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Das Buddhismus-Archiv von Dr. Alexander Berzin

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Grundlagen der Dzogchen-Meditation

Alexander Berzin, Januar 2001, überarbeitet Oktober 2006
Übersetzung ins Deutsche: Karin Behrendt und Monika Dräger

1. Unterschiedliche Ebenen geistiger Aktivität und Hervorbringen von Erscheinungen erkennen

[Als Hintergrund, siehe Einführung in das Dzogchen. Siehe auch: Die wichtigsten Facetten des Dzogchen.]

Was ist Geist?

Die vier Tatsachen des Lebens (die vier edlen Wahrheiten) können in Hinsicht auf den Geist formuliert werden, das heißt in Hinblick darauf, wie sie vom einzelnen Individuum erfahren werden:

  1. die Erfahrung verschiedener Arten wahren Leidens (wahrer Probleme),

  2. die Erfahrung ihrer wahren Ursprünge (wahren Ursachen),

  3. die Erfahrung wahrer Beendigungen (wahren Aufhörens) von beiden,

  4. die Erfahrung der wahren Arten von Pfadgeist (wahre Pfade), die diese Beendigungen hervorbringen und die selbst Zustände des Geistes sind, die von Problemen und ihren Ursachen frei sind.

Daher ist die Arbeit am Geist vorrangig.

„Geist“ bedeutet im Buddhismus die individuelle und subjektive geistige Aktivität des bloßen Erfahrens von etwas – mit anderen Worten das individuelle, subjektive, bloße Entsteheinlassen von und sich kognitiv Befassen mit (Wahrnehmen von) einer kognitiven Erscheinung von etwas.

Ebenen geistiger Aktivität

Es gibt zwei Arten, die Ebenen zu unterscheiden, auf denen geistige Aktivität auftritt:

1. Die Sarma-Traditionen (Zeitspanne der neuen Übersetzungen) (Sakya, Kagyü und Gelug) unterscheiden drei Ebenen.

2. Das Nyingma-Dzogchen unterscheidet zwei Ebenen.

Die zwei Systeme sind teilweise deckungsgleich, da die Nyingma-Tradition die subtilste Sarma-Ebene in zwei teilt, und die subtilste dieser beiden als die eine Ebene nimmt (tib. rig-pa, „Rigpa”, „reines Gewahrsein”) und alle anderen als die andere Ebene (tib. sems, „Sem”, „begrenztes Gewahrsein”). Wir werden uns daher als erstes das Sarma-System anschauen und dann die zusätzliche Unterteilung des Dzogchen. Hier werden wir nur die Sakya- und Kagyü-Einteilungen des Sarma-Systems betrachten, da die Nyingma-Darstellung mit ihren Erklärungsweisen übereinstimmt und die Gelug-Präsentation sich von allen dreien unterscheidet.

Gemäß dem Sarma-System sind die drei Ebenen geistiger Aktivität:

1. Die grobe Erfahrung von etwas, was ausschließlich mit Sinneswahrnehmung geschieht und ausschließlich die Erfahrung von Erscheinungen ist.

2. Die subtile Erfahrung von etwas, was ausschließlich mit geistiger Wahrnehmung geschieht und entweder die Erfahrung von Erscheinungen oder Leerheit ist.

3. Die subtilste Erfahrung von etwas, was ausschließlich mit der Wahrnehmung des klaren Lichts geschieht und bei der die Erfahrung von Erscheinung und Leerheit untrennbar ist.

  • Sinneswahrnehmung ist immer nichtkonzeptuell.

  • Geistige Wahrnehmung kann nichtkonzeptuell (Träumen, außersinnliche Wahrnehmung) oder konzeptuell sein.

  • Wahrnehmung des klaren Lichts ist immer nichtkonzeptuell.

Sinneswahrnehmung

Im Falle der Sinneswahrnehmung (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und körperliche Empfindung von etwas), lassen die verschiedenen Arten von Sinnesbewusstsein, zum Beispiel das Seh- oder das Hörbewusstsein, nur geistige Aspekte (tib. rnam-pa, geistige Hologramme) oder geistige Ableitungen (tib. gzugs-bsnyan) entstehen, die äußeren Phänomenen ähneln, bzw. sie nehmen nur diese auf direkte Weise wahr (tib. dngos-su rig-pa, direktes Erkennen). Äußere Phänomene selbst nehmen sie nur indirekt wahr (tib. shugs-su shes-pa), da der Moment eines äußeren Phänomens, der von einer Sinneswahrnehmung wahrgenommen wird, im Moment des Entstehens der Sinneswahrnehmung bereits aufgehört hat zu existieren. Das liegt daran, dass äußere Phänomene die ausrichtungsbezogene Bedingung (tib. dmigs-rkyen, objektive Bedingung) für die daraus resultierende Wahrnehmung sind, und eine Ursache kann nicht gleichzeitig mit dem von ihr produzierten Resultat existieren. Daher bleiben äußere Phänomene der Sinneswahrnehmung verborgen (tib. lkog na-mo).

Zudem sind die geistigen Aspekte, die in der Sinneswahrnehmung erscheinen, lediglich Aspekte, die den definierenden Komponenten eines spezifischen Sinnesfeldes ähneln. So erscheinen in der visuellen Wahrnehmung zum Beispiel nur geistige Aspekte, die farbigen Formen ähneln, und in der auditiven Wahrnehmung erscheinen nur geistige Aspekte, die den Klängen der Vokale und Konsonanten ähneln.

Da Sinneswahrnehmung in die geistigen Aspekten nichts verfälschend hinzufügt (tib. sgro-'dogs, überlagern), ist Sinneswahrnehmung immer nichtkonzeptuell.

Konzeptuell erfassen

Von den drei Ebenen der Erfahrung von etwas kann nur geistige Wahrnehmung konzeptuell sein. Da Dzogchen-Meditation Nichtkonzeptualität betont, müssen wir verstehen, was mit “konzeptuell erfassen“ gemeint ist.

Wie in nichtkonzeptueller Sinneswahrnehmung erkennt auch konzeptuelle Wahrnehmung nur geistige Aspekte (geistige Hologramme) direkt, zum Beispiel geistige Aspekte, die farbigen Formen oder den Klängen von Vokalen und Konsonanten ähneln . Bei konzeptueller Wahrnehmung sind die geistigen Aspekte, die entstehen, jedoch mit konzeptuellen Kategorien (tib. spyi, Allgemeine, geistige Synthesen) vermischt, mit denen sie überlagert oder die auf sie projiziert werden. Die geistigen Aspekte und die konzeptuellen Kategorien werden im Folgenden miteinander verwechselt.

Eine konzeptuelle Kategorie ist eine geistig konstruierte Synthese (tib. spros-pa, geistige Fabrikation) aus einzelnen Elementen. Konzeptuelle Kategorien entstehen nur in konzeptueller Wahrnehmung und sind geistige Repräsentationen (tib. snang-ba, geistige Erscheinungen), die die geistigen Aspekte, auf die sie überlagert werden, teilweise verschleiern.

Die konzeptuellen Kategorien, mit denen die geistigen Aspekte vermischt und verwechselt werden, können entweder auf konventionelle Objekte oder Sprache bezogen sein.:

Zu Kategorien in Bezug auf konventionelle Objekte gehören:

  • geistige Sammelsynthesen (tib. tshogs-spyi)

  • geistige Artsynthesen (tib. rigs-spyi)

  • geistige Objektsynthesen (tib. don-spyi).

Eine geistige Sammelsynthese kann ein Ganzes sein, das räumlichen, sinnlichen und/oder zeitlichen Einzelteilen zugeschrieben wird, wie das Ganze „Tisch“, das vier Beinen und einer flachen Oberfläche zugeschriebenen wird. Das Ganze kann auch mehreren Arten von Sinnesinformationen zugeschrieben werden, zum Beispiel einem Anblick und einer fühlbaren Empfindung. Zudem kann das Ganze ein ganzes Kontinuum sein, das einer Abfolge von Momenten der vorangegangenen zwei Arten von Ganzen zugeschrieben wird.

Eine geistige Artsynthese ist die Art von Phänomen, für die ein spezifischer individueller Gegenstand als Beispiel dient, zum Beispiel dass ein Gegenstand ein „Tisch“ ist.

Eine geistige Objektsynthese ist die konzeptuelle Kategorie eines allgemein verständlichen Objektes (tib. ‘jig-rten-la grags-pa), wie zum Beispiel „Tisch“, die benutzt wird, wenn man an ein allgemein verständliches Objekt denkt, es in Worte fasst oder sich vorstellt (visualisiert).

Zu Kategorien in Bezug auf Sprache gehören:

  • Audiokategorien (tib. sgra-spyi, begriffliche Allgemeine)

  • bedeutungsbezogenen Kategorien (tib. don-spyi, Bedeutungsallgemeine)

Eine Audiokategorie ist ein akustisches Muster, das von den Mitgliedern einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten Sprache als Konvention (tib. tha-snyad) eingesetzt wird. Als akustische Muster von Worten wie zum Beispiel „Tisch“ und nicht als die Klänge der Worte (die Sammelsynthesen und Artsynthesen sind), sind sie Kategorien in dem Sinne, dass sie Klängen zugeschrieben werden können, die in einer Vielfalt von Stimmen, Tonhöhen, Lautstärken und Ausspracheformen gebildet sind. Für sich selbst genommen haben Audiokategorien keine mit ihnen verbundene Bedeutung.

Erscheinen geistige Aspekte, die den Klängen von Vokalen und Konsonanten gleichen, einer nach dem anderen in einer Folge in der auditiven Wahrnehmung, wird konzeptuelle geistige Wahrnehmung sie daher gleichzeitig

  • zusammenfügen,

  • geistig Sammel- und Artsynthesen herstellen, die Worte, Redewendungen und Sätze repräsentieren

  • und sie mit Audiokategorien von Worten, Redewendungen und Sätzen überlagern.

Bei einer bedeutungsbezogenen Kategorie handelt es sich um ein bedeutsames Muster einer Audiokategorie, das von den Mitgliedern einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten Sprache als die Bedeutung eines Wortes, eines Ausdrucks oder eines Satzes eingesetzt wird. Bedeutungen existieren schließlich nicht inhärent in Klängen oder Worten, sondern werden lediglich von Konventionen geprägt, den Worten zugeordnet und von den Mitgliedern einer Gesellschaft als Kategorien benutzt, um Denken und Kommunizieren zu können. Darüber hinaus kann es sein, dass jede Person in dieser Gesellschaft einem bestimmten Wort eine leicht andere Bedeutung beimisst, diese Bedeutung jedoch trotzdem als Kategorie benutzt, wenn sie dieses Wort denkt.

Die meisten konzeptuellen Wahrnehmungen sind verbal und überlagern geistige Aspekte daher sowohl mit Audio- als auch bedeutungsbezogenen Kategorien. Konzeptuelle Wahrnehmung kann jedoch auch nonverbal sein; in diesem Fall besteht die Überlagerung der geistigen Aspekte nur aus einer Sammel-, Art- und Objektsynthese, zum Beispiel wenn man sich bildlich vorstellt oder daran erinnert, wie das Gesicht einer Person aussieht.

Der Unterschied zwischen konzeptueller Wahrnehmung und Denken

Wenn der Buddhismus vom konzeptuellen Erfassen spricht, spricht er von Momenten konzeptueller Erfahrung von etwas. Der westliche Begriff Konzepte entspricht den Kategorien, die mit geistigen Aspekten in Momenten konzeptueller Wahrnehmung vermischt und verwechselt werden.

Konzeptuelle Wahrnehmung ist ein viel weiter gefasster Begriff als der westliche Begriff Denken. Konzeptuelle Wahrnehmung kann für nur einen Moment auftreten oder kontinuierlich andauern, Denken hingegen impliziert gewöhnlicherweise eine Gedankenkette und meistens verbale oder abstrakte Gedanken. Darüber hinaus schließt konzeptuelle Wahrnehmung das sich Vorstellen von und sich Erinnern an alle Arten von Sinnesobjekten mit ein, sowie das sich Vorstellen von und sich Erinnern an Arten des Sichgewahrseins von etwas, zum Beispiel des Wütendseins und abstrakter Dinge.

Konzeptuelle Wahrnehmung schafft Erscheinungen wahrer Existenz

Die konzeptuellen Kategorien, die konzeptuelle Wahrnehmung erzeugt, sind kognitive Repräsentationen (tib. snang-ba, geistige Erscheinungen) nicht nur dessen, was die Dinge sind (Worte, Bedeutungen, Ganzes, Kontinua, Objekte, Arten von Dingen und so weiter) sondern auch von Dingen, die wahrhaft auf diese Weise existieren. Wahrhaft existieren (tib. bden-par grub-pa) bedeutet hier, dass sie wirklich so existieren, unabhängig von Zuschreibungen.

So beinhaltet konzeptuelle Wahrnehmung immer das Hervorbringen von Erscheinungen wahrer Existenz (tib. bden-snang) bzw. duales Erscheinungs-Hervorbringen (tib. gnyis-snang). Das bedeutet Erscheinungs-Hervorbringen von wahrhaft existenten „ Dieses”- und „Jenes”-Erscheinungen von Dingen als wahrhaft in fixierten, konkreten Schubladen oder Kategorien als „Diese” oder „Jene” existierend.

Konzeptuelles Erscheinungs-Hervorbringen von wahrhaft existenten „Diesen”- und „Jenen” liegt daher nur der Vorstellung und dem Denken zugrunde. Der Sinneswahrnehmung, wie zum Beispiel dem Sehen und Hören, liegt es nicht zugrunde. Mit anderen Worten, nur die Vorstellung und das verbale Denken sind konzeptuell, denn nur sie schaffen Erscheinungen von wahrhaft existenten „Diesen” und „ Jenen”.

Erscheinungen von wahrhaft existenten „Diesen” und „Jenen” wahrzunehmen und zu glauben, dass sie der Realität entsprechen (tib. bden-'dzin, Greifen nach wahrer Existenz) treten gleichzeitig auf und auch nur bei Vorstellungen und verbalem Denken. Das liegt daran, dass wahrhaft existente „Diese” und „Jene” wahrzunehmen und an sie zu glauben dieselbe Aktivität ist, nur aus zwei verschiedenen Gesichtspunkten. In der Fachterminologie sagt man, dass sie die gleiche essentielle Natur (tib. ngo-bo gcig) teilen. Mit anderen Worten tritt das Erzeugen einer Erscheinung eines wahrhaft existenten „Diesen” oder „Jenen” nur auf, wenn wir an eine wahre Existenz glauben, wenn wir an die konkreten Schubladen oder Kategorien von „ Diesem” oder „Jenem” glauben.

Die Nichtkonzeptualität der Sinneswahrnehmung

Da Sinneswahrnehmung, wie zum Beispiel Sehen und Hören, nicht konzeptuell sind, erschaffen sie keine Erscheinungen von wahrhaft existenten „Diesen” und „Jenen”. Sie erschaffen Erscheinungen von nichtwahrer Existenz (tib. med-snang) dessen, was nicht wahrhaft als „Dieses” oder „Jenes” existiert. Zudem nehmen Sehen und Hören Erscheinungen weder als wahrhaft existente „Diese” und „ Jene” wahr, noch glauben sie daran. Sehen und Hören nehmen Erscheinungen nur als das wahr, das nicht wahrhaft als „Dieses” oder „Jenes” existiert. Was bedeutet das?

Sehen und Hören tritt nur für eine Millisekunde auf. Während dieser Millisekunde sehen wir geistige Aspekte, die nur Sinnesdaten gleichen, zum Beispiel eine Ansammlungen von Ausschnitten von farbigen Formen, die nichtwahrhaft existent als „Diese” oder „ Jene” erscheinen. Wir hören nur die Klänge der Konsonanten und Vokale, die auch nichtwahrhaft existent als „dieses” oder „jenes” Wort mit „dieser” oder „jener” Bedeutung erscheinen. Nur mit konzeptueller Wahrnehmung, die direkt im Anschluss erfolgt, fügen wir im Geist die farbigen Formen zusammen und stellen uns zum Beispiel ein Gesicht als Ganzes vor, was eine Erscheinung eines wahrhaft existenten „diesen” oder „jenen” Objektes ist. Nur mit konzeptueller Wahrnehmung fügen wir im Geist die Klänge der Konsonanten und Vokale zusammen und denken verbal ein ganzes Wort und eine Bedeutung, was eine Erscheinung eines wahrhaft existenten „Diesen” oder „Jenen” ist.

Sinneswahrnehmung fällt in die Kategorie der unentschiedenen Wahrnehmung (tib. snang-la ma-nges-pa), da sie ihre geistigen Aspekte nicht als ein Objekt ermittelt. Sie unterscheidet (tib. 'du-shes) jedoch zum Beispiel charakteristische farbige Formen innerhalb des visuellen Sinnesfelds – da das Aggregat des Unterscheidungsvermögens (der Erkenntnis) jeden Moment der Erfahrung begleitet, einschließlich der nichtkonzeptuellen Wahrnehmung. Sinneswahrnehmung unterscheidet jedoch nicht die geistigen Aspekte jener farbigen Formen als ein konventionelles Objekt, wie einen Tisch – und darüber hinaus nicht als einen wahrhaft existenten Tisch. Diese Art der Unterscheidung geht nur mit konzeptueller Wahrnehmung einher.

Wie Leerheit erkannt wird

Es gibt zwei Ebenen von Leerheit (tib. stong-pa-nyid, Skt. shunyata):

  1. Leerheit, die ein konzeptuelles Konstrukt ist,

  2. Leerheit, die über konzeptuelle Konstrukte hinaus geht.

Leerheit als eine absolute Abwesenheit (tib. med-dgag, nichtimplizierende Negierung) wahrer Existenz als „Dieses” oder „Jenes” ist das konzeptuelle Konstrukt oder die Abstraktion: „Es gibt so etwas wie wahrhaft existierende „Diese” oder „Jene” nicht”. Man kann sie nur konzeptuell kennen, und das ist es, was mit dem Wort oder Konzept „ Leerheit” gemeint ist.

Diese Ebene der Leerheit zu erkennen ist ein notwendiger Zwischenschritt für die Erkenntnis definitiver Leerheit, die jenseits aller konzeptuellen Kategorien und jeglicher Worte ist. Obgleich man auf Leerheit mittels eines konzeptuellen Konstrukts oder Worten verweisen kann, entspricht Leerheit, die jenseits von konzeptuellen Konstrukten ist (definitive Leerheit), nichts, das einem Wort oder Konzept entsprechen würde, das heißt nichts, das in die fixierte Schublade oder Kategorie von „Leerheit” passt.

Daher befinden sich die beiden Ebenen von Leerheit nicht im Widerspruch. Es ist nicht so, dass „ darüber hinaus gehende” Leerheit eine transzendentale Ebene wäre, in dem Sinne, dass sie über alle Grenzen möglicher Erfahrung und jeglichen Wissens hinausginge und nur durch eine mystische Erfahrung zugänglich wäre, die man vielleicht durch die Gnade Gottes erlangt. Es bedeutet einfach nur, dass sie über die Grenzen des konzeptuellen und nicht konzeptuellen sinnlichen und geistigen Wahrnehmungsbereichs hinausgeht.

Leerheit als ein konzeptuelles Konstrukt kann nur konzeptuell wahrgenommen werden. Wir nehmen sie konzeptuell mit unserem geistigen Bewusstsein wahr, das einen geistigen Aspekt erzeugt, der zum Beispiel einem leeren oder ungefüllten Raum ähnelt, und ihn mit den Audio- und bedeutungsbezogenen Kategorien von „Leerheit“ überlagert bzw. diese auf ihn projiziert. Das bedeutet jedoch nicht, dass, wenn wir uns konzeptuell auf Leerheit konzentrieren, dies unbedingt von einem geistigen Aspekt begleitet sein muss, der dem Klang der Vokale und Konsonanten des Wortes „Leerheit“ ähnelt. Die konzeptuelle Wahrnehmung der Leerheit kann auch nonverbal sein. Da die geistigen Repräsentationen (die konzeptuellen Kategorien), die in konzeptueller Wahrnehmung erscheinen, notwendigerweise Erscheinungen von wahrer Existenz sind, scheint der leere oder ungefüllte Raum allerdings eine Leerheit zu sein, die in der festen Kategorie „Leerheit“ wahrhaft existiert. Die bedeutungsbezogene Kategorie, die damit verbunden ist, ist jedoch die korrekte Bedeutung von Leerheit, das heißt die absolute Abwesenheit wahrer Existenz.

Leerheit, die über Konzepte hinausgeht, kann nur nichtkonzeptuell wahrgenommen werden, jedoch nicht von nichtkonzeptueller geistiger Wahrnehmung. Nichtkonzeptuelle geistige Wahrnehmung produziert einen geistigen Aspekt von etwas, das nicht wahrhaft als ein „Dieses” oder „Jenes” existiert. Leerheit, die jenseits von Konzepten ist, geht jedoch über alle vier Extreme hinaus, nämlich dass Dinge:

  1. wahrhaft als ein „Dieses” oder „Jenes” existieren,

  2. nichtwahrhaft als ein „Dieses” oder „Jenes” existieren

  3. sowohl wahrhaft als ein „Dieses” oder „Jenes” existieren als auch nicht als solches wahrhaft existieren,

  4. weder wahrhaft als ein „Dieses” oder „Jenes” existieren noch nicht als solches wahrhaft existieren.

Daher erscheint Leerheit, die über Konzepte hinausgeht, kognitiv nicht als ein geistiger Aspekt eines leeren oder ungefüllten Raumes, der eine Leerheit in der Kategorie einer nichtwahrhaft existenten „Leerheit” zu sein scheint.

[Siehe: Bestätigungen und Negierungen, fassbare und nicht fassbare letztendliche Phänomene.]

Nur geistige Aktivität des klaren Lichts kann Leerheit erkennen, die über Konzepte hinausgeht

Nur geistige Aktivität des klaren Lichts kann eine nichtkonzeptuelle Wahrnehmung von Leerheit, die über Konzepte hinausgeht, haben, und wenn dies der Fall ist, nimmt sie nichtkonzeptuell die beiden Wahrheiten (tib. bden-gnyis) gleichzeitig wahr.

In diesem Kontext sind die beiden Wahrheiten:

  1. Leerheit, die über Konzepte hinausgeht,

  2. reine Erscheinungen (tib. dag-pa'i snang-ba) – Erscheinungen, die über unreine Erscheinungen hinausgehen (tib. ma-dag-pa'i snang-ba).

Unreine Erscheinungen beinhalten:

  1. Erscheinungen von wahrhaft existierenden „Diesen” und „Jenen”,

  2. Erscheinungen von Sinnesobjekten, wie momentane Ansammlungen von Ausschnitten farbiger Formen, die nicht wahrhaft als „Diese” oder „Jene” existent sind.

Die Wahrnehmung unreiner Erscheinungen ähnelt einer „Tunnelsicht“ , in der wir die Realität aus einer begrenzten Perspektive betrachten, wie durch einen Tunnel. Wir sehen nur das, was sich direkt vor unserer Nase befindet, scheinbar getrennt und isoliert von dem Zustand, der über die scheinbar soliden Kategorien der Worte und Konzepte hinausgeht.

Die Wahrnehmung durch das klare Licht dagegen produziert und erkennt Erscheinungen dessen, was über wahrhaft und nicht wahrhaft existente „Diese” und „Jene” hinausgeht. Das bedeutet jedoch nicht, dass mit der Wahrnehmung durch das klare Licht alles zu einer undifferenzierten Einheit wird. Objekte behalten ihre konventionelle Identität. Darüber hinaus produziert und erkennt die geistige Aktivität des klaren Lichts sowohl die Erscheinungen aller Phänomene als auch seiner selbst, zum Beispiel als Buddhagestalt. Gleichzeitig nimmt sie auch ihre Leerheit wahr, die über Worte und Konzepte hinausgeht.

Die Wahrnehmung durch das klare Licht kann jedoch in zwei Arten unterteilt werden:

1. klares Licht, das nicht weiß, dass die beiden Wahrheiten, die es wahrnimmt, wahr sind,

2. klares Licht, das weiß, dass sie wahr sind.

Sem und Rigpa

Die Nyingma-Dzogchen-Systeme unterscheiden zwei Arten von geistiger Aktivität, um Dinge zu erfahren:

1. Sem (tib. sems, begrenztes Gewahrsein),

2. Rigpa (tib. rig-pa, reines Gewahrsein).

Grob gesagt entspricht Rigpa der zweiten Kategorie der geistigen Aktivität des klaren Lichts: dem klaren Licht, das seine eigene Zwei-Wahrheiten-Natur kennt.

Sem entspricht allen Ebenen des Geistes, die diese Zwei-Wahrheiten-Natur nicht kennen. Somit beinhaltet Sem:• geistige Aktivität des klaren Lichts, das seine eigene Zwei-Wahrheiten-Natur nicht kennt, so zum Beispiel das gewöhnliche Gewahrsein des klaren Lichts im Moment des Todes,

  • die nichtkonzeptuellen Millisekunden der Seh- und Hörerscheinungen von nichtwahrer Existenz, ohne die Gesamtheit von allem im Zustand, der über Konzepte hinausgeht, zu kennen und ohne Leerheit zu erkennen, die über Konzepte hinausgeht,

  • die Vorstellung oder das verbale Denken von Erscheinungen wahrer Existenz, ohne zu wissen, dass sie unwahr sind, und auch ohne die Wahrnehmung der Leerheit, die über Konzepte hinausgeht.

Geistige Aktivität des klaren Lichts, das seine eigene Zwei-Wahrheiten-Natur nicht kennt, ist daher, auch wenn es die beiden Wahrheiten gleichzeitig erkennt, nicht Rigpa. Es ist Sem.

Alles Sem ist flüchtiger Natur; Rigpa hingegen ist nicht mit dem Makel flüchtiger, begrenzter geistiger Aktivität behaftet. Zudem ist Rigpa vollständig mit allen guten Eigenschaften (tib. yon-tan) versehen, was bedeutet, dass Rigpa nicht nur reine Erscheinungen und Leerheit, die über Konzepte hinausgeht, gleichzeitig wahrnimmt, sondern auch seine eigene Zwei-Wahrheiten-Natur kennt. Diese Kenntnis nennt man:

  • reflexives tiefes Gewahrsein (tib. rang-rig ye-shes),

  • selbstentstehendes, tiefes Gewahrsein (tib. rang-byung ye-shes),

  • Gewahrsein seines eigenen Angesichts (tib. rang-ngo shes-pa).

Obgleich Rigpa seine eigene Zwei-Wahrheiten-Natur wahrnimmt und kennt, stehen die beiden Wahrheiten nicht unbedingt gleichermaßen im Vordergrund. Die beiden sind nicht gleichermaßen deutlich, während man sich noch auf dem Pfad befindet, nur als Buddha haben sie gleiches Gewicht.

Drei Aspekte des Rigpa

Rigpa hat drei natürlich untrennbare Aspekte (tib. rang-bzhin dbyer-med). Die drei treten gleichzeitig auf (tib. lhan-skyes) und haben dieselbe essentielle Natur (tib. ngo-bo gcig) – sie beziehen sich auf dasselbe Phänomen aus verschiedenen geistigen Blickwinkeln. Nichtsdestotrotz können sie voneinander unterschieden und als unterschiedliche, konzeptuell getrennte Elemente (tib. ldog-pa) bestimmt werden.

  1. Rigpa ist ein ursprünglich reines Gewahrseins (tib. ka-dag), unbefleckt, im Sinne von sowohl Selbstleerheit (tib. rang-stong) als auch Anderesleerheit (tib. gzhan-stong). Dieser Aspekt leitet sich daraus ab, dass man anhand von Logik eine Wahrheit über Rigpa herausfiltert, nämlich seine Leerheit.
    • Rigpa ist selbstleer in dem Sinne, dass es über eine Existenz als etwas hinausgeht, das sich in Konzepte oder Worte fassen ließe, bzw. es ist frei davon.
    • Es ist anderesleer in dem Sinne, dass es ein Gewahrsein ist, das nicht nur von Natur aus leer ist, sondern diese leere Natur auch erkennt und daher frei von allen flüchtigen Ebenen von „ anderer” geistiger Aktivität (Sem) ist.

  2. Rigpa ist ein Gewahrsein, dass spontan reine Erscheinungen hervorbringt (tib. lhun-grub). Dieser Aspekt leitet sich daraus ab, dass man anhand von Logik die zweite Wahrheit über Rigpa herausfiltert, nämlich seinen Aspekt des Erscheinungs-Hervorbringens.

  3. Rigpa ist ein reagierendes Gewahrsein (tib. thugs-rje). Es ist mitfühlend, was mitfühlende Kommunikation oder die Fähigkeit zu reagieren impliziert. Dieser Aspekt leitet sich daraus ab, dass man anhand von Logik einen subtileren Aspekt des Erscheinungs-Hervorbringens herausfiltert, nämlich die Fähigkeit des Erscheinungs-Hervorbringens als Reaktion auf andere Wesen und die Umgebung.

Die drei Arten von Rigpa

Es gibt drei Arten von Rigpa:

  1. Grundlegendes Rigpa (tib. gzhi'i rig-pa) ist die Arbeitsgrundlage, die wir alle haben. Obgleich es alle Momente des Sem durchzieht wie Sesamöl einen Sesamsamen, erkennen wir es normalerweise nicht. Die nächsten beiden sind zwei Aspekte des Rigpa, die wir auf dem Pfad erkennen.

  2. Als erstes erkennen wir strahlendes Rigpa (tib. rtsal-gyi rig-pa). Es ist Rigpa in seinem Aspekt des aktiven Hervorbringens und Erkennens reiner Erscheinungen als Reaktion auf Dinge. Obgleich es alle drei Aspekte des Rigpa beinhaltet, steht der spontan hervorbringende Aspekt mehr im Vordergrund.

  3. Dann erkennen wir Essenz-Rigpa (tib. ngo-bo'i rig-pa) als das, was dem strahlenden Rigpa zugrunde liegt. Es ist Rigpa in seinem Aspekt des kognitiven Raums (tib. klong, weiträumiges Gewahrsein) – in Bezug auf Anderesleerheit – das das Entstehen und Erkennen reiner Erscheinungen als Reaktion auf Dinge ermöglicht. Obgleich auch dieses alle drei Aspekte des Rigpa beinhaltet, steht hier der Aspekt der ursprünglichen Reinheit mehr im Vordergrund.

Benommenheit und der Alaya der Gewohnheiten

Obgleich die Kontinuität des grundlegenden Rigpa jedes einzelnen Individuums ohne Makel und ohne Anfang oder Ende ist, gibt es auch einen anfangslosen Faktor der Benommenheit (tib. rmongs-cha, Dummheit, Verwirrtheit), der mit jedem Moment der Wahrnehmung automatisch gleichzeitig auftritt (tib. lhan-skyes). Er wird auch als automatisch erscheinende Unwissenheit (tib. lhan-skyes ma-rig-pa) hinsichtlich der Phänomene bezeichnet, eine dem Namen nach störende Einstellung (tib. nyon-mongs-kyi ming-btags-pa), die zu den Schleiern hinsichtlich all dessen, was erkannt und gewusst werden kann, zählt und die Allwissenheit (tib. shes-sgrib) verhindert. Sie verhüllt Rigpas innewohnende gute Eigenschaft reflexiven tiefen Gewahrseins seiner eigenen Zwei-Wahrheits-Natur.

Wenn grundlegendes Rigpa mit seinem flüchtigen Faktor der Benommenheit einher fließt, hat grundlegendes Rigpa die Funktion eines Alaya für Gewohnheiten (tib. bag-chags-kyi kun-gzhi) (grundlegendes Gewahrsein für die Gewohnheiten des Greifens nach wahrer Existenz, nach Karma, nach Erinnerungen). Der Alaya für Gewohnheiten ist sowohl das gewöhnliche klare Licht des Todes gewöhnlicher Wesen als auch das, was jeden Moment gröberer Ebenen sinnlicher und geistiger Wahrnehmung durchzieht und begleitet, solange man lebt.

Es ist nicht so, dass grundlegendes Rigpa die Ursache für den Alaya für Gewohnheiten ist. Die beiden haben dieselbe essentielle Natur, in dem Sinne, dass sie sich auf dasselbe beziehen, nur von unterschiedlichen geistigen Standpunkten aus betrachtet. Dennoch können wir die beiden anhand von Logik voneinander trennen, und daher sind der Alaya für Gewohnheiten und grundlegendes Rigpa nicht identisch. Sie entsprechen der zuvor erwähnten Unterscheidung zwischen der geistigen Aktivität des klaren Lichts, das nicht weiß, dass die beiden Wahrheiten, die es erkennt, wahr sind, und der Aktivität des klaren Lichts, das weiß, dass sie wahr sind. Der Gelug-Meister des fünfzehnten Jahrhunderts, Kedrub Norzang-Gyatso (tib. mKhas-grub Nor-bzang rgya-mtsho), lässt auf eine ähnliche Unterscheidung schließen, wenn er erklärt, dass das klare Licht des Todes eine Erscheinung von Leerheit produziert, ihm jedoch die Erkenntnis und das Verständnis für das fehlt, was es ist.