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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Kalachakra, Tantra und deren Beziehung zum Weltfrieden

Alexander Berzin, 6. September 2002
Übersetzung ins Deutsche: Christian Dräger

Hintergrund

Im Oktober 2002 wird der 14. Dalai Lama die Kalachakra-Initiation in Graz, Österreich übertragen. Es handelt sich dabei um eine öffentliche Veranstaltung, bei der sowohl Buddhisten als auch Nichtbuddhisten gleichermaßen willkommen sind. Ziel der Initiation ist es, für Menschen aller Glaubensrichtung eine Gelegenheit zu schaffen in einer friedvollen Atmosphäre zusammenzukommen und Unterweisungen über Liebe und Mitgefühl zu hören. Außerdem soll für diesen Menschen die Gelegenheit gegeben werden, ihre Selbst-Verpflichtungen , erneut zu bekräftigen, die reine Ethik ihrer jeweiligen Tradition aufrecht zu erhalten. Daher wird die Initiation als „Kalachakra für den Weltfrieden“ beworben. Für buddhistische Praktizierende ist ein weiterer Zweck der Veranstaltung dass sie dazu ermächtigt werden, die fortgeschrittenen tantrischen Meditationspraktiken des Kalachakra-Systems durchzuführen.

Einige Menschen haben die Ziele dieser Veranstaltung falsch verstanden, weil es einige Unklarheit über gewisse Aspekte der Kalachakra-Literatur gibt. Um Verdächtigungen und Misstrauen zwischen verschiedenen Religionen zu vermeiden, ist es wichtig, die Angelegenheiten objektiv, in einer wissenschaftlichen Art zu untersuchen.

Die Vorhersage

Der Text „Das gekürzte Kalachakra-Tantra“ warnt vor einer zukünftigen Invasion durch nicht-indische Menschen, die der Überlieferung der Propheten folgen: Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus, Mani (dem Gründer der vornehmlich iranischen Religionen Manichäismus), Mohammed und Mahdi (dem islamischen Messias). Um dieser Bedrohung zu begegnen, hat der König des mystischen Landes Shambala Hindus und Buddhisten durch die Kalachakra-Initiation zu einer Kaste vereint. Als eine vereinte Gemeinschaft würden die Menschen aus Shambala dann zukünftig in der Lage sein, einem buddhistischen Messias-König zu folgen, um die eindringenden Kräfte zu besiegen und ein neues goldenes Zeitalter zu begründen.

Eines der Hauptthemen in den Kalachakra-Unterweisungen ist die Parallele zwischen der physischen Welt (Astronomie, Geographie und Geschichte), dem menschlichen Körper und buddhistischer Tantra-Praxis. Dementsprechend haben die Invasoren, vor denen in den Kalachakra-Schriften gewarnt wird, und welche die Kräfte von Shambala niederschlagen werden, verschiedene Bedeutungen, und zwar auf historischen, physiologischen und meditativen Ebenen. Wir wollen uns hier auf die äußere Bedeutungsebene konzentrieren.

Der geschichtliche Kontext

Auf der äußeren Bedeutungsebene bezieht sich die Gruppe der nicht-indisch sprechenden Invasoren auf die messianische Form des Islams des späten 10. Jahrhunderts, die den Anspruch geltend machen werden, dass der Messias Mahdi ihr politischer und spiritueller Führer werden wird. Mahdi wird die islamische Welt vereinen und beherrschen, die islamische Reinheit wiederherstellen und die gesamte Welt zum Islam bekehren, und zwar vor dem Erscheinen von Dajjal (der muslimischen Version des Antichrist), und noch vor dem zweiten Kommen Christi (der ein muslimischer Prophet ist), der Apokalypse, dem Ende der Welt und dem jüngsten Gericht.

Im späten 10. Jahrhundert – dem Zeitraum in dem die Kalachakra-Lehren zum ersten Mal in Indien auftauchte – befürchtete das arabische Herrschergeschlecht der Abbasiden von Bagdad und seine Vasallen eine Invasion von islamischen Herrschaftsbereichen, die solcherlei Ambitionen hegten. Insbesondere befürchteten sie eine Invasion ihrer Hauptrivalen, dem Imperium der Fatimiden von Ägypten und ihren Vasallen in Multan (im Zentrum Pakistans). Die vorherrschende Stimmung dieser Tage war von solcherlei Ängsten geprägt, was auch dem weit verbreiteten Glauben geschuldet ist, dass die Welt 500 Jahre nach Mohammed enden würde – das heißt zu Beginn des 12. Jahrhunderts.

Die Reaktionen der Autoren der Kalachakra-Schriften

Wenn man sich auf den historischen Kontext der Kalachakra-Literatur stützt, ist es nicht angemessen daraus zu schlussfolgern dass der Buddhismus zu jener Zeit anti-hinduistisch, anti-muslimische oder anti-christlich war, oder dies zur Zeit ist. Der Buddhismus reagierte lediglich auf die Stimmung jener Zeit, die vom mittleren Osten bis zum Norden Indiens gegen Ende des 10. Jahrhunderts vorherrschte. Angesichts der weit verbreiteten Furcht vor einer Invasion, einer apokalyptischen Schlacht und dem Ende der Welt, und der allgemeinen Beschäftigung mit der Wiederkehr des Messias, stellten die Kalachakra-Lehren ihre eigene Version der Vorhersage dar.

Um der Bedrohung zu begegnen, empfahlen die Kalachakra-Lehren eine Vorgehensweise, denen bereits der Hinduismus und die herrschenden Muslime der Abbisiden folgten. Die Vorgehensweise war aufzuzeigen, dass auch der Buddhismus eine offene Tür in seiner Lehrmeinung hatte, um andere Religionen in seine Sphäre mit einzuschließen. Eine essenzielle Grundlage, auf der eine multikulturelle Gesellschaft stehen muss, um einer drohenden Invasion zu begegnen ist, dass zwischen den Menschen dieser Gesellschaft religiöse Harmonie herrscht. Andere Menschen in einem Kalachakra-Mandala miteinander zu verbinden, symbolisiert die Verpflichtung zur Kooperation. Die Implikation, die sich aus der Taktik des Königs von Shambala ergab, war jedoch die Annahme, dass der Buddhismus die tiefgründigste Wahrheit anzubieten hat (wie dies auch Anhänger des Hinduismus und der Islam für ihre Religion annahmen).

Die Vorhersage, die in den Kalachakra-Schriften in Bezug auf die nicht-indischen Propheten und ihre Prophezeiung eines künftigen Krieges mit deren Anhängern gemacht wird, muss eingebetteten in ihren historischen und kulturellen Kontext verstanden werden. Trotz der empfohlenen Vorgehensweise, haben weder buddhistische Führer, noch die Meister jener Zeit tatsächlich eine Kampagne zur Massenkonversion gestartet, um Hindus und Moslems in ihren Einflussbereich zu bringen. Kein Meister gab eine Kalachakra-Initiation, bei der er eine solche Zielsetzung im Sinn gehabt hätte, noch begann jemand einen heiligen Krieg buddhistischer Prägung.

Befürwortet der Buddhismus die Bekehrung?

Sowohl der Buddhismus, wie auch die biblischen Religionen, sind anderen Glaubensrichtung gegenüber tolerant gewesen. Beide haben allerdings auch zu Kampagnen angestiftet, bei denen es zu erzwungenen und subtil durchgeführten Bekehrungen kam, wobei jede der Religionen dabei unterschiedliche Methoden verwendet hat. Die biblischen Religionen haben heilige Kriege angefangen, während der König des mystischen Landes Shambala nicht-buddhistische Menschen durch die Demonstration übernatürlicher Fähigkeiten in einem Kalachakra-Mandala um sich herum versammelt hat. Die biblischen Religionen haben ökonomische Anreize und Vergünstigungen als ein subtiles Mittel für die Bekehrung benutzt, wohingegen der Buddhismus von logischen Debatten Gebrauch gemacht hat.

Handelt es sich bei dem Bild, das in den Kalachakra-Lehren gezeichnet wird, nämlich dass die Menschen von Shambala sich unter der Schirmherrschaft des Buddhismus zu einer „Vajra-Kaste“ vereinen, lediglich um eine Beschreibung davon, was möglicherweise im westlichen Asien und dem indischen Subkontinent im Zeitraum zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert nützlich und notwendig gewesen wäre? Oder handelt es sich dabei um einen zeitlosen Ratschlag? Wenn man den Mitgliedern aller Religionen eine universelle Weisheit zugesteht, mit der sie die spirituellen Werte ihrer Glaubensrichtung bestätigen, um damit die Gefahren für ihre jeweiligen Gemeinschaften abzuwehren, wäre es dann eine optimale Verteidigung, so viele Menschen wie möglich davon zu überzeugen, den Buddhismus praktizieren?

Es wäre schwierig diese Position zu verteidigen, ohne dabei chauvinistisch zu wirken. Das gilt sowohl in Bezug auf den oben erwähnten historischen Zeitraum, als auch in Bezug auf diese Position als allgemein gültigen Ratschlag. Denn die unvoreingenommene Schlussfolgerung, die man daraus ziehen müsste, wäre es dann, zuzugeben, dass der Tonfall in der Legende von Shambala in der Tat chauvinistisch ist, wenn auch verständlich, wenn man die damaligen Umstände bedenkt. Daraus folgt jedoch nicht, dass buddhistische Lehrer heutzutage chauvinistisch sein müssen oder sind, wenn sie den Buddhismus einem nicht-buddhistischen Publikum präsentieren.

Wenn der Dalai Lama im Westen unterrichtet, betont er stets, dass er nicht versucht Anhänger zu gewinnen. Er fordert andere nicht zu einem Debatten-Wettbewerb heraus, bei dem der Verlierer dann gezwungen wäre, die Überzeugungen des Gewinners anzunehmen. Er erklärt, dass er lediglich versucht, andere über den Buddhismus aufzuklären. Friede zwischen den verschiedenen Gesellschaftsformen kommt dadurch zu Stande, dass man das Lehrsystem der jeweils anderen Gemeinschaft versteht. Andere weiterzubilden, unterscheidet sich erheblich davon zu versuchen, andere zu konvertieren. Wenn andere Menschen etwas im Buddhismus von Wert finden, ist es ihnen freigestellt es für sich anzunehmen, ohne dass sie Buddhisten werden müssen. Diejenigen, die ein starkes Interesse entwickeln, sind herzlich eingeladen, ihre Studien weiter zu verfolgen, und sie sind sogar auch dazu eingeladen, selbst Buddhisten zu werden, jedoch erst nachdem sie über einen langen Zeitraum hinweg gründlich darüber nachgedacht haben. Die meisten jedoch warnt Dalai Lama sehr stark davor, de eigene Religion zu wechseln.

Der Buddhismus unterscheidet sich nicht von anderen Religionen oder philosophischen Systemen in dem Punkt, dass er für sich selbst in Anspruch nimmt, die tiefgründigsten Wahrheit zu besitzen. Die buddhistische Feststellung, die tiefgründigste Wahrheit zu besitzen, bedeutet jedoch keinen exklusiven Anspruch auf die „Eine Wahrheit“. Der Buddhismus akzeptiert zudem relative Wahrheiten – das heißt Dinge, die für einige Gruppen und gewisse Umstände relative betrachtet wahr sind. Solange die eigenen Sichtweisen nicht aggressiv feindselig sind, mag der eigene relative wahre Glauben ein provisorischer Trittstein auf dem Weg zur tiefgründigsten Wahrheit sein, wie sie der Buddhismus propagiert. Sie können auch als Trittstufen für die tiefsten Wahrheiten dienen, die andere Religionen lehren. Solange die buddhistische Aussage in Bezug auf die tiefgründigste Wahrheit nicht chauvinistisch ist und keine missionarische Vorgehensweise beinhaltet, mag die Aussage für jene von Nutzen sein, für die sie geeignet ist

Befürwortet der Buddhismus heilige Kriege?

Oftmals, wenn Menschen an das muslimische Konzept vom Djihad oder dem heiligen Krieg denken, assoziieren sie damit selbstgerechte Feldzüge rachsüchtiger Zerstörung im Namen Gottes, die das Ziel verfolgen, andere Menschen gewaltsam zu konvertieren. Möglicherweise erkennen sie an, dass es im Christentum mit den Kreuzfahrten und der Inquisition hierfür ein Äquivalent gab. Aber für gewöhnlich denken sie, dass es im Buddhismus nichts Vergleichbares gab. Schließlich sei der Buddhismus, so sagen sie in, eine Religion des Friedens und es gäbe im Buddhismus den Fachbegriff heiliger Krieg nicht.

Eine sorgfältige Untersuchung buddhistischer Texte, insbesondere der Kalachakra-Literatur, offenbart jedoch, dass es sowohl äußere als auch innere Ebenen von Krieg gibt, die leicht als „ heilige Kriege“ bezeichnet werden könnten. Eine unvoreingenommene Studie des Islams offenbart uns dasselbe dort. In beiden Religionen können führende Persönlichkeiten die äußere Dimension des heiligen Kriegs für politische oder ökonomische Ziele oder zur persönlichen Bereicherung ausbeuten, indem sie die äußere Dimension des heiligen Krieges dazu verwenden, ihre Kampftruppen anzustacheln. Historische Beispiele bezüglich des Islams sind uns gut bekannt; aber man darf in Bezug auf den Buddhismus keine rosarote Brille tragen und denken, dass der Buddhismus gegenüber diesem Phänomen immun war. Nichtsdestotrotz liegt die wesentliche Betonung in beiden Religionen auf dem inneren spirituellen Kampf gegen die eigene Ignoranz und gegen die eigenen destruktiven Verhaltensweisen.

Die Darstellung des Shambala-Krieges in der Kalachakra-Lehre und die Diskussion im Islam über den Djihad weisen einige Ähnlichkeiten auf. Sowohl der buddhistische als auch der islamische heilige Krieg sind defensive Strategien, um die Attacken von äußeren feindlichen Kräften aufzuhalten. Bei diesen Strategien handelt es sich jedoch niemals um Angriffsfeldzüge, mit denen man Konvertiten gewinnen möchte. Die heiligen Kriege beider Religionen haben auf das Innere bezogene spirituelle Bedeutungsebenen, bei denen der Kampf gegen negative Gedanken und destruktive Emotionen stattfindet. In beiden Religionen basiert der Krieg, der im Inneren geführt wird, auf ethischen Prinzipien, nicht auf Grundlage von Vorurteilen und Hass.

Zudem haben viele islamische Anführer das Konzept vom Djihad aus Machtgründen und zur persönlichen Bereicherung verdreht und ausgebeutet. Genau das gleiche geschah gelegentlich in Bezug auf Shambala und den Erörterungen eines Krieges gegen destruktive fremde Kräfte. So hat beispielsweise Sukhe Batur – der Führer der mongolischen kommunistischen Revolution von 1921 – seine Truppen mit dem Bericht in den Kalachakra-Texten über den Krieg zur Beendigung „Kaliyuga“ („ dem Zeitalter des Streites“) inspiriert. Während der japanischen Besetzung der Mongolei in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts haben die japanischen Besatzer im Gegenzug versucht, mongolische Loyalität und militärische Hilfe dadurch zu erhalten, dass sie einen Propaganda-Feldzug durchgeführt haben, in dem sie behaupteten, dass Japan Shambala sei.

Es würde sich jedoch um eine fehlerhafte Schlussfolgerung handeln, wenn man diese isoliert auftretenden Beispiele als Beweis für die allgemeine Vorgehensweise verwenden würde und daraus schließen würde, dass die jetzigen buddhistischen Meister, die Kalachakra-Initiation übertragen, eine vergleichbare verborgene militärische Agenda verfolgten. Es ist auch unfair dem Buddhismus als Ganzes gegenüber, wenn man sich auf den Missbrauch der äußeren Ebenen einer spirituellen Schlacht in der Kalachakra-Lehre fokussiert und die inneren Ebenen von Schlachten gegen destruktive Kräfte in unserem eigenen Geist abtut. Dasselbe gilt auch in Bezug auf den Islam und das Christentum.

[Siehe: Heilige Kriege im Buddhismus und Islam: der Mythos von Shambala.]

Shambala und Shangrila

Viele weitere Mythen sind um die Idee von Shambala herum entstanden. Der von James Hilton im 20. Jahrhundert verfasste amerikanische Roman „Der verlorene Horizont“ (Andere Übersetzungen unter dem Titel: „Irgendwo in Tibet“, „Der verlorene Horizont. Ein utopisches Abenteuer irgendwo in Tibet“ und „Der verlorene Horizont. Auf der Suche nach Shangri-La“; engl.: „Lost Horizon“) spricht von Shangrila (Shangri-La), einem spirituellen Paradies, das sich in einem unzugänglichen, verborgenen Tal in Tibet befindet. „Shangrila“ ist unzweifelhaft eine romantische Verfälschung von „Shambala“. Zahlreiche Menschen haben sich sogar auf den Weg gemacht, dieses utopische Paradies zu finden. Während sie mit dieser Suche befasst waren, haben sie häufig verschiedene buddhistische Ideen mit den Konzepten anderer Religionen vermischt, und diese Ideen dann auch mit eigenen Vorstellungen vermengt. Dabei ist es wichtig, dass man das, was sie gelehrt haben, nicht mit der buddhistischen Lehre selbst verwechselt. Lassen Sie uns einige der bekannteren Beispiele für solche Verwechslungen betrachten.

Theosophie, die Quelle für Hitlers falsche Vorstellung von Shambala

Madame Helena Blavatsky wurde im frühen 19. Jahrhundert in der Ukraine in den russischen Adel geboren. Ausgestattet mit außersinnlichen Kräften, bereiste sie die Welt auf der Suche nach okkulten, geheimen Lehren. Sie war insbesondere an Ägypten, Indien und Tibet interessiert und verbrachte viele Jahre auf dem indischen Subkontinent. Angeblich besuchte sie auch Tibet.

Madame Blavatsky betrachtete alle esoterischen Lehren der Weltreligionen als einen einzigen Korpus okkulten Wissens. Im Prozess ihrer Suche, brachte sie all diese Lehren durcheinander. Sie stieß bereits zu einer Zeit auf Bruchstücke des tibetischen Buddhismus, als die orientalischen Wissenschaften in Europa noch in ihren Kinderschuhen steckten und kaum irgendeine Übersetzung erhältlich war. Infolgedessen interpretierte sie diese Bruchstücke in einem Kontext, der dafür nicht angemessen war, und zwar hauptsächlich im Kontext des hinduistischen Yogas und des Vedanta, wobei sie dabei reichlich Vorstellungen der alten ägyptischen Überlieferungen und der europäischen Bewegungen der Spiritualisten beimischte. Da sie ein Interesse an parapsychischen Phänomenen und Geheimnissen hatte, betonte sie das Übernatürliche, wie es auch einige Europäer taten, die sich auf der Suche nach dem Okkulten befanden.

Madame Blavatsky sagte, dass indische und tibetische „Mahatmas“, bei denen es sich um übernatürliche menschliche Wesen aus Shambala handeln würde, ihr ihre Lehren auf telepathischem Wege diktiert hätten. Sie stellte diese Lehren in ihrem Werk „Die Geheimlehre“ („The Secret Doctrine“) zusammen. Shambala, so erklärte sie, sei ein mystisches Königreich in Tibet, das die geheimen Lehren von Atlantis bewahren würde. Seine Bewohner seien die Nachfahren der Menschen von Atlantis sind, dem im Meer versunkenen Land, das von Plato erwähnt wird. In Wirklichkeit gibt es in den Kalachakra-Lehren jedoch keinerlei Erwähnung des mystischen Landes Atlantis. Diese Assoziation war ein Produkt ihrer lebendigen Vorstellungskraft.

Madame Blavatsky behauptete, dass die Atlantis-Bewohner von Shambala eine vierte menschliche Rasse bilden würden, die beinahe unsterblich sei und für das Wohl der Menschheit arbeiten und gegen das Böse kämpfen würden. Die heutige Welt müsse von den Lehren der Bewohner von Atlantis erfahren, da es bald einen großen Krieg geben würde. Die Kräfte des Lichts müssten sich miteinander vereinen, um die Kräfte der Dunkelheit zu bekämpfen. Sie erörterte auch ein weiteres mystisches Königreich in Tibet mit dem Namen Agardhi, das sich mehr mit der Menschheit verbunden sei.

[Siehe: Falsche fremdländische Mythen über Shambhala.]

Hitler und die Suche nach Shambala

Selbst Hitler war von der Vorstellung von Shambala fasziniert. In seiner Jugend studierte er Okkultismus und Yoga in Wien. Später wandte er sich der Theosophie zu. Nach seiner Machtergreifung trug Hitler Informationen über so viele okkulte Gruppierungen der Welt zusammen, wie er nur konnte. Sein Ziel war es, die Elemente herauszufinden, die diese Gruppen mit der Theosophie gemeinsam hatten und diese Lehren dann in Begriffen der theosophischen Theorie neu zu interpretieren. Mit Hilfe des Entdeckers Sven Hedin sandte er mehrere Expeditionen nach Tibet. Durch die abstrusen Beschreibungen von Madame Blavatsky fehlgeleitet, suchten sie nach Kontakten mit dem sagenumwobenen Shambala, um von ihnen Hilfe für den Aufbau einer Weltherrschaft zu erhalten. Sie behaupteten, dass sie – obwohl Shambala sie zurückwiesen hätte, sie in der Lage gewesen seien, das mystische Königreich von Agardhi, das von Madame Blavatsky ebenfalls erwähnt wurde, zu kontaktieren und Hilfe von dort zu erhalten. Ganz klar, die Expedition der Nazis endete als eine Posse.

[Siehe: Die Verbindung der Nazis mit Shambala und Tibet.]

Die Verbindung der kalmückischen Mongolen

Die falsche Vorstellung, dass Tausende Tibeter während des Dritten Reiches um Berlin herum lebten, entstand dadurch, dass sie mit den Mongolen aus Kalmückien verwechselt worden sind. Die Kalmücken sind eine westmongolische Volksgruppe, die im siebzehnten Jahrhundert in die Wolga-Region des europäischen Russlands übersiedelte. Nachdem sie sich nach der russischen Revolution auf die Seite der Anti-Bolschewiken gestellt hatten, wanderte eine große Anzahl von ihnen 1920 nach Belgrad in Serbien aus.

Im Jahr 1932 begann Stalin, buddhistischen Klöster und Tempel in Kalmückien zu zerstören und verfolgte die Bevölkerung hart. in der Hoffnung, Stalin zu überwältigen und Kalmückien zu befreien, kämpften viele serbische Kalmücken im zweiten Weltkrieg mit der deutschen Armee an der Ostfront. Die Kalmücken in Kalmückien unterstützen ihre Bemühungen. Als Stalin 1944 die gesamte kalmückische Bevölkerung nach Sibirien deportierte, geschah dies als Bestrafung dafür, dass sie sich auf die Seite des Feindes geschlagen hatten.

Da Hitler sich für den Krieg okkulte Unterstützung erhoffte, ließ er eine kleine Gruppe von kalmückischen Mönchen nach Berlin bringen, damit diese dort Rituale für seinen Sieg durchführten. Ähnlich wie die im Mittelalter lebenden mongolischen Eroberer Dschingis Khan und Kublai Khan, war er verzweifelt auf der Suche nach jedweder übernatürlichen Hilfe, die er für sich gewinnen konnte. Privaten Interviews zu Folge, die man mit Überlebenden unter diesen Mönchen, die sich später in München ansiedelten, durchführte, hatten die Nazis keinerlei Verständnis des Buddhismus oder der tantrischen Rituale, welche die Mönche durchführten. Nachdem die Mönche die wahren Absichten der Nazis durchschaut hatten, beteten die Kalmücken lediglich für die Befreiung Kalmückiens und für den Weltfrieden.

Verwirrung in Bezug auf Tantra

Einer der Aspekte des Tantra und seiner Rituale, der am meisten Verwirrung auslöst und am leichtesten missverstanden wird, ist die Bildersprache, die auf Sex, Teufelsanbetung und Gewalt schließen lässt. Buddhagestalten erscheinen häufig als Paare in sexueller Vereinigung, und viele Buddhagestalten haben dämonische Gesichter, stehen eingehüllt in einen Kranz aus Flammen und trampeln auf hilflosen Wesen unter ihren Füßen herum. Diese Abbildungen zu sehen, erschreckte frühe westliche Gelehrte, die oftmals einen viktorianischen oder missionarischen Hintergrund hatten.

Selbst heutzutage glauben einige Menschen noch, dass diese Paare, die sexuelle Ausbeutung der Frauen zum Ausdruck bringen. Andere Menschen wiederum stellen sich vor, dass die Paare in sexueller Vereinigung die Transzendenz der Dualität bis zu dem Punkt hin symbolisieren, an dem es keine Unterschiede mehr zwischen „gut“ und „schlecht“ gibt. Infolgedessen denken sie, dass Tantra unmoralisch sei es und nicht nur den Gebrauch von Alkohol und Drogen, und hedonistisches, kriminelles und sogar despotisches Verhalten sanktionieren würde, sondern dieses Verhalten auch noch ermutigen würde.

Einige gehen so weit, dass sie hoch angesehenen tantrische Meiser beschuldigen, ein Komplott zur Übernahme der Welt zu planen und dass die Kalachakra-Lehren die Wurzel der Ideologie der Nazis gewesen und eine Quelle der Inspiration für heutige neonazistischen Bewegungen seien. Kurioserweise ähneln diese paranoiden Anschuldigungen der Besessenheit der Nazis in Hinblick darauf, dass diese den Juden die Schuld für alles Böse in der Welt zuwiesen. Hier ist äußerste Vorsicht geboten.

Die heutige Verwirrung über Tantra ist nichts Neues

Die Abendländer sind nicht die ersten Menschen gewesen, die Tantra zu einer degenerierten Form des Buddhismus erklärt haben. Als Tantra in der Mitte des achten Jahrhunderts ursprünglich nach Tibet gelangte, nahmen viele Menschen dort die Bildsprache des Tantra wörtlich, so als gewähre sie einen Freipass für rituellen Sex und Blutopfergaben. Infolgedessen bannte ein religiöser Rat die weitere offizielle Übersetzung von tantrischen Texten und verbot die Aufnahme von tantrischer Terminologie in das „Große Sanskrit-Tibetisch Wörterbuch“. Einer der wesentlichen Antriebe für die Tibeter, indische Meister für die zweite Verbreitungswelle des Buddhismus nach Tibet einzuladen war, Missverständnisse in Bezug auf Sex und Gewalt im Tantra aufzuklären.

Nicht alle Abendländer, die bereits zu einer frühen Zeit mit dem Tantra in Berührung kamen, empfanden die Bildersprache als verkommen. Eine Anzahl von ihnen verstand die Bildersprache in anderer Weise falsch. Einige von ihnen, wie auch viele Tibeter zu früheren Zeiten, fanden die Bilder erotisch. Selbst heutzutage noch wenden sich einige Menschen dem Tantra in der Hoffnung zu, neuartigen und exotischen sexuelle Techniken oder eine spirituelle Rechtfertigung ihrer Besessenheit mit Sex zu finden.

Wiederum andere finden die Furcht erregenden Figuren faszinierend, weil sie sich von ihnen versprechen, außergewöhnliche Kräfte zu erlangen. Diese Menschen treten in die Fußstapfen des im dreizehnten Jahrhundert lebenden mongolischen Eroberers Kublai Kahn, der die Praktiken des tibetischen Tantra hauptsächlich deshalb annahm, weil er sich erhoffte, dass diese ihm dabei helfen würden, einen Sieg über seine Feinde zu erlangen.

Missverständnisse in Bezug auf Tantra sind ein immer wieder auftretendes Problem. Der Grund dafür, dass das Tantra auf Geheimhaltung der Unterweisungen und Bilder insistiert, ist Missverständnisse zu vermeiden, nicht um etwas Perverses zu verbergen. Lediglich die Praktizierenden, die eine ausreichende Vorbereitung in Studium und Meditation erhalten haben, besitzen den Hintergrund um Tantra innerhalb seines angemessenen Zusammenhangs richtig zu verstehen.

Die bildliche Darstellung sexueller Vereinigung bezieht sich nicht auf gewöhnlichen Sex

Tantra im Buddhismus ist eine fortgeschrittene Praxis, welche die Vereinigung von Methode und Weisheit betont. Die Einheit wird durch ein Paar in sexueller Vereinigung symbolisiert. Das tibetische Wort für Paar, „yab-yum“, bedeutet „Vater und Mutter“. Ebenso wie es einen Vater und eine Mutter in sexueller Vereinigung erfordert, um ein Kind zu zeugen, ebenso erfordert es Methode und Weisheit in Vereinigung, um der Erleuchtung Geburt zu geben.

Die Methode, der Vater, steht für Bodhichitta, d.h. die Entschlossenheit, Erleuchtung zu erlangen, um anderen Lebewesen so gut wie möglich nutzen zu können. Die Methode steht auch für verschiedene andere Ursachen, die im Tantra erklärt werden, um den erleuchtenden physischen Körper eines Buddhas zu erlangen. Die Weisheit, die Mutter, steht für die Verwirklichung der Realität durch verschiedene Ebenen des Geistes, die als Ursachen für den erleuchtenden Geist eines Buddhas dienen. Um die Vereinigung des physischen Körpers und des Geistes eines Buddhas zu erlangen, ist die Vereinigung von Methode und Weisheit erforderlich. Weil die traditionellen indischen und tibetischen Kulturen die biblische Prüderie in Bezug auf Sex nicht teilen, kennen sie keine Tabus in Bezug darauf, bildliche Darstellungen von Sex zu verwenden, um diese Vereinigung von Methode und Weisheit zu symbolisieren.

Auf einer anderen Bedeutungsebene symbolisiert der Vater als Methode das glückselige Gewahrsein. Die Vereinigung von Vater und Mutter bringt die Verbindung des glückseligen Gewahrseins mit der Verwirklichung der Realität zum Ausdruck – mit anderen Worten: die Verwirklichung des Verständnisses der Leerheit mit einem glückseligen Gewahrseins. Hier bezieht sich das glückselige Gewahrsein nicht auf die Glückseligkeit einer orgastische Erleichterung, wie wir sie beim gewöhnlichen Sex erleben, sondern auf einen glückseligen Geisteszustand, der durch fortgeschrittene Yogamethoden erlangt wird, bei denen man die subtilen Energien des Körpers kontrolliert und zentralisiert. Die Umarmungen von Vater und Mutter symbolisiert dann auch den glückseligen Aspekte der Vereinigung von Methode und Weisheit, bringt aber keineswegs die Verwendung von gewöhnlichem Sex als eine Tantra-Methode zum Ausdruck.

Es ist wichtig, sich nicht durch die Symbole, die in fremdartigen Kulturen verwendet werden, durcheinander bringen oder in Irre führen zu lassen. Jemand der mit dem Christentum nicht vertraut ist, mag möglicherweise denken, dass das Symbol eines Mannes der an ein Kreuz genagelt ist, bedeutet, dass das Christentum Foltermethoden lehrt. Man muss stets genauer hinsehen, um zu erfahren, was die Symbole repräsentieren. Nach Angabe einer tantrischen Textquelle, symbolisiert beispielsweise die Vereinigung mit einer Gruppe von neun Frauen, die stufenweise, beginnend ab dem zwölften Lebensjahr, jeweils um ein Jahr älter werden, das Erlangen von stufenweise immer intensiver werdenden Niveaus von glückseligem Gewahrsein der Realität. Das Bild symbolisiert die neun Stufen des Auslöschens der subtilsten Ebene der Verwirrung in Bezug auf die Realität und bezieht sich mit Sicherheit nicht auf den sexuellen Missbrauch von Teenagern.

Tantrische Gelübde geben einem keinen Freipass zum Töten

Tantrische Initiationen, wie beispielsweise eine Intention in Kalachakra, erfordern, dass man Gelübde nimmt, mit deren Hilfe man sich von destruktivem Verhalten zurückhält. Diese Gelübde umfassen die „Bodhisattva-Gelübde“, mit deren Hilfe man Verhaltensweisen unterlässt, die entweder anderen schaden würden oder die die Fähigkeiten anderer Menschen beeinträchtigen würden, anderen zu helfen. Das erforderliche Fundament besteht darin, ein bestimmtes Niveau von Laiengelübden oder klösterlichen Gelübden einzuhalten, wie beispielsweise sich zu enthalten, Leben zu nehmen, zu stehlen, zu lügen, sich in unangemessenem sexuellen Verhalten zu betätigen und Rauschmittel einzunehmen.

Die Initiierten versprechen auch, die Gelübde nicht als Ausrede dafür zu verwenden, sich zu verweigern, Leben anderer zu nehmen, zu stehlen usw., wenn dies das Mitgefühl erfordert. Dann ist es ggf. nötig in einer drastischen Weise zu handeln, wenn es keine friedvollen Alternativen gibt. Um beispielsweise einen tollwütigen Hund aufzuhalten, der frei herumläuft und Menschen beißt, oder um einen Massenmörder, der von einem Turm aus auf die Menge schießt, Einhalt zu gebieten, ist es möglicherweise manchmal notwendig, den Hund oder den Mörder zu erschießen. Das ist jedoch nur dann der Fall, wenn es unmöglich ist, den Hund oder den Mörder mit friedvollen Mitteln davon abzuhalten, noch mehr Menschen zu verletzen oder zu töten. Und auch nur dann, wenn man die Fähigkeit besitzt, auf kraftvolle Methoden zugreifen, um die fortgesetzten Attacken zu stoppen. Sich in solchen Situationen zu weigern, kraftvolle Mittel einzusetzen, ist ein Bruch der tantrischen Gelöbnisse.

Kurz gesagt ist das Versprechen, sich nicht zu weigern, Leben zu nehmen, ein Versprechen der Selbstverpflichtung, sogar drastische Maßnahmen zu ergreifen, wenn diese absolut notwendig ist, damit andere nicht zu Schaden kommen. Das gilt nur, wenn alle anderen Methoden fehlschlagen. Darüberhinaus müssen diese Maßnahmen auf Grundlage eines ernsthaft empfundenen Mitgefühls umgesetzt werden, und nicht auf Grundlage von Angst oder Hass. Es handelt sich dabei sicherlich nicht um einen Eid, feindliche Truppen mutwillig zu töten, wie man ihn beim Eintritt in die Armee ablegt.

Die tantrischen Gelübde entbinden nicht von ethischer Verantwortung

Eine Initiation in eine der zwei höchsten Klassen des Tantra, wie beispielsweise in das Kalachakra, erfordert zudem das Ablegen der „tantrischen Gelübde“. Diese umfassen das Zurückhalten von Verhaltensweisen, die dem eigenen spirituellen Fortschritt schaden würden. Dazu gehört beispielsweise, das man sich davon zurückhält zu vernachlässigen, sich die wahre Natur der Realität, in Bezug auf Leerheit, jeden Tag zu vergegenwärtigen.

Leerheit bedeutet nicht, dass alle Phänomene, einschließlich der Ethik, in Wirklichkeit gar nicht existieren. Leerheit negiert niemals die konventionelle Unterscheidung zwischen destruktiven und konstruktiven Verhaltensweisen, oder das Funktionieren von verhaltensbedingter Ursache und Wirkung. Nichtdualität, wie es durch das Liebespaar in sexueller Vereinigung symbolisiert wird, bedeutet, dass Kategorien wie „destruktiv“ und „konstruktiv“ nicht unabhängig voneinander existieren. Die Bezeichnungen werden in Bezug aufeinander vergeben und in Bezug auf ihre Ursachen und Wirkungen. Jenseits des Dualismus zu gehen, bedeutet daher nicht, dass man die Befugnis erlangt, selbstsüchtigen und ausbeuterischen Verhaltensweisen nachzugehen, und auch nicht, dass die Verantwortung für die eigenen Taten außer Kraft gesetzt wird. Jenseits des Dualismus zu gehen bedeutet, dass man ein Gewahrsein der Ganzheit der Realität erlangt, das verbunden ist mit einer Vision der wechselseitigen Bezogenheit und gegenseitigen Abhängigkeit aller Dinge.

Die Symbolik Alkohol zu kosten

Wenn tantrische Praktizierende darüber hinaus im Rahmen gewisser Rituale eine kleine Kostprobe von speziell geweihtem Alkohol und Fleisch zu sich nehmen, dann symbolisiert dies die Reinigung und den Gebrauch der subtilen Energien innerhalb des Körpers des praktizierenden Buddhisten, mit dem Ziel die Erleuchtung zu erlangen. Wie auch bei der Einnahme von speziell geweihtem Brot und Wein beim heiligen Abendmahl oder der Kommunion im Christentum, sanktioniert der symbolische Akt wohl kaum den Missbrauch von Alkohol oder Drogen.

Kraftvolle Gestalten symbolisieren nicht den Teufel

Buddhagestalten mögen friedvoller oder kraftvoller Natur sein, was auf der einfachsten Ebene dadurch angedeutet wird, dass sie ein Lächeln im Gesicht tragen oder aber Reißzähne. Genauer gesagt besitzen die kraftvolle Gestalten Furcht erschreckende Gesichter, halten ein ganzes Arsenal an Waffen in ihren Händen und stehen aufrecht umschlungen von Flammen. Zum Teil entsteht die Verwirrung über die Funktion der kraftvollen Gestalten dadurch, dass der Begriff für diese Gestalten häufig mit „zornvolle Gottheiten“ übersetzt wird.

Für viele Abendländer, die mit einem biblischen Hintergrund aufgewachsen sind, hat der Begriff „ zornvolle Gottheiten“ den Beiklang eines allmächtigen Wesens, das einen rechtschaffenen, rachedurstigen Ärger hegt. Eine solche Gottheit lässt Übeltätern eine göttliche Bestrafung als Vergeltung zuteil werden, wenn diese ihren Gesetzen nicht gehorcht haben oder sie in irgendeiner Form beleidigt haben. Für einige Menschen mag eine zornvolle Gottheit sogar den Teufel oder einen Dämon suggerieren, der auf der Seite der Dunkelheit arbeitet.

Das buddhistische Konzept einer kraftvollen Buddhagestalt hat mit einer solchen Vorstellung nicht zu tun. Obwohl der tibetische Begriff von einem Wort entlehnt ist, das gewöhnlicher Weise für Ärger verwendet wird, hat hier der Ärger doch eher die Konnotationen von Widerwillen oder schroffer Zurückweisung – ein grober Geisteszustand, der mit dem Wunsch auf ein Objekt gerichtet ist, dieses loszuwerden. Eine angemessenere Übersetzung ist daher vielleicht der Begriff „kraftvolle Gestalt“ .

Kraftvolle Gestalten symbolisieren die starken energetischen Mittel, die häufig erforderlich sind, um durch mentale und emotionale Blockaden durchzubrechen, die einen davon abhalten, einen klaren Kopf zu bewahren und mitfühlend zu sein. Die Feinde, die diese Gestalten zerschmettern, umfassen Trägheit, Faulheit und Selbstbezogenheit. Die Waffen, die sie gebrauchen, umfassen die positiven Qualitäten, die auf dem spirituellen Pfad entwickelt werden, wie beispielsweise Konzentration, Enthusiasmus und Liebe. Und die Flammen, von denen diese Gestalten umgeben sind, symbolisieren die verschiedenen Arten tiefen Gewahrseins (Weisheit), welche die Schleier verbrennen. Sich selbst als eine kraftvolle Gestalt vorzustellen, hilft uns die geistige Energie zu nutzen und den Entschluss zu fassen, die „inneren Feinde“ zu überwinden.

Schlussfolgerungen

Zusammenfassend sei gesagt, dass „Kalachakra für den Weltfrieden“ einigen Menschen als ein chauvinistischer Anspruch erscheinen mag, den der Buddhismus erhebe, weil er sich brüste, die exklusive Schirmherrschaft in Bezug auf die interreligiöse Kooperation zu besitzen. Es scheint vielleicht auch nicht angemessen zu sein, das Kalachakra mit dem Weltfrieden assoziiert wird, wenn in den Berichten von Shambala Massenkonvertierungen vorgeschlagen werden und, unter der Führung eines buddhistischen Messias, ein Krieg gegen eine zukünftige Invasion geführt wird, die von einem falschen Messias angeführt wird. Wir dürfen jedoch den historischen und kulturellen Kontext, in dem die Lehren von Kalachakra entstanden sind, nicht aus den Augen verlieren.

Gegen Ende des zehnten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung verbreitete sich der von vielen Menschen geteilte Glaube in den mittleren Osten und in Teile von Südasien, dass sich die Apokalypse und das Ende der Welt in wenig mehr als einem Jahrhundert ereignen würde. Die meisten Menschen jener Zeit waren gedanklichen mit dem Thema der Ankunft des Messias beschäftigt. Der Buddhismus reagierte auf ihre Bedürfnisse, indem er seinen spirituellen Pfad in einer Struktur präsentierte, die für die Menschen in der damaligen Situation relevant und bedeutungsvoll war. Daher gestalteten die Buddhisten jener Zeit ihre Prophezeiungen in der Weise, dass sie Parallelen zu den fortgeschrittenen Stufen der Meditationspraxis von Kalachakra hatten. Diese Prophezeiungen anzunehmen, öffnete für die Menschen der damaligen Zeit und in ihrer spezifischen Region entsprechend einen Weg, den spirituellen Pfad der Kalachakra-Lehre anzunehmen. Mehr als dies in die äußere Ebene der Kalachakra-Vorhersage hineinzulesen, würde zu viel Bedeutung hineinlesen. Das Textmaterial spiegelt weder den aktuellen buddhistischen Standpunkt zur gegenwärtigen Situation der Welt wieder, noch beeinflusst es den Blickwinkel des Buddhismus auf diese Situation.

Der Dalai Lama hat nie für sich in Anspruch genommen, ein buddhistischer Messias zu sein, der beabsichtigt, die gesamte Welt in einer Art „Vajra-Kaste“ unter seiner Führung zusammenzubringen, um eine Invasion unmoralischer Kräfte zu bekämpfen. Darüber hinaus lehrt Tantra keine sexuelle Magie, die das Universum von allem Übel befreien kann. Selbst in Anbetracht des aktuellen Slogans des „moralischen Krieges gegen den Terrorismus“, beansprucht der Dalai Lama für sich nicht, das moralische Symbol zu sein, das die Welt vereinen kann.

In Bezug auf die Übertragung der Kalachakra-Initiation, sagt der Dalai Lama, dass er den Menschen verschiedener Glaubensrichtung lediglich eine Gelegenheit bieten möchte, für ein paar Tage in einer friedlichen Atmosphäre zusammenzukommen und über Mitgefühl zu reflektieren. Wenn Nicht-Buddhisten etwas an seinen Unterweisungen hilfreich finden sollte, so sind sie herzlich eingeladen, diese Dinge für sich anzunehmen und in ihr eigenes Glaubensystem zu übernehmen. All das, was sie nicht vernünftig finden, können sie gerne verwerfen. Diese Art von Ehrlichkeit und Offenheit ist das Kennzeichen, das die Kalachakra-Initation in der Tat zu einer Veranstaltung für den Weltfrieden gemacht.