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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Die Kalachakra-Lehre befürwortet oder prophezeit nicht eine tatsächliche Welt-Entscheidungsschlacht

Alexander Berzin, März 2008
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Die höchste Klasse des buddhistischen Tantra, das Anuttarayoga-Tantra, lehrt Meditationsmethoden, die dem Prozess von Tod und Wiedergeburt ähneln, um Zugang zu der subtilsten Ebene des Geistes zu bekommen, d.h. zu der Ebene des klaren Lichts, die sich natürlicherweise zum Zeitpunkt des Todes manifestiert. Dadurch, dass man sich diese einzigartige Ebene des Geistes zu Nutze macht, um ein nichtkonzeptuelles glückseliges Gewahrsein der Leerheit zu erlangen, beseitigen Praktizierende aus ihrem geistigen Kontinua für immer die Unwissenheit, die störenden Emotionen, die karmischen Kräften, und die Tendenzen und Gewohnheiten, die allen diesen innewohnt. Indem sie das bewerkstelligen, erreichen sie eine wahre Beendigung der treibenden Kräfte und Ursachen des sich unkontrollierbar wiederholenden Zyklus ihrer gewöhnlichen Tode und Wiedergeburten, und erlangen dadurch die Befreiung und Erleuchtung, so dass sie anderen bestmöglich nutzen können.

Das Guhyasamaja-System des Anuttarayoga-Tantra weist auch auf der makrokosmischen Ebene Parallelen zu den Meditationsmethoden seines Systems, um Zugang zum Geist des klaren Lichts zu bekommen. Dieses Guhyasamaja-System nimmt Bezug auf die Zyklen, die das Universum regelmäßig durchläuft – mit seinen sich unkontrollierbar wiederholt auftretenden Auflösungsprozessen, seinen leeren Zeitabschnitten, seinen Evolutionen und seinen fortdauernden Perioden. Diese ähnelt dem, was die begrenzten Wesen erleben, wenn sie die Prozesse des sich unkontrollierbar wiederholenden Todes, des Zwischenzustandes Bardo, der Wiedergeburt und einer fortdauernden Lebensspanne erfahren. Die Meditationspraktiken des Guhyasamaja-Systems befreien den Praktizierenden davon, nicht nur hilflos der Kontrolle dieser wiederkehrenden inneren Zyklen von Tod und Wiedergeburt zu unterliegen, sondern auch davon, hilflos der Kontrolle der parallel dazu verlaufenden äußeren Zyklen des Universums zu unterliegen.

Das Kalachakra-System beziehungsweise das „Zyklen der Zeit“-System des Anuttarayoga-Tantra fügt dem noch weitere äußere und innere Parallelitäten hinzu. Um den Reinigungsprozess so vollständig wie möglich zu machen, präsentierte dieses System ein Modell äußerer astronomischer und astrologischer Zyklen, wie auch Zyklen der innerer Atmung und subtiler Energien, die nicht nur Übereinstimmungen zueinander, sondern auch zu seinen speziellen Meditationspraktiken aufweisen.. Mit eben der Absicht, alles umfassend einzubeziehen, stellt das System auch ein speziell aufgebautes Bild der Geschichte, Geographie und Physiologie dar, die in gleicher Weise mit dieser Struktur parallel läuft, aber die, aufgrund ihres bewussten Aufbaus, sich von dem Bild unterscheidet, das in anderen buddhistischen Texten gezeichnet wird. In dem man versteht, dass all diese einander entsprechenden Ebenen der makro- und mikrokosmischen Strukturen unter dem Einfluss des individuellen und kollektiven Karmas zur selben Zeit auftreten, unterziehen sich Praktizierende analogen Kalachakra-Meditationen, um ihr geistiges Kontinuum vom Karma zu bereinigen, und um Erleuchtung und Befreiung zu erlangen. Von daher ist das letztendliche Ziel der Kalachakra-Praxis nicht verschieden von dem Ziel anderer Anuttarayoga-Tantra-Systeme.

Zu Darstellung der Meditation zum Überwinden von Ignoranz und barbarischen störenden Emotionen, die Karma hervorrufen, das gereinigt werden muss, fügen die Kalachakra-Texte zu dem Bild, was sie von den Zyklen zeichnen, historische Beschreibung von falschen und wahren Messiassen, Invasionen in Shambala, apokalyptische Schlachten und neue goldene Zeitalter hinzu. Diese historische Darstellung bezieht sich auf die Merkmale der Politik, der Ereignisse und der weit verbreiteten pan-religiösen Glaubensrichtungen und Sorgen zu jener Zeit und an jenem Ort, an dem die Kalachakra-Literatur entstanden ist, nämlich im frühen zehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in dem Gebiet zwischen dem östlichen Afghanistan und Kaschmir.

Es ist wesentlich, dabei die Tatsache zu bedenken, dass die Autoren der Kalachakra-Texte bewusst ihr Geschichtsbild so geformt haben, dass es zur Struktur der Meditationspraxis von Kalachakra passt. Daher weist die Vorhersage einer zukünftigen Entscheidungsschlacht, die sich in 1800 Jahren in der Zukunft ereignen wird – gerechnet ab der Gründung des Glaubenssystems der eindringenden Kräfte, die die Ignoranz repräsentieren – Parallelen zu folgenden Punkten auf:

  • Die 1800 Atemzüge, die sich während jeder der 12 Sternzeichen-Zeiträume eines Tages ereignen,

  • Die 1800 Atemzüge, die während der 12 Wechselperioden eines Tages hauptsächlich durch das eine oder das andere Nasenloch strömen, durch welche der Primärfluss des Atems von einem Nasenloch in das andere übergeht,

  • Die 1800 Atemzüge, die durch jeden der 12 Sternzeichen-Kanäle des Nabel-Chakras im Laufe eines Tages fließen,

  • Die 1800 astrologische Stunden in jedem der 12 Lunarmonaten mit je 30 Tagen, an denen jeder Tag 60 astrologische Stunden hat,

  • Die 1800 Minuten innerhalb der 30 Grade jedes der 12 Tierkreiszeichen, in denen jeder Grad 60 Minuten hat,

  • Die 1800 Jahre, in denen die Kalachakra-Lehren nach der apokalyptischen Schlacht auf unserem „ Kontinent“ florieren,

  • Die 1800 Jahre, in denen die Kalachakra-Lehre nacheinander auf jedem der anderen 11 „Kontinente“ gemäß der Darstellung der Kalachakra-Geographie florieren wird,

  • Die 1800 kreativen Energietropfen, die in jeder der 12 Unterteilungen des zentralen Energiekanals während der Zeitspanne der zwölf Ebenen des Bodhisattva-Bhumi-Geistes gesammelt werden,

  • Die 1800 Augenblicke unwandelbaren glückseligen Gewahrseins, die auf der Grundlage jeder dieser Gruppen von 1800 Tropfen erlebt wird,

  • Die 1800 karmischen Energiewinde, die zum Anhalten gebracht werden, und die 1800 Aspekte karmischer Gewohnheiten, die mit Hilfe jeder dieser Gruppen von 1800 Augenblicken des unwandelbaren glückseligen Gewahrseins der Leerheit beseitigt werden.

Darüberhinaus hat jede kämpfende Division auf Seiten der eindringenden Kräfte und der siegreichen Gegenkräfte eine Parallele zu dem einen oder anderen Aspekt der Ignoranz, und die siegreichen Gegenkräfte eine Parallele zur Weisheit. Daraus wird klar, dass das historische Bild, das in der Kalachakra-Literatur dargestellt wird, niemals beabsichtigte, eine sozialpolitische Grundsatzerklärung zu sein. Zugegebenermaßen gab das einige seltene Fälle, in denen militärische Führer der mongolischen Volksrepublik, der Sowjetunion und des imperialistischen Japans versucht haben, Themen dieses Geschichtsbildes für politische Zwecke auszubeuten. Aber dieser Missbrauch basierte auf Missverständnissen der Absicht der Kalachakra-Lehren. Sie beweisen nicht, dass die Anwendung einer ähnlichen Interpretation jemals zur politischen Agenda der Dalai Lamas von Tibet gehört hat, gegenwärtig gehört oder jemals gehören wird. Eine solche Schlussfolgerung zu ziehen wäre logisch ebenso fehlerhaft, als würde man schließen, dass die Einführung der Kreuzfahrten oder Inquisition zur allgemeinen Politik der christlichen Kirche gehören würde.

Um den Weltfrieden zu unterstützen sind weniger durch Fehlinformationen hervorgerufene Verdächtigungen und Misstrauen als vielmehr interreligiöser Dialog und interreligiöses Verständnis zwischen den Religionen vonnöten. Die Übertragung der Kalachakra-Initiation ist ein buddhistischer Beitrag zu diesem Prozess, der von allergrößter Wichtigkeit ist und keinesfalls eine Maßnahmen zur Rekrutierung von Kriegern für einen buddhistischen heiligen Krieg. Die Kalachakra-Initiation bringt Menschen unterschiedlicher Religionen und weltlicher Glaubensrichtungen in einer friedvollen Atmosphäre zusammen, damit sie in dieser Atmosphäre ihre moralische Selbstverpflichtung bekräftigen können, Ignoranz und Vorurteilen mit gegenseitigem Verständnis und Respekt zu begegnen.

[Siehe: Kalachakra, Tantra und deren Beziehung zum Weltfrieden.]