarong ohne die Einwilligung des Dalai Lama gehandelt hatte und beschuldigten das Militär, eine Regierungsübernahme zu planen. Der Dalai Lama enthob Tsarong im Jahr 1925 seines Amtes als Oberster Befehlshaber der Armee und entließ ihn im Jahr 1930 aus dem Kabinett. Auf diese Weise war der Hauptbefürworter der Allianz mit Japan zum Schweigen gebracht.

Im Dezember 1933 starb der Dalai Lama. Tibet nahm mit Japan bis ins Jahr 1938 keinen Kontakt mehr auf, als Tsarong wieder auftauchte, um bei den Verhandlungen mit einer offiziellen Expedition der Deutschen, der Verbündeten Japans im Kampf gegen die Ausbreitung des internationalen Kommunismus, eine Rolle zu spielen.

Bemühungen um Tolerierung des Buddhismus in Russland und der Mongolei durch die Kommunisten

Aus der Russischen Revolution von 1917 ging die Sowjetunion hervor. Lenin setzte die antireligiöse Politik des Kommunismus anfänglich nicht um. Angesichts des weit um sich greifenden Bürgerkrieges hatte die Konsolidierung seiner Macht eine höhere Priorität. Selbst als die kommunistische Herrschaft sich stabilisiert hatte, fehlte es dem Staat in den 1920er Jahren an der Infrastruktur, um die Systeme der Erziehung und der medizinischen Versorgung zu ersetzen, die die buddhistischen Klöster in Buryatien, Kalmückien und Tuva gewährleisteten. Deshalb tolerierte die Kommunistische Partei den Buddhismus während dieser Periode.

Am Ende des Jahres 1919 verzichteten mehrere mongolische Fürsten auf den autonomen Status der Äußeren Mongolei und unterwarfen sich der chinesischen Herrschaft. Chinesische Truppen drangen unter dem Vorwand, die Mongolei vor den Sowjets zu beschützen, in das Land ein. Gegen Ende des Jahres 1920 unternahm der fanatische Antibolschewik Baron von Ungern-Sternberg von Buryatien aus eine Invasion der Mongolei. Er besiegte die Chinesen und setzte den traditionellen buddhistischen Herrscher des Landes, den Achten Jebtsundampa, wieder als Staatsoberhaupt ein. Darauf machte er sich daran, unterschiedslos alle verbleibenden Chinesen und alle Mongolen, die der Kollaboration verdächtigt wurden, zu massakrieren.

1921 gründete der mongolische Revolutionär Sukhe Batur in Buryatien die Provisorische Kommunistische Regierung der Mongolei. Die Lehren des Kalachakra erfreuten sich in der Mongolei einer historisch langanhaltenden Beliebtheit. Sukhe Batur nutzte den Glauben, den die Mongolen an sie hatten, aus, indem er ihre Lehren verdrehte und seinen Anhängern sagte, sie würden in der Armee von Shambhala wiedergeboren, wenn sie kämpften, um die Mongolei von der Unterdrückung zu befreien.

Mit der Hilfe der sowjetischen Roten Armee trieb Sukhe Batur im weiteren Verlauf des Jahres 1921 Ungern aus der Mongolei. Er beschnitt die Macht des Jebtsundampa und erlaubte der Sowjetischen Armee, die Kontrolle des Landes zu behalten. Die Russen benutzten als Vorwand, dass die Sowjetunion die Unabhängigkeit der Mongolei garantiere und sie gegen weitere chinesische Aggressionen schütze. Die sowjetische Armee blieb, bis der Jebtsundampa im Jahr 1924 starb und kurz darauf die Mongolische Volksrepublik ausgerufen wurde.

Während dieser Periode verbrachte Barchenko, ein russischer Gelehrter, der sich mit Parapsychologie befasste und Verbindungen zum sowjetischen Politbüro hatte, mehrere Monate in der Mongolei. Dort erfuhr er etwas vom Kalachakra. Er kam zur Überzeugung, dass dessen Betonung materieller Partikel und dessen Vorstellungen von historischen Zyklen und von der Schlacht zwischen der Armee Shambhalas und den Invasionstruppen die kommunistischen Lehren des dialektischen Materialismus vorwegnähmen. Er wollte die höheren bolschewistischen Funktionären hiermit bekannt machen und organisierte daher nach seiner Rückkehr in Moskau mit einigen von ihnen einen Kalachakra-Studienzirkel. Der einflussreichste Teilnehmer war Gleb Bokii, der georgische Leiter einer Sonderabteilung des sowjetischen militärischen Geheimdienstes (der OGPU, der Vorläufer des KGB). Bokii war der leitende Kryptograph dieses Geheimdienstes und benutzte Entschlüsselungsstechniken, die mit paranormalen Phänomenen zu tun hatten.

Auch andere Russen waren der Ansicht, dass der Kommunismus und der Buddhismus sich miteinander vereinbaren ließen. Nikolai Roerich (1874 – 1 947) beispielsweise war ein russischer Theosoph, der zwischen 1925 und 1928 auf der Suche nach Shambhala durch Tibet, die Mongolei und die Altaigebiete Zentralasiens reiste. Er stellte sich die legendäre Heimat der Kalachakra-Lehren als ein Land des universellen Friedens vor. Aufgrund seiner Verbindungen zu Barchenko und ihres gemeinsamen Interesses am Kalachakra unterbrach Roerich 1926 seine Reise und besuchte Moskau. Dort sandte er vermittels des sowjetischen Außenministers Chicherin einen Brief an das sowjetische Volk. Sich an Blavatskys Briefe von Mahatmas aus dem Himalaya erinnernd, sagte Roerich, auch dieser Brief stamme von den himalayischen Mahatmas. Der Brief lobte die Revolution dafür, dass sie, unter anderem, “die Plage des Privatbesitz” eliminiert habe und „Hilfe bei der Schaffung der Einheit Asiens“ leiste. Als Geschenk der Mahatmas brachte er eine Handvoll tibetischer Erde, um sie auf das Grab von „ unserem Bruder, Mahatma Lenin“ zu streuen. Obwohl Shambhala in diesem Brief nicht erwähnt wird, führt er den theosophischen Mythos einer wohlwollenden Hilfe von Seiten der Meister Zentralasiens bei der Schaffung des Weltfriedens fort, diesmal im Einklang mit der messianischen Mission Lenins.

[Siehe: Falsche fremdländische Mythen über Shambhala .]

Dank Bokiis Einfluss wollte die OGPU Roerich die Rückkehr nach Zentralasien finanzieren, damit er seine Kontakte weiter pflegen konnte, aber sie wurde von Chicherin überstimmt. Aber später im Jahr 1926 und im Jahr 1928 finazierte die OGPU zwei Expeditionen nach Lhasa, die von kalmückisch-mongolischen Offizieren in der Verkleidung von Pilgern geleitet wurden. Ihr Hauptziel war das Sammeln von Informationen und das Erforschen von Möglichkeiten, um den internationalen Kommunismus in Zentralasien weiter zu verbreiten und die Machtsphäre der Sowjetunion auszudehnen. Daher schlugen die kalmückischen Offiziere dem Dreizehnten Dalai Lama vor, dass die Sowjetunion ihm, falls er sich mit ihnen verbünden würde, die Unabhängigkeit Tibets garantieren und das Land vor den Chinesen schützen würde.

Während dieser Periode versuchten buddhistischen Persönlichkeiten in der Sowjetunion und in der Mongolei ebenfalls, den Buddhismus mit dem Kommunismus zu versöhnen, indem sie Ähnlichkeiten zwischen den beiden Glaubenssystemen herausstellten. Ab 1922 wurde der buddhistischen Tempel in Leningrad (St. Petersburg) zum Zentrum der Bewegung für die Wiedererweckung des Glaubens. Die Bewegung, die von Dorjiev geleitet wurde, war ein Versuch, den Buddhismus zu reformieren um ihn der sowjetischen Realität anzupassen, indem der Lebensstil der Mönche dem frühen Buddhismus entsprechend stärker vergemeinschaftlicht wurde. Beim ersten All-Unions-Rat der Buddhisten der UdSSR im Jahr 1927 betonte Dorjiev weiter die Ähnlichkeit des buddhistischen und kommunistischen Denkens im Wirken zum Wohl der Menschen. Als Nachfolgeaktion zur ersten OGPU-Expedition nach Lhasa schickte Dorjiev dem Dreizehnten Dalai Lama einem Brief, in dem er die sowjetische Politik gegenüber ihren nationalen Minderheiten lobt. Er schrieb, dass Buddha eigentlich der Gründer des Kommunismus sei, dass Lenin eine hohe Meinung vom Buddha gehabt habe und dass der Geist des Buddhismus in Lenin weitergelebt habe. Dorjiev versuchte einmal mehr, seinen Einfluss zu nutzen, um den Dalai Lama davon zu überzeugen, sich der Sowjetunion zuzuwenden, wie er es zuvor getan hatte, als er Russland mit Shambhala und Zar Nikolas mit Tsongkhapa gleichgesetzt hatte.

Das Hauptanliegen von Dorjiev war allerdings zweifellos, den Buddhismus in der Sowjetunion und in der Mongolischen Volksrepublik zu beschützen. Buddhistische Persönlichkeiten in der Mongolei, wie Darva Bandida und der Buryate Jamsaranov, folgten Dorjievs Vorstoß, indem sie ebenfalls versuchten, den Buddhismus mit dem Kommunismus zu versöhnen. Daher schuf Dorjiev im Zusammenhang mit seinem Ziel, den Buddhismus zu schützen, im Jahr 1928 im Leningrader Tempel eine Mongolisch-Tibetische Gesandtschaft. Im selben Jahr entsandte der OGPU seine zweite Expedition nach Lhasa.

Die kommunistische Verfolgung des Buddhismus und das Aufstieg Japans zu einem Beschützer des Buddhismus

Bis zum Ende des Jahres 1928 konsolidierte Stalin seine Kontrolle über die Sowjetunion. 1929 begann er sein Programm zur Kollektivierung und zur Bekämpfung der Religion, das er auch auf seine buddhistischen Untertanen ausdehnte. Die Mongolei folgte umgehend diesem Beispiel, setzte Stalins Politik jedoch in einer noch fanatischeren und aggressiveren Weise um. Dorjiev informierte den Dalai Lama über alle Geschehnisse und überzeugte ihn davon, den Sowjets nicht zu vertrauen. Zahlreiche mongolische Mönche rebellierten gegen die Verfolgung und begannen den sogenannten Shambhala-Krieg von 1930-1932. Stalin schickte 1932 die sowjetische Armee um die Rebellion niederzuwerfen und die „Linksabweichung“ der Mongolischen Kommunistischen Partei zu mildern.

Stalins Entscheidung war auch dadurch hervorgerufen worden, dass die Japaner früher im selben Jahr die Mandschurei und den Osten der Inneren Mongolei erobert hatten und dort den Marionettenstaat Manchukuo gegründet hatten. Er war besorgt, dass Japan versuchen würde, die Buddhisten von Buryatien und der Äußeren Mongolei als Bündnispartner zu gewinnen, um ihre Gebiete zu Teilen eines buddhistischen Imperiums zu machen. Außerdem brauchte Stalin die Mongolei als Pufferstaat zwischen der Sowjetunion und dem wachsenden japanischen Imperium. Daher befahl Stalin während der folgenden zwei Jahre den Mongolen ihr Antireligions-Programm abzumildern, um ihre buddhistische Bevölkerung nicht auf die japanische Seite zu treiben. Unter der Politik der Neuen Wende erlaubte die Mongolische Kommunistische Partei sogar die Wiedereröffnung mehrerer Klöster. In ihrer Propaganda gestärkt durch diese offizielle Akzeptanz des Buddhismus, plante der OGPU für den Winter 1933/34 eine weitere Expedition nach Tibet. Diese kam allerdings nie zustande, da Stalin bald seine Meinung änderte und dem Buddhismus gegenüber eine immer härtere Haltung einnahm.

Im Jahr 1933 weitete Japan Manchukuo aus, indem es im Süden Jehol (Chengde) annektierte. Jehol war die Sommerhauptstadt der Mandschus gewesen. Sie hatten versucht, die Stadt zum Zentrum des tibetischen und mongolischen Buddhismus unter der Herrschaft der Qing-Dynastie zu machen. Am Ende des Jahres verbot Stalin dem St. Petersburger buddhistischen Tempel die Abhaltung öffentlicher Zeremonien. Stalin begann seine Verfolgungen sowohl in der Sowjetunion als auch in der Mongolei jedoch erst ernsthaft, als sein Stellvertreter, Kirov, im Jahr 1934 ermordet wurde. Dieses Ereignis markierte den Beginn der Großen Säuberungen.

Als im Jahr 1935 zwischen dem japanischen Manchukuo und der Äußeren Mongolei Grenzscharmützel ausbrachen, ließ Stalin in Leningrad die ersten buddhistischen Mönche festnehmen. 1937 eroberte Japan den Rest der Inneren Mongolei und Nordchinas. Um die Mongolen als Bundesgenossen zu gewinnen, schlugen die Japaner vor, den Neunten Jebtsundampa, den traditionellen politischen und religiösen Herrscher der Mongolen, wiedereinzusetzen und einen pan-mongolischen Staat zu gründen, der die Innere und die Äußere Mongolei sowie Buryatien umfassen würde. In ihren Bemühungen, die Mongolen auf ihre Seite zu gewinnen, behaupteten sie sogar, Japan sei Shambhala. Angesichts der kommunistischen Unterdrückung verbreiteten zahlreiche Mönche in der Mongolei und in Buryatien die japanische Propaganda.

Die sowjetische kommunistische Parteizeitung „ Izvestiya“ warf Dorjiev vor, hinter dieser Taktik zu stecken und klagte ihn an, ein japanischer Spion zu sein. Stalin ließ Dorjiev im weiteren Verlauf des Jahres 1937 verhaften. Alle Mönche, die noch im Leningrader Tempel übrigblieben, wurden erschossen, und die Mongolisch-Tibetische Gesandtschaft wurde geschlossen. Dorjiev starb Anfang1938.

[Siehe: Die Ausnutzung der Shambhala-Legende zum Zweck der Kontrolle über die Mongolei.]

Die chinesische Anstrengungen, Tibet zu gewinnen und die ineffektiven britischen Schutzangebote

Die Tibeter, die von Dorjiev auf dem Laufenden gehalten wurden, verfolgten diese Periode der kommunistischen Unterdrückung in der Sowjetunion und der Mongolei mit Besorgnis. Sie machten sich ebenfalls Sorgen über die Absichten, die die Chinesen ihrem Land gegenüber hatten. Als Chiang Kai-sheks Nationalistische Regierung Chinas im späten 1928 ihr Amt antrat, beanspruchte sie Tibet und die Mongolei weiterhin als Teile Chinas. Eine ihrer ersten Maßnahmen war die Gründung der Kommission für Mongolische und Tibetische Angelegenheiten. Sie unterstützte ebenfalls die Position des Neunten Panchen Lama in seiner Auseinandersetzung mit der tibetischen Regierung. Der Panchen Lama hatte seit 1924 in China gelebt. Er hielt an folgenden Forderungen fest: relative Unabhängigkeit von Lhasa, Steuerbefreiung, Recht auf eigene Truppen und Erlaubnis, von den Soldaten, die ihm die chinesische Regierung zur Verfügung gestellt hatte, nach Tibet zurückeskortiert zu werden. Der Dalai Lama akzeptierte seine Forderungen nicht.

Zwischen 1930 und 1932 kämpften die Tibeter und die Chinesen um die Kontrolle von Teilen von Kham. Der Dalai Lama bat die Briten darum, China um einen Waffenstillstand anzugehen. Großbritannien machte Chiang Kai-shek Angebote, ohne ein Ergebnis zu erzielen. Erst als Japan die Mandschurei und den Osten der Inneren Mongolei eroberte und Manchukuo gründete, erklärte China einen Waffenstillstand in Kham, um seine Aufmerksamkeit der nordöstlichen Front zuwenden zu können. Einmal mehr hatten sich die Briten, trotz der Konvention von Simla von 1914, als ineffektive Beschützer Tibets erwiesen.

Der Dreizehnte Dalai Lama starb im Dezember 1933 und Reting Rinpoche wurde zum Regenten. Die Chinesen sandten eine Delegation mit großzügigen Geschenken um zu sehen, ob Tibet nun dazu bereit war, der Republik China beizutreten. Die tibetische Regierung lehnte das Angebot ab und betonte die tibetische Unabhängigkeit aufs Neue. Einer der tibetischen Minister empfahl, dass man von Japan militärische Unterstützung anfordern solle, um die Chinesen in Schach zu halten, doch die Nationalversammlung ignorierte den Vorschlag fürs Erste.

Der Reting-Regent war willens, auf einige Forderungen des Panchen Lama mit einem Kompromiss einzugehen, weigerte sich jedoch, die chinesische Eskorte zu gestatten. Als er die Briten um militärische Hilfe für den Fall bat, dass die Chinesen doch kämen, lehnten sie dies ab. Sie waren lediglich dazu bereit, die Chinesen zu bitten, ihre Truppen zurückzuziehen. Chiang Kai-shek verweigerte dies.

Anfang 1936 machte sich der Panchen Lama mit seiner chinesischen Militäreskorte nach Tibet auf. Gefechte zwischen den nationalistischen Truppen und den chinesischen kommunistischen Rebellen auf ihrem Langen Marsch verhinderte seine Weiterreise durch Kham. Während der folgenden Monate kam es zwischen der tibetischen, der chinesischen und der britischen Regierung über das weitere Schicksal des Panchen Lama zu komplexen Verhandlungen. Schließlich erklärte sich Reting dazu bereit, die chinesische Eskorte zu akzeptieren, falls die Briten garantierten, dass die chinesischen Truppen das Land sofort nach ihrer Ankunft Richtung Indien verlassen würden. China protestierte heftig gegen den Plan einer ausländischen Garantie, und die Briten zögerten. Es kam zu einer Pattsituation.

1937 nahm Japan den Rest der Inneren Mongolei und Nordchinas ein. Da China nun voll in den Krieg mit Japan verwickelt war, schlug es vor, der Panchen Lama solle derweilen auf chinesisch beherrschtem Territorium warten, was er auch tat. Am Ende des Jahres erkrankte der Panchen Lama und starb, wodurch der Zwischenfall beendet wurde. Die bleibende Folge war allerdings ein tiefes Misstrauen der tibetischen Regierung gegenüber den Chinesen und die Überzeugung, dass Großbritannien als Schutzinstanz vollkommen unzuverlässig war.

Erneutes tibetisches Interesse an Kontakten zu Japan und Nazideutschland

Hitler wurde 1933 deutscher Reichskanzler, im selben Jahr, in dem der Dreizehnte Dalai Lama starb. Angesichts der Grenzscharmützel zwischen Manchukuo und der Äußeren Mongolei sowie der Stationierung sowjetischer Truppen in letzterer unterschrieb Japan im November des Jahres 1936 den Anti-Komintern-Pakt mit Deutschland. Der Pakt erklärte ihre gemeinsame Feindschaft gegen die Verbreitung des internationalen Kommunismus. Sie einigten sich darauf, dass keiner von ihnen einen politischen Bund mit der Sowjetunion eingehen würde und dass sie sich im Falle eines sowjetischen Angriffes auf einen der beiden Staaten darüber absprechen würden, welche Maßnahmen sie ergreifen sollten, um ihre Interessen zu schützen.

1937 eroberte Japan die westliche Hälfte der Inneren Mongolei und Nordchinas. Deutschland annektierte im selben Jahr Österreich und einen Teil der Tschechoslowakei. Stalins Säuberungen standen auf ihrem Höhepunkt, die Chinesen hatten die Absicht, als Vorspiel zu einer Annexion eine militärische Präsenz in Tibet zu etablieren und Großbritannien traute sich nicht, eine ernsthafte Hilfe zu bieten. Daher suchte Tibet einmal mehr anderswo nach militärischer Unterstützung und Schutz. Die vernünftigste Alternative war Japan. So stellte die tibetische Regierung, die nun ausschließlich vom Reting-Regenten kontrolliert wurde, die Kontakte wieder her.

Viele Tibeter bewunderten Japan als ein buddhistisches Land, das zu einer Weltmacht und, besonders in der Inneren Mongolei, zu einem Beschützer des Buddhismus geworden war. Außerdem hatten die Japaner zwanzig Jahre früher bei der Ausbildung der tibetischen Armee geholfen; die tibetischen Armeehandbücher waren Übersetzungen der japanischen. Japan hatte seinerseits ein strategisches Interesse an Tibet. Während es seine Groß-Ostasiatische Sphäre Gemeinschaftlichen Wohlstandes ausdehnte, sah es Tibet als einen nützlichen Puffer gegen das britische Indien. Dies passte gut zum tibetischen Wunsch, von China unabhängig zu bleiben.

Die Nazi-Expedition nach Tibet

Aufgrund des japanisch-deutschen Anti-Komintern-Paktes dachte Tibet daran, ebenfalls einen offiziellen Kontakt zur deutschen Regierung herzustellen. Die Entscheidung hatte nichts mit einer Unterstützung der Ideologie oder der Politik der Nazis zu tun, sondern entsprang der praktischen Notwendigkeit und den Schwierigkeiten dieser Periode. Die konservative tibetische Regierung ging allerdings vorsichtig vor. Sie lud eine Forschungsexpedition der Nazi-Regierung dazu ein, während der Losarfeierlichkeiten (Neujahr) Tibet zu besuchen. Dies führte 1938-1939 zur Dritten Tibet-Expedition von Ernst Schäffer. Die Briten meldeten Bedenken an, doch die Tibeter ignorierten ihren Protest.

Schäffer war Jäger und Biologe. Die Motive seiner beiden vorangehenden Expeditionen nach Tibet, die 1931 – 1932 und 1934 – 1936 stattfanden, waren der Sport und die zoologische Forschung. Diese dritte Expedition allerdings wurde vom „Ahnenerbe“ ausgesandt. Die Deutschen interessierten sich nicht dafür, Tibet Schutz oder militärische Unterstützung zu bieten. Dies zeigt sich deutlich an der Wahl der Delegationsteilnehmer. Außer Schäffer umfasste das Team einen Anthropologen, einen Geophysiker, einen Filmemacher und einen technischen Leiter. Die Hauptaufgabe des Teams scheint das Vermessen der Schädel der Tibeter gewesen zu sein, um nachzuweisen, dass letztere die Vorfahren der Aryer waren und damit eine akzeptable Zwischenrasse zwischen den Deutschen und den Japanern darstellten.

Nach Aussage okkultistischer Naziquellen suchte die Expedition ebenfalls die Unterstützung der Meister von Shambhala, die Hüter geheimer psychischer Mächte seien, für die Sache der Nazis. Shambhala, so wurde später gesagt, hätte sich geweigert, Hilfe zu leisten, doch die okkultistischen Meister des unterirdischen Reiches von Agharti hätten eingewilligt und Tausende von Tibetern seien nach Deutschland gegangen. Diese Behauptungen scheinen allerdings nicht den Tatsachen zu entsprechen. Obwohl die Deutschen zahlreiche Schädel zurückbrachten, um sie weiter zu untersuchen, weist keiner ihrer Berichte darauf hin, dass irgendwelche Tibeter sie nach Deutschland begleiteten. Außerdem folgten keine weiteren deutschen Expeditionen.

[Siehe:  Die Nazi-Verbindung zu Shambhala und Tibet]

Entwicklungen in der Zeit nach der Schäffer-Expedition

Nach der Schäffer-Expedition veränderte sich innerhalb von wenigen Monaten die politische und militärische Landschaft dramatisch. Im Mai 1939 drang Japan in die Äußere Mongolei ein, wo es einem hartnäckigen Widerstand der sowjetischen Armee begegnete. Während die Schlacht in der Mongolei noch tobte, brach Hitler im August 1939 den Anti-Komintern-Pakt, den er mit Japan geschlossen hatte, und unterschrieb den Hitler-Stalin-Pakt, um einen Krieg an zwei europäischen Fronten zu vermeiden. Im folgenden Monat marschierte er in Polen ein, etwa zur selben Zeit, als Japan in der Mongolei geschlagen wurde. Die Ereignisse zeigten den Tibetern, dass weder Japan noch Deutschland einen sicheren Schutz gegen die Sowjets boten. Da überdies Japan bei der Eroberung des restlichen Chinas wenig Fortschritte machte, wandte es seine Aufmerksamkeit stattdessen Indochina und dem Pazifik zu. Japan schien nicht weiter als Beschützer gegen die Chinesen in Frage zu kommen. Daher blieb Tibet keine andere Wahl als die Briten und der schwache Schutz, den die Konvention von Simla ihnen bot.

Im September des Jahres 1940 schlossen Deutschland, Japan und Italien ein militärisches und wirtschaftliches Bündnis. Im Juni 1941 brach Hitler seinen Pakt mit Stalin und griff die Sowjetunion an. Keines der beiden Ereignisse konnte die Tibeter allerdings dazu bewegen, noch einmal in Erwägung zu ziehen, den Schutz der Achsenmächte zu suchen. Tibet blieb während des Zweiten Weltkrieges neutral.

Das Interesse der Japaner an Tibet hielt allerdings an und wurde zu Beginn des Jahres 1942, nach ihrer Invasion Burmas, sogar noch stärker. Sie planten, über den Norden Burmas nach Tibet einzudringen, und die Kaiserliche Japanische Regierung organisierte zu diesem Zweck ein Büro für Großasien. Als Ratgeber für tibetische Angelegenheiten ernannte die Regierung Aoki Bunkyo, der zwanzig Jahre zuvor die japanischen Armeehandbücher ins Tibetische übersetzt hatte. Mit seiner Hilfe bereiteten die Japaner Landkarten und Tibetisch-Japanische Wörterbücher vor. Sie druckten sogar tibetisches Geld für den Tag, an dem sie Tibet in ihrer Sphäre Gemeinsamen Wohlstands mit einschließen würden. Aufgrund von Japans Niederlage im Jahr 1945 gelang es den Japanern allerdings nie, ihre Pläne für Tibet in die Tat umzusetzen.