Das Berzin-Archiv

Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Broschüre für die Kalachakra-Initiation
in Ulaan Baatar, Mongolei, 1995

Alexander Berzin, Juni 1995

Kalachakra bedeutet „Zeitzyklen“ und ist eine Lehre des Mahayana-Buddhismus aus der höchsten Klasse des Tantra. Buddha legte darin ein aus externen, internen und alternativen Zeitzyklen bestehendes System dar. Bei den externen Zyklen geht es um die Bewegungen der Planeten in den Himmeln und verschiedene Zeitzyklen oder Zeiteinheiten, die anhand der Planetenbewegungen in Jahren, Monaten, Tagen etc. gemessen werden. Die internen Zyklen behandeln die Energie- und Atemzyklen im Körper. Die alternativen Zyklen beinhalten die verschiedenen Meditationspraktiken,, die die Buddhagestalt namens Kalachakra einbeziehen und dazu benutzt werden, Kontrolle über die ersteren beiden Zyklen zu erlangen bzw. diese zu läutern.

Der externe und der interne Zeitzyklus verlaufen parallel und treten als Folge von kollektiven äußeren und individuellen inneren Energieimpulsen („Karma-Winden“) auf. Man kann diese entweder auf eine störende oder auf ein nicht störende Art und Weise erfahren, da Geisteszustände eng verbunden sind mit subtilen Energien. Mit anderen Worten: Es gibt bestimmte Energieimpulse, die die Zyklen der Planeten und des menschlichen Körpers steuern. Sie können sowohl in verwirrender als auch in nicht verwirrender Weise erfahren werden, weil es eine enge Verbindung gibt zwischen Energie und Geisteszustand. Mit den Kalachakra-Praktiken arbeitet man daran, sich dem Einfluss von unkontrolliert wiederkehrenden externen und internen Situationen wie astrologischen, kalendarischen und biologischen Zyklen, zu entziehen. Wenn man nicht mehr durch sie eingegrenzt oder verwirrt wird, kann man sein Potential vollkommen verwirklichen, um allen Wesen von größtmöglichen Nutzen zu sein.

Buddha hat das „Kalachakra-Tantra“ vor mehr als 2800 Jahren im heutigen Andhra Pradesh, Südindien, gelehrt. Die Lehre wurde im nördlich gelegenen Land Shambhala bewahrt und im 10. Jahrhundert unseres Zeitalters nach Indien zurückgebracht. Von Indien ausgehend verbreitete sie sich nach Burma und über die malaiische Halbinsel bis nach Indonesien, verschwand um das 14. Jahrhundert aber wieder aus diesen Regionen. Zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert wurde sie mehrfach von Indien nach Tibet verbreitet. Es finden sich Übertragungslinien in der Sakya-, der Kagyü- und der Gelugtradition Tibets.

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Gelug-Übertragungslinie auf Bitte des Kaisers Qianlung aus Tibet in die chinesische Mandschurei gebracht. In Peking wurde im Yungho Gong-Kloster mit Hilfe des Siebten Dalai Lama eine Kalachakra-Akademie gegründet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam das Kalachakra in die Mongolei. Auf Einladung des Vierten Bogdo Gegen schickte der Achte Dalai Lama aus seinem eigenen Namgyal-Kloster Gyalse Dorjechang, der das Hauptkloster für Kalachakra in der Mongolei, Dechen Kalawa, gründete. Die Kalachakra-Praxis wurde vom Vierten und vom Fünften Bogdo Gegen in der ganzen Mongolei verbreitet. Die anderen größeren Kalachakra-Klöster der Mongolei waren Gandan und Dzun Khure in Ulaan Baatar. Obwohl in der Mongolei 1937 zum letzten Mal das Mandala aus farbigem Sand hergestellt wurde, hat man bis heute im Kloster Gandan die Kalachakrariten weiter alljährlich rezitiert.

In die Westmongolei und die mongolischen Oirat-Regionen des heutigen Xinjiang (Ostturkistan) gelangte die Kalachakra-Übertragungslinie vom Labrang Tashikyil-Kloster in der nordosttibetischen Provinz Amdo. Zwei Übertragungslinien des Kalachakra gelangten nach Buryatien in Sibirien. Eine stammte aus Dechen Kalawa in der Mongolei, die andere ebenfalls aus Labrang Tashikyil. Die Kalachakra-Tradition wurde ausgehend von der Mongolei auch in die türkisch-buddhistische Region Tuva weiterverbreitet. Nach Kalmückien und in das Datsang-Kloster in Leningrad gelangte die Kalachakra-Tradition direkt aus Tibet, vor allem durch die Bemühungen von Agvan Dorjiev, dem mongolisch-buryatischen Meisterdebattenpartner des 13. Dalai Lama.

Das Kalachakra hat in den verschiedenen medizinischen und astrologischen Traditionen Tibets, der Mongolei und Zentralasiens große Beachtung gefunden. Das rührt daher, dass die Wissenschaft der tibetischen Kalenderberechnung, ein Großteil der tibetischen astronomischen und astrologischen Lehren und ein bestimmter kleiner Teil des tibetischen medizinischen Wissens, hier vor allem die Vorschriften zum Herstellen von edelsteinhaltigen medizinischen Zubereitungen, aus den Kalachakra-Lehren stammen. Die mongolischen kalendarischen, astrologischen und medizinischen Systeme leiten sich von den tibetischen her.

Die Linie der Dalai Lamas hat keine besondere Beziehung zum Kalachakra. Dennoch gehörte die Kalchakra-Praxis für den Ersten, Zweiten, Siebten, Achten und den jetzigen 14. Dalai Lama zu den bevorzugten Praktiken. Seit der Zeit des Achten Dalai Lama sind die Rituale und Meditationspraktiken des Kalachakra eine Spezialität des Namgyal-Klosters, des persönlichen Klosters der Dalai Lamas im Potala-Palast.

Es besteht keine Beschränkung bezüglich der Anzahl von Kalachakra-Ermächtigungen, die ein Meister in seinem Leben gewähren kann, und seine Heiligkeit gibt keine Begründung dafür, dass er sie so oft anbietet. Seine Heiligkeit erklärt, dass er sie gewährt, wenn er darum gebeten wird und die Umstände dazu förderlich sind.

Anders als bei anderen Tantras, wurde die Kalachakra-Ermächtigung traditionell großen Menschenmengen gewährt. Buddha gab sie zuerst dem König von Shambhala und seinem großen Gefolge mit 96 untergeordneten Herrschern. Einige Jahrhunderte später bot ein großer Meister in Shambhala sie der gesamten Bevölkerung an, um sie angesichts einer drohenden Invasion zu einen und die Vernichtung abzuwehren. So wurde eine Verbindung zwischen dem Kalachakra und dem Weltfrieden geschaffen, und in der Folge hat diese Ermächtigung mehr Menschen angezogen als jede andere tibetisch-buddhistische Veranstaltung.

Den Kalachakra-Lehren zufolge kommt es periodisch zu Invasionen barbarischer Horden in die zivisierte Welt, die versuchen, alle Möglichkeiten spiritueller Praxis und spirituellen Wachstums auszumerzen. Es wurde vorhergesagt, dass eine weitere solche Invasion in ca. 433 Jahren stattfinden soll, und dass dann ein schrecklicher Krieg beginnen wird. Zu dieser Zeit wird Hilfe aus dem Lande Shambhala kommen und die Barbaren werden vertrieben. Danach wird ein neues goldenes Zeitalter beginnen und alle Umstände werden günstig sein für spirituelle Praxis, vor allem für die Kalachakra-Praxis. Alle diejenigen, welche die Kalachakra-Ermächtigung erhalten haben, werden zu jener Zeit auf der Siegerseite wiedergeboren werden.

Die höchste Motivation diese Ermächtigung zu erlangen ist es, fähig zu werden, das Kalachakra jetzt zu praktizieren und auf diesem Wege Erleuchtung in diesem Leben zu erlangen, um anderen von größtem Nutzen zu sein. Dennoch kommen sehr viele Menschen mit dem Ziel, karmische Samen zu pflanzen, um mit diesem goldenen spirituellen Zeitalter in der Zukunft verbunden und dann in der Lage zu sein, Kalachakra zu praktizieren.

Kalachakra erfreute sich in der Mongolei und unter den mongolischen und türkischen buddhistischen Gruppen des heutigen Russlands und Chinas besonders großer Beliebtheit. Das mag an dem weit verbreiteten Glauben liegen, das nördliche Land Shambhala sei in diesen Regionen zu finden.

Dass westliche romantische Autoren die Idee von Shangrila aufbrachten – einem Paradies auf Erden – ist ohne Zweifel auf eine Verzerrung des Wortes „Shambhala“ zurückzuführen. Auf Erden mag es einen Ort geben, der repräsentativ für Shambhala ist, aber das ist nicht das wirkliche Shambhala. Seine Heiligkeit hat einmal gesagt, dass man Shambala weder auf diesem Planeten noch draußen im Weltraum finden kann. Es wird vielmehr beschrieben als ein menschlicher Bereich, in dem alles für die spirituelle Praxis günstig ist, insbesondere für die des Kalachakra. Insofern ist Shambhala gewissermaßen wie ein Paradies. Und obwohl es Reiseführer dothin gegeben hat, geschrieben sowohl auf Sanskrit wie auch auf Tibetisch, wird die Reise nur insoweit als eine physische beschrieben. Der Anreisende muss im Übrigen Millionen von Mantras und anderen Praktiken durchführen um dort anzukommen. Deshalb ist die Reise nach Shambhala eine spirituelle. Auf jeden Fall ist das Ziel des Kalachakra nicht, in Shambhala wiedergeboren zu werden, sondern, wie bei allen anderen Mahayanapraktiken, Erleuchtung zu erlangen zum Wohl aller.

Die Kalachakraermächtigung pflanzt die Samen der Fähigkeit hierzu und hilft, einige der gröberen Hindernisse zu bereinigen, die dies verhindern würden. Um die Ermächtigung zu empfangen, muss man gut vorbereitet sein. . Deshalb lässt ihr Seine Heiligkeit eine Belehrung vorausgehen über den Lam-rim, den Stufenpfad, der zur Erleuchtung führt. Die Schüler werden über die Zuflucht belehrt, d.h. über die sichere Ausrichtung in ihrem Leben, die gezeigt wird von den Buddhas, ihren Lehren und der Gemeinschaft derer, die in dieser Richtung weit fortgeschritten sind. Es ist die Ausrichtung auf die Arbeit an sich selbst, um alle Probleme, die man hat, zu überwinden und möglicherweise zu versuchen, all die guten Qualitäten zu erlangen, damit man in der Lage ist, allen Wesen auf die beste Weise von Nutzen zu sein. Die Schüler werden außerdem belehrt über Ursache und Wirkung sowie darüber, dass sie zur Vermeidung von Leiden und Problemen aufhören müssen, zerstörerisch zu handeln, und dass sie, um Glück zu erlangen, in einer konstruktiven Weise handeln müssen.

Sie werden auch belehrt über die drei Hauptarten des Pfadgeistes. Der erste besteht darin, dass sie einen festen Entschluss zu fassen, frei zu werden von ihren Problemen Dann müssen sie ihre Herzen ausweiten auf alle Wesen und ihre Herzen darauf festlegen, Erleuchtung zum Wohl aller zu erlangen. Schließlich müssen sie ein richtiges Verständnis der Realität erreichen und sehen, dass alles leer davon ist, auf eine bloß fantasierte Weise zu existieren. Menschen glauben, dass die Dinge auf alle möglichen verrückten Weisen existieren, z.B. dass jemand inhärent als Monster existiert oder als Feind, der niemals geliebt werden kann; aber niemand existiert wirklich auf diese Weise. Diese drei Hauptpfade werden manchmal als Entsagung, Bodhicitta und Leerheit bezeichnet.

Wenn die Schüler so durch die vorangehenden Belehrungen vorbereitet sind, sind sie bereit, die Kalachakra-Ermächtigung zu empfangen. Diese besteht aus einer Vorbereitungstagszeremonie und der eigentlichen Ermächtigung. Die wichtigste Vorbereitung ist , dass die Schüler verschiedene Gelübde ablegen, sich negativer Handlungen, Reden und Gedanken zu enthalten, die sie daran hindern würden, anderen auf die bestmögliche Weise zu helfen, und sich auch solcher Handlungen zu enthalten, die ihrer spirituellen Praxis schaden würden. Diese Gelübde sind bekannt unter der Bezeichung Bodhisattvagelübde und tantrische Gelübde.

Die Ermächtigung besteht in einer komplexen Prozedur des Eintritts in das Mandala,. die symbolische Weltstruktur des Kalachakra, und dann im Pflanzen verschiedener Samen und in Reinigungen. Das Mandala, aus farbigem Pulver hergestellt, ist der zweidimensionale Aufriss eines dreidimensionalen Palastes, in dem sich das Gottheitenpaar des Kalachakra befindet. Dessen Vereinigung symbolisiert die Einheit von Methode und Weisheit. Diese symbolische Welt, mit ihrem Palast usw., enthält 722 Gestalten. Alles ist eine Emanation Seiner Heiligkeit, den die Schüler als untrennbar von der Hauptbuddhagestalt Kalachakra visualisieren. So visualisieren alle Schüler den Ort, den Lehrer, sich selbst und sich gegenseitig in sehr speziellen reinen Formen.

Die Prozeduren beinhalten sieben Ermächtigungen des „Eintretens wie ein kleines Kind“, dann vier höhere, vier höchste, und schließlich die Vajra-Meister-Herrscher-Ermächtigungen. Diese stehen in Analogie zu den Stufen menschlicher Entwicklung in einer Lebensspanne. Die Schüler reinigen nach und nach immer subtilere Hindernisse und pflanzen Samen, die sie ermächtigen, auf immer weiter fortgeschrittenem Niveau zu praktizieren.

Die Visualisationen, die mit diesen Schritten einhergehen, sind sehr komplex. Dennoch: Wenn die Schüler auf der Grundlage eines starken Entschlusses frei zu werden, mit Herzen, die sich darauf festlegen, Buddhas zum Wohl aller Wesen zu werden und mit einem Verständnis, dass nichts in einer bloß fantasierten Weise existiert, die Gelübde sehr aufrichtig ablegen und wenigstens mit starkem Vertrauen fühlen, dass alle Vorgänge, zu deren Visualisierung sie aufgefordert werden, wirklich stattfinden, dann können sie sicher sein, dass sie die Ermächtigung empfangen haben. Jeder versucht das, so gut es seine Fähigkeiten erlauben, und bittet wenigstens darum, dass er eines Tages in der Lage sein möge, den vollen Pfad zur Erleuchtung zu gehen, wie er im Kalachakra-Tantra vorgestellt wird .

Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama erhielt die Kalachakra-Ermächtigung von seinem inzwischen verstorbenen Hauptlehrer, Yongdzin Ling Rinpoche, und die Übertragung der ausführlichen Belehrungen von seinem inzwischen ebenfalls verstorbenen Meisterdebattenpartner, Tsenzhab Serkong Rinpoche.