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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Broschüre für die Kalachakra-Initiation
in Graz, Österreich, 2002

Alexander Berzin

Kalachakra bedeutet „Zeitzyklen“ und ist eine Lehre aus dem Mahayana-Buddhismus in der höchsten Klasse des Tantra. Buddha legte damit ein aus externen, internen und alternativen Zeitzyklen bestehendes System dar. Bei den externen Zyklen geht es um die Bewegungen der Planeten in den Himmeln und verschiedene Zeitzyklen oder Zeiteinheiten, die anhand der Planetenbewegungen in Jahren, Monaten, Tagen etc. gemessen werden. Die internen Zyklen behandeln die Energie- und Atemzyklen im Körper und laufen parallel zu den Zyklen der externen Welt. Die alternativen Zyklen bringen die verschiedenen Meditationspraktiken des Kalachakra-Systems der Buddha-Gestalten („ Gottheiten“) ins Spiel, die dazu benutzt werden, Kontrolle über die ersten beiden Zyklen zu erlangen bzw. sie zu läutern.

Mit anderen Worten treten externe und interne Zeitzyklen als Folge von kollektiven und individuellen Energieimpulsen („Karma-Winden“) auf. Man kann diese entweder auf eine störende oder auf ein nicht störende Art und Weise erfahren, da Geisteszustände eng verbunden sind mit subtilen Energien. Mit den Kalachakra-Praktiken arbeitet man daran, sich dem Einfluss von unkontrolliert wiederkehrenden externen und internen Situationen (Samsara) wie z.B. astrologischen, kalendarischen und biologischen Zyklen, zu entziehen. Wenn man nicht mehr durch sie eingegrenzt oder gestört wird, kann man sein Potential vollkommen verwirklichen, um anderen von größtmöglichen Nutzen zu sein.

Buddha hat das „Kalachakra-Tantra“ vor mehr als 2800 Jahren im heutigen Andhra Pradesh, Südindien, gelehrt. Nachfolgende Generationen bewahrten die Lehre im nördlich gelegenen Land Shambhala und führten sie im 10. Jahrhundert unseres Zeitalters wieder in Indien ein. Von Indien ausgehend verbreiteten sich das Studium und die Praxis des Kalachakra nach Burma und über die malaiische Halbinsel bis nach Indonesien, verschwanden um das 14. Jahrhundert aber wieder aus diesen Regionen. Indische Meister übertrugen sie zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert mehrfach nach Tibet, später verbreiteten tibetische Meister sie weiter in die chinesische Mandschurei, die Mongolei, nach Sibirien und Ostturkistan. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab der letzte Zar Russlands sogar den Bau eines buddhistischen Tempels in St. Petersburg, seiner Hauptstadt, in Auftrag.

Kalachakra hat in den medizinischen und astrologischen Traditionen Tibets, der Mongolei und Zentralasiens große Beachtung gefunden. Das rührt daher, dass die Wissenschaft der tibetischen Kalenderberechnung, ein Großteil der tibetischen astronomischen und astrologischen Lehren und ein bestimmter kleiner Teil des tibetischen medizinischen Wissens, hier vor allem die Vorschriften zum Herstellen von edelsteinhaltigen medizinischen Zubereitungen, aus der Kalachakra-Literatur stammen. Die mongolischen Traditionen dieser Wissenschaften wiederum entwickelten sich aus den entsprechenden tibetischen.

Laut Seiner Heiligkeit dem 14. Dalai Lama hat die Linie der Dalai Lamas keine besondere Beziehung zum Kalachakra. Dennoch gehörte die Kalchakra-Praxis für den Ersten, Zweiten, Siebten , Achten und den jetzigen Vierzehnten Dalai Lama zu den bevorzugten Praktiken. Seit der Zeit des Achten Dalai Lama sind ihre Rituale und Meditationspraktiken eine Spezialität des Namgyal-Klosters, des persönlichen Klosters der Dalai Lamas im Potala-Palast.

Es besteht keine Beschränkung bezüglich der Anzahl von Kalachakra-Ermächtigungen (-Initiationen), die ein Meister gewähren kann und Seine Heiligkeit gibt keine Begründung dafür, dass er sie so oft anbietet. Seine Heiligkeit erklärt, dass er sie gewährt, wenn er darum gebeten wird und die Umstände dazu förderlich sind. Die anstehende Kalachakra-Ermächtigung in Graz, Österreich, wird die 27. sein, die Seine Heiligkeit gibt, dabei die dritte in Europa.

Im Gegensatz zu anderen Tantras wird die Kalachakra-Ermächtigung großen Menschenmengen gewährt. Buddha gab sie zuerst dem König von Shambhala und seinem großen Gefolge. Einige Jahrhunderte später bot ein großer Meister in Shambhala sie der gesamten Bevölkerung an, um sie angesichts einer drohenden Invasion zu einen und die Vernichtung abzuwehren. So wurde eine Verbindung zwischen Kalachakra und dem Weltfrieden geschaffen, und in der Folge hat diese Ermächtigung mehr Leute angezogen als jede andere tibetisch buddhistische Veranstaltung. Ein Grund dafür ist vielleicht, dass man durch das Empfangen der Ermächtigung eine besondere Beziehung zu Shambhala aufbaut.

Um bei dem Bild der „Zeitzyklen“ zu bleiben kann man feststellen, dass es historisch betrachtet periodisch wiederkehrend zu Invasionen auf die zivilisierte Welt durch barbarische Horden kommt, die versuchen, alle Möglichkeiten spiritueller Praxis und spirituellen Wachstums auszumerzen. Es wurde vorhergesagt, dass eine weitere solche Invasion in ca. 422 Jahren stattfinden soll, und dass dann ein schrecklicher Krieg beginnen wird. Zu dieser Zeit wird Hilfe aus dem Lande Shambhala kommen und die Barbaren werden vertrieben. Dieser Sieg wird ein neues goldenes Zeitalter einleiten, in dem alle Umstände günstig sind für spirituelle Praxis, vor allem für die Kalachakra-Praxis. Alle diejenigen, welche die Kalachakra-Ermächtigung erhalten haben, werden zu jener Zeit auf der Siegerseite wiedergeboren werden.

Der Triumph über die barbarischen Horden und der Beginn eines in spiritueller Hinsicht goldenen Zeitalters symbolisieren den Sieg über interne barbarische Kräfte, die aus störenden Emotionen bestehen, und die aus diesem Sieg folgende Erlangung von Erleuchtung. Daher ist die höchste Motivation für das Annehmen der Ermächtigung die, jetzt Zugang zu den Kalachakra-Lehren und -Praktiken zu bekommen und durch sie in diesem Leben Erleuchtung zu erlangen, um anderen von größtmöglichem Nutzen sein zu können.

Nicht jeder, der an der Ermächtigung teilnimmt, wird diese erhabene Motivation teilen. Jedoch ist das wichtigste Merkmal der Ermächtigung, wie Seine Heiligkeit der Dalai Lama erklärt, die Möglichkeit, große Menschenmengen in friedlicher und freundlicher Atmosphäre zu versammeln und die konstruktive Handlung des Hörens spiritueller Belehrungen auszuüben. Als der alte Meister aus Shambhala die Kalachakra-Ermächtigung der ganzen Bevölkerung gewährte, war sein Ziel nicht etwa die Konvertierung aller Teilnehmer zum Buddhismus. Er hoffte, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zu ermutigen, die ethischen und altruistischen Werte ihrer eigenen Religionen oder menschenfreundlichen Glaubensbekenntnisse zu festigen. Aufrichtige Praxis von Ethik und Altruismus ist die effektivste Methode, äußeren und inneren Frieden zu erlangen.

Dass westliche romantische Autoren die Idee von Shangrila aufbrachten – einem Paradies auf Erden – ist ohne Zweifel auf eine Verzerrung des Wortes Shambhala zurückzuführen. Es mag irgendwo auf Erden einen idyllischen Flecken geben, der repräsentativ für Shambhala ist. Die Reise zu diesem wunderbaren Land ist jedoch als eine spirituelle zu verstehen, die den Reisenden in einen höheren spirituellen Bereich führt. Shambhala repräsentiert die angeboren freudvolle Natur der subtilsten Ebene in jedermanns Geist, ausgestattet mit der vollständigen Fähigkeit, Probleme zu überwinden und seine Potentiale zu verwirklichen. Wirkliche Hilfe aus Shambhala zur Überwindung barbarischer Kräfte kommt also aus dem eigenen Herzen und Geist, nicht von außen.

Die Kalachakra-Ermächtigung erweckt und bestärkt die angeborene Natur des Herzens und des Geistes ein Buddha zu werden, und hilft, einige der gröberen Hindernisse, die diese Erlangung verhindern würden, zu läutern. Um die Ermächtigung zu empfangen, ist als Vorbereitung eine angemessene Einstellung erforderlich. Daher gehen der Ermächtigung normalerweise Belehrungen über den Stufenweg, der zur Erleuchtung führt, (lam-rim) voraus. Zunächst erklärt Seine Heiligkeit die Zufluchtnahme, nämlich dass man seinem Leben eine sichere Richtung gibt, die von den Buddhas durch ihre Lehren und Erlangungen gekennzeichnet wurde (Dharma), und die von der Gemeinschaft der hoch verwirklichten Praktizierenden (Sangha) teilweise verwirklicht wurden. Diese Richtung bedeutet, dass man an sich selbst arbeitet, um seine Probleme und Unzulänglichkeiten zu überwinden und sämtliche Fähigkeiten zu verwirklichen, die einen in die Lage versetzen, anderen zu helfen. Weiterhin lehrt er über Karma, d.h. über Ursache und Wirkung im Bezug auf Verhalten. Um Leiden und Probleme zu vermeiden, muss man aufhören, zerstörerisch zu handeln, um glücklich zu werden, muss man sein Verhalten konstruktiv ausrichten.

Als nächstes erklärt Seine Heiligkeit „die drei Hauptaspekte des Pfades“, die man entwickeln muss, um spirituellen Fortschritt zu erreichen. Die erste ist Entsagung, womit die starke Ausrichtung auf das Ziel, sich von seinen Problemen zu befreien, gemeint ist. Dann folgt Bodhicitta, der altruistische Wunsch, jedem von größtmöglichem Nutzen zu sein, und um dieses Ziel zu erreichen der Wunsch, die eigenen Begrenzungen zu überwinden und alle eigenen Potentiale zu verwirklichen. Schließlich braucht man eine korrekte Anschauung der Realität (Leerheit): Nichts existiert auf unmögliche Art und Weise. Man mag sich vorstellen, dass Dinge auf vielfältige Weise unmöglich existieren, wie z.B. dass jemand aus sich selbst heraus als Monster existiert, oder als ein Feind, den man nie lieben können wird. Niemand existiert jedoch wirklich so. Wie Seine Heiligkeit erklärt, kann jeder davon profitieren, die drei grundlegenden Pfade des Geistes zu entwickeln, unabhängig davon, ob er als praktizierender Buddhist oder einfach nur als „neutraler Beobachter“ an der Ermächtigung teilnimmt.

Die Kalachakra-Ermächtigung beinhaltet einen Tag der Vorbereitungszeremonien und die eigentliche Ermächtigung. Die wichtigste Vorbereitung ist das Ablegen der Bodhisattva- und der tantrischen Gelübde. Die Gelübde schließen das Versprechen ein, sich negativen Handelns, Redens und Denkens zu enthalten, das einen davon abhalten würde, den anderen von vollem Nutzen zu sein, und das Gelöbnis, sich nicht auf eine der eigenen spirituellen Praxis schädliche Art und Weise zu verhalten. Alle praktizierenden Buddhisten können, wenn sie wollen, die Bodhisattva-Gelübde ablegen, aber nur diejenigen, die zusätzlich geloben, die tantrischen Gelübde zu halten, werden tatsächlich an den später folgenden Visualisationsvorgängen teilnehmen und die Ermächtigung erhalten.

Beobachter müssen keine buddhistischen Gelübde ablegen und gehen mit der Zeremonie keine Verbindlichkeiten ein. Dennoch sind sie bei dem restlichen Teil der Zeremonie willkommen. Sie müssen dabei nicht völlig passiv bleiben, so als ob sie einem Schauspiel oder einer anthropologischen Veranstaltung zuschauen. Der Ablauf bietet Beobachtern vielfältige Möglichkeiten, positive Gefühle oder Gedanken zu entwickeln, die denen der vollständig Teilnehmenden ähneln.

Die eigentliche Ermächtigung besteht aus einem komplexen Prozess des Eintretens in das „Mandala“ , die symbolische Weltstruktur des Kalachakra, und innerhalb des Mandala dem Erhalten einer Reihe von Ermächtigungen, die den menschlichen Entwicklungsstadien entsprechen. Die Ermächtigungen beseitigen stufenweise subtilere Hindernisse und säen oder erwecken und bekräftigen „Samenkörner“ für stufenweise fortgeschrittenere Ebenen der Praxis.

Das Mandala, das für das Ritual aus farbigen Pulvern hergestellt wird, ist der zweidimensionale Bauplan eines dreidimensionalen Palastes, in dem das Paar der Kalachakra-Buddhagestalten verweilt. Ihre Vereinigung als Vater- und Mutterfigur symbolisiert die Vereinigung von Methode und Weisheit. Die symbolische Welt mit dem Palast und den umgebenden Flächen enthält 722 Gestalten, die eine Umgestaltung und geläuterte Alternative zu den facettenreichen Faktoren, die das Universum und den menschlichen Körper ausmachen, repräsentiert. All diese Gestalten sind Emanationen des spirituellen Meisters, der die Ermächtigung gibt. Die Teilnehmer versuchen entsprechend ihren Fähigkeiten zu visualisieren und zu fühlen, dass ihre Umgebung diese Mandala-Welt ist. dass Seine Heiligkeit die zentrale Buddhagestalt Kalachakra ist, und dass sie und alle anderen Teilnehmer sich während des Rituals in eine Reihe spezieller reiner Formen verwandeln..

Die Visualisationen, die den Teilnehmern abverlangt werden, sind außerordentlich komplex. Wichtiger als die Klarheit einzelner Details ist dabei die Motivation und die Haltung, nämlich eine starke Entschlossenheit, Freiheit zu erlangen, ein Herz, das darauf ausgerichtet ist, zum Nutzen aller ein Buddha zu werden und die Einsicht, dass nichts auf unmögliche Arten und Weisen existiert. Wenn die Teilnehmer auf dieser Grundlage aufrichtig die Gelübde ablegen und mit Überzeugung fühlen, dass die Abläufe, die sie visualisieren, tatsächlich stattfinden, können sie zuversichtlich sein, die Ermächtigung wirklich zu erhalten. Am Ende der Zeremonie beten sowohl Teilnehmer als auch Beobachter dafür, den ganzen im „Kalachakra-Tantra“ dargelegten Weg bis zur Erleuchtung zu gehen.