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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Verbindung der Nazis mit Shambala und Tibet

Alexander Berzin
Mai 2003, überarbeitet im Dezember 2003
Übersetzung ins Deutsche: Zoltan Sipos und Wolfgang Niepold

[Dieser Artikel ist auch auf Slowenisch verfügbar.]

Einführung

Viele hochrangige Mitglieder des Nazi-Regimes, einschließlich Hitlers, aber insbesondere Himmler und Hess, hingen verschrobenen okkultistischen Vorstellungen an. Von einigen dieser Vorstellungen angespornt, sandten die Deutschen zwischen 1938 und 1939, auf Einladung der tibetischen Regierung, eine Expedition nach Tibet, um an den Losarfeierlichkeiten (Neujahr) teilzunehmen.

Tibet hatte in seiner Geschichte leiden müssen unter chinesischen Annexionsversuchen sowie fehlgeschlagenen britischen Versuchen, diese Aggression zu verhindern bzw. Tibet zu beschützen. Die Sowjetunion unter Stalin verfolgte den Buddhismus auf das Heftigste, insbesondere die tibetische Form, wie sie unter den Mongolen innerhalb der sowjetischen Grenzen und im Satellitenstaat der Sowjetunion, der VR Mongolei (Äußere Mongolei), praktiziert wurde. Im Gegensatz dazu unterstützte Japan den Tibetischen Buddhismus der Inneren Mongolei, die es als einen Teil Manchukuos, seines Marionettenstaates in der Mandschurei, annektiert hatte. Aufgrund der Behauptung, dass Japan Shambhala sei, versuchte die kaiserliche Regierung die Unterstützung der Mongolen, die unter ihrer Herrschaft standen, für eine Invasion der Äußeren Mongolei und Sibiriens zu gewinnen, zur Bildung einer gesamtmongolischen Föderation unter japanischem Schutz..

In Anbetracht der labilen Situation erwog die tibetische Regierung die Möglichkeit, ebenfalls unter den Schutz Japans zu gelangen. Japan und Deutschland unterzeichneten 1936 einen Nichtangiffspakt, in dem sie ihre gemeinsame Feindschaft gegenüber der Ausbreitung des internationalen Kommunismus erklärten. Die Einladung zum Besuch einer offiziellen Delegation seitens Nazi-Deutschlands erging in diesem Zusammenhang. Im August 1939, kurz nach der deutschen Expedition nach Tibet, brach Hitler seinen Pakt mit Japan und unterzeichnete den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Im September schlugen die Sowjets die Japaner zurück, die im Mai in der Äußeren Mongolei eingefallen waren. Infolgedessen erwuchs nie etwas Substantielles aus den japanischen und deutschen Kontakten mit der tibetischen Regierung.

[Für weitere Einzelheiten, siehe: Russische und Japanische Beziehungen zum vorkommunistischen Tibet: Die Rolle der Shambhala-Legende.]

Einige Autoren, die nach dem Zweiten Weltkrieg über Okkultismus schrieben, haben behauptet, dass der Buddhismus und die Legende von Shambhala eine Rolle in dem offiziellen deutsch-tibetischen Kontakt spielten. Lassen Sie uns diesen Sachverhalt untersuchen.

Die Mythen von Thule und Vril

Das erste Element des Nazi-Okkultismus war der Glaube an ein mythisches Land Hyperborea-Thule. So wie Platon die ägyptische Legende des versunkenen Kontinents von Atlantis zitiert hatte, erwähnte Herodot die ägyptische Legende vom Kontinent Hyperborea im hohen Norden. Als Eis dieses alte Land zerstört habe, seien seine Bewohner nach Süden ausgewandert. In seinen Schriften von 1679 setzte der schwedische Autor Olaf Rudbeck die Atlantiden mit den Hyperboreern gleich und lokalisierte die Letzteren am Nordpol. Entsprechend mehreren Überlieferungen hat sich Hyperborea in die Inseln Thule und Ultima Thule aufgespalten, die manchmal mit Island und Grönland gleichgesetzt wurden.

Das zweite Element war die Idee eines hohlen Erdinneren. Am Ende des siebzehnten Jahrhunderts nahm der britische Astronom Sir Edmund Halley als erster an, dass die Erde ein Hohlkörper sei, bestehend aus vier konzentrischen Kugeln. Die Theorie der hohlen Erde entfachte die Vorstellungskraft vieler Menschen. Hier sei insbesondere die Veröffentlichung des Romans „Journey to the Center of the Earth“ („Reise zum Mittelpunkt der Erde“) des Franzosen Jules Vernes im Jahre 1864 erwähnt.

Bald tauchte der Begriff Vril auf. Im Jahre 1871 beschrieb der britische Romancier Edward Bulwer-Lytton in „The Coming Race“ („Die kommende Rasse“) eine höherstehende Rasse, die Vril-ya, die unter der Erde lebten und die Erde mit Vril, einer psychokinetischen Energie, zu erobern planten. Der französische Autor Louis Jacolliot entwickelte den Mythos weiter in Les Fils de Dieu („Die Söhne Gottes“) (1873) und Les Traditions indo-européennes („Die Indo-Europäischen Traditionen“) (1876). In diesen Büchern brachte er Vril mit dem unterirdischen Volk von Thule in Verbindung: Die Thuleaner würden eines Tages die Vril-Energie nutzbar machen, um Übermenschen zu werden, und dann die Welt regieren.

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) hob ebenfalls die Vorstellung des Übermenschen hervor und begann sein Werk „Der Antichrist“ (1888) mit der Zeile, “ Sehn wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyperboreer.” Obwohl Nietzsche niemals Vril erwähnte, unterstrich er in der in seinem Nachlass publizierten Aphorismensammlung „Der Wille zur Macht“ die Rolle einer inneren Kraft bei der Entwicklung des Übermenschen. Er schrieb, dass die gewöhnlichen Menschen nach Sicherheit in der „Herde“ streben durch die Schaffung von Moral und Regeln, während den Übermenschen eine vitale Kraft innewohnt, die sie drängt, über die Herde hinauszugehen. Diese Kraft zwingt sie dazu, die Herde zu belügen, um unabhängig und frei bleiben zu können von der Herdenmentalität.

In den Jahren vor und während dem Ersten Weltkrieg popularisierten Guido von List, Jörg Lanz von Liebenfels und Phillip Stauff die Ariosophische Bewegung. Die Ariosophie verschmolz das Rassenkonzept aus der Theosophie mit dem deutschen Nationalismus um die Überlegenheit der arischen Rasse zu behaupten als Rechtfertigung für eine Eroberung der kolonialen Weltreiche der Briten und Franzosen durch Deutschland als rechtmäßigen Herrscher über die minderwertigen Rassen. Es muss jedoch angemerkt werden, dass sich die theosophische Bewegung mit ihren Rassenlehren niemals eine Berechtigung dazu anmaßte, die Höherwertigkeit einer Rasse im Vergleich mit einer anderen zu behaupten oder das natürliche Recht einer Rasse, über eine andere zu herrschen.

In „The Arctic Home of the Vedas“ („Die arktische Heimat der Veden“) (1903), fügte der frühe Verfechter der Freiheit Indiens, Bal Gangadhar Tilak, eine weitere Verbindung hinzu, indem er in der Wanderung der Thuleaner nach Süden den Ursprung der arischen Rasse sah. So glaubten am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts viele Deutsche daran, dass sie die Nachkommen der Arier wären, die aus Hyperborea-Thule südwärts gewandert und dazu bestimmt wären, durch die Macht von Vril zur Herrenrasse der Übermenschen zu werden. Auch Hitler vertrat diese Auffassung..

Die Thule-Gesellschaft und die Entstehung der NSDAP

Felix Niedner, der deutsche Übersetzer der altnordischen „Eddas“, gründete die Thulegesellschaft im Jahre 1910. Im Jahre 1918 begründete Rudolf Freiherr von Sebottendorf deren Münchner Zweigstelle. Zuvor hatte Sebottendorf einige Jahre in Istanbul gelebt, wo er 1910 eine geheime Vereinigung gründete, die esoterischen Sufismus und Freimaurerei verband. Diese bekannten sich zum Glauben der Assassinen, einer Gemeinschaft, die aus der Nazari-Sekte des Ismaili-Islam entsprungen war und während der Kreuzzüge ihre Blütezeit hatte. Während seiner Istanbuler Zeit wurde Sebottendorf zweifellos auch mit der gesamt-turanische Bewegung der Jugtürken vertraut, die im Jahre 1909 begann und in großen Maßen hinter dem armenischen Genozid der Jahre 1915-1916 stand. Die Türkei und Deutschland waren während des Ersten Weltkrieges Verbündete. Nach der Ankunft in Deutschland war Sebottendorf auch Mitglied des Germanenordens, der 1912 als rechte Vereinigung mit einer geheimen antisemitischen Loge im Geiste der ariosophischen Bewegung gegründet wurde. Durch diese Verbindungen fanden arische Überlegenheit, Rassismus, Antisemitismus, Attentate und Genozid Eingang in das Credo der Thulegesellschaft. Der Antikommunismus kam später, im Jahre 1918, hinzu, als während der bayerischen kommunistischen Revolution die Münchner Thulegesellschaft das Zentrum der konterrevolutionären Bewegung wurde.

Im Jahre 1919 baute die Thule-Gesellschaft die Deutsche Arbeiterpartei auf. Es wird gesagt, dass später im gleichen Jahr Dietrich Eckart, ein Mitglied des inneren Kreises der Thule-Gesellschaft, Hitler in diese Vereinigung einführte und ihn in seinen Methoden zu unterweisen begann, wie man Vril nutzbar machen könne, um eine Rasse von arischen Übermenschen zu schaffen. Hitler war seit seiner Jugend, als er sich in Wien mit Okkultismus und Theosophie beschäftigte, mystisch veranlagt gewesen. Später widmete Hitler Dietrich Eckart „Mein Kampf“. Im Jahre 1920 wurde Hitler der Kopf der Deutschen Arbeiterpartei, nun umbenannt in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei (NSDAP).

Haushofer, die Vril-Vereinigung und die Geopolitik

Ein weiterer bedeutender Einfluss auf Hitlers Denkweise kam von Karl Haushofer (1869-1946), einem deutschen Militärberater der Japaner nach dem Russisch-Japanischen Krieg im Jahre 1904-1905. Weil er von der japanischen Kultur ungeheuer beeindruckt war, glauben viele, dass er für das spätere deutsch-japanische Bündnis verantwortlich war. Er war auch im großen Maße an indischer und tibetischer Kultur interessiert, lernte Sanskrit und behauptete, Tibet besucht zu haben.

Nach dem Dienst als General im Ersten Weltkrieg begründete Haushofer 1918 in Berlin die Vril-Vereinigung. Diese hatte die gleichen grundlegenden Glaubenssätze wie die Thulegesellschaft und manche sagen, dass sie der innere Kreis der Letzteren gewesen sei. Die Vereinigung suchte Kontakt zu übernatürlichen Wesen unterhalb der Erde aufzunehmen, um von ihnen die Vril-Kräfte zu erhalten. Sie ging ebenfalls von einem zentralasiatischen Ursprung der arischen Rasse aus. Haushofer entwickelte die Doktrin der Geopolitik und wurde Anfang der 20er Jahre Direktor des Instituts für Geopolitk an der Ludwig-Maximilian Universität in München. Geopolitik befürwortet die territoriale Eroberung des „Lebensraums“ als Mittel zur Machtgewinnung.

Rudolf Hess war einer der engsten Schüler Haushofers und machte ihn 1923 mit Hitler bekannt, während dieser infolge seines fehlgeschlagenen Putsches im Gefängnis saß. Anschließend besuchte Haushofer den zukünftigen Führer öfters, um ihn Geopolitik in Verbindung mit den Ideen der Thule-Gesellschaft und der Vril-Vereinigung zu lehren. Infolgedessen übernahm Hitler, als er 1933 Kanzler wurde, Geopolitik als seine Strategie zur Eroberung Osteuropas, Russlands und Zentralasiens durch die arische Rasse. Der Schlüssel zum Erfolg sollte sein, die Vorfahren der arischen Rasse, die Hüter des Geheimnisses von Vril, in Zentralasien zu finden.

Das Swastika

Das Swastika ist ein altes indisches Symbol des unwandelbaren Glücks. Diese Bezeichnung leitet sich vondem Sanskritwort svastika her und bedeutet Wohlergehen oder Glück. Von den Hinduisten, Buddhisten und Jainisten seit Jahrtausenden benutzt, fand es auch in Tibet weite Verbreitung.

Das Swastika taucht auch in in den meisten anderen alten Kulturen auf. Zum Beispiel ist die Variante im Gegenuhrzeigersinn, welche dann von den Nazis übernommen wurde, in der mittelalterlichen nordeuropäischen Runenschrift auch der Buchstabe “G”. Für die Freimaurer war dieser Buchstabe ein bedeutendes Symbol, da “G” für Gott, den großen Architekten des Universums, oder für Geometrie stehen konnte.

Das Swastika is auch ein traditionelles Symbol des altnordischen Gottes des Donners und der Macht (skandinavisch Thor, germanisch/deutsch Donar/Donner, baltisch Perkunas). Aufgrund dieser Assoziation mit dem Donnergott benutzten sowohl die Letten als auch die Finnen, als sie nach dem Ersten Weltkrieg unabhängig wurden, das Swastika als Hoheitszeichen für ihre Luftstreitkräfte.

Im späten neunzehnten Jahrhundert nahm Guido von List das Swastika als ein Emblem für die neu-heidnische Bewegung in Deutschland auf. Die Deutschen gebrauchten dafür jedoch nicht das Sanskrit-Wort Swastika sondern nannten es „Hakenkreuz“. Es sollte das Kreuz besiegen und ersetzen, so wie das Neu-Heidentum das Christentum besiegen und ersetzen sollte.

In Übereinstimmung mit der antichristlichen Stimmung der neu-heidnischen Bewegung, nahm die Thulegesellschaft ebenfalls das Hakenkreuz in ihr Emblems auf, indem sie es in einen Kreis mit einem vertikal darüber gesetzten deutschen Dolch setzte. Auf Vorschlag von Dr. Friedrich Krohn von der Thulegesellschaft übernahm Hitler 1922 das Hakenkreuz in einem weißen Kreis als zentrales Motiv für die NSDAP-Flagge. Hitler wählte Rot als Hintergrundfarbe, um damit der roten Fahne der rivalisierenden Kommunistischen Partei den Kampf anzusagen.

Die französischen Forscher Louis Pauwels and Jacques Bergier schrieben in Le Matin des Magiciens („The Morgen der Magier“) (1962), dass Haushofer Hitler davon überzeugte, das Hakenkreuz als Symbol für die NSDAP zu verwenden. Sie behaupten, dies sei aufgrund von Haushofers Interesse an indischer und tibetischer Kultur geschehen. Diese Schlußfolgerung ist höchst unwahrscheinlich, weil sich Haushofer und Hitler nicht vor 1923 getroffen haben, die NSDAP-Flagge aber bereits 1920 zum erstenmal auftauchte. Es ist wahrscheinlicher, dass Haushofer die weite Verbreitung des Swastika in Indien und Tibet als Beweismittel benutzte, um Hitler davon zu überzeugen, dass diese Region die Heimat der Vorfahren der arischen Rasse sei.

Die Unterdrückung der rivalisierenden okkultistischen Gruppierungen durch die Nazis

Während der ersten Hälfte der 20er Jahre gab es eine heftige Rivalität unter den okkultistischen Vereinigungen und geheimen Logen in Deutschland. In späteren Jahren führte Hitler die Verfolgung von Anthroposophen, Theosophen, Freimaurern und Rosenkreuzern fort. Verschiedene Gelehrte führen dieses Vorgehen auf Hitlers Wunsch zurück, sämtliche okkultistischenen Rivalen, die seiner Herrschaft gefährlich werden konnten, zu vernichten.

Beeinflußt durch Nietzsches Schriften und die Grundsätze der Thule-Gesellschaft glaubte Hitler, dass das Christentum eine krankhafte, in seinen Wurzeln durch jüdisches Denken infizierte Religion sei. Er betrachtete die Lehren von der Vergebung, dem Triumph des Schwachen und der Selbstaufgabe als evolutionsfeindlich und sah sich selbst als einen Messias, der Gott und Christus ersetzt. Steiner hatte das Bild des Antichristen und Luzifers gebraucht für zukünftige spirituelle Führer, welche das Christentum in einer neuen reinen Form regenerieren würden. Hitler ging viel weiter. Er sah sich selbst als denjenigen, der die Welt von einem degenerierten System befreit und mit der arischen Herrenrasse einen neuen Schritt der Evolution herbeiführt. Er konnte keine rivalisierenden Antichristen zulassen, weder in der Gegenwart, noch in der Zukunft. Dem Buddhismus gegenüber war er jedoch tolerant.

[Siehe: Falsche fremdländische Mythen über Shambhala.]

Buddhismus im nationalsozialistischen Deutschland

Paul Dahlke gründete 1924 das Buddhistische Haus in Frohnau, Berlin. Es war für die Mitglieder aller buddhistischen Traditionen offen, vorwiegend beherbergte es aber die Theravada- und die japanische Form, weil zu jener Zeit diese im Westen am weitesten bekannt waren. Hier fand 1933 der Erste Europäische Buddhistische Kongress statt. Die Nationalsozialisten ließen das Buddhistische Haus während des Krieges geöffnet, allerdings kontrollierten sie es streng. Da einige Mitglieder Chinesisch und Japanisch konnten, betätigten sich diese, in Gegenleistung für die Toleranz gegenüber dem Buddhismus, als Übersetzer für die Regierung.

Obwohl das Nazi-Regime die Buddhistische Gemeinde in Berlin, die seit 1936 aktiv gewesen war, schloss und kurzzeitig deren Begründer Martin Steinke 1941 inhaftierte, verfolgte es die Buddhisten nicht generell. Nach seiner Freilassung setzten Steinke und mehrere andere ihre Buddhismus-Unterweisungen in Berlin fort. Es gibt jedoch keinen Anhaltspunkt dafür, dass Lehrer des Tibetischen Buddhismus im Dritten Reich jemals anwesend waren.

Die tolerante Nazi-Politik gegenüber dem Buddhismus ist kein Beweis für irgendeinen Einfluss Buddhistischer Lehren auf Hitler oder die Nazi-Ideologie. Eine wahrscheinlichere Erklärung ist die, dass Deutschland die Beziehungen mit seinem buddhistischen Verbündeten Japan nicht beschädigen wollte.

Das „Ahnenerbe“

Hitler ermächtigte, unter dem Einfluß von Haushofer, Frederick Hilscher im Jahre 1935 dazu, das sog. „Ahnenerbe“ (Behörde für die Erforschung des Ahnenerbguts) zu gründen, mit Oberst Wolfram von Sieverts als Leiter.. Neben anderen Aufgaben, beauftragte Hitler es mit der Erforschung germanischer Runen, der Ursprünge des Swastika und der Lokalisierung des Ursprungs der arischen Rasse. Tibet war der vielversprechendste Kandidat.

Alexander Csoma de Körös (Körösi Csoma Sandor) (1784-1842) war ein ungarischer Gelehrter, besessen vom Forscherdrang, den Ursprung des ungarischen Volkes zu finden. Sich stützend auf die linguistische Verwandtschaft zwischen der ungarischen und der türkischen Sprache vermutete er, dass die Ursprünge des ungarischen Volkes in „dem Land der Yuguren (Uighuren)“ in Ost-Turkistan (Xinjiang, Sinkiang) lagen. Wenn er Lhasa erreichen könnte, so glaubte er, würden sich dort die Schlüssel zur Lokalisierung seines Heimatlandes finden.

Ungarisch, Finnisch, die Turksprachen, Mongolisch und Mandschu gehören zur ural-altischen Sprachfamilie, ebenfalls bekannt als turanische Sprachfamilie, benannt nach dem persischen Wort Turan für Turkistan. Ab 1909 hatten die Türken eine gesamt-turanische Bewegung, angeführt von einer unter dem Namen „Jungtürken“ bekanntenVereinigung. Schon bald, im Jahre 1910, folgte bald die Ungarische Turanische Gesellschaft und 1920 die Turanische Vereinigung von Ungarn. Manche Gelehrte glauben, dass die japanische und die koreanische Sprache ebenfalls der turanischen Familie angehören. Deshalb wurde 1921 das Turanische Nationale Bündnis in Japan gegründet und die Japanische Turanische Vereinigung in den frühen 30er Jahren. Haushofer waren diese Bewegungen, die nach den Ursprüngen der Turanischen Rasse in Zentral-Asien suchten, zweifellos bekannt. Für die Thule-Gesellschaft passte diese Suche ja gut zu der eigenen Suche nach den Ursprüngen der arischen Rasse. Haushofers Interesse an tibetischer Kultur gab der These von Tibet als Schlüssel zur Entdeckung eines gemeinsamen Ursprungs für die arische und die turanische Rasse zusätzliches Gewicht, sowie der Hoffnung, die Vril-Kraft zu erlagen, welche seine spirituellen Führer angeblich besaßen.

Haushofer beeinflusste nicht als einziger das Interesse des „Ahnenerbes“ an Tibet. Hielscher war ein Freund von Sven Hedin, dem schwedischen Entdecker, der Expeditionen nach Tibet in den Jahren 1893, 1899-1902, und 1905-1908, sowie eine Expedition in die Mongolei 1927-1930 geleitet hatte. Als einen Liebling der Nazis lud ihn Hitler ein, die Eröffnungsansprache bei Olympischen Spielen 1936 in Berlin zu halten. Hedin engagierte sich in Schweden aktiv für Pro-Nazi-Veröffentlichungen und unternahm zwischen 1939 und 1943 zahlreiche diplomatische Missionen nach Deutschland.

1937 machte Himmler das „Ahnenerbe“ zu einer offiziellen Organisation, gliederte es in die SS (Schutzstaffel) ein und ernannte Professor Walther Wüst, den Vorsitzenden der Sanskrit-Abteilung an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, zum neuen Leiter. Das „Ahnenerbe“ besaß ein Tibet-Institut, welches 1943 in „Sven-Hedin-Institut für Innerasien und Expeditionen“ umbenannt wurde.

Die Nazi Expedition nach Tibet

Ernst Schäfer, ein Deutscher Jäger und Biologe, nahm 1938-1939 und 1934-1936 an zwei Expeditionen mit sportlicher und zoologischer Zielsetzung nach Tibet teil. Aufgrund einer amtlichen Einladung der tibetischen Regierung finanzierte ihm das „Ahnenerbe“ die Leitung einer dritten Expedition (1938-1939). Der Besuch stimmte zeitlich mit den erneuerten tibetischen Kontakten zu Japan überein. Eine mögliche Erklärung für die Einladung ist, dass die tibetische Regierung eine herzliche Beziehung mit den Japanern und ihren deutschen Verbündeten als Gegengewicht gegen die Briten und die Chinesen aufrechtzuerhalten wünschte. Somit hieß die tibetische Regierung die deutsche Expedition zu den Neujahrs-Feierlichkeiten (Losar) 1939 willkommen.

[Siehe: Russische and Japanische Beziehungen zum vorkommunistischen Tibet: Die Rolle der Shambhala-Legende.]

In „Fest der weißen Schleier: Eine Forscherfahrt durch Tibet nach Lhasa, der heiligen Stadt des Gottkönigtums“ (1950), beschreibt Ernst Schäfer seine Erfahrungen während der Expedition. Während der Festlichkeiten, berichtete er, mahnte das Nechung Orakel, obwohl die Deutschen süße Geschenke und Worte mitgebracht hätten, Tibet zur Vorsicht: Deutschlands Führer sei wie ein Drachen. Tsarong, der pro-japanische frühere Oberbefehlshabe des tibetischen Militärs, versuchte die Weissagung abzumildern. Er sagte, dass der Regent viel mehr von dem Orakel erfahren hätte, er selbst jedoch nicht autorisiert sei, die Einzelheiten bekannt zu machen. Der Regent bete täglich für das Ausbleiben des Krieges zwischen den Briten und den Deutschen, weil dies schreckliche Konsequenzen auch für Tibet hätte. Beide Länder müssten verstehen, dass alle gute Menschen dasselbe beten sollten. Während seines restlichen Aufenthalts in Lhasa traf Schäfer des Öfteren mit dem Regenten zusammen und hatte ein gutes Verhältnis mit ihm.

Die Deutschen waren an der Herstellung einer freundschaftlichen Beziehung zu Tibet hochgradig interessiert. Ihre Schwerpunktsetzung jedoch war ein wenig anders als die der Tibeter. Eines der Mitglieder aus der Schäfer-Expedition war der Anthropologe Bruno Beger, der für die Rassenforschung verantwortlich war. Er hatte mit H.F.K.Günther an „Die nordische Rasse bei den Indogermanen Asiens“ zusammengearbeitet und teilte die Theorie Günthers von einer „nordischen Rasse“ in Zentralasien und Tibet. 1937 schlug er für Ost-Tibet ein Forschungsprojekt vor und plante, im Rahmen der Schäfer-Expedition die rassischen Merkmale der tibetischen Bevölkerung wissenschaftlich zu untersuchen. Unterwegs in Tibet und Sikkim, maß Beger die Schädel von dreihundert Tibetern und Sikkimesen und untersuchte einige ihrer übrigen körperlichen Merkmale. Er kam zu dem Schluß, dass die Tibeter eine Mittelposition zwischen der mongolischen und der europäischen Rasse einnehmen; wobei die europäischen Anteile am deutlichsten in der Aristokratie aufträten.

In Übereinstimmung mit Richard Greve, „Tibetforschung in SS-Ahnenerbe“, publiziert in T. Hauschild (Hrsg.) „Lebenslust und Fremdenfurcht – Ethnologie im Dritten Reich“ (1995) schlug Beger vor, dass die Tibeter eine wichtige Rolle nach dem Sieg des Dritten Reichs spielen könnten. Sie könnten als verbündete Rasse in einem gesamtmongolischen Staatenbund unter der Schutzherrschaft Deutschlands und Japans fungieren. Obwohl Beger auch weitere Untersuchungen empfahl, bei denen alle Tibeter vermessen werden sollten, wurden keine weiteren Expeditionen unternommen.

Angebliche okkultistische Expeditionen nach Tibet

Verschiedene Nachkriegsstudien über Nationalsozialismus und Okkultismus, wie Trevor Ravenscrofts„The Spear of Destiny“ („Der Speer des Schicksals“) (1973) haben behauptet, dass unter dem Einfluss von Haushofer und der Thulegesellschaft Deutschland von 1926 bis 1943 jährliche Expeditionen nach Tibet ausgesandt habe. Ihr Auftrag sei in erster Linie die Kontaktsuche und -pflege mit den arischen Vorfahren in Shambhala und Agharti gewesen, die angeblich versteckt in unterirdischen Städten unter dem Himalaya lebten. Dortige Eingeweihte seien die Hüter geheimer okkulter Kräfte, insbesondere des Vril, und die Delegationen hätten die Unterstützung dieser Kenner gesucht, um sich diese Kräfte für die Erschaffung einer arischen Herren-Rasse nutzbar zu machen. Diesen Berichten zufolge verweigerte Shambhala jegliche Zusammenarbeit, Agharti jedoch stimmte zu. Anschließend, ab 1929, kamen angeblich tibetische Gruppen nach Deutschland und gründeten Logen, bekannt als Vereinigung der Grünen Menschen. In Verbindung mit der Vereinigung Grüner Drache in Japan halfen sie, durch die Vermittlung Haushofers, angeblich der Sache der Nazis mit ihren okkulten Kräften. Himmler sei von diesen Gruppen eingeweihter Agharti-Tibeter ganz angetan gewesen und habe 1935, angeblich unter ihrem Einfluß, das „Ahnenerbe“ gegründet.

Neben der Tatsache, dass Himmler das „Ahnenerbe“ nicht gründete, sondern es vielmehr 1937 in die SS eingliederte, enthält Ravencrofts Bericht andere zweifelhafte Behauptungen. Die hauptsächliche ist hierbei die angebliche Unterstützung der Sache der Nazis durch die Aghartis. 1922 publizierte der polnische Wissenschaftler Ferdinand Ossendowski sein Buch „Tiere, Menschen und Götter “, in dem er seine Reisen durch die Mongolei beschreibt. Darin schrieb er, von dem unterirdischen Land Agharti unter der Wüste Gobi gehört zu haben. In der Zukunft würden dessen mächtige Einwohner an die Oberfläche kommen, um die Welt vor der Zerstörung zu retten. Die deutsche Übersetzung von Ossendowskis Buch „Tiere, Menschen und Götter“ erschien 1923 und wurde ziemlich populär. Sven Hedin jedoch publizierte 1925 „Ossendowski und die Wahrheit“, in welchem er den Behauptungen des polnischen Wissenschaftlers ihren Nimbus nahm. Er wies darauf hin, dass Ossendowski die Idee von Agharti aus Saint-Yves d’Alveidres Roman (1886) „Mission de l’Inde en Europe“ („Die Sendung Indiens für Europa“) abgeschrieben habe, um seine Geschichte für das deutsche Publikum attraktiver zu machen. Da Sven Hedin einen starken Einfluß auf das „Ahnenerbe“ hatte, ist es unwahrscheinlich, dass diese Behörde eine besondere Expedition ausgesandt hat, um Shambhala und Agharti zu finden und dabei Unterstützung vom letzteren erhalten hat.

[Siehe: Falsche fremdländische Mythen über Shambhala.]